7. Angés.
Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgesunken, das seine scheidenden Strahlen noch magisch versilberten; kühler wehte die Nachtluft und unruhiger schlugen die Wellen an die Flanken der »vergulden Rose.« Dunkler und tiefer senkte der Fittich der Nacht sich über das Schiff.
Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu suchen, unterbrach Leonardus seine Erzählung, indem er sein Glas leerte, und obschon seine beiden Zuhörer noch keinesweges ermüdet waren und gern noch länger dem Weitergange der Erzählung mit lauschenden Ohren gefolgt wären, so wollten sie ihm doch nicht durch die Bitte beschwerlich fallen, sie ferner zu unterhalten, und verließen, obschon nur halb befriedigt und auf den Fortgang gespannt, das Verdeck, um sich in ihre Schlafkojen zu begeben.
Lebhaft beschäftigte das Gehörte Ludwig’s Phantasie; sein ganzer Antheil an dem ferneren Ergehen seines neuen Freundes war rege gemacht, und da er sich wohl denken konnte, daß dessen Verhältniß bei der Heimkehr sich sehr eigenthümlich gestalten könne, sann er darüber nach, wie wohl Leonardus handeln müsse und handeln werde, um die Pflicht des Sohnes mit jener des Freundes einer von ihrem Gatten verstoßenen und im Zorn verlassenen jungen und gewiß auch schönen Frau zu vereinen.
Ueber diesem Nachsinnen beschlich den Jüngling sanfter Schlummer, und das Schiff glitt fort und fort, sicher bewacht und richtig gesteuert, in tiefer Stille durch die schweigende Sternennacht.
Als der Morgen klar und schön wie der gestrige Tag anbrach, war vom Bord der »vergulden Rose« aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff war schon auf der Höhe des Juister Riffs und mußte in einem großen Bogen das nordwestwärts weit in die See vorspringende Borkumer Riff umsegeln, um dann zu wenden und südwestwärts zu steuern. In der Ferne, wo die Küste gedacht werden mußte, stiegen leichte Nebel empor, und als die Sonne aus dem Schooße des ewigen Meeres hehr und groß sich heraufhob, traten nach und nach die größeren Inseln Schirmonikoog und Ameland in Sicht.
Nach einigen abgethanen Geschäften und nachdem auch der junge Graf nicht versäumt hatte, sich von dem Befinden seiner Isabella und Philipp’s Braunen zu überzeugen, die im Packraum der »vergulden Rose« zwar enge aber sicher eingestellt waren, fanden sich die drei Gefährten in der Kajüte des Kapitäns beim Morgentrunke wieder zusammen, und Leonardus ließ sich nicht lange um die Fortsetzung seiner in der Nacht abgebrochenen Erzählung bitten.
Angés, fuhr er fort: war noch von so lieblicher Blüthe, wie ich sie als Jungfrau gesehen, und der Schmerz gab ihrer Schönheit etwas so Rührendes, Heiliges und Verklärtes, daß ich mich mit Zaubergewalt aufs Neue zu ihr hingezogen fühlte. Da, wo ich sie jetzt sprach, konnten wir nicht bleiben, es war in der Flurthüre ihrer Wohnung; Angés versprach mir, nach kurzer Frist wieder herab auf den Spaziergang zu kommen, und bald hing die zarte, bebende Gestalt tief verhüllt an meinem Arme und erzählte mir Alles.
Ihr Mann hatte, von loyalem Gefühl beseelt, die kaufmännische Feder mit den Waffen des Kriegers vertauscht, er war Bürger-Soldat und hatte, vorher ein glatter, gewandter, ja selbst liebenswürdiger junger Mann, sein Wesen schnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenschaften eines tüchtigen Soldaten setzte. Mit dem Wachsen seines Bartes wuchs auch sein verändertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, selbst gegen seine Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der seinige, ein hoher nicht war. Dabei vernachlässigte er sein Geschäft und kam schnell zurück. Daß das Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angés sei, ließen weder Berthelmy noch dessen Eltern sich ausreden, und die arme Kleine sah sich unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Angé’s reines Gemüth zu verletzen und zu verbittern. Dabei quälte den Mann eine maßlose Eifersucht, und Angés wurde von ihm und seinen Eltern mit Argusaugen bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte sie sich einen Spaziergang mit dem Kinde vergönnen. Tausendmal bereute Angés ihren ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen Schritt, und wünschte die Fessel gebrochen, die sie an ungeliebte Menschen, an eine freudlose Umgebung und in eine Stadt bannte, die noch, wie die ganze Vendée, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck, ihr, der Deutschen, der Protestantin zumal, durchaus keine gemüthliche Ansprache bot.
Und da war ich nun der erste, und wie sie mir unter Zittern gestand, der einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfaßte Geliebte, und sie, zurückgestoßen, gemartert, mißhandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung. Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an sie gelangt, aber die eifersüchtige Wuth des Mannes ahnete etwas von diesem Briefwechsel; mit der rohen und frechen Hand eines gänzlich bildungslosen Menschen griff er in ihr Allerheiligstes, erbrach das Fach ihres Schreibtisches, fand und las Tagebücher, kleine zärtliche Herzensergießungen, auch meine, nach ihrer Verheirathung mit Berthelmy empfangenen Briefe und tobte, wie ein unsinniger Wüthrich, gebot Angés, sein Haus mit sammt ihrem Kinde zu verlassen und in ihre ferne Heimath zurückzukehren. Wie hätte sie dies selbst mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen stand, alle Tage blutige Scharmützel vorfielen und es eine Sache der Unmöglichkeit war, daß ein zartes, schönes und junges Weib mit einem kleinen Kinde durch die von allen Seiten sich nach der Vendée zuwälzenden Heeresmassen gelangen konnte? Und doch wollte Angés fort um jeden Preis.
Schmerzlich bewegte mich ihre rührende Klage, ihr trostloser Zustand und die heftige Bewegung ihres zartbesaiteten Gemüthes, als Angés dies alles mir mittheilte. Ich sann und sann, wie hier zu helfen sei; daß geholfen werden müsse und daß niemand helfen könne und werde als ich, stand klar vor meiner Seele. Nur das wie? der Hülfe war noch die große und verhängnißvolle Frage. Leicht wäre mit ihr allein mir rasche Entfernung möglich gewesen, denn ich konnte mich schnell reisefertig machen, aber das Kind – von dem Kinde wollte und konnte Angés, wie sie so heilig betheuerte, nicht lassen.
Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem schönen belebten Spaziergang ein Paar, das Andere für ein glückliches Liebespaar halten mochten, in so ernsten, sorgenschweren Gedanken als ich jetzt mit Angés. Die Viertelstunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mußte alles geschehen sein, was geschehen sollte, denn da wurden die Thore geschlossen, die Straßen durch Patrouillen gesäubert, und niemand durfte ohne wichtige Gründe das Haus und noch weniger die Stadt verlassen.
Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Besinnen; entweder ich liebte Angés noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung aus wachsender Pein und Verzweiflung ohne zögerndes Bedenken, oder ich war ein unritterlicher Feigling, nicht werth, daß ein so holdes gequältes Geschöpf mich Freund nenne, nicht werth eines so hohen unbegrenzten Vertrauens; daher sprach ich, wieder mit Angés nach ihrem Wohnhause zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarschaft besitzest mit, und außerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und harre deiner, dann folgst du mir auf gutes Glück.
Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy’s, betagte Leute, hatten sich bereits zur Ruhe begeben; er blieb diese Nacht auf Wache; Angés nahm, was sie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle sie das Kind, das schon schläfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete dasselbe aber recht warm an, anstatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelstunde mit ihm zu mir herab, der ich in peinlichen und angstvollen Gefühlen ihrer auf der Straße harrte. Die Kleine war still, die süße Stimme ihrer vermeinten Mutter hatte sie leicht beschwichtigt, ich nahm die leichte Last auf meine Arme, und so schritten wir nach meinem Gasthaus, das nicht fern vom le Greffier gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die Nacht war mondhell, ich ließ den Kutscher anspannen, und sagte dem Wirth, daß eine nahe Verwandte von mir mich begleiten werde. Einige Goldstücke über den Betrag meiner Rechnung bewogen meinen gefälligen Wirth, sich zur Mairie zu begeben, um für seine Verwandte, welche mit ihrem Bruder, der aus Amsterdam gekommen sei, sie abzuholen, und mit ihrem Kinde nach Holland zu reisen gedenke, einen Paß zu erbitten, und unser Abenteuer lief ganz glücklich ab; wir waren, als die Mitternachtglocken in le Mans anschlugen, schon weit aus dem Weichbild der uralten Bischofstadt und Angés pries den Himmel und mich unter Freudenthränen für ihre Rettung. Ich hätte unter keiner Bedingung eine solche That, als die meine war, die förmliche Entführung einer verheiratheten Frau, unter andern Verhältnissen begehen mögen, aber hier entschuldigte mich mein Gewissen, denn sie war aufgegeben und hatte gegen das Kind Pflichten übernommen, die ihr geboten, es nicht in der bisherigen Umgebung zu lassen. Wir fuhren, von schöner Herbstwitterung begünstigt, dem geschlängelten Lauf der von Norden herabkommenden Sarthe entgegen, rasteten in Alençon, reisten über Sens und Argentan, Falais und Caën, und gewannen glücklich das Küstenland. Ein kleines Schiff führte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters »vergulde Rose«, Kapitän Richart Fluit, segelfertig lag, um ein paar zarte Lilien an Bord zu nehmen, nebst mich und meinen Diener.
Ja – ja – brummte der Kapitän – ein verteufeltes Wagestück – wollen sehen, wie es enden wird!
Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir besonders lieber Tag, und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin am Bord, in überglücklicher Heiterkeit, sorglos und um die nächste Zukunft unbekümmert – wissen Sie noch, Kapitän? Wir vertilgten damals vielen Champagner und Dry Madeira – es war mein Geburtstag, der 22. September.
Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit rascher Frage auf. Auch ihr Geburtstag ist der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß der meinige auf denselben Tag fällt.
Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitän. Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwischen diesen beiden Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas sagen, meine hochverehrten Passagiere, heute ist mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch schon beauftragt, für ein Frühstück nach Seemannsbrauch zu sorgen. Madeira, der zweimal unter der Mittagslinie hindurchging, wird nicht nur zu Mittag, er wird auch zum Frühstück munden, und mit dem tollen Franzosen, Monsieur Kreideweiß, werden wir auch noch anbinden können, und ihn auf gut niederländisch tractiren.
Der Kapitän entfernte sich mit schallendem Gelächter, nachdem seine Reisenden ihm vereint Glück zum heutigen Tage gewünscht hatten, um alles Nöthige anzuordnen. Mittlerweile faßte Leonardus Ludwig’s Hand, drückte sie mit Wärme und sprach: Junger Herr! es ist in der That wunderbar, wie viel Aehnlichkeit das Geschick uns gegenseitig zu Theil werden läßt. Lasset uns Freunde sein, lasset uns einen Bund schließen für das ganze uns noch vergönnte Leben. Mein Herz ist ganz voll von unbegrenztem Vertrauen zu Euch!
Ludwig dachte in diesem Augenblick der geistigen Mitgabe durch die Großmutter. Sie hatte gesagt: Achte treue Freundschaft und hüte dich vor falschen Freunden. – Ein falscher Freund konnte Leonardus nicht sein, nicht werden; sein offenes blühendes Gesicht drückte Biederkeit aus, seine Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, strahlten Treue. Ludwig bot daher unbedenklich und mit voller jugendlicher Hingebung gerne beide Hände dar und antwortete: Ich habe von Freundschaft einen hohen Begriff; mein Lehrer in der griechischen Sprache ließ mich die Sprüche des großen Weltweisen Solon lesen und lernen, und da lernte ich: »Gerechte Freundschaft ist der sicherste Besitz! – Kein schöneres Gut auf Erden, als ein Freund! – Den Göttern gleich verehre willig Freunde! – Für Brüder achten sollst wahrhafte Freunde du!«
Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthusiastisch, und warf sich küssend in Ludwig’s Arme.
Bruder im Leben, im Tode Bruder! sprach Ludwig sehr ernst, und erwiderte den Bundeskuß mit dem heiligen Gefühle eines Jünglingsherzens, das sich bisher in holder Unbefangenheit und in schönen Idealen hatte nähren und aufrichten dürfen.
Ich habe nicht Griechisch gelernt, mein Bruder Ludwig, versetzte Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weisen Worte deines Solon mit einem Ausspruch des größten Dichters unserer britischen Nachbarn erwiedern. Shakspeare sagt:
Und wie sein Kind der Lebensopf’rer Pelican
Mit meinem Blut sie tränken.
Das Erscheinen des Kapitäns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem würdigen Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenstimmung hervorzurufen und zu beleben im Stande ist, unterbrach die Ergüsse jugendlicher Erinnerungen an tiefeingeprägte unsterbliche Dichtergedanken, und es begann die heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und wohlgesinnten Kapitäns.
Schon näherte sich das Schiff der Küste der Insel Ameland, an deren nördlicher Spitze es nahe vorbeisegeln und zwischen den Riffen der Watten links und der Zuyd-Wal rechts die schmale Fahrstraße einhalten mußte. Die »vergulde Rose« behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten die Inseln Ter Schelling und Vliland näher oder entfernter, die friesländische Küste aber in stets gleicher ziemlicher Nähe zur Linken in Sicht, bis es dieser bei dem sagenreichen Stavoren vorüber am nächsten kam.
Als Kapitän Fluit die erste Flasche entkorkt und die geistige Flut in die Gläser hatte rinnen lassen, und der erste Toast ihm von den Freunden ausgebracht war, verließ Leonardus schnell die Kajüte.
Was hat er? Was ist ihm? fragte Ludwig, einigermaßen bestürzt und verwundert über diesen raschen Aufbruch.
Werden es gleich sehen, mein Herr Graf! Werden gleich sehen, was Herr Leonardus hat, gab der Kapitän lachend zur Antwort, und siehe, bald darauf wurde wieder die Kajütenthüre geöffnet und herein trat mit einem freudestrahlenden Blick Leonardus, auf seinem Arm ein über alle Beschreibung schönes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem unendlich reizenden keuschen Erröthen Angés Berthelmy.
Ludwig und der Kapitän erhoben sich zum freundlichen Gruße der Eintretenden, und indem sie einen schüchternen Blick auf Ludwig warf, erglühte sie noch höher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr Bruder!
Ja, mein Bruder, gute Angés, nimm ihn immer dafür! Nicht wahr, sie darf? fragte Leonardus seinen neuen Freund, und dieser erwiderte in einiger Verwirrung, ja fast mädchenhaft: Wohl, sie darf, welch’ eine liebenswürdige Schwester gewinne ich dabei!
Freundlich wurde Angés genöthigt, bei den Freunden sich niederzulassen; sie setzte zwischen sich und Ludwig das Kind, und sich selbst traulich anschmiegend an Leonardus Seite.
Ludwig konnte, nachdem er an Angé’s Schönheit seine Augen vollgeweidet, diese Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie war von blühendster Frische und von der zartesten Färbung der Haut, sie hatte ein rundes Gesichtchen, weiches blondes Haar, welches in Ringellocken um das Engelsköpfchen fiel, und die herrlichsten dunkeln Augen, die man nur irgend sehen konnte; das kleine Mädchen mochte vier Jahre zählen, erschien aber im Wachsthum schon voraus und voll Anlage zu einem schlanken Wuchs. Sophiechen sprach blos Französisch. – Nur leise nippte Angés an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Wesen erschien edel, zart, zaghaft, voll züchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe des Gemüths und Charakters, obschon sie dies nicht in Worten kund gab. Sie saß vielmehr befangen bei den Männern, und machte sich, oft erröthend, viel mit dem Kinde zu thun. Das Gespräch lenkte sich der allernächsten Zukunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin, denn es wurde allgemach hohe Zeit, an dieselbe ernstlich zu denken.
Beim heitern Becher wird auch ein ernstes Wort nicht schaden, sprach er. Ludwig, mein Freund, mein Bruder, höre meine, höre unsere Bitte! Nimm dich dieser Verlassenen liebend und in Treue an, so lange ich in Amsterdam zu weilen gezwungen bin. Angés kennt mein ganzes Verhältniß, ich brauche nichts weiter zu erläutern. Auf dem Schiff kann sie nicht bleiben, ohne unserm guten Kapitän Ungelegenheiten zuzuziehen; daher vertraue ich sie dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, laß sie unter deiner Obhut wohnen, sage, daß sie deine Verwandte sei, deine Schwester, nimm sie in deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was du für sie und dieses holde, verwaiste, mindestens so gut als verwaiste Kind aufwendest, will ich ja gern vergüten und vergelten. Ich hoffe fest, daß ich mich bald wieder werde befreien können, und dann dich freigeben. Du botest mir deine Dienste freiwillig an, guter Ludwig, zürne mir nun nicht, wenn ich die dargebotene Hand ergreife als den Rettungsanker meines sonst unfehlbar sinkenden Lebensschiffes. O geliebte Angés, theurer Fluit, helft mir ihn bitten!
O, wenn Sie wollten gütig gegen uns sein! sprach Angés mit Flötenlauten, und ihre Augen standen voll Thränen.
Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus mein Wort? fragte Ludwig mit edelmüthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur der Angabe dessen, was ich thun soll und was ihr von mir wünscht, und ich vollbringe es mit Freudigkeit.
O, tausend Dank und tausendfache Vergeltung! riefen Leonardus und Angés, und der Kapitän brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem einige Champagnerperlen glänzten, wie Morgenthau auf braunem Riethgras, und füllte von Neuem die Gläser, indem er anklingend rief: Auf gutes Glück! – Auf gutes Glück! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen! riefen die andern drei, und tranken die schäumenden Becher leer. Lächelnd und verlangend streckte auch das Kind eines seiner rosigen Händchen nach dem Becher und Angés beugte sich liebevoll zu ihm nieder und ließ es nippen, froh des willkommenen Anlasses, die Thränen der Rührung und Freude zu verbergen, die ihr aus den schönen Augen stürzten.
Das Schiff segelte, während die Mittagsstunde nahte, ohngefähr in der Breite von Harlingen, als der Matrose, der die Wache hatte, nach Seemannsbrauch die Annäherung eines Schiffes ankündigte, welches der »vergulden Rose« nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen zwischen zwei sandigen Untiefen nur ein schmales Fahrwasser sich befindet, so galt es Vorsicht, mit dem gleichen Lauf haltenden Schiffe einen in der Möglichkeit liegenden Zusammenstoß zu vermeiden. Der Kapitän dankte daher seinen Gästen für die Güte, seinen Geburtstag mit ihm gefeiert zu haben, und stieg, von Ludwig und Leonardus begleitet, zum Steuerbord hinauf, während Angés mit dem Kinde sich freundlich grüßend in ihre abgesonderte Kajüte zurückzog. Das Schiff, welches dem Lauf der »vergulden Rose« in gerader Richtung folgte, war ein kleiner Schnellsegler, und Ludwig rief erstaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht!
Wessen Jacht? fragten Fluit und Leonardus.
Kennen Sie nicht die wohlbekannte Flagge des Souveräns, der auf dieser Jacht herumfährt, und uns zuletzt, wenn es ihm möglich wäre, in den Grund segeln würde? fragte Ludwig.
Fluit setzte sein Augenglas an und rief: In der That! die reichsgräfliche Flagge von In- und Kniphausen! Des Grafen Jacht, der der liebste und thätigste Freund unsers Herrn Erbstatthalters ist. Oranien boven! Oranien boven!
Dieser volksthümliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der Partei des Erbstatthalters und seines Hauses ergebenen Mann bezeichnete, war zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Aufhissen einer oranischen Flagge zu begrüßen, und augenblicklich flatterte diese auch dort auf der Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann Befehl, so viel als möglich links beizudrücken und der leichten Jacht das Fahrwasser freizugeben.
Ludwigs Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug seines Schiffes stand und durch das Fernrohr nach der »vergulden Rose« blickte. Ludwig drehte sich, da er nicht wünschte, von Jenem gesehen und erkannt zu werden, rasch um und verließ das Steuerbord, und zwar mit einem sehr frohen Dankgefühl und einem verklärten Blick gen Himmel. Er gedachte mit tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte sich getrost sagen, daß ihr Zustand sich merklich gebessert haben müsse, sonst werde Graf Wilhelm sie gewiß nicht unter der Pflege fremder Hände zurückgelassen haben. Der überaus günstige Nordostwind, der den ganzen Morgen über geweht, hatte die gut segelnde schöne Susanne überaus rasch vorwärts gebracht und südwestwärts getrieben; sie hatte erst am frühen Morgen des heutigen Tages den Jahdebusen verlassen, freilich aber durch ihren nicht tiefen Gang den für leichtere Fahrzeuge kürzeren Wasserweg zwischen der Küste und dem Wangerland einschlagen können. Als die schöne Susanne der »vergulden Rose« ziemlich nahe vorbei rauschte, erfolgten die üblichen Grüße, die der Brauch vorschrieb, und bevor noch zwei Stunden vergingen, war die Jacht, die stricten Curs nach Amsterdam zu hielt, der vergulden Rose außer Sicht. Dieser Kauffahrer, eine einmastige Pinke, schwebte jetzt in ziemlicher Nähe der sechs Seemeilen langen und fast zwei Meilen breiten Untiefe, die einst ein bevölkertes, blühendes Land gewesen war. Nicht ohne geheimes Grauen sieht der Schiffer, wie über diesen weit gedehnten Meeresstrich die Wellen eine andere Gestalt annehmen, sich eigenthümlicher kräuseln, als auf offener See, oder im günstigen tiefen Fahrwasser. Immer ist ein unheimliches Rollen und Rauschen, stärker als an andern Strichen der See vernehmbar, und es ist gar kein Wunder, wenn ein nervösgereiztes Ohr, zumal das eines Sagengläubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthürmen der versunkenen Dörfer mit grellem und schauerlichem Klange läuten hört. Sinnend und ernst blickten die Freunde auf das schöne unermeßlich lang gedehnte, wogenüberströmte, tiefliegende Riff, das bis nach Stavoren hinauf sich erstreckte, und der Kapitän murmelte, gleichsam als trauriger kummerbeschwerter Cicerone halblaut vor sich hin: al daar verdronken – verdronken en’t jaaren van een duizend twee honderd en zeventwintig, en een duizend twee honderd en zeventachtig. – Dort breitete sich vor Stavoren die lange weiße Düne, der Frauensand, auf dem ein junges Saatengrün oder einst in das Meer geworfener Waizen als unfruchtbarer Dünenhafer aufzuschießen begann, und sperrte den Hafen, hemmte dem früher so blühenden Verkehrsort das Anlegen größerer Schiffe. Jetzt lief die »vergulde Rose« ein in das riesige Wasserbecken der Zuider-See. Der Abend sank nieder, als die Höhe von Enkhuizen erreicht war, und als abermals ein schöner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglühte, steuerte das Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer Fahrt schier phantastisch der Mastenwald des Hafens von Amsterdam durch den Nebel der Frühe, und das Klingen unzähliger Glockenspiele von den Thürmen der gewaltigen Großstadt machte einen eigenthümlichen Eindruck. Das Getön war ebenfalls phantastisch, verworren, und bald wurde es überlärmt vom vollen sich früh entwickelnden Leben der Straßen, von tausend und abertausend Karren und Schleifen, dem Wälzen der Fässer, dem Geschrei der Ausrufer und Straßenverkäufer, dem ganzen lauten Getriebe einer steten Messe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich dankenden Abschied von dem biedern Kapitän, nicht ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen, und Ersterer dankte dem Himmel, schon beim Ausschiffen einen ortskundigen, berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie überall in großen Städten lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die unersättliche Habgier und das Diebesgelüst, das in jedem Ankömmling ein Ziel für die Beraubung sieht, in tausendfacher Gestalt. Aber Alles, was sich in solcher Absicht an die Ausgeschifften herandrängte, stob von dannen, als Leonardus in derben wohlverständlichen Lauten der Muttersprache das lungernde und lauernde Gesindel zurückdonnerte, und nun manch grollendes: Zy zyn geene patrioten, zy zyn van den verdoemten voornaamsten – zy zyn Oranje äppels – Gekken! und dazu ein dem Verdrusse Luft machendes Hohngelächter. Mit großer Gewandtheit und Uebersicht ordnete Leonardus Alles an; ein zurückgeschlagener Wagen ward genommen für ihn, Ludwig, Angés und Sophie, das wenige Gepäck ward untergebracht, Philipp bestieg den Braunen und führte die schöne Isabella dem Wagen nach, die freudig wieherte, als sie nach dem langen ermüdenden Stehen im Schiffsraum wieder sichern Boden unter ihren Hufen fühlte. Und nun ging es bald rascher, bald langsamer durch wimmelvolle Straßen und über geräuschvolle Märkte, bis endlich das Gasthaus erreicht wurde, in welchem Leonardus dem Freund und der Geliebten eine ruhige Unterkunft zu bereiten gedachte. Alles zu Ordnende ordnete sich leicht und rasch. Die Fremden mietheten und bezahlten die ihnen nöthige Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus, und fanden die trefflichste Einrichtung und die berühmte holländische Reinlichkeit in sich selbst übertreffender Weise; Alles auf das Wünschenswertheste, als sei es längst vorausbestellt. Kein Stäubchen auf Gesimsen und Möbeln, jede Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn, Papier, Oblaten und Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtisch der Kalender, nicht auf dem Betpult die Bibel, und die Kaminsimse prangten mit den allerschönsten und buntesten Figuren, Männchen und Götzenbildern von Porzellan und Speckstein aus dem Reiche der Weltmitte und dem Sonnenlande Nippon. Prächtige starkbauchige Porzellanvasen hauchten in ihrer Eigenschaft als Räuchertöpfe köstlichen Wohlgeruch aus, und in zartgeformten Gefäßen dufteten Veilchen, des nahen Lenzes liebliche Erstlinge.
Ein Plan ward rasch entworfen; Leonardus wollte zuerst das älterliche Haus begrüßen, den Besuch des Freundes anmelden, diesen dann selbst einführen, dann mit ihm zurückkehren und die Nachmittags- und Abendzeit benutzen, ihn und seine Angés den Genüssen zuzuführen, welche Amsterdam in so reicher Fülle darbietet. Wenn es sich einleiten lasse, solle Herr Adrianus von der Valck Angés sehen; sie solle suchen dessen Herz zu gewinnen, und zugleich wollte Leonardus versuchen, das Band zu lösen, das ohne seinen Willen und ohne ihn und seine Zustimmung zu befragen, der Vater um seine Freiheit geschlungen hatte. Angés hörte diese Pläne mit einem Gefühle von Wehmuth an, welches sie niederzudrücken strebte, aber als Leonardus geschieden war, vermochte sie ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten und sprach zu Ludwig, in dessen Gesellschaft sie mit dem Kinde völlig unbefangen blieb: Mein Geschick ist ein sehr schweres und hartes, mein brüderlicher Freund! Ich habe mir schon tausendfache Vorwürfe gemacht, daß ich meinem überwallenden Gefühle und dem geliebten Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu entschuldigen, wenn ich sein plötzliches Erscheinen in einem Augenblicke, welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, für einen Wink Gottes hielt. Ich war nicht fähig, mit ruhigem und kaltem Blute zu überlegen bei der Mißhandlung, die mir widerfahren war, und nie hätte sich mir ein anderer Ausweg zur Flucht geboten. Indessen, wie sehr Leonardus mich liebt, wie sehr mein Wunsch wäre, ihm anzugehören, so darf es ja nicht sein, da ich noch nicht von meinem Manne geschieden bin, und wieder darf es nicht sein, daß ich mich als Last an des edlen Freundes Fersen hänge, daß ich zwischen ihn und seines Vaters Zufriedenheit, zwischen ihn und das Glück seiner Zukunft an der Hand einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde, mich dränge. Ich könnte nur störenden Unfrieden hervorrufen, und dafür möge der allmächtige Gott mich bewahren, denn ich weiß, was Unfriede ist und was er wiegt im Leben der Familien; er ist wie ein fressendes Krebsgeschwür, dem nicht Messer, nicht Salbe des Wundarztes völlig Einhalt zu thun vermag.
Ludwig hörte mit herzlicher Theilnahme diese Worte des schönen, noch so jungen und schon so unglücklichen Weibes an; aber er bei seiner eigenen Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath hätte er zu geben vermocht? Er sann einige Augenblicke nach und sprach dann: Ihr Verhältniß, verehrte Freundin, ist allerdings ein sehr eigenthümliches; es wird Alles darauf ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von solcher Stärke ist, daß er alle derselben sich entgegendämmende Schwierigkeiten überwindet, ohne selbst an eigenem Lebens- und Zukunftsglück ein Opfer zu bringen. Es ist nur edel und würdig von Ihnen, daß Sie ein solches Opfer nicht erwarten und fordern, und Sie würden auch nicht glücklich sein können, falls es dennoch dargebracht würde.
Gewiß nicht, mein edler Freund, Sie fühlen wie ich! rief Angés, bot Ludwig ihre Hand und sah ihm mit reinem durch Thränen verklärtem Lächeln schwesterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz Vertrauen. Darum preise ich mein Geschick, daß der Himmel Sie uns zuführte, und ich will Ihnen meine Gedanken offen mittheilen. Gelingt es Leonardus, die zu fürchtenden Schwierigkeiten zu überwinden, so wird er auch Rath finden, jene Schritte zu thun, welche nöthig sind, die Scheidung von meinem Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, so muß ich von ihm scheiden, denn ich will nicht in einem Verhältniß leben, über das die gute Sitte den Stab bricht. War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, so war sie doch der einzige, aber ich möchte nicht noch länger den Kampf der innigsten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entsagung kämpfen, ich fühle, daß auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann habe ich nur einen Wunsch: Ich will zurück in meine Heimath, in mein Elternhaus, und dazu, nur dazu sollen Sie mir Rath und Schutz auf meine Bitte leihen, und sollen helfen, mich vor mir selbst zu retten.
8. Das Haus van der Valck.
Geleitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, versehen mit seinen Papieren, das elterliche Haus seines Freundes, und mußte erstaunen über dieses von außen ganz einfach sich darstellenden Hauses reiche Prachtfülle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Geländer, Mahagonigetäfel der Wände, von geschliffenem Spiegelglas alle Scheiben der Fenster. Glänzend gebohnte Fußböden, zum Theil belegt mit bunten Teppichwebereien aus Hindostan, von schwerem Seidendamast alle Vorhänge, herrlich geschnitzte und mit Perlmutter, Bernstein und Achaten ausgelegte Prunkschreine mit Glasscheiben, oben darauf eine Fülle prachtvoller Vasen, von ächt chinesischem und japanischem Porcellan, und innen ein unermeßlicher Reichthum an Gold und Silbergeräthen zur Schau gestellt. An den Wänden, wo nicht französische oder flandrische Gobelins diese mit Farbenbildern ganz bedeckten, werthvolle Gemälde der niederländischen Meister in breiten, phantastisch ausgeschnitzten Mahagonirahmen, da und dort Consolen, auf denen Statuen oder Trinkgeschirre von hohem Werthe standen; auf den Simsen der Kamine und Thüren riesige Wunder der Natur und ferner Länder; Prachtexemplare rother, weißer und schwarzer Korallen, Milleporen und Matreporen, Kästen mit Riesenschmetterlingen aus Surinam und Amboina, Erzstufen aus Peru, von den Küsten von Golkonda und Coromandel. In großen Käfigthürmen von blankem Messingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgestattet allerlei lebendes kreischendes, gellendes, mit Ketten rasselndes fremdländisches Gethier, Cacadu’s, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine überwältigende Fülle von Gegenständen, die förmlich auf die Sinne eines des Anblicks solchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und fast bethörend wirkten. Nach flüchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieser eben vorhandenen, sich gleichsam von selbst verstehenden und ganz ungesucht zur Schau gestellten Herrlichkeiten öffnete Leonardus dem Freunde das Arbeitskabinet seines Vaters. Es war dies ein kleines, fast enges Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwischenwand von einem einige Stufen tiefer liegenden, folglich höheren geräumigen Zimmer abgeschieden war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibstube an einfachen schwarzlakirten, mit allem Nöthigen versehenen Tischen und Tafeln saßen. Ein Schalter, für das Oberhaupt des Geschäftes bequem angebracht, vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten Briefschaften, Wechsel, Quittungen und was sonst der tägliche Gang der Geschäfte erforderte. Die Thüre zum Kabinet des alten Herrn führte aus einem etwas größeren, ebenso wie das Kabinet höchst einfach ausgestatteten Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der großen Schreibstube war eine eigenthümliche Vermählung der Gerüche von Schnupftabak und Tinte, und von durchdringender Schärfe.
Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhäbig aussehender Mann mit schneeweißem Haar, darüber eine kleine Zopfperrücke, welche er mit schwarzem Käppchen bedeckt trug, und nach kurzem grüßenden Lüpfen dieses Käppchens auch bedeckt hielt. Er bediente sich beim Lesen und Schreiben einer jener altmodischen die Nase klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine altmodische; kurze Beinkleider von Sammtmanchester, seidene Strümpfe mit Zwickeln, Schuhe mit großen, glitzernden, ächten Edelsteinschnallen. Nach den gewöhnlichen förmlichen Begrüßungen beim Eintritt mußte sich Ludwig auf einen der runden drehbaren Polsterschemel setzen, wie sie, um möglichst Raum zu sparen, in den kleinen kaufmännischen Schreibstuben üblich sind, und als dieser Aufforderung von ihm genügt war, überreichte er einen Theil seiner Papiere. Herr Adrianus sah dieselben scharf prüfend an, und fand alles in bester Ordnung. – Sie sind uns gut empfohlen, Herr Graf, nahm der alte Herr das Wort; und ich heiße Sie in Amsterdam willkommen. Welche Absicht führt Sie zu uns und in welcher Weise kann unser Haus Ihnen dienen?
Die erste dieser Fragen gleich überspringend, da deren Beantwortung von keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Absicht, die Welt zu sehen, ohne einen Geschäftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus vielleicht nicht zugesagt haben würde, beantwortete Ludwig gleich die zweite: Meine Frau Großmutter Excellenz weisen mich auf die Erhebung einer gewissen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariser Stadthaus angelegt sind, und so wollte ich Sie ersuchen, mich entweder bei Ihrem Hause Wechsel darauf ziehen zu lassen, oder mir Ihren gütigen Rath zu ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb selbst nach Paris reisen zu müssen, wohin ich zwar allerdings auch zu gehen gedenke, nur dürfte vielleicht eine günstigere Zeit dazu abzuwarten sein.
Herr Adrianus van der Valck ließ Ludwig ganz ruhig ausreden, und machte indessen mit seinen beiden Daumen die Mühle von Innen nach Außen, indem er die gefalteten Hände phlegmatisch auf seinem sammtmanchesternen Schooße ruhen ließ; dann murmelte er vor sich hin: Pariser Stadthaus, l’hôtel de ville, und weiter nichts, aber er begleitete diese Rede mit einem bedenklichen Kopfschütteln. Darauf drehte er sich auf seinem Sessel behend um sich selbst, und entnahm von einem schmalen Büchergestell, das voller Folianten stand, deren Einbände mit chocoladebrauner dicker Leinwand überzogen waren, und zur Bezeichnung auf dem Rücken aufgeschriebene Buchstaben des Alphabets trugen, eines dieser Bücher seinem Platze, legte es vor sich auf seinen Pult und schlug es auf, indem er suchend murmelte: De la Tremouille, de la Tremouille. Halb laut und unverständlich las Adrianus erst Einiges für sich, und sprach dann laut: Ja ja, so ist es. Wollen Sie die Güte haben, mir Ihre Papiere zu zeigen? – Ludwig reichte das Betreffende aus der von der Großmutter empfangenen Brieftasche dar, und Herr Adrianus klemmte nun lesend seine Brille fester und schrieb von Zeit zu Zeit mit der wieder zur Hand genommenen Feder auf die lederne Schreibunterlage rechnend einige Zahlen; ein Wunder, daß er für dieselben noch Raum fand, so unendlich viele Zahlen waren schon in ähnlicher Weise auf dieses alterbraune Leder geschrieben worden.
Nach einer Weile, während der Kauf- und Handelsherr noch mancherlei für sich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hören Sie mir jetzt aufmerksam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau Reichsgräfin Excellenz, Ihrer Großmutter, bei dem Stadthause zu Paris belegten zweihundertfünfundfünfzigtausend Livres gehören zu den immerwährenden Renten, welche in den Jahren siebzehnhundertzwanzig und einundzwanzig begründet, und vorzugsweise vor andern Staatsschulden Frankreichs dahin privilegirt wurden, daß die Verzinsung bei denselben Kassen nach wie vor bleibe und daran keine Kürzung geschehen könne. Nur bei Veräußerungsfällen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug gebracht.
Die Kapitalsumme solcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu Paris angelegt ist, beträgt fünfundzwanzig Millionen Livres, die Kapitalsumme der später geschaffenen Leibrenten, rentes viagères, aber nur vier Millionen, welche durch die Theilhaber an den fünfundzwanzig Millionen bald verschlungen sein würden, wenn der unglückliche Hof und die zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im Stande gewesen wären, ihre angelegten Kapitale flüssig zu machen und außer Landes zu führen. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos tolle Wirthschaft in Frankreich die Besitzthümer der französischen Aristokratie achtet, ist bekannt. Sie wird zum Beispiel nicht Gelder in Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont, Theil hat, der gegen die gottheillose Republik ruhmreich die Waffen trägt; wie sie es hält mit den Geldansprüchen auswärtiger Souveräne, ist mir noch nicht bekannt. – Meine Großmutter ist auch königlich dänische Gräfin, warf Ludwig ein, dessen Aussichten sich merklich verdüsterten; aber der alte van der Valck entgegnete: Frankreich hat allen europäischen Souveränen den Krieg erklärt, folglich auch der Krone Dänemark, und diese kann kein Schutzrecht üben, denn sie hat die Republik nicht anerkannt und hat keinen Gesandten in Paris. Es steht überhaupt ziemlich mißlich mit diesen Geldern, fuhr er fort; nur geordnete Zustände taugen für den Gang der Geschäfte. Eine Revolution, die sinn- und zügellos alle Banden sprengt, die, indem sie das Staatsleben läutern will, den Staat in das tiefste Unglück stürzt, ist nicht fähig, auch nur die mindeste Bürgschaft für etwas Anderes zu geben, als für ihren vaterlandsfeindlichen und verderblichen Wahnsinn. Vor einigen Jahren wäre die günstige Zeit gewesen, daß die Interessenten der immerwährenden Renten ihre Contracte hätten verkaufen, und sich mit dem gehobenen Gelde bei den Leibrenten betheiligen können. Aber auch dies würde ohne namhafte Verluste nicht abgegangen sein. Im Jahr siebenzehnhundertsechsunddreißig war der Cours jener immerwährenden Renten bis auf vierundvierzig herabgedrückt, doch hatte er sich kurz vor der Revolution wieder bis zu fünfzig Procent gehoben, was wäre das indeß gewesen? Im günstigen Fall hätte ein Betheiligter statt zweihundert Livres nur einhundert erhalten, und wäre der Zinsen eines ganzen Jahres verlustig gegangen. Gesetzt, das Stadthaus vermöchte seinen Credit aufrecht und seinen Gläubigern Wort zu halten, in was würde es jetzt Zahlung leisten? In Lumpenpapieren, in Assignaten, für die ich, so wahr ich Adrianus van der Valck heiße, nicht einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe!
Herr Adrianus war auf seinem Felde, Ludwig aber begann sich über dessen etwas in die Breite gezogene Auseinandersetzung zu langweilen; indeß fuhr Jener unermüdlich fort, nur daß er mit beiden Daumen jetzt die Mühle von Außen nach Innen machte: Vermittelst des Ihnen angeführten Courses und Decourts kann sich jetzt, vorausgesetzt, es stände Alles so gut wie es schlecht steht, bei den immerwährenden Renten ein Interessent über fünf Procent mit Beibehaltung des Kapitals berechnen, und wird also schwerlich bei vorausgesetztem Verluste des Kapitals auf sieben Procent lüstern werden, denn der Abwurf der Leibrente würde höchstens für ihn und eine vielleicht geliebte Person, die gleich ihm im Cölibat lebte und bis an ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend sein, wenn sie nicht außerdem noch zu verzehren hätten, denn jenes Kapital würde mit des Nutznießers Tode erlöschen, er möchte verheirathet sein und Leibeserben haben oder nicht.
Derjenige, dem fideicommissarische Einrichtungen lästig fallen, darf an dergleichen Verwandlungen seiner Contracte nicht denken, und die Frau Reichsgräfin Excellenz werden sich gnädigst zu erinnern geruhen, was Hochdieselben im Jahre siebenzehnhundertvierundfünfzig verlangt und wessen sie sich damals erklärt haben, als es sich um den ihrerseits auszustellenden Consens der Erhebung dieser de la Tremouille’schen Renten für ihre Herren Söhne handelte, den sie sich ausdrücklich vorbehielt, und bestimmte, daß von der Veräußerung der Gelder nicht die Rede sein sollte, sondern letztere mit der Substitution ebenermaßen belegt bleiben sollten, da stets beim Verkauf der Contracte nur der offenbarste Schaden in die Augen springt und jetzt gar Nichts zu hoffen und zu erwarten ist. Haben Sie mich verstanden, mein junger Herr Graf von Varel?
Ludwig war, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe mit brausenden Wasserstürzen auf dessen Schaufelrädern umginge, verstört fuhr er auf, und antwortete: Herr Adrianus van der Valck! Sie sehen in mir einen jungen Menschen, der Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen Sie mich nach antiken Münzen, so kann ich Ihnen die griechischen, römischen und barbarischen nach Städte-, Provinz-, Königs- und Herrschernamen an den Fingern herzählen, ebenso die römischen Consulares, Familiares und Kaisermünzen, aber vom neuen Geld verstehe ich nichts. Ich weiß wohl den Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht den Cours der Papiere, darum erbitte ich mir Ihren gütigen Rath, was ich beginnen soll, mindestens zu versuchen, die angewiesenen Summen ganz oder theilweise zu erheben?
Dies werde ich Ihnen sagen, Herr Graf, versetzte der Kaufherr. Der Name und das Ansehen, so wie die hohe Achtung, welche ich gegen die Frau Reichsgräfin Excellenz hege, würde erstens einem ihrer Angehörigen selbst ohne ausdrücklichen Creditbrief die Hülfe meines Hauses öffnen, gebieten Sie demnach über uns; zweitens ist mein Rath, Sie treten an das Haus Adrianus van der Valck in Amsterdam Ihre Rentenanweisung zum Schein und gegen Recepisse ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an, verbittet sich Zahlungsleistung in Assignaten, nimmt nur sichere gültige Wechsel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Posttage bald und sicher wissen, wie die Hasen, so zu sagen, laufen. Reisen Sie allein? – Nein mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern mit ihrem Kinde, nebst Dienerschaft –
Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf ein Schälchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird sich die Ehre geben, Sie allerseits in Ihrem Gasthaus abzuholen, auch alles Erwünschte betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre, Herr Graf. Werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht gut rechnen! Junge Herren verrechnen sich nur gar zu leicht, machen nur zu oft die Rechnung ohne den Wirth, dann sind wir Alten dazu da, ihre Calcule zu prüfen und von Zeit zu Zeit, wo es nöthig ist, einen Strich durch die falschen Rechnungen zu machen.
Bei dieser Rede richtete der alte Herr seine stechenden Blicke mehr auf seinen Sohn, der bei dieser ganzen Verhandlung einen stummen Zuhörer abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen saß, und endlich heilfroh war, daß sein Vater durch das Erheben von seinem Drehsessel und das Lüpfen seines Käppchens diese Sitzung aufhob.
Leonardus führte seinen Freund alsobald auf sein eigenes Zimmer, umarmte ihn mit stürmischer Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angés sehen, sie liebgewinnen, ein Einsehen haben, sich erbitten lassen!
Liebster Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir sehr leid, dir sagen zu müssen, daß ich deine Hoffnung nicht theile, daß ein beängstigendes Vorgefühl mir sagt, die Sache könne sehr mißlichen Ausgang gewinnen. Es war etwas Mißtrauisches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er mich entließ; ich weiß nicht, soll ich das auf mich deuten, oder auf dich?
In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet, es ist so seine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunterschiede kennt er nicht, wenigstens nimmt er keine Rücksichten auf den Vorrang höherer Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt stets besorglich in die Ferne. – Ich nahm dergleichen wahr, bestätigte Ludwig; wozu war der ganze Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar keine Ermächtigung, ich habe ausdrücklich nur die Weisung, den alljährigen Zinsabfall derselben zu beziehen.
Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lächeln: das wird dir in deinem späteren Leben wohl noch oft begegnen, daß sonst ganz einsichtsvolle und verständige Menschen dich mißverstehen. Gar selten hört Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzählung, so macht sie der Zuhörende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei der Hälfte ist. Mein Vater ist der strengredlichste Kaufmann von der Welt, aber das Geschäft eben ist des Kaufmanns Welt; sein Gedanke flog über die Geringfügigkeit jenes Zinsabwurfs der de la Tremouille’schen Renten hinweg und erfaßte die Möglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals, dessen niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn für die Folgezeit in Aussicht stellt, sobald eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben wird, die Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun verfolgte er seine Lieblingsidee und vergaß, denn er ist alt und wird schwächlich, das eigentliche einfache Hauptanliegen.
Und ich soll Angés mitbringen! begann Ludwig mit neuer Verlegenheit. Wird sie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lüge nur so heraus, hinterdrein bereute ich sie im Augenblick. Ich spinne mich da in ein Netz von Täuschungen ein, das mir selbst sehr gefährlich werden kann!
Was könnte denn dir geschehen, bester Bruder? fragte Leonardus empfindlich. Du bist frei, bist unabhängig; wird mein und Angé’s unbegrenztes Vertrauen dir lästig, so kannst du leicht das Band zerreißen, das uns seit so kurzer Zeit erst eint, du kannst uns meiden.
Sprich nicht so, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine Bedenklichkeiten. Ich bin noch so jung, trete unerfahren in die große Welt, kenne von ihren Verhältnissen noch so wenig; da ist es kein Wunder, daß Manches mich befangen macht, daß ich in mir selbst nicht sicher bin über mein Handeln.
Sei nur unbesorgt, alles wird gut gehen, tröstete ihn der Freund.
Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater bereits Argwohn geschöpft hätte, durch Kundschafter schon unterrichtet wäre? Kann er nicht im Gewand eines Matrosen auf jedem seiner Schiffe einen solchen Kundschafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm Bericht erstattet über Alles, was auf dem Schiffe vorging?
Himmel, welch eine dunkle Wolke der Besorgniß beschwörst du mir da herauf! rief Leonardus, und seine Züge wurden bleich, die angstvolle Ahnung des Freundes wirkte ansteckend auf ihn.
Und sage, was hast du zu thun im Sinne mit der armen Angés? setzte Ludwig seine Rede fort. Kannst du ihre Zukunft nicht sichern, so ist es Pflicht, ihre wie die deine, ihrem väterlichen Hause Nachricht zu geben, und in dieses Haus sie zurückzusenden, das ist auch ihr Verlangen. Sie ist gut und edel, sie will nicht, daß du ihr dein Leben, das Glück deiner Zukunft zum Opfer bringest; und ich meine, es sei besser, ihr trenntet euch, da es noch Zeit ist, wie ihr gelebt in reiner heiliger Freundschaft. Sie konnte sich in le Mans nicht heimisch finden, wird sie es selbst im glücklichsten Fall als Fremdling, als Andersglaubende hier in Amsterdam seyn? Sie ist Protestantin, ihr katholisch.
Wohl, wir sind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die wahre Liebe nach dem äußerlichen Glaubensbekenntnis? Wie viele Tausende solcher gemischter Ehen werden nicht alljährlich geschlossen, und gewiß die meisten glücklich! Du wirst bald gewahren, daß bigottes Wesen uns fremd ist; unser Geschäft schärft den Blick für das richtige Verhältniß in Glaubenssachen; gesunde Vernunft lehrt uns Duldung und noch mehr, Anerkennung jener Gleichberechtigung gänzlicher religiöser Ueberzeugung vor dem Throne des allsehenden und allbarmherzigen Gottes.
Gut denn, so komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit ist. Daß Angés mitkomme, sei deine Sorge.
Die Freunde machten in Begleitung Angé’s und der kleinen Sophie einen Lustritt und eine Lustfahrt durch Amsterdam; Leonardus wollte ihnen doch so manches Merkwürdige und Schöne seiner Vaterstadt zeigen. Er ritt Ludwig’s Isabella, von Philipp gefolgt. Ludwig saß an Angé’s Seite. Noch einmal wurde das Leben des Hafens in Augenschein genommen, vom ruhigen Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit seinem sinnbethörenden Lärm, mit all seinen gemischten Gerüchen von Tabaken, Häringen, Käsen, Zwiebeln, mit seinen hundebespannten Rollwägen voll Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleisch, voll lebendiger Fische, die in großen Kübeln plätschernd den Fußgängern Wasser in die Augen und auf die Kleider peitschten. Ein wimmelndes Volk von Kärnern, Matrosen, Lastträgern, Soldaten, Verkäufern und Käufern, männlich und weiblich, Kindern und Bettlern zwingt zum langsamsten Reiten und Fahren. Dort die Pracht der riesigen, majestätischen Schiffe, dort die Pracht der Gebäude, die Admiralität, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von Windmühlen, die alle arbeiten, als dürften sie nimmer ruhen und rasten, um dieser unzählbaren Menge nur fort und fort genugsames Mehl zu Brod zu verschaffen. Die mannichfaltigsten Physiognomien mischen sich hier, fast alle Nationen des Erdballs sind hier vertreten, alle Trachten der Neuzeit, und manche scheinen sogar einer grauen Vergangenheit anzugehören.
Die Freunde durchfuhren und durchritten mehrere Straßen des nordischen Venedigs, auch die stilleren Viertel, durch die die schiffebelebten Kanäle, die lindenbesetzten Grachten sich ziehen, immer noch voll unermüdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und schöner Ordnung. Die schönste Brücke Amsterdams, die Hoogeschluys, die sich mit 35 Bogen über die strombreite Amstel spannt, blieb nicht unbesichtigt; das Palais des Erbstatthalters wurde gezeigt, dem berühmten Saal der tausend Säulen, der schönsten Lustorte einer, mit seiner Prachtspiegelfülle, wurde flüchtiger Besuch vergönnt. Philipp, der als Reitknecht seines Dienstes wartete, ergötzte durch seine im friesischen Dialekt vorgebrachten stets verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatschte häufig freudevoll in die Hände, wenn irgend etwas noch nie Geschautes ihre Blicke auf sich zog, und saß zuletzt in einer kleinen Welt von im Vorüberfahren eingekauften Spielwaaren, Südfrüchten, Kuchen, Blumen und bunten Bändern engelfroh und engelschön, ein Bild zum Malen, wie zum Küssen.
Späteren Tagen wurden anderweite gemeinschaftliche Besichtigungen der reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauses, der Kirchen, der Märkte, der Theater, der bedeutendsten Gemälde- und sonstiger Sammlungen.
An den damals noch bestehenden umfangreichen Gebäuden, Magazinen, Hallen und Werften der ostindischen Compagnie auf der Insel Oostenburg vorüber lenkten die Freunde wieder nach dem Gasthause zu, in welchem Ludwig und Angés Wohnung genommen, und man bereitete sich vor zum Abendbesuche im Hause des Herrn Adrianus van der Valck.
Es kam die bestimmte Stunde. Leonardus führte seine Freunde mit Absicht etwas früher ein, er wollte und wünschte, daß seine Eltern erst allein, ohne fremde Zeugen, die Auserwählte seines Herzens sehen möchten.
Eine Reihe von Prunkzimmern war geöffnet; Alles verkündete, Alles athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner Familienkreis, hatte der Alte doch gesagt, aber die geputzte Dienerschaft, die Zahl der Kerzen, selbst der angelegte Staat der Eltern, die ungemein feierlich den Abendgästen entgegentraten, das Alles kündete Außergewöhnliches an; sollte das ihm, sollte es der Feier seiner Rückkehr in das elterliche Haus allein gelten? Nur alljährlich zwei-, höchstens dreimal wurde große Abendgesellschaft gegeben, bei welcher in dieser Weise Glanz und Reichthum des Hauses van der Valck sich kundgeben durfte; außerdem lebte die Familie bürgerlich einfach, gab höchstens einmal unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem der alte Herr gemüthlich sein Pfeifchen schmauchte, ohne sich Zwang anzuthun, und zu welchem nur die nächsten Anverwandten gezogen wurden. Angés war tief verlegen; sie fühlte mit weiblichem Scharfblick heraus, daß ihr Anzug, obschon sie völlig passend und keineswegs ärmlich gekleidet erschien, in diese Räume und was dieselben erwarten ließen, nicht passe, und noch verlegener wurde sie, als der alte Herr, nachdem die Hausfrau sie ehrfurchtsvoll beknixt, sie mit Frau Gräfin Excellenz anredete, sich unendlich schmeichelte, endlich die Gnade zu genießen, sie in seinem geringen Hause begrüßen zu dürfen, und in eine Ueberfülle von Lob über die Schönheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht der Täuschung, daß Ludwig sie als seine Verwandte angemeldet hatte? Hielt der alte Mann sie wirklich für Ludwig’s Verwandte, die Frau eines seiner Vettern? Konnte, durfte sie seinen Irrthum sogleich widerlegen? Und mußte nicht das beschämende Gefühl sie zu Boden drücken, hier vor diesen würdigen, hochachtbaren alten Leuten als eine landflüchtige Lügnerin und Betrügerin zu stehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott, und lauerte auf sie die schmerzlichste Demüthigung? – Während in Angés diese Gefühle kämpften, hatte Leonardus den Freund seiner Mutter Maria Johanna, geborene van Moorsel, einer ebenso freundlichen als ehrwürdigen Matrone, vorgestellt, und diese war in helle Verwunderung ausgebrochen, als sie Ludwig’s Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als Ludwig sich zu dem alten Herrn wandte, sprach Leonardus die Mutter an: Aber Mutter, was ist das? Wen erwartet Ihr?
Wirst es sehen, wirst es schon sehen, mein Sohn, min Vlugteling! antwortete sie lächelnd. Magst du deine Tante etwa nicht sehen? Nicht deinen Herrn Vetter, den jungen geistlichen Herrn Vincentius Martinus van der Valck? Das wird einmal ein Mann, sag’ ich dir, Leonardus, das wird ein wahrer Priester und ein Rüstzeug des Herrn und unserer geheiligten Kirche! Und deine schönen Nichten? Hast du denn gar kein Herz mehr für die holdseligen Jungfrauen, deine nächsten Verwandtinnen?
Ei warum nicht, geehrte Frau Mutter? Die Verwandten sind mir ja noch alle lieb und werth, aber hätte es deswegen so großen Prunkes bedurft?
St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles so befohlen, weißt, Vaters Wille ist Gesetz im Hause van der Valck. War in meines seligen Herrn Vaters Hause gerade so – eene goede opvooding hebben, ist ryke huwelyks-gift – gute Zucht ist reiche Mitgift. Und wundert’s dich, mein lieber Sohn, daß Vater deinen Freund ehrt und seine Dame? Seit undenklicher Zeit steht unser Haus mit jenem deutschen Hause in Geschäftsverbindung, so gut, wie mit seinen angesehenen englischen Verwandten. Und sind wir nicht treu oranisch gesinnt? Und ist nicht der Vetter deines Freundes der vertrauteste Freund des Herrn Erbstatthalters, wie von dessen Söhnen? Man muß es mit Niemand verderben, by niemand in ongunst raaken.
Freundlich trippelte die gutmüthige alte Frau zu der jugendlich schönen Angés, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten dennoch im frischen Blüthenschimmer ihrer Jugend liebreizend und einnehmend strahlte, ihre Unterhaltung zu übernehmen, und geleitete sie zu bequemen Sesseln, sorgte auch alsbald für des kleinen Mädchens Zerstreuung, indem sie das Kind einem niedlichen Tisch mit kleinem Sopha dahinter zuführte und allerlei Naschwerk und ein großes Bilderbuch auflegte. Leonardus entfernte sich, um seinen Anzug zu verschönern, und Ludwig wandte sich wieder zu dem alten Herrn, der ihn neben sich zum Sitzen nöthigte, und da noch Niemand von den erwarteten Gästen kam, mit ihm ausschließliche Unterhaltung begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn kundgab. Ludwig konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung über die Pracht des Hauses, die er bereits wahrgenommen, und die auch in diesen Räumen ihn umgab, zu machen, aber auf diese Bemerkung antwortete Herr Adrianus nur mit einem tiefen Seufzer.
Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, sprach dieser: Was will das Bischen Flitter sagen? Mein guter junger Herr Graf, vergönnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre bürgt mir dafür, daß Sie es in Ihrer Brust begraben sein lassen. Ich spreche mich aus gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen Sohnes sind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimniß, ich weiß es. Er will nicht eingehen in meine Pläne, die nur sein Glück begründen wollen; er ist mein einziger Sohn; nur eine reiche Heirath kann seine Zukunft golden machen, denn mit mir geht meines Hauses Glück und Glanz zu Ende.
Unglaublich! flüsterte Ludwig. Diese ringsum sichtbare verschwenderische Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen bedeutende Häuser?
Ich spreche es noch einmal aus, versetzte Adrianus: was will das Bischen Flitter sagen? Kein Schiff scheiterte mir, kein Freund fallirte zu meinem Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all mein Vermögen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem entsetzlichen Fall.
Und dieses Haus? fragte Ludwig, erschreckt durch des alten Mannes Erschütterung.
Dieses Haus, Herr Graf – flüsterte der Alte, nur leise hauchend: – ist die holländisch-ostindische Compagnie!
Wie wäre das möglich? fragte Ludwig.
Oh, mein guter gnädiger junger Herr! erwiederte Adrianus fast erschöpft: Sie können noch nicht rechnen, haben’s ja selbst gesagt – ein großer Fehler – ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exempelchen vorrechnen, ist leicht, ist faßlich – aus den vier Species, reine Subtraction!
Mein Vater, Leonardus, wie sein Enkel geheißen, hinterließ mir und meinen Geschwistern Petrus und Adriana ein schönes Vermögen. Die Geschwister verheiratheten sich, ich theilte mit ihnen ab und behielt das Geschäft. Schon unsere Vorfahren hatten die holländisch-ostindische Compagnie begründen helfen im Beginne des vorigen Jahrhunderts, ihr Vermögen bestand in den Antheilen, und mehrte sich reichlichst. Unsere Flagge wehte auf allen Meeren, unsere Handelsflotten beherrschten dieselben, und aus eigenen Mitteln führte die Compagnie ihre Kriege mit den Flotten der Portugiesen, der Spanier, der Franzosen und der Engländer; große Strecken Indiens eroberte sie und schrieb dem Weltmarkt Gesetze vor. Die Compagnie nahm den Portugiesen Amboina, Tidor und Ternate; sie bahnte ihrem Handel den Weg in das verschlossene Japan und in das Küstenland von Malabar. Auf den Trümmern des eroberten und verbrannten Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegründet und erbaut, Malakka und ein Theil Ceylons wurden ihr unterworfen, und zuletzt das Capland für Holland gewonnen. Bald nach der Gründung trug jedes Hundert holländischer Gulden fünfundsiebenzig Gulden Zins, bald aber standen die Actien der Compagnie zu vierhundertfünfundzwanzig Procent.
Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jetzt zweihundert Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, weiß, was das sagen will, ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der ungeheuern Kosten für die Flotten, Mannschaften, Festungen, Soldaten, Beamten, Straßen, Kanäle, Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, sie ist vorüber. Die Compagnie ist ein Bild des irdischen Glückswechsels; als ich geboren ward, im Jahre siebenzehnhundertsiebenundvierzig, standen die Actien fast auf neunhundert, sie hatten aber im Jahre siebenzehnhundertzwanzig auf eintausendzweihundertundsechzig gestanden! Verstehen Sie, Herr Graf, eintausendzweihundertundsechzig Gulden trugen einhundert Gulden früher eingezahltes Kapital jährlich dem Inhaber dieser Actien ein; wer also eintausend Gulden in der Compagniebank stehen hatte, gewann jährlich einmalhundertundsechsundzwanzigtausend Gulden. Wenn doch die de la Tremouilleschen Renten nur ein Jahr lang so ständen; ich wollt’ es Ihnen gönnen, Herr Graf! Aber es ging abwärts und immer rascher abwärts, schon von siebenzehnhundertfünfundzwanzig an. Wissen Sie, wie die Actien jetzt stehen? – Gar nicht stehen sie, sie haben sich zu todt gefallen, wie der Vogel Kukuk im Volkssange. Im Jahre siebenzehnhundertachtzig hat die Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt – sie sind ft! in die Luft – kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da, Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capstadt zu bezahlen! Adieu bon esperançe! Wir haben Papiergeld gemacht, o pfui! Ich will nicht sagen, was ich in meinem Grimm mit dem ersten dieser Wische that, der mir in die Hand kam. Im Jahr siebenzehnhunderteinundachtzig hatten wir zwölf Millionen Schulden; vor zwei Jahren waren sie auf einhundertundsieben Millionen gestiegen. Jetzt muß die Compagnie Gott danken, daß der Staat ihre Länder und Flotten übernimmt, und auch ihre Schulden – aber die Kaufmannschaft verarmt; sonst liehen wir allen anderen Nationen, jetzt leihen wir selbst und können uns mit vollerem Recht, wie unsere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba Geusen, das heißt Bettler nennen. Unser Alba, der uns in den Staub tritt, ist die Verarmung.
Erschütternd klang des alten Mannes Rede. Wieder blickte durch den Riß eines schwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter besetzt war, der junge Mann in ein Stück Welt, in ein Stück Leben hinein.
Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die sein Glück mit liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll er der Chef des hochangesehenen Hauses van der Valck werden oder ein Käsekrämer, ein Parfümeriehändler, ein Likörbrenner? O, Herr Graf, Sie haben Macht über sein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Besten, auf daß ein treues Vater- und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit zur Grube fahre!