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Der Erbe: Roman. Dritter Band. cover

Der Erbe: Roman. Dritter Band.

Chapter 12: 10. Bruno.
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About This Book

A contested inheritance triggers an investigation after a discovery that points toward a deliberate tampering with succession. The person presumed to be the rightful heir is taken into custody on serious suspicion while conflicting witness accounts and a lone informant complicate the facts. Officials and legal representatives scrutinize evidence, conduct interrogations, and navigate family tensions and community gossip. The dispute moves through formal hearings and a jury trial that uncover secrets, mistaken identities, and interpersonal betrayals. The narrative closes with legal resolutions and private consequences that reshape relationships and finally clarify who is entitled to the estate.

Kreidebleich vor Wuth, gewann sie endlich die Thür und rauschte hinaus, um sich unten in den ihrer harrenden Wagen zu werfen und, fast außer sich vor Gift und Galle, nach Schloß Wendelsheim zurückzufahren.

Aber die Verhandlung war noch nicht ganz geschlossen, denn die Verurtheilte mußte erst erklären, ob sie sich der Strafe unterwerfen wolle, und es hatte einige Mühe, die Ruhe wieder herzustellen. Katharina Baumann aber, die jetzt wieder auf ihre Bank zurückgewankt war und dort still weinend saß, dankte dem Richter für sein mildes Urtheil; sie hätte ein weit strengeres erwartet – und vielleicht verdient.

Da trat Fritz Baumann, der jetzige Friedrich von Wendelsheim, vor. Er hatte bis dahin, die Brust von widerstreitenden Gefühlen bewegt, still und fast regungslos an seinem Platze gestanden. Jetzt schilderte er mit glühenden Worten die Liebe und Sorgfalt, mit der jene Frau, die er bis dahin für seine Mutter gehalten, seine Jugend überwacht und für ihn gesorgt und ihn geliebt habe wie ihr eigenes Kind. – »Hier steht ihr wirklicher Sohn,« fuhr er dabei bewegt fort – »laßt ihn frei bekennen, ob er in seiner Heimath, in seiner Familie solche Liebe fand, ob Alles an ihn gewandt wurde, um ihn zu einem braven, tüchtigen Mann heranzureifen! Ich hatte eine Jugend, so froh und glücklich, wie sie ein Mensch nur haben kann – ich lernte dabei arbeiten, um mir frei und unabhängig von irgend wem meinen Lebensweg zu bahnen, und das dank' ich nur diesem wackern Mann da – dieser braven Frau – dem besten Vater, der besten Mutter, die es geben kann! Und wenn deshalb meine Bitten etwas über Sie vermögen – o, so erwirken Sie Gnade für die arme Frau!«

Ein beifälliges Gemurmel lief durch den noch immer dicht gedrängten Raum, und selbst der Vorsitzende nickte ihm freundlich zu. Vor der Hand war aber natürlich in der Sache weiter nichts zu thun, denn die Gnadenbewilligung lag allein in einer höheren Hand.

Fritz wollte sich jetzt noch einmal an seinen Vater wenden; als er sich aber nach ihm umdrehte, konnte er ihn nirgends mehr bemerken. Er hatte mit seinen Söhnen, ohne Abschiedswort an ihn oder die Frau selber, den Saal verlassen und war still und düster nach Hause zurückgekehrt, Bruno ihm aber nicht gefolgt. Das Entsetzliche hatte ihn ja zu rasch erreicht, um sich so gleich und plötzlich hinein zu finden – er stand und zögerte und schien seine Umgebung fast vergessen zu haben.

Fritz ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie; aber dann sich abwendend, flüsterte er: »Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht – ich kann nicht reden, nicht denken!« und eilte rasch aus dem Saal.

9.
Der Erbe.

Welche Sensation das Resultat dieses Geschworenengerichts in Alburg machte, läßt sich denken; es wurde fast von nichts weiter gesprochen, und Fräulein von Wendelsheim mußte über sich das Schwerste ergehen lassen, was Bierbänke oder Kaffeetische überhaupt zu leisten im Stande sind. Es wäre für sie auch in der That nicht gerathen gewesen, sich in der nächsten Zeit wieder in Alburg zu zeigen, denn keine Polizei oder Gensdarmerie hätte sie vor Beleidigungen, ja, vielleicht persönlichen Angriffen schützen können. Allerdings brach sich bei der gebildeten Klasse bald die Ueberzeugung Bahn, daß die Geschworenen ihr Verdict kaum anders abgeben konnten, als sie es gethan; denn allerdings war durch keine einzige Aussage, als die der damals zur Wuth getriebenen Heßberger, die Schuld der Dame entschieden festgestellt. Aber Niemand zweifelte trotzdem daran, während der Handwerkerstand auf das bestimmteste behauptete, der »adelige Drachen« sei nur deshalb ungerupft davon gekommen, weil sie ein »von« vor ihrem Namen hätte und in einem großen Schlosse wohne.

Wer sich am allerwenigsten um das Ganze kümmerte und doch eigentlich das größte Interesse daran hatte, war der Erbe selber. An demselben Nachmittage verbrachte er allerdings noch wohl zwei Stunden mit dem Staatsanwalt in eifriger Unterhaltung und bei verschlossenen Thüren, erhielt auch von diesem noch an demselben Abend ein Paket Papiere ausgehändigt, mit denen er dann, den Nachtzug benutzend, in die Residenz fuhr. Er hatte aber Niemanden weiter gesprochen, keinen Besuch gemacht oder empfangen und auch in der That mit keinem Menschen sonst verkehrt.

Indessen war der Tag der Erbschaftszahlung herangerückt, und es schien fast, als ob die Herren der Commission nicht übel Lust hätten, die Auszahlung zu verzögern und den Urtheilsspruch der Geschworenen anzufechten; der Sachwalter des gnädigen Fräuleins hatte sich wenigstens die größte Mühe gegeben, um dahin zu wirken. Aber sie mochten doch wohl am Ende einsehen, daß sie nicht durchdringen würden; die Beweise waren zu klar geliefert worden, und nur auf die Vollmacht hin, die Witte in Händen hielt, weigerten sie sich, die Summe auszuzahlen. Eine Clausel des Testaments lautete, daß es der Erbe selber in Empfang nehmen müsse, was sie als »persönlich« interpretirten.

Das verzögerte die Auszahlung aber nur um einen Tag, denn am nächsten Morgen kehrte Fritz schon zurück, und zwar selig über den Erfolg seiner Reise.

Auch in der Residenz war seine Sache eifrig besprochen worden, und es hatte dadurch – da sich selbst die königliche Familie dafür interessirte – wenig Schwierigkeit für ihn, eine Audienz beim Könige zu erlangen, um dort persönlich das Gnadengesuch für seine Pflegemutter zu befürworten. Der Königin selber, die zugegen war, standen dabei die Thränen in den Augen, und als er sich endlich verabschiedete, wurde ihm die freundliche Versicherung, er solle nur ruhig zurück auf seine Besitzung reisen, seine Bitte werde Erhörung finden.

Der Telegraph beförderte auch schon vor seinem Wiedereintreffen in Alburg den Gnadenerlaß Sr. Majestät an das Criminalgericht daselbst. Seine Pflegemutter wurde an demselben Tage freigelassen, an welchem er die Stadt betrat.

Jetzt hatte er freilich genug mit sich selber und seinen Geschäften zu thun, um an etwas Anderes denken zu können. Das Capital mußte erhoben werden, und zugleich erschien eine Ankündigung des Staatsanwalts Witte, daß Alle, welche eine Forderung an die Familie Wendelsheim hätten oder zu haben glaubten, sich bei ihm in seiner Wohnung melden und die Rechnungen einreichen sollten – und wahrlich, er bekam dadurch Arbeit. An dem Tage wurde ihm bald das Haus gestürmt, weil die meisten Gläubiger schon gefürchtet oder vielmehr gar nicht erwartet hatten, daß der neue Erbe die Schulden für den Eingeschobenen bezahlen werde.

Fritz selber befaßte sich nicht damit; er bat Witte, der die Annahme und das Eintragen der Rechnungen einem seiner Schreiber übertrug, mit ihm nach Wendelsheim hinaus zu fahren, denn er fürchtete sich ordentlich davor, das alte Schloß, das von jetzt ab sein Eigenthum sein sollte, allein zu betreten. Witte war dabei ein praktischer Mann, der ihm den besten und vernünftigsten Rath über die künftige Verwaltung geben konnte.

Er hatte auch geglaubt, seinen Einzug ganz still und unbeachtet halten zu können, und sich vorgenommen, einfach in einem Miethwagen hinaus zu fahren und beim Verwalter abzusteigen, mit dem er das Meiste ja bereden mußte. Witte war indessen anderer Ansicht gewesen, und ohne ihm etwas davon zu sagen, schickte er Morgens in aller Frühe einen reitenden Boten nach Wendelsheim, der den Leuten im Schlosse das Eintreffen ihres neuen jungen Herrn melden mußte; denn er hielt es für nicht in der Ordnung, daß derselbe unbemerkt und unbeachtet wie ein Handlungsreisender das Schloß seiner Väter, aus dem er so lange unschuldig verbannt gewesen, betrete.

Der Bote brachte einen wahren Aufruhr im alten Schloß hervor, denn der Zustand dort war auf die Länge der Zeit unerträglich geworden, und Alles jubelte ja dem neuen Gebieter, den sie bei seinen seltenen Besuchen und seiner freundlichen Theilnahme für den verstorbenen jungen Herrn immer lieb gehabt, aus vollem Herzen ein Willkommen entgegen. Das ganze Dorf wurde auch augenblicklich aufgeboten, um Blumen und Büsche zu pflücken und Kränze zu winden; die Leute legten alle ihren Sonntagsstaat an, und selbst der Schulmeister ließ sich die ganze Dorfschule noch einmal frisch überwaschen und den letzten Choral repetiren, den sie neulich mitsammen durchgegangen, denn etwas Neues in der Geschwindigkeit zu lernen, wäre unmöglich gewesen. Vorposten wurden dazu mit Stangen und Tüchern daran auf die nächste Höhe beordert, um die erste nahende Extrapost, deren Postillon einen weißen Federbusch – nach Anordnung Witte's als Gala – trug, gleich durch Schwenken der Tücher anzumelden.

Der Verwalter machte außerdem den kühnen Vorschlag, ein paar alte Böller, die noch im Wagenschuppen standen, vorzuholen, zu laden und abzuschießen, wenn die Extrapost in das Thor einfahren würde. Es stellte sich nur die einzige Schwierigkeit heraus, daß kein Pulver da und die Zeit zu kurz war, um deshalb noch einmal in die Stadt zu schicken. Der alte Baron hatte allerdings, wie man recht gut wußte, Pulver oben in seinem Gewehrschrank; aber den konnte man natürlich nicht darum ersuchen, denn er ließ Niemanden vor und gab auch auf gar keine Frage oder Bitte Antwort. Der Böllergruß mußte deshalb unterbleiben.

Und jetzt war Alles fertig; weißgekleidete Jungfrauen konnten allerdings nur zwei im Dorfe aufgetrieben werden. Es fehlte nämlich an rein gewaschenen weißen Kleidern, zwei ausgenommen, die rasch geplättet werden konnten, und mit den Zweien mußte man sich denn auch begnügen, um sie zum Blumenstreuen zu verwenden. Es sieht immer besser aus, wenn das eine weißgekleidete Jungfrau verrichtet, und der Schulmeister besonders hielt es für unerläßlich.

Die Leute standen dabei in größter Spannung auf dem Hof. Die Extrapost hatte um eilf Uhr eintreffen sollen, und jetzt war es schon halb Zwölf und noch keine Spur davon zu sehen, selbst nicht von der Höhe aus. Halt! dort hob sich eine Fahnenstange, das verabredete Zeichen, daß ein Wagen in Sicht kam, wenn man ihn auch noch nicht genau unterscheiden konnte. Alles drängte gespannt dem Thor zu – jetzt ging die zweite in die Höhe – Hurrah, das sind sie! Und nun ging es an ein wahres Durcheinander, um Jeden in der Geschwindigkeit auf seinen richtigen Platz zu bringen.

Sogar ein paar Instrumente hatte man im Dorf aufgetrieben, Leute, die manchmal, um Musik zu machen, auf die Jahrmärkte zogen: eine Trompete, eine Posaune, eine Clarinette und eine Geige, und mit denen war schon unten vor dem Wirthshaus ein Tusch einexercirt worden. Unglücklicherweise hatte aber der Trompeter beim Heraufkommen sein Mundstück verloren – die alte Schraube hielt nicht fest – und die ganze Zeit in Todesangst danach gesucht. Er fand es nicht wieder, es mußte irgendwo in das Gras gefallen sein, und Posaune und Clarinette mit der Violine sollten jetzt den Tusch allein spielen.

Jetzt kam der Wagen in Sicht, voraus, was sie laufen konnten, die beiden Jungen mit den Fahnenstangen, und wie der Wagen jetzt auf ein Zeichen des Verwalters im Schritt in das Thor hineinfuhr, scheuten die Pferde, denn die Posaune platzte, da ihr die Trompete fehlte, zu früh los und die Clarinette setzte falsch ein, während die Violine mit ihrem Tusch und ihrer feinen, piependen Stimme ordentlich durchging und schon fix und fertig damit war, ehe die Posaune nur wieder ihr altes Messing eingeholt hatte.

Aber mit donnerndem Jubel brach jetzt das Hurrahgeschrei der Dorf- und Schloßbewohner aus, ein Hurrah, das aus voller Kehle und volleren Herzen laut und jubelnd herausgestoßen wurde; und die Mädchen warfen ihre Blumen den Pferden vor die Hufe, die Frauen schwenkten ihre Tücher, die Männer ihre Mützen und Hüte, und die Luft bebte ordentlich von den Jubelrufen.

Fritz saß im Wagen, die Thränen liefen ihm an den Wangen nieder – er konnte kaum danken und winken vor innerer Bewegung; aber Witte besorgte das für ihn. Er schwenkte seinen Hut nach allen Seiten, sein ganzes Gesicht strahlte vor Freude, denn nicht mit Unrecht betrachtete er dies Alles als sein eigentliches Werk; und als der Choral jetzt begann und die Schuljungen vor Angst und Rührung nicht singen konnten und der Schulmeister, aus Furcht, daß sie sich blamiren würden, allein hinausbrüllte, und dann der Trompeter plötzlich jubelnd mit dem endlich gefundenen Mundstücke zurückkam und nun den Tusch, freilich etwas verspätet, mitten in den Choral hinein schmetterte, wollte er sich rein ausschütten vor Lachen.

Der Verwalter hatte sich vorgenommen gehabt, dem jungen Herrn, wenn er aus dem Wagen stieg, eine Rede zu halten; aber es war ihm gegangen, wie dem Trompeter mit seinem Instrument, er hatte das Hauptende davon: den Anfang, verloren und blieb stecken, ehe er nur begann. So war denn wohl alles Einstudirte vergessen, aber was ihm im Herzen und auf der Zunge lag, doch nicht, und wie der junge Mann aus dem Wagen sprang, streckte er ihm die breite Hand entgegen und sagte: »Gott sei Dank, daß Sie da sind, daß Sie's sind, Gott segne Sie und Ihren Eingang!« Und das war die beste Rede, die er hätte halten können.

Fritz war froh, als er sich dem Lärm und Jubel da draußen in dem stillen Stübchen des Verwalters entziehen konnte. Er wollte noch nicht in's Schloß hinaufgehen, er mochte seiner Tante nicht begegnen, bis Alles geordnet und besprochen war.

Der Beamte, der bis jetzt die Controle im Schlosse gehabt, kam hieher und übergab ihm die Schlüssel, und bald hatte er sich mit dem alten Verwalter über die nächst zu nehmenden Schritte in der Bewirthschaftung des Gutes vereinigt oder vielmehr Alles gut geheißen, was der Alte, mit der Führung überhaupt betraut, bis dahin unternommen. Ueberall nöthige Verbesserungen konnten natürlich erst in ruhigerer Zeit vorgenommen werden; der Verwalter bekam aber unbeschränkte Vollmacht, Alles anzuordnen und vorzubereiten, was er für dringend nöthig halte, damit nicht so viel Zeit versäumt würde, denn in den letzten Jahren war ja fast das Ganze in Verfall gerathen.

Gern hätte Fritz seinen Vater gesehen; aber der Verwalter rieth ihm dringend ab, auch nur den Versuch zu machen, da sich der Zustand des alten Barons in den letzten Tagen sehr verschlimmert haben sollte. Kathinka und der Arzt waren die einzigen, die zu ihm durften; das Mädchen, dem das Reinmachen der Zimmer oblag, mußte sich Morgens nur hineinstehlen und mehrmals selbst flüchten, wenn er es nur gewahrte. Fremde Menschen duldete er gar nicht um sich. Der Arzt hatte eines Tages, da er selbst verhindert war zu kommen, seinen Famulus zu ihm gesandt; auf den aber stürzte er augenblicklich los, so daß er sich gar nicht schnell genug aus dem Zimmer retten konnte. Seit der Zeit war es auch ernstlich besprochen worden, ob man ihn nicht einer Anstalt übergeben müsse, um bei einem einmal plötzlich ausbrechenden Wuthanfall Unglück zu vermeiden.

Und wo war Kathinka, daß er sie noch nicht gesehen, denn im Hofe konnte sie nicht gewesen sein? Der Verwalter wußte es nicht; sie hatte vorhin, als die Extrapost einfuhr, oben an einem der Fenster gestanden, wahrscheinlich befand sie sich noch oben.

Indessen kam die Meldung, daß für den jungen neuen Herrn das Frühstück oben aufgetragen sei; aber Fritz hatte vorher noch eine andere Pflicht zu erfüllen: er mußte das Grab seines armen Benno, seines Bruders, besuchen, und bat deshalb den Staatsanwalt, alles noch Nöthige unter der Zeit mit dem Verwalter zu besprechen. Er wollte dort draußen ungestört und allein sein.

Er kannte ja auch den Weg dahin gut genug! oft und oft war er in früheren Zeiten, manchmal mit seinem kranken Bruder, manchmal allein, durch den Park gewandert, mit keiner Ahnung damals freilich, daß er auf seinem eigenen Besitzthum stehe. Eigenthümliche Gefühle durchzogen ihm deshalb auch heute die Brust, als er das Laub der alten Bäume wieder über sich rauschen hörte und die grotesk verschnittenen Taxushecken sah, die den Gemüsegarten auf der einen Seite einfriedigten. Wie wunderbar war das Alles gekommen, wie unbegreiflich, ungeahnt, und so rasch dabei, daß er noch immer wie in einem Traum dahinschritt und in dem Traum doch wieder das jubelnde Willkommen hörte, das ihm seine künftigen Untergebenen zugerufen, doch wieder die glücklichen, freundlichen Gesichter sah, die ihm von allen Seiten entgegen lachten.

Die Augen auf den Boden geheftet, nur mit den Bildern beschäftigt, durchwanderte er den langen, etwas gewundenen Gang, der zu dem Erbbegräbniß der von Wendelsheim führte, bis er den offenen Platz erreichte, der die stille, freundliche Ruhestätte umgab.

Die kleine Capelle, in der das Todtenamt gehalten wurde, stand rechts, und dicht daran geschmiegt lagen die Gräber, nicht in dumpfer Gruft, sondern in der Mutter Erde, unter grünem Rasen und schattigen Trauer-Eschen und Weiden – und dort drüben?

Sein Fuß zögerte – an dem letzten, noch mit Blumen reich geschmückten Grabe kniete eine weibliche Gestalt und betete; es war Kathinka, er erkannte sie im Augenblick. Sie konnte ihn auch nicht gehört haben, denn sie veränderte ihre Stellung nicht im geringsten, und er blieb stehen, um sie nicht zu stören. Aber sein Auge haftete fest auf ihr, und unwillkürlich faltete er die Hände und schämte sich dabei der Thränen nicht, die ihm die Wangen netzten; aber es waren nicht allein Thränen der Trauer um den so früh geschiedenen Bruder – es waren auch Thränen des Glücks. Jetzt erhob sie sich; sie hatte ihre Andacht wohl beendet und wollte zu dem Schlosse zurückkehren, als sie den Fremden auf dem freien Platz bemerkte und erschreckt zusammenzuckte. Aber sie mußte ihn erkannt haben, denn scheu wich sie ihm aus, grüßte ehrfurchtsvoll und wollte den andern Weg einschlagen, der an dem Gitter des Parks hinlief.

»Kathinka,« sagte Fritz herzlich, »bin ich Ihnen so fremd geworden, daß Sie mir nicht einmal mehr, wie sonst, die Hand zum Gruß bieten?«

»Ich weiß nicht, Herr Baron,« sagte das junge Mädchen ängstlich und wurde dabei purpurroth; »ich wußte nicht, daß Sie so bald hieher kommen würden, und war nur hier, um – Abschied zu nehmen.«

»Abschied, Kathinka?«

»Ja; das gnädige Fräulein hatte mir schon vor einiger Zeit befohlen, das Schloß zu verlassen; aber ich durfte nicht fort. Der fremde Herr, der in den letzten Tagen den Befehl hier führte, litt es nicht; Niemand durfte den Platz verlassen, wie er sagte, bis der rechtmäßige Besitzer eingetroffen sei, der dann selber zu bestimmen haben würde.«

»Und Sie haben noch einmal an meines armen Benno Grab gebetet?«

»Er war der einzige Freund, den ich auf der Welt hatte,« sagte das junge Mädchen weich; »ich durfte den Platz nicht verlassen, ohne wenigstens von ihm Abschied zu nehmen.«

»Und gehen Sie gern, Kathinka?«

Das junge Mädchen schwieg; ein eigenes, wehes Gefühl preßte ihr das Herz zusammen, und sie brauchte Minuten, um sich zu sammeln. Endlich sagte sie leise: »So lange der – so lange Ihr Bruder lebte, würde ich mich schwer vom Schlosse Wendelsheim getrennt haben; jetzt bedarf man meiner nicht mehr, und – das gnädige Fräulein sieht auch meine Gegenwart nicht gern.«

»Aber wohin wollen Sie sich wenden?«

»Ich – weiß es noch nicht; ich – habe Aussicht, als Lehrerin in ein Institut zu treten.«

»Unter fremden Menschen?«

»Unter fremden Menschen?« wiederholte Kathinka wehmüthig. »Ich war die Fremdeste im Schlosse von Allen. Aber Sie entschuldigen mich wohl, Herr Baron; ich möchte meine Sachen packen, und glaube doch nicht, daß meiner Abreise noch etwas im Wege steht.«

»Herr Baron?« wiederholte Fritz unwillkürlich leise; »wie sonderbar, wie unnatürlich das klingt!«

»Aber es ist doch Ihr Titel!«

»Und glauben Sie, Kathinka, daß mich der Titel freuen würde, wenn ich dadurch alte Freunde verlieren sollte?«

»Sie werden keine alten Freunde dadurch verlieren, Herr Baron, aber viele neue wohl dadurch gewinnen.«

»Aber Sie habe ich doch dadurch verloren, Kathinka,« sagte Fritz herzlich; »Sie waren sonst so einfach unbefangen, so gut mit mir und sind jetzt auf einmal so entsetzlich kalt und höflich geworden.«

»Waren Sie nicht Benno's treuester Freund?«

»Also nur Benno's wegen?«

»Herr Baron!« sagte das arme Mädchen, und wieder schoß ihr das Blut in Strömen in Wangen und Schläfe.

»Ich hatte mich so darauf gefreut, Sie wieder hier zu finden,« fuhr Fritz herzlich fort, »mit Ihnen mich der Zeiten zu erinnern, wo Benno noch lebte; jetzt, da ich komme, wollen Sie das Schloß verlassen.«

»Ich muß, Herr Baron.«

»Aber selbst wenn mein gnädiges Fräulein Tante gar nicht mehr den Oberbefehl hier hätte – ein Zustand, der sehr wahrscheinlich ist –, würden Sie dann immer noch fort wollen?«

»Ja, Herr Baron – ich würde doch gehen.«

»Dann haben Sie einen andern Grund.«

Kathinka schwieg; sie war jetzt eben so bleich geworden, als sie vorher roth gewesen.

»Und darf ich ihn nicht wissen?«

Noch immer stand das junge Mädchen und sah still und lautlos zur Erde nieder.

Da trat Fritz ihr näher, nahm ihre Hand und sagte leise: »Kathinka, ich kenne Ihr ganzes Leben, ich weiß, was Sie hier in dem alten Schloß ausgehalten, weiß, mit wie himmlischer Geduld Sie Alles ertragen haben nur des Bruders wegen, und lebte Benno noch, nie, nie hätte er gestattet, daß Sie Schloß Wendelsheim verlassen dürften. Ich bin sein Erbe, nicht allein der Erbe seines Gutes, nein, auch seiner Liebe – gehen Sie nicht fort. Sie haben Schloß Wendelsheim als eine Hölle gesehen, machen Sie es selber zu einem Himmel.«

»Herr Baron!« rief Kathinka, bestürzt zu ihm aufsehend.

»Erschrecken Sie nicht darüber, Kathinka,« rief Fritz, sie mit seinem linken Arme umfassend – »werden Sie mein Weib – ich war Ihnen gut vom ersten Augenblick an, wo ich Sie gesehen, und suchte doch das Glück an anderer Stätte, wo ich es wahrscheinlich nie gefunden hätte. Jetzt bin ich zurückgekehrt...«

»Um Gottes willen,« rief Kathinka beinahe außer sich, »Ihren Scherz können Sie ja doch an Benno's Grab nicht mit einer armen Waise treiben – und Ernst? Es ist ja nicht möglich, nicht denkbar!«

»Werden Sie mein Weib, Kathinka,« bat Fritz noch einmal und sah ihr so treu, so liebend in die Augen, daß ihr schwindelte. »Einen heiligeren Platz für Ihr Jawort, als des Bruders Grab, finden wir nicht auf der weiten Welt, und daß sein Geist mit Jubel unsern Bund segnet – glauben Sie es nicht?«

»Aber es ist – es ist ja doch nicht möglich!«

»Bist Du mir gut, Kathinka?« drängte Fritz, indem er sie fester an sich preßte; »o, sage nur das eine Wörtchen: Ja!«

»Gut?« rief das junge Mädchen, und während sie ihr Haupt an seiner Brust barg, machte ein Thränenstrom ihrem gepreßten Herzen Luft. Fritz aber, ohne sie loszulassen, in Glück und Seligkeit, führte sie zu dem Grabe des Bruders, und dort, sich fest umschlingend, beteten Beide still und heiß.

»Und nun komm,« sagte Fritz endlich, sie mit sich vom Boden hebend; »mir bleibt noch viel daheim im Schloß zu thun, denn von heute ab hab' ich es übernommen. Du wirst so lange, bis unser Bund gesegnet werden kann, zu der alten Verwalterin hinüberziehen, und daß Dich die Tante nicht mehr kränkt, dafür laß mich sorgen. Aber eine Frage beantworte mir noch, Kathinka, ehe wir den Park verlassen: Weshalb wolltest Du doch das Schloß meiden, auch wenn die Tante da nicht mehr zu befehlen hätte?«

Kathinka war wieder blutroth geworden; sie richtete sich von der Brust des Geliebten, der sie noch immer umschlungen hielt, auf und sah ihm in die Augen.

»Und darf ich es wissen?«

Und wieder barg sie ihr Haupt an seiner Schulter und flüsterte: »Weil ich elend geworden wäre, wenn ich Dich in den Armen einer andern Gattin gesehen hätte!«

»Mein Lieb, mein süßes, herziges Lieb! Und so warst Du mir schon lange gut?«

»O, von ganzem Herzen und von ganzer Seele!« rief die Jungfrau und umschlang zum ersten Male den Geliebten mit beiden Armen.

Es waren selige Augenblicke des Glückes, in denen die beiden Liebenden langsam durch den schattigen Park zurück dem alten Schlosse zuwanderten, und erst als sie in Sicht des unmittelbar daran stoßenden offenen Platzes kamen, wand sich Kathinka von ihm los, warf noch einmal die Arme um seinen Nacken, begegnete seinem heißen Kuß, und floh dann scheu seitab durch die Büsche, um den Hof von einer andern Seite zu erreichen.

Als Fritz ihn betrat, kam ihm Witte entgegen und sagte ihm, das gnädige Fräulein habe schon zum dritten Mal nach ihm geschickt und erwarte ihn beim Frühstück.

»Welches gnädige Fräulein?« fragte Fritz zerstreut.

»Welches?« lachte der Staatsanwalt; »nun, Ihre Fräulein Tante. Wenn die aber die Honneurs macht, will ich lieber nicht mit hinüber gehen, um ihr den Appetit nicht zu verderben.«

»Ich fürchte, lieber Staatsanwalt,« nickte Fritz, »ich werde ihn ihr selber verderben müssen; aber kommen Sie, denn ich habe nachher noch etwas sehr Wichtiges vor, bei dem ich gern wünschte, daß Sie Zeuge wären.«

Beide Männer schritten jetzt dem Portal des Schlosses zu, wo sie oben den alten Verwalter trafen, der, mit ein paar Flaschen Wein beladen, aus dem Keller stieg.

»Haben Sie keinen Champagner unten, Wunting?«

»Ja gewiß, Herr Baron.«

»Schön, der darf heute nicht fehlen; aber bringen Sie ihn selber in's Zimmer und frühstücken Sie mit uns. A propos, wo steckt denn Fräulein Kathinka?«

»Wie ich in den Keller ging, stieg sie die Treppe hinauf; ich glaube, sie wird in ihrem Zimmer sein.«

»Dann schicken Sie Jemanden hinauf, ich ließe sie bitten, in das Frühstückszimmer zu kommen. Es sind doch Gedecke genug aufgelegt?«

»Ja, mein bester Herr Baron,« sagte der Verwalter etwas verlegen, »das ließe sich wohl gleich besorgen, aber – die Sache hat einen Haken. Sie – kennen die Hausordnung auf Schloß Wendelsheim noch nicht. Das gnädige Fräulein ißt weder mit mir, noch mit der Kathinka an einem Tisch, und als das der alte Herr Baron einmal einführen wollte, hat es einen Hauptspectakel gegeben. Ich möchte doch nicht die Ursache sein, daß es gleich am ersten Tage zu Zank und Unfrieden käme – der wird so nicht ausbleiben,« setzte er leise hinzu.

»Haben Sie keine Furcht, Wunting,« nickte ihm Fritz zu, »mein gnädiges Fräulein Tante soll, was das Frühstück betrifft, nicht in ihren Gefühlen verletzt und auch kein Zank und Unfrieden hervorgerufen werden. Erfüllen Sie nur meine Bitte und besorgen mir Alles nach der angegebenen Art; das Andere überlassen Sie mir.«

Damit stieg er langsam, Witte unter den Arm fassend, die Treppe hinauf, betrat aber das ihm bezeichnete Frühstückszimmer noch nicht, sondern zuerst den großen Saal, von dessen Balcon aus er den ganzen Hof und einen großen Theil des Parkes übersehen konnte. Und das Alles war jetzt sein – sein Eigenthum, sein Erbe von Eltern her, die er nie gekannt, oder, wenn gekannt, nur scheu und fremd betrachtet, an deren Herzen er nie gelegen, nie ein freundliches Wort nur von ihnen vernommen hatte. Es war ihm recht weich und weh zu Sinn – und doch auch wieder so wohl, so glücklich, daß er hätte weinen mögen, aber zugleich aufjubeln vor Lust und Seligkeit.

Witte betrachtete sich indeß die Bilder an den Wänden und das ganze alte, außerordentlich reiche, aber verwitterte und verblichene Ameublement, das genau so aussah, als ob es einer Ritterfamilie gehört und ein paar Jahrhunderte unbenutzt hinter verschlossenen Thüren und verhangenen Fenstern gestanden habe, bis der Verwalter sie hier aufsuchte und meldete, es sei Alles bereit, Fräulein Kathinka fürchte sich aber, in das Zimmer zu gehen, bis der Herr Baron mitkäme.

Ein leichtes Lächeln flog über das Antlitz des jungen Mannes und er sagte freundlich: »So kommen Sie, Staatsanwalt, kommen Sie, lieber Wunting, denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich hungrig geworden bin, und der Champagner darf ebenfalls nicht kalt werden.«

Und damit eilte er leichten Schrittes hinaus über den Gang, auf dem Kathinka harrend am Fenster stand. Aber er redete sie nicht an, nur einen lächelnden Wink gab er ihr, und betrat jetzt, von den Uebrigen gefolgt, das Frühstückszimmer, in dem ihn seine Tante, in eine schwerseidene, violettblaue Robe gekleidet, stehend erwartete. Wie sie ihn sah, ging sie auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Erlaube mir, Fritz, Dich auf Schloß Wendelsheim willkommen zu heißen! Ein wunderliches Geschick hat Dich so lange davon fern gehalten, und jetzt – nun, nimmst Du meine Hand nicht?« rief sie, ihn erstaunt ansehend. »Ist das Dein erster Gruß auf unserem alten Stammsitz?«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Fritz kalt und fest, »was Sie thun konnten, um sich diesen »ersten Gruß« zu ersparen, haben Sie redlich gethan. Gott hat es anders gewollt, und ich bin in die Mauern, aus denen ich heimlich und in einen Mantel gewickelt in stürmischer Nacht nicht verbannt, nein, verstoßen wurde, bei hellem Sonnenschein zurückgekehrt; aber nicht mehr als Kind, sondern als Mann und Herr – von jetzt ab keine Gemeinschaft mehr zwischen Ihnen und mir!«

»Fritz,« rief das gnädige Fräulein erschreckt, denn bis zu diesem Augenblick hatte sie noch gehofft, ihre Autorität im Schlosse nicht ganz zu verlieren, »und glaubst auch Du jenen faulen Zungen, die mich verdächtigten?«

»Die Stimme des Volkes gegen Sie ist Ihnen bekannt,« sagte Fritz ruhig, »Sie haben sie wenigstens bei Ihrem Austritt aus dem Saal der Geschworenen erfahren. Ich theile dessen Glauben, daß Sie gerade die Hauptschuldige des Verbrechens waren. Aber wie dem auch sei, ich will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Dieses Schloß, das Sie die langen Jahre zu einem Fegefeuer Ihrer Untergebenen machten...«

»Herr Baron!« rief das gnädige Fräulein, emporfahrend.

»Soll Ihnen nicht verschlossen werden. Bleiben Sie, wenn Sie es wünschen, hier wohnen, und ich werde Ihnen in dem neuen Flügel Ihre Zimmer herrichten lassen. Im Schlosse selber wirthschafte ich aber von diesem Augenblicke an mit meiner Hausfrau als unumschränkter Herr, und meine Hausfrau,« fuhr er fort, sich nach dem schüchtern zur Seite stehenden Mädchen umdrehend und ihre Hand ergreifend, »wird Kathinka werden.«

»Kathinka?« rief Fräulein von Wendelsheim entsetzt, während der alte Verwalter mit einem dankbaren Blick nach oben seine Hände faltete und Staatsanwalt Witte leise vor sich hin mit dem Kopf nickte.

»Ich weiß, daß Sie ein nicht unbedeutendes Vermögen haben,« setzte Fritz hinzu, »hinlänglich wenigstens, um bequem davon leben zu können; sollten Sie deshalb vorziehen, Schloß Wendelsheim zu verlassen, so steht Ihnen nichts im Wege, ja, ich erlaube mir sogar, Ihnen noch einen jährlichen Zuschuß von tausend Thalern anzubieten. Bleiben Sie aber hier, so verbiete ich Ihnen hiermit auf das strengste, unsern Theil des Schlosses je zu betreten, oder...«

»Genug, genug, Herr Baron von Wendelsheim,« unterbrach ihn die Dame, in zornigem Grimm emporfahrend, »übergenug, um mir zu beweisen, daß Sie Ihrer Erziehung Ehre machen! Schloß Wendelsheim hat bis jetzt seinen alten Namen in Schmuck und Stolz bewahrt; ich will nicht Zeuge sein, wie er in den Staub getreten wird!«

Und sich rasch abwendend, eilte sie nach der Thür, durch die sie in Hast verschwand.

»Ich hätte nie geglaubt,« sagte Witte trocken, »daß ich noch in meinen alten Jahren ein solches Vergnügen empfinden würde, einen Drachen fliegen zu sehen; Fräulein von Wendelsheim's beste Seite ist aber entschieden ihr Rücktheil. Und das Ihre Braut, Baron?«

»Meine liebe, süße Braut!« rief Fritz, das tief erröthende Mädchen an sich ziehend. »Es ist rascher gekommen, als ich eigentlich glaubte; aber sie wollte uns hier entfliehen, und da wußte ich kein besseres Mittel, um sie zu halten, als sie zu bitten, mein braves Weib zu werden.«

»Und tausend Gottes Segen über Sie Beide,« rief der alte Verwalter jubelnd, »denn jetzt geht eine neue Sonne über Wendelsheim auf!«

10.
Bruno.

Staatsanwalt Witte hatte auf den nächsten Morgen Bruno Baumann bitten lassen, zu ihm zu kommen und einiges Geschäftliche mit ihm zu regeln. Es war nöthig, daß er die verschiedenen eingelaufenen Rechnungen wenigstens durchsah, um so viel als möglich eine Uebervortheilung von Seiten der Gläubiger zu vermeiden.

Bruno kam zur bestimmten Zeit und sah in Witte's Hinterstübchen die eingelaufenen Papiere durch, die sich allerdings auf eine ziemlich bedeutende Summe beliefen, aber dennoch die Ziffer noch lange nicht erreichten, die der Staatsanwalt erwartet oder vielmehr gefürchtet hatte.

Bruno war natürlich in einer sehr gedrückten Stimmung, aber doch ernst und gefaßt, und Witte wirklich von der Resignation gerührt, mit der er Alles über sich ergehen ließ.

»Mein lieber junger Freund,« sagte er auch endlich, als sich jener mit einem kaum unterdrückten Seufzer von seinem Stuhl erhob und die Papiere zurückschob, »lassen Sie den Kopf nicht sinken. Es hat Sie allerdings in der Täuschung aller Ihrer Erwartungen ein harter Schlag getroffen, aber er ist doch nicht so schlimm, als Sie vielleicht jetzt glauben mögen. Daß Friedrich von Wendelsheim alle die Schulden bezahlt, welche sein Vater oder Sie auf den Namen gemacht haben, ist eine Sache, die sich von selbst versteht; denn wäre er an Ihrer Stelle gewesen, so hätte er ebenfalls Schulden machen müssen und – mit einer andern Erziehung – möglicher Weise noch ganz anders gewirthschaftet. Er fühlt aber auch, daß Sie, und noch dazu ganz unverschuldeter Weise, in einem Alter in das Leben hinausgeworfen werden, wo man nicht mehr anfangen kann zu lernen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und hat mich deshalb gestern beauftragt, Ihnen ein Capital von dreißigtausend Thalern auszahlen zu lassen, das Sie also jeder Sorge für Ihre künftige Existenz überhebt und Sie vollkommen frei und unabhängig in die Welt stellt. Sie können jeden Augenblick darüber verfügen.«

Bruno war feuerroth bei dem Anerbieten geworden, und er bedurfte einiger Zeit, ehe er etwas erwiedern konnte. Endlich sagte er leise: »Herr Staatsanwalt, der Erbe von Wendelsheim ist ein Ehrenmann, und sagen Sie ihm für sein großmüthiges Anerbieten meinen herzlichsten Dank – wie ich auch Ihnen für die freundliche und zarte Weise danke, mit der Sie es mir mitgetheilt – aber ich kann es nicht annehmen.«

»Den Henker auch,« rief Witte ordentlich erschreckt, »dreißigtausend Thaler wirft man doch bei Gott nicht mit einer Handbewegung aus dem Fenster!«

»Hören Sie mich ruhig an,« sagte Bruno. »Dafür schon, daß er die Schulden bezahlt, die ich, ohne es zu wissen, auf einen fremden Namen gemacht, bin ich ihm dankbar, und nehme das mit Freuden an, weil ich weiß, daß ich an seiner Stelle ebenso gehandelt hätte. Ich muß es auch – nicht meinetwegen, sondern der armen Leute wegen, die ihr Vertrauen auf den alten Namen nicht so theuer bezahlen dürfen. Dadurch zahlt er es theilweise für sich selber ab – weiter darf es nicht gehen. Ich kann kein Almosen von einem Fremden nehmen.«

»Das sind die unglückseligen, überspannten Vorurtheile von Ehre, die Ihnen noch aus Ihrem früheren Stande ankleben!« rief der Staatsanwalt.

»Wollte Gott,« sagte Bruno, »jener Stand hätte keine schlimmeren Vorurtheile, wie Sie es nennen, als das innige Gefühl für seine Ehre – es wäre dann Manches besser.«

»Aber Sie sagen, Sie hätten, was die Rechnungen betrifft, das Nämliche an seiner Stelle gethan – hätten Sie nicht ebenso in Betreff einer Summe gehandelt, die dem unschuldig Ausgestoßenen wenigstens den Schmerz der Abhängigkeit erspart?«

»Ich glaube, ja,« sagte Bruno nach einigem Zögern. »Ich glaube, ich würde ihm ein ähnliches Anerbieten gemacht haben; aber ich bin eben so fest überzeugt, daß er es aus den nämlichen Gründen zurückgewiesen hätte, als die sind, welche mich jetzt dazu bestimmen.«

»Aber lieber, bester Herr...«

»Lassen Sie uns enden. Ich trage das drückende Gefühl, ihm zu Dank verpflichtet zu sein, schon jetzt mit mir fort, wenn er es auch selber gesucht hat auf freundliche Art zu mildern, indem er Sie zum Vermittler machte. Ich werde morgen die Stadt verlassen, um nie mehr hieher zurückzukehren, und nur noch zwei schwere Wege stehen mir bevor.«

»Haben Sie Ihre Eltern noch nicht besucht?«

»Nein, ich bin jetzt im Begriff dorthin zu gehen – erlauben Sie vielleicht, daß ich mich vorher bei Ihrer Familie verabschiede, die mir immer so viel Freundlichkeit bewiesen?«

»Hm – ja – gewiß!« rief Witte rasch, und dann die Thür öffnend, rief er hinaus: »Gehe einmal einer von Ihnen hinüber zu meiner Frau und sage ihr, der Herr Lieutenant Bau–, der Herr Lieutenant von Wendelsheim wünsche ihr seine Aufwartung – seinen Abschiedsbesuch zu machen!«

»Es paßt Alles nicht mehr, lieber Staatsanwalt,« lächelte Bruno wehmüthig, als er die Thür wieder schloß, »weder der Lieutenant, noch der Name. Ich bin der schlichte Bruno Baumann geworden, und wenn mir der Name auch noch eben so unbequem ist, wie mir die ungewohnten Civilkleider sitzen, so werde ich mich doch mit der Zeit hineinfinden müssen.«

»Ich kann mir's denken,« nickte der Staatsanwalt, horchte aber doch dabei unruhig nach der Thür – er hatte so eine Ahnung. Jetzt hörte er Jemanden kommen, und der junge Schreiber steckte gleich darauf den Kopf in's Zimmer und sagte:

»Frau Staatsanwalt läßt unendlich bedauern: sie hat Kopfschmerzen, und Fräulein Ottilie sind noch nicht angekleidet.«

Der Staatsanwalt nickte still vor sich hin – genau so, wie er erwartet. Bruno sah ihn an und seufzte:

»Die Damen haben recht,« sagte er; »ich hätte mir die Abweisung ersparen können. Aber Sie dürfen es mir nicht so übel nehmen, lieber Herr – man findet sich ja nicht so rasch in die neuen Verhältnisse.«

Witte war aufgestanden und lief einmal durch's Zimmer; jetzt blieb er vor Bruno stehen, streckte ihm die Hand entgegen und sagte herzlich:

»Wir bleiben Freunde – was auch kommen möge, und wenn Sie je im Leben Rath oder Hülfe brauchen, Baumann, so kommen Sie zu mir, und – Sie sollen Ihren Mann an mir finden....«

»Staatsanwalt Witte zu Hause?« hörten sie draußen eine Stimme – es war Fritz, der im nächsten Augenblick in der Thür stand. Als er Bruno bemerkte, streckte er ihm herzlich die Hand entgegen: »Ich habe mich lange danach gesehnt, Sie zu treffen, Bruno.«

»Auch ich freue mich,« sagte Bruno zurückhaltend, »um Ihnen meinen Dank für das – Geschehene auszusprechen, Herr Baron....«

»Herr Baron,« rief Fritz unwillig – »und das von Ihnen? Eben so gut wie es mir unmöglich ist, Sie mit dem Namen zu nennen, den ich so lange getragen habe, so wenig dürfen Sie sich dabei Gewalt anthun! Wir sind Leidensgefährten, alte, langjährige Leidensgefährten, die sich zum ersten Male im Leben in jener stürmischen Nacht im Parke von Wendelsheim begegneten und, selber willenlos, in fremde Bahnen geworfen wurden. Wie feindlich auch damals die Welt gegen uns auftrat – wir selber müssen Freunde bleiben, und dazu biete ich Ihnen die Hand. Aber dann auch kein Baron mehr, sondern Fritz und Bruno und ein herzliches Du, wie es solchen Unglücksbrüdern ziemt.«

Bruno preßte die ihm gereichte Hand herzlich, und der Staatsanwalt rief: »Aber er will das Geld nicht nehmen...«

»Kein Wort mehr darüber,« bat aber Bruno – »alles Andere nehme ich an, vor Allem am liebsten Deinen Brudergruß, Fritz, und damit Du siehst, daß ich auf Deine Liebe zähle, trete ich gleich vor Dich mit einer Bitte...«

»O wie gern wenn ich sie erfüllen kann!«

»Begleite mich zu den Eltern – ich war noch nicht dort und fürchte den ersten Schritt in meines Vaters Haus.«

»Armer Bruno,« sagte Fritz mit tiefem Gefühl – »so komm; wir wollen gehen, und unterwegs erzählst Du mir Deine Pläne für Dein künftiges Leben – ich Dir die meinigen.«

Die Straße hinab gingen die beiden jungen Leute Arm in Arm, und wer ihnen unterwegs begegnete und sie erkannte, blieb stehen und sah ihnen nach; und Bruno erzählte dem neu gewonnenen Freund, daß er beabsichtige, morgen nach Hamburg und von da nach Amerika zu gehen, um dort ein neues Leben zu beginnen, und Fritz dagegen sagte ihm von der Veränderung auf Schloß Wendelsheim, dem trostlosen Zustand des Vaters, der Bestrafung der Tante und seiner glücklichen Liebe, bis sie die alte Werkstätte Baumann's erreichten und unwillkürlich an der Schwelle stehen blieben.

»Wie manche glückliche Stunde habe ich hier verlebt,« sagte Fritz weich, »und darin, Bruno, bist Du weit glücklicher als ich, denn Du findest brave, wackere Eltern, deren Liebe ich Dir die langen Jahre gestohlen – o wenn Du mir nur verstatten wolltest, das im kleinsten Theile wieder gut zu machen!«

»Laß es sein, Fritz,« sagte Bruno trübe; »es war uns Beiden nicht verstattet, am Herzen der eigenen Mutter zu ruhen – aber es ist vorbei. Dir war es zum Heil – mir, dem es zum Glücke gereichen sollte, wurde es zum Verderben. Also vorwärts – es hilft nichts mehr, zurückzuschauen.«

In der Schlosserwerkstatt gingen die Hämmer fleißig, wie in alter Zeit; aber es wurde nicht dabei gepfiffen und gesungen wie in alter Zeit. Ein trüber Geist lag auf dem alten Hause. Nicht das Unglück – das würde diese Herzen einander nicht entfremdet haben –, nein, die Sünde war hindurch geschritten und hatte ihre dunkeln Spuren hinterlassen. Ein böser Geist war eingezogen – das Mißtrauen, und das Unglück hatte sich in einer Stätte unter Thränen und Seufzern behaglich eingerichtet, wo sonst nur das Glück, wenn auch mit harter Arbeit, seinen Wohnsitz aufgeschlagen.

Der alte Baumann stand am Amboß wie gewöhnlich und formte mit kundiger und geschickter Hand seine Arbeit; neben ihm arbeitete Karl mit den Lehrlingen, und als Fritz zuerst in der Thür erschien, warf Karl seinen Hammer hin, sprang auf ihn zu und reichte ihm treuherzig die rußige Hand. Auch dem Vater zuckte es einmal im Arme, als ob er ein Gleiches thun wolle. Da bemerkte er den eigenen Sohn, der hinter dem Pflegesohn die Schwelle betrat, und er schlug in dem Augenblick auf die dünne, rothglühende Stange, die er in der Zange hielt, mit solcher Gewalt ein, daß er sie zu Fasern breit aus einander schmetterte.

Fritz ging auf ihn zu: »Vater, hast Du keinen Gruß für Deine Söhne?«

»Meine Söhne, Herr Baron?« sagte der alte Mann. »Ich hatte einen, aber...«

Er kam nicht weiter. Fritz hing an seinem Halse und küßte ihn. »Hab' ich das verdient,« rief er dabei, »daß Du mich Baron nennst?«

»Nein, zum Teufel, nein!« rief der alte Mann, den Hammer zu Boden schleudernd und den Pflegesohn umarmend. »Sei mir nicht böse, Fritz, es – fuhr mir nur so heraus, und ich – meinte den – Andern,« setzte er scheu hinzu.

»Und hat er es verdient, Vater?« sagte Fritz vorwurfsvoll. »Haben sie ihm da draußen in dem öden Schloß nicht seine ganze Jugend gestohlen? Und wo er Alles verloren, willst Du ihm selbst das vorenthalten, was ihm allein noch gehört – das Herz des Vaters und der Mutter?«

»Und der Mutter,« sagte der Alte düster – »die ihn verkauft hat – wohl bekomm' die Liebe...«

»Vater, reich' ihm Deine Hand; er ist gut und brav geblieben trotz alledem, und wir Beide sind Brüder geworden. Wolltest Du Dich von ihm lossagen? – Hast Du selbst ein Recht dazu?«

»Vater!« sagte Bruno leise und streckte ihm die Hand entgegen.

»Du hast recht, Fritz,« sagte der alte Mann, sich zornig mit dem oberen, aufgekrämpten Theile des Aermels die Stirn wischend; »Scham, Schande und Zorn haben mich ungerecht gegen Dich – gegen ihn gemacht. Komm, Unglückssohn,« fuhr er fort, ihm die Arme entgegenstreckend – »komm, sei mir nicht böse und vergiß den Empfang – Du bist ja unschuldig, und Gott mag es denen verzeihen, die so sündhaft, so schmählich sündhaft an Dir gehandelt haben!«

»Mein Vater!« rief Bruno, und beide Männer hielten sich in heißer Umarmung fest umschlossen.

»Und das ist Karl?« sagte Bruno, als er sich endlich wieder aus seinem Arme wand und dem derben Burschen die Hand entgegenstreckte.

»Ja, Bruno,« sagte dieser treuherzig, »und will auch einen Kuß haben – schwarz bist Du nun doch einmal auf der einen Seite. 's ist auch hübsch von Dir, daß Dich der Titel nicht stolz gemacht hat, und wir wollen schon gute Brüderschaft halten.«

»Und wo ist die Mutter?«

Die Brauen des Schlossermeisters zogen sich wieder finster zusammen, und nur mit dem Daumen über die Schulter deutend, sagte er: »Dort hinten – in der Küche.«

»Und darf ich zu ihr?«

»Ich führe Dich hin, Bruno!« rief Fritz, seine Hand ergreifend und ihn mit sich fortziehend.

Und dort draußen saß sie verlassen und allein, verbannt aus den Räumen, in denen sie sonst mit sorgender Hand gewirthschaftet, und nun, als ihr Sohn, um den sie das Alles verschuldet und geduldet, zu ihr trat und sie mit dem süßen, kaum gekannten Namen Mutter! rief, da flog sie empor, da schlang sie die Arme um seinen Nacken und preßte ihn an sich, als ob sie ihn nie im Leben wieder lassen wolle.

Fritz hatte sich zurückgezogen, um dieses erste Begegnen nicht zu stören, und schritt zurück zum Vater. – »Vater, zürnst Du der Mutter noch?«

»Nein,« sagte der Mann finster; »weshalb auch – ich habe nichts mehr mit ihr zu thun.«

»Nichts mit ihr zu thun?«

»Nein – nicht mehr – in nächster Woche werden wir geschieden.«

»Vater!« rief Fritz erschreckt, »um Gottes willen nein – das darf ja nicht sein! Hat denn die arme Mutter nicht schon so viel ertragen?«

»Viel ertragen?« sagte der Mann finster. »Sie hat erst angefangen, und mir indeß mein ganzes Leben vergiftet – Du weißt, wie glücklich wir zusammen gelebt haben,« fuhr er bewegt fort, »wie nie ein böses Wort unter uns gefallen. Ich habe die Frau auf Händen getragen, immer und immer, und nie glauben wollen, daß es eine bessere Ehe auf Erden geben könne, als die unsere. Das ist jetzt Alles vorbei; denn nicht allein, daß sie mich einmal betrogen hat – das hätte ich ihr vielleicht verziehen –, aber sie hat den Betrug beinahe ein Menschenalter durch fortgeführt. Jedes freundliche Lächeln, das ich von ihr in der langen Zeit gesehen, war gelogen – jeder Kuß, jeder Händedruck ein Betrug, und wie das mein Herz mit Gift und Galle überfüllt hat, da es endlich einmal zu einem Ausbruch kam und kommen mußte, kann ich Dir nicht sagen. Ich habe mir selber über das Gefühl Vorwürfe gemacht,« fuhr er rasch fort, als er sah, daß Fritz etwas entgegnen wollte; »ich weiß, daß es nicht christlich ist; ich habe mit selber gesagt, sie ist Dir die langen Jahre eine treue Gattin, Deinen Kindern eine gute Mutter gewesen, und der eine Fehltritt war schlimm, aber der liebe Gott wird ihr schließlich verzeihen, so thu' Du es auch – es ging nicht. Ich weiß, daß ich mich selber damit unglücklich mache, mein ganzes Leben lang, aber ich kann's nicht ändern. Ich habe es nicht verdient, aber ich muß es tragen, und – werd's auch mit der Zeit tragen lernen.«

»Und der Mutter willst Du die Kinder, den Kindern die Mutter nehmen?«

»Sie hat das Nämliche gethan,« sagte der alte Mann finster; »sie mag jetzt büßen, was sie damals verbrach. Rede mir nichts weiter davon, Fritz – Du kennst mich zur Genüge und weißt, daß Widerspruch mich nur eher in meinen Vorsätzen befestigt, aber nie im Leben davon abbringen kann. Da sieh,« fuhr er fort, indem er die Thür des kleinen Wohnzimmers neben der Werkstätte aufstieß – »da haus' ich jetzt, das ist meine Heimath, wenn ich des Abends von der Arbeit so müde bin, daß ich die Knochen nicht mehr rühren kann – da steht jetzt mein Bett, und dort schlaf' ich allein – wie ein alter Junggeselle, der ich wieder geworden bin.«

»Und die Mutter?«

»Hat das Schlafzimmer neben der Küche, wo sie mit der Else ist, bis – die Scheidung einmal geregelt ist. Es dauert immer so lange, ehe man's fertig bringt, und der Staatsanwalt Witte wollte erst gar nicht dran. Jetzt hat er mir versprochen, es zu beeilen. Er weiß auch am besten mit allen Wegen und Formen, die man bei solchen Sachen zu beobachten hat, Bescheid und hat mir zugestehen müssen, daß dieser Fall hinreichenden Grund zur Scheidung gäbe.«

»Und was werden die Leute in Alburg sagen?«

»Gerade damit die nichts sagen können, laß ich mich scheiden,« trotzte der Alte. »Glaubst Du denn, daß auch nur ein Dienstmädchen durch die Stadt liefe, das nicht stehen bliebe und uns nachsähe, wenn ich wieder mit Deiner – Pflegemutter ausginge? Nein, wahrhaftig nicht – wir wären das Gespött und der Klatsch der ganzen Stadt, und so lange ich das noch vermeiden kann, werde ich mich ihm gewiß nicht muthwillig aussetzen. Aber, was ich Dich fragen wollte, Fritz: was gedenkt der – Herr Lieutenant jetzt zu thun?«

»Vater!«

»Gut – der Bruno also, wenn Dir das besser klingt. Was hat er gelernt, womit er sich hier sein Brot verdienen würde? Denn daß er bei mir als Lehrling in die Werkstatt eintreten möchte – was das Natürlichste wäre –, kann ich mir doch nicht denken.«

»Er will nach Amerika, Vater.«

»Nach Amerika?« sagte der Alte, still vor sich hin mit dem Kopf nickend. »Der Gedanke ist nicht so unrecht, und ich – ich wollte, ich wäre auch drüben, denn hier in Deutschland werde ich doch nicht mehr froh. Hol's der Teufel,« setzte er hinzu, indem er seinen Hammer wieder aufgriff und eine neue Eisenstange in's Feuer schob, »ich wollte, ich wäre todt und läg' draußen unter dem kühlen Rasen, um nur einmal eine Weile ausschlafen zu können von all' dem Grübeln und Denken, das Einem die Stirn bald auseinander reißt! Aber da kommt der Bruno wieder – nimm ihn mit fort, Fritz – mir ist jetzt so wunderlich zu Muthe – ich muß meinen Ingrimm erst eine Weile an dem Eisen auslassen, nachher wird's besser – nimm ihn mit fort.«

Fritz kannte den Vater zu gut, um nicht zu wissen, daß er recht hatte. In solcher Zeit war es am besten, ihn allein zu lassen; sein ruhiger Verstand und sein gutes Herz arbeiteten sich dann vielleicht wieder an die Oberfläche; wurde aber von außen gestört, so loderte der heimlich genährte Aerger auch oft lichterloh empor, und man verdarb jedenfalls weit mehr, als man nützte. Sobald Bruno deshalb die Werkstatt wieder betrat, nahm er ihn unter den Arm und führte ihn der Thür zu.

»Wir kommen wieder, Vater!« rief er dem Alten zu, »Bruno hat noch Einiges zu besorgen, und ich auch – auf Wiedersehen – Adieu, Karl!« Ein Wink für Bruno, und dieser folgte ihm vor die Thür, wo ihm Fritz die Ursache ihres raschen Abschieds mit wenigen Worten erklärte. »Und wo willst Du jetzt hin?«

»Den schwersten Gang von allen thun,« sagte Bruno leise. »Aber frage mich nicht, wenigstens nicht jetzt – morgen sollst Du Alles wissen, morgen seh' ich Dich auch noch, um Abschied von Dir zu nehmen. Du kommst doch in die Stadt? Ich möchte Wendelsheim nicht wieder betreten...«

»Gewiß – und Du willst wirklich fort?«

»Ich muß. Glaubst Du, daß ich es hier ertragen könnte, zu leben, wo ich jede Stunde einem früheren Kameraden begegnen und dann die kalten oder gar höhnischen Blicke ansehen müßte? Nein – nur über dem Meer drüben giebt es noch eine Heilung für mich. Und jetzt lebe wohl, denn den Weg, den ich heute zu gehen habe, muß ich allein gehen.«

Er hatte sich von dem Arm des jungen Mannes losgemacht und schritt langsam und schweren Herzens die Straße nieder. Aber es mußte sein, und er sich jetzt, wie er von Stand und Reichthum losgerissen worden, auch noch von dem Letzten losreißen, was ihm geblieben – von seiner Liebe.

Seine Bahn war schnurstracks dem Hause Salomon's zu, das er jetzt seit Wochen, seit er das Furchtbare erfahren, nicht mehr betreten. Er mußte noch einmal dorthin, um Abschied zu nehmen, um Rebekka ihr Wort zurückzugeben. Ja, einmal hatte er mit Stolz geglaubt, die Geliebte zu sich emporheben, sie mit Rang und Glanz umgeben zu können und keck dabei den Vorurtheilen seines Standes zu trotzen – das war vorbei. Er, der arme, pfenniglose Wanderer, der Sohn eines armen Handwerkers, konnte nicht mehr um die Tochter des reichen Juden freien, ja, Salomon selber würde sich geweigert haben, sie ihm zu geben und sein Kind mit ihm in die Fremde hinausziehen zu lassen. Also vorwärts! Mit seinem Entschluß war er im Reinen, und jetzt galt es ja nur, dem Schweren noch das Schwerste beizufügen; dann war Alles überstanden.

Wie in einem Traum schritt er aber heute durch die Judengasse, wie in einem wüsten, bösen Traum; er hob die Augen nicht vom Boden, und nur das Summen, Schreien und Toben, das Lachen und Kreischen der Kinder hörte er, als er hindurchschritt, wie aus weiter Ferne.

Jetzt hatte er Salomon's Laden erreicht und sah zu seinem Erstaunen den Alten emsig beschäftigt, einen Theil seiner Sachen zu ordnen, einen andern einzupacken, und viele Kisten standen schon theils zugenagelt, theils noch offen in dem Raum umher. Der alte Mann war auch nicht allein; seit jenem Mordanfall hatte er den dunkeln Laden nie wieder allein betreten und immer zwei Leute bei sich, damit, wenn er Einen fortschicken mußte, wenigstens Einer bei ihm blieb. Diese halfen ihm jetzt auch beim Packen. Kaum aber hörte er einen fremden Schritt und erkannte, sich danach umdrehend, Bruno, als er, erschreckt emporfahrend, ausrief:

»Gott der Gerechte, der Herr Baron! Ist er doch endlich gekommen, und wie ist mir geworden die Zeit so lang in der langen Weile!«

»Lieber Salomon....«

»Warten Sie einen Augenblick, Herr Baron – Ihr Beiden,« wandte er sich dann an die Arbeiter, »hört für heute auf; werden wir doch nicht fertig in einem Tag oder in einer Woche. Macht mir den Laden zu vorn und zieht mir den Schlüssel hübsch ab – und das Hofthor auch; wir werden gleich hinaufgehen, Herr Baron, kann Ihnen dann auch Ihre Quittung geben über Alles. Vor einer Stunde war der Mann hier, hat mir das ganze Geld gebracht, Capital und Zinsen, bei Heller und Pfennig. Ein nobler Herr, ein sehr nobler Herr, der Herr Staatsanwalt Witte – hätte aber wahrhaftig eine solche Eile nicht gehabt. Ich konnte warten, und würde auch mit Geduld gewartet haben – noch so lang.«

»Ihr wißt Alles, was vorgegangen ist, Salomon?«

»Soll ich nicht wissen, was die ganze Stadt weiß,« sagte der alte Mann; »die Kinder sprechen davon auf der Straße und die Mädchen am Brunnen. Es war ein trauriger Fall für die Frau Mutter. Soll ich leben – ich begreif's nicht – sind jetzt auf einmal in die Verwandtschaft gekommen – Ihr Herr Onkel hat mir den Hieb über den Kopf gegeben....«

»Lassen wir das, Salomon,« sagte Bruno mit einem schweren Seufzer, denn es war ihm furchtbar, das Entsetzliche gerade in diesem Augenblick noch einmal durchzuleben. »Ich freue mich, daß das Geld von dem jetzigen Erben so gewissenhaft ausgezahlt ist – ich selber wäre es nicht im Stand gewesen.«

»Ein Kunststück,« sagte der alte Mann, »wenn man eine halbe Million so mit Einem Schlag verliert – vor dem Mund weg.«

»Das also drückt mich wenigstens nicht mehr,« fuhr Bruno fort, »und nur noch Eins bleibt mir zu thun übrig, Salomon – Euch erstlich für alles Liebe und Gute zu danken, was Ihr mir gethan, und dann – Abschied zu nehmen von Euch und Eurer Familie – von Rebekka.«

»Abschied – wie haißt?« sagte der alte Mann, der aber in vortrefflicher Stimmung zu sein schien. »Sie wollen doch nicht fort von Alburg, Herr Baron?«

»Und weshalb nennt Ihr mich noch immer Baron?«

»Gott der Gerechte, wenn ich Ihnen jetzt auf einmal sagte, ich heiße nicht Salomon, ich heiße Isaak – würden Sie nicht immer zu mir sagen: Wie geht's, Salomon? und nicht: Wie geht's, Isaak? – Es liegt einmal auf der Zunge, und wenn man spricht, fährt's heraus.«

»Aber ich bin kein Baron mehr und – bin es nie gewesen.«

»Wenn das das größte Unglück wäre, was Sie betroffen hat, man könnt's ertragen. Aber wo wollen Sie hin, daß Sie kommen, um Abschied zu nehmen?«

»Nach Amerika, Salomon,« sagte Bruno entschlossen. »Ich bin jetzt arm, habe nichts mehr, und muß mir nun selber eine Existenz zu gründen suchen. Früher wäre ich stolz darauf gewesen, Rebekka die Meine nennen zu können – jetzt bin ich hergekommen, um ihr das mir gegebene Wort zurückzubringen; ich darf ihr Schicksal nicht an das eines Heimathlosen binden. So laßt mich noch einmal zu ihr hinaufgehen – es ist das letzte Mal –, noch einmal ihr in das gute Auge schauen und ihre Hand drücken, dann bin ich frei und – werde Euch nicht mehr lästig fallen.«

»Was das für a Red' ist,« sagte der alte Mann, »lästig fallen! Der Herr Baron – wollt' ich sagen: Herr Baumann – wissen recht gut, daß Sie uns nicht lästig gefallen sind. Aber wir wollen hinaufgehen; der Laden ist zu – muß nur einmal nachsehen, ob das nichtsnutzige Volk seine Schuldigkeit gethan. So, Alles in Ordnung; jetzt werd' ich hier zuschließen, und nun kommen Sie, Herr Baron – wollt ich sagen: Herr Baumann –, daß wir noch einmal zur Rebekka gehen, ehe Sie reisen nach Amerika – Gott soll's behüten, Amerika – und das viele salzige Wasser dazwischen – das wird eine Reise werden!«

Bruno erinnerte sich gar nicht, den alten Mann je so gesprächig gesehen zu haben, wie heute; aber das eigene Herz war ihm zu schwer, um viel darauf zu achten. Wie schwer wurden ihm die Füße, als er jetzt die Treppe hinaufstieg, die er sonst so oft mit wenigen Sätzen überflogen – fast so schwer als damals, da er Rebekka bitten wollte, sein Ehrenwort einzulösen, und doch die Bitte dann nicht über die Lippen brachte. Heute mußte er reden, hier half kein Zögern mehr, denn die Würfel waren gefallen, und Salomon schien ja auch seine Reise nach Amerika ganz in der Ordnung zu finden. Was blieb einem armen, aus seiner Carrière gerissenen Menschen überhaupt anders übrig, als das Vaterland zu meiden und in einer neuen Welt ein neues Leben zu beginnen!

Jetzt waren sie oben. Salomon öffnete mit seinem kleinen Schlüssel die äußere Saalthür, schloß sie dann wieder und hing die Kette vor. Dann aber lachte er und rief: »Rebekkche, Rebekkche! Wir haben ihn gefangen – hier ist er!«

Drinnen in der Stube ertönte ein Freudenschrei, die Thür flog auf und Rebekka weinend, jauchzend in Bruno's Arme.

»So,« rief der alte Mann, »das wird ein ordentlicher Abschied, fangen gleich damit an! Soll ich leben und gesund sein, wenn ich's mir nicht gedacht habe!«

Und jubelnd zog das junge, blühende Mädchen den Geliebten in die Stube hinein, und an seinem Halse weinte und lachte sie, daß er so lange, so ewig lange fortgeblieben, und dankte ihm, daß er jetzt wiedergekehrt wäre und die Sorge von ihrer Seele genommen hätte. Bruno wollte sprechen, aber er kam gar nicht zu Worte. Mit ihren Küssen erstickte sie das Schwere, das er zu sagen hatte, und doch nur schwerer wurde es ja gerade durch dieses Zögern, durch diese Liebkosungen, die ihm das Glück, das er im Begriff war, von sich zu stoßen, nur wieder mit all' seinem unwiderstehlichen Zauber um die Seele flochten.

Der Vater und die Mutter standen dabei. Da streckte Bruno endlich die Hand nach ihm aus und bat den alten Mann: »Sprecht Ihr mit ihr, Salomon – ich kann es ja nicht! Ihr wißt Alles – o, bitte, sagt ihr, was mich hergeführt!«

»Gut,« nickte Salomon vergnügt, »werd' ich sprechen, und nun, Rebekkche, wirst Du zuhören, was Dir der Herr Baron – wollt' ich sagen: der Herr Baumann – mitzutheilen hat. Als er aber ist gekommen, um Abschied zu nehmen, weil er nach Amerika will, muß er gerathen sein in ein falsches Haus, denn da wir auch nach Amerika gehen und die Reise also zusammen machen, braucht man nicht zu nehmen Abschied – es ist kein Verstand darin....«

»Aber, Salomon....«

»Außerdem will er zurückgeben dem Rebekkche ihr Wort, was sie ihm hat gegeben als Baron – wie haißt? Hat sie ihn dabei genannt Baron oder Bruno, bei seinem Vornamen? Nun, den Bruno hat er doch behalten, muß er nicht auch behalten das Wort?«

»Aber, Salomon....«

»Und als er ist nicht mehr Erbe von eine halbe Million – mit Abzug der Kosten –, ist er auch nicht mehr Baron, und die Sache wird sich heben. Dem Baron hatte ich mein Jawort gegeben – ja, aber mit wie schwerem Herzen – der Himmel weiß es, denn ich sah nichts als Unglück darin für mein Kind – Demüthigung und Thränen und Zank in der Familie, wo soll sein einig und Ein Herz und Eine Seele! Jetzt hat er abgeschüttelt den Baron, und nun ist er der einfache Bruno Baumann, der Sohn von'm braven Mann, dem Schlosser Baumann, und als das Rebekkche an ihm hängt mit ihrem ganzen Herzen und sich zu Tode härmen würde, wenn sie ihn sollt' verlieren, und als er bewiesen hat, daß er ist ein braver Mann wie sein Vater, der alte Schlosser Baumann, und kein Baron – Soll ich leben, mir geht der Odem aus – so wollen wir machen kurzen Proceß und sagen: der Gott unserer Väter segne den Bund Eurer Herzen – seid glücklich und macht uns alte Leute auch glücklich in Eurem Glück!«

»Aber, Salomon,« rief Bruno, betäubt von der auf ihn einstürmenden Seligkeit, »ich bin arm, blutarm, und nicht im Stande, eine Frau zu ernähren!«

»Wie haißt?« sagte Salomon. »Sie sind jung und geschickt und ein Meister auf dem Instrument – Amerika ist ein freies Land – glauben Sie, daß sich in einem freien Land ein junger, geschickter Mensch nicht durchbringen kann mit seiner Frau? Und sollt' es wo fehlen, hat der alte Salomon nicht Geld genug und nur ein einziges Kind, was er will glücklich machen, wenn's in seinen Kräften steht?«

»Und Ihr wollt Alle fort?«

»Alle,« sagte der alte Mann jetzt plötzlich ernst; »es ist kein Boden hier für uns, und seit dem letzten Raubanfall hab' ich das Vertrauen zu der Stadt verloren, in der ich heimisch war. Ich kann den Laden nicht mehr betreten ohne Furcht und Grauen, ich sehe immer den kleinen Mann hereinkommen, und seine häßlichen, stechenden Augen. Wir gehen mit dem nächsten Schiff. Viel von meinen Sachen hab' ich schon hier verkauft – Manches billig, Manches theuer – viel nehm' ich mit. Als es ist ein neues Land, brauchen sie Antiquitäten; der alte Salomon kommt nicht zu kurz. Sie aber, Herr Baron – wollt' ich sagen: Herr Baumann –, Sie meinen jetzt, Sie wollen dem Rebekkche ihr Wort zurückgeben, und ich soll mein Kind mit nach Amerika nehmen und soll sehen, wie es sich abhärmt und grämt und weint, blos weil Sie nicht mehr sind Baron – hat sie das um Sie verdient?«

»Rebekka,« rief Bruno in jauchzender Seligkeit, »ist es wahr, Mädchen? Du stößt den armen, schlichten Sohn eines Handwerkers nicht zurück? Du willst Dein Geschick an das seine ketten?«

»Dein bin ich, Bruno!« rief das schöne Mädchen, in Glück und Liebe erglühend und ihn fest umschlingend. »Dein für immer, Dein in Freud' und Leid – bis in den Tod!«

»Rebekka – meine Rebekka!«

»Gott der Gerechte, was ein Abschied!« sagte Salomon.