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Der Ewige Jude

Chapter 3: Ahasverus auf dem Weg zur Hölle
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About This Book

A solitary shoemaker experiences a burning inner unrest that is transformed by an encounter with a prophetic preacher, after which he is doomed to an unending pilgrimage. The narrative follows his episodic wanderings and repeated confrontations with suffering, injustice, and human smallness, alternating close psychological observation with broader social scenes. Through allegory and realist detail it meditates on exile, guilt, and the quest for consolation, asking whether compassion or curse will define a life that cannot find rest and must witness generations of longing and cruelty.

„Warum?“ dachte der Zweifler, und noch einmal „warum?“ mit einem höhnischen Lachen über sich selbst und über alles. Und in der schaurigen Öde seines Herzens stand es tief eingegraben: „Ich werde dem nutzlosen Traume treu bleiben. Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht zerbrechen.“

Seine Lippen blieben geschlossen, sein Blick blieb hoch und hart. Aber auf einmal sah er nichts mehr als die Augen Christi, Schweiß und Blut verdämmerten, er sah nichts mehr als die stillen, durchdringenden Augen, die reinigend das Antlitz erhellten. Ja, das war sein Bruder; ja, er sah es nun wohl: dieser hatte auch etwas, das dunkel in ihm glühte, etwas, womit er nirgendhin wußte, eine ewige Unrast; er sah es da wie in einem Abgrund, aber über dieser Tiefe zitterte ein unergründliches Licht, wie ein Lächeln, ein Segen . . . Ahasverus fühlte, wie die sanfte Flamme dieser Augen sein Herz versengte.

Und seitdem er das gesehen hatte, brannte es in ihm fort, mitleidslos, unauslöschlich, und er mußte Christus folgen, seinem Bruder. Und die ganze schreckliche Passion mußte er mit leiden: sein Fleisch war es, das durchbohrt und an das Kreuz genagelt, sein Mund, der voll Essig und Galle gestopft, seine Seite, die durchstochen wurde. Als Jesu Mutter in Ohnmacht sank, zerriß auch ihm das Herz, aber nicht einen Sohn nur beweinte er. Und als das Volk, von Furcht und Reue ergriffen, wegflüchtete unter dem trüben, leeren Himmel, ehe Er da oben Seinen letzten Seufzer tat, und nur noch einige Soldaten dablieben, die um seinen Mantel würfelten, und eine Wolke seine Stirn umflorte und Er rief: „O Vater, warum hast Du mich verlassen?“ — da suchte Ahasverus’ Blick Seinen geliebten Blick, und sie vergingen zusammen in demselben Meer von Verzweiflung, über dem dann das triumphierende, das unbegreifliche Lächeln Christi wieder glänzte.

Und als alles vollbracht war, eilte Ahasverus fort, wohin, wußte er nicht: er wußte nur, daß er niemals wieder ruhen würde und wandern und wandern würde, ohne Ende — ohne Ende.

Ahasverus auf dem Weg zur Hölle

Er ging, das Haupt zur aschgrauen Erde gebeugt; der Himmel da oben war nicht mehr für ihn da, er wollte nichts mehr sehen. Aber unauslöschlich brannte in ihm die sanfte Flamme von Christus’ Blick.

Und er haßte diesen Blick. O, hätte er ihn vergessen können, seine Brust offenreißen, um die Glut da drinnen totzuwürgen! . . . Umsonst! Er ging mit dieser unsagbaren Pein durch die leere Welt, und in seinem ganzen Wesen war eine Lust, nicht mehr zu sein.

Ja, nicht mehr sein! Aber . . . sterben — wie ist das Sterben doch mühsam! Er konnte nicht mehr wollen; — nicht denken, das war das einzige, was er wollte. Und es war doch auch eine versteckte Angst in ihm . . . er wollte nicht mehr denken.

Die Helle der Tage und das Dunkel der Nächte wechselten in ständigem Wandel über ihm. Er ging, schlief einen unruhigen Schlaf von einigen Stunden und ging dann weiter; die eine Hand hielt einen Knotenstock umklammert, die andere wühlte in seiner Brust oder umkrampfte bisweilen seine Stirn, als stäche ihn da eine Dornenkrone. Er mied zuerst die Dörfer, aß Früchte oder Rüben, und ging nur immerzu, unbewußt, verloren.

So wanderte er bergauf und bergab, durch Sonne und Wind, über die unermeßlichen Straßen der Welt. Er irrte wohl einmal tagelang auf Heiden und in Wäldern umher, um dann ausgehungert wieder niederzusteigen in die Täler, wo die Menschen wohnen. Und dort bettelte er, unwillig brummend wie ein Bär, der unter der Peitsche tanzen muß. Mit seinem mageren Gesicht, worin die starren Augen glommen, jagte er den Frauen Schrecken in den Leib; sie gaben ihm ein Butterbrot und zogen schnell ihre Kinder wieder ins Haus. Er dankte nicht und ging weiter und machte vor der Wirtschaft halt, wo die Pächter im Schatten beim Kegeln saßen und ihre Pfeife rauchten, die Hand am schäumenden Krug. Sie hatten Scheu vor seinem langen, unbeweglichen Schatten und rückten vorsichtig zur Seite, damit er sie nicht anrührte. Er sprach kein Wort, aber seine hagere Gestalt prophezeite Krankheit, Hungersnot und vielleicht noch schlimmere Plagen. Und in seinen Augen lag eine stumme Frage, die sie lieber nicht sehen wollten. Vor Ahasverus fühlte man sich beunruhigt, ohne recht zu wissen warum, — wie beim Sinken der Abendschauer, wenn der Mensch über das kurze Leben nachdenkt und das, was jenseits liegt.

Und er wanderte, wanderte. Bisweilen, als fürchtete er sich selbst, fühlte er wieder den Drang, unter vielen Menschen zu sein, verloren in einer Menge. So lief er einmal tagelang mit einem Heere mit, längs der Wege. Die Kriegsknechte wurden wild von dem endlosen Latschen und trieben allerlei Mutwillen auf dem platten Land, spielten die Herren, stießen mit ihrer Pike die Bauern vor sich her, forderten Speck mit Eiern, altes Bier und junge Mädchen. Zum Schluß, als sie in eine große Stadt kamen, fingen sie an zu meutern und zu plündern. Sie rannten wie wilde Raubtiere brüllend durch die dunklen Gassen, drangen in hellen Haufen in die Läden der Juden ein und warfen dann die Leichen durch die Fenster. Der Boden war rot und schwarz vom Blut, man focht bis in die Kirche, und Ahasverus sah, wie flehende Frauen und Würmlein von Kindern abgestochen wurden, als wäre es zum Spaß. Aber das Schrecklichste schien ihm dabei, daß sein Herz nicht einmal bebte: Geschah das in einem fernen Traum? Waren das Menschen, die da mordeten oder starben? — Als eine gewaltige Orgie über all dieses Sterben hinwegzulodern begann, flüchtete er wieder weiter, denn mitten im Gewühl noch war er allein — er war immer mutterseelenallein.

Er stand außerhalb der Menschheit und blieb doch ein Mensch, nichts als ein Mensch. Er stand außerhalb der Zeit der Menschen und fühlte doch diese Zeit in sich nagen. Er sah überall den Tod und das Leben im Streit, ohne Ende. Er sah Tempel in stinkende Beinhäuser verwandelt, wo am hellen Tag Hyänen heulten; er sah, wo früher die Wüste lag, eine Stadt ihre hohen Mauern und Türme erheben. Er sah neue Völker auftauchen und andere versinken. Er war der gleichgültige und doch leidende Zeuge des sinnlosen Daseins, das auf- und abgeht, stirbt und aufersteht, um wieder zu sterben. Er ging von Land zu Land, unbefriedigt; was ihm auch begegnete, es konnte sein Herz nicht füllen, er wollte weiter, weiter. Und er wußte es wohl, im Tiefsten seines Bewußtseins, daß sein Sehnen ewig war — daß ewig die Flamme war, die seine Seele versengte.

Er sah in Ägypten die Sphinx: eine Art Krebs fraß an ihrem Gesicht, und sie war schon halb im Sande versunken; sie schien müde vom Schauen in das Nichts. „Deine Zeit ist aus,“ dachte der Wanderer, „nun kommt die meine.“

Er sah das Land, wo die Bäume mit den Wipfeln im Boden wachsen und mit den Wurzeln in der Luft. Da laufen die Menschen auf dem Kopfe; sie kriegen Hühneraugen auf dem Schädel und Verdrehtheiten in die Füße; und sie essen mit dem Hintern, was mancher Gelehrte nicht glauben will. Aber Ahasverus hatte schon lange gefunden, daß nichts wahr oder unwahr genannt werden darf.

Er sah auch das Land, wo es eine löbliche Tat ist, seine Eltern umzubringen, ehe sie zu zäh werden, und sie einzupökeln für den Winter. Das schmeckt ganz lecker, sagen sie, wenn mans mal gewohnt ist. Ahasverus tat nicht wie ein unerfahrener Tourist, der sich über alles wundert, denn er hatte schon lange gefunden, daß nichts gut oder böse genannt werden darf.

Er sah Völker, die den Frieden priesen, und andere, die von nichts wissen wollten als von Krieg und Blut. So war jeder auf seine Weise glücklich oder unbefriedigt und hielt alles übrige für Narrheit. Er sah einen Stamm in Afrika, der sich von Waldpavianen regieren ließ. Er sah Menschen, die Weihrauch anzündeten für bekleidete Puppen oder für einen Haubenstock mit einem Hut darauf, und andere wieder, die ihren Dreck anbeteten. Und alle waren überzeugt, daß sie allein die göttlichen Gesetze beim richtigen Zipfel hatten.

Er sah das Land der Läusemenschen: die leben splitternackt in einem Tal, das wie ein Kessel ist, und beten gar nichts an, sondern liegen den lieben langen Tag auf dem Bauch, die Augen halb geschlossen, verloren in einem trägen, gestaltlosen Traum. Mit den Nägeln kratzen sie sich ihre Nahrung aus der Erde und kennen kein festlicheres Mahl, als Würmer und Ungeziefer. Wenn es regnet, verkriechen sie sich in Höhlen. Ahasverus sah von einem steilen Felsen aus gerade unter sich solch ein Faulwams sitzen und spuckte darauf: das plumpe Ding kroch etwas weiter, wie eine Kröte, und als Ahasverus noch einmal spuckte, rührte es sich nicht mehr. Wenn es Abend wurde, suchten sie einander träge und setzten sich dicht zusammen, und dann begann eines von ihnen ein ängstliches, langgezogenes Geheul durch seine heisere Kehle zu jagen, worauf zwei oder drei andere und dann eine ganze Herde da unten in der Dämmerung mitblökten, so traurig und verlassen, daß Ahasverus es niemals wieder vergessen konnte.

Oben, auf dem Berg, war die Stadt der Weisen: die pfiffen auf alles zeitliche Gut, und ihr Gesicht schien immer verklärt durch himmlische Gedanken, wie ein stilles Licht, das rötlich durch eine Alabastervase scheint. Sie waren sehr zart von Umgang und fürchteten das Sterben nicht, aber man fühlte etwas wie ein stilles Heimweh in ihrem Lächeln.

Als Ahasverus dort nach einiger Zeit wieder vorbeikam, bemerkte er, daß ein tüchtiges Stück von dem Berg der Weisen nach einer besonders feuchten Jahreszeit allmählich ins Tal niedergesackt war, so daß Heilige und Läusemenschen nun brüderlich vereint lagen, dreihundert Fuß unter der Erde. Ahasverus zertrat noch einige Ameisenhaufen, aber lustig war das eigentlich nicht, und voller Ekel zog er anderswohin.

So fand er, siebzehn Meilen oberhalb des Südwindes und dann rechtsum und quer geradeaus, nahe bei dem Pfannkuchenberg, wo man die Wolken mit einer Mausefalle fängt, das weitberühmte Schlaraffenland voller Vergnügen und Wohlleben. Die Bäume sind dort von Zucker und hängen voller Konfekt, die Häuser werden aus Pfefferkuchen gebaut und mit Honigtörtchen und Eierfladen gedeckt. Da könnt ihr den lieben langen Tag Reisbrei mit silbernen Löffeln essen, und überall säuseln Bächlein von goldenem Schaumwein, süßem Met, Hippokras, Geusenlambik und Oudenaarder Doppelbier. Wenn ihr des Ambrosias überdrüssig seid, streckt ihr die Hand aus nach den gebratenen Küken, die zu eurer Verfügung herumlaufen, oder ihr schneidet eine Scheibe Schinken von den zappeligen Ferkelchen, die immer das Messer parat in der Hinterbacke tragen. Jede Stunde Schlaf bringt einen Groschen ein; ihr braucht nur zu denken: „Herzchen, wonach steht dein Begehr?“ und das Appetitlichste, wovon ihr träumen könnt, steht vor euch, und es ist alles ein Prassen und Ludern und Schlampampen, was das Zeug hält.

„Ich spiele mit!“ sagte Ahasverus, denn es schien so, als ob diese strahlenden Vielfraße und Faulenzer sich durch keine überflüssige Grübelei den Teufel auf den Hals lüden. Und das war mir ein schönes Leben! und ein Schmausen! und ein Schleckern! und ein Vivatrufen! — aber es machte ihn übel und krank, sein Magen war bald aus dem Gleis, und da floß kein Wein, der seinen Durst ganz hätte löschen können. „Wir Schlaraffen“, sagte einer von ihnen, „haben Genuß vom Leben, weil wir uns nicht um die Unsterblichkeit der Seele kümmern.“ — „Ob ihr nicht beruhigter sein würdet,“ fragte Ahasverus, „wenn die Unsterblichkeit des Leibes euer Teil wäre?“ Denn er merkte, wie der Schrecken in ihren Bauch fuhr, wenn unangemeldet Freund Hein zwischen all diese fetten Saufsäcke trat, um einem von ihnen sein Brotgäßlein zuzudrücken; und wenn der Körper dann eiligst unter die Erde gestopft wurde wie ein fauliger Schwamm, der von überreifen Säften geschwollen ist, dann war das „Halleluja“ bei den Würmern, aber das „Ach, der Arme!“ da oben . . .

Es würde zu weit führen, euch von A bis Z zu erzählen, was Ahasverus auf seinen mannigfachen Reisen noch alles sah. Aber je mehr er sah, um so tiefer wurde die fürchterlich öde Kluft in ihm. Denn das war es nicht, das nicht, was er brauchte; die Dinge, die er sehn und greifen konnte, hatten nichts zu tun mit dem, was er brauchte; Dinge und Menschen standen da wie ein Spiel widerstreitender Kräfte, ein nutzloses Treiben ohne Zusammenhang oder Sinn, mit dem stummen Tod dahinter; und im Grunde konnte ihm das ganze Sammelsurium einer Schöpfung doch gleichgültig sein, da er sich als etwas anderes fühlte: er allein war von seiner Art, der auserwählte Verstoßene, und fand nirgend einen Reim auf die Stimme da drinnen, die ihn weitertrieb.

Das Unglaublichste schien ihm, sobald es das Neusein verloren hatte, gewohnt, und die jämmerliche Alltäglichkeit der ganzen weitgedehnten wunderbaren Welt hielt ihn eingeschlossen, so wie früher die dumpfige Enge seines Kellerchens in Jerusalem. Er fühlte, daß sein Schicksal in ihm lebte, stärker als der Tod, und es war ihm, als ob er eine Ewigkeit in sich trüge; aber er blieb doch unwiderruflich ein Mensch, mit seinem peinvoll sich abquälenden Kopf, mit seinen blutenden Füßen, die er über die Steine schleppte, mit seinen zwei ohnmächtigen Händen, die nichts packen konnten als ein wenig Staub, der sterben mußte. Er war kein Gott — nicht einmal ein Teufel! — und selbst eine Ewigkeit, durch die keine andere Klarheit als das wechselnde trübe Licht der Erde hindurchschiene, dünkte ihn ein Gefängnis, worin er sich im Kreise drehen würde mit eintönigem Schritt. Er hatte so ein Vorgefühl, daß er alles erfahren könnte, früher oder später, alles besitzen, was die Welt trägt. Früher oder später würde er alles schmecken, was ein Mensch schmecken kann, Freude, Leid, Liebe, Wollust, alle Genüsse, alle Erfahrungen der fünf Sinne; früher oder später würde er alle Leben kennen und mitleben. Seitdem er wußte, daß nichts das, was in ihm brannte, ersticken konnte, war das Mögliche für ihn vertausendfacht, aber gerade darum wollte er das Unmögliche. Er konnte vom einen Ende der Welt zum anderen laufen, und darum träumte er von dem, . . . was da drüben liegt, darum war ihm nichts begehrenswert als das Unaussprechliche, das ihm verborgen und verschlossen blieb. Was gab er um all diesen zerbröckelten Krimskrams ohne Ziel und Sinn? Und wenn eine herbe Frucht ihn nicht reizte, was war ihm dann eine Million herber Früchte? Die Zeit und alle irdischen Dinge waren sein, aber er verlangte doch, verlangte heftiger denn je nach dem Einzigen, was er nicht sehen konnte.

Er wollte nicht wissen, daß er darnach verlangte, er hätte alles, alles vergessen mögen. Jenen Blick von Christus, der ihn sanft versengte, den vor allem hätte er vergessen müssen. Das glückte ihm wohl einmal, aber niemals, ach! für lange. Denn der Himmel ohne Anfang und Ende mit seinem schweigenden Geflüster unerreichbarer klarer Sterne, — und das hin und her, ewig hin und her wogende, dumpf donnernde Rauschen des einsamen Meeres, — oder bisweilen schon der schmetternde Gesang einer Lerche, das feurig helle Schlagen einer Nachtigall in der Dunkelheit, es rief alles in ihm wieder die Glut wach, die Flamme einer Sehnsucht nach etwas, das er ahnte, das er nicht sagen konnte und das er nötig hatte.

Aber er wollte nicht daran denken. Als er einmal finster ein Dorf durchzog, wurde ihm ein Almosen gegeben von einer Frau, die das Gesicht hatte von einer, die viel gelitten hat, und sie schien keine Angst vor ihm zu haben; sie meinte, daß er auf einer Pilgerfahrt sei, und sagte ruhig: „Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . .“

„Ich suche den Teufel!“ fluchte Ahasverus.

Aber die Stimme säuselte in ihm fort: „Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . .“ Er hätte diese Stimme morden mögen, er hätte sich die Augen ausreißen mögen, um diese Augen von Christus nicht mehr zu sehn, er hätte sterben mögen, um dies Verlangen zu ertöten in dem Abgrund seiner Seele.

„Ich suche den Tod“, dachte er, — aber ganz aus der Tiefe kam ein Zweifel, den er nicht bannen konnte: es war nicht wahr, er würde nicht zerbrechen . . . Und warum beschlich ihn nun eine sonderbare Angst vor dem Tode, — als könnte er niemals ganz sterben? . . .

„Was ich suche, ist einfach nicht da“, grinste er dann wieder und verspottete sich selbst, aber er wanderte, er wanderte, ohne Rast.

So traf er einst auf seinen langen Wegen einen Pilgrim; unter dem breiten, mit Muscheln besetzten Filzhut schlotterte der Reisemantel, auf den ein Bettelsack und eine Kürbisflasche drückten. Es war eine knochige Gestalt, die ohne zu hasten weiterschlurfte, und beim Gehen fiel der Leib regelmäßig aufs eine und dann aufs andere Bein; der Kerl schien nicht mehr von seinem Willen getrieben. Als die beiden Schatten nahe beieinander wandelten, blickte er nicht auf. Er murmelte zwischen seinen Zähnen: „Unser Vater, der Du bist im Himmel . . .“, und man hörte die dicken Kugeln seines Rosenkranzes leise klappern.

„Warm!“ sagte Ahasverus, der durstig war und nach der bauchigen Flasche schielte.

Unter dem Rand des Hutes blickte das alte Gesicht auf, mit einem toten Blick, der in einer großen Augenhöhle saß, und sagte:

„. . . Geheiliget werde Dein Name . . .“

„Ein Schlückchen würde mir gut tun, Mann!“

„. . . Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden . . .“ antwortete der Pilgrim.

Ahasverus griff nach der Kürbisflasche und tat einen langen Zug, aber der Pilgrim murmelte immer nur und knabberte weiter an seinem Gebet, ohne auf etwas zu achten. Ahasverus wurde es seltsam zumute; das schien ihm wie ein Gespenst, beladen mit einem furchtbaren Geheimnis, und er fragte mit unsicherer Stimme:

„Aber Mann . . . lebst du? . . .“

Doch der Pilgrim sah noch einmal auf, wie ein gutmütiger Tropf:

„. . . Erlöse uns von dem Übel,“ und mit tiefem Atemholen: „Amen.“ Darauf fiel sein Blick wieder auf die Erde, und er begann von vorne mit einer anderen Kugel.

„Nicht viel Abwechselung in seinem Gespräch“, dachte Ahasverus, aber er folgte ihm doch in einem Abstand, angezogen von diesem Trottel, der auch nur immer wanderte, als hätte er kein Ziel, und seit Jahren vielleicht sich ganz und gar blödsinnig gepaternostert hatte; und der wurde ihm wie ein fernes Bild seiner selbst, aus dem der Tod, der unmögliche Tod ihm höhnisch entgegengrinste.

O, könnte er nur, immer und immer dasselbe Gebet wiederholend, langsam und verbissen und zuversichtlich seinen Geist in dem Nichts sich verirren lassen! Der alte Knabe da ging mit einem Schritt „ich werde schon hinkommen“, und als er am Mittag, immer noch vaterunsernd, seine Beine ausstreckte unter einer schattigen Linde, fiel er bald in Schlaf, wie ein unschuldiges Kindchen, und schnarchte ganz leise. Ahasverus betrachtete das totenhafte Gesicht, auf dem Ruhe ohne Falten lag. Neidisch zog er dann weiter, allein.

Aber kein Gebet brachte er über die Lippen, und er zählte seine Schritte, hundert, und wieder hundert, bis tausend und zwei- und dreitausend. Doch dabei waren seine Sinne mit etwas anderem beschäftigt, — mit dem, was an jenem Freitag geschehen war . . . — er konnte seine Gedanken nicht zur Ruhe bringen, er konnte das Bild des Gekreuzigten in sich nicht zermalmen, und wütend begann er dann zu fluchen, immer den selben Fluch, der niederhämmerte im Takt mit dem Schritt seiner Füße, bis dies Geramme seinen Geist betäuben würde.

Aber endlich mußte er wieder wild über sich selbst lachen. „Ich bin ein Kind,“ dachte er, „ein törichtes kleines Kind!“

Das Land verschwamm in den Abendnebeln, die sich mit dem langgezogenen Rauch schwelender Kartoffelfeuer mischten. Es war überall so einsam, so verlassen und voll Abendduft. „Wo werde ich nun landen?“ dachte Ahasverus erschöpft. Bald erkannte er die flachen Strohdächer eines Dorfes, mit Ställen und Scheunen; als er zu dem Platze kam, der die Kirche umgab, begann in den geschlossenen Häusern das freundliche Licht zu brennen. Er betrat eine Herberge, wo Bauern bei ein paar Kerzen um eine Tonne herum beim Kartenspiel saßen, und verlangte Bier und trank schweigend, mürrisch, ein Glas nach dem andern. Es war nun nur ein bewußtes Saufen noch, um seinen Geist abzustumpfen, um zu vergessen, um für einige Stunden tot zu sein. Aber es dauerte sehr lange, bis er betrunken wurde; dann kamen einige von den jämmerlichen Saufbrüdern spöttisch grinsend heran, um mit ihm anzustoßen, und sie grölten immer dasselbe schleppende Lied, indem sie ihre angeglühten Visagen einander zuneigten. Da lag ein Kumpan an Ahasverus gelehnt und langweilte ihn lallend und kläglich jammernd mit Geschichten von seiner Frau, die vor zwanzig Jahren am Pips gestorben war. Ahasverus wollte mitbrüllen, sank aber düster wieder in sich zusammen und trank . . . Am andern Tag erwachte er auf einem Misthaufen. Er torkelte weiter, legte sich noch etwas in einen Graben, um zu schnarchen, schob dann wieder in eine Wirtschaft hinein und trank. Sein Kopf schmerzte ihn, er sah alles durch einen Nebel. Frech schmiß er seine Groschen auf den Tisch, goß hinunter, daß seine Eingeweide davon brannten, zerbrach Gläser und wurde hinausgeprügelt. Und so zog er von neuem schwankend die Straße entlang, von Spelunke zu Spelunke, oder zwischendurch schnarchend, mit dem Gesicht auf der Erde.

Bis er, nüchtern geworden, wieder das Licht sah, wieder das Leben in sich fühlte und voller Ekel erkannte, daß sein Trotz nur eine Kinderei war, — daß es etwas gab, das er nicht vergessen hatte, etwas, das er niemals vergessen würde. Und in ihm lebte das heimliche Feuer, unauslöschlich.

„Wie sollte jemand sterben können,“ dachte er, „der so stürmisch nach dem Tode sich sehnt?“

Es war wieder einmal gegen Abend, und er war so müde. Was nützte es noch, die Arme auszustrecken? — und nach wem, nach was sollte er rufen? . . . Er setzte sich gebrochen auf einen Stein, am Rande eines großen, finsteren Waldes, während die Dämmerung grau aus der Ebene stieg; das säuselnde Schweigen der Erde sprach zu dem Schweigen des Himmels, nur in der Ferne schlug eine Glocke an; einmal trottete auch ein Hirte vorbei, der seine folgsamen Schafe zum Stalle trieb, und ihr Getrappel im Staub glich dem sanften Geräusch des Sommerregens. Es war so sonderbar, was in Ahasverus vorging, und dies schien wohl ein anderer Abend zu sein als gewöhnlich. Wie lange war er nun gelaufen? Er wußte es nicht; vielleicht waren die Jahre wie Stunden für ihn gewesen, gleichsam als wäre er in einem Traum gewandelt, der seinen Willen überzogen hatte, aber vor seinem klarer werdenden Heimweh nun langsam fortdämmerte. Sein Herz war zerstückt, aber auch seine lähmende Gleichgültigkeit war wie gebrochen, und aus der Leere seines Geistes richtete sich trauernd etwas auf, das er doch nicht töten konnte und das sein Bewußtsein war. O diese Glut wieder, diese lodernde Glut da drinnen! . . . Das Gefühl, daß das Leben in ihm doch fortwuchs und aus all dem Schutt unerbittlich aufschoß, und dazu die allzu süße Inbrunst dieses Abends, das alles machte seine Pein noch bohrender, als sie jemals gewesen war. Und er dachte:

„Ach! warum habe ich den Gekreuzigten angesehen? Gerade an jenem Mittag, bevor ich ihn ansah, hätte ich so leicht sterben können!“

Er wußte wohl, daß das nun nicht mehr möglich war, daß der gemeine Tod der Menschen den Hunger seiner schwellenden, seiner wollenden Seele, ach! fortan nicht mehr stillen konnte. Er träumte von einem übermenschlichen Vergehn, das zugleich die Welt selbst vernichten würde, einem Tod, der wie ein Fluch sein würde auf . . . auf jenes andere, Namenlose, wonach er begehrte, das er nicht erlangen konnte und das er haßte, das er nicht kennen wollte, — einem Tod, der sein würde wie ein Speien auf das Geheimnis, das ihn leiden machte. Er hätte mit beiden Händen den Himmel auf sein Haupt und auf alles mögen einstürzen lassen . . . Nein, es war zu albern! Er wollte nicht wissen, daß es einen Himmel gab, er klebte doch für immer an dieser harten Scholle . . . Und er fiel verzweifelt auf die Kniee, mit seinen Krallen in die Erde greifend; er wollte diese Erde sein, er wollte der Urstoff selber sein, er hätte sich in Millionen und Millionen Stücken verteilen lassen mögen, um in allen Dingen zu leben, — und seine Seele nicht mehr zu fühlen! — um der Saft der Bäume zu sein, das Blut des warmen Tieres, das Wasser der Ströme, der Fels und die Luft, das ewige Gären der Erde.

Die stille Flut der Nacht hatte sich über das ganze Land gebreitet, aber die Tiefen des Himmels blieben wie eine spiegelklare See. Und Ahasverus, erdrückt von der Verdammnis dieser Unendlichkeit, flüchtete in den Wald, — in das grüne Dunkel.

Der Wald war voller Flüsterstimmen und seltsamem Gezitter; tastend ging Ahasverus hindurch. Die größten Bäume standen da wie Riesen, bemoost und so viel Jahrhunderte alt, daß sie das überflüssige Sprechen verlernt hatten. Über den durchsichtigen Laubgewölben ahnte man überall andere Laubgewölbe, als wären da zwei, drei Wälder übereinander, und ringsum, zwischen den Ästen von blasserem Grün, die leise zitterten wie mit vielen fast regungslosen Flügeln, verirrte sich der Blick durch ein geheimnisvolles Spiel von Schatten bis in schwarze Höhlen von wirrem Gewächs.

Von dort quoll nun überall die volle Nacht heraus, während alle Dinge ihren Atem anhielten, um keinen Laut zu wecken. Nur ganz ganz hoch rauschten Blätter, die der Mond vielleicht beschien; bisweilen piepte ein Vogel, der halb im Schlaf etwas erzählte. Das Dunkel tat Ahasverus wohl, und auch, daß alles wieder einem Traume glich.

Vorsichtig schritt er weiter; der Boden senkte sich immer mehr zu tieferen Mulden, wo die Luft schwül war von wilden, feuchten, brütenden Gerüchen, und die Stille voller Unrast, als wäre sie ein großer Seufzer, der herauswollte und nicht konnte. Viele kaum hörbare Laute bullerten und knisterten in der dunklen Wärme, — Tiere lebten da und waren gewiß bei der Paarung. Einige sprangen weg neben ihm, und das Gestrüpp knackte unter ihrem Lauf. Dann begann auf einmal ein Hirsch vor Brunst zu schreien, irgendwo in der Einsamkeit einer Tiefe. Ahasverus lauschte gespannt: — nichts mehr, nur das Klopfen seines Blutes fast bis in die Kehle hinein, — wieder das klägliche Rufen, — andere Hirsche antworteten im Dunkel, — dann ein Galopp, der in der Ferne immer undeutlicher wurde, — dann nichts mehr . . .

Aber rieselnd sank da unten ein Gewimmel von Mondschein herab auf das silberne Zittern eines Sees, und am Rande, in der niederstäubenden Bläue, gewahrte Ahasverus eine nackte Frau, die halb ausgestreckt ihr Gesicht in dem flachen Wasser spiegelte, und sie sang ein schleppendes Lied, ein Dideldumdei, bei dem man sich nichts denken konnte.

Ahasverus schlich näher, um es zu verstehn. Der Gesang brach ab, die Frau sah sich flüchtig um, aber sie schien Ahasverus nicht zu bemerken. Sie wiegte sich langsam hin und her; spielend wie ein Kind erhob sie die Hände, gefüllt mit Wasser, das ins Licht niederrieselte wie perlende Blasen, — es war, als wollte sie die dem Monde weihen, — und dabei hielt sie ihr Köpfchen hintenübergebeugt und schwatzte allerhand Unsinn in der Vogelsprache. Und dann kein Laut mehr, nur noch das Glimmern des Mondlichts auf dem dunklen Wasser.

Die Stille lastete auf Ahasverus, und er rief gezwungen lachend nach dem artigen Ding, ohne selbst zu wissen warum. Sie blickte von der Seite mit schrägem Kopf auf, wie ein scheuer Vogel, der fortfliegen will.

Ahasverus kroch vorsichtig durch die Sträucher hinzu und blieb in einem kleinen Abstand auf der Lauer. Nach einer Weile schien das Meerweibchen ihn wieder vergessen zu haben, das Zittern eines Pfeilkrautes oder einer Wasserlilie hatte sie zerstreut, und sie träumte nun, lauschend in die Nacht und den Mondenschein, die junge Brust vorgestreckt, die leise atmete. Das Licht, das ihre reinen Glieder umzitterte, ohne Strahlen, war ein unbeschreiblicher Flaum, ein Tau, ein dunstiges Etwas, — wie eine gedämpfte Musik, die heimlich durch eine andere hindurchspielt, — zwei Gesäusel von Musik, die einander suchen und doch nicht zu berühren wagen.

Ahasverus erhob mit einem Ruck den Kopf, seine Augen triumphierten: „Ich hab sie!“ und er sprang hinzu. Aber fft — war sie unterm Wasser und weg . . . Von viel weiterher hörte er ihr helles Gelächter, daß der ganze Wald davon erklang.

Und Ahasverus stand da mit leeren Händen. Die Nacht wurde unendlich groß von peinvoller Stille.

„Uh! . . . Uh!“ rief endlich die Lockstimme, mit einem schelmischen Trällern.

Ahasverus rührte sich nicht, obgleich die Lust in seinem Leibe brannte; mürrisch in sich selbst verschlossen, tat er, als hätte er niemals von Meerweibchen gehört; nur sein Blick lebte in seinem düsteren Gesicht, denn er sah die göttliche Weichheit dieses schneeweißen Wunders langsam auf sich zuschwimmen, nachlässig und faul sich räkelnd; um ihre Hände und den gewellten Rücken glitt bisweilen ein Phosphorglanz; sie blickte zu Ahasverus hin wie ein schmollendes Kind, das doch lächeln möchte.

Als sie dicht vor ihm wiegelte, erschien sie wieder anders: ihr Fleisch hatte die Farbe sonnenvergoldeter weißer Trauben, ihr schwarzes Haar stand wie ein Helm und fiel nieder in wilden Ringeln, ihre Augen waren harte Steine voll dunklem Wechselglanz; und diese Augen riefen ihn, riefen ihn, aber Ahasverus rührte sich nicht.

Da sang sie für ihn dieses Lied:

„Du hast mich gesucht und hast mich gefunden, es konnte ja nicht anders sein. Und willst du es auch nicht wissen, — mich hast du begehrt, mich begehrst du.

Denn ich bin das Göttliche, das man besitzen kann.

Ich bin der Baum des Lebens. Meine Früchte schmecken nicht nach Gut oder Böse, sie haben den Schmack des Göttlichen.“

Sie schwieg einen Augenblick, und ihre Gedanken schienen zu anderen Zaubersprüchen abzuschweifen:

„Ich brauche dich, um ganz glücklich zu sein.

Ich schlummere da unten in kühlen Kammern, wo die Stunden keine Stunden mehr sind. Da wachsen allerlei seltsame Muscheln, und Smaragden so schön wie der Abendhimmel. Ich spiele da in Büschen träge lebender Pflanzen, die schwanken in der sanften Strömung.

Aber ich denke dort an dich, ich kann dort nicht schlafen, ich brauche dich, die Ewigkeit ist nichts ohne dich.

Komm, — ich weiß mehr, ich will dir mehr zeigen, wovon du nicht träumen kannst:

Ich kenne den Weg zu weiten, weiten Meeren, die ohne Ende sind. Da laß ich mich schaukeln von plätschernden Wellen und schreie vor Lust, wenn ich emporgeschwenkt den flüchtigen Schaum fangen kann in meinen Händen.

Die Wellen und ich, wir verstehen einander so gut! Sie nehmen die Gestalt an meines leichten Körpers, und ich, ich bin vielfältig wie sie.

Meine Augen schon, sieh in meine Augen! das ganze Meer ist darin. O, du weißt nicht, wie schön es ist, das erste Zittern des Morgenrots in den Tiefen der See!

Du weißt nicht, wie schön es ist, sich zu mischen mit dem durchsichtigen Wasser, das wie der Himmel ist und sich greifen läßt und dich greift, das bleiche Wasser, das fließende, lebende Wasser.

Ich streck meine Arme aus, ich fühle das Wunder meines Lebens, mein Blut singt das gleiche wie das singende Wasser.

Im Wasser halte ich den Wind fest und die Sonne, ich trinke das Licht, ich nehme alle Dinge in mich auf, ich bin wie eine einzige Blume, worin die Sonne und alle Dinge leben.

Meine Hände, meine Brust voll jauchzender Begierden, meine Lippen, meine Augen, sie sind nur ein Schrei noch, ein Seufzer, ein Gesang des Wassers und aller Dinge, sie sind der Gesang des brandenden Lebens, das immer neu geboren wird.

Aber dich allein hab ich nicht, dich allein hab ich nötig, denn alles, was in mir ist, verlangt nach dir, meine heimlichste Schönheit drängt zu dir . . .

Alles will ich sein für dich, das Leben alles dessen, was lebt; die Klarheit des Lichtes ist in meinem ewigen Fleisch, all die besonnten Dinge des Tages und die Schatten des köstlichen Abends, und auch die Nacht, die niemand messen kann, in der die Zeit stille steht.

Laß unsre Begierden ineinanderschmelzen, — wir werden unsre Seelen nicht mehr fühlen.

Die Welt wird in uns vergehn, wir werden das göttliche Meer sein und das göttliche Licht.“

Sie hatte sich bis vor ihn hingewunden, mit der gelassenen Geschmeidigkeit eines prächtigen Tieres, sie hielt seine Lenden umklammert und hob ihr Gesicht zu seinem Gesicht; er hatte mit beiden Händen ihren Kopf ergriffen, ihre Nüstern zitterten, ihre Augen berührten ihn, und er hörte aus ihren feuchten Lippen dies Geflüster, das ihm mächtiger schien als der Donner:

„Ich bin zugleich Rausch und Tod.“

Ahasverus beugte sich wild über ihre Augen, zu ihrem Mund; ein gewaltiger Schrei war in ihm eingeschlossen, der durch seine Kehle herausbrach; er stürzte sich auf sie wie auf eine Beute, und ineinander verschlungen kämpften sie den grausamen Kampf in dumpfer Wollust.

Er sah sie nicht mehr, den Kopf getaucht in die Nacht ihres Haares, gepreßt in ihre Arme; er fühlte nur die keuchende Brust und die lebendige Herrlichkeit dieses Leibes ihn umschwellen, wie wenn ein gewaltiger Seufzer durch das Meer fährt, — vergebens suchte er diesen sich windenden Leib ganz festzuhalten in einem Griff. Und sie rief:

„Zerbrich mich, umfaß mich, schlürf mich ein in dich . . .“

Und er: „Ich drücke dich an mich, ich drücke dich in mein Fleisch, aber ich hab dich nicht, ich hab dich nicht in mir . . .“

„Fühlst du mein Leben? fühlst du mein Blut? Verzehr mich, verzehr mich, ich will in dir vergehn . . .

— Ich will in dir vergehn . . .

— Wir sind wie zwei Flammen, die einander verschlingen . . .

— Ich kann nicht . . . ich kann nicht . . .

— Ich will sterben durch dich . . . O, wir sterben zusammen . . .

— Mein Mund zerquetscht deinen Mund wie eine Frucht, aber ich fühl deine Seele nicht . . .

— Fühlst du ganz das Leben, das brennt in meinen Brüsten, meinem Mund, in allem, was ich bin? . . . Mehr! mehr! Ich hab dich noch nicht . . .

— Meine Adern springen, mein ganzes Leben zerspringt in dir . . . O sanfter, bittrer Tod! . . .

— Fühlst du den Tod steigen, wie ein Wasser? Fühlst du dich verfließen und vergehn, aufgeschlürft von der Wollust? . . .

— Schweig, schweig still, laß mich los . . . O bitterer Tod, der kein Tod ist! . . . Meine Seele brennt fort in mir . . .

— Ich laß dich nicht los, ich will deine Seele . . .

— Meine Seele brennt fort in mir . . . Verzehr mich, oder ich erwürge dich! . . .

— Mehr! mehr! jedes Stück meines Leibes soll ein neues Fest des Wahnsinns werden!“

Es war, als ob er sie ersticken wollte an seiner Brust, doch ihr Blick forderte ihn noch heraus, in dem Dunkel, und er fühlte, wie sie ihn zur Tiefe zog.

„Ich bin noch, was ich war . . . Der Schaum von Genuß und Schmerz ist wie Salz in meinem Mund . . .

— Nimm mich, werde eine Flamme in mir, nimm mich . . . ich will dich lehren, was mehr ist denn alle Lüste . . .

— Ohnmächtige Raserei! . . . Dein Abgrund ist nicht größer als mein Abgrund . . .

— Ah, du kannst nur beißen, Bestie! . . .

— Beiß nur, beiß! . . . Du kannst meine Seele nicht austrinken, elende Harpyie! . . .

— Hinunter, hinunter! . . . wo alles Licht vergessen ist . . .

— Dein Tod ist Lüge . . . Meine Flamme wird deinen Tod verzehren . . .

— Ich schlepp dich mit, ich muß dich haben . . . Sieh mich an . . . entschlüpf mir nicht! . . .

— Ich will dein verblühtes Fleisch zermalmen in deinem Kot . . . Dein Tod ist Lüge . . . deine Augen sind Lüge, deine einfältigen Fleischaugen . . . O, die Deinen, Christus! Christus! . . .“

Ein unmenschlicher Schrei gellte durch den Wald, das Meerweib rang noch einen Augenblick seine blutenden Hände, während es sich wie toll in den Arm biß, und sank zurück in die Nacht.

Ahasverus lag allein, keuchend, in der dunklen Totenstille voll von Gerüchen verwesender Teiche. Sein Herz lastete schwer in ihm, wie eine zu reife Frucht: es blieb ihm nichts als Ekel übrig und Haß. Warum lebte er noch? Warum hatte er jenen Namen ausgestoßen? Warum konnte er den nicht ausspeien für immer? —

Und langsam kam nun, mit sanftem Windessäuseln in den Kronen und erwachendem Vogelgezwitscher, die feuchte Graue des Morgens, und dann der Morgen selbst, grausig in seiner Stille, ein Licht, das ohne Hast, aber unabwendbar wuchs, die Weite des Raumes einnahm und durch das dichteste Laub etwas von seiner Klarheit niedersickern ließ. Und mit diesem Licht wuchs in Ahasverus die Angst.

Tiefer noch, tiefer in den Wald hinein! In die grüne Nacht . . .

Aber er wußte es nun wohl, daß das, dem er entfloh, in ihm selbst war; wie er seine Brust auch aufreißen mochte, es lebte da, wie das fürchterlich stille Licht von zwei Augen . . .

Und eine folternde Frage war aus seiner gebrochenen Seele aufgestiegen:

„Wenn es nichts anderes gibt, warum dann dein Rasen?“

Verzweifelt suchte er nicht mehr zu denken, aber die Frage war da, und er mußte wohl hassen, er konnte nicht mehr anders, mit einem Haß, der schon das Zeichen des Todes trug. Und er blieb den ganzen Tag irgendwo in einer Höhle verborgen, niedergekauert wie ein Tier, das Angst hat.

Sein Kopf schmerzte ihn, seine Kehle war trocken, das Fieber brannte in ihm; in seinem Munde fühlte er noch etwas wie einen faden Geschmack von Blut, der ihn an das Meerweib erinnerte.

Er jagte ihr Bild fort, er wollte alles, alles vergessen; aber andere Visionen stiegen herauf, bisweilen verschwommen und dann zugleich wieder furchtbar deutlich.

Er sah die Stadt in Feuer und Flammen, wo die Landsknechte beim Morden waren; er sah die Augen eines steinalten Mannes, der nicht mehr schreien konnte und das Messer in die Kehle kriegte; er sah eine Frau auf den Knieen, ihr Kind an der Brust, fast in ihren eingekrampften Leib gedrückt; sie rief: „Gott, o Gott!“ dem Wüstling zu, der auf sie eindrang, und das unschuldige Lamm in ihren Armen wurde auf eine Pike gesteckt, das Blut spritzte bis zu Ahasverus’ Gesicht . . .

Ja, diese Mutter rief nach . . . etwas anderem . . . Denken wohl die Ameisen, die man tottritt, auch manchmal daran? Dies Kind hatte doch nichts verbrochen, sie marterten es ohne Grund, und es litt sinnlos. So war es überall: blinder Blutdurst, sinnloses Leid! Ahasverus’ Gedanken kreisten darum, mit einer heimlichen, tückisch lauernden Zufriedenheit: es war etwas darin, das ihm wohltat. Grausam sein ohne Zweck, war das nicht das Göttliche? Und erstickte das nicht in Blut, was die Ameisen von Menschen Gott nennen?

Es war, als ob er das zuckende Fleisch des Kindleins mit seinen bebenden Fingern berührte. Ein teuflisches Lachen wollte aus ihm heraus, aber er konnte nicht einmal mehr lachen. Und als er aus seiner Höhle gekrochen war, stand er in der Nacht glotzend da, auf Händen und Füßen, und fühlte den Wahnsinn in sich steigen und dachte: „So ist es gut!“

Im Walde war nur noch hier und da ein trübes grünes Licht, wie tief unter dem Wasser, und es schienen träge Gestalten sich darin zu bewegen. Ahasverus hörte Stimmen auf sich zukommen, Stimmen ohne menschlichen Klang, die er aber bisweilen zu verstehen glaubte, wenn sie auch verworren waren und flüchtig. So begann die Nacht seltsam zu leben, mit dem matten Flügelschlag der Eulen und allerlei Lauten von Tieren, die im wilden Gestrüpp einander suchten. Was sie riefen, war ihm zuweilen verständlich, aber er vergaß es sogleich wieder: es war etwas wie Schreie aus ihrem Fleisch, durch andere, ebenso zusammenhanglose Schreie rasch wieder fortgeweht. Das ganze Volk des Waldes begann um ihn herum zu erwachen. Wölfe liefen vorbei auf weichen Pfoten, und er fühlte ihren feuchten Atem; eine Schlange zog langsam ihre kalten Ringe über seine Hand; das Gesträuch knackte unter dem schweren Leib eines Ebers, der, mühsam aus den Nüstern blasend, sich an einem Baume rieb, und Ahasverus roch den warmen Geruch seines Schweißes und dachte: „So ist es gut!“ Er spürte zugleich wieder jenen Blutgeschmack in seinem Mund und dachte: „So ist es gut!“ Und als der ganze Wald zu rumoren anfing und er ringsum Gestampf und Gebrüll vernahm von Brunst und schmerzendem Genuß, begann er mit zu heulen, ohne zu wissen warum, wie ein Raubtier, das zuviel unerträgliches Leben in sich hat und es voll Schmerzen ausströmen will.

Nun war es, als ob alles, was laufen, fliegen oder kriechen konnte, um ihn herum krabbelte und wimmelte. Haufen kleiner Tiere schwärmten wie Bienen, wanden sich wie Würmer, besprangen einander in Paarungswut und bissen einander. Die mageren wurden verschlungen von den fetten, die fetten gestochen von den flinken. Viele waren da wie fliegende Pünktchen, die alles töteten, was sie berührten. Die Liebe sogar war ein Kampf. Ineinanderverschlungen kämpften Einhörner, Schlangen, Greife, riesengroße Spinnen und phantastische Ungeheuer, mächtig gewappnet für die Begattung und den Mord, mit Ruten wie rote Dolche und Greifarmen zu beiden Seiten des Mauls, die mit Zähnen besetzt waren wie Sägen. Alle wurden nun trunken von stummer Begierde und Zerstörungswut, einige zerfleischten sich selbst, mit triefenden Kinnbacken, und das Blut der Geburten vermengte sich mit dem Blute des Todes. Der Schrei jener Mutter und ihres unschuldigen Kindes in der brennenden Stadt schrie nun aus allem. Die Bäume selbst sah Ahasverus leiden, die Knospen sprangen auf mit einem schmerzlichen Seufzer, die Früchte barsten ächzend und streuten ihren Samen ins Weite, der Saft rann wie eine verzehrende Glut unter der Rinde, und überall war das Leben nichts als ein schmerzenvolles Feuer, das neues Wachstum hier entstehen ließ und es dort wieder versengte: verbrennen, um von neuem zu wachsen, wachsen, um von neuem zu verbrennen, — Leben und Tod waren ein Brand, der auch in Ahasverus’ Adern kochte. Aber er konnte nicht mehr aufstehn, er konnte nicht mehr heulen, er ließ sich mit dem Gesicht auf den Boden fallen, ihm war, als ob er in der Erde festwüchse, um sich niemals, niemals wieder zu rühren, und das Leiden dieser Erde fühlte, all dies Leiden ohne Sinn, während unaufhörlich über ihn hin der Lauf der sich paarenden und kämpfenden Tiere ging und der Schrei des brennenden Waldes, der schrie: „Ewig! ewig! ewig! ewig! . . .“

Und das Schrecklichste waren ihm, über der Hölle, die Augen Christi, die um ihn weinten.

Ahasverus auf dem Weg zum Himmel

Auf einer Lichtung hauste in jenem Walde ein alter Eremit: seine Klause war so klein, daß ein Kaninchen mit vier Sprüngen alles davon gesehen hätte. Der heilige Mann schlief dort auf einem Bett von dürren Blättern. Er buk sich selbst sein Roggenbrot, zog etwas Gemüse und hielt eine Ziege und ein Dutzend Küken. Für die schönen Körbchen, die er zu flechten verstand, bekam er dann und wann das wenige, was er sonst noch brauchte, aus einem entlegenen Dorf, und Wallfahrer brachten ihm bisweilen auch Leckerbissen von der Kirmes, etwa weißen und schwarzen Schwartenmagen mit Schnuten und Poten. Aber des Klausners Seele und all sein Tun waren stets Gott allein zugekehrt. Ihn bewundern und loben in all seinen Werken und versinken in die Betrachtung seiner unerschöpflichen Güte, das war seine Beschäftigung, und das war sein Leben.

Und so geschah es einst, als er am frühen Morgen schon still am Wandeln war und mit dankbarem Staunen das Wunder aller Tage beschaute, den Morgensonnenglanz, der durch den feuchten Wald spielte, daß er einen Mann auf dem Bauche liegend fand, mit ausgestreckten Armen, der leise stöhnte. Der Klausner holte etwas Wasser aus einem Bach, wusch dem Fremdling das Gesicht, und endlich schien dieser aus einem Traum zu erwachen, mit irrem Blick. Er begriff nicht, was der Alte zu ihm sprach, und ließ sich schwankend tragen bis zu dem Blätterbett, wo er dann erschöpft wieder zusammensank.

Ahasverus brannte von dem Fieber, und Visionen durchdüsterten sein Erinnern; die Hölle rief noch hinter ihm, und er klammerte sich fest an den Arm des Klausners, um nicht in jene grausige Tiefe zu fallen, wie ein Stein in einen Abgrund. Und der Alte, um ihn zu beruhigen, klopfte ihm dann leise in die Hände, wie man einem Kinde tut, und dankte im Innersten Gott, der ihn vielleicht als Werkzeug erwählt hatte, um einen armen Sünder zu retten.

Und jedesmal, wenn Ahasverus seine Augen öffnete, sah er den guten Graubart sogleich herbeikommen, und das Lächeln in diesem runzligen Gesicht war so natürlich, daß Ahasverus dann auch matt lächelte, — er fühlte sich so völlig erschöpft . . .

An diesem Tage sprachen sie beinahe nichts. Von Zeit zu Zeit bat Ahasverus um einen Trunk; das kühle Quellwasser erfrischte sein Herz für einen Augenblick. Als das Fieber ihn ein wenig losließ, blickte er halb bewußtlos auf das ruhige Treiben des Eremiten, der Kräuter für den Kranken ziehen ließ oder ihm seinen Brei kochte oder still dasaß über den dicken Kugeln seines Rosenkranzes und betete.

Aber als der Abend kam, wurde Ahasverus todesbang: das geheimnisvolle Leben des Waldesdunkels begann wieder zu spuken und über ihn hin zu heulen. Erst als er fühlte, daß der Klausner ihn bei der Hand hielt, konnte er die Nachtmahr von sich abschütteln, und als er das klare Gesicht über sich gebeugt sah, war es ihm auf einmal, als ob seine Mutter vor ihm stünde. So schlief er denn sanft ein.

Als der Hahn ihn wach krähte, war der Wald, den er durch die offene Türe sah, schon blauig von der Frühe des Morgens; ein rosiger Strahl glitt durch das Fensterchen in die Klause, und draußen war ein Gezwitscher und Geflöte von Meisen und Amseln in der Kühle; sogar den alten Eremiten hörte Ahasverus irgendwo singen, etwas wie ein Gebet, auf eine verhaltene und eintönige Weise, die kindlich klang.

So duselte Ahasverus noch einen Augenblick vor sich hin, und Erinnerungen von einst, da er ganz klein war, stiegen ungerufen in ihm auf; seine Mutter nahm ihn wieder mit zur Kirche, und er durfte da mitsingen; in der Kirche waren duftende Weihrauchwolken und schöne Lichter, die den ganzen Tag brannten, und goldene Dinge, die im Halbdunkel glommen. Seine Mutter war früh gestorben, sie sah immer so traurig aus . . . Er schloß von neuem die Augen und träumte von diesem Weihrauch und diesem Gesang, bis der Klausner wieder behutsam hereinkam; er plauderte mit friedvoller Stimme und brachte Ahasverus Milch und Brot und Eier, was ihm sehr gut tat, denn er fühlte wieder das gierige Leben seines Leibes.

„Ich will leben . . .“ — er sagte es mit einer Frage in seinem Blick, und „Gott wird Euch heilen“, sprach der Alte.

Es befremdete Ahasverus selbst, daß seine Stimme so ohne Kraft war. „Gott . . .“ lispelte er, schwieg aber wieder, sobald er dies Wort aus seinem eigenen Munde gehört hatte.

Und als er nun aufrecht saß und umherblickte, sah er dicht beim Fensterchen einen Holzblock, worauf ein gekreuzigter Heiland seine Arme ausstreckte, neben einem schweren Buch und einem Totenschädel. Ahasverus betrachtete das lange und mit schmerzlicher Andacht. Er begriff nicht mehr, was in ihm vorging, es war wie eine geheimnisvolle Scheu, die zauderte: er fühlte es wohl, daß er wie ein Kind dalag, daß er nicht mehr hassen konnte, daß sein Hochmut gebrochen war, und er fühlte das wie den süßen, süßen Schmerz von einer Wunde, aus der sein Blut unsichtbar wegtropfte.

„Frag mich nicht, wer ich bin . . . Du darfst mich nichts fragen . . .“

Er ließ sich wieder hintenüberfallen, und seine mageren Hände lagen ohnmächtig da, und in seiner Brust brannte der süße Schmerz.

„Gott hat Euch zu mir gesandt“, sagte der Alte ruhig und ernst.

Ahasverus lächelte wehmütig und schwieg.

An diesem Tage wandelte er mit dem Eremiten durch den Wald. Die Milde des Herbstes lag schon in der Luft; feiner Nebel glitzerte auf den Spinneweben, und der Sonnenschein war eine blonde Röte, die alle Dinge so schön machte wie eine schöne Erinnerung. „Ich lebe!“ dachte Ahasverus immer nur, mit einer Art von Verwunderung und einfältiger Freude. Er fühlte den Boden unter seinen Füßen, sah das Schauern des reinen Lichtes durch die Bäume, die voller Vögel waren, sog den Duft der Himbeeren ein, und das alles war Leben, Leben, — aber durfte er dieses Leben wohl anrühren? Würde es nicht auf einmal verschwinden in einem Traum? Und er lauschte nach der ruhigen, innigen Stimme des Alten so wie früher nach den Märchen seiner Mutter. Wieviel Jahre war das her? War sein Leben eine einzige lange Krankheit gewesen, aus der er nun erst langsam genas?

Als es Abend wurde, saßen sie zusammen auf einer kahlen Höhe, von wo man, über die Kronen der Bäume blickend, all die Wälder sich dehnen sah wie große Wellen, die endlich ineinanderliefen und immer blauer wurden bis hin zur purpurnen Ferne, wo die Sonne sterben ging. Die letzten Strahlen schienen noch da drüben auf dem strengen Antlitz des Waldes, der die Stille umsäumte. Als Ahasverus so neben dem Eremiten saß, war all das böse Grauen verbannt; aber je mehr Friede aus der Welt heraus flüsterte, und je zarter der Himmel über ihm wurde, um so mehr fühlte Ahasverus die alte Unrast wieder in seinem Herzen, fühlte er die Wunde seines Herzens brennen, unerträglich sanft, in dem verlöschenden Lichte des Abends.

Sie schwiegen lange. Das Antlitz des Eremiten war ein unbewegliches Leuchten in der lichten Dämmerung. Er schloß seine Augen, um tiefer in sich selbst die währende Schönheit anzuschauen alles dessen, was er gesehen hatte, und sagte halblaut: „Gott!“

Dies eine Wort war wie die Stimme des großen Schweigens, worin sie da irgendwo saßen, verloren wie in einem Meer.

„Ich habe ihn so lange gesucht . . .“ sagte Ahasverus kurz und dumpf, den Kopf zum Boden gewendet.

„Was könntet Ihr wohl anders auch suchen?“ fragte ruhig der Greis. „Alles, was die Menschen tun, sind Bewegungen hin zu Gott. Aber sie wissen es nicht und liegen im Schlamm.“

„Ich habe ihn niemals gefunden . . .“

„Wenn Ihr nun ahnt, daß Gott ist, dann könnt Ihr nichts anderes finden. Er ist das Unbegreifliche Licht. So wie alle Flammen nach oben schlagen, so kann Eure Seele nicht anders, als steigen zum Licht.“

„Aber wenn alles nur ein Traum wäre . . .“

„Alles ist ein Traum, nur nicht dies eine.“

Die unhörbare Flut der Dunkelheit kam langsam herauf: die Wälder standen tiefschwarz gegen den opalglänzenden Himmel. Und Ahasverus fühlte schmerzlicher denn je, daß, was da in ihm brannte und ewig brennen würde, ach! kein Traum war.

Die folgenden Tage schweifte er wieder umher, von seiner Unrast gejagt. Das Bild jenes Abends lebte in ihm fort, eins geworden mit den Worten des Klausners: die schwarzen Wälder und der leuchtende Himmel, der die Welt überwölbte . . . Da hatte er auf einmal so deutlich begriffen, was er war; — das Unergründliche Licht! dies Wort war bis in sein tiefstes Innere gefallen, und . . . er fand es so einfach, nun, da es ausgesprochen war, wie wenn es schon lange in ihm läge, unbewußt. War es also doch dieses, wonach er verlangt hatte? Wonach er noch verlangte, — denn die Flamme schlug wieder empor, er hatte sie in den Abgründen des Erdenstaubes nicht auslöschen können . . . O, diese Abgründe! . . . Seit er dort gewesen war, fühlte er mehr denn je seine Ohnmacht, und daß er ein armseliges Pünktchen war, verloren im Ewig-Unbegreiflichen: sein ganzes früheres Leben schien ihm zusammengeschrumpft zu einem Nichts — zum Rascheln dürrer Blätter von einem Schritt, der vorübergeht — vor diesem einen, wovon der Eremit gesprochen hatte. Warum sollte er es noch leugnen, sich verkriechen hinter einem Stein? Er suchte dies eine, ach, er suchte dies eine!

Aber . . . wenn es gar nicht vorhanden wäre? . . .

Zerrissen von diesem Zweifel, blieb er lange, den Kopf zwischen den Händen, versunken in grausige Nacht, bis endlich wieder eine Klarheit in ihm tagte, und diese Klarheit war wie ein Blick, den er so wohl kannte:

„Etwas von diesem Licht war in den Augen Christi . . .“ grübelte er.

Er lief durch den Wald, strauchelnd, und rief: „Gott! Gott!“ als ob das hätte helfen können! Erschöpft lag er dann wieder, die Hände ringend, im Grase und rief: „Gott! Gott!“ und auf der freien Höhe blieb er hochaufgerichtet stehen, den Kopf hintenüber gebeugt und die Augen geschlossen, und rief: „Gott! Gott!“ — aber er war unabänderlich und ewig allein.

Sein Blick folgte einer Lerche, die singend stieg und stieg, in die Luft, so hoch, daß sie in dem strahlenden Raum verschwand. „Sie wird bald doch wieder hinunter auf die Erde müssen!“ lachte Ahasverus. So flogen auch seine Gedanken, aber sie waren wie blinde Vögel, die zum Licht emporstiegen, um dann, vom Blitzstrahl der eigenen Verzweiflung getroffen, auf verbrannten Flügeln wirbelnd wieder in die Finsternis hinabzutaumeln.

Und selbst in der Helle des Tages erschienen alle Dinge der Erde ihm dunkel, wie an jenem Abend; im Walde war es ihm, als ob kaum ein wenig Kellerlicht durch die alten Bäume herabsickerte.

Bisweilen dachte er: „Meine Füße haben in dem Tod gestanden, meine Hände haben den Tod gefühlt, ich kann nichts, ich bin nichts, nimm mich in deine Unendlichkeit, o Gott!“

Und bisweilen, wenn das Blut wieder in ihm stark geworden war, erhob sich auch die Stimme von früher: „Ich werde nicht zerbrechen“, und verbissen irrte er dann durch die Verlassenheit der Wälder, bis er am Abend, hungrig und erschöpft, wieder in der Klause ankam und still sitzen blieb bei dem Eremiten. Sie sprachen wenig; aber Ahasverus fühlte sich dort wohler und sicherer. Denn wenn er auf das friedvolle Gesicht des alten Mannes blickte, sah er, daß dort eine Zuversicht war, die er nicht begriff, aber doch fühlte.

Und Ahasverus glaubte nicht, aber etwas war in ihn hineingeschlüpft, wenn er es auch selbst nicht deutlich wußte, das immer heller brennen würde in der Glut seiner dunkel-öden Seele: die Hoffnung, — die Hoffnung, daß auch er einst seine Ruhe finden würde, — vielleicht . . .

Der Wald begann allmählich zu rosten, ein großer Palast voll trüben Glanzes.

Auf dem fahlenden Kupferrot und Bernsteingelb der Kronen lag der flüchtige Glanz der Sonne oft so fremd, weil man nicht sah, aus welchem Winkel des Himmels sie scheinen mochte, als wäre sie aus Nebel zu Licht geworden oder ein stilles Leuchten der Dinge selbst.

Aber dann kam der verwesende Herbst, der unaufhörliche, fröstelnde Regen, der die Wälder erschauern macht in einem bleichen und totenstillen Dunst.

Der Eremit wurde krank: sein Leib war so alt! Ahasverus blieb nun fast immer bei ihm; oft schwiegen sie lange, und aus diesem Schweigen erhob sich dann das verzückte Wort des Heiligen wie ein reines Feuer über eine Welt empor, die Ahasverus grauer und elender schien denn je. Weiter zu flüchten ins offene Land, daran dachte er nicht einmal mehr: was konnte das nützen? Es war doch überall dieselbe Erde, dunkel, gebunden in ihrer Verdammnis.

Aber ein kleines Samenkorn von Hoffnung kann so schnell aufschießen, ohne daß man es merkt, da drinnen! Und es schimmerte wohl eine Helligkeit da drinnen, wie das geheimnisvolle Herbstlicht, dessen Ursprung man nicht sieht, — ein blasser Widerschein jener Schönheit, die in der Seele des Klausners wie in einem hellen Spiegel lag.

„Wie bin ich doch verändert!“ mußte Ahasverus bisweilen bekennen: es wunderte ihn selbst, daß er nun still dasitzen konnte und warten — warten auf das, was er nicht zu ahnen wagte —, stundenlang, beinahe gelassen denkend an alles, was geschehen war. Die wilde Glut verzehrte ihn dann nicht mehr, die lodernde Flamme verblaßte wie in einem matten Morgenrot.

Und an einem Morgen, da alles in einem silbrigen Nebel schwamm, fühlte er auf einmal, ohne Ursache, eine heitere Gewißheit in sich, eine natürliche Aufwallung seines ganzen Wesens, etwas, das von selbst emporstieg wie ein Gesang, wie eine Welle in der Sonne, und in diesem Augenblick wußte er, wußte er in seinem Herzen, daß das Unvergängliche Licht war, es konnte unmöglich sein, daß es nicht war . . .

Aber auch dieser Tag verlief in Armseligkeit und Ohnmacht . . . Wie seltsam war es doch! Selbst das Wort des Klausners schien ihm nun dürr, wie tote Worte in einem Buch. Niemals hatte er sich so hilflos gefühlt, so ganz der Kraft beraubt, so jämmerlich lustlos, und er stahl sich in seine Ecke und dachte einfach: „Mach mit mir, was du willst!“

Wieder wartete er, Tage und Tage.

Mit dem heftigen Eintritt des Frostes war der Alte ganz steif geworden; er aß fast gar nicht, rührte sich fast gar nicht mehr und saß aufgerichtet beim Feuer: so schien er mit dem Winter zu erstarren, die mageren Hände auf den mageren Knieen, und all sein Leben war nun zusammengeschrumpft in den Glanz seiner Augen. Darin las Ahasverus deutlich, was er ihm einst gesagt hatte: „Sterben ist geboren werden.“ Je weiter der Traum der Ewigkeit in dem Greise aufblühte, um so strenger wurde seine Stimme, unerbittlich wie die Wahrheit selbst, und in dieser Stimme hörte Ahasverus seinen eigenen Groll gegen all das Halbe, das Laue, das Trübe, das Unvollkommene, sein eigenes stürmisches Begehren nach . . . dem Einzigen, das da mehr war denn alles. In die Klause eingeschlossen, vor dem Eremiten, der still ans Sterben ging, konnte er, ach! an nichts anderes mehr denken. O, hätte er demütig, ganz klein und demütig, jede Stunde zu einem Gebet gemacht zu jenem Licht, das niemand greifen oder denken kann, dann würden Erde und Menschen einst unter ihm versinken wie ein wenig Staub, — und dann: die einzige Wirklichkeit, in Ruhe ohne Ende! . . . Er betrachtete nur immer gespannt das unbewegliche, gelbe Antlitz des Heiligen, um in seinen Augen den Weg zu ergründen nach diesem Einen, diesem Einen! . . .

Es fiel dichter Schnee, der knisternd fror, auf diesen großen lichten Fleck, den der nackte Winterwald ganz schwarz umstand. An dem weißblauen Himmel hing eine Sonne ohne Wärme, die Luft und der Schnee glitzerten von klingend rauher Kälte, die beißend war wie Salz. Alles war tot, nur das starre Licht lebte allmächtig und unbeweglich über der Welt. Und die Tage waren nun immer einander gleich, manchmal kam es Ahasverus vor, als ob es keine Zeit mehr gäbe. Der Eremit und er, sie saßen da allein, mit dem Vorgefühl des Unendlichen in ihrer Brust.

Und einmal, als sie so beisammen waren in ein und demselben Traum, schien der Alte, das Haupt hintenübergebeugt und die Augen weit geöffnet, zu lauschen nach etwas, das nur er allein zu hören vermochte.

„Was siehst du? Was hörst du?“ fragte Ahasverus, der hinzusprang.

Aber der Alte sprach kein Wort. Und da geschah es, daß Ahasverus, als er durch das Fenster über den harten, weißen Boden blickte, auf dem die Sonne funkelte, im Winde Gestalten von Licht sah mit schneeigen Flügeln, höher als die Bäume, und eine übernatürliche Musik schwebte und wirbelte mit diesen Gestalten in die Höhe, und dann war nichts mehr als ein ferner Klang dieser Musik im Winde.

Ahasverus schlug seine Hand vor die Augen und lauschte in sich selbst hinein; ihm war, als ob das Leben nun für immer still stünde. Aber dann hörte er wieder das Klopfen seines Herzens und das Knistern des Feuers, wo einige Kartoffeln zum Rösten in der Asche lagen, — und in der wahrhaften Stille, durch die hindurch die gewohnten Geräusche vernehmbar waren, fühlte er noch die unsagbare Süßigkeit der Erinnerung an jene Musik . . .

„Ist einer meiner undenkbaren Gedanken lebendig geworden? . . . Sollte mein Ende auch nahe sein? . . .“ jubelte er innerlich, mit einer Freude, die alles an ihm leichter machte. Es war, als ob seine Seele über ihn selbst hinaus entrückt wäre, so daß sein ungestümes Begehren und das glühende Nagen in seiner Brust eine Winzigkeit wurde, die ihm nichts anhaben konnte, ein Leid, das zufällig nun das seine war, aber einst verschwinden würde mit dem wenigen, das sein Leben ausgefüllt hatte.

„Das Licht! Das Licht! . . .“ Es war nichts mehr in ihm als ein Gedanke, der nackt und frei emporstieg zu diesem Licht. Die Klause und der Klausner, sie schienen ihm auch plötzlich so seltsam zufällig, eine Wirklichkeit, die keine war, das Bild eines Augenblicks . . .

Hinaus ins Freie! in die Luft! auf die Höhe! wo er vor nichts anderem mehr stehen würde als vor den durchscheinenden Weiten und dem klaren Abgrund des Himmels, wie inmitten eines großen Kristalls von Licht.

Und seine Seele und dieses Licht waren ein und derselbe Gesang, den er hörte.

Gott schien ihm näher als sein eigener Leib.

Zu seinen Füßen waren die hügeligen Wälder und die ganze Welt nichts mehr als das Bild eines Augenblicks.

Nur eine Regung seiner Seele gab dem allen Leben . . .

Aber dann gewahrte er doch plötzlich wieder ein seltsames Unbefriedigtsein, wie eine Schwermut, weil er nicht mehr stieg, weil sein Herz nicht weiter und immer weiter sich öffnete, weil alles nun so blieb, unveränderlich schön; und sobald er das gefühlt hatte, stand er wieder allein da, in der Zeit.

„Was fehlt mir denn noch? Was willst du von mir?“ flehte Ahasverus, „was willst du von mir? . . .“

Allerlei Gedanken und Bilder kamen wirr in ihm herauf, und darunter waren solche, die er im stillen fürchtete, und andere, die er nicht greifen konnte, wie eine Erinnerung, die immer entflieht. Aber er wollte sie zwingen: „Ich bin ihr Herr!“ rief er und richtete sein Gesicht wieder auf. In dem klaren Licht standen alle Umrisse scharf und deutlich gezeichnet, die Büsche, die alten Bäume mit ihren knorrigen Armen; — die Luft war eine einzige Leere, die Sonne schien unbeweglich auf den Schnee, alles war erstarrt in einer kristallenen, ewigen Pracht, und das funkelnde Licht war überall, — schweigend und regungslos wie der Tod.

„Hoffe ich denn nicht? Glaube ich denn nicht? Was fehlt mir denn noch? Gibt es ein irdisches Verlangen, das ich nicht hinuntergewürgt habe, zermalmt, vernichtet?“

Er kratzte sich mit seinen Nägeln das Blut aus der Brust, aus der Stirn, er wollte seinem jämmerlichen Leibe Schmerz zufügen; und während er über der Welt und über sich selbst stand, so nahe bei seinen höchsten Träumen, blieb er unglücklich, bedrückt, mit einer harten Kruste auf dem Herzen, die er nicht sprengen konnte.

„Warum kann ich das gewaltige Leben nicht fühlen, das ich ahne?“ grübelte er. „Warum stehe ich in dem grausamen Glanz dieses Winterlichtes wie in dem Tod?“

Und so irrte er wieder durch die Wälder.

Nach einer Weile kam er auf einen Weg, wo eine Zigeunerbande lagerte, fahrendes Volk von Kesselflickern, Korbflechtern, Pferdebändigern, Wahrsagern und was weiß ich nicht alles. Stramme, schwarze Kerle waren es in Schaffellen, Frauen und Kinder in bunten und grau-verschossenen Lumpen und Fetzen, ein ganzer Stamm abgerissener Landstreicher, die aussahen wie Könige; sie lagen da beim Mittagsmahl um die Feuer herum, auf denen das Fleisch briet; etwas weiter entfernt standen ihre großen überdeckten Wagen. Ahasverus fühlte seinen Magen so wässerig von Hunger: seit wie lange hatte er keine Hammelkeule mehr gesehn! Mit scheu lauerndem Blick bat er um etwas Essen, und sie lachten gutmütig, daß die weißen Beißer in ihren verbrannten Gesichtern blitzten, als sie den mageren Schächer so tapfer an den Knochen nagen und knabbern sahen. Von allen Seiten kamen diese wunderlichen Botokuden herbei, neugierig wie die Kinder, um das Wie und Was zu erfahren. Doch Ahasverus gab nur karge Antwort; seit langer, langer Zeit war er nicht mehr unter Menschen gewesen; es kam ihm vor, als ob er allem so fern stünde, eine unsichtbare Wand zwischen sich und diesen Gestalten, zwischen sich und seinem eigenen Herzen. Er guckte sie verwundert an, diese kecken Gesellen mit Augen wie Gold, die alte Hexe, die den Spieß drehte und dabei fortwährend etwas murmelte in ihrem zahnlosen Mund, und all diese Bären von Kindern und diese Frauen mit ihren kleinen Rotznasen auf dem Rücken: das waren auch für ewig Verstoßene, Wanderer ohne Land und ohne Gott; in ihren schmutzigen Lumpen trugen sie den Geruch der Erde, etwas von der wilden Weite und dem Wind vieler Gegenden, und doch bemerkte Ahasverus keine Unrast in ihrem Blick.

„Wohin geht ihr?“ fragte er. Sie wiesen es ihm: nach da drüben zu Dörfern und Städten; sie hatten Reisigbündel gekappt und wollten die verkaufen. Damit hatte Ahasverus sich wieder ausgesprochen. Ihnen folgen? Er wollte nicht daran denken: er kannte das Leben doch und die Trübseligkeit dieses Umherschweifens ohne Ziel; es war zu spät, das süße Heimweh nach dem Himmel würde er niemals wieder aus seiner Seele bannen können . . .

Nun machten sie sich fertig zum Aufbruch. Überall gab es eine eifrige Geschäftigkeit in dem schmutzigen Schnee. Das Gerät wurde zusammengepackt und die Reisigbündel auf Karren geladen. Kleine Bürschchen rannten hinter den Pferden her, die sich zu weit verirrt hatten, und hängten sich mit fröhlichem Geschrei an ihre Mähnen. Jeder tat seine Arbeit, die Gefährten halfen einander, und so wurde in das Wirrwarr bald Ordnung gebracht, unter der Aufsicht einer Art von Erzvater, eines Mannes wie ein Baum, mit einer großen Pfeife, den Kopf in ein Tuch eingewickelt, das das eine Auge bedeckte, während das andere scharf beobachtete unter den Stoppeln des knochigen Augenbrauenbogens. Und da war auch ein junges Mädchen, das Ahasverus unaufhörlich betrachten mußte, denn auf ihren bloßen, in Schmutz und Schnee wundgelaufenen Füßen glitt sie halb gehend, halb tanzend bald hierhin, bald dorthin wie ein Sonnenstrahl, und ihr frisches Gesichtchen zwischen dem wirren Haar glich wohl einem schönen Traum bei hellem Tag.

Bei all diesem Treiben stand Ahasverus wie verloren. Er lauschte einem Liede, das hinter einem Wagen erklang: