II.
Zu der Analyse dieses Falles scheint es unumgänglich notwendig, die soziologische Struktur der heutigen Großstadt zu untersuchen, bevor die Tatsache, daß einmal oder besser mehrere Male zwei Menschen ihr Leben in tollkühner Manier aufs Spiel setzten, um, sagen wir zu Geld, zu Kleidern, Essen und Trinken und zu Frauen zu kommen, als Tatbestand gewertet werden darf. Um eine Zeitlang wenigstens das Leben führen zu können, dem sie Tausende ihrer Mitmenschen, ihnen an Kraft, Intelligenz und Überlegung keineswegs ebenbürtige, sorglos Stunden, Tage und Jahre in Mengen, in ganzen Schichten dienen sehn.
Ganze Stadtviertel, Vororte, Stätten des Vergnügens, der Erholung, Bildung sind diesem freundlichen und erstrebenswerten Ziel geweiht. Dahinein gehören nur jene, die das Mittel und Aussehn haben, die würdig befunden wurden, sich in diesen geheiligten Orten aufzuhalten. Der Typus dieser Menschen ist ein anderer – obwohl jedes Kind weiß, daß Geld und Schneider die erstaunlichsten Wandlungen der Personen nicht nur, sondern auch der Zeit herbeiführen.
Hier beginnt bereits die Psychologie der Grenze. Jenes Gebiet, wo unmerklich Natur oder Gesellschaft, ein künstliches Gebilde, Formen und Fähigkeiten schafft, die nicht mit Begriffen zu belegen oder zu deuten sind. Für den reichen, in Hinblick auf seine zukünftige Stellung erzogenen Menschen ist der Kreis der wohlgekleideten, gebildeten, vermögenden ein Ruhepunkt, eine Sicherheit, das Milieu, das ihm einen Stempel, aber auch einen Rückhalt verleiht. Er bewegt sich mit der Selbstverständlichkeit des Instinktes und der geformten Klugheit seiner Anpassung zwischen Gleichgearteten, Gleichdenkenden und kennt ihre Meinungen, die Themata der Gespräche und Neigungen, beherrscht den Kodex der Ehre und Formalitäten in Rang- und Kleidungsfragen.
Hier findet der Geborgene Freundschaft und Liebe, Kredit und Hilfe, Ideen und gute Laune. Da spielt es keine Rolle, welcherart die Stellung des einzelnen ist. Seine Gesellschaft genügt ihm und es steht ihm frei, sie zugunsten einer höher gearteten, einflußreicheren zu wechseln ... wenn es ihm gelingt! Denn je höher der Name einer Stufe der Gesellschaft, desto exklusiver, unzugänglicher, mißtrauischer wird sie. Desto beschränkter die Zahl der Zugelassenen.
Die Kaste stellt den Fonds an Werten des Menschen.
Sein Wert entspricht hier weniger seinem Werk, als vielmehr einer angeborenen oder erworbenen Stammeszugehörigkeit. Den Stamm eines Menschen erkennt man an manchen Dingen. An seinen Händen, seiner Wäsche, dem Bankkonto, den guten Manieren, seinem Witz, seiner Begabung als Liebhaber. All diese Möglichkeiten aber fallen in nichts zusammen, wenn der kleinste Flecken auf seiner Vergangenheit, seiner Ehre ruht.
Was bedeutet in einem Kreis gleichgerichteter oder ungerichteter, rein vegetativ genießerischer Menschen Gegenwart, was Zukunft, wenn einer mal mit der Polizei in Konflikt geriet!
Ehre, das ist die weiße Seite in den Papieren.
Die Papiere liegen auf der Polizei. Dort sind sie zwar gut aufgehoben, aber sie existieren.
Der Drohwert einer verschwiegenen Verfehlung wälzt mehr Angst auf den tausendmal reuigen Sünder als die Tat.
Hier wird der Begriff des schlechten Gewissens in keiner Weise berührt. Denn es handelt sich nicht um den Menschen, der etwas begehn will, ein Attentat gegen die Gesellschaft plant, einen Schwindel, einen Mord, eine Erpressung verüben will. Diese Abenteurer, Hochstapler der Beziehungen, des Geldes und der Intelligenz wären beim ersten Anzeichen einer Unsicherheit verloren. Sie glauben, und ganz mit Recht, an die magische Kraft der falschen Namen und Papiere, die ihnen die goldenen Pforten öffneten. Nein, hier soll die Hemmung fixiert werden, der ein sonst wohlbeschaffener und geeigneter Mensch erliegen muß, hinter dem die Vergangenheit die Kontinuität der guten Führung, der moralischen Haltung einen Sprung zeigt.
Die Robusten werden diesen Alpdruck überwinden. Es gibt da das Mittel der Splendidität, der Hilfsbereitschaft, der Unentbehrlichkeit, das alle Bedenken zerstreut.
Aber der empfindsame Typus, dessen Nerven gespannter, dessen Verantwortlichkeitsgefühl tiefer, der seine Haltung kontrolliert und in den Mienen der ihn Empfangenden sein Schicksal zu lesen versteht und angewiesen ist, aus geschäftlichen oder menschlichen, erotischen oder künstlerischen Gründen einem Kreise von Menschen anzugehören, der ihm Bewußtsein der Existenz, Geltung, Ehre, Verdienst verschafft ... ein solcher Mensch wird eines Tages entdeckt und eliminiert, oder er begeht aus dem Übereifer seiner Schwäche heraus einen Fehltritt, der ihn unmöglich macht.
Weiß er aber aus Kenntnis seiner Fähigkeiten, seiner Schwächen des Lebens überhaupt diesen Ausgang voraus, meidet er die ihm genehme, entsprechende Gruppe der Gesellschaft, so bleibt ihm nur die Einsamkeit. Der Typus des Entwurzelten, des Seltsamen, des Abenteurers oder des sich an allen Mitmenschen gehässig Rächenden ist geboren.
Über allen Bindungen schwebt ein Verhängnis.
Die Ahnenden erfüllt es mit Scheu und Fremdheit, mit Neid und Haß die Ausgeschlossenen.
Die Macht der Gruppe ist Tabu.
Das Streben der Unteren drängt nach oben. Es gibt nur diese eine kontinuierliche soziale Kraft.
Was aber stellt sich als Unten, als Sockel, als Fundament unter dieses gewaltige Gebäude der herrschenden, der schönen und reichen Gesellschaft?
Das sind die dunklen, nicht vergoldeten Massen. Die Masse, das ist wiederum der Schrecken der Oberen.
Die Masse ist der Fundus, das Reservoir an Kraft, Intelligenz, Blut und Kapital eines Staates, einer Gesellschaft besser gesagt, die nicht aus eigener Fähigkeit heraus produzieren kann, sondern, lediglich im Besitz der Finanzen und Werkzeuge, sich die einzelnen Individuen verdingt, und sie für sich und ihre Fabriken arbeiten läßt.
Die Masse besteht zweifellos aus Einzelwesen, aber der Mangel an Unterschiedlichkeit, Beweglichkeit, Bildung, Bedürfnissen schweißt sie zusammen zu eben der Masse, die in unseren Tagen die Millionenstädte übervölkert, die großen Heere der Schlachten und der Arbeit, des Verkehrs und der Revolutionen auf die Beine bringt, und bewaffnet oder unbewaffnet als ein Schrecken wirkt auf die Feineren, die Wenigen, Glücklicheren. Zwischen beiden Heerlagern herrscht dumpfer Haß, Abneigung, Unterwürfigkeit, Aggressivität und Abwehrzustand.
Das Emporkommen aus der Masse war eine kurze Zeit nach dem Völkerbeben leichter als je. Der große Proletschub brachte zwar frisches Blut in dürre Adern. Die Natur half sich gegen den Aderlaß. Aber dieses Experiment bekam den Oberen schlecht, und die Echten lehnten es kategorisch ab. Der Rest blieb als eine Serie schlechter Witze in den Gazetten und Gerichtssälen auf der Strecke.
Ganz zu den Ausnahmen und in allen Chroniken verzeichnet erscheint der Aufstieg des begabten Mannes aus der unbekannten, wesenlosen Masse zu Macht, Reichtum, zur Ebenbürtigkeit.
Die unteren Intelligenzen sind keineswegs in der Minderheit. Ihre Begabung keineswegs geringer. Trotz der verschlossenen Bildungsstätten möchte es vielen durch eisernen Fleiß gelingen, Examina zu bestehn. Das prinzipielle Manko liegt in der Befangenheit, im Tabu, das den Blick verzaubert, den Schritt hemmt und die Stimmen der Gewaltigen zu unheimlichen Geräuschen und Nebentönen anschwellen läßt: im Ohr und in der Seele des Nachdrängenden.