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Der Fall Strauß

Chapter 6: IV.
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About This Book

Die Darstellung schildert das Leben und die Verbrechen eines charismatischen Außenseiters, dessen Geschick bei Einbrüchen, wiederholte Ausbruchsversuche und schließlich eine tödliche Konfrontation mit einem Beamten in einer langjährigen Zuchthausstrafe enden. Neben der Chronik gewagter Delikte zeichnet der Text das Porträt eines gebildeten, feinfühligen Mannes, der als Gentleman-Verbrecher wahrgenommen wird, und analysiert seine Motive und psychologische Entwicklung. In einer soziologischen Perspektive wird die Struktur der Großstadt untersucht, besonders die sozialen Grenzen zwischen Milieus und wie Ausgrenzung, ökonomische Ungleichheit und städtische Mechanismen zur Entstehung und Kriminalisierung einzelner Lebenswege beitragen.

IV.

In seinem Milieu, dem der Verbrecher und Deklassierten, nimmt er eine Sonderstellung ein, nicht nur wegen seiner Taten, die die ganze Stadt in atemlose Aufregung versetzten, sondern auch wegen seiner moralischen Qualitäten. Nirgends weiß man Treue und Verschwiegenheit so zu schätzen wie bei denen, die immer mit einem Fuß im Grabe oder im Gefängnis stehn.

Niemals hat Emil Strauß, bei aller Offenheit und Ehrlichkeit, die er bewies, sobald es sich um seine eigenen Taten handelte, auch nur mit einer Andeutung, einer Miene seine Gefährten verraten, der Polizei irgendwie geschmeichelt. Manches in seinen Aussagen, in den Berichten über sein Leben, klingt wie Pose oder Selbstgefälligkeit. Aber man darf nie vergessen, daß es die Worte, Bilder und Phrasen eines weltfremden Einsiedlers, in der Einsamkeit und Irrealität der Bücher, in der Zelle ausgedachte, ausgefeilte Bilder und Sätze sind, logische Extrakte eines Wissens um die eigene Seele und deren Verhängnis. Daß dieser Mensch gezwungen war, in sich etwas Besonderes zu sehn, weil er es spürte. Eitelkeit oder Ehrgeiz sind durchaus menschliche Arten, die Welt oder sich selbst zu betrachten. In ein Verhältnis zu vereinen, was die Gewalt der nackten Tatsachen trennte und verheerte.

Gewiß nennen wir das mit anderen, kritischen Worten Romantik. Aber es handelt sich hier nicht um Kritik, sondern um Darstellung, nicht um Wertung, denn das ist Aufgabe der Richter, und vollendet und erledigt, sondern um Analyse eines Menschen, der nicht in diese Zeit der Kompromisse zu gehören scheint, sondern einen Renaissancetypus darstellt, eine Mischung von Religiosität und Gewalt, von Kultur und Triebhaftigkeit.

Noch eins beunruhigte und hemmte die Gefährten nicht minder wie die Gegner ... die Vollendung seiner Manieren, das Leise, unverändert Höfliche seiner Art in der Begegnung mit Fremden. Die Sicherheit seines Auftretens, die Beherrschtheit und Kühle seiner Höflichkeit, aus der ein eiserner Wille, Beobachtung der eigenen Schwächen ebenso sprechen wie Sanftmut und Kindlichkeit. Diese seine Vornehmheit wird allerdings unterstützt von der Noblesse seiner Gestalt.

Er ist hochgewachsen, schlank, von gleichmäßig eleganten Bewegungen. Der Ton seiner Stimme leise, bestimmt und durchaus vertrauenerweckend. Das Gesicht groß und mager, sehr bleich die hohe, schön gewölbte Stirn. Er legt Gewicht auf gute, elegante Kleidung. Ein Zug höherer Lebensart scheint ihm eingeboren. Denn Kinderstube kann man nicht nachholen. All das scheint ein Beweis ständigen kritischen Nachdenkens und Vergleichens, ein dauerndes Kontrollieren seiner eigenen Person im Vergleich zu seinen Erlebnissen mit Fremden, bewußt oder unbewußt die Triebfeder seiner ganzen verzweifelten Existenz, ein fast dämonischer Wille emporzusteigen und ein schreckliches Gefühl der eigenen Begabung. Zugleich die ewig brennende Frage nach dem Weg, nach dem Warum der Ungerechtigkeit, der eigenen Willensschwäche, die sich nicht anders denn im Bösen Ausgleich mit der Gesellschaft verschaffen kann.

Es gibt für seine Taten, wenn man nicht auf das Gebiet der Pathologie geraten will, natürlich keine menschliche Entschuldigung. Denn wie die Richter gerade in seinem Fall mit Recht, wenn auch nicht gerade freundlich, immer wieder betonen, hätte es Strauß bei seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten möglich sein müssen, das Maß des Erlaubten zu entdecken, und gelang es ihm nicht, seinen Trieb nach Vergeltung zu zähmen, so mußte er wissen, daß das Gesetz den Wissenden doppelt und dreifach härter treffen würde.

Zur Erläuterung des bis jetzt Gesagten möchte ich im folgenden seine eigene Lebensgeschichte, die er als einzige Verteidigung in seinem großen Prozeß anführte, folgen lassen. Wobei zu beachten ist, wie stark Strauß die Unzulänglichkeit der Tatsachen und deren Erklärung aus der momentanen Konstellation selbst empfand. Wie stark dieser gehetzte und einsame Mensch die Gebundenheit an die tiefen, tragischen Gesetze empfand, die das Maß seiner Jugend und die Richtung seines ganzen Lebens werden sollten.

„Meine Herren Richter und Geschworenen! Es soll hier nach Recht und Gerechtigkeit über Tod und Leben eines Menschen entschieden werden.

Da ist es wohl ganz selbstverständlich, daß man sich nicht nur ganz eingehend mit der Sache des Angeklagten, sondern zumindest ebenso eingehend auch mit seiner Person, d. h. mit den ausschlaggebenden Momenten seines Vorlebens beschäftigt: dies um so mehr, als es sich hier bei der Person des Hauptangeklagten ... also bei mir ... um einen Menschen handelt, der seit Jahren bei der öffentlichen Meinung in dem Gerücht steht, schlechtweg der gefährlichste Schwerverbrecher Groß-Berlins zu sein.

Diese, im wahrsten Sinne des Wortes traurige Berühmtheit verdanke ich aber keineswegs mir selbst oder meinen Taten, sondern einzig und allein der Geschäftstüchtigkeit gewisser Sensationsartikelfabrikanten, Leuten, die nun einmal nicht anders können, als aus der Haut selbst der Unglücklichsten ihrer Mitmenschen noch Riemen für sich zu schneiden.

Ich habe diesen falschen Nimbus eines „Ein- und Ausbrecherkönigs“, mit dem geistesarme Zeilenschinder mich umgeben haben, aber bereits zu teuer bezahlen müssen, um diese Art von kostspieliger Glorifizierung meiner Person noch länger ruhig hinzunehmen und so schließlich Gefahr zu laufen, nicht etwa der objektiven Würdigung bewiesener Tatsachen, sondern der suggestiven Macht der Druckerschwärze zu erliegen.

Die Leute, die mich nur aus den tendenziös geschminkten sensationell aufgedonnerten Hohlspiegelbildern der „chronique scandaleuse“ kennen, müssen mich geradezu für den Abschaum des Abschaums der Menschheit halten und alle meine Handlungen für solche Unika an Gemeingefährlichkeit, wie sie eben nur die „Firma“ Gebr. Strauß zu liefern vermag. Alle diejenigen Personen dagegen, welche mich persönlich etwas genauer kennen, haben wohlbegründeterweise eine ganz andere, eine entschieden bessere Meinung von mir.

Und um auch Ihnen, meine Herren, die Sie heute über mich zu Gericht sitzen sollen, die erforderlichen Unterlagen zu bieten zur Bildung eines gerechteren Urteils über meine Person, als es sich auf Grund jener im Nick-Carter-Stile fabrizierter Elaborate bilden läßt, will ich versuchen, Ihnen so eine Art curriculum vitae von mir zu geben.

Zu diesem Zwecke bitte ich Sie, mich nur noch einige Minuten lang ruhig anzuhören. Denn das, worauf es hier hauptsächlich ankommt, was meinem bisherigen ganzen Leben die Richtung gegeben hat, das läßt sich wirklich nicht, wie man so zu sagen pflegt, in einer Nußschale darbieten. Mit einigen bloß andeutenden Kohlestrichen läßt sich solch einem Lebensbilde weder Form noch Farbe, noch Inhalt verleihen. Wollte ich aber andererseits das ganze krasse Elend meiner Kindheit und Jugendzeit in ausführlicherer Weise wahrheitsgetreu schildern, so würde ich höchstwahrscheinlich bei Ihnen in den Verdacht geraten, anstatt Porträtmalerei ... Stimmungsmalerei zu treiben. Deshalb scheint mir die goldene Mittelstraße des rechten Maßhaltens nach beiden Seiten hin hier der einzig richtige Weg, das mir vorschwebende Ziel zu erreichen.

Was hätte es denn schließlich auch für einen Sinn, wenn ich beispielsweise in bezug auf meinen Bildungsgang Ihnen einfach die nackte Tatsache mitteilte, daß ich acht Jahre lang die Volksschule besucht habe. Damit wäre so gut wie nichts gesagt. Der Begriff Volksschulbildung ist trotz seiner scheinbaren Begrenztheit doch ein recht dehnbarer und seine richtige Werteinschätzung durchaus abhängig von der genaueren Kenntnis der besonderen Lebensumstände und Lebensbedingungen innerer und äußerer Art, unter denen der gebotene Bildungsstoff geistig aufgenommen und verarbeitet worden ist.

Es ist doch unbestreitbar ein gewaltiger Unterschied, ob von zwei sonst gleichbegabten, gleichlernbegierigen Schülern der eine das wohlgepflegte, sorgsam gehütete Kind gesunder, geistig wie sittlich hochstehender, in geordneten Verhältnissen lebender Eltern ist; ein Kind, das daheim und in der Schule alle seine ihm von der Natur verliehenen Gaben und Fähigkeiten nach allen Richtungen hin unbehindert entfalten und zur schönsten, höchsten Blüte entwickeln kann; ... der andere Schüler dagegen, der an Leib und Seele unterernährte, erblich vielleicht schwerbelastete Sprößling eines Säufers ist; so ein erbarmungswürdiges Geschöpf, das, am frühen Morgen schon vom Zeitungstragen abgehetzt, nun ungewaschen, hungrig und zerlumpt zur Schule eilt, doch vor Erschöpfung dem Unterricht selten mit der nötigen Aufmerksamkeit zu folgen vermag und infolgedessen in der Entwicklung sein Geistes- und Gemütsleben auf das schwerste beeinträchtigt, in der Ausbildung seiner natürlichen Gaben und Fähigkeiten auf das stärkste gehemmt und behindert wird. Daß das Niveau des Bildungsstandes dieser beiden Typen von Schülern am Ende ihrer Schulzeit ein voneinander sehr verschiedenes sein muß, wird wohl niemand bezweifeln.

Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre ab tagtäglich in aller Herrgottsfrühe hinaus gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter beim Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten Jahre an hatte ich dann außerdem noch des Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von der ich des Abends meist todmüde nach Hause kam, um dann noch das Tagespensum meiner Schulaufgaben zu erledigen.

Die Schuld an diesen unsagbar traurigen, total zerrütteten Familienverhältnissen, die mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater. Dieser von Beruf Stubenmaler und heute ein nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren, ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer Trinker gewesen, der seine zahlreiche Familie zeitweise in Not und Elend fast verkommen ließ. Meine Mutter dagegen war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich liebevolle, gute Frau, die sich vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht hinein nicht Rast noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für die ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen Straußenbrut, und deren ganzes, zwanzigjähriges Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes Martyrium von so tiefer Seelenqual darstellt, wie man es selbst seinem ärgsten Widersacher nicht wünscht ...

Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es mein Vater wieder gerade besonders arg. Wir Kinder samt unserer Mutter hatten schon mehrere Tage lang fast so gut wie nichts gegessen und waren infolgedessen buchstäblich dem Verhungern nahe. In dieser höchsten Not nahm meine Mutter einige Mark von dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür Speise und Trank zu beschaffen und unseren wütenden Hunger zu stillen. Als sie den aufgewendeten Betrag dann nicht rechtzeitig wieder herbeizuschaffen vermochte, griff sie, dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins müde, in ihrer tiefsten Verzweiflung zum Strick ... und erhängte sich ...

Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee. Auf Kosten der Gemeinde wurden wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in Pflege gegeben, wobei ich das Unglück hatte, sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch ärger strömende Traufe zu geraten. Meine Pflegemutter nämlich war eine mit zwar recht engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem Gewissen begabte Frau, die sich recht und schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee gelegentlich zur Flucht verhalf und ihnen bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf und somit Gelegenheit zu einem „gewissen“ Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau war ein in einer Molkerei beschäftigter, mit Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht, der, da er bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt, nur zum Schlafen und ... Krakehlen nach Hause kam, sonst aber um nichts und niemand sich kümmerte. Die erwachsene einzige Tochter dieses edlen Elternpaares war eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende Straßendirne.

In dieser überaus ehrenwerten Familie nun fand ich Aufnahme und wurde von den beiden Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet. Eine Spezialität der beiden Damen war es, die Weißenseer Friedhöfe heimzusuchen und dort die auf den Gräbern niedergelegten Wachsrosen zu rauben, die dann in einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als Laufjunge angestellt war, weiterverkauft wurden. Bei einem dieser Kirchhofsbesuche zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem Kindergrab stehendes Weihnachtsbäumchen, das mit niedlichen Glassachen allerliebst ausgeschmückt war, bis auf das letzte Stück zu plündern ...

Welche verheerende Wirkung diese fast täglichen Vorkommnisse auf mein empfängliches Kindergemüt, auf mein moralisches Empfinden, überhaupt auf mein ganzes Innenleben ausüben mußten, kann ein jeder sich wohl denken. Andeutungsweise will ich nur noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen Jungen auch auf sexuellem Gebiet theoretisch und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt hat ...

Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns Kinder so verhängnisvollen Tode unserer guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten Male und wir jüngeren Geschwister erhielten nun eine Stiefmutter, die zwar weder lesen noch schreiben konnte, dafür aber im Lügen und Stehlen und Schuldenmachen ganz Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten, meiner bereits so weit gediehenen Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie der Engländer sagt ... den letzten Schliff zu geben.

Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler Selbstverleugnung!

Durch einen unglaublich niederträchtigen Streich brachte sie es fertig, daß ich unschuldigerweise in den Verdacht geriet, von einer mir anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark unterschlagen zu haben. Die Folge davon war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner Stellung fortgejagt, sondern auch noch obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen wurde.

Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun auf der Straße; ein Junge von fünfzehn Jahren, mir selbst und meinem Schicksal überlassen! Daß die Gedanken und Gefühle, die mich damals durchtobten, denen eines Karl Moor verzweifelt ähnlich waren, wird ein jeder Menschenkenner wohl begreifen. Tatsächlich habe ich dann auch in der Folge monatelang ein wahres Räuber- und Zigeunerleben geführt. Bis endlich die Sehnsucht, wieder einmal unter Dach und Fach und in geordnete Verhältnisse zu kommen, mich veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein Jahr lang zu einem Bauer in Dienst zu gehn.

Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler Jahreslohn. Die horrende Summe reichte nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen Garderobe, und aus diesem Grunde kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres nach der Großstadt zurück.

In den folgenden zwei Jahren war ich dann in Berlin hier und da einige Monate lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt; bis ich 1905 ... sei es durch Zufall, sei es durch Schicksalsfügung ... einen Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls bereits praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Diesem verband ich mich nun zu löblichem Tun und erreichte dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer Zeit hinter Schloß und Riegel saß.

Das war sozusagen der Anfang vom Ende. Denn nun folgte eine langjährige Freiheitsstrafe der andern fast unmittelbar auf dem Fuße, so daß ich von den letztverflossenen fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!) im Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und zwar, was ich doppelt und dreifach unterstreichen will, ausschließlich in strengster Einzelhaft zugebracht habe. Freilich, was das letztere besagen will, wird nur derjenige voll und ganz verstehn, der einmal an sich selbst verspürt hat, welche lähmende Wirkung die jahrelange Freiheitsentziehung auf einen Menschen auszuüben vermag. In dieser Beziehung möchte ich die Freiheitsstrafe vergleichen mit einem starken Narkotikum, wie etwa Opium, Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen Arzte nach gewissenhafter Diagnose nur im äußersten Fall und auch dann nur in vorsichtig bemessener Dosis verabreicht, ist es eine heilsame Medizin, ein wirksam vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen für die Menschheit; zum schwersten Fluch aber wird es, wenn allzu freigebige und unterschiedslose Verordnung der Gifte zur Gewöhnung an dasselbe führt, wenn die Gewohnheit zum Laster wird und das Laster schließlich in eine Volksseuche ausartet. Der so entstehende Schaden ist unübersehbar. Die körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten der Verseuchten werden durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft ums Dasein wird in erheblichem Maße geschwächt, und die weitere natürliche Folge? Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast aller derer, die mit dem Kerker einmal nähere Bekanntschaft gemacht. Tausend- und abertausendfache Erfahrung bestätigt die vernichtende Wahrheit meiner Worte ...

Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig fruchtloses Bemühen wäre, Ihnen schildern zu wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht habe, zu einem geordneten, ehrbaren Leben zurückzukehren ... schildern zu wollen, woran und warum alle diese Versuche so kläglich gescheitert sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen komplizierte psychopathische Vorgänge und Erscheinungen einem Dritten erklären zu sollen, das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das Farbenspiel des Regenbogens beschreiben. Wer einmal so tief in den Sumpf hineingestoßen worden ist, der vermag es eben nicht wie Münchhausen, an seinem Schopf aus eigener Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine rettende, helfende, stützende Bruderhand ist mir bisher noch von keiner Seite gereicht worden. Am allerwenigsten aber von jener Seite, auf der stets am lautesten über die Verderbtheit der Menschen geklagt wird.

Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß mir noch einmal in meinem Leben ein Mensch begegnet von dem Geistesgepräge und der Gesinnungsart jenes Sankt Johannes, den Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend schönen Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ... verewigt hat. Hoffnung läßt ja bekanntlich nicht zuschanden werden. Es hofft der Mensch, so lange er lebt. Ich aber hoffe, nein ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches durchaus noch kein finis, sondern ganz bestimmt ein vice versa!!!

Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf weiteres aus der Hand; denn die Studie meines Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter Hand entworfen. Aber bis ins Kleinste hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und allein aus diesem Grunde hoffe ich, daß kein fühlender Mensch ... er sei mir persönlich wohl oder übel gesinnt ... das Bild aufmerksam betrachten kann, ohne in der tiefsten Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß er die Hand mit dem Steine, die er vielleicht schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt wieder sinken läßt und er in der Stille seines Herzenskämmerleins sich einmal fragt, von welcher Seite hier wohl am schwersten gesündigt worden ist, von dem Angeklagten wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“