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Der Findling. Erster Band. cover

Der Findling. Erster Band.

Chapter 8: VI. Limerick.
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About This Book

The narrative opens in a small coastal town in western Ireland and follows the life of a found child whose upbringing unfolds amid local poverty and social hardship. Episodes trace encounters with itinerant entertainers, attendance at a ragged school, and religious instruction from an elder, while seasonal storms and precarious farming life strain households. The action moves between community scenes, harbor and countryside, and builds toward homecoming and rites that examine family ties, moral formation, and the effects of economic and social inequality on ordinary lives.

IV.
Das Begräbniß einer Möwe.

Leicht dürfte man sich fragen, ob der Findling im Kreise dieser moralisch tief stehenden Genossen nicht auch mit Rückschritte gemacht habe. Man begreift wohl, daß ein Kind, dem alle Sorgfalt zu Theil wird, das überall Liebe umgiebt, sich ganz dem Glücke des Lebens hingiebt, daß es, ohne nach dem zu fragen, was gewesen ist oder sein wird, seine Jugend genießt. Doch wenn die Vergangenheit nur eine Kette von Trübsal und Leiden gewesen ist, da erscheint die Zukunft wohl in düstrer Färbung, die sich vom Bilde der Vergangenheit auf sie überträgt.

Was konnte aber der Findling, wenn er ein oder zwei Jahre zurückblickte, sehen? Jenen Thornpipe, den rohen, verthierten Menschen, den mitleidslosen Quälgeist, den er noch immer einmal in den Straßen der Stadt oder draußen auf dem Landwege wieder zu treffen fürchtete und der sich dann seiner gewiß zu bemächtigen suchen würde; daneben kam ihm noch die Erinnerung an jene grausame Frau, die ihn mißhandelte, freilich auch das Bild des kleinen Mädchens, die ihn zuweilen auf den Knien schaukelte.

»Ich glaube mich zu erinnern, daß sie Sissy[1] hieß, sagte er eines Tages zu seinem Freunde.

– Welch' hübscher Name!« antwortete Grip.

Grip war im Grunde der Meinung, daß jene Sissy nur in der Einbildung des Kindes existierte, denn man hatte nie etwas näheres von ihm in Erfahrung bringen können. Wenn er in dieser Hinsicht indessen einen Zweifel durchblicken ließ, war der Findling nahe daran bös zu werden. Da er sie in der Erinnerung noch deutlich vor sich sah, mußte er ihr ja einst wieder begegnen. Doch was mochte aus ihr geworden sein? Trennten sie viele Meilen von einander?... Sie liebte ihn ja und er auch sie.... Das war die erste Neigung, die er vor seinem Bekanntwerden mit Grip empfunden hatte, und er sprach von ihr wie von einem großen Mädchen. Sie war so sanft und gut und liebkoste ihn und trocknete seine Thränen, ja sie küßte ihn und theilte mit ihm ihre Erdäpfel....

»Ich hätte sie so gern schützen mögen, wenn die alte häßliche Frau sie schlug, sagte der kleine Knabe.

– Ich auch, und ich glaube, ich würde da derb zugepackt haben!« antwortete Grip, um dem Kinde ein Vergnügen zu machen.

Wenn der wackre Bursche sich übrigens nicht selbst vertheidigte, wenn man ihm zu nahe kam, so wußte er doch recht gut, andre zu vertheidigen und hatte davon schon manchen Beweis geliefert, sobald es darauf ankam, seinen Schützling vor den böswilligen Angriffen der Rotte zu decken.

Einmal schon, in den ersten Monaten seines Aufenthaltes in der Lumpenschule, war der Findling, verlockt durch den Ton der Kirchenglocke, eines Sonntags in die Kathedrale von Galway eingetreten. Nur ein glücklicher Zufall hatte ihn dahin führen können, denn selbst die Touristen haben Mühe, das Bauwerk zu entdecken, das in einem Labyrinth von unsauberen, engen Straßen verloren ist.

Da stand nun das Kind verschämt und furchtsam. Der unerbittliche Küster hätte den Knaben, wenn er diesen erblickte, wie er halb entblößt sich in die Ecke drückte, gewiß nicht in der Kirche gelitten. Der Kleine war ganz erstaunt und entzückt von dem, was er hörte, von den geistlichen Liedern in Begleitung der Orgel, und von dem, was er sah, dem Priester am Altar im goldgestickten Ornate, und den großen Kerzen, die am hellen Tage brannten.

Der Findling hatte nicht vergessen, daß der Pfarrer von Westport manchmal von Gott zu ihm gesprochen hatte, von Gott, der unser aller Vater ist. Er erinnerte sich auch, daß sogar der Puppenschausteller den Namen Gottes in den Mund nahm, freilich nur, wenn er schreckliche Verwünschungen ausstieß, und das verwirrte jetzt seine Gedanken inmitten der religiösen Handlung. Dennoch empfand er, unter der hohen Wölbung hinter einem Pfeiler versteckt, eine Art Neugier, indem er den Geistlichen betrachtete, wie er Soldaten angestaunt hätte. Und während sich die ganze Versammlung beim Aufheben der Monstranz und den Tönen des Glöckchens tief verneigte, da verschwand er wieder ohne bemerkt worden zu sein und glitt über die Steinplatten so leise hinweg, wie eine Maus, die in ihr Loch huscht.

Aus der Kirche nach Hause gekommen, erwähnte er davon gegen niemand etwas, nicht einmal gegen Grip, der übrigens nur eine unklare Vorstellung von der Bedeutung der Messe und der Vesper hatte. Nach einem zweiten Besuche aber, als er sich gerade mit der alten Kriß allein befand, wagte er die Frage, was denn Gott eigentlich sei.

»Gott?... antwortete die alte Frau, deren schreckliche Augen durch die dicken, ihrer Pfeife entströmenden Wolken blitzten.

– Ja, Gott?...

– Das ist der Bruder des Teufels, dem er die unartigen, vormäuligen Kinder zuschickt, um sie in dessen höllischem Feuer verbrennen zu lassen.«

Auf diese Antwort erblaßte der Findling, und obwohl er gern gewußt hätte, wo sich diese glühende Hölle befinde, wagte er es doch nicht, die alte Frau Kriß danach zu fragen.

Fortwährend aber dachte er an diesen Gott, der nur die Aufgabe zu haben schien, kleine Kinder zu bestrafen, und wie schrecklich zu bestrafen, wenn er die Worte der Kriß für Wahrheit halten konnte.

Die Sache drückte ihn dermaßen, daß er darüber eines Tages mit seinem Freunde Grip reden wollte.

»Sage mir einmal, Grip, hast Du schon zuweilen von der Hölle reden hören?

– Ja, dann und wann, Kleiner.

– Und wo ist denn die Hölle?

– Das weiß ich freilich nicht.

– Sage mir... wenn man dort die bösen Kinder verbrennt, wird da auch Carker verbrannt werden?

– Gewiß, im lichterlohen Feuer!

– Ich, Grip, ich bin wohl nicht so schlecht, nicht wahr?

– Du?... Schlecht?... Nein, das glaub' ich nicht.

– Dann werd' ich also nicht verbrannt?...

– Kein Härchen wird Dir versengt!

– Und Dir auch nicht, Grip?

– Nein, nein, mir auch nicht!«

Grip hielt es aber für angezeigt, hinzuzufügen, bei ihm lohne es gar nicht der Mühe, da er so mager sei.

Das war also alles, was der kleine Junge bis jetzt von Gott wußte und was er vom Katechismus gelernt hatte. Dennoch verrieth ihm trotz seiner Jugend eine innere Stimme, was Recht und was Unrecht war. Wenn er auch nicht nach den Vorschriften der alten Hausverwalterin der Lumpenschule bestraft zu werden fürchtete, so drohte ihm das um so mehr von seiten O'Bodkins'!

Dieser war nämlich gar nicht zufrieden mit ihm. Der Findling figurierte noch nicht auf dem Conto der Einnahmen, wohl aber auf dem der Ausgaben. Das Bürschchen verursachte nur Unkosten (wenn diese auch gering waren) und erwarb nichts. Die andern, welche bettelten und gelegentlich wohl Kleinigkeiten stahlen, trugen doch in etwas zu den Kosten der Wohnung und der Nahrung bei, während dieses Kind gar nichts heimbrachte.

Eines Tages machte ihm O'Bodkins darüber die bittersten Vorwürfe, wobei er ihn durch die Brille mit strengem Blicke maß.

Der kleine Knabe hatte Selbstbeherrschung genug, nicht zu weinen, als er von O'Bodkins als verantwortlichem Leiter und Director der Schule diese Predigt erhielt.

»Du willst wohl gar nichts thun? herrschte er ihn an.

– Doch, Herr Director, erwiderte das Kind. Sagen Sie mir nur, was ich thun soll.

– Nun irgend etwas, was so viel einbringt, wie Du hier kostest.

– Das möcht' ich gerne, ich weiß es aber nicht anzufangen.

– Ei, da läuft man den Leuten auf der Straße nach, spricht sie an, ob sie etwas zu besorgen haben....

– Ich bin zu klein, niemand will mich dazu haben.

– So durchwühlst Du die Abraumhaufen an den Ecksteinen, darin ist immer noch etwas zu finden.

– Ja, mich beißen aber die Hunde, und ich bin nicht stark genug, ich kann sie nicht fortjagen.

– Wirklich? Hast Du denn Hände?

– Ja.

– Und hast Du auch Beine?

– Ja.

– Nun also, so laufe den Wagen nach und bettle einige Coppers, da Du nichts andres machen kannst.

– Ich soll Coppers betteln!«

Der Findling fühlte einen Stich im Herzen, so empörte sich sein natürlicher Stolz, und er erröthete bei dem Gedanken, die Hand ausstrecken zu sollen.

»Das bin ich nicht im Stande, Herr O'Bodkins! sagte er.

– Ach, das könntest Du nicht? –

– Nein!

– Doch könntest Du denn leben ohne zu essen?... Nein, nicht wahr? Ich sage Dir aber, daß ich nächstens mit Dir doch eine solche Probe anstellen werde, wenn Du nicht etwas ersinnst, Deinen Unterhalt zu verdienen! Jetzt trolle Dich weg!«

Seinen Unterhalt verdienen, und das im Alter von vier Jahren und wenigen Monaten! Freilich verdiente er ja schon etwas bei dem Puppenschausteller, doch auf welche Weise! Der Kleine trollte sehr bestürzt davon. Wer ihn dann in seinem Winkel gesehen hätte, wie er mit gekreuzten Armen und hängendem Kopfe dasaß, der hätte Mitleid mit ihm haben müssen. Das Leben war für das arme kleine Geschöpf eine recht schwere Last!

Sind solche verlassene kleine Wesen nicht schon von allerfrühester Zeit durch das Elend abgestumpft, so mag sich selten jemand vorstellen können, was sie leiden, und jeder würde ihnen gewiß seine Theilnahme nicht versagen.

Nach den Vorwürfen des Directors kamen dann noch die Schmähungen der Schlingel aus der Schule.

Diese ärgerte es, daß der Junge ehrbarer war als sie. Alle strebten danach, ihn zum Schlechten zu verleiten, und an schlimmen Rathschlägen und... Hieben ließen sie es dazu nicht fehlen.

Carker vorzüglich zeichnete sich in dieser Hinsicht vor allen übrigen aus.

»Du willst nicht betteln? fragte er eines Tages.

– Nein, antwortete der Findling mit fester Stimme.

– Nun, Du Dummkopf, man bettelt und bettelt auch nicht, man nimmt einfach!

– Nehmen?

– Natürlich! Sieht man einen gutgekleideten Herrn mit einem aus der Tasche hervorhängenden Taschentuche, so schleicht man an ihn heran, zieht vorsichtig an dem Taschentuche, und da kommt das ganz allein heraus.

– Lass' mich in Ruhe, Carker!

– Manchmal folgt auch noch ein Portemonnaie dem Taschentuche nach....

– Das nennt man stehlen!

– Und in den Portemonnaies der reichen Leute findet man keine Coppers, sondern Schillinge, Kronen und auch Goldstücke; die steckt man hübsch ein und theilt sie mit den Kameraden.

– Ja, fiel ein andrer ein, und während man davon läuft, macht man den Polizisten eine lange Nase.

– Na, übrigens, fuhr Carker fort, wenn man nun auch eingeschlossen würde, was hätte das zu bedeuten? Da, im Gefängniß ist es ebenso gut wie hier, wenn nicht noch besser. Dort erhält man Brod, Suppe, Kartoffeln und ißt sich ordentlich satt.

– Ich mag aber nicht, ich mag nicht!« wiederholte der Kleine, der sich der Taugenichtse zu erwehren suchte, die ihn wie einen Ball hin- und herstießen.

Da erschien Grip im Saale und beeilte sich, ihn seinen Peinigern zu entreißen.

»Daß Ihr mir den Kleinen ungeschoren laßt!« rief er, die Hände ballend.

Dieses Mal war Grip wirklich wüthend.

»Du weißt, sagte er zu Carker, ich schlage nicht oft zu, nicht wahr, doch wenn's einmal geschieht, dann auch ordentlich!...«

Die Buben ließen ihr Opfer frei, warfen ihm aber wüthende Blicke, offenbar mit dem Versprechen zu, daß sie wieder über den Kleinen herfallen würden, wenn Grip nicht mehr da wäre, und nur die Gelegenheit abwarteten, womöglich beiden etwas auszuwischen.

»Na, Du wirst ganz gewiß verbrannt, Carker! sagte der Findling mit etwas Theilnahme in den Mienen.

– Verbrannt?...

– Ja, in der Hölle, wenn Du Dich nicht besserst!«

Diese Versicherung rief bei dem Taugenichtse freilich nur ein tolles Gelächter hervor, während bei dem Kleinen die Ueberzeugung, daß Carker geröstet werden würde, unerschütterlich feststand.

Das Dazwischentreten Grip's reizte die Rangen selbstverständlich noch mehr, und trieb sie an, sich an Beschützer und Beschützten ordentlich zu rächen.

In den Winkeln des Hauses beriethen die schlimmsten Insassen der Ragged-School ihre hinterlistigen Pläne. Grip ließ sie jedoch nicht aus den Augen und blieb, so viel er konnte, in der Nähe des bedrohten Knaben. Für die Nacht nahm er ihn mit nach der Bodenkammer, die er unter den Dachsparren bewohnte. War's hier auch kalt und recht dürftig, so blieb der Findling doch gegen die gemeinen Knaben und die schlechte Behandlung der übrigen Rotte geschützt.

Eines Tages lustwandelten Grip und er auf dem Strande von Salthill, wo sie sich badeten und der ältere, der des Schwimmens kundig war, seinen kleinen Begleiter darin unterrichtete. O, wie glücklich fühlte sich dieser, in die klare Fluth tauchen zu können, auf der die schönen Schiffe dahintrieben... weit, weit weg, bis die weißen Segel am Horizonte verschwanden.

Beide belustigten sich in den langen Wellen, die gegen das Ufer brandeten, wobei Grip das Kind an den Schultern hielt und ihm die zum Schwimmen nöthigen Bewegungen lehrte.

Da ließ sich plötzlich von den Uferklippen her ein wahrhaft teuflisches Geheul vernehmen und in der Nähe wurde der ganze Auswurf der Lumpenschule sichtbar.

Es waren nur ein Dutzend, aber die schlimmsten und rohesten Burschen und natürlich Carker an der Spitze.

Sie schrien so unbändig, weil sie eine flügellahme Möwe entdeckt hatten, die zu entfliehen suchte, was ihr vielleicht noch gelungen wäre, wenn sie Carker nicht mit einem Stein getroffen hätte.

Der Findling stieß einen Aufschrei hervor, als wäre er von dem Wurfe getroffen worden.

»Die arme Möwe!... Das arme Thier!« rief er klagend.

In Grip's Herzen kochte der Zorn auf und er hätte Carker wahrscheinlich eine Tracht Prügel verabreicht, die dieser nicht so leicht vergessen hätte, als er sah, daß das Kind den Strand hinauf mitten unter die Bande eilte und für den Vogel um Erbarmen bat.

»Carker, ich bitte Dich... wiederholte der Kleine... schlage lieber mich, nicht aber die Möwe... nur die Möwe nicht!«

Ein Hagel von Spottreden war die Antwort darauf, als die andern ihn ganz nackt mit den dünnen Beinchen und den vorspringenden Hüftknochen ans Land laufen sahen, während er noch immer rief:

»Gnade... Gnade... für die arme Möwe!«

Keiner hörte auf sein Flehen, sondern alle lachten ihn aus und verfolgten den Vogel weiter, der sich vergeblich von der Erde zu erheben und dann, mühsam auf den Füßen forthüpfend, zwischen den Felsen Schutz suchte.

Vergeblich.

»Ihr Feiglinge!... Ihr Thierquäler!« rief der Findling ihnen zu. Carker hatte die Möwe an dem einen Flügel gepackt, schwenkte sie herum und warf sie dann in die Luft. Sie fiel wieder zu Boden, wo sie ein andrer ergriff und auf die Strandkiesel schleuderte.

»Grip... Grip!... rief der Findling wiederholt, nimm sie in Schutz, Grip!«

Dieser stürzte sich zwar auf die Rangen, um ihnen den Vogel zu entreißen, er kam jedoch zu spät. Carker hatte der Möwe schon mit dem Absatz den Kopf zertreten.

Ein gellendes Lachen und ein jubelndes Hurrah belohnte diese Heldenthat.

Der kleine Knabe war außer sich. Der Zorn aber übermannte ihn, und in blinder Wuth hob er einen Stein auf und traf damit Carker mitten auf die Brust.

»Ha, das sollst Du mir theuer bezahlen!« brüllte Carker.

Und ehe Grip es verhindern konnte, stürzte er auf den Schwachen zu, zerrte ihn nach dem Strande und schlug nach Kräften auf ihn los.

Während dann die übrigen Grip an Armen und Beinen zurückhielten, drückte jener den Kopf des kleinen Knaben unter das Wasser, daß dieser beinahe erstickt wäre.

Als es Grip endlich gelungen war, sich durch hageldicht ausgetheilte Schläge von den Taugenichtsen, die meist heulend auf den Sand hinkollerten, zu befreien, eilte er Carker nach, der natürlich mit der ganzen Bande davonlief.

Zurückkehrend sah er, wie die Wellen den Findling schon fast mit hinausgezogen hatten, wenn er den halb bewußtlosen Knaben nicht noch im letzten Augenblick erfaßte und emporzog.

Nachdem er ihn tüchtig gerieben, kam der Kleine wieder zu sich. Schnell hüllten sich beide in ihre erbärmliche Kleidung und Grip führte den Kleinen an der Hand mit fort.

Am Ufer lag der muthwillig getödtete Vogel. Da höhlte der Kleine, dem die Thränen in die Augen traten, ein Loch am Uferrande aus und vergrub das arme Thier... er, der selbst ja weiter nichts war, als ein verlassener Vogel... eine arme menschliche Möwe.

V.
Noch einmal die Ragged-School.

Nach Hause gekommen, glaubte Grip den Herrn O'Bodkins auf das Betragen Carkers und der übrigen aufmerksam machen zu sollen. Nicht, daß er sich über ihm selbst gespielte Streiche – worüber er ja gutmüthig hinwegsah – Klage führen wolle, nein, nur die üble Behandlung, die dem kleinen Knaben zu Theil geworden war, lag ihm am Herzen. Und diesmal war das sogar so weit gegangen, daß das Kind ohne die Hilfe Grip's jetzt todt gewesen wäre.

Als einzige Antwort zuckte O'Bodkins nur mit den Achseln. Grip mußte das verstehen: es handelte sich um Dinge, für die der Director nicht verantwortlich war und die ihm also nichts angingen. Das Hauptbuch konnte doch unmöglich noch eine Rubrik für Ohrfeigen und eine andre für Fußtritte erhalten. So etwas ließ sich ja ebensowenig nach arithmetischen Regeln zusammenstellen wie drei Kieselsteine und fünf Disteln. Ohne Zweifel war O'Bodkins als Leiter der Anstalt verpflichtet, das Betragen der Zöglinge zu überwachen, die Verantwortung dafür liebte er aber auf den Aufseher der Schule – als solcher galt eben Grip – abzuwälzen.

Von diesem Tage ab ließ nun Grip seinen Schützling niemals aus dem Auge, vorzüglich nicht allein in dem großen Saale, und wenn er ausging, schloß er den Kleinen sorgsam in seine Dachkammer ein, wo dieser sich dann wenigstens in Sicherheit befand.

So verflossen die letzten Sommertage; der September kam heran. Für die nördlichen Bezirke des Landes bedeutet das schon den Beginn des Winters, und der Winter besteht für das obere Irland in fast ununterbrochenem Schneegestöber, scharfen Winden und Nebeln, die von den übereisten Ebenen des nördlichen Amerika stammen und von den Meereswinden nach Europa getrieben werden.

Es herrscht unfreundliches, rauhes Wetter an den Ufern der Bai von Galway, die zwischen den umgebenden Bergen wie zwischen den Wänden eines Gletschers liegt. Da giebt es kurze Tage und lange Nächte, peinlich genug für alle, in deren Kamin kein wärmendes Feuer flackert. In der Lumpenschule herrschte natürlich auch eine recht niedrige Temperatur, außer vielleicht im Zimmer des Directors O'Bodkins. Doch wenn der verantwortliche Leiter der Anstalt nicht warm gesessen hätte, wäre ihm ja die Tinte im Schreibzeug eingefroren, und das ging doch nicht wohl an.

Jetzt galt es vor allem, auf Straßen und Landwegen zusammenzuraffen, was irgend brennbar war und einige Wärme liefern könnte. Freilich ergab das nicht viel, wenn man wie hier auf herabgefallene dürre Zweige, auf durch den Rost gefallene Kohlenstückchen, die in den Haufen vor den Häusern lagen, angewiesen war, und etwa auf die längs der Quais verstreut liegend verlornen Kohlenstücke, um die sich die armen Leute fast schlugen.

Die Zöglinge der Lumpenschule mußten sich also dieser Arbeit unterziehen und auch der Findling nahm daran ohne Widerspruch theil, das war doch wenigstens kein Betteln. Dann brannte denn auch ein Feuer im Ofen, so gut es eben zu unterhalten war.

Die ganze, in der zerrissenen Kleidung frierende Schule drängte sich um den Ofen, wobei die Größten natürlich die besten Plätze eroberten, während das Abendbrod im Kessel bereitet wurde. Und welches Abendbrod! Weggeworfene Kartoffeln, Brodrestchen, Knochen, an denen zuweilen noch ein Bissen zähes Fleisch hing.... Das ganze eine jämmerliche Suppe, worauf einige Fettklümpchen die Augen guter Bouillon vertraten.

Nahe dem Feuer gab es für den kleinen Jungen selbstverständlich niemals einen Platz und selten einen Löffel von der Suppe, die die alte Hausverwalterin für die Größeren aufhob. Diese stürzten gleich hungrigen Hunden darüber her und wiesen den andern die Zähne, um ihre magere Mahlzeit zu vertheidigen.

Den Kleinen pflegte Grip in sein Loch mitzunehmen, wo er ihm das Beste von dem zuschob, was er von den täglichen Rationen empfing. Da gab es freilich kein wärmendes Feuer. Doch wenn sich beide unter das Stroh versteckten und sich aneinander drängten, dann gelang es ihnen wohl, sich einigermaßen vor der Kälte zu schützen und einzuschlafen. Vielleicht wärmte sie wenigstens der wohlthätige Schlaf!

Eines Tages begünstigte Grip das Glück in ganz besondrer Weise. Er war unterwegs und ging eben auf der Hauptstraße von Galway hin, als ein in das Royal-Hôtel zurückkehrender Reisender ihn beauftragte, noch einen Brief nach der Post zu besorgen. Grip beeilte sich, diesem Wunsche nachzukommen und erhielt einen ganzen Schilling zur Belohnung. Das war nun freilich immer noch kein großes Capital, um dessen Anlegung in Staatspapieren er sich etwa den Kopf zu zerbrechen brauchte, dagegen war er sofort entschlossen, für das Geld etwas Eßbares einzukaufen, was zum größeren Theil dem Findling, zum kleineren ihm selbst zu Gute kommen sollte. So erhandelte er denn einige Fleisch- und Wurstwaaren, die für drei Tage ausreichten und die von Carker und den andern unbemerkt verzehrt wurden, denn Grip hatte begreiflicher Weise keine Ursache, mit den andern Zöglingen zu theilen, die auch niemals mit ihm theilten.

Besonders wichtig wurde das Zusammentreffen Grip's mit dem Fremden noch dadurch, daß dieser angesichts der erbärmlichen Kleidung des Burschen ihm noch eine recht gut erhaltene wollene Weste schenkte.

Grip dachte natürlich gar nicht daran, diese selbst in Gebrauch zu nehmen; nur sein kleiner Schützling lag ihm am Herzen, und dieser sollte sich in der warmen Hülle unter seinen Lumpen gewiß recht wohl fühlen.

»Da steckt er darin wie ein Lamm in der Wolle!« sagte der brave junge Mann für sich.

Das Lamm wollte aber nicht zugeben, daß sich Grip seines Vließes beraubte. Es wurde hin und her verhandelt, und endlich kam man zu einer befriedigenden Entscheidung.

Der Herr, von dem die Weste herrührte, war ziemlich stark und Grip hätte in jene zweimal hinein gesteckt werden können. Er war auch groß, so daß die Weste den kleinen Knaben vom Kopf bis zu den Füßen verhüllt hätte. So erschien es also nicht unmöglich, das Kleidungsstück für beide Freunde zurecht zu machen. Die alte trunksüchtige Frau Kriß zum Zertrennen und wieder Zusammennähen desselben aufzufordern, wäre freilich ebenso viel gewesen, wie sie zum Verzicht auf ihre Pfeife zu bestimmen. So machte sich denn Grip in seiner Bodenkammer selbst an die Arbeit. Er nahm dem Kinde Maß und erwies sich so geschickt, daß er eine ganz brauchbare wollene Jacke zu Stande brachte. Er selbst erhielt dann noch eine Weste, freilich ohne Aermel, aber doch eine Weste, und das war auch etwas.

Natürlich bestimmte er den Findling, die Jacke unter seinen Lumpen zu tragen, damit die andern sie nicht sehen sollten. Statt sie ihm zu lassen, hätten diese sie ganz gewiß einfach zerrissen. Der Kleine befolgte den klugen Rath und befand sich denn auch bei strenger Winterkälte ganz erträglich in der weichen warmen Hülle.

Nach ungemein regenreichem October brachte der November recht kalten Wind, der alle Feuchtigkeit der Atmosphäre zu Schnee verwandelte. In den Straßen von Galway lag die weiße Decke zwei Fuß hoch. Das wirkte recht hemmend beim Einsammeln von Brennmaterial ein. In der Ragged-School froren alle gehörig, und wie es dem Ofen an Heizmaterial fehlte, so fehlte es dem Magen, der ja auch ein Ofen ist, daran oft nicht minder.

Dennoch mußten die Zöglinge, trotz der Schneestürme, dem eisigen Winde, auf Straßen und Wegen sich bemühen, den Bedarf der Schule zu decken. Auf dem Erdboden war nichts mehr zu finden, so blieb denn nichts anders übrig, als von Thür zu Thür zu gehen. Das Kirchspiel that ja für seine Armen, was es konnte; doch ohne von der Lumpenschule zu reden, machten noch recht viele Wohlthätigkeitsanstalten in harten Zeiten Anspruch auf die Mildthätigkeit der Einwohner.

Die Kinder sahen sich also gezwungen, von einem Hause zum andern betteln zu gehen, und wo nicht alles Mitgefühl erstorben war, da wurden sie auch nicht unfreundlich empfangen. Meist freilich wies man sie barsch genug ab und bedrohte sie wohl auch noch für den Fall, wenn sie wiederkämen, so daß sie nicht selten mit leeren Händen zurückkehrten.

Wohl oder übel mußte der Findling dem Beispiele der andern folgen, und doch, wenn er vor einer Thür stehen blieb und den Klopfer in die Höhe gehoben hatte, schien es ihm, als fiele dieser mit schwerem Schlage auf seine eigene Brust nieder. Statt dann die Hand auszustrecken, fragte er an, ob er nicht irgend etwas besorgen könnte. Das ersparte ihm doch die Beschämung zu betteln. Wer wollte aber einem fünfjährigen Knaben einen Auftrag anvertrauen?... So warf man ihm zuweilen lieber ein Stück Brod zu, das er weinend in Empfang nahm. Ja, Hunger thut weh!

Im December wurde die Kälte noch schlimmer. Immer und immer fiel der Schnee in großen Flocken. Kaum konnte man in den Straßen den Weg noch erkennen. Um drei Uhr nachmittags wurde das Gas schon angezündet, doch das gelbliche Licht der Brenner vermochte den dicken Nebel kaum zu durchdringen, so als wenn es alle Leuchtkraft verloren hätte. Wagen und Karren waren jetzt gar nicht mehr unterwegs, nur vereinzelt huschten die Menschen nach ihren Wohnungen. Und mit frostgerötheten Augen, Hände und Gesicht blau von dem schneidenden Winde, irrte der Findling umher, während er sich dicht in seine beschneiten Lumpen hüllte.

Endlich ging der traurige Winter zu Ende. Die ersten Monate des Jahres 1877 waren minder hart. Auch der Sommer trat zeitig ein und im Juni herrschte schon eine recht starke Wärme.

Am 17. August hatte der jetzt fünfeinhalb Jahre zählende Findling das Glück, etwas zu finden, was für ihn unerwartete Folgen haben sollte.

Gegen sieben Uhr ging er durch eine auf die Brücke von Claddagh mündende Straße auf dem Rückwege nach der Anstalt, wo ihm, da er mit leeren Händen kam, gewiß nicht der beste Empfang zutheil wurde. Hatte Grip nicht noch ein Stück alte Brodrinde übrig, so war für beide heut Abend nichts zu essen da. Das war übrigens nicht zum ersten Male der Fall, denn jeden Tag und zwar zur bestimmten Stunde essen zu wollen, das wäre eine Anmaßung gewesen. Solche Gewohnheiten mochten reiche Leute haben, denen ihre Mittel das erlaubten, ein armer Teufel ißt aber, wenn er etwas dazu hat, und wenn's daran mangelt, dann ißt er einfach nicht, so sagte wenigstens Grip, der schon gewöhnt war, sich mit philosophischen Grundsätzen satt zu machen.

Da, kaum zweihundert Schritte von der Schule entfernt, stolperte der kleine Junge und fiel der Länge nach hin. Da er nicht groß war, ging das ohne Schaden für ihn ab. Gleichzeitig rollte aber etwas, woran er mit den Füßen gestoßen hatte, vor ihm her. Es war eine große Weinflasche, die zum Glück nicht entzwei gegangen war, denn der Knabe hätte sich sonst schwer verletzen können.

Der Findling erhob sich und umhersuchend, fand er die Flasche, die zwei bis drei Gallonen fassen mochte. Ein Pfropfen verschloß deren Hals und diesen brauchte er nur herauszuziehen, um zu sehen, was sie enthielt.

Der Knabe erkannte, daß sie voller Gin war.

Damit hätten sich alle Insassen der Lumpenschule befriedigen können, und der Findling durfte gewiß sein, mit dieser Bürde bestens empfangen zu werden.

In der menschenleeren Straße hatte ihn niemand gesehen und die Anstalt lag ganz nahe.

Da kam ihm aber ein Gedanke, der Carker und dessen Genossen gewiß nie eingefallen wäre. Diese Flasche gehörte ihm doch nicht. Sie war kein Geschenk, war nicht auf den Kehricht geworfen, sondern offenbar ein verlorner Werthgegenstand. Den Eigenthümer zu finden, mochte freilich etwas schwierig sein. Immerhin sagte ihm sein Gewissen, daß er über den Fundgegenstand nicht nach Gutdünken verfügen dürfe. Es war der natürliche Instinct, der ihm das sagte, denn weder Thornpipe noch O'Bodkins hatte ihm je gelehrt, ehrlich zu sein. Zum Glück giebt es auch Kinderherzen, in die dieses Gebot schon allein eingeschrieben ist.

Sehr in Verlegenheit wegen seines Fundes, beschloß der Findling Grip darum zu fragen; dieser würde die Wiedereinhändigung desselben an den rechtmäßigen Eigenthümer schon veranlassen. Jetzt kam es vorzüglich darauf an, die Flasche vor den Taugenichtsen unbemerkt nach der Dachkammer zu schaffen, denn jene hätten sich gewiß nicht darum gekümmert, wem sie gehörte. Zwei bis drei Gallonen Gin! Welcher Ueberfluß!... Mit Anbruch der Nacht wäre aber doch kein Tropfen davon mehr dagewesen. Bei Grip dagegen stand der Branntwein sicher; dieser rührte die Flasche gewiß nicht an, sondern hätte sie unter das Stroh versteckt, bis er am folgenden Morgen in der Nachbarschaft Umfrage hielt. Wenn nöthig, wollten beide dazu von Haus zu Haus gehen... sie bettelten ja nicht.

Der Findling schritt also mit seiner Last der Schule zu, und bemühte sich, die Flasche unter seiner Kleidung zu verbergen.

Eben als er vor die Thür kam, stürmte aber zum Unglück Carker daraus hervor, so daß er einen Zusammenstoß mit diesem nicht vermeiden konnte. Da Carker ihn erkannte und allein vor sich sah, hielt er es für die beste Gelegenheit, dem Knaben zurückzuzahlen, was er ihm von dem Zusammentreffen an dem Strande von Salthill her schon zugedacht hatte.

Er warf sich also über den Findling und entriß diesem die Flasche, die er bald unter dessen Lumpen gefühlt hatte.

»Eh, was ist denn das? rief er.

– Das?... Das gehört nicht Dir!

– Also wohl Dir?

– Nein, mir auch nicht!«

Der Knirps wollte Carker zurückdrängen, dieser versetzte ihm aber einen Stoß, daß er selbst drei Schritte weit zurücktaumelte.

Sofort ergriff Carker die Flasche und eilte damit nach dem Saal zurück, während der kleine Knabe ihm weinend folgte.

Er versuchte noch Einspruch zu erheben, da aber Grip nicht da war der ihn unterstützt hätte, so erhielt er nur tüchtige Prügel, bis die alte Kriß sich einmengte sobald sie die Flasche bemerkt hatte.

»Gin, rief sie, guter Gin! O, das ist ja für alle genug!«

Der Findling hätte gewiß besser gethan, die Flasche in der Straße liegen zu lassen, wo sie deren Eigenthümer jetzt wahrscheinlich suchte, denn zwei bis drei Gallonen Gin kosten schon verschiedene Schillinge, ja sogar mehr als eine halbe Krone. Er hätte sich sagen müssen, daß es unmöglich sein würde, ungesehen bis zur Dachkammer Grip's zu gelangen. Jetzt war es freilich zu spät.

Sich an O'Bodkins zu wenden, diesem den Vorfall zu erzählen, würde auch nichts genutzt haben, und dem wäre ein schlechter Empfang zu Theil geworden, der die Thür zu des Directors Zimmer öffnete und den Insassen vielleicht bei seinen verwickeltsten Rechnungen störte. Im besten Falle hätte O'Bodkins die Flasche nach seinem Zimmer bringen lassen, und was da hinein kam, kam gewiß nicht wieder heraus.

Der kleine Knabe konnte also nichts thun und beeilte sich nur, Grip aufzusuchen, um diesem seine Noth zu klagen.

»Grip, eine Flasche, die man findet, gehört einem doch nicht?

– Nein, ich glaube nicht, antwortete Grip. Hast Du denn eine Flasche gefunden?

– Ja, und ich wollte sie Dir geben, und morgen hätten wir in der Nachbarschaft zu erfahren gesucht...

– Wem sie gehörte?... fiel Grip ein.

– Ja, und wenn wir uns erkundigten...

– Sie haben Dir wohl die Flasche weggenommen? unterbrach ihn Grip.

– Ja; Carker! Ich versuchte, sie ihm zu entwinden... und da waren die andern da... Ach, wenn Du hinunter gingst, Grip!

– Ich werde hinuntergehen, und da werden wir schon sehen, wer die Flasche behält!«

Als Grip aber die Kammer verlassen wollte, konnte er das nicht; die Thür war von außen verschlossen.

Trotz seiner Bemühungen gab die Thür nicht nach, zur großen Freude der rohen Gesellen draußen, die von unten her riefen:

»He, Grip!...

– He, Findling!...

– Auf Eure Gesundheit!«

Da Grip die Thür nicht zu sprengen vermochte, fügte er sich wie gewöhnlich der Notwendigkeit und bemühte sich nur, seinen erzürnten kleinen Freund zu beruhigen.

»Lassen wir sie tollen, die ungezogenen Burschen! sagte er.

– Oh, daß man nicht stark ist!

– Wozu das?... Hier, Kleiner, hier sind noch Kartoffeln, die ich für Dich aufgehoben habe. Komm her, iß lieber...

– Ich habe keinen Hunger, Grip!

– Iß trotzdem, nachher wickeln wir uns ins Stroh, um zu schlafen.«

Wenn Carker die Thür der Dachkammer versperrt hatte, so geschah das, um heute Abend jedenfalls nicht gestört zu werden. War Grip eingeriegelt, so konnte man beliebig sich dem Genusse des starken Getränkes hingeben, denn die alte Kriß, die ja auch ihren Theil davon erhielt, hatte gewiß nichts dagegen einzuwenden.

Nun kreiste der Branntwein in allerlei Gefäßen. Alle heulten und schrien, denn es dauerte nicht lange, bis alle berauscht waren, mit Ausnahme Carker's, der an starke Getränke schon gewöhnt war.

Noch war die Flasche kaum halb leer, obwohl die Kriß tüchtig dazu mitgeholfen hatte, als die ganze Bande kaum noch ihrer Sinne mächtig war. Das Geschrei, das Lärmen und Toben vermochte aber doch nicht, O'Bodkins aus seiner gewohnten Gleichgiltigkeit aufzurütteln. Was ging's auch ihn an, was da unten vorging, wenn er oben vor seinen Büchern saß! Davon hätte die Trompete des Jüngsten Gerichtes ihn nicht fortlocken können.

Und doch sollte er heute sehr schnell aus seinem Zimmer getrieben werden – nicht ohne großen Nachtheil für seine Verantwortlichkeit.

Nachdem etwa einundeinhalb Gallonen verzehrt waren, lagen die meisten Theilnehmer an der Orgie schon auf dem Stroh, und hier wären sie ohne Zweifel bald eingeschlafen, wenn Carker nicht auf den Gedanken gekommen wäre, noch einen »Brander« zu brauen.

Ein »Brander« ist nämlich ein Punsch. Statt des Rums gießt man Gin zu ein wenig Wasser in einem Gefäß, zündet das Gemisch an und trinkt es noch ganz heiß.

Das hatte denn auch Carker vor, zur großen Genugthuung der alten Kriß und zwei oder drei andrer, die sich noch auf den Füßen hielten. Wohl fehlten hier so manche Zusätze zu einem wirklichen Punsch. Die Insassen der Lumpenschule machten aber nicht so große Ansprüche.

Sobald die Flamme in dem Suppenkessel – dem einzigen Gefäße, was die alte Kriß zur Verfügung hatte – aufloderte, begannen die, die noch nicht ganz zusammengebrochen waren, einen wilden Tanz um den Kessel. Wer jetzt auf der Straße vorübergekommen wäre, der hätte glauben müssen, eine Legion von Teufeln sei in die Schule eingedrungen. Dieses Stadtviertel war jedoch mit Eintritt der Dunkelheit meist schon sehr verlassen.

Plötzlich leuchtete in dem Hause ein auffallend heller Schein auf. Das Gefäß, aus dem der brennende Gin emporflackerte, war durch Ungeschick umgestoßen worden, und schnell verbreitete sich die lodernde Flüssigkeit auf dem Stroh bis in alle Ecken des gemeinsamen Saales. Alle, die noch einigermaßen bei Sinnen waren, und alle, die durch das Knistern der Flammen aus dem Stroh aufgescheucht wurden, hatten nichts weiter zu thun, als die Thür aufzustoßen, die alte Kriß mit hinauszuschleppen und sich nach der Straße zu retten.

In demselben Augenblick suchten auch Grip und der Findling, die ebenfalls erwacht waren, vergebens aus der von erstickendem Qualm erfüllten Dachkammer zu entfliehen.

Der Brand war übrigens schon bemerkt worden. Mit Eimern und Leitern stürmten verschiedene Leute heran. Zum Glück lag die Lumpenschule isoliert, und der nach der Rückseite wehende Wind bedrohte auch die Häuser gegenüber nicht weiter.

War auch kaum Hoffnung vorhanden, die alte Baracke zu erhalten, so mußte man doch an die denken, die darin waren und denen die Flammen vielleicht den Ausgang versperrten.

Da öffnete sich ein Fenster im obern Stockwerk nach der Straße hinaus.

Es war ein Fenster von dem Zimmer O'Bodkins' dem sich das Feuer mehr und mehr näherte. Der Director schien ganz von Sinnen zu sein und raufte sich die Haare.

An seine Zöglinge und ob diese in Sicherheit wären, daran dachte er freilich nicht, ja nicht einmal an die ihn selbst bedrohende Gefahr...

»Meine Bücher... meine Bücher!« rief er verzweifelnd mit den Händen fechtend.

Nach vergeblichem Versuche, die Treppe hinabzugelangen, an der schon überall die Flammen leckten, entschloß er sich, seine Hefte, Bücher, Bureaugeräthschaften und alles mögliche zum Fenster hinauszuwerfen. Natürlich fielen die Schlingel gleich darüber her, traten darauf herum oder zerstreuten die losen Blätter, während O'Bodkins sich endlich entschloß, mittelst einer an die Mauer gelehnten Leiter sich selbst zu retten.

Was dem Director aber noch möglich gewesen war, das hatten Grip und das Kind nicht auch thun können. In die Dachkammer fiel das Tageslicht nur durch eine kleine Luke, und die hinaufführende Treppe brach schon Stufe für Stufe unter der Glut zusammen. Jetzt begann auch das Holzwerk der Mauer zu brennen und ein Feuerregen fiel bald auf das Strohdach des Bauwerks nieder, der die Lumpenschule schnell in einen großen Brandherd verwandelte.

Grips Hilferufe übertönten doch endlich einmal das Geräusch von der Feuersbrunst.

»Sind denn noch Menschen in dieser Spelunke?« fragte da eine Dame in Reisetracht, die ebenfalls nach der Unglücksstätte gekommen war.

Der Brand hatte schon so weit um sich gegriffen, daß man seiner nicht mehr Herr zu werden vermochte. Nachdem der Director sich gerettet hatte, dachte deshalb kaum jemand noch an Unterdrückung des Feuers selbst, da sich voraussichtlich niemand im Hause befand.

»Hilfe... Hilfe für die, die noch da oben sind! rief von neuem die Reisende mit ausdrucksvollen Bewegungen. Leitern herbei, Ihr Leute, Leitern und ein paar beherzte Männer, die sich hinaufwagen!«

Wie konnte man aber Leitern an diese Mauern legen, die jeden Augenblick einzustürzen drohten? Wie hätte jemand die von dickem Rauch eingehüllte Dachkammer erreichen können, über der und um die herum die gierigen Flammen emporstiegen?

»Wer befindet sich denn in jenem Bodenraum? fragten mehrere O'Bodkins, der nur damit beschäftigt war, seine Schriftsachen zusammenzuraffen.

– Wer?... Das weiß ich doch nicht...« antwortete der ganz verstörte Director, den nur sein eigenes Unglück in Anspruch nahm.

Dann kam ihm aber doch die Erinnerung wieder.

»Ah,... ja,... zwei... Grip und der kleine Junge....

– Die Unglücklichen! rief die Dame. Mein Gold, meinen Schmuck, alles was ich besitze, dem, der sie rettet!«

In das Innere des Hauses zu gelangen, war jetzt ganz unmöglich; schon zischte eine rothe Lohe durch die geborstenen Mauern, der ganze untere Theil brannte, krachte und brach zusammen. Noch wenige Minuten bei dem Wind, unter dem die Flammen wie eine Flagge hinflatterten, und die ganze Lumpenschule war nichts mehr, als eine Feuerhöhle, ein Wirbel von glühenden Dämpfen.

Plötzlich entstand eine Oeffnung im Dache dicht über der Luke. Grip war es gelungen, die Bedeckung zu zerreißen und die Sparren zu durchbrechen, als die Holzwände seiner Kammer schon zu knistern anfingen. Er schwang sich dann durch das Sparrenwerk und zerrte den kleinen halb erstickten Knaben nach sich. Als er dann bis zu dem Theile der Mauer gekrochen war, der die rechte Giebelwand bildete, ließ er sich auf der schrägen Kante hinabgleiten, wobei er den Findling immer in den Armen hielt.

In diesem Augenblick brach eine furchtbare Flammengarbe durch das Dach und schleuderte tausende glühender Funken hoch empor.

»Rettet ihn... rief Grip, rettet den Knaben!«

Damit ließ er das Kind nach der Seite der Straße zu fallen, wo es glücklicher Weise ein Mann auffing, ehe es auf den Erdboden stürzte.

Grip sprang nun ebenfalls herunter und stürzte halb bewußtlos an einem Trümmerhaufen neben der Mauer zusammen.

Da trat die Reisende auf den Mann zu, der den kleinen Knaben noch immer trug, und fragte ihn mit vor Erregung zitternder Stimme:

»Wem gehört dieses unschuldige Wesen?

– Niemand!... Es ist ein Findelkind, erklärte der Mann.

– Nun gut, so gehört es mir... mir...! rief sie, während sie schon den Knaben nahm und an ihr Herz drückte.

– Gnädige Frau... ließ sich da ihre Kammerfrau vernehmen.

– Schweig, Elisa, schweig! – Das ist ein Engel, der mir vom Himmel zugefallen ist.«

Da der »Engel« nun weder Eltern noch sonstige Angehörige hatte, war es ja das Beste, ihn den Händen der schönen, edelmüthigen Dame zu überlassen, und ein freudiges Hurrah dankte dieser in dem Augenblick, wo die letzten Reste der Ragged-School zusammenstürzten.

VI.
Limerick.

Wer die mitleidige Dame war, die hier so entschlossen für die Rettung der beiden Bedrohten eintrat, wußte zunächst niemand und niemand wäre auch erstaunt gewesen, wenn sie selbst durch die Flammen gedrungen wäre, um diesen das schwächliche Opfer zu entreißen. Und wäre das Kind ihr eignes gewesen, sie hätte es kaum liebevoller in die Arme nehmen können, als sie es nach ihrem an der nächsten Straßenecke wartenden Wagen trug, während sich die Kammerfrau der Fremden vergeblich bemühte, die Dame von ihrem Entschluß abzubringen.

»Nein, Elisa! wiederholte sie, lass' ihn, er gehört mir. Der Himmel hat es mir vergönnt, ihn dem brennenden Hause zu entreißen. O, ich danke Dir, ich danke Dir, mein Gott!... Ach, wie ich ihn schon lieb habe.«

Der »geliebte« war schon halb erstickt, sein Athem unterbrochen, der Mund stand wie gelähmt etwas offen und seine Augen waren geschlossen. Er hätte der frischen Luft bedurft und jetzt, wo er von dem Rauch der Feuersbrunst fast erstickt war, lief er Gefahr, von den Liebkosungen erstickt zu werden, die seine Retterin an ihn verschwendete.

»Nach dem Bahnhofe, rief diese dem Kutscher zu, als sie den Wagen erreichte, nach dem Bahnhofe!... Eine Guinee, wenn wir den Zug um neun Uhr fünfundvierzig nicht versäumen!«

Gegen ein solches Versprechen konnte der Kutscher nicht unempfindlich sein, vor allem, da die Trinkgeldunsitte in England noch nicht so heimisch ist. So trieb er das Pferd vor seinem »Growler« an, wie diese alterthümlichen und unbequemen Fuhrwerke heißen.

Doch wer war nun diese von der Vorsehung geschickte Dame? War der Findling durch besondres Glück in Hände gefallen, die sich für immer über ihn breiten sollten?

Miß Anna Walston war es, die erste Heldin des Drury-Lane-Theaters, eine Art Sarah Bernhardt, auf der Tournée, welche augenblicklich am Theater zu Limerick, in der gleichnamigen Grafschaft der Provinz Munster, Vorstellungen gab. Eben hatte sie eine mehrtägige Erholungsreise durch die Grafschaft Galway gemacht, wobei ihre Kammerfrau sie begleitete. Die wortkarge Elisa Corbett war übrigens eine ebenso mürrische, wie treuergebene Freundin ihrer Herrin.

Die Schauspielerin war eine vortreffliche, beim Publicum ungemein beliebte Dame, die sich für alles lebhaft interessierte und Herz und Hand stets offen hatte, während sie sich ihrer Kunst mit heiligem Ernste widmete und eifrigst bemüht war, ihren Ruhm nicht durch einen Schnitzer aufs Spiel gesetzt zu sehen.

Miß Anna Walston, die jedermann in allen Grafschaften des Vereinigten Königreichs kannte, wartete nur auf die passende Gelegenheit, sich in Amerika, in Indien und Australien, d. h. überall, wo die englische Sprache vorherrschte, neue Lorbeern zu pflücken, denn sie war es müde, da zu glänzen, wo ihr jede Anerkennung mühelos zu Theil wurde.

Vor drei Tagen war sie, müde der fortwährenden Anstrengungen bei den Trauerspielen, in denen sie im letzten Acte regelmäßig sterben mußte, hierher gekommen, um die reine und stärkende Luft von Galway zu genießen. An jenem Abende wollte sie sich eben nach dem Bahnhofe begeben, um nach Limerick zurückzufahren, wo sie am nächsten Tage aufzutreten hatte, als ihre Aufmerksamkeit durch laute Hilferufe und den Widerschein von Feuer erweckt wurde. Die Ragged-School stand in hellen Flammen.

Eine Feuersbrunst! Wie hätte sie dem Verlangen widerstehen können, einer solchen, die sich von den zahmen Bränden auf der Bühne so gewaltig unterschied, mit beizuwohnen! Auf ihr Geheiß und trotz des Widerspruchs Elisas hatte der Wagen an der nächsten Ecke gehalten, und Miß Anna Walston beobachtete die verschiedenen Stadien dieses Schauspiels, das denen, die die Feuerwehrleute hinter den Coulissen mit wachsamem Auge beobachteten, so wesentlich überlegen war. Hier sanken die Versetzstücke thatsächlich zusammen und unter ihnen stand alles in leibhaftigem Feuer. Der Verlauf des Unglücks entbehrte auch sonst nicht des spannenden Interesses. Zwei menschliche Wesen waren in einer Dachkammer eingeschlossen, deren Treppenzugang schon in Flammen stand und die keinen andern Ausweg bot. Zwei Knaben, ein großer und ein kleiner... vielleicht wäre ein gefährdetes kleines Mädchen noch interessanter gewesen. Wie herzzerreißend schrie Miß Anna Walston da auf. Sie wäre den beiden wohl selbst zu Hilfe geeilt, wenn ihr weiter Staubmantel sich nicht gar so leicht selbst entzündet hätte. Da öffnete sich übrigens schon das Dach neben der Bodenkammer. Die beiden Unglücklichen erschienen inmitten der Rauchwolken, wobei der Große den Kleinen trug.

Ah! Der Große! Welcher Held und in welcher künstlerischen Pose zeigte er sich! Das war der Ausdruck unnachahmlicher Wahrheit!... Der arme Große! Er hatte wohl keine Ahnung davon, welchen Effect er hervorbrachte. Und der andre... der nice Boy! Der hübsche Junge! rief Miß Anna Walston wiederholt, das ist ein Engel, der aus den Flammen der Hölle kam!... Wahrlich, Findling, das war wohl das erste Mal, daß Du mit einem Cherub oder einem andern Muster der himmlischen Heerschaaren verglichen wurdest!

Ja, diese Inscenierung hatte Miß Anna Walston bis in jede Einzelheit verfolgt. Wie auf der Bühne rief sie: »Mein Geld, mein Schmuck, alles was ich besitze dem, der sie rettet!« Doch niemand hatte an den glühenden Wänden und auf das prasselnde Dach hinaufklimmen können. Endlich war der Cherub von ein paar offenen Armen aufgefangen worden und von da in die Arme der Miß Anna Walston übergegangen.... Jetzt besaß der kleine Knabe plötzlich eine Mutter, von der die Leute meinten, es müsse eine große Dame sein, die ihr eignes Kind im Brande der Ragged-School entdeckt hätte.

Nachdem sie die Umstehenden mit einer Verneigung begrüßt und von diesen bejubelt worden, war Miß Anna Walston mit ihrem Schatze verschwunden, was auch die Kammerfrau dagegen einwenden mochte. Von einer fünfundzwanzigjährigen Schauspielerin mit warmen Gefühlen und etwas freien Anschauungen durfte man da nicht verlangen, daß sie ihrer Eingebung Zügel anlegte und sich immer auf goldener Mittelstraße hielt, wie die siebenunddreißigjährige, blonde, kalte und nörgelige Elisa Corbett, die schon mehrere Jahre im Dienste ihrer etwas phantastischen Herrin stand. Die Schauspielerin dagegen glaubte sich immer auf den Brettern zu befinden und wurde sozusagen stets von ihrem Repertoire beherrscht. Ihr gestalteten sich die gewöhnlichsten Vorkommnisse des Lebens zu »Situationen«, und wenn eine solche einmal gegeben war....

Natürlich traf der Wagen rechtzeitig am Bahnhofe ein und der Kutscher erhielt seine versprochne Guinee. Und jetzt konnte sich Miß Anna Walston, die mit Elisa ein Coupé allein einnahm, allen den Pflichten widmen, die das Herz einer wirklichen Mutter nur zu dictieren vermocht hätte.

»Es ist mein Kind!... Mein Blut... mein Leben! erklärte sie, niemand soll mir ihn wieder rauben!«

Es hätte ja auch kein Mensch daran gedacht, ihr diesen kleinen Verlassnen wieder abzunehmen.

Elisa freilich bemerkte dazu:

»Wir werden ja sehen, wie lange es dauert!«

Der Zug rollte mit mäßiger Geschwindigkeit nach dem Kreuzungspunkte von Artheury, durch die Grafschaft Galway dahin, die er mit der Hauptstadt Irlands verbindet. Während dieses ersten kurzen Theiles der Fahrt war der kleine Knabe nicht wieder zur Besinnung gekommen, obwohl sich die Schauspielerin darum in jeder Weise bemühte.

Miß Anna Walston beschäftigte sich zuerst damit, ihn umzukleiden, und nahm ihm die von Rauch geschwärzten Lumpen ab, bis auf die noch ziemlich gut erhaltene wollene Jacke, während sie ihm sonst von ihren eignen Kleidungsstücken anpaßte, was sich nur dazu verwenden ließ, und ihn mit ihrem kostbaren Shawle zudeckte. Das Kind schien aber gar nicht zu bemerken, daß es jetzt warme Hüllen trug und ein noch wärmeres Herz, das für ihn sorgte, gewonnen hatte.

An der Kreuzungsstelle wurde ein Theil des Zuges abgekoppelt und nach Kilkree, an der Grenze der Grafschaft Galway, übergeleitet, wo ein halbstündiger Aufenthalt stattfand. Doch während dieser Zeit war der kleine Knabe noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen.

»Elisa... Elisa!... rief Miß Anna Walston, wir werden uns erkundigen müssen, ob sich nicht vielleicht ein Arzt im Zuge befindet.«

Elisa that das, obgleich sie ihrer Herrin versicherte, daß es sich kaum der Mühe lohne.

Ein Arzt fand sich nicht.

»O, diese Unmenschen... jammerte Miß Anna Walston, man trifft sie nie da, wo sie sein sollten!

– Aber ich bitte Sie, Madame, dem Jungen fehlt ja gar nichts; der wird schon wieder zu sich kommen, wenn Sie ihn nicht ersticken....

– Glaubst Du, Elisa?... Das herzige Kind!...

Ich weiß nicht, wie mir ist, ich habe ja noch nie ein Kind gehabt!... Ach, wenn ich ihn selbst hätte nähren dürfen!«

Das war freilich unmöglich, und übrigens stand der kleine Junge in den Jahren, wo man nach einer festeren Nahrung verlangt.

Der Zug durchflog die Grafschaft Clare – jene Halbinsel zwischen der Bai von Galway im Norden und der langen breiten Ausmündung des Shannon im Süden, einen Landstrich, den man hätte zur Insel umgestalten können, wenn ein kaum fünfzig Kilometer langer Canal am Fuße der Sliève-Sughty ausgehoben worden wäre. Die Nacht war dunkel und es wehte ein ziemlich scharfer Westwind – ein Himmel, wie er zur Situation paßte.

»Ach, der Engel erholt sich nicht wieder! rief Miß Anna Walston immer wieder.

– Soll ich Ihnen etwas sagen, Madame?

– Sprich, Elisa, sprich, um Gottes Willen!

– Nun... ich glaube, er schläft einfach!«

So war es in der That.

Der Zug gelangte nach Dromor, nach Emis, der Hauptstadt der Grafschaft, wo er gegen Mitternacht eintraf. Weiter nach New-Market, nach Six-Miles an der Grenze und endlich fuhr er gegen fünf Uhr morgens in Limerick ein.

Und nicht nur der kleine Knabe allein hatte während der Reise geschlafen, auch Miß Anna Walston waren die Augen zugefallen, und als sie wieder erwachte, bemerkte sie, daß ihr Schützling sie mit großen Augen ansah.

Da drückte sie ihn wieder in die Arme.

»Er lebt!... Er lebt!... Gott, der ihn mir gegeben hat, kann nicht so grausam sein, ihn mir wieder zu entreißen!«

Elisa meinte zwar, daß Gott auch dann gar nicht grausam gewesen wäre; jedenfalls sah sich der Knabe eigentlich ohne Uebergang aus der Lumpenschule in die prächtigen Zimmer versetzt, die Miß Anna Walston während ihrer Gastvorstellung am Theater zu Limerick im Royal-George-Hôtel bewohnte.

Die Grafschaft Limerick hat sich in der Geschichte Irlands einen Namen gemacht, denn hier regte sich zuerst der Widerstand der Katholiken gegen das protestantische England. Treu der Jacobitischen Dynastie, ist seine Hauptstadt dem schrecklichen Cromwel entgegengetreten und hat eine merkwürdige Belagerung ausgehalten, bis sie, von Hunger bezwungen und in Blut gebadet, schließlich unterlag. Hier wurde der Vertrag, der den gleichen Namen führt, unterzeichnet, der Vertrag, der den irländischen Katholiken gleiche bürgerliche Rechte und freie Ausübung ihres Cultus gewährleistete. Freilich wurden die damaligen Abmachungen von Wilhelm von Oranien rücksichtslos verletzt. Wieder mußte das Volk nach langen erniedrigenden Quälereien zu den Waffen greifen; trotz allen Muthes aber und obwohl ihnen die französische Revolution ihren Hoche zu Hilfe geschickt hatte, unterlagen die Irländer, die, wie sie sagten, »mit dem Stricke am Halse« kämpften, doch endlich bei Ballinamach den weitaus überlegenen Gegnern.

Endlich, im Jahre 1829, fanden die Rechte der Katholiken, Dank den Bemühungen des großen O'Connell, die langentbehrte Anerkennung. Dieser schwang das Banner der Unabhängigkeit und rang der Regierung Großbritanniens die ersehnte Emancipationsbill ab.

Da diese Erzählung in Irland spielt, sei es uns gestattet, folgende flammende Rede anzuführen, die O'Connell jener Zeit den Staatsmännern Englands ins Gesicht schleuderte. Man darf ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Sie hat sich tief in das Herz der Irländer eingegraben, und an verschiedenen Stellen dieser Erzählung wird der Leser noch ihren Einfluß herausfühlen.

»Niemals hat es ein unwürdigeres Ministerium gegeben! rief O'Connell eines Tages. Stanley ist ein Renegat; Sir James Graham vielleicht etwas noch schlimmeres; Sir Robert Peel eine scheckige Fahne mit fünfhundert Farben und nicht einmal echt in der Farbe, denn sie erscheint heute orangeroth, morgen grün, übermorgen wieder anders; es ist aber darauf zu achten, daß sie einmal mit Blut gefärbt wird. Was Wellington, den armen Mann betrifft, erscheint es geradezu sinnlos, ihn in England zu feiern. Hat der Historiker Alison nicht nachgewiesen, daß er sich bei Waterloo überraschen ließ? Zum Glück für ihn standen ihm raschentschlossene Truppen, irische Soldaten zur Seite. Die Irländer sind dem Hause Braunschweig, als es ihr Feind war, treu ergeben gewesen, treu Georg III., der sie verrieth, treu Georg IV., der vor Wuth aufschrie, als er die Emancipation zugestand, treu dem alten Wilhelm, dem das Ministerium abscheuliche und blutige Maßregeln gegen Irland unterbreitete. Auch der Königin haben sie ihre Treue bewahrt. Darum England den Engländern, Schottland den Schotten, aber auch Irland den Irländern!« – Das sind herrliche Worte!... Der Leser wird bald erkennen, wie der Wunsch O'Connell's in Erfüllung gegangen ist und ob der Boden Irlands seinen Kindern gehört.

Limerick ist noch immer eine der Hauptstädte der Smaragdnen Insel, obwohl es, seitdem Tralee ihm einen Theil seines Handels raubte, vom dritten auf den vierten Rang gesunken ist. Es zählt gegen dreißigtausend Einwohner. Seine Straßen sind regelmäßig, breit und gerade; seine Läden, Magazine, Hôtels und öffentlichen Gebäude erheben sich an geräumigen Plätzen. Ueberschreitet man aber, nach Begrüßung des Steines, auf dem der Emancipationsvertrag unterzeichnet wurde, die Brücke des Thomond, so findet man, daß dieser Theil der Stadt hartnäckig irländisch geblieben ist. Hier sieht man noch das Elend und die Ruinen von der Belagerung her, die zerstörten Bollwerke, den Standort jener »Schwarzen Batterie«, die unerschrockne Frauen, gleich ebensovielen Johanna Hachette's, gegen die Orangisten bis zum Tode vertheidigten. Ein trauriger, beklagenswerther Contrast!

Limerick hat eine Lage, die es zu einem Mittelpunkte der Industrie und des Handels machen könnte. Der Shannon, der »Azurne Fluß«, bietet ihm einen jener Wege, die selbst gehen, wie der Clyde, die Themse oder der Mersey. Wenn London, Glasgow und Liverpool aber ihre Flüsse ausnützen, so macht das Limerick mit dem seinen leider nicht ebenso. Kaum beleben einige Barken seine trägen Fluthen, die nur die schönen Theile der Stadt benetzen und die fetten Weiden ihres Thales ernähren. Die auswandernden Irländer sollten ihren Shannon nur mit nach der Neuen Welt versetzen: die Amerikaner würden schon etwas daraus zu machen wissen.

Beschränkt sich auch die ganze Thätigkeit Limericks auf die Erzeugung von Schinken, so bleibt es doch eine angenehme Stadt mit wirklich hübschen weiblichen Bewohnern, was jedermann leicht auffallen mußte.

Hervorragende Schauspielerinnen sind nicht die Persönlichkeiten, die für ihr Privatleben nach undurchsichtigen Mauern verlangen; sie würden im Gegentheil lieber in Glashäusern wohnen, wenn es solche gäbe. Miß Anna Walston hatte keine Ursache zu verheimlichen, was in Galway vorgegangen war. Schon am Tage nach ihrer Rückkehr sprach man in ganz Limerick von der dortigen Lumpenschule, und es ging das Gerücht, die Heldin so vieler Dramen habe sich in die Flammen gestürzt, um ein kleines Wesen zu retten. Sie widersprach dem nicht ausdrücklich, ja zuletzt glaubte sie es vielleicht selbst. Ohne Zweifel hatte sie in das Royal-George-Hôtel ein Kind mitgebracht, das sie adoptieren, einen Waisenknaben, dem sie ihren Namen geben wollte, da er keinen hatte... nicht einmal einen Taufnamen.

»Findling,« lautete seine Antwort, als sie ihn fragte, wie er hieße.

So mochte es auch dabei bleiben; sie hätte doch keinen besseren gefunden; jener war ja ebenso gut wie Eduard, Arthur oder Mortimer. Uebrigens nannte sie ihn am liebsten »Baby«, »Bebery«, »Babilsky«, oder wie die mütterlichen Kosenamen in England sonst lauten.

Natürlich verstand unser Held hiervon nicht das geringste. Er ließ alles über sich ergehen, Liebkosungen und Küsse, die er nicht gewöhnt war, ließ sich schöne Kleider gefallen – und er wurde nach neuester Mode aufgeputzt – und glänzende Stiefelchen. Er murrte nicht darüber, daß man ihm Locken machte, natürlich auch nicht über das vortreffliche Essen oder über die Süßigkeiten, die er in Ueberfluß erhielt.

Wie zu erwarten, stellten sich die Freunde und Freundinnen der Schauspielerin baldigst im Royal-George-Hôtel ein, um Miß Anna ihre Complimente zu machen, die diese dankend annahm. Dann wurde von der Geschichte der Ragged-School gesprochen. Schon nach kurzer Unterhaltung hatte da das Feuer meist die ganze Stadt Galway vernichtet. Man verglich den traurigen Vorfall nur noch mit dem großen Brande Londons, an dem die »Feuersäule«, die einige Schritte von der London-Bridge aufragt, noch erinnert.

Natürlich wurde bei diesen Besuchen auch des Kindes nicht vergessen, was der Miß Anna Walston herzliche Freude bereitete. Und doch kam ihr der Gedanke, daß der Kleine, wenn auch nicht so gehegt und gepflegt, doch schon geliebt worden sein möge. Eines Tages fragte dieser nämlich:

»Wo ist denn Grip?

– Wer ist denn Grip, mein Babish?« antwortete Miß Anna Walston.

Jetzt erfuhr sie erst etwas über Grip. Ohne ihn wäre der kleine Knabe in den Flammen umgekommen. Das war schön, war lobenswerth von diesem Grip. Sein Heroismus aber – man liebte dieses Wort für seine That – konnte doch das Verdienst nicht schmälern, das der gefeierten Künstlerin bei diesem Rettungswerke zukam. Wenn sich die vortreffliche Frau nun nicht an der Brandstelle befunden hätte, was wäre da aus dem kleinen Burschen geworden? In welche Höhle hätte man ihn mit den andern Taugenichtsen der Lumpenschule eingepfercht?

In der That hatte sich bisher niemand um Grip bekümmert und keiner verlangte danach, etwas von ihm zu hören. Auch der kleine Knabe würde ihn schließlich vergessen und nicht mehr von ihm sprechen. Das war jedoch ein Irrthum; nie verblich in seinem Herzen das Bild dessen, der ihn ernährt und beschützt hatte.

Dem Adoptivkinde der Schauspielerin fehlte es jetzt auch nicht an Unterhaltung und Zerstreuung jeder Art. Er begleitete Miß Anna Walston bei ihren Spazierfahrten und saß neben ihr im Wagen, wenn jene durch die schönsten Theile von Limerick zu der Stunde fuhr, wo die feinere Welt sie sehen konnte. Dazu putzte sie den Knaben in jeder Weise heraus, so daß er einmal in schottischer Nationaltracht, einmal als Page und dann wieder als phantastischer Schiffsjunge erschien. Er vertrat fast die Stelle eines Schoßhündchens der Schauspielerin, die ihn, wenn er klein genug gewesen wäre, in ihren Muff gesteckt hätte, um nur dessen krauslockigen Kopf herausgucken zu lassen. Gelegentlich durchstreiften beide auch die Stadt oder lustwandelten bis zu den Badeplätzen von Kilkree mit ihren großartigen Uferfelsen an der Küste von Clare und nach Miltow-Malbay mit seinen gefährlichen Klippen, woran einst ein Theil der unbesiegbaren Armada zerschellte. Dabei stellte die glückliche Pflegemutter den kleinen Knaben immer nur als den »aus den Flammen geretteten Engel« vor.

Einige Male führte man ihn auch ins Theater, wo er – mit Handschuhen angethan! – in einer Loge des ersten Ranges unter dem strengen Auge Elisas thronte, sich kaum zu rühren wagte und bis zum Schluß der Vorstellung... nur gegen das Einschlafen ankämpfte. Natürlich ohne Verständniß für die Schauspiele selbst, hielt er doch alles, was er sah, für die reine Wahrheit. Wenn Miß Anna Walston einmal im Prunke einer Königin erschien, dann wieder als Frau aus dem Volke oder gar als in Lumpen gekleidete Bettlerin, so konnte er gar nicht glauben, daß sie es war, die er im Royal-George-Hôtel wiedertraf. Das verwirrte seine kindliche Phantasie; er wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er träumte davon in der Nacht, als spänne sich das seltsame Schauspiel weiter fort, und dann keuchte er unter schwerem Alpdrücken, wobei der Puppenschausteller, der bösartige Carker und die andern Schlingel aus der Lumpenschule eine Rolle spielten. Und wenn er dann schweißdurchnäßt erwachte, wagte er nicht zu rufen....

Die Irländer sind leidenschaftliche Liebhaber allen Sports, vorzüglich der Pferderennen. Auch jener Zeit strömte nach Limerick einmal aus gleicher Ursache die ganze »Gentry« der Umgebung zusammen, ihr schlossen sich die Landleute an, die ihre Höfe verließen, und sogar die Aermsten jeder Art, denen es nur gelungen war, sich einen Schilling oder halben Schilling abzusparen, um diesen auf ein Pferd zu verwetten.

Der Findling wurde ebenfalls zu diesem Feste mitgenommen, aber geschmückt, daß er schon mehr einem Blumenstrauß glich, den Miß Anna Walston von ihren Freunden bewundern, ja fast aufsaugen ließ.

Die Künstlerin war etwas extravaganter Natur, doch gut und wohlthätig, wo sie das wenigstens in mehr Aufsehen erregender Weise bethätigen konnte. Waren die Zärtlichkeiten, womit sie das Kind überhäufte, sichtlich theatralischer Art und glichen die ihm gegebenen Küsse nur Bühnenküssen, so konnte der Findling den Unterschied nicht wahrnehmen. Immerhin fühlte er sich nicht so geliebt, wie er es gewünscht hätte, und vielleicht sagte er sich unbewußt, was Elisa nicht selten wiederholte:

»Wer weiß, wie lange es dauern wird, wenn es überhaupt andauert!«