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Der Gang nach der Himmelpforte

Chapter 14: X.
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About This Book

A family excursion on a festive afternoon becomes a teachable walk to a nearby site called Himmelpforte, as a father and companions explain the name's biblical associations and local lore. The narrative interweaves everyday impressions and children's curiosity with successive accounts of monastic life: the founding, organization, notable figures, a severe storm, and the monastery's decline. The prose balances gentle domestic scenes, historical explanation, and moral reflection, culminating in a consoling rainbow image and the party's return home.

VIII.

»In dem Thale der Holtemme,« so hob der Archivarius seine Erzählung an, »wo jetzt der Fleckenort Hasserode=Friedrichsthal liegt, unweit der Wohnung unseres lieben Gastfreundes, des Herrn Försters Immermann, ganz nahe unterhalb der Böterschen Papiermühle am Fuße des Kellerberges, stand vor Zeiten die Burg der edlen Herren von Hartesrode. Ein kleines Dörfchen gleiches Namens, der nachher in Hasserode verwandelt wurde, lag um die Burg her. Die Ritter von Hartesrode, wenigstens die späteren Zweige dieses edlen Stammes, waren Vasallen oder Lehnsleute der Grafen von Wernigerode und zugleich Erbmarschälle des Bisthums Halberstadt, welche Würde bei der Erlöschung ihres Stammes auf die Herrn von Rössing überging. Sie führten Anfangs in ihrem Wappen das friedliche Zeichen eines Zweigleins mit 3 fünfblättrigen Blumen, welches nachher aber einem mehr kriegerischen Sinnbilde, dem eines Balkens mit Mauerzinnen wich. In dieser seiner späteren Gestalt ist ihr Wappen noch zu schauen neben dem Gräflichen und dem Stadtwappen an der Kanzeln der St. Nicolai=Kirche zu Wernigerode. Die letzteren Sprossen ihres Stammes liegen in dem von ihnen erbauten Grabgewölbe neben dem hohen Thore der St. Sylvestri=Kirche zu Wernigerode, welches nachher zum Gräflichen Erbbegräbnisse erwählt wurde, begraben. Von den ersten Zweigen ihres Stammes, die uns die urkundliche Geschichte nennt, weiß sie keine anderen Thaten, als friedliche Vermittelung und fromme Stiftungen, die sie machten, zu rühmen.

Sie waren es, welche den Grundraum zu der Kapelle des heiligen Blutes bei Wasserleben hergaben. Ihnen hatte auch das Kloster Himmelpforte seinen Ursprung zu danken.

Der Ritter Theodorich von Hartesrode war der Stifter desselben, höchst wahrscheinlich eben derselbe, der in einer Urkunde vom Jahre 1251 als Schiedsrichter einer Streitsache der Herren von Derenburg vorkommt, wo er aber Tiderikus von Hartesrode genannt wird. Die von ihm ausgestellte Stiftungsurkunde des Klosters Himmelpforte trägt die Jahreszahl 1253, hinsichtlich deren Richtigkeit indessen einige Zweifel obwalten.

Aus der Urkunde selbst geht übrigens deutlich hervor, daß die erste Ansiedelung der Brüder Einsiedler oder Eremiten nach der Regel des heiligen Augustinus in unserer Himmelpforte bereits vor dem Jahre 1236 erfolgte, also wenigstens 20 Jahre früher, als Papst Alexander IV. seine Reform des Augustiner=Ordens bewirkte. Die Urkunde sagt, daß die erste Anlage des Klosters Himmelpforte bereits zu den Zeiten des Bischofs Friedrich von Halberstadt, welcher 1236 starb, begonnen, daß die weitere Einrichtung desselben dann unter den Nachfolgern jenes, den Bischöfen Ludolph (I.), Meinhard und Ludolph (II.) und endlich unter dem Bischof Volrad fortgeführt sei. Der Ritter Theodorich von Hartesrode bestätigt in diesem Dokumente die Augustiner=Eremiten zur Himmelpforte in dem Besitze der ihnen von ihm verliehenen bereits urbar gemachten und noch nicht urbaren Ländereien, Triften, Waldungen, Bäche, Berge und Thäler, die in der Umgebung des von ihnen bewohnten Platzes, der sonst Elbingerothe geheißen habe, lägen und deren Gränzen er angiebt. Er erklärt, er habe diese Stiftung gemacht aus Ehrfurcht gegen unseren Heiland Jesum Christum und die allerheiligste Mutter desselben, zum Heil seiner Seele und der Seelen der Seinigen, mit Genehmigung des ehrwürdigen Bischofs von Halberstadt und mit Zustimmung seiner Söhne. Als Zeugen dessen werden unter anderem die mit unterschriebenen Grafen Gebhard und Friedrich von Wernigerode, die würdige Frau Heilewige von Hartesrode und deren Sohn Ritter Johannes angeführt. Aus einer anderen Urkunde erhellt, daß am 11. April 1257 der Marien=Altar der neuen Pflanzung zur Himmelpforte von Bischof Volrad von Halberstadt eingeweihet und zugleich mit einem Berge beschenkt ward, wie auch, daß damals der Ritter Theodorich von Hartesrode, der Stifter des Klosters, schon nicht mehr am Leben war.

Verschiedene spätere Urkunden beweisen, daß der Schutz des Klosters Himmelpforte mit dem Besitze der Stammburg der Herren von Hartesrode verknüpft blieb. Als einer der ersten Gönner und Beförderer des Klosters erscheint der Bischof Wilhelm von Münster, der im Jahre 1260 allen denen 40 tägigen Ablaß versprach, welche den Eremiten=Brüdern des Ordens St. Augustinus zur Himmelpforte im Halberstädtischen Sprengel Almosen mittheilen oder sonst hülfreiche Hand leisten würden. Erwerbsquellen dieser Art eröffneten sich nachher für das Kloster noch mehrere, da jenem Beispiele außer dem Bischofe und Churfürsten von Mainz, Werner von Epstein, der im Jahre 1267 ein Gleiches that und außer dem Erzbischofe Rudolph von Salzburg noch manche andere Bischöfe nachfolgten. Ueberdem kamen dem Kloster Himmelpforte natürlich auch alle diejenigen Vortheile zu Gute, welche dem Augustiner=Orden überhaupt zustanden, zu dessen Gunsten unter anderem der Papst Nicolaus IV. im Jahre 1289 verfügte, daß Alle einen hundertjährigen Ablaß erhalten sollten, welche an gewissen Festtagen zu den Klöstern und Kirchen der Augustiner wallfahrten würden.«

»Was war denn daß eigentlich: Ablaß?« fragte hier Julie, die jünste Tochter des Archivarius. Das laß dir, erwiederte ihr Vater, von dem Herrn Prediger sagen. Vater Lehrwart nahm darauf so das Wort.

»Ablaß, mein Kind, war eigentlich und ursprünglich nur so viel, als Erlassung derjenigen Bußen und Strafen, welche von der kirchlichen Obrigkeit auf solche Vergehungen gelegt wurden, deren sich billig jeder Christ schämen mußte und um deren willen der, der sie beging, eigentlich von der Gemeinde der Christen und von der Theilnahme am christlichen Gottesdienst hätte ausgeschlossen werden sollen, aber denn doch zugelassen wurde, wenn er zum Beweise, daß ihm seine Sünde aufrichtig leid sei, öffentlich Buße that, strengere Fasttage hielt, oder aber ein härenes Gewand trug oder nach dem gelobten Lande wallfahrtete, oder sonst etwas Schweres und Lästiges, was ihm aufgelegt wurde, unternahm. Solche Kirchenbußen oder Strafen konnten von dem Papste und von den einzelnen Bischöfen erlassen, oder doch gemildert werden und das hieß dann Ablaß. Mit der Zeit aber wurde aus dem Ablaß ein sehr schlimmes Ding. Nämlich es kam der Wahn auf, als könne man auch von Gott Vergebung seiner Sünde und Erlösung der Seele aus dem Fegefeuer d.h. aus ihrem qualvollen Zustande nach dem Tode erlangen, wenn man Kirchen und Klöster beschenkte und sich damit Ablaß erkaufte. Da wurde dann mit dem Ablaß ein für die Päpste sehr einträglicher, abscheulicher Handel getrieben.

Luther fing das Werk seiner Kirchenverbesserung eben damit an, daß er diesem abscheulichen Ablaßkrame entgegentrat, indem er sich öffentlich gegen denselben erklärte in den 95 Sätzen, die er an die Schloßkirche zu Wittenberg anschlug.«

Nun wißt ihr, was der Ablaß war, sagte hierauf der Archivarius, und ich kann in meiner Erzählung fortfahren.

Inzwischen benutzte die Frau Försterin die eingetretene augenblickliche Pause dazu, um dem Archivarius ein Glas zu reichen, welches mit dem vortrefflichen Maitrank gefüllt war, der aus Rheinwein, gegossen auf Waldmeister und andere in der Himmelpforte wachsende edle würzige Frühlingskräuter, bereitet wird, und ihn zu bitten, zu seiner Erquickung, nach der Weise der guten Brüder Eremiten des vormaligen Klosters Himmelpforte, erst einmal auf das ehrenwerte Gedächtnis der frommen Stifter und Schutzherren desselben, der edlen Ritter von Hasserode zu trinken. »Wer könnte,« sagte der Archivarius, »solcher Aufforderung widerstehen!« Ich verbinde aber mit dem von Ihnen mir vorgeschriebenen Toaste zugleich den dankbaren Lobspruch aller der würdigen Hausfrauen, die so milde und freigebig gesinnt sind, wie weiland Frau Heilewige, die edle Hälfte des Ritters Theodorich von Hartesrode! Es wurde darauf angestoßen mit so vielen Gläsern als derselben in der Saufangs=Eremitage mitgebracht waren und die im engen Kreise umgingen; aber auch manche von denen, die draußen standen und nichts zu trinken bekamen, riefen doch Vivat! mit.

IX.

Ehe nach diesem kurzweiligen Zwischenakt der Archivarius zu der Fortsetzung seiner Erzählung schritt, richtete der Vater Lehrwart an denselben die Frage: ob nicht eine alte Volkssitte der Wernigeröder, am Himmelfahrtsfeste die Himmelpforte zu besuchen, daher rührte, daß vor Zeiten an diesem Tage die Wallfahrt nach dem Kloster üblich gewesen und mit Ablaß belohnt sei? Der Archivarius aber entgegnete: Nein, mein Freund! So sehr sich auch diese Vermuthung hören ließe, so haben wir doch keinen geschichtlich urkundlichen Grund für dieselbe. Ich dächte, sagte der Prediger, ich hätte in Ihren eigenen vormaligen Mittheilungen über die Geschichte des Klosters Himmelpforte im Wochenblatte eine Andeutung davon gefunden? Das beruhet sicher auf einem Mßverständniß, versetzte der Archivarius, und zwar vermuthlich auf Mißverständniß der Erwähnung, daß der Papst Nicolaus IV. anno 1289 auf den Besuch der Augustiner=Kirche an manchen Festen Ablaß verheißen hatte, unter denen allerdings auch ein Himmelfahrtsfest genannt war, wobei aber Nota bene! nicht das Fest der Himmelfahrt Christi gemeint war, sondern das damals noch nicht lange aufgekommene Fest der angeblichen Himmelfahrt der Jungfrau Maria, welches den 15. August gefeiert wurde.

»Aha!« sagte der Prediger, »ich danke für die Bescheidung. Sollte sich aber nicht vielleicht dennoch annehmen lassen, daß aus den früheren Wallfahrten nach dem Kloster Himmelpforte am Tage der Himmelfahrt Mariä, die nachherige Sitte des Besuches seiner Stätte am Feste der Himmelfahrt Christi entstanden sei?« »Unmöglich wäre es freilich nicht,« entgegnete der Archivarius. »Indessen, mein Freund! Man kann sich nicht genug davor hüten, keine Mythen in die Geschichte einzuführen!« und fuhr demnächst in seiner Erzählung also fort.

Das anfängliche gute Gedeihen und rasche Wachsthum des Klosters Himmelpforte kann man daraus abnehmen, daß von dieser Pflanzung, als sie selber noch jung war, schon Ableger gemacht wurden.

Noch in dem Jahrhundert seiner Entstehung wurden von dem Kloster Himmelpforte zwei andere neu gestiftete Augustiner=Klöster, eines in Quedlinburg und eines in Helmstädt bevölkert. Mit der erstern Tochter kam aber die Mutter Himmelpforte bald in Streit über die Gränzen der Gebiete, innerhalb deren sie ihre Almosen einsammeln ließen. Dieser Streit wurde von dem Vikar des Provinzials des Augustiner=Ordens in Deutschland geschlichtet, welcher beiden Klöstern die Gränzen ihrer Distrikte bestimmte.

Wie einträglich dieses Terminiren sein mochte, läßt sich ohngefähr daraus ermessen, wenn man hört, daß den Brüdern der Himmelpforte dabei über Heimburg und Langenstein bis Erxstedt, Harsleben und Kloster=Gröningen zu geben erlaubt war. Auch beweisen manche noch vorhandene Urkunden über Ankäufe von Grundstücken, daß es dem Kloster nicht an Geld gefehlt haben müsse. Aber freilich erlitt das Kloster in den unruhigen Zeiten des 14. Jahrhunderts, wo das sogenannte Faustrecht mit der größten Tyrannei ausgeübt ward, auch wieder manche Verluste.

Zwar hatte schon Bischof Volrad von Halberstadt im Jahre 1284 den Bannfluch über diejenigen ausgesprochen, welche sich an der Person oder den Sachen derer, die nach der Himmelpforte wallfahrteten, vergriffen, oder das Kloster sonst gewaltsam beeinträchtigen würden. Aber daran kehrten sich die Herrn Raubritter wenig, zumal da auch für die Uebertretung eines solchen Verbotes leicht wieder Ablaß erkauft werden konnte.

Daher geschah es, daß gleich im Anfange des 14ten Jahrhunderts der gute Bruder Degenhard, ein herumreisender Almosen=Sammler unseres Klosters, als er der Himmelpforte eine schöne Ladung von wollenen Tüchern und anderen Sachen zuführen wollte, von einem Truchseß von Alvensleben und von den Gebrüdern von Romersleben überfallen, seiner Ladung sammt der Pferde beraubt und selbst gefangen genommen und auf ein Raubschloß fortgeschleppt wurde.

Auf eine noch viel ärgere Weise trieben es am Ende des 14ten Jahrhunderts die Grafen von Reinstein, die auf dem jetzigen Regensteine hausten, indem sie das Kloster Himmelpforte mit Raub und Brand überfielen und die friedlichen Mönche barbarisch schunden und plünderten.

Ei, sagte der Förster, unwillkührlich die Hand an den Hirschfänger legend, beschützten denn die guten Herrn von Hartesrode das Kloster nicht?

Vielleicht, entgegnete der Archivarius, waren sie dazu nicht mehr im Stande; wenigstens erhellt aus einer Urkunde von 1398 so viel, daß damals der letzte ihres Stammes bereits verstorben war.

Indessen nach ihrem Aussterben bestand doch ihre Stiftung noch länger als ein Jahrhundert im Segen fort.

Von der Bildung und Gelehrsamkeit, die in dem Kloster Himmelpforte in jenen, sonst so finsteren Zeiten herrschte, sind uns einige erfreuliche Zeugnisse übrig geblieben. Schon unter jenen Mönchen, welche von der Himmelpforte aus nach Quedlinburg verpflanzt wurden, war einer Namens Jordan gewesen, der nachher Professor der Theologie wurde und eine Menge von gelehrten Schriften hinterlassen hat. Ein Hauptgeschäft der Augustiner=Mönche überhaupt und derer in der Himmelpforte besonders war der Unterricht und die Erziehung der Jugend. Es gab damals keine öffentlichen Schulen außer in den Klöstern und Stiftern. Der Augustiner=Orden setzte seinen Ruhm nächst der Beredsamkeit seiner Prediger vorzüglich darein, gelehrte und würdige Zöglinge aufzuziehen. Die Zahl der Prediger, des Klosters Himmelpforte war auf zwölf festgestellt, die frühzeitig auch in der Stadt Wernigerode gewisse Predigten hielten. Unter anderem hatten sie des Sonntags Nachmittags in der Nicolai=Kirche zu predigen.

Ein ausgezeichneter Beweis von der Vorzüglichkeit der Schule der Himmelpforte ist der, daß in derselben der fromme, gottesfürchtige und gelehrte Graf Albert von Wernigerode von Kind auf erzogen war, der 1386 Domprobst und 1411 Bischof von Halberstadt wurde, das Bisthum 7 Jahre lang vortrefflich regierte, guten Frieden hielt und keine anderen Kriege führte außer gegen die Raubritter von der Harzburg und ihresgleichen. Dieser Bischof erwies sich denn auch, wie natürlich, aus schuldiger Dankbarkeit, dem Kloster Himmelpforte sehr günstig. Er war ein Bruder des letzten Grafen Henrich von Wernigerode, nach dessen im Jahre 1429 erfolgten Tode unsere Grafschaft durch einen Erbvertrag an das Haus Stolberg kam.

Bei dieser Erwähnung rief der Förster: »Vivat, das Haus Stolberg!« in welchen Ruf denn nebst der ganzen übrigen Gesellschaft auch der Archivarius freudig einstimmte, jedoch sogleich nach Ausleerung des ihm dargereichten Glases selber bat, ihn seine einmal angefangene Erzählung nun auch bis zu Ende bringen und wenigstens noch von der wichtigsten Hauptperson aus der Geschichte des Klosters Himmelpforte reden zu lassen.

Diese war ohne Zweifel, fuhr er rasch fort, da alsbald Alles mäuschenstill wurde, der berühmte Andreas Proles, der 1429 in Dresden geboren war, in Leipzig studierte, 1451 als Mönch in dem Kloster Himmelpforte eingekleidet wurde, 1456 zu der Würde eines Priors dieses Klosters und einige Jahre darauf zu der eines Provinzials des Augustiner=Ordens in Deutschland erhoben wurde, während er seinen Sitz in Himmelpforte beibehielt. Mehr als diese seine hohe Würde, worin er den edlen Staupitz, den väterlichen Freund und Gönner Luthers, zum Nachfolger hatte, gereicht dem Andreas Proles zum Nachruhme, daß er ein Zeuge der Wahrheit vor Luther und ein Vorläufer der Reformation zu heißen verdient. Er war ein Mann von exemplarischem Lebenswandel, ein gewaltiger Prediger, voll weitläufiger Wissenschaft, schrieb indessen nur wenig.

Er sah den Verfall der Religion und der Geistlichkeit zu seiner Zeit ein, forderte deren Verbesserung, erklärte freimüthig Hussens Verdammung für eine begangene hinterlistige Ungerechtigkeit und weissagte einen nahen Fall der päpstlichen Herrschaft. Obgleich er es dabei bewenden ließ und zu der Herbeiführung der gewünschten Verbesserung nicht selbst Hand ans Werk legte, weil er sich dazu für zu schwach und zu alt hielt, so hatte er sich über seine Meinungen und Gesinnungen doch so kräftig geäußert, daß er dadurch dem päpstlichen Stuhle verhaßt geworden war. Er pflegte zu seinen Augustinern zu sagen: O ihr Brüder, die Christenheit hat einer tapfern und großen Reformation nöthig und ich sehe schon, daß sie sehr nahe ist. Gott wird einen Held erwecken, der genug Jugend, Kräfte, Fleiß, Lehre, Gaben und Beredsamkeit haben wird; der soll die Reformation anfangen und den Irrthümern sich entgegen setzen. Dergleichen Aeußerungen waren nicht verborgen geblieben.

Schon hatte Proles einige Male nach Rom reisen müssen und hatte dabei das dortige Unwesen selbst angesehen. Auf einer neuen Reise dahin begriffen, ward er plötzlich in den Bann gethan und mußte, von Banditen und Meuchelmördern verfolgt, heimlich aus Welschland fliehen. Der Erzbischof von Magdeburg bewirkte seine Lossprechung, doch sollte er sich selbst in Rom stellen und sich verantworten. Im hohen Alter trat er zum vierten Male den Weg an. Unterwegs, an der Gränze von Deutschland, ließ ihn ein Kardinal durch einen geheimen Boten warnen, ja nicht nach Rom zu gehen. Er achtete den Rath, kehrte um, sah aber die Himmelpforte nicht wieder, sondern starb am 6. Juni 1503 in dem Kloster zu Kulmbach.

»Friede sei mit seiner Asche!« sprach in gerührtem, feierlichen Tone der Prediger. Ja, und mit dem Kloster Himmelpforte auch! fügte der Archivarius hinzu, denn von diesem habe ich nichts mehr zu erzählen, als die Geschichte seines traurigen Untergangs.

X.

Der Archivarius, der während seines Fluges durch ein Paar Jahrhunderte der Vorzeit die ängstliche Berechnung der Minuten der Gegenwart vergessen zu haben schien, indem er, vermuthlich unbewußt, die Uhr wieder eingesteckt hatte, nahm jetzt willig Einiges von den ihm angebotenen Erfrischungen an und fuhr dann zu erzählen fort.

Das Augustiner=Kloster zu Himmelpforte fiel, wie wir mit Wehmuth eingestehen müssen, als eines der unschuldigen Opfer der menschlichen Ungerechtigkeit, durch deren Beimischung das sonst so herrliche Werk der durch Luther herbeigeführten Kirchenverbesserung des 16ten Jahrhunderts befleckt und getrübt ward. Einer nicht unglaubhaften Ueberlieferung zufolge hatte das Kloster Himmelpforte diesen Mann Gottes 11 Jahr vorher, ehe er sein Reformationswerk anfing, im Jahr 1506 in seinen Mauern gesehen und der Jüngling hatte damals mit prophetischem Geiste dem Glanze, den er in dem Kloster zu Walkenried wahrgenommen hatte, sein nahes Erlöschen verkündigt. Diese Prophezeiung Luthers war in Erfüllung gegangen. Das Kloster Walkenried war eines der ersten gewesen, welches von den, die evangelische Freiheit so übel und so ganz gegen den Geist Luthers mißverstehenden und mißbrauchenden thüringischen Bauern, in dem von ihnen erregten Aufruhre, dem sogenannten Bauernkriege, unter Anführung des wüthenden Thomas Münzer, zerstört war. Ein gleiches Schicksal hatte bald darauf das Kloster Huysburg getroffen, welches am 9. Mai 1525 in Brand gesteckt wurde.

Auch die Klöster zu Ilsenburg, Drübeck und Wasserleben waren geplündert, während die Himmelpforte noch verschont geblieben war. Aber dafür erging es ihr dann desto schlimmer.

Es lebte damals in Wernigerode ein Barbier, Wilhelm Wiardes, gewöhnlich Wilhelm Barbier genannt. Dieser brachte in einer Frühlingsnacht des Jahres 1525, das Datum ist nicht genau bekannt, die friedlichen Bürger der Stadt in Aufruhr, indem er von einem Trommelschläger, den er sich zu verschaffen gewußt hatte, Lärm schlagen ließ und die versammelte Menge ermahnte, ihm gen Schauen zu folgen, wo damals ein großes, zu dem Kloster Walkenried gehöriges Gut war, die Inhaber zu verjagen, den Hof anzuzünden und was sie fänden, zu nehmen. Doch der Rath der Stadt ließ sogleich deren Thore verschließen und verhinderte dadurch die sofortige Ausführung dieses bösen Vorhabens.

Aber Wilhelm Barbier ruhete nicht; am andern Morgen stand er wieder am Platze und nun gelang es seiner Ueberredungskunst, sich Anhang zu einer näheren und leichteren Expedition zu verschaffen. Nach der nahen Himmelpforte ging der Zug, der unterwegs noch verstärkt ward. Man stürmte das Kloster, räumte aus Alles, was da war an jeglichem Vorrath, trieb Pferde, Kühe und Schweine fort, jeder nahm, was er kriegen konnte, endlich wurde das Kloster sammt der Kirche mit verwegener Hand in Brand gesteckt. Zwar fielen die Rädelsführer und mehrere von deren Gesellen in die Hände der Gerechtigkeit, kamen aber mit einer viel zu leichten Strafe davon. Wilhelm Barbier war zum Tode verurtheilt. Indessen die Fürbitte der Herzogin Elisabeth von Braunschweig, die damals gerade in Wernigerode anwesend war, vermochte den Grafen Botho dazu, die Strafe dahingehend zu mildern, daß er zu einer ewigen Verweisung aus dem Gräflich Stolbergischen Gebiete und 10 Meilen im Umkreise desselben verdammt wurde. Seine Gefährten kamen mit kurzer Haft und leichter Geldbuße davon.

Inzwischen hatten bei der Zerstörung des Klosters die Mönche ihr Heil in der Flucht gesucht, auch ihre Dokumente und einen Theil ihrer Habe gerettet. Der Sage nach sollen sie ihre Flucht zunächst in den über der Himmelpforte gelegenen Wald genommen und sich da an der Stelle gelagert haben, welche zum Andenken noch heute die Mönchenlagerstätte genannt wird und an einer prächtigen alten Buche kenntlich ist. Die Vernichtung des Klosters war nicht von der Art, daß eine Wiederherstellung desselben mittels des übrig gebliebenen Vermögens an Grundbesitz und ausstehenden Kapitalien unmöglich gewesen wäre. Es fehlte im Grunde wohl nur an Lust dazu. Der größere Theil der Mönche mochte sich seiner Erlösung von dem bisherigen Joche freuen. Besonders mochte dies bei dem damaligen Prior des Klosters selber der Fall sein.

Dieser hieß Hermann Inmann. Er gab sich gar keine Mühe, die Wiederherstellung des Klosters zu bewirken, was er sonst wohl vermocht hätte. Denn der schon erwähnte damalige Landesherr, Graf Botho der Glückselige, war ein eben so gerechter und billiger, als weiser und frommer Fürst, voll Großmuth und Milde, ein recht ächter Stolberger. Zwar konnte diesem an der Wiederherstellung des Klosters nichts gelegen sein, da er selbst ein Freund und Beförderer der Reformation war, und der veränderte Geist der Zeit brachte es mit sich, die Klöster als eine schändliche Last des Landes, oder wenigstens als unnützlich und überflüssig anzusehen. So ernstlich Graf Botho gewiß die frevelhafte Zerstörung der Klöster mißbilligte, so mochte er sich doch nicht berufen fühlen, die einmal eingegangenen wieder neu einzurichten. Aber was er nicht fördern mochte, wollte er darum nicht gerade hindern. Es geschah daher mit seiner Erlaubniß, daß einige Mönche des Klosters Himmelpforte, einen gewissen Gröning an ihrer Spitze, einen Versuch zu der Wiederherstellung des Klosters machten, der aber bald scheiterte, indem der Anführer selbst der erste war, der sich wieder entfernte. Nach Mißbilligung dieses Versuches aber traf Graf Botho, als natürlicher Erbherr des Klosters, solche Maßregeln, wie sie den Umständen angemessen erschienen. Er ließ zur Abfindung der jüngeren Mönche, welche die Freiheit, in die Welt zu gehen, benutzen wollten, einige Klostergüter und Verschreibungen aufnehmen und umsetzen, den älteren Mönchen dagegen sicherte er lebenslänglichen Unterhalt zu, während er den Prior Hermann Inman selbst noch besser bedachte, indem er ihn mit einigen Gütern des Klosters, unter anderem dem in der Stadt Wernigerode auf dem Klinte gelegenen sogenannten Mönchenhofe erbzinslich belehnte.

»Ach, entschuldigen Sie,« unterbrach hier der Förster dem Archivarius, »daß war wohl der nachher sogenannte Rektorhof, in dessen großem Garten wir uns als Schüler so oft getummelt haben und wo es als eine Probe des Muthes galt, wenn sich einer von uns recht weit in den dunkeln unterirdischen Gang hineinwagte, der nach der Himmelpforte geführt hat?«

»Haben soll!« verbesserte der Archivarius eilig, denn das ist für eine bloße Fabel zu achten, während allerdings die nachmalige Rektorei der vormalige Mönchenhoff war, der, als dem Kloster Himmelpforte angehörig, insofern mit demselben zusammenhing.

Nun, sagte der Förster, vergeben Sie nur, daß ich Sie störte. Hat nichts zu sagen! erwiederte der Archivarius. Doch wo bin ich nur stehen geblieben? Ja, um wieder auf den Prior Hermann Inmann zu kommen: derselbe heirathete bald nachher und hinterließ bei seinem Tode auch eine Tochter, Judith mit Namen. Ein unwillkürliches Niesen des Försters, der eben eine Priese genommen hatte, unterbrach hier noch einmal den Archivarius, der sich aber durch das dadurch veranlaßte Gelächter nicht weiter irre machen ließ, sondern ohne darauf Rücksicht zu nehmen fortfuhr: Die Verpflegung der noch übrigen 4 alten Mönche übernahm nachher, der Verfügung des Grafen Botho zufolge, der Magistrat zu Wernigerode gegen ein jährliches Kopfgeld, räumte ihnen zur gemeinschaftlichen Bewohnung ein hinter dem Thurme der Sylvestri-Kirche gelegenes Haus ein und erhielt dafür alle Obligationen und Zinsen den Klosters, welche letztere nach dem Aussterben der Mönche sammt deren Nachlaß den Armen anheim fallen sollten.

In den Ueberresten des Klosters Himmelpforte selbst wurde bald nach dessen Zerstörung eine Ziegelbrennerei angelegt, welche indessen wieder einging, nachdem sie die Ziegeln zum Wiederaufbau der im Jahr 1528 abgebrannten Stadt geliefert hatte. Später wurde sie noch einmal wieder hergestellt, aber gleichfalls ohne langen Bestand. Die Mauern wurden nachgerade abgebrochen und die Steine als Baumaterial zu anderweitiger Benutzung abgeführt. Der größte Rest derselben diente mit zum Wiederaufbau der Stadt nach dem Brande von 1751. Noch im Anfange unseres jetzigen Jahrhunderts fehlte es nicht an thörichten Menschen, welche den Grund und Boden der Himmelpforte durchwühlten, in der Hoffnung, Schätze, die hier von den Mönchen vergraben sein möchten, heben zu können. Es waren aber keine Schätze zu finden, aus dem Grunde, weil keine da waren.

Allerdings ein zureichender Grund! sagte der Prediger lachend, indem er dem Archivarius, der von seinem Thorne herabzusteigen suchte, hülfreiche Hand leistete. Aber, fuhr er fort, wer aus den Archiven, wo sie begraben liegen, solche Schätze interessanter und lehrreicher Geschichten unserer Vorzeit auf eine so geschickte Weise zu heben versteht, wie Sie es uns so eben gezeigt haben, werther Freund, dem gebührt mindestens unser Aller schönstes Lob und wärmster Dank dafür. - Ja wohl, ja wohl! stimmte die ganze Gesellschaft ein und umringte mit frohem Jubel den Archivarius, der sich indessen die Ohren zuhielt und sich durch das Gedränge hindurch arbeitete, um in das Freie zu kommen.

XI.

Kaum war der Archivarius aus der Thüre des Jagdhäuschens hinaus und ins Freie gekommen, als er mit einer Lebhaftigkeit, die bei seinem Alter und seinem sonst so ruhigen und gesetzten Wesen desto mehr auffallen mußte, ein Geschrei erhob, gleich einem Wachtposten, der die Mannschaft in das Gewehr ruft. Heraus! schrie er, heraus! Kinder heraus! Alles heraus!

Man dachte im ersten Augenblicke, es sei ihm irgend etwas Ungeheures begegnet. Den kleineren unter den Kindern schien ganz graulich zu Muthe zu werden. Eins mochte denken, es sei einer der alten Mönche erschienen, das andere, es gälte, sich einer wilden Sau zu erwehren. Aber ein jeder, der dem wiederholten Rufe des Archivarius folgte, sah im Augenblicke seines Heraustretens seinen Schrecken in ein frohes Erstaunen und Entzücken verwandelt.

Denn, - man rathe, was sich erblicken ließ! Ohne daß darauf geachtet war, hatte während der Erzählung des Archivarius der Regen allmählich aufgehört. Das von Süd=West gekommene Gewitter war über das Thal der Himmelpforte hinüber nach Nord=Osten gezogen. Da stand es noch gleich einer grauen Wand, oder die regnenden Wolken hingen vielmehr wie Aescherlaken auf die Erde hernieder. Aber jetzt sandte die sinkende Sonne von Westen her ihre letzten Strahlen über den waldigen Rücken der Berge herüber und malte mit denselben in den nassen dunklen Hintergrund jedes Vorhanges ein prächtiges 7 farbiges himmelhohes Gewölbe, welches gleich einer Brücke über den grünen Wiesengrund des Thales und das in demselben hinunterfließende von dem Regenguß aufgeschwollene Bächlein gespannt war.

Ach! Ach! O wie wunderschön! Welch' ein prächtiger Regenbogen! So riefen bei diesem Anblick voll Entzücken die Kinder. - Aber der Prediger sagte im Tone der Mißbilligung: Ei was! Regenbogen? Der Name kommt mir für das, was wir heute hier sehen zu ordinär vor! Weiß keins von Euch dafür einen besseren Namen zu finden? Himmelpforte! Himmelpforte! riefen Alle auf einmal. Getroffen! erwiederte Vater Lehrwart. Und - setzte er hinzu, weil ihr meine Meinung so gut errathen habt, so will ich euch auch noch ein kleines Lied dazu sagen, welches ich vor Zeiten einmal gelernt habe und hoffentlich noch kann. Es heißt:

Sehet da den Farbenbogen
Durch die Wolken hingezogen!
An der schönen Himmels=Pforte
Stehen sieben güldne Worte.

Jene sieben Farben deuten
Allen wahren Christenleuten,
Welchen Sinn sie haben sollen,
Wenn zu Gott sie kommen wollen.

Violett spricht: o Mensch senke
Demuthsvoll dein Haupt und denke:
Ach, was würde aus mir Armen,
Wäre bei Gott kein Erbarmen?

Blau kommt dann und heißt dich schauen
Gläubig himmelwärts und trauen
Dem, deß Wege höher gehen,
Als wir Menschen sie verstehen.

Purpur folgt und heischt: Erneue
Täglich deinen Bund der Treue
Gegen Ihn, der nie gebrochen,
Was Sein Wort dir hat versprochen!

Feuerroth ruft: o Mensch liebe
Gott mit glühend heißem Triebe,
Laß auch, Gotte zu gefallen,
Dein Herz für den Nächsten wallen!

Und Orange mahnt: halt' Frieden
Gern mit Jedermann hiernieden,
Brich oft deinen eignen Willen,
Lern' in Gott dein Herze füllen!

Lichtgelb räth dir, dich zu kleiden
In Geduld, bei Kreuz und Leiden,
Stetig harrend, daß am Ende
Gott zum Besten Alles wende.

Endlich sagt der grüne Schimmer:
Lieber Christ, verzage nimmer!
Den, der auf Ihn hofft auf Erden,
läßt Gott nie zu Schanden werden.

Merkt euch, Leutchen, diese Worte,
Die an seine Himmelspforte
Gott ließ durch die Sonne malen
Mit dem Bündel ihrer Strahlen.

Wird bei euch dieß Licht sich brechen
In der letzten Thräne - sprechen
Dann von euch, die hinterblieben:
"Heimgegangen sind die Lieben!"

Der Prediger schwieg. Jeder sah, voll Rührung, still vor sich hin. In den Augen der Kinder standen Thränen. Der himmlische Bogen war verschwunden. Die Sonne war hinter den Bergen im Rücken der Gesellschaft versunken. Der Archivarius drückte dem Vater Lehrwart herzlich die Hand und sagte: Nun, mein Freund, nun wollen auch wir heimgehen!

XII.

Die übrigen Wallfahrer der Himmelpforte waren sämmtlich schon fort. Auch die Gründlersche und Lehrwartsche Familie wollten sich von der des Försters dankbar verabschieden. Aber diese mit ihren frühern Gästen baten einstimmig so dringend, noch etwas länger in ihrer Gesellschaft zu bleiben und mit ihnen über Hasserode zurückzugehen, daß der Archivarius der erste war, der darein willigte, diesen Umweg zu wählen. Während die Frau Försterin im Jagdhäuschen aufräumte und die mitgebrachten Geräthschaften wieder einpackte, beeilte sich der gefällige Förster, den Kindern auf ihren Wunsch in der Geschwindigkeit noch die innere Einrichtung des Saufanges zu zeigen und ihnen die Art und Weise der Einkörnung der Thiere und ihrer Erlegung zu schildern. Dann wurde aufgebrochen. Ehe man den Wiesengrund des Thales der Himmelpforte verließ, machte der Förster die Kinder noch auf die hier nahe am Wege zahlreich zu findenden gelben Himmelschlüssel und, weiter hin, auf die am Waldrande blühenden blauen Hasselblümchen aufmerksam und sagte von den erstern, scherzhafter Weise, man könne sie als die Früchte der Aussaat betrachten, die von den Mönchen bei ihrer Flucht aus dem Kloster, wobei sie die Schlüssel desselben verloren hätten, ausgestreuet wäre. Von den Hasselblümchen dagegen ersann er in der Geschwindigkeit das artige Mährchen, daß von diesen einfachen, anspruchslosen Kindern der Natur der Name Hasserode und das ursprüngliche ächte Wappen der Ritter dieses Namens entlehnt sei. Weil sie das aber nachmals verläugnet und die Hasselblümchen aus ihrem Schilde ausgerodet hätten, so sei deshalb ihr Geschlecht so früh verblüht.

So ungehalten der Archivarius über diese Vermengung von Mythen mit wahrer Geschichte that, so wurden die launigen Einfälle des Försters dennoch von den Frauen belobt und die Kinder pflückten Himmelschlüssel und Hasselblumen in Menge, um sie zu einem Kranze zu verflechten. Durch eine kleine Waldstrecke führte der Fußpfad, den man eingeschlagen hatte, zu der sogenannten Kuhbreite, einer hochgelegenen weiten Wiesenfläche hinan. Hier wurde ein augenblicklicher Halt gemacht, um die liebliche Aussicht auf das noch durch den Abendschimmer hindurch blickende hehre Grafenschloß zu genießen. Während von jedem in der Gesellschaft im Geiste ein herzlicher segnender Abendgruß dahin gesandt ward, hatte der Förster unvermerkt aus dem Korbe der Magd, die das Geräth trug, das darin verborgen gewesene Waldhorn hervorgeholt und überraschte plötzliche die Gesellschaft mit dem schönen harmonischen Dreiklang, den ein mehrfaches Echo aus dem Walde erwiederte. Dadurch wurden die Kinder vollends gleichsam bezaubert und es hielt schwer, ihren immer erneuerten Wünschen nach einer öftern Wiederholung dieses Concertes sobald ein Ziel zu setzen, als es die zunehmende Dämmerung und die Weite des noch übrigen Weges erforderte. Auf einem sehr steilen Pfade an dem jähen Abhange des Kellerberges herunter, stieg man in das Thal hinab, in welchem die von dem starken Regengusse im Gebirge hochangeschwollene Holtemme brauste. Da sich dieselbe nun nicht wie sonst allenthalben leicht überschreiten ließ, so sah sich die Hasseröder Gesellschaft genöthigt, noch eine Strecke am linken Ufer derselben entlang mit den Städtern fortzugehen, bis zu dem schmalen Stege, der nahe dem Standorte der ehemaligen Burg und des nachmaligen Amtes von Hasserode über den Fluß führte. Diesen Steg bei der schon angebrochenen Dunkelheit zu überschreiten war für die Stadtkinder gefährlich. Hier trennte man sich also mit gegenseitigem herzlichem Danke und mit dem Wunsche bald einmal wieder zusammen zu treffen.

Unter ängstlichem Nachsehen der Städter kamen die Hasseröder, einer nach dem andern, glücklich hinüber und riefen von jenseit jenen, die ihren Weg auf dem linken Ufer des Flusses fortsetzten, den Wunsch einer guten Nacht nach.

Die noch übrige Strecke der Wanderung hinter dem Flecken Hasserode=Friedrichsthal das Thal entlang bis zu der Stadt verkürzte der Archivarius dadurch, daß er erzählte, wie nach dem Aussterben des Geschlechtes der Herren von Hasserode die Stammburg derselben mit ihrem Gebiete den Lehnsherren, den Grafen von Wernigerode anheimfiel, wie der letzte von diesen sie Anfangs der Stadt Wernigerode verpfändete, dann als Lehn überließ; wie von ihr jedoch zur Zeit der Reformation dieses Besitzthum vernachlässigt, die Pfarrkirche des alten Hasserode eingezogen und der Nikolai=Pfarre zu Wernigerode einverleibt wurde; wie späterhin die Burg zu Hasseorde der Sitz eines Königl. Preuß. Amtes ward und wie dieß dann zu der Stiftung eines reformierten Gottesdienstes, einer Kirche und dann selbst zu der Anlage der Colonie Friedrichsthal die Veranlassung hergab.

Ehe man sich dessen versah, war man am Westernthore angelangt, wo beide Familien Abschied von einander nahmen, indem die eine wieder in dieses Thor einging, während die andere den Weg nach dem Johannisthore einschlug.

Bei der Rückkehr in das Haus dankten die Lehrwartschen Kinder der Tante und dem Vater mit der innigsten Zärtlichkeit für das gehabte, große Vergnügen. Väterchen, sagte die kleine Sophie, laß uns doch übers Jahr ja wieder nach der Himmelpforte gehen! Vater Lehrwart sagte: Wir wollen sehen! Indessen wollen wir uns heute nicht schlafen legen, liebe Kinder, ohne uns noch dazu ermuntert zu haben, schon mit dem morgendlichen Tage wieder den Gang anzutreten, zu dessen täglicher, freudiger, beharrlicher und unermüdet geduldiger Fortsetzung uns die Feier des heutigen festlichen Tages hat Lust machen sollen, nämlich den Wandel in der Nachfolge unseres Heilandes, der in den Himmel einhergegangen und zu der Rechten Gottes erhöhet ist. Lasset und noch gemeinsam singen:

Er bringt und an die Pforten,
Die in den Himmel führt,
Daran mit güldnen Worten
Der Reim gelesen wird:
"Wer dort wird mit verhöhnt,
Wird hier auch mit gekrönt;
Wer dort mit Sterben geht,
Wird hier auch mit erhöht."

Nun: »Gute Nacht!«

Hinweise zu diesem eBook

Titel: Der Gang nach der Himmelpforte
Autor: Ferdinand Friederich (1798-1873), Pastor zu Ilsenburg
Erschienen in Wernigerode, 1851 (Druck von B. Angerstein)
Digitalisiert durch die ULB Sachsen-Anhalt, 2009
Open-Access-Publikation, Public Domain Mark
DOI: 10.25673/86636
URN: urn:nbn:de:gbv:3.3-7134

Transkribiert von Christian Reinboth, 2024
(unter Beibehaltung der Orthografie des Originals)

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1851 erschienenen und durch die ULB Sachsen-Anhalt digitalisierten Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche und altertümliche Ausdrücke (z.B. ‚tapfern‘, ‚Rathschlusse‘, ‚Irrthum‘, ‚sämmtliche‘ oder Kopplungen mit ‚=‘ wie ‚Augustiner=Eremiten‘) wurden beibehalten, sofern die Verständlichkeit durch diese nicht beeinträchtigt wird. Inkonsistente Schreibweisen (z.B. erwidern/erwiedern; gelegentliche Verwendung von Apostrophen vor dem ‚Plural-s‘) wurden ebenfalls nicht vereinheitlicht.