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Der Gärtner

Chapter 37: 36
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About This Book

A sequence of lyrical poems shifts between intimate domestic moments and contemplative natural scenes to explore devotion, desire, and the passage of time. Recurring images of gardens, lamps, sea, evening and birds frame reflections on offering and receipt, longing for freedom, and a quiet awareness of aging. The language pairs precise sensory detail with metaphysical yearning, turning small gestures—walks, gifts, songs—into meditations on connection, solitude, and loss, producing a tender, elegiac atmosphere that moves fluidly between everyday life and spiritual aspiration.

The Project Gutenberg eBook of Der Gärtner

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Der Gärtner

Author: Rabindranath Tagore

Translator: Hans Effenberger

Release date: December 14, 2013 [eBook #44424]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GÄRTNER ***

RABINDRANATH TAGORE

DER GÄRTNER

MÜNCHEN
KURT WOLFF VERLAG

Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von Hans Effenberger

69.-78. Tausend
Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München

VORWORT DES DICHTERS

Der größte Teil der Liebes- und Lebenslyrik in diesem Bande ist vor der religiösen Gedichtsammlung „Gitanjali“ entstanden. Die englische Übersetzung ist nicht immer wörtlich — die Originale sind manchmal verkürzt und manchmal paraphrasiert wiedergegeben.
*

DER GÄRTNER

Diener

Hab Erbarmen mit Deinem Diener, Königin!

Königin

Vorüber ist das Fest, und alle meine Diener sind gegangen. Warum kommst Du zu dieser späten Stunde?

Diener

Hast Du die andern fortgeschickt, ist meine Zeit.

Ich komme fragen, was Deinem letzten Diener noch zu tun bleibt.

Königin

Was kannst Du erwarten, da es zu spät ist?

Diener

Mach mich zum Gärtner Deines Blumengartens.

Königin

Welche Torheit!

Diener

Ich will meine alte Arbeit aufgeben.

Ich werfe Schwert und Lanze in den Staub. Schicke mich nicht mehr an ferne Höfe; heiß mich nicht zu neuen Siegen ausziehn. Mach mich zum Gärtner Deines Blumengartens.

Königin

Was würden Deine Pflichten sein?

Diener

Dir dienen in Deinen müßigen Tagen.

Ich will frisch halten den Rasenpfad, auf dem Du in den Morgen wandelst, wo Blumen, todessüchtig, bei jedem Schritte Deine Füße jubelnd grüßen.

Ich will Dich schwingen in einer Schaukel unter den Zweigen des Saptaparna, wo durch das Laub der frühe Abendmond sich mühen wird, Dir Deines Kleides Saum zu küssen.

Ich will anfüllen mit duftendem Öl die Lampe, die neben Deinem Bette brennt, und den Schemel Deiner Füße zieren mit Sandel- und Safranpaste in seltsamer Zeichnung.

Königin

Was soll Dein Lohn sein?

Diener

Deine kleinen Fäuste halten dürfen wie zarte Lotosknospen, und Blumenketten über Deine Gelenke streifen; und Deiner Füße Sohlen färben dürfen mit dem roten Saft der Ashokablüten und fortküssen das Fleckchen Staub, das dort vielleicht noch zögert.

Königin

Deine Bitten, mein Diener, sind gewährt, Du wirst der Gärtner meines Blumengartens sein.

2

Dichter, der Abend zieht herauf; Dein Haar wird grau.

„Vernimmst Du in Deinem einsamen Sinnen Botschaft vom Jenseits?“


„Es ist Abend“, sagte der Dichter, „und ich lausche, weil einer rufen kann vom Dorfe, mag es auch spät sein.

„Ich wache: ob junge, irrende Herzen sich finden, und zwei Paare sehnsüchtiger Augen um Musik betteln, die ihr Schweigen bräche und für sie redete.

„Wer soll ihre Leidenschaft zu Liedern weben, wenn ich am Gestade des Lebens sitze und den Tod und das Drüben betrachte?


„Der frühe Abendstern verschwindet.

„Das Glosen eines Totenfeuers stirbt mählich am schweigenden Fluß.

„Schakale heulen im Chor vom Hof des verödeten Hauses, im Licht des erschöpften Monds.

„Wenn da ein Wanderer, sein Heim verlassend, herkäme, die Nacht zu wachen und gebeugten Hauptes dem Murmeln der Dunkelheit zu lauschen, wer sollte ihm die Geheimnisse des Lebens in sein Ohr flüstern, wenn ich, meine Tore schließend, mich frei machen wollte von irdischen Banden?


„Es will nicht viel bedeuten, daß mein Haar grau wird.

„Ich bin immer so jung oder so alt wie der Jüngste oder der Älteste in diesem Dorfe.

„Manche haben Lächeln, süß und einfach, und manche ein schlaues Blinzeln in ihren Augen.

„Manche haben Tränen, die aufsteigen im Taglicht, und andere Tränen, die im Dunkel verborgen sind.

„Sie alle bedürfen meiner, und ich habe keine Zeit über das Hernach zu brüten.

„Ich bin mit allen gleichaltrig, was macht es, wenn mein Haar grau wird?“

3

Am Morgen warf ich mein Netz aus ins Meer.

Ich hob aus dunklen Tiefen Dinge von seltsamem Aussehn und seltsamer Schönheit — manche leuchteten wie ein Lächeln, manche glänzten wie Tränen, und manche waren von Röte übergössen wie die Wangen einer Braut. Als ich mit meines Tages Bürde heimkam, saß meine Geliebte im Garten und zerpflückte müßig einer Blume Blätter.

Ich zauderte eine Weile und dann legte ich ihr alles zu Füßen, was ich gehoben hatte und stand schweigsam.

Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte: „Was für seltsame Dinge sind das? Ich weiß nicht, wozu sie nützen!“

Ich neigte mein Haupt in Scham und dachte: „Dies alles habe ich nicht im Kampfe erworben, ich habe es nicht auf dem Markt gekauft; es sind keine rechten Geschenke für sie.“

Dann warf ich die ganze lange Nacht eins ums andere auf die Straße.

Am Morgen kamen Wanderer; die lasen’s auf und trugen es in fremde Länder.

4

Ach warum bauten sie mein Haus an die Straße nach dem Marktflecken?

Sie legen mit ihren beladenen Booten an bei meinen Bäumen.

Sie kommen und gehen und wandern nach ihrem Gefallen.

Ich sitze und schaue ihnen zu; mein Leben verrinnt.

Sie fortweisen kann ich nicht. Und so gehen meine Tage dahin.


Nacht und Tag hallen ihre Schritte vor meiner Tür.

Umsonst rufe ich: „Ich kenne Euch nicht.“ In einigen von ihnen spüren meine Finger Bekannte, in andern meine Nüstern, das Blut in meinen Adern scheint sie zu kennen, und manche sind meinen Träumen vertraut.

Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: „Komm in mein Haus, wer von Euch mag. Ja, kommt!“


Am Morgen erklingt die Glocke vom Tempel. Sie kommen mit ihren Körben in den Händen. Ihre Füße sind wie Rosen gerötet. Das frühe Licht der Dämmerung liegt auf ihren Gesichtern.

Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und ich sage: „Kommt in meinen Garten Blumen pflücken. Kommt her!“


Am Mittag tönt der Gong am Tore des Palastes.

Ich weiß nicht, warum sie ihre Arbeit verlassen und an meiner Hecke herumstehn.

Die Blumen in ihrem Haar sind fahl und welk. Die Töne ihrer Flöten klingen matt.

Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: „Der Schatten ist kühl unter meinen Bäumen. Kommt, Freunde!“


Nachts zirpen die Grillen in den Wäldern.

Wer ist es, der da langsam an meine Türe kommt und leise pocht?

Ich sehe das Gesicht kaum, kein Wort wird laut, die Stille des Himmels ist über allem.

Meinen schweigenden Gast fortweisen kann ich nicht. Ich schaue durch das Dunkel in sein Antlitz und träume, während die Stunden verrinnen.

5

Ich bin friedlos. Ich bin durstig nach fernen Dingen.

Meine Seele schweift in Sehnsucht, den Saum der dunklen Weite zu berühren.

O großes Jenseits, o ungestümes Rufen deiner Flöte!

Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich keine Schwingen zum Fliegen habe, daß ich an dieses Stück Erde gefesselt bin für alle Zeit.


Ich bin schlaflos und voll Sehnsucht, ich bin ein Fremder in fremdem Land.

Dein Odem kommt zu mir und raunt mir unmögliche Hoffnungen zu.

Deine Sprache klingt meinem Herzen vertraut wie seine eigene.

O Ziel in Fernen, o ungestümes Rufen deiner Flöte!

Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich den Weg nicht weiß, daß ich das geflügelte Roß nicht habe.


Ich bin ruhelos, ich bin ein Wanderer in meinem Herzen.

Im sonnigen Nebel der zögernden Stunden, welch gewaltiges Gesicht von Dir wird Gestalt in der Bläue des Himmels!

O fernstes Ziel, o ungestümes Rufen deiner Flöte!

Ich vergesse, ich vergesse immer, daß die Türen überall verschlossen sind in dem Hause, wo ich einsam wohne.

6

Der zahme Vogel war in einem Käfig, der freie Vogel war im Walde.

Als ihre Zeit gekommen war, trafen sie sich; so wollte es das Schicksal.

Der freie Vogel ruft: „O Liebster, laß uns zum Walde fliegen.“

Der Vogel im Käfig zwitschert: „Komm her, laß uns beisammen im Käfig leben.“

Sagt der freie Vogel: „Wo ist denn Platz hinter Stäben, seine Flügel zu spreiten?“

„Ach,“ ruft der Vogel im Käfig, „wo sollte ich mich in den Lüften ausruhn ohne Stange?“


Der freie Vogel ruft: „Mein Liebling, singe die Lieder der Wälder.“

Der Vogel im Käfig sagt: „Setz Dich zu mir, ich will Dich unterweisen in der Sprache der Gelehrten.“

Der Waldvogel ruft: „Nein, ach nein! Lieder können niemals gelehrt werden.“

Der Vogel im Käfig sagt: „Weh mir, ich weiß sie nicht, die Lieder der Wälder.“


Ihre Liebe ist heiß, voll Verlangen; doch können sie nie Schwinge an Schwinge fliegen.

Durch die Stäbe des Käfigs schauen sie und sehnen sich vergebens, einander zu kennen.

Sie flattern sehnsüchtig mit ihren Flügeln und singen: „Komm näher, mein Lieb!“

Der freie Vogel ruft: „Es geht nicht, ich fürchte die verschlossenen Türen des Käfigs.“

Der Vogel im Käfig zwitschert: „Weh, meine Flügel sind kraftlos und tot.“

7

O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür vorüberkommen — wie kann ich heute Morgen an meine Arbeit denken?

Zeig mir, wie soll ich mein Haar flechten; sag mir, was soll ich für Kleider anlegen?

Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter?

Ich weiß wohl, er wird nicht ein einziges Mal zu meinem Fenster aufblicken; ich weiß, im Nu wird er mir aus den Augen sein; nur das verhallende Flötenspiel wird seufzend zu mir dringen von weitem.

Aber der junge Prinz wird an unsrer Tür vorüberkommen, und ich will mein Bestes anziehn für diesen Augenblick.


O Mutter, der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, und die Morgensonne blitzte auf an seinem Wagen.

Ich strich den Schleier aus meinem Gesicht, riß die Rubinenkette von meinem Halse und warf sie ihm in den Weg.

Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter?

Ich weiß wohl, daß er meine Kette nicht aufhob; ich weiß, sie ward unter den Rädern zermalmt und ließ eine rote Spur im Staube zurück, und niemand weiß, was mein Geschenk war, noch wem es galt.

Aber der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, und ich habe den Schmuck von meiner Brust auf seinen Pfad geworfen.

8

Als die Lampe an meinem Bett ausging, wachte ich auf mit den frühen Vögeln.

Ich saß am offenen Fenster, einen frischen Kranz im losen Haar.

Der junge Wanderer kam die Straße entlang im rosigen Nebel des Morgens.

Eine Perlenkette trug er um seinen Hals, und die Sonnenstrahlen fielen auf seinen Scheitel.

An meiner Tür blieb er stehn und fragte ungestüm: „Wo ist sie?“

Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: „‚Sie‘ bin ich, junger Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“


Es war Dämmerung, und die Lampe war nicht angezündet.

Gedankenlos flocht ich mein Haar.

Der junge Wanderer kam auf seinem Wagen, im Glühen der untergehenden Sonne.

Seine Pferde schäumten, und Staub lag auf seinem Kleid.

Er stieg ab an meiner Tür und fragte mit müder Stimme: „Wo ist sie?“

Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: „‚Sie‘ bin ich, müder Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“


Es ist eine Aprilnacht. Die Lampe brennt in meiner Kammer.

Von Süden schleicht leise die Brise herein. Der lärmende Papagei schläft in seinem Käfig.

Mein Mieder ist von der Farbe der Pfauenkehle, und mein Mantel ist grün wie junges Gras.

Ich sitze auf dem Boden am Fenster und spähe hinaus in die verlassene Straße.

Durch die dunkle Nacht summe ich in einem fort: „‚Sie‘ bin ich, verzweifelnder Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“

9

Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe, singen keine Vögel, der Wind regt sich nicht, die Häuser an beiden Seiten der Straße stehen schweigsam.

Nur meine eignen Fußspangen werden laut bei jedem Schritt, und ich schäme mich.


Wenn ich auf meinem Balkon sitze und auf seine Schritte lausche, rascheln die Blätter nicht auf den Bäumen, und das Wasser ist still im Fluß wie das Schwert auf den Knien eines schlafenden Wächters.

Nur mein eigenes Herz schlägt wild — ich weiß nicht, wie ich es ruhig halten soll.


Wenn mein Geliebter kommt und bei mir sitzt, wenn mein Leib zittert und meine Augenlider sich senken, wird die Nacht schwarz, der Wind bläst die Lampe aus, und die Wolken ziehen Schleier über die Sterne.

Nur der Edelstein auf meiner eigenen Brust scheint und gibt Licht. Ich weiß nicht, wie ich ihn verbergen soll.

10

Laß deine Arbeit, Braut. Horch, der Gast ist gekommen.

Hörst Du, er rüttelt sacht an der Kette, die die Türe hält?

Sieh zu, daß Deine Fußspangen nicht zu viel Lärm machen, und daß Dein Schritt nicht gar zu eilig ist, wenn Du ihm entgegengehst.

Laß Deine Arbeit, Braut, der Gast ist gekommen mit dem Abend.


Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, fürchte Dich nicht.

Es ist Vollmond und Frühlingsnacht; die Schatten im Hof sind fahl; droben der Himmel ist hell.

Zieh den Schleier über Dein Gesicht, wenn Du nicht anders kannst; trag die Lampe zur Tür, wenn Du Angst hast.

Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, fürchte Dich nicht.


Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern bist; tritt zurück von der Tür, wenn Du ihm begegnest.

Stellt er Dir Fragen, kannst Du, wenn Du willst, schweigend die Augen senken.

Laß Deine Armbänder nicht klirren, wenn Du ihn hereinführst, die Lampe in der Hand.

Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern bist.


Bist Du noch nicht fertig mit Deiner Arbeit, Braut? Horch, der Gast ist gekommen.

Hast Du die Lampe im Kuhstall nicht angezündet?

Hast Du den Opferkorb nicht fertig für den Abendgottesdienst?

Hast Du das rote Glückszeichen nicht auf Deinen Scheitel gelegt und Dich zur Nacht gerichtet?

O Braut, hörst Du, der Gast ist gekommen?

Laß Deine Arbeit!

11

Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.

Mag auch Dein geflochtenes Haar aufgegangen sein, Dein Scheitel wirr und Dein Mieder nicht genestelt, achte nicht darauf.

Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.


Komm mit schnellen Schritten über das Gras.

Wenn der Rötel von Deinen Füßen weicht, weil Tau liegt, wenn die Schellenbänder um Deine Füße sich lockern, wenn Perlen aus deiner Halskette fallen, achte nicht darauf.

Komm mit schnellen Schritten über das Gras.


Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen?

Schwärme von Kranichen fliegen auf vom fernen Flußufer, und jähe Windstöße stürzen über die Heide.

Das geängstete Vieh flüchtet nach den Ställen im Dorfe.

Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen?

Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch an — sie flackert und geht aus im Wind.

Wer merkt denn, daß Du auf Deine Augenlider kein Schwarz gelegt hast? Deine Augen sind dunkler als Regenwolken.

Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch an — sie geht aus.


Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.

Wenn der Kranz für Dein Haar noch nicht gebunden ist, was machts; wenn die Kette um Dein Handgelenk nicht zu ist, laß sie sein.

Der Himmel ist überdeckt mit Wolken — es ist spät.

Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.

12

Wenn Du einmal fleißig sein willst und Deinen Krug füllen — komm, o komm an meinen See.

Das Wasser wird sich um Deine Füße schmiegen und sein Geheimnis ausplappern.

Der Schatten des kommenden Regens liegt über dem Sand, und die Wolken hängen niedrig auf den blauen Linien der Bäume wie das schwere Haar über Deinen Augenbrauen.

Ich kenne ihn gut, den Rhythmus Deiner Schritte, mein Herz geht im gleichen Takt.

Komm, o komm an meinen See, wenn Du Deinen Krug füllen mußt.


Wenn Du müßig sein willst und gedankenlos sitzen und Deinen Krug auf dem Wasser treiben lassen — komm, o komm an meinen See.

Der grasige Abhang leuchtet grün, und die wilden Blumen sind zahllos.

Deine Gedanken werden aus Deinen dunklen Augen schweifen wie Vögel aus ihren Nestern.

Dein Schleier wird auf Deine Füße niederfallen.

Komm, o komm an meinen See, wenn Du müßig sitzen willst.


Wenn Du genug gespielt hast und ins Wasser tauchen willst — komm, o komm an meinen See.

Laß Deinen blauen Mantel am Ufer liegen; das blaue Wasser wird Dich zudecken und verhüllen.

Die Wellen werden auf den Zehen stehn, um Deinen Nacken zu küssen und Dir ins Ohr zu flüstern.

Komm, o komm an meinen See, wenn Du ins Wasser tauchen willst.


Wenn Du Dich toll in den Tod stürzen mußt, — komm, o komm an meinen See.

Er ist kühl und unergründlich tief.

Er ist dunkel wie traumloser Schlaf.

In seinen Tiefen sind Nächte und Tage eins, und Lieder sind Schweigen.

Komm, o komm an meinen See, wenn Du in den Tod hinabtauchen willst.

13

Ich bat um nichts, stand nur am Rand des Waldes hinter dem Baum.

Sehnsucht war immer noch in den Augen der Dämmerung, und Tau war in der Luft.

Der träge Duft des feuchten Grases hing in dünnem Nebel über der Erde.

Unter dem Feigenbaum sah ich Dich die Kuh melken mit Deinen Händen, zart und frisch wie Butter.

Und stumm blieb ich stehen.


Ich sagte kein Wort. Es war der Vogel, der unsichtbar aus dem Dickicht sang.

Der Mangobaum schüttelte seine Blüten auf den Dorfweg, und Biene um Biene summte herbei.

Drüben am Teiche stand das Tor des Shiva-Tempels offen, und die Andächtigen hatten ihre Gesänge begonnen.

Den Eimer im Schoß, sah ich Dich die Kuh melken.

Ich stand immer noch mit meiner leeren Kanne.


Ich kam Dir nicht nahe.

Der Himmel erwachte vom Schall des Gongs am Tempel.

Der Staub ward aufgejagt in der Straße von den Hufen des getriebenen Viehs.

Mit gurgelnden Krügen auf ihren Hüften kamen Frauen vom Fluß.

Deine Armbänder klirrten, und der Krug schäumte über.

Der Morgen verging, und ich kam Dir nicht nahe.

14

Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß nicht warum, als der Mittag vorüber war, und die Bambuszweige im Winde raschelten.

Die Schatten fielen mit ausgestreckten Armen zur Erde und klammerten sich an die Füße des davoneilenden Lichts.

Die Kokils hatten sich müde gesungen.

Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß nicht warum.


Die Hütte am Wasser ist beschattet von einem überhangenden Baum.

War Eine geschäftig bei ihrer Arbeit, und aus der Ecke tönte die Musik ihrer Armringe.

Ich stand vor dieser Hütte, ich weiß nicht warum.


Der schmale, schlängelnde Weg kreuzt manches Senffeld und manchen Mangowald.

Er führt am Tempel des Dorfes vorüber und an dem Markt bei der Landungsstelle des Flusses.

Ich blieb stehn bei dieser Hütte, ich weiß nicht warum.


Vor Jahren war es, an einem windigen Märztag — das Flüstern des Frühlings war voll Sehnsucht, und Mangoblüten fielen in den Staub.

Das kräuselnde Wasser hüpfte und leckte an dem Messingeimer, der auf der Landungstreppe stand.

Ich denke an jenen windigen Märztag; ich weiß nicht warum.


Die Schatten vertiefen sich und das Vieh kehrt heim zu seinen Hürden.

Das Licht ist grau auf den einsamen Wiesen, und die Bauern warten auf die Fähre am Ufer.

Langsam geh ich meinen Weg zurück, ich weiß nicht warum.

15

Ich laufe, wie ein Bisam läuft im Schatten des Waldes, das toll ist von seinem eigenen Duft.

Die Nacht ist die Nacht der Maienmitte, die Brise ist die Brise des Südens.

Ich verliere meinen Weg, und ich wandre; ich suche, was ich nicht erreichen kann, und ich erreiche, was ich nicht suche.


Aus meinem Herzen steigt und tanzt das Bild meiner eigenen Sehnsucht.

Die lichte Erscheinung entflieht.

Ich versuche sie festzuhalten, sie entgleitet mir und führt mich irre.

Ich suche, was ich nicht erreichen kann, ich erreiche, was ich nicht suche.

16

Hände schlingen sich in Hände, und Augen hangen an Augen: so beginnt die Geschichte unsrer Herzen.

Es ist mondhelle Märznacht; die Luft ist erfüllt vom süßen Duft der Hennablüten; meine Flöte liegt vernachlässigt auf der Erde, und Dein Kranz von Blumen ist unvollendet.

Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.


Dein safranfarbner Schleier macht meine Augen trunken.

Der Jasminkranz, den Du für mich flochtest, durchbebt mein Herz wie Lob.

Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von Entschleiern und Wieder-Verbergen; etwas Lächeln und ein wenig Schüchternheit und süßes, vergebliches Sichsträuben.

Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.


Kein Geheimnis über das Heute hinaus; kein Ringen um das Unmögliche; kein Schatten hinter der Lust; kein Tasten in die Tiefen des Dunkels.

Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.


Wir schweifen nicht aus allen Worten in das ewige Schweigen; wir heben nicht unsre Hände in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung.

Uns ist genug, was wir geben und was wir empfangen.

Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte ausgepreßt, um aus ihr den Wein der Leiden zu keltern.

Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.

17

Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum und macht mein Herz hüpfen vor Fröhlichkeit.

Wir beide leben im selben Dorfe, und das ist unsere ganze Freude.

Ihre zwei Lieblingslämmer kommen in den Schatten unsrer Gartenbäume grasen.

Wenn sie sich verirren in unser Gerstenfeld, trage ich sie auf meinen Armen hinaus.

Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern Fluß.

Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.


Nur ein Feld liegt zwischen uns.

Bienen, die in unsrem Gehölz ihre Stöcke haben, suchen Honig in ihrem.

Blumen, von ihren Landungsstegen geworfen, kommen den Strom heruntergeschwommen, in dem wir baden.

Körbe mit getrockneten Kusm-Blumen kommen von ihren Feldern auf unsern Markt.

Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern Fluß.

Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.


Der Pfad, der sich zu ihrem Hause windet, duftet im Frühling von Mangoblüten.

Wenn ihr Leinsamen reif ist zur Ernte, blüht der Hanf auf unsrem Felde.

Die Sterne, die auf ihre Hütte lächeln, senden uns den gleichen zwinkernden Blick.

Der Regen, der ihre Zisterne überflutet, macht unsern Kadamwald froh.

Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern Fluß.

Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.

18

Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn, kommen sie an diese Stelle, und beide lächeln.

Sie müssen es gemerkt haben, daß einer hinter den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.


Die zwei Schwestern flüstern miteinander, wenn sie an dieser Stelle vorübergehn.

Sie müssen das Geheimnis von diesem Jemand erraten haben, der hinter den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.


Ihre Krüge schlingern plötzlich und verschütten Wasser, wenn sie diese Stelle erreichen.

Sie müssen herausgefunden haben, daß das Herz Jemandes schlägt, der hinter den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.


Die zwei Schwestern blicken einander an, wenn sie an diese Stelle kommen, und sie lächeln.

Da ist ein Gelächter in ihren schnell schreitenden Füßen, das Verwirrung anrichtet in Jemandes Denken, der hinter den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.

19

Du gingst den Uferweg am Fluß, mit vollem Krug auf Deiner Hüfte.

Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz und spähtest nach mir durch den flatternden Schleier?

Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel überkam mich wie eine Brise, die einen Schauer durch das kräuselnde Wasser schickt und fortreicht zum schattigen Ufer.

Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der durch das lichtlose Zimmer huscht, von einem offenen Fenster zum andern, und in der Nacht verschwindet.

Du bist verborgen wie ein Stern hinter den Hügeln, und ich bin ein Vorübergehender auf der Straße.

Aber warum hieltest Du einen Augenblick an und blicktest in mein Antlitz durch Deinen Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst mit dem vollen Krug auf Deiner Hüfte?

20

Tag für Tag kommt er und geht wieder.

Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem Haar, meine Freundin.

Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich bitte Dich, sag ihm nicht meinen Namen — denn er kommt nur und geht wieder.


Er sitzt im Staub unter dem Baum.

Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und Blättern, meine Freundin.

Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit in mein Herz.

Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur und geht wieder.

21

Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen, den wandernden Jüngling, als der Tag dämmerte?

Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich an ihm vorüber, und meine Augen sind von seinem Antlitz gefangen.

Ich weiß nicht, soll ich zu ihm sprechen oder schweigen. Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen?


Die wolkigen Nächte im Juli sind finster; der Himmel ist sanftblau im Herbst; die Frühlingstage sind ruhelos vom Ungestüm des Südwinds.

Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen.

Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und meine Augen werden feucht. Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen?

22

Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging, berührte mich der Saum ihres Kleides.

Von der unbekannten Insel eines Herzens kam ein plötzlicher, warmer Frühlingshauch.

Das Flattern einer flüchtigen Berührung streifte mich und war im Nu vorüber, wie ein abgerissenes Blütenblatt, vom Wind getrieben.

Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres Leibes und ein Flüstern ihrer Seele.

23

Warum sitzt Du da und läßt Deine Armbänder klirren, nur zu müßigem Spiel?

Fülle Deinen Krug. Es ist Zeit für Dich heimzukommen.


Warum plätscherst Du im Wasser mit Deinen Händen und blickst zuweilen auf die Straße nach jemand, nur zu müßigem Spiel?

Fülle Deinen Krug und komm heim.


Die Morgenstunden gehn vorüber — das dunkle Wasser fließt weiter.

Die Wellen lachen und flüstern einander zu, nur zu müßigem Spiel.


Die wandernden Wolken haben sich am Rande des Himmels gesammelt über jenem Hügelrücken.

Sie zögern und schauen in Dein Gesicht und lächeln, nur zu müßigem Spiel.

Fülle Deinen Krug und komm heim.

24

Behalt es nicht für Dich, das Geheimnis Deines Herzens, mein Freund!

Sag es mir, nur mir, im Geheimen.

Der Du so freundlich lächelst, flüstre leise, mein Herz wird es hören, nicht meine Ohren.


Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam, die Vogelnester sind eingehüllt in Schlaf.

Sag mir mit verhaltenen Tränen, mit zitterndem Lächeln, in süßer Scham und Pein, das Geheimnis Deines Herzens.

25

Komm zu uns, Jüngling, sag aufrichtig, warum Wahnsinn in Deinen Augen ist?“

„Ich weiß nicht, von was für einem wilden Mohn ich getrunken habe, daß dieser Wahnsinn in meinen Augen ist.“

„O Schande!“

„Ja, manche sind weise und manche töricht, manche sind wachsam und manche sorglos. Es gibt Augen, die lächeln, und Augen, die weinen — und Wahnsinn ist in meinen Augen.“


„Jüngling, warum stehst Du so still im Schatten des Baumes?“

„Meine Füße sind matt von der Last meines Herzens, und ich stehe still im Schatten.“

„O Schande!“

„Ja, manche gehen weiter ihren Weg und manche zaudern, manche sind frei und manche gefesselt — und meine Füße sind matt von der Last meines Herzens.“

26

Was aus Deinen willigen Händen kommt, nehme ich. Sonst bitte ich um nichts.“

„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, was einer hat.“


„Wenn Du eine verlorene Blume für mich übrig hast, will ich sie in meinem Herzen tragen.“

„Aber wenn Dornen daran sind?“

„Ich will sie erdulden.“

„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, was einer hat.“


„Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen zu meinem Antlitz heben wolltest, es würde mein Leben über den Tod hinaus versüßen.“

„Aber wenn sie dann nur grausame Blicke hätten?“

„Ich will sie mein Herz durchbohren lassen.“

„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, was einer hat.“

27

Traue der Liebe, auch wenn sie Leid bringt. Schließe Dein Herz nicht zu.“

„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht verstehn.“


„Das Herz ist nur da zum Verschenken mit einer Träne und einem Lied, Geliebte.“

„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht verstehn.“


„Lust ist vergänglich wie ein Tautropfen; während sie lacht, stirbt sie schon. Aber Leid ist stark und ausharrend. Laß leidvolle Liebe in Deinen Augen Wacht halten.“

„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht verstehn.“


„Der Lotus blüht im Anschaun der Sonne und verliert alles, was er hat. Er möchte nicht seine Knospen behalten in ewigem Winternebel.“

„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht verstehn.“

28

Deine fragenden Augen sind traurig. Sie suchen meinen Sinn zu erkunden, wie der Mond das Meer ergründen möchte.

Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen ausgebreitet von Ende zu Ende und nichts verborgen oder zurückgehalten. Darum kennst Du mich nicht.

Wenn es nur ein Edelstein wäre, ich könnte es in hundert Stücke brechen und sie reihen zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu schmücken.

Wenn es nur eine Blume wäre, frisch und klein und süß, so könnte ich es vom Stengel pflücken und Dir ins Haar stecken.

Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine Ufer und sein Grund?

Du kennst nicht die Grenzen dieses Königreichs und bist doch seine Königin.

Wenn es nur ein Augenblick der Lust wäre, so würde es in einem leichten Lächeln aufblühn, und Du könntest es mit einem Blick sehn und lesen.

Wenn es nur ein Schmerz wäre, so würde es schmelzen in hellen Tränen, sein innerstes Geheimnis widerspiegelnd ohne Wort.

Es ist aber Liebe, meine Geliebte.

Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und endlos seine Ansprüche und sein Reichtum.

Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch kannst Du es niemals ganz kennen.

29

Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du gesungen hast.

Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich hinter Wolken verloren. Der Wind seufzt durch die Blätter.

Ich will mein Haar lösen. Mein blauer Mantel wird mich umschmiegen wie Nacht. Ich will Dein Haupt an meine Brust drücken; und hier in der süßen Einsamkeit laß Dein Herz reden. Ich will meine Augen schließen und lauschen. Ich will nicht in Dein Antlitz schaun.

Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir still und schweigend sitzen. Nur die Bäume werden im Dunkel flüstern.

Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dämmern. Wir werden einander in die Augen schauen und jeder seines Weges gehn.

Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du sangest.

30

Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Träume hinzieht.

Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wünschen meiner Liebe.

Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen endlosen Träumen wohnt!


Deine Füße sind rosig rot von der Glut meines sehnsüchtigen Herzens, Du, Ährenleserin meiner Abendlieder!

Deine Lippen sind bittersüß, denn sie kosteten aus meinem Leidenskelch.

Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild meiner einsamen Träume!


Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich Deine Augen verdunkelt, als sie in meinen Blick hinabtauchten.

Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen, Geliebte, in das Netz meiner Musik.

Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen unsterblichen Träumen wohnt!

31

Mein Herz, der Vogel der Wildnis, hat seinen Himmel in Deinen Augen gefunden.

Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das Königreich der Sterne.

Meine Lieder haben sich verloren in ihre Tiefen.

Laß mich nur auffliegen in diesen Himmel, in seine einsame Unermeßlichkeit.

Laß mich nur seine Wolken teilen und die Schwingen breiten in seinem Sonnenschein.

32

Sag mir, ob das alles wahr ist, Liebster, sag mir, ob das alles wahr ist.

Wenn diese Augen ihre Blitze sprühen, geben die dunklen Wolken in Deiner Brust stürmische Antwort?

Ist es wahr, daß meine Lippen süß sind wie die aufspringende Knospe der ersten, eingestandnen Liebe?

Säumen die Erinnerungen entschwundener Maienmonde in meinen Gliedern?

Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern, wenn meine Füße sie berühren?

Ist es denn wahr, daß die Tautropfen von den Augen der Nacht fallen, wenn ich mich zeige, und daß das Morgenlicht froh ist, wenn es meinen Körper rings einhüllt?

Ist es wahr, ist es wahr, daß Deine Liebe einsam durch Zeitalter und Welten wanderte, auf der Suche nach mir?

Daß, da Du mich endlich fandest, Dein langes Sehnen letzten Frieden fand in meiner sanften Rede, in meinen Augen und Lippen und flutenden Haaren?

Ist es denn wahr, daß das Geheimnis des Unendlichen auf dieser meiner kleinen Stirn geschrieben steht?

Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr?

33

Ich liebe dich, Geliebter. Vergib mir meine Liebe.

Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin ich gefangen.

Da mein Herz erschüttert ward, verlor es seinen Schleier und wurde nackt. Deck es mit Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine Liebe.


Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter, vergib mir meine Pein.

Sieh mich nicht verächtlich an von weitem.

Ich will mich in meine Ecke zurückstehlen und im Finstern sitzen.

Mit beiden Händen will ich meine nackte Schande zudecken.

Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und vergib mir meine Pein.


Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir meine Freude.

Wenn mein Herz fortgetragen wird von der Flut des Glücks, lächle nicht über meine gefährliche Entrücktheit.

Wenn ich auf meinem Thron sitze und herrsche über Dich mit der Tyrannei meiner Liebe, wenn ich wie eine Göttin Dir meine Gunst gewähre, ertrag meinen Stolz, Geliebter, und vergib mir meine Freude.

34

Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.

Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und nun sind meine Augen schwer von Schlaf.

Ich fürchte nur, ich verliere Dich, wenn ich schlafe.

Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.


Ich fahre auf und strecke meine Hände aus, Dich zu berühren. Ich frage mich: „Ist es ein Traum?“

Könnte ich Deine Füße bannen mit meinem Herzen und sie fesseln an meine Brust!

Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.

35

Daß ich dich nicht zu leicht erkenne, spielst Du mit mir.

Du blendest mich mit den Blitzen Deines Lachens, um Deine Tränen zu verbergen.

Ich kenne, ich kenne Deine List;

Nie sagst Du das Wort, das Du sagen möchtest.


Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst Du mir auf tausend Wegen.

Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge, stehst Du abseits.

Ich kenne, ich kenne Deine List;

Nie gehst Du den Weg, den Du gehen möchtest.


Du hast mehr Anspruch als die andern, darum bist Du schweigsam.

Mit gespielter Gleichgültigkeit meidest Du meine Geschenke.

Ich kenne, ich kenne Deine List;

Nie willst Du nehmen, was Du nehmen möchtest.

36

Er flüsterte: „Liebste, schlag Deine Augen auf.“

Hart schalt ich ihn und sagte: „Geh!“; aber er rührte sich nicht.

Er stand vor mir und hielt meine beiden Hände. Ich sagte: „Laß mich!“; aber er ging nicht.


Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte ihn an und sagte: „Schäm Dich!“; aber es kümmerte ihn nicht.

Seine Lippen berührten meine Wange. Ich zitterte und sagte: „Du wagst zuviel“; aber er hatte keine Scham.


Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich sagte: „Es hilft nichts!“; aber er blieb unbewegt.

Er nahm den Kranz von meinem Nacken und ging davon. Ich weine und frage mein Herz: „Warum kommt er nicht zurück?“

37

Würdest du Deinen Kranz aus frischen Blumen um meinen Nacken legen, Schöne?

Aber Du mußt wissen, daß der Kranz, den ich gewunden habe, für die Vielen ist; für jene, die flüchtig an einem vorübergehn, die in unerforschten Ländern wohnen oder in Liedern der Dichter leben.


Es ist zu spät, mein Herz zum Tausch für Deines zu verlangen.

Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine Knospe war; all sein Duft lag aufgespeichert in ihrem Kern.

Nun ist er in alle Weiten verschwendet.

Wer weiß den Zauber, der ihn sammeln und wieder einschließen kann?

Mein Herz gehört nicht mir, um es nur einer zu schenken; es ist den Vielen geschenkt.