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Der Gärtner

Chapter 44: 43
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About This Book

A sequence of lyrical poems shifts between intimate domestic moments and contemplative natural scenes to explore devotion, desire, and the passage of time. Recurring images of gardens, lamps, sea, evening and birds frame reflections on offering and receipt, longing for freedom, and a quiet awareness of aging. The language pairs precise sensory detail with metaphysical yearning, turning small gestures—walks, gifts, songs—into meditations on connection, solitude, and loss, producing a tender, elegiac atmosphere that moves fluidly between everyday life and spiritual aspiration.

38

Liebste, vor langem einmal ersann sich Dein Dichter ein großes Gedicht.

Weh, ich war nicht achtsam, und es stieß an Deine klingelnden Fußspangen und kam zu Schaden.

Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut zu Deinen Füßen.

Meine ganze Schiffsladung von Geschichten aus alten Kriegen ward durcheinandergerüttelt von den lachenden Wellen und in Tränen getränkt und sank.

Diesen Verlust mußt Du mir gut machen, Liebste.

Wenn meine Ansprüche auf unsterblichen Ruhm nach dem Tode vernichtet sind, mach mich unsterblich, so lang ich lebe.

Und ich will nicht trauern um meinen Verlust, noch Dich tadeln.

39

Ich versuche einen Kranz zu winden, den ganzen Morgen lang, aber die Blumen entgleiten mir und fallen heraus.

Du sitzst da und beobachtest mich heimlich aus den Winkeln Deiner spähenden Augen.

Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille blitzt, wer daran schuld ist.


Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens.

Ein verstohlenes Lächeln zittert auf Deinen Lippen; frag es, warum mein Lied mißlang.

Laß Deine lächelnden Lippen unter Eid sagen, wie meine Stimme sich in Schweigen verlor gleich einer trunknen Biene im Lotus.

Es ist Abend und Zeit für die Blumen, ihre Kelche zu schließen.

Laß mich an Deiner Seite sitzen, und heiß meine Lippen die Arbeit tun, die in Schweigen getan werden kann und im sanften Licht der Sterne.

40

Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz, wenn ich zu Dir komme Abschied zu nehmen.

Ich hab es so oft getan, daß Du denkst, ich würde bald wiederkehren.

Um Dirs einzugestehn, ich fühle den gleichen Zweifel.

Denn die Frühlingstage kommen wieder zu ihrer Zeit; der Vollmond nimmt Abschied und kommt wieder zu neuem Besuch; die Blüten kommen wieder und erröten auf ihren Zweigen Jahr für Jahr, und vielleicht nehm auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen.

Aber hege das Trugbild eine Weile; schick es nicht fort mit unfreundlicher Hast.

Wenn ich sage, ich verlaß Dich auf immer, nimm es für wahr, und laß einen Nebel von Tränen einen Augenblick lang den dunklen Rand Deiner Augen vertiefen.

Dann lächle so schalkhaft wie Du willst, wenn ich wiederkomme.

41

Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen, die ich Dir zu sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest lachen.

Darum lache ich über mich selbst und verrate mein Geheimnis im Scherz.

Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht, Du könntest es tun.


Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte zu reden, die ich Dir zu sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest sie nicht glauben.

Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und sage das Gegenteil von dem, was ich meine.

Ich spotte über meinen Schmerz, aus Furcht, Du könntest es tun.


Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen, die ich für Dich habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, es könnte mir nicht mit gleicher Münze heimgezahlt werden.

Darum gebe ich Dir häßliche Namen und prahle mit meiner harten Strenge.

Ich tu Dir weh, aus Angst, Du würdest nie wissen, was Leid ist.


Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen; aber ich wage es nicht, sonst spränge das Herz mir auf die Lippen.

Darum schwatze ich und plaudere leichthin und verberge mein Herz hinter Worten.

Rauh faß ich mein Leid an, aus Angst, Du könntest es tun.


Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite; aber ich wage es nicht, aus Angst, meine Feigheit würde Dir offenbar werden.

Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme heiter in Deine Gesellschaft.

Unablässige Dolchstiche aus Deinen Augen halten meine Wunde immer offen.

42

Du Toller, herrlich Trunkener!

Wenn Du Deine Türen aufstößt und den Narren vor der Menge spielst;

Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht leerst und der Besonnenheit ein Schnippchen schlägst;

Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und mit nutzlosen Dingen spielst;

Kümmre Dich nicht um Reim und Recht!

Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst und das Ruder entzwei brichst,

Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will trunken in den Abgrund fahren.


Ich habe meine Tage und Nächte vergeudet in der Gesellschaft nüchtern weiser Nachbarn.

Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und Viel-Wachen meine Augen trüb.

Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von Dingen gesammelt und gehäuft:

Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue sie alle in die Winde.

Denn ich weiß, das ist die höchste Weisheit, trunken in den Abgrund zu fahren.


Laß alle krummen Zweifel schwinden, laß mich hoffnungslos meinen Weg verlieren.

Laß einen wildwirbelnden Sturm kommen und mich wegfegen von meinen Ankern.

Die Welt ist bevölkert mit Würdenträgern und Arbeitern, nützlichen und gescheiten.

Da sind Menschen, die leicht die Ersten sind, und solche, die bescheiden hinterdreinkommen.

Laß sie glücklich und erfolgreich sein und laß mich närrisch unnütz sein.

Denn ich weiß, es ist das Ende allen Wirkens, trunken in den Abgrund zu fahren.


Ich schwöre diese Minute alle Anrechte ab, zu den Ehrbaren und Anständigen zu zählen.

Meinen Stolz auf Wissen und Urteil über Gut und Böse laß ich fahren.

Ich will das Gefäß der Erinnerung zerbrechen, die letzten Tränentropfen verschütten.

Im Schaum des rotperlenden Weins will ich mein Lachen baden und wieder jung machen.

Den Schild des gesetzten Bürgers will ich in Stücke zerbrechen.

Ich will das heilige Gelübde tun, alle Würde wegzuwerfen und trunken in den Abgrund zu fahren.

43

Nein, Freunde, niemals werde ich Einsiedler, sagt, was ihr wollt.

Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht mit mir das Gelübde ablegt.

Es ist mein fester Entschluß, wenn ich kein schattiges Obdach und keine Gefährtin für meine Buße finden kann, werde ich niemals Einsiedler.


Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim verlassen und mich zurückziehn in des Waldes Einsamkeit, wenn nicht fröhliches Lachen aus seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum eines Safranmantels im Winde flattert; wenn sein Schweigen nicht durch leises Flüstern tiefer wird.

Niemals werde ich Einsiedler werden.

44

Ehrwürdiger Vater, vergib diesem Sünderpaar. Frühlingswinde wehen heut in wilden Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon, und mit ihnen sind alle Deine Lehren verflogen.

Sag nicht, Vater, daß Leben Eitelkeit sei.

Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand geschlossen mit dem Tod, und nur für wenige duftende Stunden sind wir beide unsterblich geworden.


Selbst wenn des Königs Heer käme und uns grimmig anfiele, würden wir traurig den Kopf schütteln und sagen: Brüder, ihr stört uns. Wenn ihr dies lärmende Spiel haben müßt, geht und laßt eure Waffen wo anders klirren. Wir sind ja nur für wenige flüchtige Augenblicke unsterblich geworden.


Wenn freundlich Volk käme und sich scharte um uns, wir würden uns tief vor ihm verbeugen und sagen: Dieses ungeheuer große Glück verwirrt uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen Himmel, in dem wir wohnen. Denn im Frühling kommen die Blumen in Mengen und die geschäftigen Flügel der Bienen stoßen einander. Unser kleiner Himmel, in dem nur wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng.

45

Den Gästen, die gehen müssen, wünsche gute Fahrt und fege alle Spuren ihrer Tritte weg.

Drücke lächelnd an Deine Brust, was sanft ist und einfach und nahe.

Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen, wann sie sterben.

Laß Dein Lachen hellschimmernde Lust sein wie glitzerndes Licht auf rieselnden Wellen.

Laß Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande der Zeit wie der Tautropfen am Rande des Blattes.

Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen, die der Augenblick Dir eingibt.

46

Du ließest mich und gingst Deinen Weg.

Ich dachte, ich würde trauern um Dich und Dein einsames Bildnis in meinem Herzen aufstellen, in ein goldnes Lied gewirkt.

Aber ach, mein böses Geschick! die Zeit ist kurz.


Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frühlingstage sind flüchtig; ein Nichts macht die zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt mich, daß das Leben nur ein Tautropfen ist auf einem Lotusblatt.

Soll ich das alles versäumen, um nach jener Einen zu starren, die mir den Rücken gewandt hat?

Das wäre einfältig und töricht; denn die Zeit ist kurz.


Kommt denn, ihr meine Regennächte mit plätschernden Füßen; lächle, mein goldener Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine Küsse über Land.

Komm Du, und Du und Du auch!

Meine Lieben, Ihr wißt, wir sind Sterbliche. Ist es weise, sich das Herz zu brechen um die Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit ist kurz.


Es ist süß, in einer Ecke zu sitzen, um zu sinnen und in Reimen zu verkünden, daß Du meine ganze Welt bist.

Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu hätscheln und entschlossen zu sein, sich nicht trösten zu lassen.

Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu meiner Türe herein und hebt seine Augen zu meinen Augen.

Da kann ich nicht anders, als meine Tränen wegwischen und die Weise meines Lieds ändern.

Denn die Zeit ist kurz.

47

Wenn du es so haben willst, will ich mein Singen enden.

Wenn es Unruhe über Dein Herz bringt, will ich meine Augen abwenden von Deinem Gesicht.

Wenn es Dich plötzlich auf Deinem Gang erschreckt, will ich zur Seite treten und einen andern Pfad einschlagen.

Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt, will ich Deinen einsamen Garten meiden.

Wenn es das Wasser mutwillig und wild macht, will ich mein Boot nicht an Deinem Ufer vorüberrudern.

48

Befrei mich von den Banden Deiner Süße, Lieb! Nichts mehr von diesem Wein der Küsse.

Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt mein Herz.

Öffne die Türen, mach Platz für das Morgenlicht.

Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die Umarmungen Deiner Zärtlichkeit.

Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir den Mut zurück, Dir mein befreites Herz darzubieten.

49

Ich halte ihre Hände und presse sie an meine Brust.

Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit zu füllen, ihr süßes Lächeln mit Küssen zu plündern, ihre dunklen Blicke mit meinen Augen zu trinken.

Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem Himmel sein Blau abzwingen?

Ich versuche, die Schönheit zu fassen; sie entweicht mir und läßt nur den Körper in meinen Händen zurück.

Betrogen und müde komm ich heim.

Wie kann der Körper die Blume berühren, die nur die Seele berühren sollte?

50

Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht nach einem Begegnen mit Dir — einem Begegnen, das wie der alles verschlingende Tod ist.

Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles, was ich habe; brich ein in meinen Schlaf und plündre meine Träume. Raub mir meine Welt.

In dieser Verwüstung, in der letzten Nacktheit der Seele, laß uns eins werden in Schönheit.


Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung auf Vereinigung außer in Dir, mein Gott?

51

Vollende denn das letzte Lied und laß uns auseinandergehn.

Vergiß diese Nacht, wenn die Nacht um ist.

Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen? Träume lassen sich nicht einfangen.

Meine verlangenden Hände drücken Leere an mein Herz, und sie zermalmt mir die Brust.

52

Warum ging die Lampe aus?

Ich hielt meinen Mantel darüber, um sie gegen den Wind zu schützen, darum ist die Lampe ausgegangen.


Warum verwelkte die Blume?

Ich drückte sie an mein Herz mit sorgender Liebe, darum ist die Blume verwelkt.


Warum trocknete der Strom aus?

Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz für mich zu haben, darum ist der Strom ausgetrocknet.


Warum riß die Harfensaite?

Ich wollte einen Ton zwingen, der über ihre Kräfte ging, darum ist die Harfensaite gerissen.

53

Warum machst Du mich erröten durch einen Blick?

Ich bin nicht als Bettler gekommen.

Nur eine flüchtige Stunde lang stand ich am Ende Deines Hofes, jenseits der Gartenhecke.

Warum machst Du mich erröten durch einen Blick?


Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten, nicht eine Frucht pflückte ich.

Ich trat bescheiden unter die schützenden Bäume am Wege, wo jeder fremde Wandrer stehn darf.

Nicht eine Rose pflückte ich.


Ja, meine Füße waren müde, und der Regen strömte herab.

Die Winde heulten durch die schwankenden Bambuszweige.

Die Wolken rasten über den Himmel, als seien sie auf der Flucht vor dem Besieger.

Meine Füße waren müde.


Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest oder auf wen Du an Deiner Türe wartetest.

Zuckende Blitze blendeten Deine spähenden Augen.

Wie konnte ich wissen, daß Du mich sehen könntest dort, wo ich im Dunkeln stand?

Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest.


Der Tag ist zu Ende und der Regen hat für eine Weile aufgehört.

Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande Deines Gartens und diesen Sitz im Gras.

Es ist dunkel geworden; schließ Deine Tür; ich gehe meines Wegs.

Der Tag ist zu Ende.

54

Wohin eilst du mit Deinem Korb so spät am Abend, wo der Markt vorüber ist?

Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen; der Mond lugt durch die Dorfbäume.

Das Echo der Stimmen, die nach der Fähre rufen, läuft über das dunkle Wasser zum fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen.

Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist?


Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen der Erde gelegt.

Die Krähennester sind still geworden, und das Murmeln der Bambusblätter ist verstummt.

Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern und breiten ihre Matten in den Höfen.

Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist?

55

Es war Mittag, als Du fortgingst.

Die Sonne stand heiß am Himmel.

Ich hatte meine Arbeit getan und saß allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst.

Dann und wann kam ein leiser Windstoß heran und fächelte mir den Duft von vielen fernen Feldern zu.

Die Tauben gurrten unermüdlich im Schatten, und eine Biene verirrte sich in mein Zimmer und summte die Neuigkeiten von vielen fernen Feldern.


Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die Straße lag verlassen.

Zuweilen erhob sich plötzlich ein Rauschen in den Blättern und erstarb wieder.

Ich starrte zum Himmel auf und wob eines Namens Buchstaben, den ich kannte, in das Blau, während das Dorf in der Mittagshitze schlief.


Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. Die matte Brise spielte damit auf meiner Wange.

Der Fluß glitt spiegelglatt am schattigen Ufer entlang.

Die trägen, weißen Wolken bewegten sich nicht.

Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten.


Es war Mittag, als Du fortgingst.

Der Staub der Straße war heiß und die Felder lechzten.

Die Tauben gurrten im dichten Laub.

Ich war allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst.

56

Ich war eine von den vielen Frauen, die Tag für Tag mit den unscheinbaren Pflichten des Haushalts beschäftigt sind.

Warum suchtest Du mich aus und brachtest mich vom kühlen Obdach unsres gewöhnlichen Lebens fort?


Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet wie ein Edelstein im Glühn des verborgenen Herzens. Im Licht des neugierigen Tags blickt sie jammervoll trübe.

Ach, Du durchbrachst die Hülle meines Herzens und zerrtest meine zitternde Liebe auf den offenen Platz und zerstörtest für immer den schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte.


Die andern Frauen sind die gleichen geblieben.

Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut, und sie selbst wissen ihr eignes Geheimnis nicht.

Leicht lächeln sie und weinen, plaudern und arbeiten. Täglich gehen sie in den Tempel, zünden ihre Lampen an und holen Wasser vom Fluß.


Ich hoffte, meine Liebe würde verschont bleiben vor der fröstelnden Schande der Obdachlosen, aber Du wendest Dein Gesicht ab.

Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir hast Du die Rückkehr abgeschnitten und ließest mich splitternackt zurück vor der Welt, die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt Nacht und Tag.

57

Ich pflückte Deine Blume, o Welt!

Ich drückte sie an mein Herz, und der Dorn stach.

Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich, daß die Blume verwelkt war, doch der Schmerz war geblieben.


Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit Duft und Stolz, o Welt!

Doch meine Zeit zum Blumenpflücken ist vorüber, und die dunkle Nacht lang hab ich meine Rose nicht, nur der Schmerz bleibt.

58

Eines Morgens im Blumengarten kam ein blindes Mädchen, mir eine Blumenkette anzubieten in der Hülle eines Lotusblatts.

Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken, und Tränen kamen mir in die Augen.

Ich küßte sie und sagte: „Du bist blind gerade wie die Blumen.

„Du weißt selber nicht, wie schön Deine Gabe ist.“

59

O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf, sondern auch der Menschen; diese statten Dich aus mit Schönheit aus ihren Herzen.

Dichter weben für Dich ein Gewebe aus Fäden goldener Phantasie; Maler geben Deiner Gestalt immer neue Unsterblichkeit.

Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr Gold, die Sommergärten ihre Blumen, Dich einzuhüllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer zu machen.

Das Verlangen von Männerherzen hat seinen Glanz über Deine Jugend gebreitet.

Du bist halb Weib und halb Traum.

60

Mitten im Gedränge und Lärm des Lebens, o Schönheit in Stein geschnitten, stehst Du stumm und still, allein und abseits.

Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen Füßen und flüstert:

„Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich, meine Braut!“

Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt, o unbewegliche Schönheit!

61

Still, mein Herz, laß den Augenblick des Scheidens süß sein.

Laß es nicht Tod sein, sondern Vollendung.

Laß Liebe in Erinnerung schmelzen und Schmerz in Lieder.

Laß den Flug durch den Himmel im Flügelfalten über dem Nest enden.

Laß die letzte Berührung Deiner Hände sanft sein wie die Blume der Nacht.

Steh still, o wundervolles Ende, für einen Augenblick, und sage Deine letzten Worte in Schweigen.

Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe in die Höhe, um Dir auf Deinen Weg zu leuchten.

62

Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich, um die Liebste zu suchen, die mir gehörte in einem früheren Leben.


Ihr Haus stand am Ende einer verödeten Straße.

Im Abendwinde saß ihr Lieblingspfau schläfrig auf der Stange, und die Tauben schwiegen in ihrer Ecke.


Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte und stand vor mir.

Sie hob ihre großen Augen zu meinem Gesicht und fragte stumm: „Geht es Dir gut, mein Freund?“

Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache war verloren gegangen und vergessen.


Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir nicht in den Sinn kommen.

Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie streckte mir ihre Rechte entgegen. Ich nahm sie und stand schweigend.


Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch.

63

Wanderer, mußt Du gehn?

Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht über dem Walde zusammen.

Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die Blumen alle frisch, und die jungen Augen noch wach.

Ist die Zeit für Dein Scheiden gekommen?

Wanderer, mußt Du gehn?


Wir haben Deine Füße nicht gefesselt mit unsren bittenden Armen.

Deine Türen sind offen. Dein Pferd steht gesattelt an der Pforte.

Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen, geschah es nur mit unsern Liedern.

Haben wir je versucht, Dich zurückzuhalten, geschah es nur mit unsern Augen.

Wanderer, wir sind ohnmächtig, Dich zu halten. Wir haben nur unsre Tränen.


Welch unauslöschliches Feuer glüht in Deinen Augen?

Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut?

Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich?

Welch schreckliche Zauberformel hast Du in den Sternen am Himmel gelesen, daß die Nacht mit versiegelter, heimlicher Botschaft in Dein Herz trat, schweigend und fremd?


Wenn Dir nichts liegt an fröhlichen Gelagen, wenn Du Frieden haben mußt, müdes Herz, werden wir unsre Lampen auslöschen und unsre Harfen schweigen lassen.

Wir werden still im Dunkel sitzen im Flüstern der Blätter, und der müde Mond wird fahle Strahlen an Dein Fenster gießen.

O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem Herzen der Mitternacht hat Dich berührt?

64

Ich verbrachte meinen Tag im sengend heißen Staub der Straße.

Nun, in der Kühle des Abends, poche ich an die Tür der Schenke. Sie ist verlassen und zerfallen.

Ein alter, verkrüppelter Ashath-Baum streckt seine hungrig haschenden Wurzeln durch die klaffenden Ritzen der Wände.


Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten, ihre müden Füße zu waschen.

Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im trüben Licht des frühen Monds und saßen und sprachen von fremden Ländern.

Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das Gezwitscher der Vögel sie froh machte und freundliche Blumen ihnen zunickten vom Wegrain.


Aber keine brennende Lampe erwartete mich, als ich herkam.

Die schwarzen Rauchflecken von mancher vergessenen Abendlampe starren wie blinde Augen von der Wand.

Leuchtkäfer schwirren im Busch am ausgetrockneten Teich, und Bambuszweige werfen ihre Schatten auf den grasüberwachsenen Pfad.

Ich bin Niemandes Gast am Ende meines Tags.

Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin müde.

65

Bist du es wieder, die ruft?

Der Abend ist gekommen. Die Müdigkeit umschlingt mich wie die Arme bittender Liebe.

Rufst Du mich?


Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben, grausame Herrin, mußt Du mir auch meine Nacht noch rauben?

Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit des Dunkels gehört uns selbst.

Muß Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden und mich tödlich treffen?


Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter Deinem Fenster?

Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen niemals hinan zu dem erbarmungslos dunklen Himmel über Deiner Burg?

Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals in den Staub zu sanftem Tode?


Mußt Du mich rufen, Du Ruhelose?

Dann laß die traurigen Augen der Liebe vergeblich wachen und weinen.

Laß die Lampe brennen im einsamen Haus.

Laß das Fährboot die müden Arbeiter heimtragen.

Ich reiße mich los aus meinen Träumen und folge eilig Deinem Ruf.

66

Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen. Sein Haar war zerzaust, von der Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein Leib zum Schatten abgemagert, seine Lippen fest aufeinander gepreßt wie die verschlossenen Türen seines Herzens, seine brennenden Augen wie das Licht eines Glühwurms, der seinen Gespielen sucht.


Vor ihm brüllte der endlose Ozean.

Die geschwätzigen Wellen plauderten unaufhörlich von verborgenen Schätzen, den Unverstand verspottend, der nicht wußte, was sie meinten.

Mag sein, daß ihm jetzt keine Hoffnung mehr geblieben war, und doch wollte er nicht ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, —

Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel hebt nach dem Unerreichbaren —

Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch ein Ziel suchen, das unerreichbar ist —

So wanderte auch der Narr mit bestaubtem und gebleichtem Haar am einsamen Gestade, auf der Suche nach dem Stein der Weisen.


Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu und fragte: „Sag mir, wo hast Du die goldne Kette her um Deinen Leib?“

Der Narr stutzte — die Kette, die einst eisern war, war wirklich Gold; es war kein Traum, aber er wußte nicht, wann sie sich verwandelt hatte.

Er schlug sich wild an die Stirn — wo, ach wo, hatte er, ohne es zu wissen, endlich Erfolg gehabt?

Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel aufzulesen, die Kette damit zu berühren und die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten, ob sie sich verwandelt hätte; so fand und verlor der Narr den Stein der Weisen.

Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel war golden.

Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurück, um von neuem den verlorenen Schatz zu suchen, mit erschöpfter Kraft, den Leib gebeugt, und das Herz im Staube wie ein entwurzelter Baum.

67

Ob auch der Abend kommt mit langsamen Schritten, und allen Liedern das Zeichen zum Schweigen gegeben hat;

Ob auch Deine Gefährten zur Ruhe gegangen sind, und Du müde bist;

Ob auch die Furcht im Dunkel brütet, und das Antlitz des Himmels verschleiert ist;

Dennoch, Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.


Das ist nicht das Schimmern des Laubs im Walde, es ist das Meer, das wie eine unheimliche schwarze Schlange schwillt.

Das ist nicht der Tanz des blühenden Jasmins, es ist der gischtende Schaum.

Ach, wo ist das sonnig grüne Ufer, wo ist Dein Nest?

Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.


Die einsame Nacht liegt über Deinem Weg, die Dämmerung schläft hinter den schattigen Hügeln.

Die Sterne halten den Atem an und zählen die Stunden, der bleiche Mond überschwemmt die tiefe Nacht.

Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.


Da ist keine Hoffnung, keine Furcht für Dich.

Da ist kein Wort, kein Flüstern, kein Schrei.

Da ist kein Heim, keine Ruhestatt.

Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und der pfadlose Himmel.

Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.

68

Keiner lebt für immer, Bruder, und nichts dauert lange. Halt das im Sinn und frohlocke.

Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim, unsre Bahn ist mehr als die eine lange Reise.

Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte Lied des einen Dichters.

Die Blume welkt und stirbt; aber wer die Blume trägt, muß nicht ewig um sie trauern.

Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.


Vollkommene Stille muß werden, damit alle Töne zu vollendeter Harmonie sich weben.

Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang, um in goldenen Schatten zu versinken.

Liebe muß abberufen werden von ihrem Spiel, um Leid zu kosten und zum Himmel der Tränen getragen zu werden.

Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.


Wir eilen, unsre Blumen zu pflücken, sonst werden sie geplündert von den eilenden Winden.

Unsre Pulse schlagen schneller und unsre Augen leuchten, wenn wir Küsse haschen, die uns entschwänden, wenn wir säumten.

Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wünsche sind ungestüm, denn die Zeit läutet die Glocke der Trennung.

Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.


Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu greifen und es dann zu zerdrücken und in den Staub zu werfen.

Leichten Schrittes eilen die Stunden davon, ihre Träume in den Falten ihres Gewandes verbergend.

Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gönnt es der Liebe.

Brächten wir es mit mühseliger Arbeit hin, es würde endlos lang sein.

Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.


Schönheit ist süß für uns, denn sie tanzt nach der gleichen flüchtigen Weise wie unser Leben.

Wissen ist kostbar für uns, denn wir werden nie Zeit haben, es zu vollenden.

Alles wird getan und vollendet im ewigen Himmel.

Aber die Blumen der Täuschung, die dieser Erde entsprießen, hält ewig frisch der Tod.

Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.

69

Ich jage nach dem goldnen Hirsch.

Ihr mögt lächeln, Freunde, aber ich verfolge das Trugbild, das mich narrt.

Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder, weil ich nach dem goldnen Hirsch jage.

Ihr kommt und kauft auf dem Markt und kehrt mit Waren beladen heim, aber der Zauber der heimatlosen Winde hat mich berührt, ich weiß nicht, wo und wann.

Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all meine Habe ließ ich weit hinter mir.

Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder — weil ich dem goldnen Hirsch nachjage.

70

Ich denke zurück an einen Tag aus meiner Kindheit, da ließ ich ein Papierschiffchen schwimmen im Graben.

Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und glücklich bei meinem Spiel.

Ich ließ mein Papierschiffchen schwimmen im Graben.


Plötzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde kamen in Stößen, und der Regen goß in Strömen herab.

Bächlein von schmutzigem Wasser stürzten und schwellten den Fluß und ließen mein Schifflein sinken.

Bitter dachte ich in meinem Sinn, daß der Sturm nur darum gekommen sei, mein Glück zu zerstören; all seine Bosheit gälte mir.


Der wolkige Julitag währt lange heute, und ich habe nachgesonnen all den Spielen des Lebens, in denen ich Verlierer war.

Ich schalt mein Schicksal für die vielen Streiche, die es mir spielte, als ich plötzlich an das Papierschifflein denken mußte, das im Graben sank.

71

Der Tag ist noch nicht um, der Jahrmarkt nicht zu Ende, der Jahrmarkt am Flußufer.

Ich hatte gefürchtet, daß meine Zeit vergeudet wäre, mein letzter Pfennig vertan.

Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.


Das Kaufen und Verkaufen ist vorüber.

Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit für mich, heimzugehn.

Aber, Torhüter, verlangst Du Deinen Zoll?

Fürchte Dich nicht, ich habe immer noch etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.


Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig ziehenden Wolken im Westen verheißen nichts Gutes.

Das verstummte Wasser wartet auf den Wind.

Ich spute mich, über den Fluß zu kommen, eh mich die Nacht überfällt.

Fährmann, Du willst Deinen Lohn!

Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.


Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler. Ach, er sieht in mein Gesicht mit zager Hoffnung!

Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag.

Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.


Die Nacht wird schwarz und die Straße einsam. Leuchtkäfer glühn im Laub.

Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen Schritten folgt?

Ach, ich weiß, Du möchtest mir all meinen Gewinn rauben. Ich will Dich nicht enttäuschen!

Denn ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.


Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine Hände sind leer.

Du wartest auf mich mit ängstlichen Augen an meiner Türe, schlaflos und schweigend.

Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine Brust in ungestümer Liebe.

Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben. Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.

72

In Tagen harter Arbeit errichtete ich einen Tempel. Er hatte weder Türen noch Fenster, seine Mauern waren breit gebaut mit festen Quadern.

Ich vergaß alles andere, ich mied alle Welt, ich starrte verzückt auf das Bild, das ich auf den Altar gesetzt hatte.

Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen mit duftendem Öl erleuchtet war.

Der endlose Weihrauch umwand mein Herz mit seinen schweren Ringen.

Schlaflos schnitt ich in die Wände phantastische Figuren in labyrinthisch irren Linien — geflügelte Rosse, Blumen mit menschlichen Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen.

Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den das Lied der Vögel, das Murmeln der Blätter oder das Summen des geschäftigen Dorfes hereinkommen konnte.

Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel widerhallte, waren die Beschwörungen, die ich sang.

Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie eine Stichflamme, die Sinne schwanden mir in Verzückung.

Ich wußte nicht, wie die Zeit verging, bis der Donnerkeil den Tempel traf und jäher Schmerz mir das Herz durchstach.


Die Lampe sah blaß und beschämt aus; die Schnitzereien an den Wänden stierten wie gefesselte Träume mit wirren Blicken in das Licht, als wollten sie sich am liebsten verbergen.

Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es lächeln und leben durch Gottes belebenden Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden.

73

Unendlicher Reichtum ist nicht Dein, meine geduldige und traurige Mutter Erde!

Du plagst Dich ab, die Mäuler Deiner Kinder zu stopfen, aber die Nahrung ist karg.

Die Gabe der Freude, die Du für uns hast, ist niemals vollkommen.

Das Spielzeug, das Du für Deine Kinder machst, ist zerbrechlich.

Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen sättigen, aber sollte ich Dich darum verlassen?

Dein Lächeln, das überschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen süß.

Deine Liebe, die keine Erfüllung kennt, ist meinem Herzen teuer.

Aus Deiner Brust hast Du uns genährt mit Leben, aber nicht mit Unsterblichkeit, darum sind Deine Augen immer schlaflos.

Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein Himmel noch nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm.

Über Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt der Nebel von Tränen.

Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gießen und meine Liebe in Deine Liebe.

Ich will Dich anbeten mit Arbeit.

Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich liebe Deinen traurigen Staub, Mutter Erde.

74

Im Empfangssaal der Welt sitzt der einfache Grashalm auf demselben Teppich mit dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht.

So teilen meine Lieder ihre Plätze im Herzen der Welt mit der Musik der Wolken und Wälder.

Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat nichts von der einfachen Größe des fröhlichen Sonnengolds und des milden sinnenden Mondenschimmers.

Der Segen des allumarmenden Himmels ist nicht darüber ausgegossen.

Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und dorrt er und zerfällt in Staub.

75

Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen:

„Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und Gott zu suchen. Ach, wer hat mich so lange hier im Wahn gehalten?“

Gott flüsterte: „Ich“, aber des Mannes Ohren waren verschlossen.

Mit dem schlummernden Kind an der Brust lag sein Weib, friedlich schlafend, neben ihm auf dem Lager.

Der Mann sagte: „Wer seid Ihr, die Ihr mich so lange genarrt habt?“

Die Stimme sagte wieder: „Diese sind Gott“, aber er hörte es nicht.

Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte sich eng an die Mutter.

Gott gebot: „Halt, Du Tor, verlaß Dein Heim nicht“, aber noch immer hörte er nicht.

Gott seufzte und sagte traurig: „Warum verläßt mich mein Diener, wenn er mich suchen geht?“

76

Jahrmarkt war vor dem Tempel. Es hatte geregnet vom frühen Morgen an, und der Tag neigte seinem Ende zu.

Lichter als alle Fröhlichkeit der Menge war das lichte Lächeln eines Mädchens, das für einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft hatte.

Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte über allem Lachen und Lärm.


Ein endloser Zug von Leuten kam und drängte sich. Die Straße war kotig, der Fluß im Steigen, die Felder unter Wasser in unaufhörlichem Regen.

Größer als alle Kümmernisse der Menge war der Kummer eines kleinen Knaben — er hatte nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock zu kaufen.

Seine ernsten Augen, die sehnsüchtig nach dem Laden starrten, machten dieses ganze Menschengewühle so jammervoll.

77

Der Arbeiter und sein Weib vom Westland sind fleißig, Ziegel zu stechen für die Darre.

Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle am Fluß; da hat es kein Ende mit Scheuern und Schrubben von Töpfen und Pfannen.

Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und braun, nackt, die Glieder kotbespritzt, folgt hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer auf ihre Weisung.

Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge frei auf dem Haupt, den blinkenden Messingtopf in der Linken, an der Rechten das Kind — sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst von der Last der häuslichen Sorgen.


Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit ausgestreckten Beinen sitzen.

Im Wasser saß seine Schwester und rieb mit einer Handvoll Erde ein Trinkgefäß und drehte es um und um.

In der Nähe graste ein weichwolliges Lamm das Ufer entlang.

Es kam dicht heran, wo der Junge saß, und blökte plötzlich laut, und das Kind fuhr auf und schrie.

Seine Schwester ließ ab vom Reinigen des Topfs und lief hin.

Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das Lamm in den andern und teilte ihre Liebkosungen zwischen beiden, mit einem Band der Liebe die Sprößlinge von Tier und Mensch vereinend.

78

Es war im Mai. Der schwüle Mittag schien endlos lang. Die dürre Erde schmachtete vor Durst in der Hitze.

Da hörte ich vom Fluß her eine Stimme rufen: „Komm, Liebling!“

Ich schloß mein Buch und öffnete das Fenster, um hinauszuschauen.

Ich sah einen großen Büffel, das Fell beschmutzt, mit friedlichen, geduldigen Augen am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im Wasser, rief ihn zur Schwemme.

Ich lächelte sinnend, und ein Hauch süßen Friedens berührte mein Herz.

79

Oft frage ich mich, wo verborgen liegen des Erkennens Grenzen zwischen Mensch und Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache kennt.

Durch welches Ur-Paradies lief an einem fernen Schöpfungsmorgen der schlichte Pfad, auf dem sich ihre Herzen trafen?

Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht verwischt, wenn auch ihre Verwandtschaft vergessen ist.

Doch plötzlich zu irgendeiner wortlosen Musik erwacht das dunkle Erinnern, und das Tier blickt in des Menschen Antlitz mit zärtlichem Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in seine Augen mit sinnender Zuneigung.

Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken treffen und einander unter der Verkleidung leise ahnen.