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Der Gärtner

Chapter 85: 84
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About This Book

A sequence of lyrical poems shifts between intimate domestic moments and contemplative natural scenes to explore devotion, desire, and the passage of time. Recurring images of gardens, lamps, sea, evening and birds frame reflections on offering and receipt, longing for freedom, and a quiet awareness of aging. The language pairs precise sensory detail with metaphysical yearning, turning small gestures—walks, gifts, songs—into meditations on connection, solitude, and loss, producing a tender, elegiac atmosphere that moves fluidly between everyday life and spiritual aspiration.

80

Mit einem Blick aus Deinen Augen, schöne Frau, könntest Du all den Liederreichtum plündern, der aus der Dichter Harfen tönt!

Doch für ihre Loblieder hast Du kein Ohr, darum will ich Dein Lob singen.

Vor Deine Füße könntest Du der Erde stolzeste Häupter beugen.

Doch die Du erwähltest, Deine Geliebten und Angebeteten, kennen den Ruhm nicht, darum verehr’ ich Dich.

Die Schönheit Deiner Arme brächte mit ihrer Berührung königlichem Glanze Ruhm.

Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu kehren und Dein bescheidnes Heim rein zu halten, darum bin ich erfüllt von Ehrfurcht.

81

Was flüsterst Du mir so leise ins Ohr, o Tod, mein Tod?

Wenn die Blumen am Abend ihre Köpfe senken und das Vieh heimkehrt in seine Ställe, kommst Du verstohlen an meine Seite und redest Worte, die ich nicht verstehe.

Mußt Du so freien und werben um mich, mit dem betäubenden Gift einschläfernden Murmelns und kalter Küsse, o Tod, mein Tod?


Wird es denn keine stolze Feier geben für unsre Hochzeit?

Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten Locken umwinden?

Ist da keiner, der Dir die Fahne voranträgt, und wird die Nacht nicht in Flammen stehn von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod?


Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten, komm in der schlaflosen Nacht.

Kleide mich in einen Purpurmantel, faß meine Hand und nimm mich.

Laß vor meiner Tür Deinen Wagen bereit sein mit Deinen ungeduldig wiehernden Rossen.

Heb meinen Schleier und blick mir keck ins Gesicht, o Tod, mein Tod!

82

Wir müssen das Spiel des Todes spielen heut Nacht, meine Braut und ich.

Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich mutwillig am Himmel, und die Wogen wüten im Meer.

Wir haben den Pfühl unsrer Träume verlassen, die Tür aufgestoßen und sind herausgekommen, meine Braut und ich.

Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde geben uns einen wilden Stoß von rückwärts.

Meine Braut fährt auf vor Furcht und Lust, sie zittert und schmiegt sich an mein Herz.

Lang habe ich ihr in Liebe gedient.

Ich bereitete für sie ein Lager von Blumen, und ich schloß die Türen, um das zudringliche Licht fernzuhalten von ihren Augen.

Ich küßte sie sacht auf die Lippen und flüsterte ihr leise ins Ohr, bis sie halb ohnmächtig wurde vor Sehnsucht.

Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener Süße.

Sie antwortete nicht auf meine Berührung, meine Lieder vermochten sie nicht zu erwecken.

Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der Wildnis zu uns gekommen.

Meine Braut erschauerte und stand auf; sie ergriff meine Hand und trat heraus.

Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert, und der Kranz, der um ihren Nacken hängt, raschelt auf ihrer Brust.

Der Stoß des Todes hat sie ins Leben geschwungen.

Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz, meine Braut und ich.

83

Sie wohnte bei den Hügeln am Rand eines Maisfelds, nahe der Quelle, die in lachenden Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter Bäume fließt. Die Frauen kamen dahin, ihre Krüge zu füllen, und Wandrer pflegten da zu rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und träumte täglich zur Weise des murmelnden Flusses.


Eines Abends kam der Fremde hernieder von dem wolkenbedeckten Gipfel; seine Locken waren wirr geringelt wie schläfrige Schlangen. Wir fragten verwundert: „Wer bist Du?“ Er antwortete nicht, sondern setzte sich an den geschwätzigen Fluß und blickte schweigend nach der Hütte, wo sie wohnte. Unsre Herzen bebten in Angst und wir kamen heim, als es Nacht war.


Am nächsten Morgen, als die Frauen Wasser holen kamen bei der Quelle unter den Deodar-Bäumen, fanden sie die Türen offen in ihrer Hütte, aber ihre Stimme war fort und wo war ihr lächelndes Antlitz? Der leere Krug lag auf dem Boden, und ihre Lampe in der Ecke war ausgebrannt. Niemand wußte, wohin sie geflohen war, ehe der Morgen graute — und der Fremde war fort.


Im Maienmond wurde die Sonne heiß, und der Schnee schmolz, und wir saßen an der Quelle und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn: „Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen ist, eine Quelle, wo sie ihren Krug füllen kann in diesen heißen, durstigen Tagen?“ Und wir fragten einander bange: „Gibt es hinter diesen Hügeln, wo wir leben, ein Land?“


Es war eine Sommernacht; von Süden strich die Brise, und ich saß in ihrem verlassenen Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezündet stand. Als plötzlich vor meinen Augen die Hügel schwanden, wie zur Seite gezogene Vorhänge. „Ah, sie ist es, die kommt. Wie geht es Dir, mein Kind? Bist Du glücklich? Aber wo kannst Du herbergen unter diesem offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist nicht da, um Deinen Durst zu lindern.“


„Hier ist der selbe Himmel“, sagte sie, „nur frei von den engenden Hügeln, — das ist der selbe Fluß, zum Strom gewachsen, — die selbe Erde, in eine Ebene geweitet.“ „Alles ist da,“ seufzte ich, „nur wir nicht.“ Sie lächelte traurig und sagte: „Ihr seid in meinem Herzen.“ Ich wachte auf und hörte das Murmeln des Flusses und das nächtliche Rauschen der Deodars.

84

Über die grünen und gelben Reisfelder fegen die Schatten der Herbstwolken, verfolgt von der rasch jagenden Sonne.

Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen, trunken von Licht taumeln und summen sie närrisch durcheinander.

Die Enten auf den Inseln im Fluß schreien vor Freude, ohne jeden Anlaß.

Laßt niemanden heimgehn, Brüder, diesen Morgen, laßt niemand an die Arbeit gehn.

Laßt uns den Himmel im Sturm nehmen und den Raum plündern im Laufen.

Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf der Flut.

Brüder, laßt uns unsern Morgen vertun mit unnützen Liedern.

85

Wer bist du, Leser, der meine Lieder heut über hundert Jahre lesen wird?

Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken von diesem Frühlingsreichtum, keinen einzigen Streifen Gold aus den Wolken droben.

Öffne Deine Tür und blicke hinaus.

In Deinem blühenden Garten pflücke duftende Erinnerungen an die entschwundenen Blumen vor hundert Jahren.

In der Freude Deines Herzens magst Du die lebendige Freude fühlen, die an einem Frühlingsmorgen sang und ihre frohe Stimme hinaussandte über hundert Jahre.

ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS

Zu Gedicht:
1: Saptaparna (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner quirlförmig gestellten Blätter benannter Baum.
Açoka (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heißt, daß die Berührung eines Frauenfußes ihn zum Blühen bringe.
10: Glückszeichen. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem Bad seine Stirn mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei einzelnen Sekten verschieden ist, bald bogenartig, bald kreisförmig, mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet.
14: Kokil, Koïl (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck (eudynamis orientalis), der sehr schön singt.
16: Henna (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der rote Saft wird zum Färben der Handteller und Fußsohlen verwendet.
17: Kusm, Sanskrit Kusumbha, Name für echten Safran (crocus sativus) und unechten (carthamus tinctorius). Aus den Blättern des unechten Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. Kadam, Sanskrit Kadamba (Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blüte.
64: Ashath, Sanskrit Açvattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa), die heilig geachtet wird wie der für Indien charakteristische vata (ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige; vergl. Gedicht 13). Der Açvattha schlägt Wurzel in die Spalten anderer Bäume, in Mauern und Häuser und zerstört sie.
83: Deodar (devadāru, eigentlich Götterbaum), eine Kiefernart (Pinus Deodora). Nach Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf Uvaria longifolia. Pinus Deodara wächst in einer Höhe von 6000 bis 12000 Fuß über dem Meere.

Die deutsche Übersetzung ist in möglichster Anlehnung an die englische Übertragung gearbeitet, die englische Satzmelodie wurde meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus wurde vermieden. Bei den Anmerkungen danke ich vieles der Freundlichkeit des Berliner Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lüders.

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort des DichtersV
Der Gärtner1
Dichter, der Abend zieht herauf4
Am Morgen warf ich mein Netz aus6
Ach warum bauten sie mein Haus7
Ich bin friedlos9
Der zahme Vogel war in einem Käfig11
O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür vorüberkommen13
Als die Lampe an meinem Bett ausging15
Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe17
Laß Deine Arbeit, Braut18
Komm wie Du bist20
Wenn Du einmal fleißig sein willst22
Ich bat um nichts24
Ich wanderte die Straße entlang26
Ich laufe wie ein Bisam läuft28
Hände schlingen sich in Hände29
Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum31
Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn33
Du gingst den Uferweg am Fluß34
Tag für Tag kommt er35
Was trieb ihn36
Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging37
Warum sitzt Du da38
Behalt es nicht für Dich39
Komm zu uns, Jüngling40
Was aus Deinen willigen Händen kommt41
Traue der Liebe42
Deine fragenden Augen sind traurig43
Sprich zu mir, Geliebter45
Du bist die Abendwolke46
Mein Herz, der Vogel der Wildnis47
Sag mir, ob das alles wahr ist48
Ich liebe Dich, Geliebter50
Geh nicht, Geliebter52
Daß ich Dich nicht zu leicht erkenne53
Er flüsterte54
Würdest Du Deinen Kranz55
Liebste, vor langem einmal56
Ich versuche einen Kranz zu winden57
Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz58
Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen59
Du Toller, herrlich Trunkener!61
Nein, Freunde64
Ehrwürdiger Vater65
Den Gästen, die gehen müssen67
Du ließest mich und gingst Deinen Weg68
Wenn Du es so haben willst70
Befrei mich von den Banden71
Ich halte ihre Hände72
Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht73
Vollende denn das letzte Lied74
Warum ging die Lampe aus75
Warum machst Du mich erröten76
Wohin eilst Du mit Deinem Korb78
Es war Mittag, als Du fortgingst 79
Ich war eine von den vielen Frauen81
Ich pflückte Deine Blume83
Eines Morgens im Blumengarten84
O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf85
Mitten im Gedränge und Lärm86
Still, mein Herz87
Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich88
Wanderer, mußt Du gehn?89
Ich verbrachte meinen Tag91
Bist Du es wieder, die ruft?93
Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen95
Ob auch der Abend kommt97
Keiner lebt für immer99
Ich jage nach dem goldnen Hirsch101
Ich denke zurück an einen Tag102
Der Tag ist noch nicht um103
In Tagen harter Arbeit106
Unendlicher Reichtum ist nicht Dein108
Im Empfangssaal der Welt110
Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen111
Jahrmarkt war vor dem Tempel112
Der Arbeiter und sein Weib113
Es war im Mai115
Oft frage ich mich116
Mit einem Blick aus Deinen Augen117
Was flüsterst Du mir so leise118
Wir müssen das Spiel des Todes spielen119
Sie wohnte bei den Hügeln121
Über die grünen und gelben Reisfelder124
Wer bist Du, Leser125
Anmerkungen und Nachwort des Übersetzers127

Gedruckt
im Frühjahr 1921
bei Poeschel & Trepte
in Leipzig
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