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Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen cover

Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

Chapter 19: Aurora
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About This Book

The volume frames a series of linked short stories around a young actress, Franziska, and a coterie of friends whose meetings provoke reminiscences, confessions and narrated episodes. Their relations — tender, jealous, and restless — and the visits and absences of suitors set off tales ranging from realist sketches and historical anecdotes to moral parables. Themes of yearning, artistic ambition, social ascent, fate, and the tension between vitality and self-destruction recur as characters recount adventures, loves, failures and exotic projects. The alternation of intimate salon exchange and narrated vignettes creates a varied mosaic of character studies and reflections on desire, memory and the costs of striving.

»Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ auf Erden stehn, bibi!
alles würd’ von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am Kreuz ererbt, bibi!«

Da ängstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und er ließ den hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die Straße setzen.

Bald darauf wanderte er außer Landes und schlug seine Residenz zuerst in Kehl, dann in Straßburg auf. Er war allen Menschen unheimlich; in einer Nacht wurde er in Begleitung mehrerer Herren von fünf wegelagernden Strolchen überfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug er die ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte ihn, warum er, der doch so stark sei, immer furchtsam und gedrückt scheine. Er erwiderte: »So ist es nun einmal. Ich kann mich und euch gegen jedermann in Schutz nehmen, nur nicht gegen mich selbst.«

Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige Leute seines Namens, und sie verbreiteten das Gerücht, der finstere und ausschweifende deutsche Graf werde von der Erinnerung an eine Übeltat gequält. Als er davon erfuhr, lachte er und sagte: »Man unterschätzt mich; ein Körnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.« Er suchte die Gesellschaft berühmter Philosophen, und stets brachte er das Gespräch auf Schuld und Sünde und moralische Verantwortung, aber wenn sie sich dann nach ihrer Weise geäußert hatten, ging er unzufrieden von ihnen hinweg, setzte sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anstößige Lieder und machte sich mit allerlei wüstem Volk vertraut. Zwei Jahre hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er über die Pyrenäen nach Spanien. Zu Valladolid sprach er mit den Gelehrten der Universität lateinisch, und in Escurial unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik, und in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann fuhr er übers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der Wüste, nicht in den bunten Städten der Mauren, reiste nach Malta, lebte in Syrakus, dann in Rom, durchwanderte die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal in den Schriften des Professors Kant und des Herrn von Voltaire, ein andermal im heiligen Augustinus oder in einem seiner Kochbücher. Grübelnd saß er an Bord der Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und träumend schritt er durch die vielen Städte, und mit wunderbarer Eile ließ er seine Kutsche über die Landstraße donnern, als ob der Teufel hinter ihm her wäre. Bei Tag wünschte er, daß es Nacht sein möge, im Frühling wünschte er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht verfaltet, seine Gestalt gebückt, nur sein Auge nahm an Glut der Rastlosigkeit noch zu. Zehn Jahre, fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre, wenn das Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie große und kleine Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter und dem Abgrund des Todes zu, aber sie greifen auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit: Gram und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen.

Es wird erzählt, daß der Ostgote Theoderich durch einen großen Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, an das verzogene Antlitz des hingerichteten Symmachus erinnert wurde. Die Augen starrten greulich, die Lippe war dem Schreckbild in die Zähne gekniffen. Den König überkam das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, ließ sich mit Decken verhüllen, beweinte den Frevel und starb kurz darauf in tiefem Schmerz. Für den Grafen Erdmann war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher Fischkopf. In gewissen stillen Nächten des Südens stieg ihm ein schlankes Frauenfigürchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so daß er hätte fragen mögen: »Du bist so bleich um die Nase, bist du bei Leichen gelegen?«

In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch, der nun über sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste. Nachdem er von England zurückgekehrt war, hatte ihm sein Beschützer fünftausend Dukaten für den Ankauf eines Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm zugeworfenen Menschenkind zu willen zu sein und damit einer Wissenschaft zu dienen, die ihm unverständlich war wie das Hebräische und gespensterhaft wie das Grauen auf dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen entdeckt und teilte dies seiner gräflichen Gnaden voll stolzer Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergnügt sich einer am Feuerwerk der Sphären wie ein Kind am Fackelzug; mit dem Manne muß ich reden.

Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach Peterswalde zog. Eines Nachmittags im Juni polterte sein Reisewagen durch die halbverfallene Schloßpforte. Die Hühner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein müder Hofhund umschlich Rosse und Räder. Nach geraumer Weile erschien Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot, doch ohne Perücke. Er war ein kleiner Mann, der ungeachtet der herannahenden Fünfzig noch immer knabenhaft aussah, noch immer den leichten Gang eines Tänzers hatte; sein Gesicht war seltsam weiß und glatt, mit durchsichtigen Augen, die Haare weiß wie Mehl. Als er seinen Herrn und Gönner gewahrte, so abgerissen, wüst und fahl, zwei Orden auf der Brust, den Anzug ausgefranst, mit suchenden Blicken die Wehmut und Rührung der Heimkehr verhehlend, da lief ein Schüttern über seine Züge, jedoch verbeugte er sich tief.

Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit genommen, und als es dämmerte, verließen sie die Stube und setzten sich auf eine uralte Steinbank im Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte Hans Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller wurde, machte er ihm den Vorschlag, das Observatorium zu besuchen. Der Alte willigte schweigend ein, Hans Kosmisch nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die Wendeltreppe des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube des Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf die Plattform; in einem rundlichen Bretterhaus daselbst befand sich das Teleskop.

»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich bestirnt hat«, sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch zu Ehren, wie mir scheint.«

Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ sich auf ein Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt zurück. Es war ein Ausruhen in dieser Bewegung, und sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte er damit dem Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein Schauder der Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es fügt sich oft, daß ein Mensch erst vor einem zufälligen Schauspiel, das seine zerstückte Aufmerksamkeit zur Sammlung zwingt, eines Weges, eines Willens, eines Traumes, ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne wird. Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht den Blick nach oben gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden Arm brauchen, um sich von der verworrenen Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die Zeitgefangenen, die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte des Herrn, die Ewiggeplagten, die Erdmänner.

Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete das Herz des Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, sagte er endlich. »Was für einem kuriosem Metier hast du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für Nacht und beguckst den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein wenig ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch Trauer glitzernd wie das Lächeln eines Kranken, wenn der Arzt auf die Schwelle tritt.

»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans Kosmisch; »ist auch nicht gar so bequem. Das Begucken allein tuts nicht. Da heißt es rechnen und aberrechnen, die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die Zahlen tyrannisieren den Kopf.«

»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle die Mägde küßte, wie die Altvordern sagten,« murmelte der Graf gedankenvoll vor sich hin. »Und was ist das für ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du ihn zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln im Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in der Falle? Zeig ihn mir, deinen Kometen.«

»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete der Astronom mit seiner italienisch runden Stimme, »auch erscheint er erst zwischen zwei und drei Uhr nachts im Bild der Kassiopeia.«

»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf ihren schläfrigen Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, will ich Trübsal benannt werden.«

»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit zu Gesicht«, fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem Lehrernst fort.

»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau wissen?«

»Es läßt sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch Willkür scheint, läßt sich berechnen, und durch das Teleskop läßt sich vieles sehen, was in der Himmelsschwärze versunken ist.« Der Astronom wies auf das Fernrohr, und als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben für das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das Mondhorn, das gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines fernen Waldes tief gegen den Horizont sank. Der Graf schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zurück.

»Es blendet Euer Gnaden,« meinte Hans Kosmisch versöhnlich, »doch Ihr werdet Euch bald gewöhnen.«

Der Graf schaute wieder ins Rohr. »Verteufelte Zauberei«, sagte er; »oder sind es wahrhaftige Berge, die ich da sehe?«

»Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane, eine gestorbene Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht, die Schatten sind Sonnenschatten –«

»So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher getäuscht? Und was ist das für ein dunkler Fleck, seitlich vom hellen, grau wie Katzenfell –?«

»Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser Erdball wirft die umgrenzte Finsternis dorthin.«

»Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es ist also keine leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe, mit ihren Ländern und Meeren und Flüssen und Städten und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so eine schwimmende Kugel wie die dort?«

»Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den kleinen, Euer Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier am Himmelsbogen funkelt, das ist jedes für sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und könntet Ihr auf einem von den Sternen weilen, so würden die andern und unser irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gesprüh euer Auge ergötzen. Das geschliffene Glas da löst euch den weißen Strom der Milchstraße zu Punkten auf, und jeder Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen Erden, und jeder hält den andern im Raum, und alle fliehen durch den Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut empor, und zur selben Frist entstehen Welten und vergehen Welten, schwingen sich Monde um ihre Muttergestirne, stürzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine Unendlichkeit, für die der Menschengeist keine Begriffe hat. Richtet Euer Augenmerk gnädigst auf den grünlich funkelnden Stern zwei Hand breit von der Deichsel des Wagens. Dieses Sternes Licht braucht dreitausend Jahre, um zu Euch zu gelangen.«

»Dreitausend Jahre«, wiederholte der Graf, flüsternd wie ein Kind, dem es gruselt.

»Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit etwas, das vor dreitausend Jahren war, und wäret Ihr imstande, hinaufzufliegen, so könntet Ihr, auf die Erde rückschauend, mit sonderlich begabtem Auge von Folge zu Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren dahier begeben hat.«

Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn dem so ist,« antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann ja nichts verborgen bleiben. Dann ist jedes meiner Worte und jede Tat, die ich getan, aufbewahrt. Ist es dann nicht ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein Jetzt? Dann wird ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung älter sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...«

»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch mit listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion und Bibel an Maßen geben, sind Verkürzungen symbolischer Art. Der Geist will die Seele nicht betrügen, er macht sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt verschuldet.«

Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben und blickte empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann er wieder, und seine Greisenstimme klang erschüttert; »so groß, so endlos frei und herrlich weit, daß die Zeit, die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein Name wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft mir zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und Sommer unter den Millionen, und wie könnte der Herr über eine solche Großwelt es fertig bringen, Gut und Böse krämerhaft zu wägen?«

Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg lange Zeit. Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über die verwitterten Backen, und er sagte dumpf und langsam vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar und Augen wie das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich. Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch weilen mag da oben im Raum, ich bin bei ihr, und was ich als Schuld gegen sie trage, bleibt Schuld. Sündenschuld – Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans Kosmisch,« rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust, »wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem Herrn der Sterne wohlgefällig ist?«

Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so intimer Art fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen nur von fern, nur von einer nächtlichen Warte aus, und Gefühle kundzugeben war ihm versagt seit den Pariser Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem Sphärenpalast,« fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer. Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse Träume.«

Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und begab sich nach Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber einen dort sässigen bekannten Arzt zu Rate zog. Er war ein anderer Mann geworden, ein gefügiger, milder, heiterer, obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in sternenhellen Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, den er seinen wunderbaren stummen Professor nannte. Nach einem halben Jahr, im tiefen Winter, kehrte er nach Peterswalde zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund ist bei alten Menschen der März als Todbringer verrufen. Eines Morgens im Mittmärz betrat Hans Kosmisch die Stube seines Herrn und fand ihn entseelt im Bette liegen. Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt zur Schau, war das endlich vollendete Werk ausgebreitet.

Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der die Kunst versteht, sondern von einem, der mit unbeholfener und doch sicherer Hand eine Traumvision festzuhalten bemüht ist, – ein über alle Worte erhaben schönes Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, reinen, unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste Liebe quoll. Es fehlten nicht die Grübchen in den Wangen, die von weichem Haupthaar umflossen waren, und das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger Bart, der in einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild. Dieses überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die genaueste Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin Caroline, umrahmte über den Scheitel hinweg, an den Haaren herab und unter dem Bart sich schließend, ein Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in der Weise punktierter Kupferstiche die Augenbrauen, die Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der Bart und die Locken der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen und Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die Sonne und als winziger Goldpunkt die Erde. Es war als ob ein träumender Mensch, irgendwo im Raume ruhend, das Weltall als Gesicht begriffen hätte und als ob Sonne, Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über dem Bildnis aber prangten die triumphierenden Worte:

Ad astra.

Franziskas Erzählung

Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund der Geschichte von dem wunderlichen Edelmann gelauscht, hatte sie nicht verhindert, die Erregung zu bemerken, von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien. Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an eine Vertraute geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, und unablässig hingen dann ihre Augen an den Lippen Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet, warf sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben der schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter Anstrengung ihr Weinen zu ersticken suchte.

Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. Er schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann Promnitz deinen Schmerz lösen, Franzi, warum sollten wir es nicht können?«

Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und bat, sie möge ihn anschauen. Sie schüttelte den Kopf. »Keiner unter uns wünscht, daß du eine Wunde aufreißen sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich selbst verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem warst. Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es mich doch gefährlich, wenn dich fremde Geschicke immer wieder mahnend in die eigene Vergangenheit zerren, und deinen Freunden hier sind diese Tränen vielleicht ein unverdienter Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem Lebensmenschen: es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht fromm. Es verengert das Herz.«

Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend über alle schweifen, und mit blassem Gesicht antwortete sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich an der Geschichte vom Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum erklären. Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen müssen, dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen und wühlt nicht so unerwartet auf. Es ist etwas Anderes; es ist da eine Luft, ein Ton, eine Folge, etwas wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch kaum anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, etwas, was wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! und dieser Tod! Und das Bildnis zuletzt! Auch ich habe von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem eigentlich.«

»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete die aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ das Haupt auf die stützende Hand sinken, »wie soll ich das Unglaubliche schildern, euch, die ihr mich so gut kennt und doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde; ja, in jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein Körper war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein Dasein kam mir erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar einsam, und die Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, wenn man stets getragen wurde und nie gegangen ist, war das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz, oder nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, war ich zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir gewußt; ihr wart zu klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.«

Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann sie die Ereignisse zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher Weise vorbereitet hatte, die aber mit ihren eigenen Worten nicht gut wiedergegeben werden können, weil das Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit beeinträchtigen würde.

Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, die acht oder neun Jahre zuvor vom Theater weg eine glänzende aristokratische Heirat gemacht hatte und deren Mann im Ausland gestorben war. Die Zurückgekehrte wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in einem rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte Franziska ein Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste berührt wurde. Sie konnte die Augen nicht von dem Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer auf sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche oder Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den Eindruck. Auch die Freundin erstaunte, als Franziska sie um die Erlaubnis bat, öfter hier sitzen zu dürfen, um das Bild betrachten zu können. Franziska kam von da ab jeden Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann ließ sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine trübe Erinnerung oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz Ursache des sonderbaren Benehmens sei, und vielleicht um Franziska auszuforschen, vielleicht um sie zu zerstreuen, teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter den Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit des Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer Edelmann gewesen, der für den Gemahl einer von ihm hoffnungslos geliebten Dame sein Leben geopfert habe; dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau vor dem schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der Liebende des Nachts, eine Stunde vor der Exekution, Eingang in die Zelle verschafft, hatte die Kleider mit dem Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen, ohne daß weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten.

Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend nicht nahe. Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung dagegen. Zu wirklich war es und als Wirkliches zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder sieht noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger und wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals kam ihr der furchtbare Gedanke, daß sie sich an ein Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb der Ordnung der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht zu deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von Folge war darin, – als ob der Schatten zur Gestalt werden oder sie selbst zu einem Schatten hindorren müsse.

Er wurde zur Gestalt.

Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten zurücktrat, gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska eine Einladung erhielt. Obwohl sie seit Wochen solche Festlichkeiten zu besuchen vermieden hatte, folgte sie diesmal der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu erwägen. Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht wie auf dem Bild. Es war, sie zweifelte nicht daran, dasselbe weiße, glatte, schmale, ruhige und vollkommene Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren dieselben verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es war dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende Glanz auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, sogar mit demselben Smaragd am Finger.

Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte einen Klumpfuß, und seltsam, gerade dieser Körperfehler war es, der in ihr das Gefühl der Identität bestärkte. So wird ja oft ein Gleichnis eben durch das Unerwartete zwingend. Manche der Anwesenden spürten die gewitterhafte Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese einander gegenüber standen. Franziska hatte natürlich schon von Riccardo Troyer gehört, von seinem Reichtum, von seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine verführerische Kraft in ihm, durch welche er Anhänger gewann fast wie ein Prophet und nicht wie ein Reisender und Fremdling von unbekannter Herkunft. All das bedeutete ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier empfunden.

Ihre Schönheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie spürte es kaum. Sie spürte sich selbst nur als eine Hingerissene und von unwiderstehlicher Gewalt Umschlungene. Es verlangte sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und sie ersuchte die Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn für den folgenden Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich in dem Rondell, und Franziska war beglückt, als sie wahrnahm, daß ihr Auge sie nicht im geringsten betrogen hatte. Besonders wenn er den Blick emporgeschlagen auf sie heftete, hatte sie Mühe, den Lebendigen von seinem gemalten Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in höchstem Maß, daß weder die Baronin noch Riccardo Troyer die unheimliche Ähnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg.

Es war kein Zaudern in ihr, kein Zurückbeben. Sie vertraute ihm grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind. Sie riß sich von allem los, was sie kettete, von Menschen und von Dingen. Nachdem es beschlossen war, daß sie mit ihm ins Ausland reisen würde, besuchte sie zum letzten Mal den Fürsten. Daß die Freunde sich bei Lamberg aufhielten, war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den Genossen ihrer früheren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff das Verbot nicht, aber sie fügte sich; nur forderte und gab sie, in einer ersten trüben Ahnung, das Gelöbnis eines Zusammentreffens, und das Jahr, das sie als Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen Schicksalen zum voraus beschwert.

In die Stadt zurückgekommen, löste sie ihren Haushalt auf. Was sie an Schmuck und barem Geld besaß, gab sie Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer mitnehmen, ein Mädchen, das ihr seit langem sehr ergeben war, doch Riccardo engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem Anlaß über Franziskas Willfährigkeit, ja, ihre unbedingte Hingebung machte ihn stutzig. Man ist fester an eine Sklavin gefesselt als an eine Geliebte. Sie zu ernüchtern, fand er schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er Übung darin besaß, Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen. Er war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher, kein Falschspieler; sein Betrügertum war von höherer Schule. Seit zwanzig Jahren zog er als Rattenfänger durch die Städte. Er hatte seine Agenten, seine Herolde, seine bezahlten Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und Kupplerinnen von den untersten bis in die obersten Schichten der Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend wie die eines Mannes der großen Politik, und meisterhaft war seine Geschicklichkeit, sie einerseits auszunützen, andererseits zu verbergen. Er war fein und verschlagen, seine Menschenkenntnis war das Resultat der Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen Literaten. Er betörte durch eine vornehme und hintergründige Schweigsamkeit, durch blendende Einfälle, durch eine edelgehaltene Melancholie. Was er trieb, war Raub, Plünderung, Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph des Gesetzes anwendbar war, da sie das Opfer in eine Schuldige und den Verbrecher beinahe in einen Helden verwandelte. Sein Metier forderte von ihm nichts, als daß er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner fünfzig Jahre wie ein Mann von dreißig aus, ja bisweilen wie ein Jüngling, der in stürmischen Erlebnissen gereift ist.

Franziska wußte nichts von seinen Geschäften und Unternehmungen, nichts von seinem Charakter, nichts von seinem Leben, nicht, woher er stammte. Der, den sie liebte, war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Geschöpf. An ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung und übersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte einer Fata morgana des Herzens. Die Lust jedes Herzens ist Aufschwung. Einmal in jedem Dasein erreicht das Herz seinen Gipfel. Ihres, von gleichmäßigen Freuden eingeschläfert, war auf natürlichem Wege nicht in die Sphäre der großen Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es der geknebelte Dämon, rasch ehe der Tod der Jugend ihn ohnmächtig werden ließ, durch Bezauberung getan. Der Sturz war gräßlich.

Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren, daß keine seiner Künste ihm irgend welchen Vorschub bei ihr geleistet hatte, zerbrach sich den Kopf über die Gründe ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war es so leicht gewesen zu täuschen, desto leichter stets, die Komödie zu enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun Hilflose preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres Jagdrevier zu suchen. Mit Franziska lag der Fall umgekehrt. Sie betrachtete ihn manchmal mit Blicken, als ob sie sich an einen wende, der hinter ihm stand. Unwillkürlich suchte er, unwillkürlich schaute er zurück, in die Luft. Es war das Merkwürdigste und Aufrüttelndste, was ihm je begegnet war. Franziska fühlte, daß ihn sein Gleichmut verließ. Der Nebel vor ihren Augen zerstreute sich, es kam ein quälendes Besinnen und Verwundern: bin ich es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit beklagenswerter Hartnäckigkeit überredete sie sich, daß ein Irrtum unmöglich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie einer sicheren Verheißung; es wurde heller, glühender, wirkender in der Erinnerung, sie klammerte sich daran als an den letzten Halt, die letzte Gewähr, und keine List, keine Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das Geheimnis entreißen.

Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld, die sie ihm entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre Verschlossenheit nicht. Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten Augen weckten in ihm das böse Gewissen. Um jeden Preis wollte er erfahren, was es damit für eine Bewandnis hatte. Auch ihre Körper- und Atemnähe beruhigte ihn nicht, auch die ließ ihn spüren, daß er nur Gefäß war, nur Hülle, Phantom. Der Betrüger fühlte sich betrogen, der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er sie von seiner Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich war, bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen hing. Schaudernd sah Franziska, daß er in diesem Bestreben tiefer sank als er zu sinken wähnte, unter sich selbst hinab, daß sie es war, die ihn dazu trieb, und ihre Verzweiflung war namenlos. Er wurde roh; er wurde pöbelhaft. Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel war es, als sie ihren Entschluß kundgab, sich von ihm zu trennen. Seine grünen Augen erloschen für einen Moment. Es ist gut, antwortete er und ging. Am selben Abend teilte er ihr mit, daß ihn ein Telegramm nach Turin gerufen habe, sie möge die Ausführung ihres Vorsatzes bis zu seiner Rückkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit ohnehin benommen, willigte Franziska ein. Riccardo übergab ihr eine Kassette zur Aufbewahrung, die mit den herrlichsten Diamanten gefüllt war. Als er nach drei Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er möge sie von den Juwelen befreien, deren Behütung ihr drückend sei. Da sie es forderte, begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte den Schrank auf und griff nach der Kassette. Die Sinne vergingen ihr; das Kästchen war so leicht, daß sie sofort wußte, es war seines Inhalts beraubt. Was war das? was war geschehen? wie war es möglich? sie hatte die Wohnung nicht verlassen. An allen Gliedern zitternd überreichte sie ihm die Kassette. Riccardo blickte sie mit großen, starren Augen an, deren Brauen immer höher wurden. Er prüfte das Schloß und die Scharniere, er zog ein Schlüsselchen aus der Tasche und öffnete den Ebenholzdeckel; die Diamanten waren verschwunden. Franziska preßte die Hände vor die Brust und lehnte sich wortlos gegen die Wand. Indessen begab sich Riccardo leise pfeifend ins andere Zimmer. Als sie ihm folgte, saß er wie vernichtet in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf und packte ihren Arm. »Man muß die Polizei benachrichtigen«, stammelte sie. Er lachte ihr ins Gesicht. Seine Augen durchbohrten sie. »Hältst du mich für gewillt, meinen Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?« fragte er höhnisch; und wenn ich mich dazu entschließen könnte, denkst du, daß der Ruf in die Öffentlichkeit mir zu meinem Gut verhälfe? Gibt es einen Weg, so bin ich Manns genug, ihn zu finden. Immerhin steht die Sache so«, fuhr er kalt fort, »daß der Wert der gestohlenen Edelsteine den Wert deines mir anvertrauten Vermögens um das Zehnfache übersteigt; es handelt sich um eine Millionensumme. Ich bin ruiniert. Wundere dich also nicht, wenn ich dir erkläre, daß du mir mit deiner Person haftest, und so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze sind.« Franziska hörte den zerschmetternden Verdacht aus diesen Worten; sie entgegnete nichts; die Erstarrung ihres Herzens verhinderte sie am Weinen. Ehe der Tag zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an Bord eines Schiffes, das nach Marseille fuhr.

Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem Haus außerhalb der Stadt, in dem es bei Tage friedlich herging, aber in der Nacht kamen Herren aus der Stadt und blieben bis zum Morgengrauen beim Glücksspiel. Riccardo mußte Anlaß haben, sich zu verbergen, denn er überschritt wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne emporstieg, saß er allein und überzählte gleichmütig seinen Gewinnst. Oft vernahm Franziska in ihrem Gemach heiser streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens zu mindern, wühlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag ein junger Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der Gartenmauer, und sie sah, wie seine Genossen ihn zu einem Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein andermal hinkte Riccardo zur Tür herein und befahl ihr, daß sie sich seinen Freunden als Wirtin präsentiere. Sie weigerte sich. Er riß sie mit teuflischer Kraft vom Lager herunter und hob den Arm gegen sie. Sie lächelte todessüchtig vor sich hin. In diesem Augenblick war die Erkenntnis, daß die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals empfunden, sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer als alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr. Sie tat ein prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem Gesicht hinunter. Ihr Anblick machte die Wüstlinge stutzig. Madame ist krank, hieß es, und Riccardo raste, als sich alle Gäste nach und nach entfernten. Aus Rache führte er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien des Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu sein er sie zwang. Eines Nachts verließen sie fluchtartig diese Hölle und wandten sich nach Paris. Er schleppte sie in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mußte mit Menschen sprechen, deren bloße Nähe sie mit Grauen erfüllte. Er wußte, daß er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie in den Abgrund des Daseins hinunterstoßen. Er haßte sie, weil er sich nicht von ihr lösen konnte. Er genoß ihre Schwäche. Er weidete sich an ihrem Adel, wenn sie neben einer Dirne saß. Er liebte es, wenn sie bittend die Hände faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, maß er ihr auch die ganze Schuld daran bei. »Du bist wie eine, die in finsterer Kammer ihren Anbeter erwartet hat und dem, der kommt, überschwängliche Wonne spendet; sage mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufhören, mich und dich zu quälen; sag mir, wen du erwartet hast, und ich gehe meiner Wege, denn es wurmt mich schon, daß du mich so nackt gemacht hast.« So redete er zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner Existenz verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer erniedrigen zu müssen. Was hätte sie tun sollen, um ihre unwürdige und furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit erschien ihr wie einem Verbrecher die makellose Jugend erscheint. Sie war eines Entschlusses nicht mehr fähig. Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat. Vieler Menschen Geschick wird von ihrem bösen Dämon nur gestreift; einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit oder Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem Nachtmar ihrer Seele; sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet und ganz in seiner Gewalt.

Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten das Auge leuchtete, das sie verlockt, das Antlitz, das sie beglückt. Gab sie das Geheimnis preis, so war sie selbst leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine verschwunden waren, so war jenes besudelt und wurde zur Lüge. Es geschah aber, daß sie im Schlummer davon sprach. Riccardo erlauschte es. Mysteriöse Eifersucht tobte in seiner Brust. Es war als wollte er sie auseinanderreißen, um es zu erfahren. Nacht für Nacht weckte er sie aus dem Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese Zeit nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa an der bretonischen Küste, in der Nähe einer Hafenstadt. Und einmal fuhr er mit ihr in einem Boot auf dem Meer; es kam ein Sturm, sie wurden abgetrieben, sie schienen verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren Häuptern, der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins Boot gezogen, seine durchnäßten Haare hingen über das Gesicht und schweigend heftete er den Blick auf Franziska. Den Tod vor Augen, dumpf und willenlos, sagte sie: »Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe, bevor ich dich selber sah; wenn du es sehen könntest, würdest du alles begreifen, mein Leben und vielleicht auch deines, und diese Stunde, und was bis zu dieser Stunde geschehen ist.« Und mit kurzen Worten berichtete sie noch, wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er hatte sich dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das Brüllen der Wogen nicht ihre Stimme verschlänge. Er schüttelte den Kopf und lachte spöttisch, dann griff er wieder zu dem Ruder und arbeitete mit Riesenkraft; sie wurden eines Fischerbootes ansichtig, näherten sich ihm langsam, die Fischer warfen ein Seil herüber, und nach unsäglichen Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen.

Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische Dienerin sagte, er sei abgereist. Franziska freute sich des Friedens nicht. Sie wandelte ohne Rast durch die Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer. Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und die Riccardo zu sprechen wünschten. Er hatte keine Aufträge gegeben. Die Dienerin, der Koch und der Gärtner verließen das Haus, denn Riccardo hatte ihnen gekündigt und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska war allein. Der Eigentümer der Villa schrieb ihr, daß sie das Haus nach Verlauf von drei Tagen räumen müsse. Sie wartete, aber sie wußte nicht worauf. Am letzten Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt. Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und verfiel in schwermütige Gedanken. Sie hatte eine Kerze vor sich hingestellt, die brannte langsam nieder und verlosch mit leisem Zischen. Der Schlag der Wellen schallte durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am Himmel. Sie entschlummerte. Sie war müde. Seit vielen Nächten hatte sie des Schlafes entbehrt.

War es denn ein Schlaf? Sie sah den Weg, den Riccardo genommen. Die Neugier, die ihn trieb, hatte etwas Geisterhaftes. Er war zu dem Bildnis geeilt. Er wollte das Bildnis in seinen Besitz bringen. Verkleidet ging er hin; sie sah ihn feilschen, hörte ihn lügen; man war froh, für das obskure Gemälde einen nennenswerten Preis zu erhalten, man wunderte sich über die Laune des Händlers. Dann stand er irgendwo vor einem Spiegel und daneben das Bild. Sie sah, wie er suchte, wie er grübelte, wie er förmlich hineinkroch in das fremde Antlitz, und wie sich seine Neugier in Spott verwandelte, und wie er hinübergrinste zum andern Pol der Welt, ins Auge des großen Liebenden, er, der große Dieb, den eine Verirrte um das eigene Ich bestohlen hatte.

Jetzt aber öffnete sich die Tür, und er trat ein. Trug er nicht das Gemälde? Stellte es auf das Tischchen und lehnte den Rahmen an die Mauer? Er zündete eine Lampe an. Sein totenbleiches Gesicht war triumphierend über sie geneigt. Sein Hauch umwehte sie, seine Hand umtastete sie, sie schlug die Augen auf. Sie sah sein Gesicht, sie sah es, wie es wirklich war. Es war alt, es trug die Spuren häßlicher Sorgen und allerlei Art von Angst und gemeiner Beflissenheit. Eine Kruste von Anmut und Geist, dahinter Täuschung, Betrug und Lüge; eine Grimasse von Leidenschaft; die reine Form zerstört, von niedrigen Gelüsten, wie verbrannt, wandelvoll im Schlechten, aufgerissen bis zu einer Tiefe, in der noch Schmerz um das verlorene Göttliche lag, kein Zug ähnlich jenem Bilde, fremd, erbarmungswürdig fremd. Ihr Kummer, ihr nachdenkliches Erstaunen wich einem Gefühl der Freiheit, das so lange umkrampfte Herz konnte sich wieder dehnen, die Kette fiel von den Gelenken, sie besaß sich wieder, sie preßte die Stirn in die Hände und konnte weinen. Und er blieb stumm wie einer, der gerichtet ist, der nicht mehr zu fragen braucht und der einen unabänderlichen Weg geht.

Es war kein Schlaf; sie hörte das hohle Aufstoßen seines Klumpfußes, als er sich entfernte, und später rollten draußen die Räder eines Wagens. Sie kauerte auf dem Teppich, und ihre Wange ruhte auf den gelösten Haaren. Es war kein Schlaf; die Lider öffnend, erblickte sie einen leeren goldenen Rahmen, der gegen die Mauer lehnte, und auf dem Boden das zerfetzte Porträt des schottischen Edelmanns. Sie nahm die vier Teile, legte sie zusammen und betrachtete sinnend das entseelte Bild. Es war Leinwand, mit Ölfarbe bemalt. Es glich einem Kleid, das einst von einem geliebten Toten getragen worden war.

Ein Bauer brachte ihr Gepäck zum Bahnhof. Sie hatte noch so viel Geld, um in die Schweiz reisen zu können. Ein einziges Schmuckstück von größerem Wert war ihr geblieben, ein Ring; diesen veräußerte sie in Genf, und lebte zwei Monate in einem Dorf am See. Als der Sommer und damit das schicksalsvolle Jahr zu Ende ging, erinnerte sie sich der Verabredung mit den Freunden. Es war, als stiegen aus einem Abgrund der Vergessenheit Gestalten aus einer früheren Existenz empor. Die Mittel zur Reise gewann sie durch den Verkauf einiger Toiletten.

Und so war sie gekommen.

Aurora

Es war dunkel geworden, aber keiner unter den Zuhörern wünschte das Licht einer Lampe. Von den unteren Räumen herauf, – sie befanden sich in einem Zimmer des ersten Stockwerks, das an Franziskas Schlafgemach stieß, – schallte die gemessene, doch wie es schien, ziemlich erregte Stimme Emils. Lamberg erhob sich, um ihm Ruhe zu gebieten, da trat er schon herein und wollte sprechen. »Der Affe«, war sein monomanisch erstes Wort, aber Lamberg unterbrach ihn und verwies ihn zum Schweigen. Er machte Licht, und trotz ihrer inneren Benommenheit und der Blendung ihrer Augen durch die jähe Helle fiel den Freunden das verlegene und unruhige Gehaben des Mannes auf. Emil wagte nichts mehr zu sagen, und leisetreterisch, wie es seine Art war, denn er trieb die Rücksicht bis an die Grenze der Untugend, verließ er das Zimmer.

Fürst Siegmund hatte sich erhoben; merklich erregt wanderte er einige Male auf und ab; seine sonst etwas schlaffen Züge hatten einen gespannteren Ausdruck, die Augen unter den lässig schweren Lidern funkelten bisweilen hastig ins Unbestimmte hinein, und etwas leidenschaftlich Verhaltenes drückte sich auch in seinen Händen aus, die auf dem Rücken lagen, und deren Finger nervös und fest ineinander verflochten waren. Borsati saß ganz in sich geduckt auf seinem Stuhl. Die Teilnahme auf seiner Miene hatte etwas Rührendes, weil kindlich Befangenes; er gehörte zu jenen Naturen, denen das Mitleid für eine ihnen teure Person unbehaglich, fast demütigend ist, und die daher dieses Mitleid auf irgend eine Weise in Trotz, in Zorn, in Empörung gegen die Welt umsetzen. Eine solche Verwandlung war hier gehemmt durch das Gefühl eines kaum zu besiegenden Erstaunens, eines Erstaunens, das von Wißbegier entfacht war. Denn was bedeuteten die Worte, die Ereignisse? was erklärten sie? eines höchstens: daß die Möglichkeiten des menschlichen Herzens ohne Grenzen seien. Und diese Franziska, die aus den kleinen Umständen eines kleinen Bürgerhauses mutig und heiter ihren vergnüglichen Gang in die Welt angetreten hatte, die zu genießen und zu vergessen wußte, weil Genuß ihr Element und der beflügelte Wechsel, dessen anderer Name Treulosigkeit heißt, ihre Kraft war, diese Frau hatte im schall- und lichtlosen Bezirk eines Geisterspiels verbluten müssen? Was hatte sie so verfeinert? was so entherzt? was so in die Tiefe gezerrt? was so geadelt? Leben allein? Leben und Liebe? Todesgewißheit?

Von ähnlichen Gedanken war sicherlich auch Lamberg bewegt, dessen Gesicht eine ruhige und stolze Würde nie entbehrte, wo es sich darum handelte, Schicksal und Menschheit vom einsamen Beobachterposten aus aneinander zu messen. Cajetan starrte mit seinen dumpfen Augen sonderbar abwesend vor sich hin. Ihm war, als habe er eine Dichtung vernommen. Das Geschehene war so weit, Schmerz nur eine Kunde, die Hingeschleuderte ergreifende Figur, Bericht von alledem Rhythmus und Melodie; wie schön zu wissen, im Verborgenen und Offenbaren das unerbittliche Gesetz zu verehren, und Wege zu schauen, auf denen die Duldenden und die Geopferten schritten, und andere Wege, wo die Priester und die Richter gingen! Sein beschäftigter Blick streifte mehrmals das Gesicht Hadwigers, der die Hand an der Stirn, die Lippen gepreßt, sehr bleich und gleichsam im Innersten verstummt, den Freunden und sich selbst entzogen war, und immer wieder kehrte er dann den Blick ein wenig erschrocken zur Erde. Franziska mochte nicht mehr länger unter dem Druck des Schweigens bleiben. Sie richtete sich empor, und wie sie plötzlich zu lächeln imstande war, erinnerte daran, daß sie eine Schauspielerin gewesen. Cajetan sprang auf, ging rasch zu ihr hin und küßte ihr die Hand. Sie blickte ihn prüfend an und schüttelte den Kopf, halb verwundert, halb dankbar. »Jetzt, wo ich mich so sicher unter euch fühle«, sagte sie, »wo jeder Tag etwas so Wahres hat, jedes Wort etwas so Menschliches, kommt es mir vor, als hätt ich das Jahr garnicht wirklich gelebt; ich spür es bloß, denken kann ichs nicht, freilich, glauben muß ich es. Aber wir wollen nicht darüber sprechen«, fuhr sie lebhafter fort, »ihr habt es hingenommen, und nun laßt es wegziehen wie eine Wolke.«

Die Freunde erwiderten nichts. Fürst Siegmund nickte, atmete tief auf, vermied es aber, Franziska anzuschauen. Diese wandte den Blick gegen Hadwiger, und ihre Stimme hatte einen bittenden Klang, als sie sagte: »Heinrich, du weißt wohl nicht mehr, daß du mir einen Lohn schuldig geworden bist?«

Hadwiger zuckte zusammen. »Was für einen Lohn?« stieß er kurz und heiser hervor.

»Soll ich dir dein Versprechen vorhalten?« entgegnete sie mit erzwungener Leichtigkeit im Ton.

»Ich habe dir ein Versprechen gegeben, das ist wahr«, murmelte Hadwiger, indem er unwillig einen Nachdruck auf das Anredewort legte.

»Und doch bist du die Einlösung uns allen schuldig,« beharrte Franziska, »denn du hast viel geschwiegen, während wir uns verschwenderisch mitgeteilt haben.«

»Ich habe ja nicht herausfordern, ich habe mich nur verstecken wollen,« gab Hadwiger unruhig zurück.

»Als Herausforderung konnte es auch nicht aufgefaßt werden«, nahm Cajetan Partei, »aber in jeder Gesellschaft und Geselligkeit errichtet der Schweigende gewisse Schranken, auch genießt er dadurch, daß er sich niemals bloßstellt, einen Vorteil, den zu rechtfertigen seiner Einsicht und Courtoisie überlassen werden muß.«

»Na, so kritisch hab’ ich mir meine Situation nicht vorgestellt«, erwiderte Hadwiger mit humoristischem Anflug. »Ich begreife überhaupt nicht, wie ihr auf den Verdacht kommt, daß ich etwas zu erzählen haben könnte.«

»Jetzt windet er sich schon«, bemerkte Borsati lächelnd, »gebt acht, daß er nicht entschlüpft.«

»Daß etwas in deinem Leben ist, wovon du niemals sprichst, noch gesprochen hast, das weiß ich, Heinrich«, sagte Franziska sanft. »Du hast es oft angedeutet, und wider Willen, scheint mir. Wir verlangen ja nicht ein Abenteuer, nicht eine beliebige Geschichte, auch nicht eine Enthüllung. Wir, oder wenigstens ich, ich möchte wissen, was es ist, worüber du so stumm bist, daß es förmlich aus dir schreit. Sieh, wer weiß, wann und ob wir je wieder so aufgeschlossen beieinander sind. Mir kommt vor, heute ist ein Abend, wie sie selten sind im Leben. Sprich nur, du sprichst zu Freunden.«

»Ich hoffe nicht, daß Sie mich von dieser Bezeichnung ausschließen«, wandte sich der Fürst an Hadwiger; »als flüchtiger Gast habe ich allerdings keine Rechte, nicht einmal das Recht zu bitten, aber ich würde es zu schätzen verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht beengend oder störend erschiene.«

»Davon kann sicher nicht die Rede sein, Fürst«, sagte Lamberg, und etwas spöttisch fügte er hinzu: »er wird umworben wie der große Medizinmann; wäre er nicht er selbst, er müßte eifersüchtig werden.«

Franziska, die den Augenblick nicht günstig fand für Neckereien, schüttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen den Kopf gegen ihn, und Lamberg verbeugte sich lächelnd, zum Beweis, daß er sie verstanden habe. Hadwiger bemerkte das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die Enge getrieben, kämpfte er noch. Während er die Lehne des Sessels mit beiden Händen umfaßt hielt, irrte sein Auge scheu, und die Muskeln seiner Wangen zuckten. Die alte Wanduhr schlug siebenmal mit kräftigen Schlägen. Er wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an.

»Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte einer Nacht; freilich einer Nacht, die länger als drei Monate dauerte. Was vorher geschah, kann ich nicht übergehen, auch von meiner Jugend muß ich einiges berichten.

Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zurückdenke, scheint es mir, als ob die Luft, die ich als Kind atmete, immer schwarz gewesen wäre. Wir waren neun Geschwister; sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine Mutter überlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich eine zweite Frau, die ihm und uns die Hölle heiß machte. Mein Vater war ein Mittelding zwischen einem Spekulanten und einem Fantasten; je nach seinen Projekten wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer Blick der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger standhalten konnte, litten wir große Not. Bei einem Streik der Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer zu wirken und zu vermitteln suchte, geriet er in ein Handgemenge und wurde von einem Schlag so unglücklich getroffen, daß er nicht mehr aufkam. Ich hatte einen Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich sah, daß ich in der Heimat wenig Förderung erwarten konnte, und ich beschloß, nach England zu gehen, ein Vorhaben, das unerschütterlich war, obwohl ich nicht einmal die Mittel zur Überfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupläne, war Austräger bei einer Zeitung und Gehilfe bei einem Photographen und legte Pfennig um Pfennig beiseite, bis ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise brauchte. Auch eine notdürftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos in London herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte mir eine Empfehlung mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut; sie war mir von keinem Nutzen.

Die Jugend muß ihren besonderen Gott haben, anders läßt es sich nicht erklären, daß ich damals nicht versunken bin. Aber es ist nicht entschieden, ob uns überstandene Not und Entbehrungen frommen. Manche behaupten, es sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so wäre der Abend zu kurz für den Bericht, auch sträubt sich vieles gegen das Wort. Ich sehe mich in nebligen Gassen; ich bin müde und habe kein Bett. Mit verschlagener Freundlichkeit redet mich ein halbwüchsiger Bursche an; er führt mich zu einem Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine Münze, und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein übelriechendes Stiegenhaus in eine noch übler riechende Kammer; dort sind fünf oder sechs Lagerstätten und mehr als ein Dutzend Burschen und Mädchen, darunter auch Kinder. Ich höre nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich falle auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir im Schlaf das Bewußtsein. Ich bin in eine Diebsherberge geraten. Die fünf Schillinge, die ich noch in der Tasche gehabt, sind am Morgen fort. Ich sehe mich in einem Hof nächtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in einem Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger Stoffe eine Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer feuchten Wand und muß die Gesellschaft eines delirierenden Mulatten und eines prahlenden Krüppels aus Südafrika ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf; sein Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm’ ich im Halbschlaf ein Schluchzen; ich finde in der Küche ein junges Mädchen. Sie liegt auf dem Strohsack und weint sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus Deutschland herübergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante versprochen hat. Ich führe sie beim Tagesgrauen aus dem Haus. Sie nennt mir die Adresse einer Verwandten, die in Whitechapel wohnt, und von der sie daheim als von einer respektablen Person gehört hat. Es erweist sich, daß sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist, von denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Schützling hat eine frische, hübsche Stimme; man will ihr ein Asyl gewähren, wenn sie aufzutreten und Lieder zu singen bereit ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll, werde Türsteher bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an mir vorüber, meine Augen sind voll von den Grimassen des lachenden Elends, meine Ohren voll von herztötendem Lärm, und die süßlichen Parfüms des Lasters, die ich einatmen muß, machen mich nach starken Spirituosen bedürftig. Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche Mädchen, das ich hergeführt, verwelken und verkommen sehe.

Laßt mich nicht sagen, wo ich dann überall gewesen bin, um welch hohen Preis ich den jämmerlichen Bissen Brot erworben habe. Denk ich an die Türen, vor denen ich gestanden, die Stuben, in denen ich gewohnt, die Betten, in denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft glücklich eingesargt in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter war; denk ich daran, aus welchen Händen ich Lohn empfing, an die verzweifelte Plage, an die Müdigkeit, an das hoffnungslose Hinfließen der vielen Tage, an den nervenzerrüttenden Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit, deren Opfer der Stumme wird, gegen die eigene Schwäche, die nicht so sehr Unvermögen ist als Fesselung und der Mangel rettender Zufälle; denk ich daran, daß ich zähneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten Parks gelehnt, die Finger um die Stäbe geklammert wie ein Tier im Käfig tut, daß endlich Haß, unsagbarer Haß in mir aufwuchs und meine zwanzig Jahre gleich einem Aussatz zerstörte, – denk ich wieder daran, so will ich kaum glauben, daß ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich, der hier sitzt und es als etwas Fernes schildert.

Ja, ich haßte die Menschen mit einem aus Nihilismus und Furcht gemischten Gefühl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen, ihre Eile, ihr Wetteifer, ihre rasenden Gelüste, – sie erdrückten mich. Mir schien, daß alle vorhandenen Wege besetzt seien und daß ich keinen Weg mehr finden könne. Es war mir, als ob für mich kein Platz in der Welt sei und als ob mich die Fülle der Dinge sozusagen bei lebendigem Leib begraben hätte. Ich hatte keinen Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders ausdrücken, und so war ich nur unter dem Gesetz der Trägheit nach einer bestimmten Richtung hin tätig. Und nicht nur die Menschen haßte ich, sondern auch all ihre Einrichtungen, das Zwangvolle und mich Erdrosselnde der gesellschaftlichen Ordnung, den Staat, die Kirche, die Schule, die Zeitungen, sogar die Bücher. Dies klingt entsetzlich genug, es weiter auszumalen, wäre vom Übel, meine Bahn schien unabänderlich zur Tiefe zu führen, ich war ein verlorener Mensch, und was noch an Kraft und natürlichem Temperament in mir steckte, das faulte gleichsam ab, verpestet von dem Anhauch meiner unterirdischen Existenz.

Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war mir damals gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf zu nähern; ich hatte die Stelle eines zweiten Maschinisten auf einem der kleinen Themse-Dampfer. Der Dienst verhinderte mich, während des Tages das Licht der Oberwelt zu sehen, und den Abend wie den größten Teil der Nacht verbrachte ich in einer Taverne bei den East-India-Docks. Ich hatte um jene Zeit einen jungen Russen kennen gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war Rachotinsky. Er war Arzt gewesen und hatte fünf Jahre in der Verbannung am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der Schlüsselburg gestorben, zwei Schwestern und ein Bruder hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein Gemüt war düster; sein Geist war von einer Rachsucht erfüllt, deren Übermaß ihn lähmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff. Ich wußte nichts von seinen Plänen, er war trotz aller Beredsamkeit verschwiegen; hätte er mich zu einer Tat aufgefordert, ich hätte mich ohne Besinnen geopfert. In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er häufig mit einigen seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander russisch sprachen, merkte ich an ihren Mienen, daß sie nicht leeres Stroh, sondern volle Ähren droschen. Eines Abends geschah es, daß einer der russischen Flüchtlinge mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Schönheit in dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein glühender Körper durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche Mischung von bleich und schwarz, von Hoheit und Verzweiflung, von Kraft und atemlosem Gehetztsein hatte ich noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die Frau als Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen, was eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gefährtin der Helden, die Opferfrohe, die ihr Blut vergießt für eine Idee, von der wußte ich nichts. Es fiel mir auf, daß das herrliche Geschöpf tastend in den Raum trat. Wir erfuhren, daß sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet worden. Sie hatte einen der tückischen Machthaber und Bedrücker ihres Vaterlands durch einen Revolverschuß getötet. Im Gefängnis hatte man sie mißhandelt, ein betrunkener Offizier hatte sie zu schänden versucht und ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert, daß er sie durch zwei seiner Kreaturen des Augenlichts berauben ließ. Das Verbrechen wurde in der kleinen Gouvermentsstadt ruchbar, eine allgemeine Revolte brach aus, ergebene Freunde befreiten das junge Mädchen, und es gelang, sie über die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden war sie in England angekommen, aber die Polizei war ihr auf den Versen, die russische Regierung forderte sie unter der Behauptung zurück, ihre Tat entbehre des politischen Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchstücken; die Russen waren höchst erregt, und während sie Natalie Fedorowna wie eine Schutzgarde umgaben, zeigten ihre Mienen äußerste Entschlossenheit. Rachotinsky, indem er auf einige verdächtige Gestalten hinwies, gebot ihnen Stillschweigen, jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares. In einem verräucherten Winkel der Taverne saßen zwei Männer, die durch ihr Aussehen und ihre Mienen meine Aufmerksamkeit schon längst erweckt hatten. Ihre Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten, die man hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas an ihnen, der Blick vielleicht, oder eine Geste und nicht zuletzt ein edler und geistiger Ausdruck der Züge verkündeten Menschen aus einer fremden Welt. Und so war es auch. Der eine von den beiden Männern begab sich in den Kreis um Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in französischer Sprache an. Ein tiefes Befremden und im Verfolg des Zwiegesprächs eine tiefe Überraschung malten sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine Leidensgenossen; diese verhielten sich gegen seine Worte stumm und sahen zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die Hände und ließ den Kopf sinken. In diesem Augenblick erschien mir ihre Schönheit so hinreißend, ihr Leiden so über alles Maß erschütternd, daß ich mein Herz aufquellen fühlte, ja das Herz tat mir weh wie ein Geschwür. Ich sprang empor, ich trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine Empfindungen müssen derart gewesen sein, daß sie keinem verborgen bleiben konnten, denn ich bemerkte viel Wohlwollen in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky legte den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden weiter. Indessen hatte sich auch der Genosse dieses Unbekannten zu der Gruppe begeben, und als ich den näher ansah, gewahrte ich sofort, daß sein Anzug nur eine Verkleidung war, und daß durch diese Hülle der Armut eine angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare Allüren des Mannes von Stand nicht verdeckt werden konnten.

Ich will ohne Umschweife berichten, was über diese beiden Männer zu sagen ist, die in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielten. Sir Allan Mirmell und sein Freund Trevanion waren Leute von großem Reichtum und aus alten Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltmännisch, sie war von sublimer Art. Man findet ein so sensitives und zugleich erleuchtetes, so umfassendes und zugleich beflügeltes Wesen des Geistes fast nur bei jungen Engländern von Rang, als ob in dieser Nation, die als Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen und so bar der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erwählten einen umso bewunderungswerteren Schwung nehmen könnten. Allan Mirmell, in der Mitte der Dreißig stehend, war um zwölf Jahre älter als Trevanion. Er war durch das Leben gestürmt mit einer Begier, die nichts verschmähte, nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen geschwelgt, zu denen das Gold, der Wille und die Passion führen. Er hatte verschwendet, Mut verschwendet, Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet. Er hatte alle die Übeltaten begangen, die der Leichtsinn, die Gedanken- und Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit und innere Anarchie zu begehen vermögen. Ihm war kein Glück fremd; auch kein Laster; kein Frieden heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er plötzlich müde geworden. Aus der Müdigkeit ward Ekel; ein Ekel, den zu beschreiben ich kaum wage; der das Himmelreich bespie und in der Menschenwelt eine Kloake sah; der natürliche Bande mit Hohn zerriß, ursprüngliche Gefühle mit Kälte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was brennen wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom Tag und die Nacht suchte, die Einsamkeit und das Grauen. In dieser Gemütsverfassung hatte er den jungen Trevanion gefunden; unglückselige Fügung, die den Freund am Freund zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe ätherisch. Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war eine Herzogin gewesen. Er hatte in einer dünnen Luft gelebt, ohne Windstoß. Fähig, jede Krankheit aufzunehmen, den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt, denn seine Seele war ein leeres Gefäß, das auf den Träger wartete, war er für Mirmell nur der geleitende Schatten und das rührende Echo aller Anklagen und Verdammungen.

Seltsam wie diese beiden von der Höhe des Daseins kamen, zu uns herunter, die in ähnlichem Trotz, in ähnlichem Schmerz, in ähnlichem Haß, wenn schon aus anderer Ursache, gefangen waren. Dort Überfluß und Überdruß, hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts; die Endpunkte der sozialen Welt. Sensationskitzel und Lust an der Selbsterniedrigung treiben diese reichen und satten jungen Leute häufig zu den Schauplätzen des Lasters und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in den Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, daß sie in vielen Fällen ihr Leben riskieren, wenn sie nicht Meister in der Verkleidung und äußeren Verwandlung sind. Aber nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch einen Besuch in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er hatte Nachforschungen anstellen lassen, hatte später auch von ihm gelesen. Nächtelang beobachtete er ihn und seine Gefährten. Der Anblick dieser Erniedrigten und Ausgestoßenen, von denen Jeder Freiheit, Vermögen, Lebensgenuß und Zukunft für eine Idee hingegeben hatte, war ihm Vorwurf und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie Fedorownas, die durch ihr Wesen wie durch die Aufnahme, die sie fand, alles Geschehene erraten ließ, bewog ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende Mädchen in seinem Haus aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen würde, sie zu suchen. Rachotinsky und seine Freunde überlegten den Vorschlag, der unter der Bedingung akzeptiert wurde, daß Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten und zunächst bei ihr bleiben solle.

Über die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur schlecht unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord Natalie Fedorownas zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky hatte mich zwei oder dreimal nach dem Landhaus Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck auf mich; ich gewahrte nur sie; Tag und Nacht war sie mein einziger Gedanke. Einer der Russen sagte, daß der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky gestand mir, daß Trevanions Stimme einen unheilvollen Zauber auf sie geübt habe, ihr alles Vergangene, ihren Kummer, ihre Besudelung, ihre Blindheit quälend zu Bewußtsein gebracht. Aber was eigentlich vorgegangen war, habe ich nicht erfahren können. Sicher ist nur, daß nach der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im Hause Mirmells bekannt und daß dadurch seine gesellschaftliche Situation unhaltbar wurde. Auf mich wirkte Natalie Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen Dienst auf und ließ mich treiben wie ein Stück Holz im Wasser. Eines Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich, ob ich außer Landes gehen wolle. Mirmell, Trevanion und er seien entschlossen, der Kulturwelt den Rücken zu kehren; wenn ich Lust hätte, meinem entwürdigenden Dasein zu entfliehen, brauche er nur mein Jawort. »Früher gingen die Weltmüden in ein Kloster«, sagte er, »wir wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die Natur selbst ein Bollwerk gegen den zerstörenden, frechen und lärmenden Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und das Leben erkennen, Gott aufbauen in unserer Seele und nie mehr nach den Menschen Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd sein, unser Vorsatz unverbrüchlicher als das Gelübde an einem Altar. Ich werbe dich für unsern Bund, dies Recht habe ich mir ausbedungen, und ich sehe nichts, was dich sonst retten könnte.«

Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem Verhungern nahe, eröffneten mir diese Worte, deren mysteriösen Sinn ich zunächst wenig beachtete, doch die Möglichkeit zu existieren. Mirmells Schiff, eine stattliche Yacht, lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fuß dorthin. Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet hatte, führte mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser begrüßte mich schweigend und bemerkte dann gegen Rachotinsky, er möge Sorge tragen, daß ich an nichts Mangel leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker, und es begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir unbekannt war. Von der Seekrankheit verschont, wurde ich in anderer Art krank, und ich weiß heute noch nicht, unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen litt. Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich genoß. Es kommt ja vor, daß Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch abgearbeitet haben, plötzlich sterben, wenn Mühe und Sorgen aufhören. Ich lag und schaute in die Luft. Hin und wieder spürte ich, daß ich weinte. Oft saßen Rachotinsky und Mirmell neben mir, sei es nun, daß ich auf Deck in der Sonne gebettet war oder bei schlechtem Wetter im Raum. Kraft seines mystischen und durchdringenden Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten Einfluß über Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der interessantesten Männergesichter, die ich je gesehen. Seine Züge waren hager und von äußerster Feinheit; seine Haut war glatt und weiß wie Email; das Kinn stark, die Lippen dünn wie ausgepreßte Früchte; die allzuklaren Augen begegneten nie dem anschauenden Blick, obwohl sie nicht zur Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf. Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten. Er war immer in seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky trieb mit ihm geologische Studien aus Büchern und Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes, das wir an Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am Kompaßhäuschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine Knabengestalt ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell konnte ich mich ohne eine knechtische Regung nähern, und dieses Überbleibsel meiner proletarischen Vergangenheit schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame Leiden erweckten kameradschaftliche Empfindungen.

Wir waren durch die Tropenmeere und durch den südlichen Teil des atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich, lange westlich, dann wieder südwärts. Wir liefen die am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel an, aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten, wurde durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn Mirmell und Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit zu fliehen. Wir suchten die Nimrod-Insel, deren Existenz jedoch heute noch nicht sichergestellt ist, und als dies erfolglos war, steuerten wir in das Roß-Meer. Eisberge schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das Meer von Packeis bedeckt. Es öffneten sich schmale Straßen, in denen der Dampfer freie Fahrt hatte. Wir überquerten den fünfundsiebzigsten Grad und sahen bald auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der Antarktis. Ich war um jene Zeit wieder gesund geworden. Ich wurde nicht müde, diese neue Welt zu betrachten; der immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es war Mitte Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging nicht unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren, und der Kapitän und der erste Maat wagten es, auf die Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff, das für solche Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell blieb ihren Vorstellungen gegenüber taub. Es war in ihm ein Ingrimm und eine Lethargie, die alle praktischen Maßregeln mißachteten. Er glich dem Ritter der alten Sage, der sich stumm und trotzig zur Höllenfahrt anschickt. Daß er unbewußt dem hypnotisierenden Einfluß Rachotinskys unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein Blick schien zu triumphieren, wenn er die Entfernung maß, die ihn von allem trennte, was ihn ehedem gefesselt hatte. Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte an seine Worte: wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang ließ mich schaudern, und mein Gemüt fing an, dem entgegenzustreben.

Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste Eis halt gebot, und warteten, da wir der Küste näher zu kommen hofften. Am zweiten Tag sprengte der Sturm die gefrorene See, und wir fuhren nahe an die Küste heran. Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und suchten einen Platz für den Bau einer Hütte und eines Vorratshauses. Es erwies sich, daß das Schiff mit allen Bedürfnissen für einen jahrelangen Aufenthalt in unzugänglicher Eisöde befrachtet war. Unter vielen Mühseligkeiten transportierten die Matrosen Balken und Bretter an den Strand; darnach die Betten, die Tische, die Stühle, die Bücher, die Kleidungsstücke, die Hunderte von Kohlensäcken, die zahllosen Proviantkisten mit Konserven, Früchten, Tee, Salz, Mehl, Gläsern und Flaschen. Als die hölzernen Gebäude standen und gegen die schwersten Stürme durch Steinblöcke und Drahtseile befestigt waren, bat der Kapitän des Schiffes Sir Allan um eine Unterredung. Der wackere Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte warnen zu müssen; ohne nach den Gründen unseres Vorhabens zu forschen die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er beredt die Schrecken einer Überwinterung. Es handle sich nicht um eine Überwinterung, antwortete Mirmell schroff; er erteile ihm den Auftrag, nicht früher als nach Verlauf von fünf Jahren wieder an diese Küste zu kommen, um sich zu überzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der Kapitän war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte diesen Entschluß noch einmal vor der ganzen Mannschaft und verpflichtete sie allesamt zum Stillschweigen; so lange keine Kunde in die Welt drang, sollten Kapitän und Schiffsvolk die Löhnung weiter beziehen, im andern Fall hatte der Vermögensverwalter Sir Allans die genaue Weisung, sie zu entlassen. In der zweiten Woche nach unserer Ankunft waren alle Arbeiten beendigt, und das Schiff verließ uns. Wir standen am Rand des Eises und blickten ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und seine Dampfsäule sich mit den Wolken vermischt hatte.

Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gefühl des Unerwarteten in mir erloschen; alles das hörte auf, Verwunderung in mir zu erzeugen; die Gegenwart bändigte mich, das Unentrinnliche umschlang mich wie ein sichtbarer Kreis; es galt zu kämpfen, sich zu wehren, sich zu verantworten, zu leben. Unmöglich kann ich schildern, was in mir vorging, diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung gegen das Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen Zustand; ich muß mich damit begnügen, die folgenden Ereignisse zu erzählen.

Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch Forschungen die Überzeugung gewonnen, daß auf dem Kontinent der Antarktis ausgebreitete Kohlenlager vorhanden seien, und er hatte die etwas fantastische Absicht, diese noch verborgenen Reichtümer aufzufinden und sie für die unglücklichen, bedrückten Söhne seines Vaterlands nutzbar zu machen. Täglich unternahm er, mit seinem Hämmerchen versehen, lange Wanderungen und brachte allerlei Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die Gefangenschaft in den sibirischen Einöden nur mit Aufbietung seiner ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der freiwillig gewählten Abgeschiedenheit und vollkommenen Loslösung von der menschlichen Gesellschaft auf eine wunderbare Weise erglüht, und ich fragte mich umsonst, was es wohl sein möge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken erschimmern ließ. Eindringlich widerriet er mir, mich dem Müßiggang hinzugeben, und in der Tat war jede unausgefüllte Stunde erschöpfend für Körper und Geist. Jeder hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufwärter war, für das Feuer sorgen und die Hütte rein erhalten mußte. Ich begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten, und Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenvögel, diese gravitätischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen Wesen innerhalb der gebundenen Ordnung ihres Brutstaates. Wie sie uns mißbilligen, wie sie uns mit dem breiten weißen Rand um ihre Augen, der einer Brille glich, ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit gröblichen Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten mit zeremoniöser Ehrfurcht gegeneinander verneigten, ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen pflogen! Sie glichen den verzauberten Geschöpfen in einem Märchen so sehr, daß sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz von Verwandlung gaben, etwas von Bann und Schuld und Harren auf Erlösung. Nicht selten schloß ich mich auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen, Diatomeen, Polypen und Schwämme aus dem Meerwasser fischte, oder in die kleinen vereisten Binnenseen Bohrlöcher grub, oder Wolken und Felsen zeichnete oder mit der Spirituslampe in die stalaktitischen Eishöhlen hinabstieg. Noch lieber wanderte ich allein über Schnee und Eis und schaute zum bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand, und über die bleiche weiße Erde. Die dauernde Helle stumpfte das Zeitgefühl ab und man ging wie in der Ewigkeit, die auch keinen Wechsel von Tag und Nacht hat. Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer, und die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen den Ozean schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen zu bevölkern, und diese gedehnten Laute klangen wie das Stöhnen eines Tieres in den Wehen der Geburt. Fern über mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich wie ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund; die Nähe der mütterlichen Weltenglut, der schöpferischen Erdflamme ließ mich bisweilen vergessen, daß ich ein wollender und müssender Mensch war. Ich erblickte den mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen langen Eisbarre, die grün schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte, und im Süden, gegen das Ende der Welt, sah ich viele Berggipfel, zahllose Kuppeln, die jungfräulichen Brüsten glichen, bedeckt von dem blauen, durchsichtigen Schleier der Atmosphäre. Die klarsten, zartesten und stärksten Gedanken stiegen empor wie selbständige Geschöpfe; Natur hörte auf, ein Wort zu sein, hörte auf, das Andere zu sein; sie sprach nicht, sie gab nicht, sie behütete nicht, sie handelte nicht, sie war bloß.