Baptist ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, wo der Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte noch etwas Taufrisches vom Schlaf der Nacht her. Auf der Place Verte, die er bald kreuzte, waren große Haufen von Gemüse aufeinandergeschichtet, welche die Fruchtbarkeit des Waeslandes hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf den grünen Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie mannbares Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale in den morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war rosig von der neuen Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. Das alles sah Baptist und er ging, in den dumpfen Kreis seiner märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen, der selbstbestimmten Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es war eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer Scham und einer weglosen Verzweiflung.
Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. Er stieg die große Treppe hinan mit einer mürrischen und trotzigen Entschlossenheit. Im Treppenhof stand ein einsamer uniformierter Beamter bewegungslos wie ein Standbild, und in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof durchqueren wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich ein Bein vor. Wohin? hieß dieser stumme kleine Schritt.
„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist.
Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: „Viert’ Tür’ rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein.
Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein kleines, hartes, graues Licht war, das durch ein fernes Fenster im Grund herbeikam. Er klopfte an der vierten Türe. Als er keine Antwort hörte, legte er die Hand schwerfällig auf die Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war verschlossen.
Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das.
„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, feierlich trotz seiner abgeknapperten Sprechweise.
Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter in die Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte zur Taverne zurück, um zunächst noch seine Morgenarbeit zu verrichten. Aber so wie er in seiner dunkel und schwerfällig angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu stellen, auf einmal unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der finster geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das Vertrauen anderer getäuscht, der sich heimlich am fremden Eigentum vergangen hatte, der verächtliche, verluderte Dieb. Diese harten Vorstellungen wirbelten verbrennend in ihm herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war auf einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die Taverne zu. Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken trug er den Kopf gebeugt. Als er an die kleine Treppe kam, die zu der Wirtschaftstüre hinaufführte, hob er ihn auf, und es erschien ihm eine Sekunde lang merkwürdig vertraut, daß eine junge schlanke Dame mitten in der Straße auf ihn zukam.
Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam angehalten keine zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf in die Höhe zuckte – erkannte er, daß es seine Schwester war, die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr.
Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens getroffen, daß er sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich vornüber niederzubrechen droht. Aber im letzten Augenblick fand er eine verzweifelte, trostlose, leise wegschiebende Gebärde mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses Blut über sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um.
Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, bis er Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. Da blieb er stehen. Das Lokal war ganz leer. Er drehte dem Wirt den Rücken und versuchte seitwärts mit einem scheu verbrannten Blick durch die Fenster die Straße zu erreichen. Er hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal aufhielt, wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte.
Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete junge Dame mitten auf der Straße stehen und ein kleines weißes Taschentuch erregt an die Augen pressen. Er konnte deutlich erkennen, wie das Schluchzen sich in ihrem Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte Hasenklever in seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das ungewohnte Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, wie er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er hitzig, „so kommen Sie doch mal heran, ob Sie schon so was gesehen haben! Am hellen Morgen steht ein Mädel draußen und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich der und der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. Das ist was Feines!“
Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen Tisch gedrückt und sah seine Schwester draußen weinen. Und Hasenklever hatte noch nicht ausgesprochen, da kam eine Welle an Baptist heran, hob sich an ihm hoch und glitt über ihn nieder. Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie ihn in die Knie. Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte es heraus: „Es ist meine Schwester!“
Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war er etwas fassungslos vor dem langen starken Burschen, der weinte, und er rieb sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz warm war, zupfte er seine Schnurrbartspitzen aus der Wildnis des Backenbartes heraus. Dann legte er unbeholfen seine dicke Hand auf den Rücken des Weinenden, und schließlich hatte er’s gefunden.
„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er konnte, „Wer geht denn weinen, wenn er seine Schwester wiedersieht! – hat sie dich reingehn sehn?“ fragte er dann rasch.
Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein Sohn, jetzt geh’ ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum Brüderchen in die Stube holen. Dann fallt ihr euch um den Hals und küßt euch und weint ein Grützchen zusammen hier drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein wenig zu schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen ins Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den Bauch und sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, jetzt geh ich schlankweg!“ sagte Hasenklever bestimmt.
Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. Er hörte den Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm die Glieder ein. Er wäre gerne aufgesprungen und hätte sich an ihn festgeklammert, hätte ihn erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. Nur das nicht, nur nicht das Schwesterlein an seinen Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar versenkt in ihm, wie ein eiserner Obelisk.
Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, gewann Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff das gewaltsamste Mittel, das er im Feuer des Augenblicks fand, und schrie: „Ich habe Ihre fünfzig Franken gestohlen!“
Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum Türgriff. Er drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut stieg in seinem Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis des Bartes hinein. „Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte sich um und kam langsam heran, die schweren Arme, an denen die Hemdsärmel bis über die Ellbogen heraufgestülpt waren, etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff. Er blieb unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines blitzschnellen Druckes braucht, um loszurasen.
Baptist wiederholte mit leiser, ergebener Stimme: „Ich war’s!“
Auch ihm stieg das Blut über die Wangen, die Augen und die Stirn, heiß und qualvoll. Er fuhr rasch fort: „Ich war gerade auf dem Gericht, um mich zu stellen deswegen.“
So einen Tag hatte Hasenklever noch nicht erlebt. Die Wut rann heimlich und unversehens aus ihm davon. Es ward leise schwindlig in seinem schweren einfachen Kopf, und er sah wie betreten, daß er zwischen dem Bruder hier drinnen und der so vornehmen Schwester draußen stand, wie zwischen zwei dunklen, gefährlichen Dingen voll unglücklicher Rätsel. Unvermittelt trat er etwas beiseite. Die Überlegung versagte ihm den Dienst. Er suchte und suchte und fand den Hebel nicht, der die gestörte Maschine wieder in Gang bringen konnte. Schließlich fluchte er einen „Deibel“ herbei und sagte mit bekümmerter, sorgenvoller Stimme: „Komm, wir wollen mal einen Schnaps zusammen trinken!“
Er kippte das gefüllte Glas mit einem kurzen Ruck zwischen seinem Barte um und setzte es leer auf den Tisch. „Noch einmal!“ murmelte er und wiederholte das kleine Manöver. Dann schaute er Baptist an, zuerst etwas scheu, und dann sagte er sich, daß er ihn gern habe und ihm wohl eine seiner Töchter gebe. Es war ihm schwierig, nun diese Angelegenheit wegräumen zu müssen. Schwerfällig fragte er: „Also du warst’s? Ist das denn nu auch ganz gewiß?“
Baptist winkte: „Ja.“
„Wo ist denn das Geld?“
„Es ist fort. Es war nicht für mich!“ antwortete Baptist scheu.
Da wurde es licht in dem schwerfälligen Kopf des Wirtes.
Ja, fast lächelte er, daß er seinen geliebten Baptist so reingewaschen sah. „So, so!“ tat er tröstend. „Na denn is nich so schlimm. Wofür war’s denn?“ Er schaute zugleich zu den Fenstern hin und machte schon einen Schritt auf die Türe zu. Aber die junge Dame war nicht mehr draußen. Der Paulsplatz war ganz menschenleer und trug nur die Sonne, die von den Dächern aufs Pflaster herunterglitt. Hasenklever war sehr enttäuscht.
„Das mag ich nicht sagen!“ antwortete Baptist mittlerweile.
„Nu, fort ist fort. Auch egal. An fünfzig Franken gehen wir nicht kaputt. Besser das, als wie ’n Bein gebrochen. Wollen uns wieder vertragen!“ sagte er herzlich. Er fühlte sich von einer drückenden, dunklen Last befreit, daß sich die Angelegenheit nun so klar darbot. Er meinte noch: „Und es bleibt ganz zwischen uns. Da, Hand drauf!“
Aber Baptist schaute betroffen auf. Dann schüttelte er eifrig den Kopf. „Nein“, sagte er erregt.
„Ja, was nun wieder: nein!“
„Ich stell’ mich dem Gericht. Der Staatsanwalt ist nur noch nicht dagewesen!“
Da starrte ihn Hasenklever an. „Helf mir der Heiland, ich muß noch einen Kümmel heben!“ sagte er. Als er das Glas wieder leer hingestellt hatte, faßte er Baptist beim Handgelenk und zog die Uhr unter der Schürze hervor: „Du hast wohl Fieber, Mensch – Ne, ne, seinen alten ‚Patron‘ so zu plagen!“
Baptist wurde durch diesen Scherz so wundersam, ja lieblich gerührt, daß er es ganz warm in sich werden fühlte und dem kleinen dicken Mann gerne um den Hals gefallen wäre. Er stammelte ihn an, die Erregung seines Gemütes hielt ihn strampelnd zwischen Lachen und Weinen hoch. Aber er wurde unvermittelt ernst und er erzählte Hasenklever, wie er um seine Tat litte und daß er sie sühnen müsse. Aus diesen schwerblütigen Worten glitt ein Schein in das Verständnis des Wirtes, der selber keine sturmsichere Jugend gehabt hatte und selber oft ohne Grund unter den Füßen umhergetrieben war. Er erkannte einen Schimmer eigener Erlebnisse in der Erzählung des andern, ahnte Zusammenhänge und Notwendigkeiten und er nickte zustimmend. Nur daß das öffentliche Gericht die Angelegenheit erledigen müsse – dagegen wehrte er sich absolut. „Die Schmach geht ja nimmer weg!“ sagte er. „Eine Verurteilung, das klebt wie Teer, und das ist diese Kleinigkeit doch nicht wert. Hol mich die ganze Hölle! Junge sei doch bei Trost!“ Hasenklever kam in Eifer und trumpfte noch einmal auf: „Hol mich Beelzebubs Großmama! verrückt! Ich muß als Zeuge hin, und ich sag’, ich vermisse keine fünfzig Franken bei mir. Da hast du’s!“
Vor diesen Schwierigkeiten stieg allmählich ein anderer Gedanke in Baptist auf: er könne in die schwarzen Löcher der Schiffe verschwinden! Aber er sagte Hasenklever nur, daß er dann fort wolle, in die Welt hinaus!
„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“ entgegnete der Wirt. Er gab ihm die Hand und versprach zu helfen.
„Heut noch!“ bestand Baptist.
„Gut denn!“
Sie gingen noch vor der Mittagsstunde zusammen zu den Schiffsbureaus. Das erste, das sie trafen, war das der Hamburg Ozeanea-Gesellschaft. Als sie in den Heuerraum eintraten, rief gerade eine Stimme: „Hier Schiff ‚Hamburg‘! Noch Trimmer vorhanden?“
Baptist trat einen kleinen Schritt vor und sagte: „Ja!“
„Papiere?“ fragte der Beamte kurz.
Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte er ihm erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“
„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der Beamte ungeduldig ein.
Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und reichte dem Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der schaute sie kaum an. Er suchte nur den Namen und schrieb. Baptist fragte nicht nach dem Lohn, nicht nach dem Ziel der Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine Stellung wie ein Schicksal, in das man sich ergeben hat.
„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“ sagte der Beamte, während er Baptist den Heuerzettel hinreichte, auf dem Baptist sich verpflichtet hatte, die ganze Reise des Schiffes nach Neuyork, von dort nach Bahia und zurück nach Hamburg mitzumachen.
Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist. Er half ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren, und nahm ihn dann mit nach Haus. Sie gingen gleich in die Stube hinauf. Sie aßen dort zusammen zu Mittag und Hasenklever ließ eine Flasche seines besten Weines heraufholen.
„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten Tochter, die mit am Tisch saß.
„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt.
„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte ihm mit einem milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder voll. Dann begann er von „Njujork“ zu erzählen und von „Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo er überall gewesen war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte ihm Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht noch in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern und seinen Bummeltagen und den verhungerten Wochen. „Das waren die sieben magern Jahre!“ sagte er. „Und ein Mensch, der nichts erlebt hat, der ist nichts. Das ist heutzutags anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem Städtchen zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben am Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln ...“
Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten. Er war schon auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete, stand rätselhaft verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war ihm nur klar, daß er jetzt das Leben begänne, vor dem er einmal zurückgeschaudert war. Er dachte an seine Heimat und wußte, daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde; daß das Leben, das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die dunklen Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das allerletzte, das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende vorstellten. Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er an dieser letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke auch nur die Richtung des kleinen Landes erkennen konnten. Es war ihm aber wie ein kleiner weicher Trost, wie eine ferne mildernde Güte, daß er sich seine liebe Schwester von ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem sein Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte er sich nicht.
Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen alten Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen Sachen gefüllt herunter. Er verabschiedete sich von den beiden Mädchen und wollte Hasenklever die Hand drücken. Aber der wehrte ab. „Ich geh doch mit!“ rief er.
Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und er hätte gerne dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg lieber allein ginge. Aber er fand keine Worte und Hasenklever schritt neben ihm zum Hafen hinunter. Sie fragten sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der Dampfer lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof und Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst mit Vater Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus ihrer Flasche Branntwein getrunken hatte.
Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte ihn gerne umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft die Hand. Er sagte: „Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever fuhr auf: „Zum Deibel, sei still und wir sehn uns noch mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers bist du immer willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein anderes Geschick hier an Land bringt!“
Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den Landungssteg und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er sei auf dem Schiff als Trimmer angeheuert. Der wies ihn zum ersten Offizier in der Kabine an Deck. Ein glattrasierter Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem Eisenschild und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab ihm Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch und schob sie unter einen Pultdeckel. „All right!“ sagte er. „Sie können gehn!“ schrie er Baptist an, als er sah, daß er stehen blieb. Baptist trat hinaus und schritt langsam an der Reihe der kleinen Türen mit den Messingringen entlang und als er einen Mann in einer Uniform mit zwei Goldbändern am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er sei als Kohlenzieher angeheuert.
Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden Spitzbart, machte über seinen hohen Kragenrand mit einem kurzen Ruck eine knappe Linksneigung des Kopfes auf Baptist zu und warf verächtlich hin: „’ch g’meldt?“ – „Jawohl, soeben in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief er in anderm Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling saß: „Härr Obermaschinist, ein Trimmer!“
Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich heran. Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal auf einem Schiff, er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit und alles zeige. „Tjawoll, tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig, „wird geschehn, wenn Sie hier die Luke hinuntersteigen, gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie hergeschickt und was Sie wollen!“
„Danke!“ antwortete Baptist.
Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter Mann zunächst in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren, drei und drei übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine dicke, unklare grüne Glasscheibe in der Decke über einem der Betten beschwerlich herein. Baptist mußte dieses Bett nehmen, weil die andern schon belegt waren. Der Heizer blieb in der Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den Arbeitsanzug anlegen.
Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch einen engen Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist trat auf einem Boden von Eisenstäben weiter. Unter diesem Boden lag ein weites, dunkles Loch, in dem er in einiger Tiefe einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah. Allmählich dämmerte drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen, Kolben und Röhren auf. Das Licht fiel hoch über seinem Kopf durch einen Glaskasten hernieder. Die beiden glitten rückwärts enge Eisenleitern hinab und kamen langsam bis auf den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer und kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen, schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und lang hinlaufenden Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre klappte hinter ihnen zu, und Baptist stand in einem engen Raum, den eine starke Hitze brennend erfüllte. Zwei kreisrunde große Löcher warfen Licht zuckend und blendend heraus und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten, steif zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem scharf begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann sprang Baptists Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber der einen der beiden Feuerhöhlen schwarz aus der Wand schaute.
Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige Finsternis drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender, fallender Lärm heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne, leuchtete faul, wie ein kraftlos roter Ball. Der Flammenschein des nahen Feuers im Kesselraum schlug schräg bis über den Rand des Loches hernieder und ließ sich in einem roten Streifen über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer erklärte mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien die Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft werden, an dieses Loch und an das andere drüben; danach werden sie zu den Flammrohren hinauf geschaufelt.
Das war alles.
„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe hinein und das prasselnde Fallen hörte auf.
Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können grad beginnen. Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“
Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden. Eine Türe knallte, ferne, hoch, verstummend, wie ein Schrei in verschlossenem Mund. Zugleich erlöschte draußen im Kesselraum das Licht des Feuers, weil die Türe der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte. Er war nun abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken und begraben. Er fühlte den niedern, finsternisschweren Raum wie einen versenkten Schacht um sich, bückte sich schwer zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen Dämmern zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen. Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende Masse einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen Schein auf seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß aus der Höhe des Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter und durch das Loch in der Wand bis zu ihm sickerte, gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen, das das Licht des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist nun die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue Licht ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und die Arme. Das war der einzige Gruß der weiten, freien Luft.
Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern Seite noch eine Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber er schaute nicht hin.
Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten, und eine Stimme wie eine grelle, heiser klingende Trompete brach plötzlich durch die Finsternis herüber: „Grüß dich Gott, Kamerad von der heiligen Kohlenschaufel, auch wieder mal unterwegs?“
Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag, und seine Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er bückte sich über seine Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und lauerte zugleich mit allen Sinnen nach dem Fremden hinüber, dessen Gestalt er drüben wie wild aus dem Dunkeln hervorquellen sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt, als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch. Bald jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und seine geängstigte Aufmerksamkeit spannte ab.
Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an dumpf zu beben und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich allmählich zu einem stoßenden Poltern und schaukelnden Brüllen, Werfen und Schießen, das sich die Eisenwände zuzuwerfen schienen, und lief dann bald in ein starkes, ruhig dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr. Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in denen der Lärm seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien, breitete sich eine schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus und er vergaß in seinen stumpfgeriebenen Gedanken bald den Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm der Rücken voller Nägel saß und seine Muskeln brannten, und nach einer unendlichen, mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf einmal ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der Hand.
Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und durch schmale Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat ihm unvermutet ein geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß der fremden Augen brannte wie zwei kalte Scheiben aus dem schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten Lippen unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie Blumen aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der rechte Arm die zur Faust geballte Hand, um Schwung zu nehmen, nach hinten schlug, und eine wütende, grelle Stimme fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug? Willst du meine Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“
Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde er verfolgt? Er erkannte sofort die Stimme von unten. Er stammelte, ohne zu wissen, was er sagte: „Nein!“
„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig zurück. Dann ließ er den Arm sinken und tat verächtlich: „Wohl ’n vornehmer sogenannter Hinüberarbeiter?! Willst das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du Geld? Wieviel hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend ...? Hö?!“
Aber Baptist sagte mit kleiner Stimme: „Ich hab gar kein Geld!“
Da war der andere plötzlich wie umgewandelt. „Na also denn!“ rief er fröhlich. „Geben wir uns die Hand! Vertragen wir uns!“ und er reichte Baptist die Hand hin und drückte die seinige. „Wir müssen uns waschen gehn!“ sagte er dann und führte Baptist an einen Trog in eine kleine Kabine. Dann bekamen sie durcheinandergekochtes Fleisch, Gemüse und Brot in einer Blechschüssel, und als sie gegessen hatten, suchten sie ihre Betten auf.
„Ich heiße Hartwig!“ sagte der Kamerad zu Baptist, während sie sich auszogen. Baptist wußte nicht, ob das nun der Vorname oder der Geschlechtsname sei. Er schwankte ein wenig und nannte dann seinen Rufnamen. Hartwig legte sich ins oberste Bett, Baptist gegenüber. Es war dunkel in dem kleinen Raum. Baptist streckte sich auf sein hartes Lager schwer und zermürbt. Es war so eng unter die Decke geschoben, daß er die Ellbogen nicht ausstrecken konnte. Seine Hände spielten in der Schlaflosigkeit mit der runden Glasscheibe, die von einer milden, dunkeln Helligkeit erfüllt war. Seine Glieder fielen auseinander wie Steine. Seine Gedanken waren heiß und leblos zermalmt.
Da fragte eine laute, verletzende Stimme von drüben: „Schläfst du?“
Baptist antwortete erschreckt: „Ich kann nicht!“
Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen, als Hartwigs Stimme, die wie knitterndes Metall klang, wieder losfuhr: „Hölle und Teufel, ich auch nicht. Das ist immer so am ersten Tag! Diese Hundearbeit mit den Kohlen! Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so führ ich dich zur Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und Revolverschuß, ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur eine Jüdin aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich bin nur ihretwegen herüber gegangen. Aber meine Verwandten, die Dreckspföter, haben sich nicht mehr anzapfen lassen. So bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich drüben wieder zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir legen zusammen, nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben ist uns nun mal so gelaufen. Laß laufen. Dreck und Hölle, es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt. Aber in diesem Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder dahin ... tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ... Ilanka!“
Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist hatte zugehorcht mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem halb besiegten Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig schnarchte. Wie ein Zauberwort, so hatte dem Kameraden das Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf einmal, ohne Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork und nahm die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen, bereit liegender Hügel, die weichen Formen märchenhaft ungeheuerlicher Tiere. Die tückisch haltlos gleitenden Verwechselungen dieses Unwesens schürten die hitzige Unruhe seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt. Endlich lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer.
Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an Seite in den Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal etwas wie ein Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er griff mit beiden Armen tief in die Haufen hinein und warf die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam, wie in einem wild gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf dem Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das Tempo dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen regneten bald heftig ringsum nieder, daß Baptist sich hinter einen Eisenpfosten flüchten mußte.
Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte, blieb Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte wie ein hüpfend dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll aus seinem nackten, geschwärzten Oberleib und die Tropfen spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen. „Baptist!“ rief er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“
Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten Armes, und kaum hatten die Finger die Haut berührt, als der Muskel wie eine gebuckelte Katze mit einem wilden harten Ruck Baptist in die Hand sprang.
„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du sollst mal sehn, ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem Muskel, nur so, daß ich ihn gegen den Schädel springen laß, wie eine Bulldogge. Weißt du, was ich jetzt gemacht habe? – Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen und hab sie am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib, ein Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps springen, wie eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir einer im Weg stehn! Aber wenn du glaubst, davon hat man was drüben bei uns und das hilft einem – ein alter Dreck, nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes Lied an der Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann, Amerika, wilde Stiere und tolle Weiber! Meine Verwandten sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird wohl so sein, wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man gewöhnt sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner hat und des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn man kein Geld hat, um ein Steak zu kaufen und der Magen einem den Schlund heraufschreit.“
Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich selber von der Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere erreicht zu haben schien. Er verabscheute den wilden Gesellen, dessen Leben über die Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben war, und zugleich vergewaltigte ihn die Heftigkeit aller Äußerungen Hartwigs. Liebe und Haß für diesen heißen Hund standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe zur Hand.
Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben Wucht und Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer stand die große, starke jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend und begütigend, sie war wie der Saft, der aus dem verletzten Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes Blut, sie gellte wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das dumme kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut einer kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener Lederriemen und säuselte wie der Abendwind.
„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann eines Abends Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals, da sind die dunkeln, schmalen Schlüffe in der Stadt, und selbst die Policemans fürchten die! Sieh mal da das Wasserfaß und den weißen Holzpfropfen im Spund!“
Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte entfernte Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer kreisenden Bewegung rundum fuhr, gleich darauf gab es einen kurzen, trocken gellenden Laut, und Baptist sah in dem weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber blitzschnell flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah nicht, wohin. Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte er kurz und roh.
Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war. Aber er zuckte vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe wie Haß, verschärften ihre Kraft seit diesem Tage. Er war Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen ihn aufzumucken. Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder Blitz, durch die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd, die Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann aufseufzend in den Schatten der wilden, dunkel großen Gestalt des jüdischen Weibes trieb und anfing, vor ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu ertrinken.
So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des fessellosen Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner Arbeit in den Bunkern wach. So wuchsen seine Wünsche hinter dem knallenden Schreiten dieses Strolches Neuyork entgegen.
Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden Trara einen der üblen Streiche, bei denen er in Neuyork mit geholfen hatte. Da kam es Baptist auf die Zunge, seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er wollte erzählen, wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt in Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen mit Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber daß er sich dennoch enthalten und diese schmutzigen Flecke in seinem Leben vor dem andern bedeckt halten konnte, gab ihm zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig und sich eine Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose Gemeinwerden mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war ihm, als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem andern zu befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade dadurch in den Augen des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen Glanz, den Hartwig bei ihr nicht besaß.
In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren Betten, da sie in der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist konnte nicht schlafen. Es gingen immer Schritte über die runde grüne Glasscheibe und seine Augen zuckten unaufhörlich unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen ihm aufs Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte hinüber: „Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“
„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die amerikanische Küste.“
Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf die Vorderback hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände über die Augen. Dann schlug er Baptist heftig auf die Schulter und zeigte über das Meer.
„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen Punkt in der Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden sehen und erkennen könnte.
„Wer?“ fragte Baptist verwirrt.
„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert an. Dann brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“
Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die Ferne, wo sich nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung, wie ein zarter Flaum ersten Wachstums die Küste abhob. Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf gestürzt und er wußte auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im Küstenstreifen und nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei, sondern daß diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine ungeduldigen Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz allein wie eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames Land für ihn irgendwo in den Fernen stand.
Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand ohne Umrisse, die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den seine Wünsche anströmen konnten, in ihrer raumlosen Ferne. Aller Glanz fiel ab, und Baptist lehnte sich mit einem wilden Anfall von Haß gegen den abscheuvollen Hartwig auf, den Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen, schmerzhaften Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und schadenfroh: „Du kommst doch nicht zu ihr!“
Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber sein Gesicht heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd los, daß sein Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang.
„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm nicht zu ihr? Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel unserer Heuer gegeneinander wetten? Schlag ein!“
Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand hin. Aber Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war nur Scherz, daß ich das sagte!“
„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine heisere, knitternde Stimme klang wieder rauh und grell. Seine Finger zuckten zusammen und die Leidenschaft sah man zitternd über seinen magern Körper fahren. Dann sprach er vor sich hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und zugleich wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“
Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte, sagte er: „In Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen und dann gehn wir zusammen zur Ilanka. Es ist schade, daß du dich für die ganze Reise dieses Kastens geheuert hast. Ich hätte dich in Neuyork gut einführen können!“
Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen. Alle seine Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses Versprechen an, unruhig, flatternd, schreiend, und hoch wie Dohlenscharen um das Dach des Kirchturms. Und in der Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm so unausstehlich, daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war ihm nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln bekämpft werden mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein wilder Garten.
Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah die Einfahrt nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern vergraben lag. Aber er hörte, wie die Maschine anfing, ihr Tempo zu ändern. Oft wechselte sie es mit kurzen Stößen, arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal verstummte mit einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der Baptist sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen Räumen. Aus einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein: „Wir sind da. Dem Teufel sei Dank!“