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Der Hafen

Chapter 11: Schluß
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About This Book

A coastal village frames a domestic portrait of musical evenings, slow communal dances, and the sea’s constant presence. The narrative follows a young man gripped by melancholy, bodily dissatisfaction, and anxiety about an impending examination, alongside his sister’s attentive musicianship; their father’s abrupt, critical returns intensify household strain. Intimate scenes dwell on sensory detail and small gestures, while the surrounding sea and local rhythms infuse longing, artistic sensitivity, and social constraint, yielding a study of familial tension, interior restlessness, and the quiet violences of everyday life.

Schluß

Kaum lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden, ohne ein letztes Wort und ohne Händedruck. Es war Baptist recht, daß es keinen Abschied gegeben hatte, denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung seines Gemütes zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um ihn zu Ilanka zu führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom über ihn. Es war ihm oft, als ertränke er drin, und er stöhnte heimlich in der Bedrängnis seiner Ohnmacht, dieses Ermatten zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der Schiffe die Stadt anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie war das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein Leben liegen fühlte.

Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet, nachdem die entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen gefüllt waren. Zuerst mußte dann Baptist am Reinigen des Maschinenraumes mithelfen. Später kam er aber in die Laderäume und bald darauf, als man begann, für die Weiterreise nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist hatte eine der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen. Über seinem Kopf streckten sich die Arme der Ladebäume hin und her. Die Räder der Winden knirschten und sausten vor ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die die Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten sich die schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit den Waren, die es aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich glitten die Ketten, griffen die Ladebäume, eilten die Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie ein Meer an einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her, schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten, wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität. Rundum auf der großen Wasserfläche lagen tausend solcher regellos belebter Flecke wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in ihnen krachten die schreienden Winden, überall zuckte die Arbeit durcheinander. Überall brüllte die rasende, zerfetzte Ungeduld.

Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt hinter den Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden, schweren Strom dorthinaus. Wohin?

Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust. Ein ungeheurer Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern über den Abgrund der Laderäume gehalten, und in der Tiefe wimmelte es von kleinen Menschenkräften, die den Pack erwarteten. Der Offizier hob den Arm wie einen allmächtigen Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den Bahnhof schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in den eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel der Arm, Baptist riß den Hebel los und mit schießendem Knarren ließ die Winde die Last vorsichtig in die Tiefe sinken. So ging es stundein und -aus. Baptist stand am Hebel und fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in seinem Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte Feld dieses Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht, wieso er auf einmal zu solcher Macht gelangt war. Er sah rundum reckenhaft sich das Werk des Welthafens vollziehen, aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte, wirbelnde Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht.

Und einmal, als ihn die dunkle Macht dieser Lebensäußerung der Weltstadt überwältigte, brüllte er in die tobenden, ratternd springenden Geräusche der Winde den mit heimlich wilder Sehnsucht beladenen Namen Ilanka hinein. Hartwig kam nicht. Es waren Tage vergangen. Die Schiffsräume hatten sich entleert und frisch gefüllt, die Abreise stand bevor. Der Hund von Hartwig kam nicht. Wie konnte Baptist zu Ilanka gelangen? Wie war es möglich, einen Weg in den ungeheuerlichen Damm hinein zu finden, den dort die Stadt aufwarf? Dunkel verletzt, beleidigt, wund aufgewühlt erlebte Baptist immer wieder die zwingende Offenbarung der ungemessenen Große der Stadt, zu der dieser Hafen das Tor war. Wie ein Geschick von erbitterndster Brutalität warf sich ihm die Stadt und ihr Hafen in den Weg, der zu dem großen, starken Judenweib ging. Er wütete dagegen an, und seine heimlichen Schreie schienen oft den Lärm der pustenden Winden zu überbrüllen.

Eines Nachmittags, als er arbeitsfrei und frei von dem Drucke war, mit dem ihn sein Werk belegte, überfiel ihn ein verzweifelter Groll. Er glaubte am Äußersten zu sein. Sein Begehren wuchs mit leidenschaftlicher Gewalt über ihn her. Er glaubte hin zu müssen, in seiner Raserei Hartwig erwürgen zu müssen und über seine Leiche zu Ilanka gelangen ... „Du treuloser Hund!“ schimpfte er Hartwig. „Du hast mich betrogen, ganz gemein betrogen, du Schuft!“ ... und er raste auf den Kai hinunter und jagte davon, der Stadt zu. Aber die Arbeitswut des Hafens fing ihn in ihrem brausenden Sturm auf. Sie schloß sich von Schritt zu Schritt gewalttätiger um ihn, wie Maschen eines stählernen Netzes. Er begann sich zu ducken. Er glitt ängstlich und unsicher dahin, und als er an die Grenzen der Stadt kam, und als er die Maßlosigkeit ihrer Straßen und Richtungen sah, kehrte er um, vergiftet und durchseucht, das Hirn wirbelnd voll Todesgedanken.

Er eilte zu seinem Dampfer zurück, kreuz und quer abirrend, über Eisenbahngeleise, auf denen sich schwerfällige lange Züge heranschoben, verfolgt von Warnungsrufen; unter donnernden Krähnen hindurch, die mit Lasten von Fässern, Säcken, Baumstämmen spielten; durch lange Hallen, die mit Gütern und mit fremden, betäubenden Düften angefüllt waren. Endlich fand er die ‚Hamburg‘ und ging schnell aufs Deck hinauf. Droben sah er die Schiffsmannschaft im Kreis zusammenstehen. In ihrer Mitte hielt einer ein großes Zeitungsblatt, aus dem er eben vorgelesen haben mußte.

Als Baptist an Deck erschien, sprang der Mann mit der Zeitung in der Hand heran, hielt ihm aufgeregt das Blatt hin und zeigte mit dem Finger auf eine dicke Überschrift. „Das ist der Hartwig!“ brüllte er mit überschlagender Stimme. „Der Hartwig!“ ...

Das Zeitungsblatt glitt in die Hände von Baptist. Er legte sich gegen die Reeling und las mit spitz klopfendem Herzen: „Grauenhafter Mord ... Deutschlothringer Hartwig Didier ... seine Geliebte aus Galizien eingewanderte Jüdin Ilanka B... in ihrer Wohnung erdrosselt ... Körper mit Dolchstichen zerfleischt ...“

Langsam fühlte Baptist, der mit den Augen fliegend diese ersten Zeilen erschnappte, Kälte durch sich fließen. Sein Hirn wurde klar, seine Gefühle grausam und er las nun kalt und zusammenhängend: „Als Zimmernachbarn, die das Opfer schreien hörten, die Türe einschlugen und auf den Mörder losdrangen, schoß er gegen sie, ohne jedoch zu treffen. Der Revolver war bald leer. Da eilte er ans Fenster, über dem ein Leitungsstrang der Elektrizitätswerke vorbeiführte. Von den Verfolgern hart bedrängt, schwang er sich aufs Fensterbrett und setzte, ohne sich zu bedenken, mit einem weiten Sprung an die Drähte hinauf. Er erreichte sie, glitt im Schwung ein Stück weit an ihnen über die Straße. Die Menschen, die sich unten versammelt hatten, sahen, ein grauenvolles Bild, wie ein Menschenkörper in wilden Zuckungen an den Drähten hin und her schlug. Dann fiel er aus der Höhe des sechsten Stockwerks auf die Straße nieder, wo er, ein unkenntlicher Haufen von Kleidern, Knochen, Fleisch und Blut liegen blieb. Aber dieser Absturz wäre nicht mehr nötig gewesen. Die elektrischen Drähte hatten den Mörder schon hingerichtet.“

Als Baptist das gelesen und der andere ihm wieder die Zeitung aus der Hand gerissen hatte, stellten sich ihm zunächst nur die beiden Wörter ein: „Schuld und Sühne“. Dumm und sinnlos sagte er sie immer wieder vor sich hin. Unzählige Male: „Schuld und Sühne! Schuld und Sühne!“ ... Kindlich erschrocken lallte er die Wörter weiter, als deckten sie eine unmeßbar hohe, geheimnisvolle Vorstellung, in der die Erklärung der dunkel gewaltsamen Tat lag. Er ging lange wie in einem kalten Rausch umher, machte seine Arbeit mit einer kühlen, fernen Gleichgültigkeit und wagte kaum zur Stadt hinüber zu schauen, deren Dächer durch das Gewirr der Masten liefen, ohne es zu berühren. Aber alle Kälte in ihm war nur ein Kleid, unter dem sich die entsetzliche Spannung seines Innern dem Erkennen verbarg, und er wurde sich immer mehr bewußt, daß er sich nur mit Gewalt auf diesem entlegenen, ruhigen Standpunkt hielt.

Da trat, als er den letzten Griff am Hebel der Winde getan und der Feierabend begonnen hatte, der Kapitän auf ihn zu. Der Kapitän war ein noch junger Mann, der jedes Wort, das er sprach, und jede Bewegung, die er machte, mit einer kurzen Entschiedenheit kräftigte.

„Biver,“ sagte er, „es wäre schade, wenn Sie in den Kohlenbunkern blieben. Wir wollen Ihnen eine andere Beschäftigung an Bord suchen, bei der Sie sich mehr ausgeben können!“

Baptist schaute den Kapitän verletzt an. Er hatte kaum verstanden, was gesagt worden war, aber er fühlte sich in seinem künstlichen, mühevollen Gleichgewicht gestört und er warf geärgert hin: „Ach, wozu?!“

Da sagte ihm der junge Kapitän rauh: „Schämen Sie sich!“

Baptist fuhr mit mürrischem Trotz auf: „Weshalb?!“

Der Kapitän antwortete sofort mit seiner schnellen, scharfen Stimme: „Das will ich Ihnen sagen. Weil ein Gesetz unter uns ist, das immer die Anspannung der höchsten Kraft von uns verlangt, die man hergeben kann. Das sind die Triebfedern der Kräfte, unter deren Druck die Welt fortschreitet. Es ist eine Schande, wenn einer sich aus irgendeiner Ursache diesem Gesetz entzieht.“

Dann griff er in die Tasche und sagte kurz: „Da ist ein Brief für Sie!“ Darauf ging er weg.

Baptist hielt den Brief in der Hand. Er las die Aufschrift und sah sich das Kuvert an und verstand zunächst nicht, daß es eine Einrichtung in der Welt gab, die sich um ihn kümmerte und sich die Mühe machte, einen Brief hinter ihm her über das Meer zu schicken. Es war ein großes weißes Kuvert, mit hohen Schriftzeichen bedeckt. Es war etwas Geheimnisvolles, etwas Ängstliches, ein Rätsel.

Er ging mit dem Brief in seine Kabine, drehte die düstere Glühbirne an und brach das Kuvert auf. Er las:

„Lieber Bruder!

Mach es nicht mit diesem Brief, wie Du es in Antwerpen mit mir gemacht hast. Wenn Du noch manchmal an Deine Schwester denkst, so lies den Brief zu Ende, ich beschwöre Dich drum. Ich schreib ihn nur, um mit Dir zu sein in der Einsamkeit, in die ich in Luxemburg eingeschlossen bin. Wir brauchen ja nicht fröhlich miteinander zu sein, sondern schreiben so, wie es uns zumute ist. Vielleicht ist es meine Schuld, daß ich immer so kopfhängerisch umhergehe. Wenn ich meine alten Freundinnen ansehe, so muß ich das glauben. Aber ich gehe hier wie in einer Schachtel herum. Die Wände sind so eng, so nah, so hoch. Man kann nicht aus der Schachtel heraussehn. Die Luft ist so dick und so schläferig, die Menschen machen so kleine Schritte rundum. Sie haben sich dran gewöhnt. Weshalb kann ich es nicht?

Ich war damals so stolz auf Dich und wußte, so sicher, wie ich selber lebte, daß Du etwas Besonderes würdest. Und ich liebe Dich auch heute so, wie damals. Das muß ich Dir sagen und bitte Dich mit meinem ganzen gequälten, traurigen Herzen, mir nicht bös zu sein, daß ich von diesen Dingen spreche. Es scheint uns schwer gemacht zu werden. Ich verstand, als Du fortgingst damals, so gut, daß Du den Flug in die freie Luft gewagt hast. Ich war stolz darauf, obgleich es mir so schweren Kummer machte, daß Du mir nichts gesagt hattest und daß Du nicht schriebst. Ich wäre Dir nachgekommen. Und ich glaubte, Du kämst eines Tags unerwartet zurück, frei und selbständig – wie in den Theaterstücken.

Und als ich dann hörte, Du seist in Antwerpen gesehen worden, und es sei nichts aus Dir geworden, da fluchte ich gegen alles, was mir heilig war. Mein Gehirn zerrieb sich umsonst an den Widerständen. Aber heute verstehe ich, daß das Leben die Dinge nicht so einfach serviert, sondern daß es mit tausenderlei Abstufungen, die wie Töne und Untertöne so fein klingen, arbeitet. Und wir spekulieren ohne das Leben, das unter der Kruste seinen Weg mit uns geht, wohin es will. Aus meiner Leidenschaftlichkeit, meinem Haß, meiner Verachtung, meinen Brüskerien ist ein bleiches, mageres Mädchen geworden, das nur noch Wünsche hat, die wie Wolken auf dem Meere liegen, man weiß nicht, ob es Berge oder nur Dunstgebilde sind. Ich spiele auf Gesellschaften Klavier, bin zuvorkommend und man findet, daß ich nicht ohne Liebenswürdigkeit auf dem guten Weg bin, eine alte Jungfer zu werden.

Aber wenn du den Griff meiner Finger spüren könntest, indem ich dies schreibe in meiner einsamen Nacht! Es ist mir oft, als hätte ich einen Haß, mächtig genug, das Land, das ganze kleine verfluchte Land zwischen den Händen zu erwürgen! Aber selbst diese Flammen verrauchen, ohne Hitze zu lassen, und morgen nachmittag werde ich dem Viehändler X. den Tisch schmücken und nachher die Verleumderin Y. liebenswürdig behandeln, damit ich nicht von der Gesellschaft abseits stehn gelassen werde. Könnte ich nur ganz still resignieren. Aber es ist noch zu viel Feuer in einem.

Ist es nicht komisch, daß ich die Pein meines kleinen Lebens Dir in die Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß sie Dich vielleicht nicht erreicht. Denn: wo bist Du? Der liebe Herr Hasenklever nannte mir den Dampfer ‚Hamburg‘. Aber die Meere sind so weit! Die Erde ist so tief! Man kann so spurlos drin verschwinden. Ich weine und küsse den lieben Bruder.

Jeanne.“

Das las Baptist. Er faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in die Tasche. Es war Nacht geworden und er ging langsam zwischen den Tauen und Warenballen hindurch hinter die Back an achtern und setzte sich auf den Anker, der einsam dort lag. Über den schwarzen Stämmen der Tausende von Masten flog der glühende Himmel auf, der den Schein der Abendlichter Neuyorks trug. Er war wie blühendes Blut. Wie mit Messerschnitten arbeiteten die Ereignisse des Tages in Baptist. Er konnte sie nicht zusammen bringen. Die Klage seiner Schwester, Ilanka, der Mord, der Tod der beiden Menschen ... alles floß unaufhörlich ineinander. Es war alles grundlos, alles ohne Erklärung. Wehrlos ließ er es auf sich losschlagen. Auf fernen Dampfern klopfte die Arbeit. Sie scheute selbst die Nacht nicht, die milde, heilige Nacht, in deren Dunkelheit die Sterne standen, wie Bänder, die sich leuchtend nach den verlassenen Ländern knüpfen.

Als Baptist eine lange Weile zu ihnen hinaufgeschaut hatte und langsam die Erinnerungen an einzelne ihrer Gebilde kamen, die zu Haus über den Fenstern gestanden hatten, da bohrte sich, wie ein Strudel, ein wildes Schluchzen aus dem tiefsten Grunde seines Blutes in die Kehle herauf, die Augen stürzten voll mit Tränen, er schlug mit dem Kopf auf die Reeling nieder und weinte. Was war das „Zu Haus“? Er wußte erst in diesem Augenblick, daß er seine Heimat verloren hatte, und er dachte mit einem heißen, empörten Groll an das kleine, unfruchtbare, harte Land zurück, das ihn verstoßen hatte und das nun seine Schwester peinigte. Er weinte lange darüber. Er wurde ganz stumpf von Weinen und legte sich dann betäubt ins Bett.

Mitten in der Nacht wachte er auf. Er war mit einem Mal ganz wach und fühlte sich wie neu gekräftigt. Er zog sich an, ging an Deck hinauf und stellte sich seewärts an die Reeling. Da war ihm auf einmal, als er an das Schicksal Hartwigs dachte, als sei er einer Gefahr entlaufen. Ihr letzter Schatten stand noch neben ihm und sie war tief wie ein Abgrund, daß der Gedanke daran ihn schwindelig machte. Er preßte erschauernd die Augen zu. Aber gleich ergoß sich eine große Zuversicht über ihn. Er war gerettet und flüchtete sich mit seligen Gefühlen zu dem Brief seiner Schwester. Er zog ihn aus der Tasche und drückte lange inbrünstig die Lippen darauf. Er fühlte einen Schoß irgendwo im Kreise der Welt, der mild und warm wie eine Höhle war, in die sich Flüchtlinge retten.

Am nächsten Morgen ging Baptist zum Kapitän und entschuldigte sich, daß er gegen sein Entgegenkommen so unhöflich gewesen sei. Er habe nicht allein die Schuld daran. Denn Baptist fing an zu verstehen, daß die Worte des Kapitäns eine Auszeichnung für ihn waren. Der Kapitän war liebenswürdig zu ihm, ließ ihn am Nachmittag rufen und kündigte ihm an, der Posten als Verwalter des Schiffsinventariums sei für ihn frei. Baptist wußte Dank. Aber dieser Aufstieg war ihm etwas Selbstverständliches. Er bekam nun eine eigene Kabine und der Obermaschinist weihte ihn gleich in die neue Tätigkeit ein.

 

Gegen Abend verließ der Dampfer den Hafen. Baptist saß auf Deck auf einem Kranz von Tauen und schaute auf die Stadt, die zurückblieb. Überall tollte noch die Arbeit. Der Rauch des Hafens zog in wilden, dunkeln Schwaden gegen die Dächer der Häuser und verband Hafen und Stadt. Die Stadt lag wie eine einzige Masse in der nebeligen Luft, breit zusammengeschlossen, mit einer passiven Wucht, wie eine Frau.

„Da ist es geschehen!“ sagte sich Baptist ... Und so sah diese Stadt auch aus, wie ein entsetzliches Bett für die dunkle Katastrophe Hartwigs und der Jüdin. Die Tat war ihm, nachdem er sie nun ruhiger überblicken konnte, wie eine furchtbare Offenbarung der Natur, einer der einschlagenden Blitze des Schicksals, bei denen man an eine Absicht glauben will. So nahm er sie hin, selber, aber außerhalb der eigenen Wirklichkeit daran beteiligt, und er wälzte dieses Ereignis mit vielen schweren, dunkel bleibenden Schlußfolgerungen in sich herum. Die doppelte Katastrophe hatte nichts Fürchterliches mehr, sondern nur die schwere Gewalt einer urtümlichen Manifestation.

Sie wuchs dort aus der Riesensiedlung heraus. Die Stadt war wie die Burg einer allgewaltigen Maschine, die ihre Kraft aus der ganzen Erde zieht und sie verstärkt über die ganze Erde zurückschleudert. Willen und Notwendigkeit waren die Räder, Menschengeist die Triebkraft. Und das Schicksal Hartwigs und der Jüdin war von jedem Willen und jedem Bewußtsein freie Natur, war aufgesprossen wie eine verhängnisvolle, dumpfe Vegetation, war wie ein Vulkanausbruch in der Stadt aufgeschlagen ... In welcher tiefen, geheimnisvollen Absicht des Schicksals? In welchem urhaft verwurzelten Zusammenhang zwischen Mensch und Natur? Willen und Geschehen stiegen wie zwei Säulen nebeneinander auf.

Da war es Baptist auf einmal, als wüßte er wie in einem dämmerigen großen Mysterium um das Geheimnis seines eigenen Versagens.

Als er diese dunkle Erkenntnis errungen, war eine große Feierlichkeit in ihm. Er saß abends in seiner einsamen Kabine und blätterte das Pack deutscher Zeitungen durch, die ein Zufall ihm in die Kabine gebracht hatte. Da las er, daß ein ganzes Volk sich wie in einer freudetrunkenen Woge hob, um dem Erfinder eines modernen Gedankens die Kraft zu geben, das Werk zu vollenden. Er las mit fliegenden Gedanken heraus, daß das Volk mit tätig sein wollte, wenn das große Neue geschah, das seinem Leben vielleicht andere Richtungen aufzwang. Hier gab es ein Werk, in dem sich mit der geschlossenen Kraft einer ganzen Rasse der Willen der Zeit kund tat. Alle Einzelnen fügten sich zur Masse zusammen, die Masse drang vorwärts in einer festen Phalanx. Das war auch Neuyork, die Weltburg des riesenhaften Akkumulators, der sammelte und spendete.

Da kam ihm sein eigenes Leben vor wie ein Einsamgehen, wie ein kindisches, dummstolzes Spekulieren, und es war ihm nur recht geschehen, daß es ihn aus dem Kreis der Kraft des Lebens, die wie ein Rad über die Erde drehte, gestoßen und ihn gestürzt hatte. Er fühlte sich zum erstenmal als ein Teil von einem Ganzen; als ein Teil, das suchen mußte, seine sich bescheidende Kraft in das Getriebe des Ganzen einzufügen, wo sein Platz leer war und wartete.

Gerührte und ergriffene Tage kamen ihm nun, und die Begeisterung überbrauste ihn, daß am Ende seiner Reife in die Welt der Hafen jenes Volkes lag. Er hatte schon als Knabe sich in dunklem Drange dem Volk zugehörig gefühlt. Und in diesem Hafen sollte ihm das neue Leben beginnen.

So baute er sich an einem Tage, da zum erstenmal vor seinen Augen die Tropenküste Brasiliens in weißer Glut aus dem Ozean brannte, in der deutschen Ferne den Hafen einer neuen Heimat auf, und seine Augen wandten sich von dem flaumweichen, heißen Streifen des Ufers und suchten verliebt die Richtung nach Osten über das Band der Meere.

Ende