WeRead Powered by ReaderPub
Der Hafen cover

Der Hafen

Chapter 7: Sechstes Kapitel
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A coastal village frames a domestic portrait of musical evenings, slow communal dances, and the sea’s constant presence. The narrative follows a young man gripped by melancholy, bodily dissatisfaction, and anxiety about an impending examination, alongside his sister’s attentive musicianship; their father’s abrupt, critical returns intensify household strain. Intimate scenes dwell on sensory detail and small gestures, while the surrounding sea and local rhythms infuse longing, artistic sensitivity, and social constraint, yielding a study of familial tension, interior restlessness, and the quiet violences of everyday life.

Sechstes Kapitel

Baptist trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse noch eine Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm wie ein unlösbarer Rest einer bittern Tatsache und erschien ihm als die Frucht eines unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges, der alles Menschliche belastete. Daraus dämmerte ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren Erfassen die Symbolik hervor, in der die Bibel die Geschichte des Menschen beginnt. Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch er stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als hätte er das wirkliche Leben auf die Schultern genommen, das große, riechende, raffende Leben, das in ungemischter Kraft nur von den Starken getragen werden kann; das Leben, in dem keine Lust selbstverständlich, sondern die Blüte von Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz.

Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und es erschien ihm von ernster Bedeutung, daß sich nun seinen Vorstellungen das Bild der Schwester öfters nahte, als jemals, seitdem er sie verlassen. Aber es war eine Schwester, deren stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine Verfehlung bedrückt und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel Gabriel am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und Strafe.

Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn in den folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden Zug mit sich riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von der naiven Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem Sündenfall. Er fühlte sich auf einmal und ohne daß er zu Atem kam, in einen heißen, sumpfigen Schwall von Frauenerlebnissen gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren fiebrig anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben. Er brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und ertrinkend wie in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom einen in den andern, und wenn er vom Podium aus die Blicke über die Gesichter der Frauen im Café spielen ließ, sah er fast auf jedem einen nickenden Blick eingestandener Heimlichkeit, wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien.

So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar, im Augenblick des Besitzens zu genießen, und nachher löste sich alles in die verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit schwül süßer Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen wie mit einem heißen, betrügerischen Schwindligsein an der Kante von Nächten, in denen große Bäume wie im Wunder plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn an sich rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische Romantik ein.

Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit dieser widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde etwas Molluskenhaftes aus ihm; er spürte keinen festen Boden mehr, sank mit schaukelndem Dahinleben durch die Tage.

Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto zu einer kleinen Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium hingen einige Lorbeerkränze ungenannter Herkunft mit golden bedruckten Schleifen. Girlanden schlangen sich um die Stühle und Notenpulte, und Baptist spielte mit einer feierlichen, parfümierten Sentimentalität.

Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist im Programm. Er spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache, Bajazzo, und schminke dein Antlitz ...‘ Er konnte spielen mit dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser Melodie, zu der die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an die Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler gegen Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden Saiten in die Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf ihn selber zurück, wie die Strahlen eines Reflektors.

Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde mit lärmender Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen. Frauen und Männer erhoben sich, drängten sich an das Podium heran, um Baptist die Hand zu drücken, und Päcke von Blumensträußen wurden von allen Seiten heraufgereicht.

Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig diesen Begebnissen zu. Rosa hatte dumme, bewundernde Augen. Nur Margherita blickte mit einem verächtlich verzogenen Gesichte weg.

Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas einen, Rosa einen und wollte für Margherita einen besonders schönen aussuchen. Während er dies tat, sah er, daß in allen zwischen den Blumen kleine Visitenkärtchen befestigt waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de belle Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er hastig nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die die Frauen an ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam ihm zuvor. Sie riß mit ein paar Blumenköpfen die Karte aus dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist trotzig hin.

„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff.

Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß sie derb in die Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er sie unterdrückt an.

Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung.

Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein in seiner Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ... Sonst stand nichts drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab.

Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er dachte mit einer betäubten Benommenheit an Jeanne, an sein Studierzimmer in Luxemburg mit den Bücherschränken, an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige Abendduft im September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ... er dachte an Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich wieder an seinen Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich ihn heimlich an. Wäre er allein, allein! Er wollte so ganz gerne weinen! Wieder einmal!

Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er hinter sich, wie Paolo heftig auf Margherita einsprach.

„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm pardon!“

„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch.

Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf.

Da wandte sich Baptist um.

„Aber Paolo, was machst du denn?“

„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“

„So laß sie doch!“

„Nein, sie soll!“

„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht weinen zu müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“

Dann ging er abseits und aufgeregt weiter.

Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und Margheritas Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll Blumensträuße, legten sie auf seinen Tisch und gingen dann mit denen, die Baptist ihnen geschenkt hatte, und mit einem Gute Nacht davon.

Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das Zimmer mit ihrem bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle die Abenteuer erstanden aus ihnen, die Baptist entflammt vom Wege genommen hatte, und er sah nun, was es war. „Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte kaufen können, für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag kein Reif mehr auf euch!“

Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue, fröstelnde Erwachen!

Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein Schluchzen stieg in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus den Schollen bricht.

Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die Blumen zwischen beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus auf die Straße.

„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach.

Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie kaltes Wasser um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen, was er noch hatte, legte es auf den Tisch und setzte sich mit klappernden Zähnen hin. Er zählte, rechnete seine Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken sprang ihn grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch zweihundert Franken blieben.

Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er sich, von diesem jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt. In einem Atem schloß er das Fenster, warf die Kleider ab, löschte die Kerze und duckte sich ins Bett. Er ließ die kleine, graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer Gassenlaterne ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken. Der Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog immer wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und war wie ein widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde. Das riechende, raffende Leben richtete sich daraus wie ein entsetzliches Fabeltier über seinen Bettrand herüber, und Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er floh unter die Leinentücher.

Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht. Der Dicke mußte jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt dann das Leben, das richtige, große Leben ... Wenn er auch nun noch damit bestand, was er selber verdiente, dann erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne Kreis!

Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um Quartier zu besorgen und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm den zweiten Violinisten und den Klavierspieler mit. Die andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein Telegramm sie rief.

Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist von seinem Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten in der Gasse um die Ecke davonschreiten sah. Er hatte den Wunsch, bei Margherita und Paolo von seinem neuen Dasein zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie zu seinen Plänen meinten.

Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer. Im Augenblick, als er an die Türe der Männerstube klopfen wollte, öffnete sie sich und Margherita kam heraus. Aber sie zog die Türe erschreckt hinter sich zu. Ihr Gesicht flammte rot auf.

Sie wollte vor Baptist davoneilen.

„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas mit Ihnen besprechen!“ rief er ihr zu.

Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist schaute sie wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert und schweigend an. Da sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm aufzublicken: „Wir sind schlecht!“

Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was ist denn, Margherita? Ist etwas geschehen?“

„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause: „Sie sind doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv die Hand. „Ach, wir sind gemein und schlecht!“

In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er stellte sich an die Wand zwischen die beiden, von denen er glaubte, sie unterhielten sich über die Abreise, und sagte scherzhaft lächelnd, indem er Margherita mit der Hand streichelte:

„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück und soviel Frauen haben wie hier, Baptist?“

Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und warf verächtlich und geniert hin: „Ach die Frauen! Faß’ keine an!“

„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das gestern so frech gesagt hat, das ist nun nicht ...“

Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien Baptist, als strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an, diese verliebte Hand des Mannes auf sich zu dulden.

„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab.

Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über sich zu sprechen. Er verstand auf einmal, was vorangegangen war und weshalb Margherita ihn so verwunderlich betroffen an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt machte er sich davon.

Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt sofort Hotel Fleur d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘.

Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in Antwerpen zu der Ruelle des Moines durch. Es war ein Gäßchen, das dunkel, alt und schmal sich in den Schatten der Kathedrale begrub, und das Hotel fanden sie eng und klein, aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von Flandern. Sie wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen jeder ein Zimmerlein für sich.

Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den Abend für die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem Leben die große Wendung bringen sollte. Es war ihm wohl außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke die Angelegenheit als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber schließlich genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten Morgen.

Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein Zimmer eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und schloß sich ihm an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos leichten Manier erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen Form entsprach.

„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den Italiener an, als sie im Zimmer waren.

„Woran, woran glauben?“ fragte dieser.

„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist.

Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer ihn geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte schließlich mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung mitschrie: „Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie denn gelebt? Sie?!“

Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in demselben leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die Schultern: „Unmäßig, verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“

„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach.

„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“

Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst, Mann, bin ich kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer Kapellmeister. Bitte zu merken!“

Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint war, und er schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ... aber ... was? ...“

Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der auf dem Tisch stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da.

Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung und ohne Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig, da ich ja noch da bin und die erste Geige nehmen kann!“

Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend auf und ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich an einem Stuhl halten.

Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte schroff: „Will sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“

„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden und bittend.

„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja das Abendessen!“ warf ihm Leprotto kurz hin.

„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig.

Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist möchte gehen, die Geschichte sei erledigt.

Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch. Sein Hals war ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer aufs Bett setzen und schaute bewegungslos in die verdunkelten Fensterlein. Er kam sich wie gestürzt vor. Er war auf einmal unsicher und zaghaft, auf einmal klein und bescheiden.

„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich laut, und die Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf die Augen, um die erschreckenden Bilder abzuwehren.

Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk des Gasthofs war eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der man für die Italiener allein deckte. Der Raum war gerade groß genug für die neun Leute. Sie setzten sich um den Tisch, wie sie eintraten, und da die beiden Seiten schon besetzt waren, als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe. Zuletzt erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er möge aufstehn. Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und dachte: Jetzt widerruft er, was er vorhin zugesagt hat.

Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber auf den Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich an den andern vorbei zum Platz drücken, der noch am Fenster frei war. Er sah, wie Margheritas Kopf aufzuckte und ihre Augen ihn fragend anschauten.

Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen langsam und schwer in ihm durch. Sie waren wie graue, niedrige, bedrückende Gewitterwolken, voll Regen, voll Dunkelheit, voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein und hielt seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den Zeugen seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere geheftet.

Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen das Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe faßte ihn Margherita, die allein zurückgeblieben war, unversehens an der Hand. Sie schloß eifrig die Türe, schaute Baptist an und fragte, indem sie ihn an den Tisch zog und sich mit ihm niedersetzte: „Was ist geschehn?“

Baptist zuckte gequält mit den Schultern.

„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita.

Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen Stimme, daß er kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen sei, und wie der es mit ihm gemacht habe ...

„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart.

Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen Hof. Er hatte die drängende Begierde, sich an das Mädchen zu flüchten. Aber Margherita fuhr fort: „Er wollte dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte, daß sich einmal die Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl, daß du eine viel größere Summe hättest!“

„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte Baptist. Er vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und indem er dies sagte, nahm er die Hände des Mädchens und legte hungrig nach Trost, wie ein ausgetrockneter Acker nach Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf.

„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita, indem sie ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar streichelte. „Das ist doch noch nicht so finster, wie du es jetzt siehst! Komm, sei ruhig. Ich setze mich für dich ein und paß auf ...“

Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb sie dann.

 

Baptist erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit blieben in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie schon in der großen Restauranthalle spielten, die zur Feier der Ausstellung an der Ecke der Avenue de Keyser und des Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es war ihm, als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm herausgeflossen.

Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens Margherita an seine Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm einen Brief hineinreichte.

„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim Lesen überraschen!“ flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu.

Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den Namen und die nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift seines Vaters auf dem Kuvert sah. Er riß es zitternd auf, ohne sich Zeit genommen zu haben, die Adresse zu lesen. Zwei Briefe lagen drin. Er las den, der die Handschrift seines Vaters zeigte, zuerst:

„Luxemburg den 24. April.

Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, welchen ich hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei auf Ihren Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit einem Pack herumschlagen, mit dem es ihm beliebt.

Alois Biver.“

Der andere Brief lautete:

„Sehr geehrter Herr!

Weiß wo Ihr Sohn ist. Wenn Sie nötiges Geld zur Verfügung stellen, könnte ich Ihnen wieder dazu verschaffen. Freundliche Nachricht sieht bald entgegen

Hochachtungsvollst E. Leprotto.

Postlagernd Hauptamt Antwerpen.“

Baptist empfing diese Briefe wie einen Schlag. Zuerst wollte er gleich mit ihnen zu dem schwarzen Hund von Italiener stürzen, sich über den Schuft werfen und ihn bis aufs Blut prügeln. Aber er sank gleich wieder zurück. Er steckte die Briefe in das Kuvert und ging dann Margherita suchen, um bei ihr Unterstützung und Anteilnahme zu finden.

Sie stand in der offenen Türe zu der Stube der Frauen und schien gewartet zu haben.

„Wo ist der Brief? Was war’s?“ fragte sie hastig.

Baptist nahm ihn aus der Tasche.

„Da, lesen Sie!“

„Ich habe mir gleich gedacht, daß es etwas sei, als ich Ihren Namen und Luxemburg las. Er hatte mich zur Post nachfragen geschickt, ob nichts da sei!“

„Dann weiß er gar nicht, daß ein Brief gekommen ist?“

„Nein, wir werden sie auch gleich zerreißen!“

Baptist übersetzte ihr die Briefe rasch und flüsternd. Als er fertig war, schaute ihn Margherita an.

„Was tun Sie nun?“ fragte sie laut und triumphierend.

Aber Baptist fand nichts zur Antwort, als ein weiches, geschlagenes Armzucken.

Die Gemeinheit dieses brutalen Ereignisses verschlug während des Tages in ihm zu einem unklaren dumpfen Grollen. Baptist war fassungslos und wie verwirrt. Er fühlte sich von finstern Gewalten dunkel verfolgt, sehnte sich nach einem Ausweg und zappelte gepeinigt, verwundet und ermattet in der Fessel seines plötzlichen Schicksals. Die einzige Ruhe, die er bekam, gab ihm Margherita. Er stand mit einer kindlichen Wärme, mit einer ungefaßten, schwärmenden Dankbarkeit den Abend über neben ihr auf dem Podium und wich auch nicht von ihrer Seite, als sie gegen Mitternacht nach Haus gingen.

Auf einmal sagte Margherita in der dunklen Straße: „Ach, Baptist, ich bin krank!“

Er beugte sich zärtlich geängstigt in der Dunkelheit zu ihr nieder.

„Was ist denn, Margherita? Kann ich helfen?“ fragte er besorgt. Aber er sah, wie sie haltlos bebte, daß sich alle ihre Glieder schüttelten.

„Was fehlt dir? sag! Sag’s doch“, bettelte er erschreckt und fassungslos. Sie antwortete nicht. Das Zittern schlug sie immer stärker.

Mittlerweile waren die andern herangekommen.

„Margherita ist krank, Paolo!“ rief Baptist den Italiener an.

Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“

Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen, als wollte sie sich gegen das Zittern wehren, das wie Schläge durch sie fuhr.

„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin.

„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist.

„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal.

Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach, daß du weiter kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein Stück voran.

„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine Droschke holen. Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt.

Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein Wagen heran. Es war eine große, geschlossene Droschke.

„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein Wagen und dann bist du bald im Bett und dann ist’s gleich wieder gut. Es ist nur Schüttelfrost. Da, nimm meinen Mantel um!“

Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine Frau in den Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den Wagen hinein, indem er selber sich mit in den dunklen Raum neigte, um den Mantel gut um sie wickeln zu können.

Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und die Arme und den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich auf einmal festgehalten. Das Gesicht Margheritas löste sich nicht mehr von dem seinigen. Ihre Arme waren um seinen Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend und verzweifelt, und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine Augen, wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen Ausbruch, der wie Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug und einhüllte, sang ihre Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger Vogellaut im April: „Cuor mio! ...“

Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben Ruck war er losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses Erlebnisses, und verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf vor ihm zurück. Hände gruben sich in Baptists Rücken und aufgereizt wie ein Tier, das fühlt, daß es ihm ans Leben geht, raste er herum, hob die Fäuste gegen das nächste Gesicht, das er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und schrie: „Was, was wollt ihr mit mir?“

Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft, du Betrüger, Verräter!“

Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten, die zwischen jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe.

Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo! Paolo, sei doch vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist sanft und faßte mit beiden Händen den Erregten an den Schultern und zog ihn an sich heran. „Paolo, wir wollen ...“

Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei mit dem gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch seinen Leib hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein anderer den Laut ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er auf einmal weich und gewichtig werden und gleich darauf löste sich sein Leib in eine schlafschwere, widerstandslos erwärmte Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch funkelnd gestreifte Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine unerhört süße und gewaltsam himmlische Erfüllung.

‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte er noch denken, kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten hinter zackigen Bergfernen. Dann war es aus und Finsternis.