WeRead Powered by ReaderPub
Der Hafen cover

Der Hafen

Chapter 8: Siebentes Kapitel
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A coastal village frames a domestic portrait of musical evenings, slow communal dances, and the sea’s constant presence. The narrative follows a young man gripped by melancholy, bodily dissatisfaction, and anxiety about an impending examination, alongside his sister’s attentive musicianship; their father’s abrupt, critical returns intensify household strain. Intimate scenes dwell on sensory detail and small gestures, while the surrounding sea and local rhythms infuse longing, artistic sensitivity, and social constraint, yielding a study of familial tension, interior restlessness, and the quiet violences of everyday life.

Siebentes Kapitel

Baptist lag fünf Monate im Krankenhaus.

Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche Widerstandskraft die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den Rippen bis ins Herz geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, die im Hofe im Schatten der hohen verrußten Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den Sommer gefeiert hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen wurde.

Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des öffentlichen Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von Anordnungen von Ärzten und Krankenschwestern leben und wurde auf einmal an einem Vormittag auf die Straße gesetzt.

Er war geheilt.

Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins hinter sich. Es hatte stets alles bereitgestanden, was er gebraucht hatte. Aber in dieser Armeleuteabteilung des Hospitals waren immer alle Dinge um ihn herum geschehen, wie mit der knappen mechanischen Funktion eines Automaten. Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch war in ihm eine bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende Gleichgültigkeit bereitet worden, in der er es als unglückselig empfand, daß er sich nun auf einmal draußen dem windigen Lebenszug der Straßen anpassen und selbständig dem Leben übergeben mußte.

Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß hatten ihn schlank und mager gemacht. Er trug, als er durch die Rue de l’Hopital auf die Kathedrale zuging, den Anzug, den er getragen hatte, als er ins Spital gebracht worden war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß um seine hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten einwickeln zu wollen.

Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, und seine Finger spürten auf einmal die Naht, die das Loch schloß, durch das der Dolch in seinen Leib gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen, hatte er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen alle der schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze lag.

Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll an ihn und nur ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an Margherita. Als hätte er sie beide verloren. Als seien sie einmal so heftig und heiß nahe bei ihm gewesen und als seien sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte Bilder.

Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. Jedoch erinnerte er sich mit einem müden, aber warmen Verlangen an die Frauen, mit denen er in Brüssel davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er kam vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter Schwamm. Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und hungrig, für alle neuen Empfänge, für gute wie schlechte, wahllos offen und zittrig bereit.

An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter Weg, ganz von selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in die Ruelle des Moines gegangen. Er trat in die kleine Stube des Hotels zur goldenen Blume, in die es gleich von der Gasse durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf ihn zu: „Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der Eingetretene war.

Baptist sagte: „Ich wohne hier!“

Da erkannte ihn der Wirt wieder. „Sie, Sie!“ rief er, als sei es ganz unmöglich, und er schaute Baptist an, indem er ihn ins Licht drehte.

„Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“

„Wissen Sie das nicht?“ fragte Baptist gleichgültig.

„Nein, nein, kein Wort. Wie sehen Sie aus! Als hätten Sie im Grab gelegen! Und diese Wunde über dem Mund!“

„Über dem Mund?“ fragte Baptist und fuhr sich ein wenig erstaunt mit der Hand an die Lippen. Er hatte im Krankenhaus niemals in einen Spiegel geschaut. Als der Wirt ihn vor einen solchen führte, sah Baptist eine rote Narbe, von der Backe aus über den rechten Mundwinkel bis ans Kinn schneiden.

„So, so! Auch da!“ sagte er dann wie verwundert. „Das wußte ich nicht!“

Er erzählte dann dem Wirt mit kurzen Worten von seiner Verletzung. Der kleine gemütliche Mann konnte kaum mehr zu sich kommen über solche schwarze Schlechtigkeit und über solche unerhörten, heftigen Geschehnisse.

Sie plauderten eine Weile über diese aufregenden Dinge, als der Wirt plötzlich auffuhr.

„Nun erinnere ich mich, die kleine Schwarze gab mir damals, als die Italiener weggingen, ein Paket für Sie. Sie kämen es holen! sagte sie, und ich solle sehr, sehr darauf aufpassen! Das bring’ ich doch mal gleich.“

Als er wiederkam, legte er ein langes, papierumhülltes und gut verschnürtes Paket vor Baptist hin. Dieser band es bedächtig auf. Es war seine Geige.

„Ja, meine Geige!“ sagte er, ohne darüber verwundert zu sein. „Es sind ja auch noch andere Sachen von mir im Haus!“

Aber der Wirt schaute ihn mißtrauisch an.

„Ein Koffer mit Kleidern und Wäsche!“ fuhr Baptist fort.

„Ohne Kleider und Wäsche!“ sagte aber der Wirt auf einmal kühl.

„Ohne Kleider und Wäsche?“ fragte Baptist ruhig dagegen.

„Ja, sie haben einen leeren Koffer hiergelassen.“

Baptist schaute den Wirt an. „Wer?“ fragte er verständnislos.

„Ihre Italiener!“

„So, einen leeren Korb? Dann haben sie meine Kleider und alles mitgenommen. Wo sind sie denn?“

„Verdamm mich, soll ich’s wissen! Sie sind schon im Mai, gleich als Sie nicht mehr kamen, weggezogen.“

„Dann haben sie ja meine Sachen gestohlen!“ sagte Baptist wie teilnahmslos. „Was mach ich denn jetzt?“

Den Wirt verließ nun doch sein Mißtrauen. Er faßte Bedauern zu dem Rekonvaleszenten, dem seine Freunde so niederträchtig mitgespielt hatten. Aber er wollte Baptist doch erinnern, daß er noch in seinem Buche stehe.

„Wieviel ist’s?“ fragte Baptist.

... „Ja, ja ... es pressiert aber nicht!“ wehrte der Wirt.

„Ich hab’ kein Geld!“ sagte Baptist.

„Nu, vielleicht können Sie sich von irgendwo welches verschaffen. Oder vielleicht haben Sie einen Vater, der mal einspringt?“

„Nein, ich habe niemanden, von dem ich Geld bekommen kann.“

„So!“ machte der Wirt enttäuscht. Als er ein wenig, wie überlegend, geschwiegen hatte, sagte er: „Ich bin ein kleiner Mann, es sind doch gegen hundertzehn Franken!“

„Ja!“ antwortete Baptist.

„Hm, hm! Ja, ja!“ Der Wirt drückte sich und wand sich. „Aber so eine Garantie sagen wir, so eine Garantie, könnten wir nicht irgendwie so eine Garantie haben?“

Baptist sagte: „Ich verkaufe meine Geige!“

Er sagte das teilnahmslos und mild, und es war doch ein Einfall, dessen Ausführung ihm insgeheim wie etwas Ungeheuerliches vorkam; ihm vorkam, als sprengte er damit seine Vergangenheit, seine Jugend, sein Elternhaus in die Luft. Es war etwas Verbrecherisches, etwas Revolutionäres!

Der Wirt meinte sorgenvoll: „Ja, aber es sind hundertzehn Franken!“

„Die Geige ist viel mehr wert!“ hielt Baptist dem ruhig entgegen.

Da sagte der Alte beruhigt: „So, so, es ist ein gutes Instrument?“

Aber Baptist sprang ungeduldig auf, er kam sich vor, als säße er mit dem ruhigen Alten in einer Schinderkammer. „Gehn wir! Zeigen Sie mir einen Musikhändler, der sie vielleicht kauft,“ sagte er erregt.

Aber als die beiden draußen in der Gasse waren, hatte sich der Anfall, der wie heißes Wasser über Baptist gestürzt war, wieder verlaufen. Sein geschwächter Körper war übermüdet von der ungewohnten Freiheit, seine Gedanken waren wie entfernt von ihm, wie abgetrieben. Sie lagen wie vereinzelte Menschen auf großen Plätzen, faul und verloren und schlafend in der Sonne einer rastenden Mittagsstunde.

Der Wirt schleppte ihn in einen kleinen dunklen Laden, in dem neben allerlei Musikinstrumenten noch einige andere Sachen verkauft wurden; ein kleiner Instrumentenmacher, der die Lage seines dunklen Winkels und die Art seiner Kundschaft nützte.

Der Händler nahm die Geige und ging damit ans Fenster.

„Zehn Franken!“ sagte er.

Der Wirt erschrak. Baptist wandte gleichgültig ein: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

„Nein, nein, Herr!“ entgegnete der Instrumentenmacher und Trödler, „es ist eine Geige, weißt du!“

Baptist nahm die Geige sacht aus der Hand und bettete sie zärtlich in den Kasten.

„Dann gehen wir wieder!“ sagte er zum Wirt.

„Zwölfeinhalb Franken!“ warf der Trödler dazwischen.

„Adieu!“ sagten die beiden und verließen den Laden.

Auf der Straße meinte Baptist: „Wir müssen in ein Musikgeschäft gehen, in ein größeres Musikgeschäft.“

Als sie in der Kipdorpstraße in ein solches traten, begrüßte sie mit verbindlichem Händereiben und Kopfnicken ein Kommis. Er nahm die Geige, und tat, als zupfte und guckte er sachverständig dran herum.

Baptist warf hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

Diesen Namen mußte der Kommis schon gehört haben. Er schlug die Augen zu Baptist auf und tat wichtig: „Ah, ah!“ dann kehrte er stracks um und ging in den Raum hinter dem Laden. Von dort brachte er einen dicken blonden Herrn mit einem Vollbart und einer goldenen Brille mit zurück. Der nahm die Geige, beschaute sie ein Weilchen am Fenster und verschwand dann mit ihr in dem hintern Raum. Kurz darauf hörte Baptist, wie in der Ferne, Geigentöne aufklingen und gleich wieder verstummen. Das wiederholte sich ein paarmal.

Nach einer Viertelstunde kam der blonde Mann zurück. Er sagte: „Guten Tag!“ als er an die beiden herantrat, und fragte gleich hinterher: „Was wollen Sie dafür?“

Baptist zuckte mit den Schultern.

„Zweihundertfünfzig Franken geben wir Ihnen!“

Der Wirt ließ ein feines Pfeifen hören, wie von einer Maus, so erstaunt war er. Baptist wußte, daß für dieses Geld die Geige weggeworfen sei. Aber er war mürbe. Die Verhandlungen und vorher das Herumlaufen wegen der Geige kamen ihm unwürdig vor. Sie schlugen ihn. Er schämte sich.

Da sagte er: „Ja.“

Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem Wirt der Fleur d’Or rasch davon.

Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige noch einmal an seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu einem behaglichen Nachgenießen, in den Kasten, über das Saitenbrett. Währenddessen warf er dem Kommis hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich.

Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett ein Papier eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser hervor, während er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen. Der junge Mann verschwand eine Weile auf der Straße. Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu sehen!“ sagte er.

Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet und gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und unbeholfen geschrieben und hieß:

„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“

Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine Ecke. Dem Kommis antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“ Dann trug er den erworbenen Schatz mit einem tänzelnden Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die Räume hinter dem Laden.

 

Baptist eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten die Häuser um sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für sich: Nun bin ich ganz allein! Aber er sagte bei jedem Schritt diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als schlüge er sich jedesmal damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in eine Schlucht heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß.

Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine Blicke verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden Beinen wurde es unsicher und warm. Das tat ihm wohl. Auch seine Augen füllten sich nun mit einem vollen funkelnden Dunkelsein, und auf einmal brachen seine Beine mit einem kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen.

Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen Zimmer und in einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt. Aber zugleich mit dem Bewußtsein der jungen Kraft stellte sich auch das Gefühl des unausmeßbaren Verlassenseins ein.

Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes und eine Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf herein.

„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie.

Baptist bejahte.

Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige mit einem etwas eckigen Körper in einem sauberen bunten Leinenkleid und einer weißen koketten Schürze. Ihr unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren umrahmt, hatte zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß, von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb vor. Die Augen waren dunkel und in einem kalten Glanz verschwommen. Dicke Augenbrauen spannten sich drüber. Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt über das ganze Gesicht.

Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie sich niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“

„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist.

Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und die Frau verließ rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte sich Baptist emsig aus den Tüchern. Er hatte mit der Hose im Bett gelegen und seine Kleider waren nebenan auf einem Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die Türe wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur d’Or erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon wieder auf!“ trat der Wirt auf Baptist zu.

Baptist sagte: „Danke!“

„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie in ihr Bett gelegt.“

Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine Finger mit einem raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf.

„Nicht nötig! Gern geschehn!“

Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals und verließ mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen kahlen weißen Raum, in dem es nach Kohle roch und Stöße von Hemden auf weißen Brettern lagen, und traten auf die Straße hinaus.

Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“ rief sie, als die beiden schon ein paar Schritte gegangen waren. Baptist drehte sich um und grüßte noch einmal mit dem Hut. Da las er neben der Türe auf einem runden, weißgemalten Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin.

Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte Baptist dem Wirt all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn Franken ab und schob Baptist ein paar Gold- und Silberstücke wieder zu.

Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld? Er hatte doch dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines Lebens hintan geschmissen, um seine Schuld zu bezahlen.

„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt verstört.

„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn Franken schuldig!“

Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes resigniert in seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen. Aber Baptist rührte es kaum an. Bald ging er weg und wieder auf die Straße. Wie freigeworden von einem Druck irrte er draußen umher.

Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade, die über die Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer luden ein und aus, und Baptist sah unter sich die Arbeit in knirschender Raserei Land und Schiff verbinden. Kleine berußte oder verstaubte Menschen tauchten immer wieder irgendwo aus dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende Schritte und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach Gott, vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen Kasten verschwände!“

Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken. Von seinen heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen Dampfern noch die Vorstellung, als seien sie große, dunkle Behälter, in die all das hineintauchte, was die Länder nicht mehr duldeten: die elenden Flüchtlinge, die ausgebleichten Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher, die in dem rätselhaften Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer Arbeit der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen wehrte Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten der Hände von sich ab, als das rettungslose Versinken, als das letzte Sichaufgeben.

Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an ihm haften geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder durch alles hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen Leute, die aus den Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer, als seinesgleichen an. Er sah sich in ihnen. So wie der! So wie der! sagte er von sich bei jedem der berußten oder verstaubten Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen. Aber schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens hinaus.

Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die Notwendigkeiten des Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen umher und schaute aus, wo er ein Zimmer mieten könnte. Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er sah. Es kostete fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich gleich ins Bett.

 

Als Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte, wurde er darauf aufmerksam, daß sein Geld fortfloß. Da begann er mit einer leeren, tatlosen Angst zuzuschauen, wie Franken um Franken dahinschwand.

Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger einen Spalt breit zu seiner Türe herein.

Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte: ‚Ach, es ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger Flederwisch im Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst ihm in die leeren Ärmel, und selbst die Vögel glauben bald nicht mehr an ihn.‘

Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem Rücken aufs Bett und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz, indem er wie ein Frosch mit den Beinen und Armen in die Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den Tisch herum und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge er Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem Herzen in den Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen über die verschränkten Arme auf den Tisch und dachte sich: ‚Wie ist es doch so roh, ein Kind mit dieser Strohpuppe zu bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause als Kinder niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann sagte: „Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn du eine solche Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“

Baptist sprang auf.

„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“ sagte er laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam kroch die Angst an den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die mit ihren Krallen spielen. Es war Baptist, als drückte etwas leise schmerzend und dunkel auf seine Augen. Aber er erwachte gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit einem plumpen Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts. Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang. Er stieß mit den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber es hatte eine knöcherne Haut. Seine Fäuste wollten nervig an den Hals greifen, aber die Muskeln gehorchten nicht und schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen. Da saugte sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des Fußbodens fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens überstiegen. Jedoch der Sieg dauerte nur drei Augenblicke.

Baptist wimmerte leise.

Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende geworden, die dürr und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit der Menschwerdung durch alle Zeiten heraufragte, unvergänglich und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs – der alte Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen, graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen irrende, verletzte Tierchen.

Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel wurde Baptist etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine langsam niedersinkende Mauer auf ihn eindrang. Er wurde, ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie ein Kind. Er plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte: „’s is gut! Kindi stirbt!“

Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz wie das Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden auf. Mit zitterigen, schwachen Beinen glitt er die Treppe hinab und schlich sich ausschauend an den Häusern entlang durch die Gasse, in der die Laternen schon leuchteten. An der Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer an ihn. Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen.

Da zog Baptist seinen Hut ab und murmelte lautlos und blöde: „Gebt!“

Einer sah es.

Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte mit derbem Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer Teufel?“

„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern. Die wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll in ihre Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die Kneipe hinein, die gerade an der Ecke ihre Türe offen hielt.

‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut bekannt.

„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft über den Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“

Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und Messer; ein anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier, ein anderer eine Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen ein und schoben Baptist alles hin.

Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu essen, wie ein Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz flog auf, wie ein Luftballon. Er trank und aß und die Fülle um ihn herum kam ihm vor, wie der goldene Überfluß herbstlicher Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die mit Schweinen, Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren, kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die deutschen Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer tanzend: „Trinke mer noch en Tröppche ...“ und er mußte ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun, einmal mit Bier und einmal mit Branntwein.

Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen sich ruhiger um ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit ihm zum Essen zuredeten, bemerkte Baptist an einem andern Tisch einen Kreis junger Leute, deren Gesichter er schon einmal gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte seinen Blicken die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau hinschauen. Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend zu seinem Tisch herüberblickten und er drehte den Kopf weg. Aber in demselben Augenblick wußte er, wer die waren, die dort saßen und ihn anstaunten ... Es waren ehemalige Schulkameraden von ihm aus Luxemburg, die das Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in Geschäftsbetriebe eingetreten waren.

Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden Flamme. Er rückte heimlich ans Ende der Bank und glitt zur Türe hinaus, lief stolpernd die enge Gasse hinauf zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß mit einer weichen Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die Treppen hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden Vorstellungen in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit und übergab ihn bald sanft dem Schlaf.

Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden Tage diese Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert, er hatte gebettelt und er gestand sich nun offen ein, daß er an jenem Tage in die schwarzen Höhlen der Schiffe hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu verschwinden, wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben getanzt haben und von denen man dann niemals wieder etwas sah.

 

Und dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte Tag, der ihm das Dach über dem Kopfe nahm.

Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal kein Bett mehr hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum, betäubt und doch ruhelos, wie in einem Kerker, und setzte sich dann auf eine Bank, ohne zu wissen, wo. Er schlief ein wenig ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er fühlte sich wie geprügelt. Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen Bäumen des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn hernieder. Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes Tier, das am Sterben liegt.

Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit. Seine Kleider verkamen. Die Menschen wichen schon etwas beiseite, wenn er sich ihnen näherte. Er aß manchmal in der Volksküche, die im Winter umsonst Suppen verschenkte. Er aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel der Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es entstand eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde, suchte er instinktiv eine geschützte Stelle zum Übernachten, in einer tiefen Haustüre, einem Schuppen, einem Eisenbahnwagen.

Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem Schlaf gerüttelt und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen war, davongezerrt und in einen warmen dunklen Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem Tag. Ein alter verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein, rief: „Aufstehen! Raus!“

Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen gefranzt waren, rollte von der Pritsche herunter und lallte ein paar Flüche. Aber er wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe hinaus in den helleren Raum, in dem zwei Polizisten saßen. Dort stellte er sich krumm und klein neben Baptist auf.

Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder! Laß ihn doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich einmal erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann wandte er sich an Baptist: „Auf welches Schiff gehörst du?“ Aber bevor er eine Antwort haben konnte, schnauzte der Polizist weiter: „mach, daß du künftighin am Abend in dein Schiff kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal gehts nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand.

Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden durch die Straße.

„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es is so bannig kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“

„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist.

„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts, weshalb has du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die Beinchen wollen ja gar nicht mehr, och die alten, alten kranken Beinchen! ...“ weinte er. Die Tränen blieben aber in den farblosen Augen glänzend und festgeklebt hängen, und Baptist fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden.

„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete er den Alten.

Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken Kopf zu Baptist auf. Er rief empört und fuchswild, daß die Wörter eines über das andere zu schnappen schienen, und sein zotteliger grauer Bart sich sträubte: „Was! Arbeiten! Dreckskerl, Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“

„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist.

„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging weiter.

Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei der Waeser Station lehnten ein paar Vagabunden an einem Zaun. Papa Ladstock ging geradeaus auf sie zu, und Baptist folgte, zögernd hinterher gezogen. Die Vagabunden fröstelten, hatten die Hände in den Hosentaschen und traten von einem Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen, verborgenen Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie grüßten nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte sich schweigend mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch Baptist dasselbe.

Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich Vatern doch mal die Katrine – och!“

Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete.

Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens etwas wie eine Pause. Aber langsam rückte dann eine Hand aus einer Hosentasche und hielt eine kleine flache Blechflasche hin.

Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte sich nachher wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen Fingern über die Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin.

Baptist trank daraus.

Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater schaute ihn strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den Daumen aus der Hosentasche heraus und deutete damit auf Baptist.

„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein zotteliger Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“ Seine kleinen Augen schauten zu Baptist hinauf und Zärtlichkeit schwamm in ihrem wässerigen, farblosen Glanz.

Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten. Aber er bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie legten sich mit einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit über ihn nieder, als wollten sie ihn ersticken, und er bekam Angst vor ihnen. Er dämmte sie ein, indem er die andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so Gemeines, so etwas Ekles – Verbrechertum!

Da sagte er auf einmal trotzend: „Jetzt geh ich!“

„Wa – –? ’iebes Freundchen! wirst nich! deinen alten Kameraden im Stich lassen? Wa, wa?“ jammerte der Alte und streichelte ihm mit einer unbeholfenen groben Zärtlichkeit über den Arm. Die andern lachten roh.

Nun genierte sich Baptist vor der Liebe des Vagabunden fortzugehn. Aber er dachte doch gleich daran, es heimlich zu tun, wenn sich eine Gelegenheit böte.

In diesem Augenblick kam ein Herr aus dem Bahnhof heraus auf die Gesellschaft los. Er setzte seinen Koffer vor den Lumpen nieder und fragte: „Wer will mir ihn zum Staatsbahnhof tragen?“

Keiner rührte sich. Die Vagabunden traten weiter von einem Fuß auf den andern und schauten an dem Fremden vorbei die Straße hinab, als stünde niemand vor ihnen.

Da ging Baptist mit einem Ruck unversehens aus ihrer Mitte heraus, hob den Koffer in die Faust und schritt davon.

Vater Ladstock stand da, als glaubte er’s nicht. „Wa, wa?“ lallte er. Die andern fingen an zu schmunzeln und lachten dann laut heraus. „So ’n Dreckskerl, so ’n Dreckskerl!“ wütete Vater los und sprudelte die Schimpfwörter in seinen grauen Bart, daß die Haare wie in einem Regen auf und nieder flogen.