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About This Book

Die Monographie vermittelt einen kompakten Überblick über Geographie, Geologie und Klima des Harzgebirges und beschreibt seine unterschiedlichen Landschaftsräume, von Hochebenen und dichten Nadelwäldern bis zu tiefen Tälern, Flussläufen und dem markanten Brocken. Sie behandelt historische Entwicklung, Siedlungsbild und Alltagsleben der Bewohner sowie wirtschaftliche Nutzungen wie Forstwirtschaft, Bergbau und Landwirtschaft. Zahlreiche photographische Abbildungen und eine farbige Karte veranschaulichen Geländeformen, Ortschaften, Gewässer und typische Pflanzenbestände, und örtliche Sagen, wechselnde Naturstimmungen sowie die Beziehungen zwischen Vorland und Gebirge runden die Darstellung ab.

Wenn auch der Harz in seinen Steinbrüchen von jeher eine Fülle und Mannigfaltigkeit vorzüglichen Baumaterials namentlich zu seinen herrlichen und großartigen Kirchen und ähnlichen Bauten geliefert hat, und wenn sich gleich in letzter Zeit selbst in oberharzische Städte, das Auge beleidigend, hie und da in das stimmungsvolle Bild sich harmonisch und komplementär nicht einfügende rote Backsteinbauten eingedrängt haben, so erfreut sich doch der alte Harzer Fachwerksbau, zu dem die schier unerschöpflichen Wälder geradezu aufforderten, auch in den Städten noch immer der wohl begründeten Vorliebe, und manches in verständnisloser Zeit dem Abbruch oder doch dem Verfall bestimmte künstlerisch oft reich gestaltete Haus ist als eine Perle der Baukunst erkannt und soweit möglich in seiner ursprünglichen Schöne restauriert.

Volkstrachten.

Von den alten Volkstrachten hat sich in den Harzlanden wenig erhalten. Die kleidsame Tracht des Bergmanns — grüner Schachthut ohne Rand, schwarzer Leinwandkittel mit Puffen, blankes Hinterleder mit Messingschloß und schwarzen Beinkleidern (Abb. 4) — sieht man fast nur noch an bergmännischen Festen und bei Beerdigungen, sie ist zur bloßen Uniform geworden; den blauen Leinwandkittel des Bauern hat vielerorts bereits ein langer Rock von unbestimmter grauer oder brauner Farbe verdrängt, nur der Fuhrmann, besonders auch der oberharzische, trägt ihn noch — wie die früher allgemein üblichen Gamaschen — regelmäßig als Arbeitsgewand; aber der schneeweiße Leinwandkittel des Fuhrherrn (Abb. 5), zu dem gelbe Gamaschen und hoher schwarzer Seidenhut gehörten, ist seit einigen Jahrzehnten völlig verschwunden. — Und auch die Frauentracht fügt sich, wenn auch mit einiger Verspätung, mehr und mehr der Mode. Den mit breiten farbigen Samtstreifen mehrfach umsäumten Rock und die schwarze, mit Band und Spitze verzierte Mütze sieht man nur noch bei der älteren Generation, und auch bei dieser nur ganz vereinzelt das kleine tütenförmige Mützchen mit den breiten, fast bis auf die Fersen herabhängenden Seidenbändern, wie es z. B. die Bäuerinnen im Ambergau noch vor wenigen Jahrzehnten allgemein trugen. Aber die „Landgängerinnen“ des Oberharzes kennzeichnet noch ausnahmlos der buntgeblümte, die mit Butter und Eiern gefüllte „Kiepe“ vor neugierigen Blicken schützende langkragige Kattunmantel (Abb. 6).

Inbetreff des Charakters und der Begabung läßt sich zwischen den Bewohnern der einzelnen Gaue kaum eine Grenzlinie ziehen, wohl aber zwischen dem Niedersachsen, dem der meist starkknochige, etwas lebhaftere und redegewandtere thüringische Harzer nahesteht, und dem Obersachsen des westlichen hohen Harzes. Im Norden und Osten meistens gedrungen und kräftig, im Lisgau lang und hager, aber sehnig, ist jener bedächtig, aber nachhaltig, nicht beredsam, doch nicht sprechfaul, etwas zugeknöpft gegen Fremde, aber treu in Zuneigung und Freundschaft, rechthaberisch, doch versöhnlich, starrköpfig, wo seine Rechte in Frage kommen, aber ein Feind arglistiger Schädigung, fleißig, genügsam und sparsam, doch fast verschwenderisch, wo es die Ehre des Hofes und der Familie gilt, karg im Geben, doch bereit zu jeder Hilfe, die kein bares Geld kostet; ohne sprudelnden Witz und lebhafte Phantasie, aber klaren Verstandes und gesunden Urteils; konservativ, doch nicht unzugänglich für Neuerungen, kirchlich und gottesfürchtig, doch nicht frei vom Vertrauen auf Kartenschlagen und Besprechen.

Der Oberharzer erscheint neben dem Nordthüringer und Niedersachsen fast schmächtig und schwächlich, übertrifft beide aber an Gewandtheit und Ausdauer. Er ist gastfrei und gesellig, mäßig und nüchtern, sucht seine Freude in der Familie, in Wald und Halde, in Vereinigungen zu Gesang und Musik; entschlossen und überlegend, ausgerüstet mit bewundernswerter Geistesgegenwart, ist er ein anstelliger, vorzüglicher Arbeiter. An Mutterwitz und Schlagfertigkeit übertrifft er den Niedersachsen weit, doch keineswegs an Schärfe des Verstandes und Tiefe des Gemüts.

VII.
Die Hochebene von Klausthal.

Wir beginnen unseren Rundgang mit den sieben „Bergstädten“ des Oberharzes und folgen dann den dort entspringenden Flüssen bis in die Vorlande.

Klausthal und Zellerfeld.

Von den sich eng aneinander schmiegenden Schwesterstädten Klausthal (Abb. 7) und Zellerfeld (Abb. 8), deren erstere, einer langgestielten dreizinkigen Gabel nicht unähnlich, von 535 Meter am gemeinschaftlichen Bahnhofe bis zu 605 Meter beim Schützenhause aufsteigt, ist das fast schachbrettgeformte Zellerfeld die ältere. Da, wo jetzt hart an der Grenze das städtische Brauhaus steht, erbaute das reiche Simon-Judasstift in Goslar gegen das Jahr 1200 das Benediktinerkloster Cella und schuf damit an dem alten von Goslar nach Osterode zum Anschluß an die Nürnberger Straße führenden Wege dem Warenzuge des Kaufherrn wie dem einsam pilgernden „Elenden“ eine bessere Erholungs- und Zufluchtsstätte, als solche die dürftigen Klausen, von deren einer Klausthal den Namen führt, zu bieten vermochten. Und bald erklang die Axt der fleißigen Klosterleute im ungelichteten Urwalde, auf der geschaffenen Lichtung, dem „Zellerfelde“, erstanden Außenhöfe mit Viehwirtschaft, und fränkische Bergleute siedelten sich unter dem Schutze des Klosters und seiner Schirmherren an und erschürften Gang um Gang des edlen Silbers. Anderthalb Jahrhunderte wirkte so das am höchsten und einsamsten gelegene Harzkloster im Segen; da brach im Jahre 1348 der schwarze Tod, der wie ein Würgengel ganz Europa durchschritt, auch hier herein, raffte Mönche und Bergleute dahin und brachte durch die Unsicherheit und Verwilderung, die ihm auf dem Fuße folgte, den Oberharz wieder zu völliger Verödung. Doch heute noch befährt der „Bergmönch“ als der aufsichtführende Geschworene mit silbernem, bis zur Firste flackerndem Grubenlichte die Schächte und Strecken, und beredter noch als die Sage führen die Gruben des „alten Mannes“ mit seinem Gezäh und seinen Gebeinen, die „Burgstätte“, auf der vielleicht der letzte Rest der von der Pest Verschonten im Kampfe mit den Räuberbanden erlag, der Frankenscherven (jetzt Frankenscharn), die „Abtshöfe“ und andre ihre stumme Sprache.

Bergbau in alter Zeit.

Erst unter der Regierung des Herzogs Heinrich des Jüngeren erstand der im Todesschlafe liegende Oberharz zu neuem Leben. Nachdem schon die Herzogin Elisabeth von ihrem Witwensitze Staufenburg aus sich des Eisensteinbergbaues bei Grund mit großem Erfolge angenommen hatte, beschloß ihr Enkel Heinrich, auch die Silbergruben des „alten Mannes“ wieder in Betrieb zu setzen, erließ 1524 eine Bergordnung „für Grund und umliegende Gebirge“ und berief auf den Rat des Herzogs Georg von Sachsen erfahrene Beamte und Bergleute aus dem Erzgebirge. Im Jahre 1526 nahmen die in großen Haufen Herzuströmenden in der Nähe des jetzigen Johanneser Kurhauses die erste Grube auf der Hochebene des „Zeller Feldes“ auf, und schon sechs Jahre später erhielt die um die Klosterruine entstandene Ansiedelung die Stadtgerechtsame.

Und auch im Fürstentum Grubenhagen, das bis unmittelbar an den die Klosterpforte bespülenden Zellbach reichte, blieben die reichen Schätze der Teufe nur noch kurze Zeit unerschlossen. Schon im Jahre 1544 wird das Bergwerk des Herzogs Philipp „an dem Zeller Felde“ erwähnt, und als auch bei der verfallenen Klause („im Klausthale“) edle Erze zu Tage traten, nahm die neue Ansiedelung, die man anfangs Zellerfeld grubenhagenschen Teils nannte, so raschen Aufschwung, daß sie bereits in der Bergfreiheit von 1554 freie Bergstadt heißt.

Daß eine Landesgrenze (bis 1788) die beiden Städte schied, ward im dreißigjährigen Kriege verhängnisvoll für Zellerfeld: nachdem Tilly am 19. März 1626 Klausthal von Dänen und Braunschweigern, seinen Bedrängern, durch sein bloßes Erscheinen befreit hatte, eroberte er das von seinen Bürgern unter dem Geschwornen Thomas Merten heldenmütig verteidigte Zellerfeld und überließ es seinen Truppen zur Plünderung.

Kämpfte schon zu Beginn jenes verderblichen Krieges der Bergbau um seine Existenz, so kam er während desselben völlig zum Erliegen: die Gruben „ersoffen“, die Pochwerke standen still, die Hütten lagen kalt. Dazu überfiel die schier verzweifelnden Bewohner noch die Pest, und verheerende Feuersbrünste raubten ihnen die letzte Habe.

Nur langsam erholten sich die beiden Städte. Aber dann brachten regenarme Jahre die Gruben wieder zum Stillstand, und am 18. Oktober 1672 legte eine schreckliche Feuersbrunst in Zellerfeld 465 Häuser, die Kirchen, Pfarrhäuser und Schulen, Rathaus, Münze und Zehnten in Asche; und in dem dürftigen Reste der Stadt und in Klausthal, wo man die Obdachlosen nachbarlich aufnahm, brach der Hungertyphus aus: die Not war entsetzlich.

Klausthal.

Als im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts endlich wieder die Gruben gut „silberten“, entwickelten sich im Glanze des Bergsegens die Städte so ersichtlich, daß die Hauptstadt Klausthal im Jahre 1736 ohne Garnison 8930 Einwohner zählte. Die Feuersbrünste von 1725 und 1737, von denen die erste 391 und die zweite 192 Wohngebäude zerstörte, wurden damals leichter überwunden. Dagegen sank die Einwohnerzahl unter den Drangsalen des siebenjährigen Krieges um 2000. Allein am 3. September 1761 erpreßten die Franzosen in der Doppelstadt 40000 Thaler, und zum Dank für seine Milde mußte Klausthal dem General Vaubecourt gar eine Medaille prägen lassen.

Als 1799 der großartige Georgstollen durchschlägig wurde, konnte man die Erze auch aus größerer Teufe holen. Aber dieser Vorteil kam bald der westfälischen Fremdherrschaft zu nutze. König „Lustik“ von Bonapartes Gnaden, der sich zweimal in Klausthal-Zellerfeld anjubeln ließ, konnte kaum mit Hilfe des Raubbaues den sich immer steigernden Bleibedarf für seines Bruders Kriege und Festungen decken. Doch die enormen Summen, die nach Kassel flossen, genügten ihm nicht: er bot dem Juden Jakobson den ganzen oberharzischen Bergbau zum Kauf an; indes, wenn dieser sein „Kammeragent“ auch preußische, hannoversche und braunschweigische Domänen billig zu erwerben kein Bedenken trug, so erschien jener große Bissen dem Schlauen doch im Werte zu unsicher. Trotzdem es Titel und Gehaltszulagen regnete, sammelten die Bergbehörden einen Teil der Überschüsse für die angestammte Landesherrschaft heimlich im Zehnten an und schickten falsche Abrechnungen nach Kassel. Aber viele Handels- und Kassenbeamte trieben auch „Matzhammelei“: sie steckten manches Tausend in die eigene Tasche; und des Geldes war ja so viel, daß die Franzosen es nicht merkten — erst die hannoversche Regierung hat später diese Unterschleife bestraft. Da sah man den Oberfaktor in Goslar wie einen Grafen mit vier Rappen, einen Jockei vorn auf, durch die Straßen fahren, und sein Bruder in Osterode legte einen Marstall an und baute ein Reithaus. — Flotter ist der Bergbau nie umgegangen. Aber der Harzer ließ sich durch die hohen Löhne nicht gewinnen; obwohl vom westfälischen Kriegsdienste befreit, schlichen sich die jungen Männer bis zur Küste durch und bluteten auf den Schlachtfeldern Spaniens für Deutschlands Ehre und Freiheit; allein vom siebenten Bataillon der deutschen Legion trafen einmal an einem Tage elf Totenscheine beim Rate von Klausthal ein.

Als mit dem Frieden der großartige Bleibedarf aufhörte, sanken die Harzprodukte gewaltig im Preise, ja waren teilweise sogar unverkäuflich, und die englische und spanische Konkurrenz zwangen den Harzer Bergbau, sich sehr haushälterisch einzurichten. Die Bergbehörde begünstigte, trüb in die Zukunft sehend, die Auswanderung, besonders als 1844 300 und 1852 101 Wohnhäuser in Klausthal niederbrannten. Doch brach mit der Verstaatlichung des (gewerkschaftlichen) Bergbaues, mit der Vollendung des Ernst-August-Stollens, mit dem Erschließen neuer Erzmittel eine bessere, hoffnungsvollere Zukunft an. Heute zählt die Stadt 8600 Einwohner.

Von den Tillyschanzen bei der Windmühle, dem Wahrzeichen Klausthals, gesehen, gewährt die von weiter Wiesenflur eingeschlossene Doppelstadt ein eigenartig schönes Bild. Die in den flachen Thälern zu einer glänzenden Perlenschnur aneinandergereihten Teiche, der dunkle, breite Waldsaum ringsherum, der Blick auf die wellenförmige Hochebene mit ihren grünen Halden, ihren blinkenden Gruben und dem in der Ferne aufwirbelnden Hüttenrauche, ihren nach allen Seiten strahlenförmig in den Wald auslaufenden Alleen, auf die immer höher sich auftürmenden Berggruppen, und wieder zurück auf die wunderbar gestaltete Stadt mit ihren rotbedachten schmucken Häusern, von denen einzelne Gruppen sich bis in die unabsehbare Ferne zu erstrecken scheinen: leihen ihr Züge und Farben, wie sie sich so wirkungsvoll in ihrer schlichten Anmut im ganzen Harze nicht zum zweitenmal zeigen.

Zellerfelder Münzen.

Architektonisch bedeutsame Gebäude hat Klausthal nicht aufzuweisen. Die Marktkirche ist die größte Holzkirche Deutschlands (Abb. 9). Im geräumigen Amthause hat das Oberbergamt für den größten Teil der Provinz Hannover, für Schleswig-Holstein, Hessen, Schaumburg und den Gemeinschaftsharz seinen Sitz. Aus der früheren, jetzt als Bibliothek und Berginspektion dienenden Münze — und teilweise aus der den verschiedenen Linien des Welfenhauses gemeinsamen Münze in Zellerfeld, die nur den heil. Andreas nicht im Stempel führte — sind die meisten der feinen Wildemanns- und Andreasmünzen und Ausbeutethaler hervorgegangen, welche die Münzsammlungen zu ihren wertvollsten Stücken zählen.

Zur Erläuterung der abgebildeten Münzen (Oberharzer Museum) diene folgendes:

1. Zweithalerstück, in Zellerfeld vom Münzmeister Rudolf Bornemann (R. B.) 1688 geprägt (Abb. 10). Den Namenszug des Kurfürsten Ernst August von Hannover umgeben folgende fünfzehn Wappen: Das sechsspeichige Rad von Osnabrück — der Kurfürst war, worauf auch der Bischofsstab hinweist, zugleich Bischof von Osnabrück —, die Löwen des Herzogtums Lüneburg, der Grafschaft Eberstein und der Herrschaft Homburg (mit gestückter Einfassung), der einköpfige Adler der Herrschaft Stemmwede (Lemförde), die Lutterberger Querfäden, die Regensteiner (rote) Hirschstange, der Clettenberger Hirsch, die Blankenburger (schwarze) Hirschstange, das Hohnsteiner Schach, die verschobenen Kreuze von Alt-Bruchhausen mit den Neubruchhäuser (Oldenburger) Balken, die Bärenklauen von Hoya, die Löwen von Diepholz und Lutterberg, die Leoparden von Braunschweig. Oben der Wahlspruch des Kurfürsten. Der Revers zeigt uns eine Grube über und unter Tage. Radstube und Geipel, durch ein Feldgestänge verbunden, nähern sich in der Form noch der Köte; die Fahnen auf ihrer Spitze melden, daß die Grube in Ausbeute steht. Ein Bergmann, das Grubenlicht in der Hand, tritt den Heimweg an, ein andrer fördert auf dem Stürzkarren Erz nach dem Pochwerk. Ein „Rutengänger“ mit der edle Erze verratenden Wünschelrute schreitet heran; unterhalb des auf der Höhe liegenden Zechenhauses ist ein Haldenarbeiter beschäftigt. In der Tiefe schrämen zwei Bergleute, zwei andere drehen den Haspel, daneben führt der Schacht mit Fahrt und Tonne hinunter. — Über der Landschaft das Sachsenroß; von oben reicht ein aus Wolken ragender Arm einen Kranz.

2. Wildemannthaler des Herzogs August von Braunschweig, in Zellerfeld 1665 vom Münzmeister Henning Schlüter (H. S. und zwei gekreuzte Schlüssel) geprägt (Abb. 11). Im Wappenbilde sind Hoya und Bruchhausen, Regenstein und Blankenburg, Hohnstein und die Lutterbergschen Querfäden zu je einem Felde vereinigt und das Lüneburgsche durch die gekrönten Herzen von den andern Löwen unterschieden. Auf dem Schilde stehen fünf gekrönte Helme; der mittlere (Braunschweig-Lüneburg) trägt zwischen zwei mit den Spitzen gegen einander gekehrten Sicheln, welche außen mit fünf Pfauenfedern besetzt sind, eine Säule mit Krone und gesterntem Pfauenkranz, vor der ein Pferd springt. Der Helm mit Bärenklaue bezeichnet Hoya, der mit sechs Fähnchen zwischen Büffelhörnern Bruchhausen, der mit zwei Hirschstangen, zwischen denen ein Pfauenschwanz steckt, Hohnstein und Lutterberg, der mit zwei Büffelhörnern und zwei Hirschstangen Diepholz und Regenstein-Blankenburg. — Auf der Rückseite hält der Wildemann, Laubkränze um Haupt und Hüften, den mit der Wurzel ausgerissenen, auf beiden Seiten mit Zweigen besetzten Baum wie eine zum Stoß eingelegte Lanze mit beiden Fäusten. Eine bestimmte Regel bildete sich um 1670 aus: auf den in Zellerfeld für Braunschweig-Wolfenbüttel geprägten Münzen hält der Wildemann den zweireihig besetzten Baum in der Linken, auf den dort für Calenberg-Hannover geprägten die nur rechtsseitig besetzte Tanne in der Rechten. Die nach Aufhebung der Zellerfelder Münze von 1788 an in Klausthal geprägten hannoverschen Münzen zeigen den Wildenmann mit einer zweiseitig besetzten Tanne in der Rechten.

3. Ausbeutethaler der Grube Lautenthals Glück (Jungfrau mit der Laute zwischen Grubengebäuden), in Zellerfeld vom Münzmeister Joh. Benj. Hecht geprägt, Wildemänner als Schildhalter (Abb. 12).

4. Andreasthaler, 1726 in Klausthal vom Münzmeister Chr. Phil. Spangenberg geprägt (Abb. 13). Die Umschrift lautet: Georgius Dei gratia Magnae Britanniae Franciae et Hiberniae rex, fidei defensor (Verteidiger des Glaubens), Brunsvic. et Luneburg. dux, Sancti Romani imperii archithesaurarius (Erzschatzmeister) et elector. Der Wappenschild hat im ersten Felde die englischen Leoparden und den schottischen Löwen, im zweiten die französischen Lilien, im dritten die irische Harfe, im vierten die braunschweigischen Leoparden, den lüneburgischen Löwen, das Sachsenroß und in der Mitte die Kaiserkrone. Schildhalter Löwe und Einhorn.

Die von 200 bis 250 Studierenden besuchte Bergakademie, welche mit ihren Anfängen bis in das Jahr 1775 reicht, wird in den nächsten Jahren ein ihrer Bedeutung würdiges Heim erhalten. Begünstigt durch ihre Lage inmitten der mannigfaltigsten und musterhaft eingerichteten Montanwerke des Harzes, dieser Pflanzstätte für den gesamten deutschen Bergbau, steht diese Hochschule auch im Auslande in hohem Ansehen und bringt den Namen Klausthal in allen bergbautreibenden Ländern der Erde zu Ehren.

Das interessanteste Profanhaus des Oberharzes ist die im Jahre 1674 erbaute Bergapotheke in Zellerfeld (Abb. 14) mit ihren fratzenhaften Köpfen an Front und Giebel bis zum Dache hinauf — dem Wahrzeichen der Stadt —, schönen Zimmerdecken, die in Stuck Christi Leidensgeschichte, Jagdscenen, allegorische und mythologische Bilder und andres vorstellen, und zwei mächtigen Kaminen mit kunstvoll eingemeißelten Verzierungen.

Die Umgebung von Klausthal bietet des Interessanten gar viel. Wir schlagen einen der wohlgepflegten, sauber mit Gräupchen (Kies) bestreuten Anfahrwege ein, welche von allen Straßen und Gassen den Gruben zuführen, und schließen uns einer Schar schwarzer Gestalten an, die unter den von den Kirchtürmen leise herüberzitternden Klängen der Anfahrglocke, das Grubenlicht in der Hand, im Busenraum des Kittels ein tüchtiges Stück Brot und ein „Einschteckel-Wirschtel“, dem Schachte zueilen.

Doch eh' der schwarze Kittelmann
In seine Tiefe fährt,
Stimmt er ein frommes Lied erst an,
Das seinen Herrgott ehrt;
Bergmannsblut hat frommen Mut.

Der Vorbeter, ein alter, würdiger Bergmann, leitet im Betsaale des Zechenhauses die Andacht am Eingange der Arbeitswoche.

In den Schächten.

Nun wird das Grubenlicht entzündet, das uralte, offen brennende Licht, denn dem Harzer Bergmann drohen keine „schlagenden Wetter“, und von den Zurückbleibenden mit dem Wunsche: „Es gieh eich wull!“ (Es gehe euch wohl!) begrüßt, tritt einer nach dem andern auf die Fahrkunst, die — jetzt von Dampfkraft getrieben — den Bergmann ruckweise binnen kurzem in die Tiefe führt. Wie Sterne, die nach und nach erblassen, leuchten die Grubenlichter noch eine Zeit lang herauf, dann umhüllt rabenschwarze Nacht den Fahrschacht bergestief.

Nicht mehr wie vor alters mit „Schlegel und Eisen“, wie er es zum Kreuze zusammengefügt als Schmuck und Standesabzeichen führt, schrämt vor Ort der Bergmann mühsam am Gestein, nein mit Bohrer und Fäustel und gar mit komprimierter Luft treibt er seine Bohrlöcher wuchtig in den Felsen und sprengt diesen mit Pulver und Dynamit (Abb. 15). Und elektrische Bahnen unter und über Tage schaffen an Stelle der vor kurzem noch so berühmten unterirdischen Schiffahrt die Erze nach den Aufbereitungsanstalten, Sortierhäusern, Wäschen und Pochwerken, die das zerkleinerte Stufferz und den mittels mancherlei hydraulischen Separations- und Anreicherungsmaschinen gewonnenen Schliech der Hütte zuführen.

Die tiefsten Schächte, voran der Kaiser Wilhelm II., bringen an 900 Meter Teufe ein, der 157 Meter hohe Kölner Dom ließe sich darin sechsmal aufeinanderstellen. Welch winzige Zwerge sind dagegen die nur 22 Meter tiefen Schächte des „Alten Mannes“, der die Wasser noch nicht zu bewältigen verstand. Aber völlig gelungen ist dies auch erst den riesenhaften Arbeiten der Neuzeit, dem 1799 fertiggestellten Georgstollen, der unterhalb der Bergstadt Grund mündet, und dem 1864 eingeweihten Ernst-August-Stollen, der sein mit Türmen und Zinnen geschmücktes Mundloch auf der Schützenwiese bei Gittelde hat und mit seiner Länge von 26 Kilometern mehr wie die Hälfte länger ist als der große Gotthardtunnel.

Und großartig wie die Abführung der Wasser der Tiefe ist auch die Zuführung der Tagewasser, deren Grube, Pochwerk und Hütte trotz der in Dienst genommenen mächtigen Dampfmaschinen nicht entraten können. Wo man auch nur wandert im Oberharze, überall trifft man Sammelgräben und meist „im Festen“ stehende Wasserläufe, als dürfe kein Tropfen des kostbaren Wassers verloren gehen. Die größte dieser Pulsadern des Bergbaues, der 1732 angelegte und 1840 erweiterte Dammgraben, zwingt selbst die Moorwasser des fernen Brockenfeldes zur Bergarbeit; nachdem er in 790 Meter Meereshöhe die Abbe, ein Nebenflüßchen der Ecker, abgefangen hat, durchschneidet er das Quellgebiet der Bode, Oker und Söse, überschreitet auf dem 1 Kilometer langen und 16 Meter hohen Sperberhaier Damme die Wasserscheide zwischen Oker und Söse und speist, mit seinen Zufuhrgräben 63 Kilometer lang, die terrassenförmig untereinanderliegenden Teiche bei Klausthal, von denen der Hirsch bei einer Bodenfläche von 15,7 Hektar mehr als 600000 Kubikmeter Wasser faßt. Die Hauptpulsader des Andreasberger Bergbaues ist der in den Granitfels gesprengte 7½ Kilometer lange Rehbergergraben, der die in dem 22 Hektar deckenden Oderteiche durch einen aus mächtigen mit Eisen verklammerten Granitmassen aufgetürmten Riesendamm aufgestauten Quellwasser der Oder den dortigen Werken zuführt.

Kahlenberg. Hahnenklee.

Die Randberge der Klausthaler Hochebene bieten viele herrliche Aussichtspunkte. Von der Schalke, dem 763 Meter hohen Gipfel des Kahlenbergs, an deren Fuße die Festenburg idyllisch aus dem Grün hervorlugt, überblickt man die ganze Hochebene wie eine ausgebreitete Landkarte; und der Blick nach Osten, auf das Brockenfeld mit dem Brockengebirge im Hintergrunde und auf die Harzburger Berge ist von wunderbarem Reiz. Über den Auerhahn, die Paßhöhe zwischen Zellerfeld und Goslar, wandern wir dem erst vor wenigen Jahrzehnten von den Sommerfrischlern entdeckten Bergdörfchen Hahnenklee (Abb. 16) zu und erfreuen uns unterwegs am Bocksberge an dem wunderhübschen Blick auf die von Bächen durchschnittene Gebirgspartie zwischen Gose und Innerste und die schön bewaldeten Berg- und Hügelreihen der Vorlande, den Steinberg und die fast unzählbaren schmucken Dörfer. Auf dem Rückwege über Bockswiese folgen wir eine Strecke dem lieblichen Spiegelthale, dessen friedlich stille Teiche langgezogen das schmale, scharf geschnittene Thal füllen.

Den Kaltenborn zwischen Frankenscharner Hütte und Windhausen (Grund), die Kuckholzklippe über dem in die Thalspalte förmlich eingeklemmten Lerbach und die schroff über der Söse hängende Siebenwochensklippe am Morgenbrotsgraben jenseit des Dammhauses muß man am Vormittage besuchen: sie eröffnen sämtlich, doch in verschiedener Begrenzung, den Blick über den Harz hinaus in die westlichen und südwestlichen Vorlande bis zum Bramwalde, dem Meißner und der Eichsfeldischen Pforte, in der Ferne kaum von den Wolkenzügen zu unterscheiden.

Waldeszauber.

Erst auf diesen Wanderungen lernen wir auch den oberharzischen Wald in seinem ganzen Reiz, in seiner zauberhaften Wirkung auf das Gemüt würdigen und kennen.

Laß uns einmal einem vom Touristenheere noch nicht ausgetretenen, vom fürsorglichen Harzklub noch nicht bezeichneten Pfade folgen. Durch die grüne Nacht hoher, dichter Tannen, die nur hin und wieder durch zitternd einfallendes Licht, durch das hellere Grün des Torfmooses und der großen Farnkräuter, die in dicken Büscheln die Baumwurzeln bekleiden, gemildert wird, gelangen wir auf einen „Hai“, auf dem tausend und abertausend Exemplare des roten Fingerhutes, wie von der Hand des Gärtners gezogen und wirkungsvoll gruppiert, blendend ihre Pracht entfalten. Sieh, dort vom Rande äugt ein Rudel Hirsche halb scheu, halb neugierig herüber; den ausdrucksvollen Kopf mit dem vielzackigen Geweih dir zugewendet, zucken sie nicht einmal mit der Wimper. Aber nun fliegen sie in wilden Sätzen den Abhang hinab. Und nun wieder kein Laut ringsum, nur der Abendwind fängt an, leise und warnend in den Wipfeln der Bäume dort unten zu rauschen, und das seine Thalfahrt beginnende Wasser sickert flüsternd durch das Moos und tröpfelt kaum hörbar von einem Stein auf den andern. Doch jetzt trägt der anschwellende Wind Klänge einer harmonischen Musik herüber, erst geisterhaft leise, allmählich klarer und bestimmter: mitten in der Wildnis, dem Abendgeläut eines Eremiten gleich, das Glockengeläut einer den Ställen zuwandernden Rinderherde. Es sind schmucke, kräftige Tiere, rot- und hellbraun, mit großen Hörnern, deren Spitzen nach oben gerichtet sind; die reine Harzrasse. Würdevoll schreitet der Hirt, mit derben Schuhen, grauen Gamaschen, schwarzem Leinwandkittel und breitkrempigem Filzhut bekleidet, ihnen voran; das handliche Beil, das, an der scharfen Schneide mit einem Stück Hirschhorn verwahrt, an einem über die rechte Schulter laufenden, mit blanken Messingschildern verzierten schwarzen Lederbande ihm an der Seite hängt, gebraucht er, um die Kühe loszuhacken, die sich mit den Hörnern im Gestrüpp, oder mit den Füßen im Wurzelgeflecht verwickelt haben (Abb. 17). Die Stiere seiner Herde, auf der Tierschau prämiiert, und sechs bis zwölf der schönsten Kühe sind sein Eigentum, er ist ein wohlsituierter Mann. Im Winter ist er Fleischer und Hausschlächter, und sein Knecht, der dort den Beschluß der Herde macht, ist dann sein Gehilfe. Wahrscheinlich versteht er auch selbst sein achtstimmiges Glockenspiel neu zu stimmen, „Stimmbeulen“ von außen oder innen hineinzuschlagen.

Vom Hirten freundlich zurecht gewiesen, gelangen wir binnen kurzem auf eine wohlgepflegte, mit Ahorn und Vogelbeere dicht begrenzte Straße, deren Nähe wir nicht vermuten konnten. Einsam windet sie sich durch den unabsehbaren Wald. Die zur Rüste gehende Sonne umspielt nur noch die mit Zapfen dicht behangenen Wipfel der stattlichen Bäume; in den schluchtenartigen Waldthälern lagert schon der weiße Abendnebel. Das Herdengeläut verklingt allmählich in der Ferne; nun ringsum sabbatliche Stille. Verstohlen tritt eine Rehfamilie aus dem Hochwalde zur Rechten, huscht wie ein Schatten über die Straße und fliegt dann in eleganten Sätzen über die „Schonung“ zur Linken dem Dickicht zu, in dem die Sauen ihren Kessel haben (Abb. 18). Schon erhebt die Königin der Harzer Waldsänger, die Schwarzdrossel, klagend und doch voll Hoffnung ihren schwermütigen, herzergreifenden Gesang, um der sinkenden Sonne einen letzten Abschiedsgruß nachzurufen. Doch nun — klingt's da nicht in der Ferne wie leiser melodischer Gesang? und ist's nicht gar ein gemischter Chor? Es kommt näher und näher: frische, fröhliche Mädchenstimmen, ohne Schule und Kunst, naturwüchsig wie der Wald ringsum und ansprechend eben in dieser Harmonie. Rein und hell singt der Sopran seine einfach-schöne Melodie hinaus, und der Alt, von einer einzelnen Männerstimme kräftig unterstützt, begleitet sie mit der „zweiten Stimme“, wie sie das gesangfreudige Volk fast instinktiv findet. Jetzt verstehen wir auch die Worte:

Der Jäger in dem grünen Wald
Muß suchen seinen Aufenthalt.
:,: Er ging in dem Wald wohl hin und her :,:
:,: Ob auch nichts :,: ob auch nichts anzutreffen wär'!
Kulturmädchen.

Die Kiepe auf dem Rücken, in den flinken Händen das Strickzeug, verfolgen die kräftigen, gedrungenen Gestalten, aufgeschürzt bis über das Knie, festen Schrittes ihren unsere Waldstraße kreuzenden Pfad. Es sind Harzer „Kulturmädchen“ mit ihrem „Kulturaufseher“, niedersächsischen Stammes, aus Lerbach oder Riefensbeek oder Wolfshagen. Vom Morgen bis zum Abend beschäftigt, die drei- bis fünfjährigen Pflänzchen mit dem Ballen aus dem Saatkamp, dem Tannengarten, auszuheben und auf die von den Stuken gesäuberten Blößen im Abstande von 1,2 bis 1,5 Metern zu versetzen, sind sie nun auf dem Heimwege nach ihrer Waldherberge, jenen Köten dort am Saume der Dickung. Ob wir ihnen einen Augenblick dahin folgen? Im Nu sind die Kiepen abgeworfen, und wenige Augenblicke später prasselt auf dem Herde, der die Mitte der Köte einnimmt, ein lustiges Feuer. Jetzt siedet das Wasser in dem darüber hängenden offenen Kessel, nun werden Brotscheiben hineingeschnitten, etwas Butter, Salz und Kümmel daran gethan, und das einfache Mahl ist bereitet. Zum Kosten eingeladen, folgen wir doch der Warnung der herannahenden Dämmerung und erreichen im beschleunigten Tempo die Stadt.

Die Einrichtung einer Köte oder Bucht, an deren Stelle jetzt vielfach kleine, feststehende Waldhäuschen treten, praktischer wohl und wohnlicher, aber nicht so voll wie jene von der Poesie des Waldzaubers umweht, sehen wir uns ein andres Mal auf einer Hauung an.

Waldarbeiter.

Wir treffen es günstig: eine ganze Schar von Waldarbeitern, scharfe Äxte auf der Schulter und auf dem Rücken die große Waldsäge, schreitet gemessenen Schrittes vor uns her. Die neu geflickten und frisch gewaschenen Kittel und Beinkleider aus ungebleichtem Drell, welche mit der mit Seitenklappen versehenen grünen Tuchmütze oder einem beulenreichen Filzhute, dicken Gamaschen und derben Schuhen ihre Kleidung ausmachen, sagen uns, daß sie aus ihrem heimatlichen Dorfe kommen; sie haben in ihrer Familie den Sonntag verlebt und wollen nun heute, am Montag Morgen die am Freitag Abend unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen (Abb. 19). Jetzt nehmen ihre Frauen, die ihnen bis zur Stadt das Geleit gegeben und ihnen in ihrer Kiepe den aus einem nicht enthaarten Kalbfell kunstlos gefertigten Ranzen — den Urahn des modernen Rucksacks — getragen haben, in dem sie außer Pulverhorn und Eisenkeil („Fimmel“) Lebensmittel auf eine Woche mit sich führen, unter Scherzreden Abschied, und schwerer noch bepackt als vorher setzen die Arbeiter ihren Marsch fort. In seinem ruhigen, aber nichtsdestoweniger fördernden Schritt vermag den Holzfäller auch der jetzt leise niedertröpfelnde Regen nicht zu beirren: er schlägt nur die alte Pferdedecke, die ihm im Walde als Bettdecke zu dienen bestimmt ist, als Regenmantel um sich und seine blanken Werkzeuge.

Die Köte.

Nun sind sie auf ihrer Arbeitsstätte angekommen, und in ruhiger Geschäftigkeit tritt jeder an seinen Platz. In taktmäßigem Strich frißt sich die breite, schwanke Säge in den dicken Stamm ein, bis die Waldriesen krachend niederstürzen, dröhnend fallen die Axthiebe auf das Holz, wuchtig treibt das Fäustel den spaltenden Keil ein, dazwischen hallt von drüben Schuß auf Schuß dumpf herüber, wo die Stuken, die anders nicht zu bewältigen sind, mit Pulver gesprengt werden. — An jenem vor dem Winde etwas geschützten Rande der Hauung, da wo das Feuer qualmt, steht die Köte, mit deren Erbauung die Arbeit begonnen hat. Viel Kunst und Mühe hat sie nicht erfordert: junge, armdicke Fichten sind in Kreisform in den Boden geschlagen, oben zu einem Kegel zusammengebogen, außen mit großen Stücken Baumrinde bekleidet und innen in den Zwischenräumen mit Moos verstopft. Eine niedrige, verschließbare Öffnung mit kleinem Überbau dient als Thür und Fenster. In der Mitte der Bucht sind Steine zu einem Feuerherde zusammengelegt, und rings um diesen, dicht an der Außenwand, breite, niedrige Bänke angebracht. Mit Tannhecke, Heidekraut und einigen Moossäcken überdeckt, dienen sie zugleich als Schlafstätten. Hier um das knackende und prasselnde Feuer, dessen Rauch vergeblich zu entweichen sich bemüht, lagern sich am Abend die ermüdeten Arbeiter, bereiten sich ihre beliebte Scheibensuppe und schließen ihr Mahl mit einem Stück Brot nebst Wurst und einem Schluck Branntwein. Dann wird das Feuer noch einmal geschürt, die Thür verschlossen, und bald verkünden nur noch die Atemzüge der Schlafenden, daß die Waldeinsamkeit nicht völlig ausgestorben ist.

Während die Waldarbeiter wenigstens einmal wöchentlich mit ihrer Familie unter einem Dache weilen, sehen die Köhler ihr Dorf im ganzen Sommerhalbjahre nur bei besonderem, hochwichtigen Anlasse, denn die Meiler brennen am Sonntage wie in der Woche, und wenn der eine „ausgeladen“ wird, stehen andre schon wieder im Brande. Aber einmal wöchentlich macht sich die Frau des Köhlers mit der Kiepe auf, um diesen mit Brot und „Zubrot“ und andern Vorräten zu versorgen.

Der Köhler.

Einem Köhlermeister bei seiner Arbeit zuzuschauen, ist indes heutzutage nicht so gar leicht. Seit Heran- und Heraufführung der Eisenbahnen auf den Harz und der dadurch ermöglichten Verwendung der Steinkohle ist nämlich die Holzkohlenproduktion für die Hütten um 97% zurückgegangen; und Köhlerei im größeren Umfange wird eigentlich nur noch getrieben, wenn ein bedeutender Wind- oder Schneebruch diese rasche Verwertung des Holzes fordert.

Da im „Kohlhai“ eines Meisters gewöhnlich vier bis sechs Meiler gleichzeitig, und zwar in den verschiedenen Stadien der Entwickelung, im Gange sind, so belehrt schon ein Besuch über alle Arbeiten des Köhlergeschäftes. Hier sehen wir dem „Richten“, dem Aufbau eines Meilers zu. Um die beiden Quandelpfähle im Mittelpunkte der kreisförmigen Kohlstätte werden die glattgehauenen Rundhölzer so dicht als möglich fast senkrecht herum- und schichtweise aufeinandergestellt, daß zwischen jenen Pfählen ein senkrecht bis auf den Boden reichendes Luftschächtchen bleibt, in das in der Richtung des Halbmessers am Boden ein wagerechter Luftkanal eintritt. Dort sind die Gehilfen dabei, einen fertig gerichteten Meiler, einen Kugelabschnitt von 3 Meter Höhe, so fest erbaut, daß man ihn ohne Gefahr besteigen kann, mit Tannhecke und Rasen zu „bedecken“ und mit einem Gemenge von Erde und Kohlengestübbe zu „bewerfen“. Wenn sie fertig sind, wird der Köhler den Meiler mittels eines zusammengelegten und mit Harz gefüllten Stückes trockener Baumrinde, das er mit der Steckrute durch den Luftkanal bis zu den am Fuße der Quandelstangen aufgehäuften Spänen und Reisern schiebt, anzünden. Mehrere Meiler stehen bereits im Brande; der eine raucht weißgrau, er ist erst vorgestern angezündet, der andre blau an allen Seiten, „die Kohlen garen“ bereits. Das „Regieren“ des Feuers ist das Meisterstück des Köhlers, bei dem er seine ganze Kunst und Erfahrung zeigen kann. Bald muß er die Windschauer umstellen und auf der vom Winde abgekehrten Seite — denn das Feuer brennt stets diesem entgegen — „Räume“ (Zuglöcher) mit dem Raumpfahle an richtiger Stelle anbringen; bald Ritzen und Borsten im Bewurf — denn das Feuer ist stets bestrebt, die Decke zu durchbrechen — mit der Klopfstange beseitigen, oder gar faustgroße „Reißlöcher“, deren blauer Rauch ihn warnend herbeiruft, mit einem Rasenstück heilen. So hat er Tag und Nacht keine Ruhe und muß diese wie der Schiffer in bestimmte Wachen teilen. — Ein aufregender Genuß ist es, am Abend dem Füllen der brennenden Meiler zuzusehen: im Widerschein der hell aufleuchtenden Kohlenglut hantieren die rußigen Gestalten, vom Rauch umwirbelt, hastig an und auf dem oben geöffneten Meiler. So viel dieser nämlich am Tage herunter brennt, um so viel muß er eine Woche hindurch jeden Abend wieder mit Holz gefüllt werden. Der Köhler legt den „Steg“, einen dicken, langen Knüppel mit eingehauenen Stufen, am Meiler hinauf, besteigt ihn, schaufelt Bewurf und Decke von der eingesunkenen Haube, stößt mit der Füllstange die Kohlen nieder, treibt das Holz, das ihm die Gehilfen zureichen, mit dem Wehrhammer ein und schützt die Haube wieder durch Decke und neuen Bewurf: alles in größter Eile, denn je länger der Meiler offen brennt, um so mehr Kohlen werden zu Asche. — Wenn die Verkohlung beendet ist, so „eimert“ sich der Meiler, d. h. der ganze Erdbewurf wird glühend, — ein schauerlich-schöner Anblick in dunkler Nacht.


Die Köhlerbucht ist der Waldarbeiterköte gleich, nur ist sie durch einige Schränkchen und Vorratskasten mehr für dauernden Aufenthalt eingerichtet, und da die Zeltgenossenschaft weniger Köpfe zählt, so können sich alle, der Meister zur Rechten, die Gehilfen zur Linken und die Buben oder Haijungen im Hintergrunde, etwas wohnlicher einrichten. Die Hillebille (von hille d. i. rasch und Bell d. i. Glocke), ein zwischen zwei Bäumen in der Schwebe hängendes Buchenbrett mit hölzernem Hammer, mit dem sie ehemals die Kameraden von den entfernten Meilern zu Tisch und im Notfall alle Berufsgenossen aus beträchtlicher Entfernung mittels althergebrachter Signale herbeirufen konnten, findet sich heute wohl kaum noch bei einer Köte.

Das Wild.

Mit den Tieren des Waldes lebt der Köhler, dessen Einsamkeit gewöhnlich ein zottiger Hund teilt, in bester Freundschaft: friedlich spielt das scheue Reh in seiner Nähe, und unbedenklich trabt der vorsichtige Hirsch durch den Meilerrauch.

Im übrigen legt der edle Hirsch (Abb. 20) seine Scheu nur im Winter auf den Futterplätzen ab, die für ihn bei den Förstereien, doch auch beim Waldhäuschen am Fortuner Teich, beim Johanneser Kurhause und andernorts eingerichtet sind. Pünktlich wie die Uhr und nach und nach mit größerem Vertrauen stellen sich die Tiere einzeln und in Rudeln ein und sättigen sich an dem duftigen Heu, das ihnen in hölzernen Raufen dargeboten wird. Verstohlen äugen sie dabei zu uns herüber, jeden Augenblick bereit, wenn wir uns verdächtig zeigen sollten, mit einem kühnen Satze den schützenden Wald zu gewinnen. Eine neue Schar hungernder Tiere trifft ein. Sie kommen zum ersten Mal, aus weiter Ferne. Den mageren Leib noch zwischen den jungen Fichten bergend, schauen sie bald verlangend auf die gefüllten Raufen, bald ängstlich auf die gefürchteten Menschen. Jetzt tritt hier und da ein Tier vorsichtig einen Schritt vor, die knuspernden, hier schon heimischen Gefährten machen ihnen Mut, ein Alttier, weniger argwöhnisch als die Kälbchen, wagt sich heran, und nun eilt plötzlich das ganze Rudel herbei und umdrängt die wohlthätigen Futterstände. — Ohne diese Futterplätze würde der größte Teil des reichen Wildbestandes während der Schonzeit eingehen, denn Rindenstückchen und Fichtenspitzen können auf die Dauer nicht als Nahrung genügen, und durch das „Plätzen“ (Scharren) vermag das hungernde Wild bei anhaltendem Winter Gräser und Heidekraut selbst an den Quellen nicht mehr freizulegen. Aber trotz der ausgiebigsten Fütterung fällt nicht nur manches verwaiste Kälbchen, sondern auch manches stattliche Tier dem Oberharzer Winter alljährlich zum Opfer. Auf der hohen Schneelage, die sich bei mildem Wetter gesetzt hat, bildet wieder einfallender Frost eine harte Eiskruste, und diese reibt den Tieren binnen kurzem die Läufe wund und blutig. Langsam, das edle Haupt gesenkt, ein Bild des Elendes, zieht das kranke Wild seinen Weg, den es sonst im Fluge zu durcheilen gewohnt war; seine Kraft reicht kaum noch hin, die kranken, mit eiternden Wunden bedeckten Läufe aus dem harten Schnee, in den sie bei jedem Schritte tief einsinken, emporzuziehen; es kann den Futterplatz nicht mehr erreichen, verlassen und hilflos geht es an Entkräftung zu Grunde und wird eine Beute der Füchse.

VIII.
Die Söselandschaft.