Die Wasser der Klausthaler Hochebene fließen der Söse, der Innerste und der Oker zu. Die Söse entspringt als große und kleine Söse am jähen Abfall des Bruchberges unter den Söseklippen in der Nähe des Dammhauses. In raschen Sprüngen (Gefälle 1 : 14) eilt sie in ihrem tiefen, engen Thale bis Kamschlacken (410 Meter), wird hier etwas ruhiger und tritt beim Scherenberge oberhalb Osterode mit einem Gefälle von 1 : 60 in das Land. Von besonderer Schönheit ist ihr Thal von Kamschlacken über Riefensbeek bis zur Limpicher Brücke.
Wo die Söse bei ihrem Austritt aus dem eigentlichen Gebirge den Lerbach aufnimmt, an dem sich, eng und tief zwischen die Berge eingeklemmt, das gleichnamige große Eisenhütten- und Waldarbeiterdorf stundenweit bis unter die Kuckholzklippe und den Heiligenstock hinaufzieht, liegt hart zwischen dem Harze und einem Hügelzuge freundlich die wichtige Fabrikstadt Osterode (Abb. 22). Im Jahre 1130 zuerst erwähnt, erhielt der Ort zwischen 1218 und 1223 vom Pfalzgrafen Heinrich Stadtgerechtsame und trat im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts — wo die Stadt, sonst auf Ackerbau und Handel angewiesen, Mittelpunkt einer bedeutenden Eisenindustrie ward — in den Bund der Hansa. Doch war die Blüte nur von kurzer Dauer. Daß ihr Handel und Wandel mehrfach vom räuberischen Adel der Nachbarschaft und von gemeinen „Räubern und Strodern (dies ist das deutsche Wort für Vagabund) auf dem Harze“ geschädigt ward, war nicht das Schlimmste. Der übermütige, trotzige Sinn ihrer Bürgerschaft verwickelte sie in Fehden, deren eine ihr gar die Reichsacht zuzog, und die langjährigen Zwistigkeiten jener mit dem Rate gediehen im Jahre 1510 zu offenem Aufruhr und grauenhaftem Morde: die Bürger stürzten ihren Bürgermeister Freienhagen vom Rathause in die Spieße der untenstehenden, die seine Leiche schmählich in Stücke hieben. Zu diesen das Gemeinwesen schwer schädigenden Vorgängen gesellten sich Verheerungen durch Brand und Seuchen: am 1. September 1545 ward die ganze Stadt bis auf 46 Häuser und die Vorstädte ein Raub der Flammen, und in die Zeit von 1566 bis 1625 fallen sechs schwere Pestjahre. — Die Schrecken des dreißigjährigen Krieges, Brandschatzungen durch Braunschweiger, Kaiserliche und Schweden, Belästigung durch die sogenannten Harzschützen brachten die Stadt an den Rand des Verderbens. Die schwerste Heimsuchung knüpft sich an den Namen Merode. Vom 17. bis 22. Oktober 1631 legte sich dieser Pappenheimische General mit acht Regimentern vor die Stadt, forderte 40000 Thaler Kontribution und ließ, als diese Summe nicht gezahlt werden konnte, sofort seine Geschütze und Mörser spielen, auch die nicht geschützten Vorstädte zum schreckenden Beispiel „gänzlich ruinieren und ausplündern“. Vergebens bat der Rat „um Christi Blutes und Todes willen“ fußfällig um Gnade, vergebens versuchten die Schulknaben und Mägdlein den harten Kriegsmann milde zu stimmen, vergebens war die Bitte der Bürger, mit Weib und Kind unter Zurücklassung aller Habe die Stadt verlassen zu dürfen. Die Kirchen wurden erbrochen, das Regierungsgebäude ausgeraubt, den Bürgern Wollen- und Leinentuch und andre Ware, auch Pferd und Wagen genommen, und Merode selbst nahm alles vorhandene Geld, Gold und Silber als Abzahlung, für den Rest hafteten die Geiseln, die er mit sich führte.
Nach jenem verderblichen Kriege hat sich die Stadt in stetiger und ruhiger Entwickelung zu einer der ersten Fabrikstädte des Harzes emporgeschwungen (7100 Einw.).
Unter der aus Flußkieseln erbauten Marktkirche ist die Fürstengruft der letzten Herzöge von Grubenhagen, deren Stamm 1596 mit Philipp II. erlosch, und ihrer Gemahlinnen. Das älteste Gebäude ist die mit der zwei Meter höher gelegenen Schloßkirche verbundene sehr starke viereckige Wegsklause. Eine malerische Gruppe bildet vor dem Johannisthore die Ruine der landesherrlichen Burg mit ihren in Gärten umgewandelten Gräben und der wie jene aus Flußkieseln in Gips erbauten Johanniskirche an ihrem Fuße. Wohl von den Grafen von Catlenburg vor 1130 erbaut, ging sie 1143 an deren Erben Heinrich den Löwen über und diente noch bis 1512 als Witwensitz der grubenhagenschen Herzoginnen. Jetzt wohnt in dem epheuumrankten, zur Hälfte abgespaltenen mächtigen runden Turme nur noch die holde „Osterjungfrau“, die Wohlthäterin der Armen.
Die Söse, welche in der Stadt das große Kornmagazin bespült, aus dem die oberharzischen Bergleute ihr „Herrenkorn“ zu billigem Preise erhalten, folgt gleich den andern Flüssen dieses Harzrandes erst noch eine längere Strecke dem Gebirge in nördlicher Richtung; erst zwischen Badenhausen und Eisdorf gelingt es ihr, angesichts der Ruinen der Hindenburg und des Lichtensteins durch eine Lücke im Gipszuge nach Süden zu entschlüpfen, um sich dann, bei Dorste sich westlich wendend, bei Elvershausen in die Ruhme zu ergießen.
IX.
Die Innerstelandschaft.
Die Innerste, der zweite und wichtigste Fluß der Klausthaler Hochebene, hat ihre Quelle in dem auf alten Karten Innerstesprung genannten Entensumpfe, unfern des Dorotheer Zechenhauses, verstärkt sich durch die Abflüsse der großen Bergwerksteiche, von denen der Bärenbrucher, der Pixheier, der Schwarzenbacher, der Ziegenberger und der Große Sumpfteich bei Buntenbock die bedeutendsten sind, sammelt ihre Wasser in dem schön gelegenen, 477000 Kubikmeter fassenden Prinzenteiche bei der Ziegelhütte und schlägt in einem von hier ab deutlich ausgeprägten Thale nördliche Richtung ein. Wo ihr der Zellbach die Wasser von 19 Teichen von rechts zuführt, wirbelt die Klausthaler oder Frankenscharner Silberhütte ihre Rauchwolken verwüstend in die Luft.
Abb. 59. Das Frankenfeldsche Haus in Wernigerode.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Wenn wir uns einer im Walde oder in der Nähe desselben belegenen Silberhütte, nicht bloß der Klausthaler, nähern, so fällt es uns auf, daß die Fichten an den Berghängen statt des normalen Grün ein eigentümliches Blaugrau oder ein schmutziges Dunkelgrün, oder häufiger noch ein ganz helles Gelbgrün zeigen. Und treten wir, um ihn näher zu betrachten, an einen solchen Baum heran, so finden wir neben normalgrünen fahle, mißfarbige, gelb-, trocken-, rotspitzige und ganz rote Nadeln; je näher wir der Hütte kommen, desto mehr nimmt diese Entfärbung von Grün in Rot zu, und da die roten Nadeln meist abfallen, so überzieht eine hohe, lose Nadelschicht den Waldboden, die Bäume werden fast kahl, die Äste und bei jüngeren Bäumen auch der Stamm dunkel bis kohlschwarz, die Äste trocken, die Kronen licht, und noch ehe wir die Hütte erreichen, endet der Wald mit weit auseinanderstehenden, ganz dünn benadelten Baumkrüppeln, die aussichtslos den letzten Kampf um ihr Leben kämpfen.
In unmittelbarer Nähe der Hütte aber wächst weder Baum noch Strauch noch Grashalm. Diese Rauchblöße der Klausthaler Hütte umfaßt 200 Hektar früheren Waldboden gegen 10 Hektar im Jahre 1750. Daran schließen sich aber noch 180 Hektar stark beschädigte Bestände mit spärlicher Heide und kümmerlichem Grase. Wie von dem völlig vegetationslosen Blößenterrain, dessen zusammenhaltende Grasnarbe längst weggeräuchert ist, der Boden bis auf den letzten Rest von den Regengüssen abgespült wird, so daß demnächst nur der nackte Fels erhalten bleibt; so werden die jetzt lückigen Bestände allmählich in vollständige Blößen übergehen und die mäßig und schwach geschädigten nacheinander lückig werden. Aber da die klimatischen Verhältnisse und die Terrainbildung dieselben bleiben, so wird wenigstens das Gesamtschädigungsgebiet sich schwerlich noch vergrößern.
Was den Wald vergiftet und tötet, ist nicht etwa der metallische Flugstaub, den die Hütten im Hüttenrauch in die Luft senden. Der schadet wohl dem Rindvieh, das in der Nähe der Hütten weidet — der zuweilen tödliche „Kopfjammer“ ist eine Bleivergiftung; der ruft auch bei Hirschen, die dort äsen, die abnormen Geweihbildungen hervor, die wir in den Harzer Forsthäusern mit Verwunderung betrachten; und die halbgelähmten Drosseln und Finken, die wir im Herbste kraftlos von einem Steinhaufen an der Chaussee zum andern flattern sehen, haben sich an den mit feinem Bleistaub bedeckten, verlockenden Vogelbeeren den Tod geholt. Aber das Gift, das den Pflanzen durch den Hüttenrauch zugeführt wird, ist die schweflige Säure. Wie die Chausseebäume bei Silbernaal zeigen, ist die schädliche Wirkung dieser Säure bei den Laubbäumen bedeutend geringer als bei den Nadelbäumen, denn während das im Rauch erkrankte Laubblatt bald durch ein gesundes ersetzt wird, summiert sich in den Nadeln die Schädigung für mehrere Jahre. Nach den gemachten Erfahrungen und angestellten Versuchen sind die Eiche und die Ahornarten am widerstandsfähigsten, und nur mit dem Eichenniederwalde kann der Verwüstung mit Erfolg Halt geboten und dann vom Bestandesrande aus auch den Rauchblößen schrittweise wieder Terrain abgerungen werden.
Ehe wir in die Hüttengebäude eintreten, werfen wir einen kurzen Blick in die oberhalb des Hüttenbahnhofes terrassenförmig aufsteigende Aufbereitungsanstalt, die größte der Welt. Oben beim Ottiliäschacht beginnend, wo bis vor kurzem die mit Erz gefüllten Eisenkästen unmittelbar aus den Schiffen 400 Meter hoch gehoben und gestürzt wurden und jetzt die Wagen der elektrischen Bahn, welche die Erze des Burgstätterzuges herzuführt, entladen werden, nehmen wir die entsetzlich prasselnden Steinbrecher und weiter die Walzwerke (zur Zertrümmerung) und Trommeln (zur „Klassierung“, Sonderung nach dem spezifischen Gewicht) in Augenschein, durchwandern die Sortierhäuser, wo das Klauberz durch der Pochknaben flinke Hand in Bleiglanz, Blende, Kupfer- und Schwefelkies, „Pocherz“ und „Berg“ geschieden wird, die Pochwerke, wo 176 je 180 Kilogramm schwere eiserne Stempel mit ihrem stählernen „Schuh“ die Erze in Tiegeln aus Hartguß unter so entsetzlichem Lärme zerschmettern, daß man auch den lautschreienden Nachbar kaum versteht, sehen dann Stoßherd, Setzmaschine und Kehrrad arbeiten und treten durch die Schlammwäsche wieder ins Freie.
Auch auf der Hütte steigen wir zunächst in die oberen Räume, sehen hier die Schliechvorräte der einzelnen Gruben lagern und abwägen, dann nieder steigend auf der „Gicht“ die Beschickung der Öfen (Schliech, Niederschlagsmaterial, Flußmittel) und im Hüttengebäude selbst von den von den bläulichen Flammen umzuckten und umspielten Öfen die glühenden Metallmassen zischend und wieder aufwallend in die kesselartigen Vertiefungen strömen, die Kruste des Bleisteins herausheben und das Werkblei in lange, schmale Formen füllen und nehmen zum Schluß, mit dem Silberblick auf Lautenthal vertröstet, auf dem Hüttenhofe die Röstung des Bleisteins, die jenen die Vegetation zerstörenden Hüttenrauch hinaussendet, in Augenschein (Abb. 21).
Weiter der Innerste folgend, gelangen wir unterhalb des „Silbernaals“ an die Stelle, wo der Fluß einen Teil seiner Wasser den Gruben bei Grund durch den den Bauersberg durchsetzenden Schultestollen zusendet.
In ein nach oben sich verzweigendes, aber nur nach dem Lande zu offenes Thal eng und geschützt eingebettet, ist die Bergstadt Grund (Abb. 24) der älteste der oberharzischen Kurorte, übt aber, nur durch einen rings umher laufenden, meist stark ansteigenden grünen Wiesenstreifen vom frischen Laub- und Nadelwald getrennt, durch die Anmut seiner Lage und die Schönheit seiner Umgebung noch immer seine alte Anziehung aus. Obwohl nur etwa 300 Meter hoch und fast am Rande des Oberharzes gelegen, erhält es durch die einschließenden Berge, namentlich durch den fast jäh aufsteigenden Iberg (das ist Eibenberg) wirklichen Gebirgscharakter. Unsern Weg zu diesem 562 Meter hohen Korallenriff nehmen wir über den Hübichenstein und die Tropfsteinhöhle. Jener ist der 40 Meter hohe feinkörnige Kalksteindoppelfelsen, unter dem der wohlthätige Zwergkönig Hübich, der verzwergte Wuotan, seine reichen Schätze bewacht; diese enthält eine ganze Reihe schöner Gebilde, von denen der „versteinerte Wasserfall“ am überzeugendsten wirkt; in der Nähe seines Einganges steht die einzig übriggebliebene Gruppe alter Eiben (Taxus), von denen der Berg seinen Namen hat. Von der Plattform des die hohen Buchen überragenden Holzturmes überblickt man einen Teil des westlichen Oberharzes, vor allem aber über das zu den Füßen „im Grunde“ liegende Städtchen hinaus die welligen Hügellandschaften bis zum Turmberge bei Hackenstedt und Griesberge bei Almstedt im Norden und den die Kahle Zelle bei Grünenplan überragenden Wesergebirgen im Westen und dem Herkules und Meißner und den Thüringer Bergen im Süden.
Ein bequemer Abstieg führt uns über den „Schweinebraten“ zurück in das sich immer tiefer einschneidende Innerstethal. In eine halbkreisförmige Krümmung desselben und in das hier mündende Spiegelthal liegt Wildemann (Abb. 23), die kleinste der sieben Bergstädte, hart eingeklemmt. Die Berge steigen unmittelbar hinter den Häusern so steil an, daß das duftige Heu der Bergwiesen nur in „Säumen“ auf dem Rücken von den Frauen eingeschafft werden kann, und daß vor einigen Jahren ein Riß am Berge eine Häuserreihe in die Innerste zu schieben drohte. Bei der Linde vor dem Rathause, die nach der Inschrift der wilde Mann höchst eigenhändig gepflanzt hat, erinnern wir uns daran, daß der zum Sinnbild des Harzes gewordene Wildemann, der die Moosweibchen (die Wolken) jagt, mit dem Sturmgott Wuotan, dem wilden Jäger, identisch ist.
Da die Innerste das Gebirge in „widersinniger“ Richtung zerreißt, so bietet ihr in seinen Windungen so abwechselungsvolles Thal neben dem Flußbett kaum Platz für die Fahrstraße, schon die Eisenbahn hat sich durch und in die Felsen graben müssen. So sind denn auch Siedelungen an ihr, selbst die Zechen- und Forsthäuser und Sägemühlen, nur da möglich gewesen, wo durch Einmündung eines Baches eine Thalerweiterung entsteht. Die Berge um Lautenthal (Abb. 25) sind noch höher als bei Wildemann, aber die nur noch 300 Meter — 125 Meter tiefer als diese — belegene Stadt konnte sich etwas behäbiger ausbreiten: die Straßen ziehen sich im Thale der Laute und auf einem mählich steigenden Berghange auf dem rechten Ufer ziemlich weit hinauf. Von der Höhe über der „Prinzeß Karoline“, die der schöne Fußweg über die Schildauköte nach Seesen erklettert, hat man einen großartig schönen Blick auf die Stadt.
Abb. 62. Inneres des Domes zu Halberstadt.
(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)
Bei Langelsheim, wo — wie in Lautenthal — eine Silberhütte dampft, tritt der Fluß durch eine majestätische Gebirgspforte in das Vorland. Bei niedrigem Wasserstande erscheint sein Wasser schon hier fast durchsichtig; der giftiges Bleioxyd führende Pochsand hat sich im kiesigen Flußbett nach und nach niedergeschlagen. Rührt aber Hochwasser diese Schlammmassen auf und reißt sie brausend mit fort, dann ist die Innerste eine graue, dicke Flüssigkeit, und wo sie über ihre Ufer steigt, lagert sie unglaubliche Mengen des feinen Pochsandes auf Wiesen und Äcker im unteren Innerstethal ab.
Auf ihrem linken Ufer eilt der Innerste das Flüßchen Neile zu, die das Schlachtfeld von Lutter und die Heimat des sagenhaften „Thedel von Wallmoden Unverfehrt“ bespült.
Längeren Laufes und wasserreicher als die Neile, die bei der Darmpfuhlsmühle mündet, ist die Nette, welche der Innerste alle Wasser zuführt, die von dem hohen Bergzuge auf dem linken Ufer dieses Flusses bei Wildemann nach Westen rinnen. Am höchsten greift der Pandelbach, die alte Grenze zwischen Engern und Ostfalen, zwischen Mainz und Hildesheim, hinauf; seine Quelle liegt an dem allen Harzwanderern bekannten „Keller“, einem haustief in das bröcklige Gestein steil eingeschnittenen schmalen Hohlwege, auf dem einst den Walkenrieder Hütten im oberen Nettethal die Rammelsbergschen Erze zugeführt wurden. Welch ein beschwerlicher Umweg! Aber die Gegend zwischen Langelsheim und Hahausen war ehemals — und noch zur Zeit der Schlacht bei Lutter — ein unpassierbarer Sumpf.
Bei Münchehof (das ist Hof der Walkenrieder Mönche) tritt der Pandelbach, in dessen klaren Wassern das üppige Buchengrün flimmernd sich spiegelt, aus dem Oberharze heraus. Gleich darauf bespült der verstärkte Bach das alte, aber außen und innen modernisierte Schloß Kirchberg, das mit seinem Burggraben und seinem von prächtigen Baumgruppen begrenzten Schloßteiche sich von dem fruchtbaren Gefilde gar ausdrucksvoll abhebt. Nach ihm benannten sich Heinrichs des Jüngeren legitimierter Sohn Heinrich Theuerdank und dessen Mutter Eva von Trott.
Die nicht bedeutenden Ruinen der Staufenburg — namentlich ein dicht von Epheu umwobener zerspaltener Turm und Reste des Eingangsthores, vor dem eine mächtige Linde von hohem Alter steht — finden sich auf einem Kegel, der aus dem buchenbestandenen Muschelkalkzuge, der den Oberharz im Westen in geringem Abstande begleitet, wenig auffällig hervorragt. Hervorragende Bedeutung für die Kulturgeschichte des Oberharzes erhielt die Burg, als 1505 hier die Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel ihren Witwensitz nahm und dem Bergbau ihre ganze Liebe zuwandte. Um sich an der sich mehr und mehr ausdehnenden Montanindustrie zu erfreuen, besuchte sie gar oft persönlich den rasch aufblühenden Ort „im Grunde“, dessen Kapelle sie zur Pfarrkirche erhob. In ihre Fußstapfen trat 1521 ihr Großsohn und Erbe, Herzog Heinrich der Jüngere. Mochte ihn vielfach auch die Sehnsucht nach seiner geliebten Eva, an deren Statt er eine ausgestopfte Puppe nach fein gespielter Todeskomödie mit Sang und Klang in Gandersheim hatte begraben lassen, nach der Staufenburg ziehen, wo sie in stillster Einsamkeit, mehr einer Gefangenen als einer fürstlichen Geliebten ähnlich, ihre Jugendjahre verlebte; so besuchte er doch auch später, als er 1541 Eva mit ihren Kindern nach der festeren Liebenburg geschickt hatte, häufig die Staufenburg, um von hier aus seine neu entstandenen Bergstädte Zellerfeld und Wildemann, deren Gruben und Hütten in Augenschein zu nehmen. — Von seinen Nachfolgern aber hat keiner auf der verschwiegenen Burg auch nur vorübergehend residiert. So verfiel sie nach und nach, und 1778 fand man den Aufenthalt in dem alten Gemäuer selbst für die Gefangenen und deren Wärter zu lebensgefährlich.
Die Nette, welcher der Pandelbach und mehrere andre größere und zahlreiche kleine Bäche ihr Wasser zuführen, entspringt am Netteberge bei Herrhausen. Ihr Gebiet führt — sogar noch im Volksmunde — den Namen Ambergau.
Von rechts nimmt die Nette die aus dem Oberharze kommende Schildau auf. Der Weg von der Schildauköte am Fuße des Schildberges, der die unbedeutenden Ruinen einer vom Grafen Hermann von Winzenburg um 1148 erbauten Burg trägt, auf dem „Forellenstieg“ an dem schäumenden Flüßchen hinunter über den „Grünen Jäger“ nach Seesen gehört zu den schönsten im ganzen Harze.
Seesen, in den Friedensverhandlungen zwischen Heinrich dem Zänker und den sächsischen Großen 984 zuerst erwähnt, hat erst nach Anlage der Eisenbahnen, die von ihm strahlenförmig nach fünf Seiten laufen, kräftigen Aufschwung genommen und weniger begünstigte Städte raschen Schrittes überholt. Unter den wenigen alten Häusern, welche die häufigen Feuersbrünste überstanden haben, ist außer dem früheren Schlosse kaum ein architektonisch bedeutsames.
Obwohl Seesen in einer Höhe von nur 219 Meter am Rande des Oberharzes liegt, fühlt und glaubt man sich hier mitten im Gebirge, denn die Höhen, welche den Ambergau im Westen begrenzen, und die Berge, welche von Hahausen das rechte Netteufer begleiten, erscheinen dem Auge fast von gleicher Höhe wie der eigentliche Harz. Mit besonderem Wohlgefallen aber ruht es auf dem Bergzuge des Heber, dessen helles Laubgrün zu dem gegenüberliegenden dunkeln Harzwalde einen freundlichen Kontrast bildet. Gleich einem verwitterten, halb zertrümmerten Felsen ragt aus den hohen, schlanken Buchen ein altes Gemäuer hervor und überschaut wie ein Herrschersitz den Gau thalauf und -ab. Es ist die Ruine der Burg Woldenstein, der Sage nach die Heimat des vom heiligen Bernward, seinem Verwandten, erzogenen gelehrten Bischofs von Meißen (1066–1106) und eifrigen Bekehrers der Wenden, des vom Papste Hadrian VI. 1523 heilig gesprochenen St. Benno. Aber die Burg ist erst 1295 von den Grafen von Woldenberg erbaut. Ihr Ende fand sie 1519 in der verwüstenden „Stiftsfehde“.
Der Nette folgend, treten wir bei Rhüden, wo aus den oberen Schichten des bunten Sandsteins eine schwache Sole quillt, in die Gegend des erst einige Jahrzehnte alten, aber lohnenden Kalibergbaues ein, der von hier den Nordrand des eigentlichen Harzes im Halbbogen umzieht.
Über die durch ihre geschmackvollen Gußwaren rühmlichst bekannte Wilhelmshütte und die durch Steinbrüche zerwühlte Stätte der Pfalz Königsdahlum gelangen wir nach Bockenem, der anmutig gelegenen, alten Hauptstadt des Ambergaues, die von den Grafen von Woldenberg, deren Wappen sie noch heute führt, schon im Jahre 1300 Stadtgerechtsame erhielt. Nach den großen Feuersbrünsten von 1685 und 1847 arm an altertümlichen Bauwerken, macht doch die vom Flußufer sanft aufsteigende Stadt mit ihren breiten, sauberen Straßen und behäbigen Bürgerhäusern, ihrem geräumigen, mit Linden bepflanzten und von zwei Kirchen begrenzten Marktplatze einen wohlthuenden Eindruck. Weit blickt der mächtige 60 Meter hohe Turm der Pancratii-Kirche, dessen unterer, festungsartiger Teil wohl noch aus der Zeit Ludwigs des Frommen stammen mag, rings in die Lande hinaus. Im Innern des einfach-schönen Gotteshauses, einer dreischiffigen, gotischen Hallenkirche, fallen besonders die sehr alten aus Holz geschnitzten Standbilder der Apostel und der heiligen Jungfrau, welche — lange unter Steingeröll begraben — vom Professor Küsthardt kunstverständig renoviert, das in Formen der Spätrenaissance reich dekorierte messingene Taufgefäß und das von dem aus Bockenem stammenden Maler Nepperschmidt herrührende Wandgemälde „der barmherzige Samariter“ ins Auge. In ihrer Nähe liegt das einzige Fachwerkhaus aus dem sechzehnten Jahrhundert, die alte Generalsuperintendentur; im Winter 1626 diente sie Tilly als Hauptquartier.
Vom Dorfe Werder aus, nach dessen Burg sich das Dynastengeschlecht der Grafen von Werder und später ein Zweig der Woldenberger schrieb, ersteigen wir auf bequemem Waldpfade den Weinberg, der uns bis dahin das Schloß Söder verdeckte. Da, wo die Bockenem-Hildesheimer Chaussee vom Dorfe Nette aus die Höhe des Weinbergs in Schlangenwindungen erklettert, hat man einen großartig schönen Blick über die wellenförmige Bockenemer Ebene auf das Harzgebirge: auf den üppig bewaldeten Muschelkalkzug der Nauer Berge und der Osterköpfe türmen sich terrassenförmig die dunklen oberharzischen Berge von Lautenthal, Goslar und Klausthal auf, und über sie alle schaut aus weitester Ferne der Vater Brocken mit dem Königsberge herüber, oft noch weißgelockt, wenn hier schon alles grünt und blüht, oft auch im Strahl der scheidenden Sonne mit flammenumspieltem Scheitel. Wirkungsvoller als dieser ist kein andrer Blick auf den Harz.
Eine viertelstündige Wanderung durch stattlichen Buchenwald führt uns nach dem Schlosse Söder (Abb. 26). Überraschend schön liegt es inmitten seines herrlichen Parkes mit blinkenden Teichen, prächtigen Baumgruppen und sammetartigen Rasenflächen. Anfang des vorigen Jahrhunderts war dieses Schloß des kunstsinnigen Domherrn Moritz von Brabeck der Sammelpunkt berühmter und hochstehender Personen; von seinen Gästen nenne ich nur C. von Strombeck, den Freiherrn zum Stein, Graff und Iffland, Karoline von Humboldt und Marie Körner; auch die Königin Luise von Preußen war hier im Jahre 1805.
Bildet Söder mit seiner Flur eine stille, liebliche Waldoase, so blickt das Schloß Derneburg (Abb. 27), der Familiensitz des Fürsten Münster, frei ins Land hinaus. Gar wirkungsvoll heben sich die rotbedachten Schloßgebäude mit ihren vielen Türmchen vom dahinter aufsteigenden buchengrünen Donnersberge ab.
Ein noch fahrbares Stück der mittelalterlichen Augsburger Straße benutzend, ersteigen wir von dem Marktflecken Holle aus, der Heimat des Ritters Berthold von Holle, der als der erste in diesem Teile Deutschlands im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts in deutscher (höfischer) Sprache dichtete, den Woldenberg, den alten Herrschersitz dieser Lande weit und breit. Dem weitverzweigten Grafengeschlecht der Woldenberger, dessen Stammvater Ludolf vom Kaiser Lothar ausdrücklich zu den „Fürsten“ gezählt wird, kam zur Zeit der Staufer in den Harzlanden kein andres an Macht und Ansehen gleich; im Besitze vieler Burgen und Schirmvogteien, übten sie den Königsbann in acht Gauen. Die „Seele der kaiserlichen Partei“ in Norddeutschland, haben die Woldenberger ihre Kräfte im Kampfe für die Hohenstaufen verzehrt, und Graf Gerhard, der Letzte des Geschlechts, starb 1383 ziemlich verarmt.
Vorübergehend Residenz des Fürstbischofs, ward der Woldenberg 1641 durch Kaiserliche teilweise zerstört, doch konnte die Burg noch anderthalb Jahrhunderte als Amthaus bewohnt werden, ehe man sie als Steinbruch benutzte. Vor etwa 50 Jahren ist der hohe Bergfried, aus dem oben die Bäume ihre grünen Arme herausstreckten, vor der weiteren Zerstörung geschützt und zu einem herrlichen Aussichtspunkte umgewandelt. Nach allen Seiten reicht der Blick weit über Wald und Land, über fruchtbare Thäler und immer höher sich auftürmendes Gebirge. Überaus anmutig leuchtet im westlichen Vordergrunde das Schloß Henneckenrode (Abb. 28), die Blumsche Waisenstiftung, mit seinen Teichen über das Waldgrün hervor, und nicht weniger herzerquickend ist der Blick auf den mittleren Teil des Ambergaues mit seinen reichen, gesegneten Fluren, seinen schmucken Dörfern, die sich um die einst woldenbergsche Stadt Bockenem gruppieren. Wohl erhalten ist auch das von zwei Türmen flankierte Thorhaus, von denen der eine in Form eines Dreiviertelkreises in den trockenen, in den Fels gebrochenen Burggraben vorspringt und in seinem Obergeschoß ein polygonales, aus Fachwerk gebautes Turmzimmer trägt.
An der Felsschlucht unterhalb des Binnenhofs, die uns den Wahlspruch eines „Drosten“: „Solitudo solo beatitudo!“ nachruft, vorüber, lenken wir unsere Schritte den lauschigen Wald uralter Eichen und Buchen hinab, wie man sie in solcher Schönheit nur selten noch zu sehen bekommt, dem auf scharf abfallendem Felsvorsprunge in stiller Waldeinsamkeit des Hainbergs belegenen St. Hubertus-Jägerhause zu, an dessen Felsenkapelle (Abb. 29) sich die Sage von der Bekehrung des heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jäger, knüpft. Das von Künstlerhand zu beiden Seiten des Altars in die Felswand gehauene Relief — hier der Hirsch mit dem zum Kruzifix gewordenen Jagdspieß im Geweih, dort auf den Knieen der Jäger mit anbetend erhobenen Händen, hinter ihm der Knappe mit dem Jagdroß, — stammt nach der an der gegenüberliegenden Grottenwand eingehauenen Inschrift aus dem Jahre 1733; älter ist die arg beschädigte und vom Rauch geschwärzte Darstellung am äußeren Felsen, nach welcher der vom Hirsch durch eine Schlucht getrennte Hubertus sein Roß selbst hält.
In etwa einer Viertelstunde erreichen wir vom Jägerhause die „Bodensteiner Klippen“, aus dem üppigen Buchenwalde hoch und steil aufsteigende, kahle Sandfelsen, ähnlich der Teufelsmauer bei Blankenburg und offenbar derselben geognostischen Bildung angehörend. Der Aufstieg auf eine der zugänglich gemachten Klippen gewährt bei guter Beleuchtung der Landschaft hohen Genuß.
X.
Die Okerlandschaft.
Der dritte Fluß der Klausthaler Hochebene, die Oker, das ist reißender Strom, schlägt dieselbe „widersinnige“ Richtung ein wie die Innerste. Sie entspringt beim Okerstein am Westabhange des Bruchberges in 800 Meter Meereshöhe, stürzt bis Altenau 320 Meter in einem Querthale steil herab und vereinigt sich innerhalb der Stadt mit der kleinen Oker, der jetzt Schneid- das ist Grenzwasser genannten Altenah und dem durch den Rotenbach verstärkten Gerlachsbach.
Eine Oase im grünen Waldmeere, liegt die jüngste Bergstadt Altenau, — fast nur auf einer Seite von einer blumenreichen Wiesenflur, die aber einen steilen Berg darstellt, begrenzt, in die schützenden Thäler eingesenkt. Prächtige Spaziergänge namentlich den Dammgraben entlang, der den Bruchberg in Schlangenwindungen umzieht, ein herrlicher Blick über den ganzen Westharz von der Wolfswarte, vor allem aber der großartig schöne Weg über den Nabenthaler Wasserfall und an der Steilen Wand hin nach dem Torfhause fesseln gleichmäßig den Sommerfrischler wie den Harzwanderer. Den Ahrendsberg mit seinen Klippen, einen Glanzpunkt des Harzes, ersteigen wir am besten von dem unterhalb der Hütte gelegenen Gemkenthal auf dem Wege nach Harzburg.
Sich windend und krümmend zwängt sich die durch das Weißewasser, durch Kellwasser und Kalbe und kleinere muntere Bäche verstärkte Oker nach Norden durch eine enge Spalte festen, weißen Granits. Schäumend umtanzt sie die Granitbrocken, die ihr den Weg versperren möchten; umspielt den Jaspisfelsen der hellschimmernden Birkenburg; finster blickt der Ahrendsberg hernieder; wunderbare Felsgebilde, manche durch eine einzelne Föhre oder durch eine kleine Gruppe dieser „Harzceder“ ausdrucksvoll bezeichnet, schauen von den fichtendunklen Höhen herab, wie der Mönch, der große Kurfürst, die Madonna, Zieten, der schlafende Löwe; großartiger aber noch sind die Granitkolosse am Wege nach Harzburg, die sich nicht in den Vordergrund drängen: die Grotte und die Mausefalle, diese unheimlichen Bauwerke der Natur, die jeden Augenblick zusammenzubrechen drohen, die Hexenküche und die Bastei der „Käste“. Die interessanteste und wildeste Strecke des Okerthals ist die vom Gasthaus Romkerhalle, wo von rechts die Romke mit etwas Nachhilfe in drei Absätzen 65 Meter hoch vom buntgebänderten Felsen springt (Abb. 30), von ferne gesehen einem herabhängenden breiten Silberbande nicht unähnlich, und die zerschäumten, zersprengten und zerstäubten klaren Wasser in dem der buntgemischten, allstündlich sich erneuernden Gesellschaft erfrischende Kühle zuhauchenden Becken zu sammeln sucht, bis abwärts zum Waldhause am Beginn des Goslarschen Fußweges: im frühen Mittelalter führte kein Weg neben dem Flusse herauf, und die später hergestellte gefährliche Fahrstraße hielt sich streckenweise in respektvoller Entfernung; erst um 1860 ist ihr durch Sprengung der Felsen überall Raum neben dem Flußbett geschaffen; großartige neue Bilder erschließt aber der Fußweg durch das bisher unzugängliche Klippengewirr zur Linken, an dem der Harzklub eifrig arbeitet.
An majestätischer Schönheit läßt sich mit dem Okerthale nur das Bodethal in Parallele stellen; wem der Preis gebührt, ist nicht zu sagen. Sind die Bodefelsen kühner gestaltet, wilder, schroffer, aber durch das helle Buchengrün doch gleichsam warm abgetönt, so wird der Ernst der weniger jähen, aber immerhin trotzig und mehr in Einzelgestalten herausspringenden Okerfelsen durch das düstere Tannengrün der mächtigen Bergwände, von denen sie sich kräftig abheben, stimmungsvoll verstärkt: verschieden wie die Meisterwerke zweier großer Maler, aber gleich in ihrem bestrickenden Eindruck auf Sinn und Gemüt.
Auf der 14 Kilometer langen Strecke von Altenau bis zu dem großen Hüttenorte Oker, wo der Fluß in 210 Meter Meereshöhe in das Land tritt, hat er ein Gefälle von 1 : 52.
Zwischen dem Sudmerberg, auf dem eine alte Warte weithin die Straßen überblickt, und dem Petersberge, auf dem oberhalb der Klus, eines vom großen Christoph als Sandkorn aus dem Schuh geschütteten Felsen mit eingehauener Kapelle, die Grundmauern des Petersstiftes bloßgelegt sind, eilt der Innerste die beim Auerhahn entspringende Gose zu, nach der Goslar (Abb. 32) seinen Namen führt.
Die erste Blütezeit dieser Kaiserstadt (die 979 zum erstenmale urkundlich genannt wird) schließt mit dem Ende der Staufer. Ihres Glanzes als Residenz nach und nach entkleidet, gewann sie doch bald unter den Städten der Hansa einen festen, Achtung gebietenden Stand. Von grundlegender Bedeutung war die Erlangung der vollen Selbständigkeit: im Jahre 1290 traten ihr die Grafen von Woldenberg die Reichsvogtei ab: an die Stelle des Woldenbergischen Dienstmannes trat nun der städtische Vogt, an die Stelle der Grafen selbst ein von der Stadt auf bestimmte Jahre gewählte Schutzherr; bald darauf ward auf Grund der von den Kaisern verliehenen Rechte und der alten Weistümer (Gerichtsentscheidungen) das Rechtsbuch entworfen, das als Goslarsches Recht in vielen Städten Eingang fand, so daß der Rat zu Goslar der Oberhof für ein ganzes Land wurde. Mit Geschick und Nachhaltigkeit wußte sie auch den freien Stiftern in und vor ihren Mauern wertvolle Rechte abzugewinnen und sich in den Besitz der vom Bergbau zu zahlenden Vogteigelder zu setzen. Ihren nach Flandern, Wisby und Nowgorod reichenden Handel schützte sie durch ihre Bündnisse mit den benachbarten Städten, durch ihre Freundschaft mit den Bischöfen von Hildesheim und den Herzogen von Braunschweig, durch Erwerbung des Pfandbesitzes der sie einengenden Burgen. Im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts, wo sie Luthers Reformation annahm, hatte Goslar, eine „der acht fürnembsten von allen Erbarn- Frey- und Reichs-Städten“, den zweiten Höhepunkt der Entwickelung und Wohlstandes erreicht. Ihre Befestigungswerke waren verstärkt und Wälle und Türme mit grobem Geschütz reichlich ausgestattet. 40 gottesdienstliche Stätten zeugten vom frommen und wohlthätigen Sinne der Bürger.
Trotz und Übermut gegen ihren Bergherrn knickte die zweite Blüte der Stadt gewaltsam, brach ihre Macht für alle Zeiten. Im Jahre 1235 hatte Friedrich II. dem Herzog Otto dem Kinde den kaiserlichen Bergzehnten und damit das volle Bergregal erblich zu Lehen gegeben, und Ottos Sohn Albrecht als Bergherr 1271 die älteste Bergordnung des Harzes erlassen. 1375 waren dann Zehnten und Berggericht in den Pfandbesitz des Rates der Stadt gekommen, der mehrfach, zuletzt noch 1509, die Pfandsumme erhöhte, um die Einlösung zu erschweren. Der energische Heinrich der Jüngere aber, der eifrige Bergmann im Oberharz, kündigte der Stadt die Pfandschaft und zahlte die mit Hilfe der vermittelnden Städte Magdeburg und Braunschweig auf fast 25000 rheinische Gulden für seine Hälfte festgesetzte Pfandsumme trotz ihres Widerstrebens aus und ließ sich auch von seinem Vetter Philipp von Grubenhagen dessen Hälfte der Pfandschaft abtreten. Da weigerte sich die Stadt, den Herzog als Bergherrn anzuerkennen und seinem Berggericht sich zu fügen, stellte trotzig den ganzen Bergbau ein, ergriff die Waffen gegen den in Riechenberg lagernden Herzog und verwüstete am 22. Juli 1522 alle innerhalb der Landwehr belegenen geistlichen Stiftungen, das berühmte Petersstift, das reiche Kloster Georgenberg und die Kirche des heiligen Grabes. Doch gewann Goslar infolge der Verwickelungen des Herzogs in die großen Händel der Zeit und seiner Gefangennahme in der Schlacht bei Calefeld noch einmal eine kurze Frist. Im Jahre 1552 fand Heinrich endlich Zeit, mit Ernst gegen Goslar vorzugehen. Und so übermütig die Reichsstädter einige Jahrzehnte zuvor gewesen waren, so demütig zogen sie nun nach Riechenberg hinaus und baten um Frieden. In diesem Vertrage zu Riechenberg mußte der Rat mit seinen Zugeständnissen weit über das früher vom Herzog Geforderte hinausgehen, diesen auch zum Erbschutzherrn annehmen und ihm den größten Teil der Forsten abtreten. Mit der Selbständigkeit der Stadt war's für immer vorbei, und der Bergbau am Rammelsberge gehörte fortan den Herzögen von Braunschweig.
Zu Ende des dreißigjährigen Krieges, der auch noch den Handel der im Rückgange begriffenen Stadt lahm legte, war die Kämmerei tief verschuldet und die durch die Pest gezehntete Bürgerschaft entkräftet. Eine verheerende Feuersbrunst von 1728 führte zu weiterer Verarmung, so daß Goethe sie 1777 die vermodernde Reichsstadt und der spätere Minister von Schön, der sie 16 Jahre nach der Feuersbrunst von 1780 sah, die 244 Gebäude in Asche legte, sie „einen sehr kleinen, traurigen, menschenleeren Ort“ mit einem Magistrat von 99 Personen (wobei er die 55 Gildevertreter mitzählt) nennen konnte. Die Käuflichkeit ihrer Justiz war sprichwörtlich, die in hohem Grade verarmte Bürgerschaft wurde vom kleinlichsten Zunft- und Kastengeist beherrscht.
Der Übergang an Preußen im Jahre 1802 legte den ersten Grund zu neuem Aufschwung: die Landstadt Goslar erhielt das bedeutende Vermögen der reichsunmittelbaren Stifter zugewiesen, das die Reichsstadt niemals besessen hatte, und erhielt ein geordnetes Kirchen- und Schulwesen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begann dann die Stadt, namentlich nach ihrem Anschluß an das Eisenbahnnetz, sichtbar fröhlich aufzublühen; und wie der wiedererwachte Sinn für Geschichte und Altertumskunde ihr jährlich einen starken Strom wißbegieriger Reisenden zuführt, so veranlaßt ihre schöne und gesunde Lage gar manchen auch zu dauernder Niederlassung. Sie hat jetzt 16400 Einwohner.
Unsern Rundgang durch die Stadt, die uns noch immer ein gut Stück mittelalterlicher Baukunst vorführt, beginnen wir beim Bahnhofe. Zwischen dem „Achtermann“ aus dem Jahre 1500, einem der vier mächtigen Zwinger des Rosenthores, und dem Kloster Neuwerk, dessen malerisch im wohlgepflegten Klostergarten belegene Kirche, eine zweitürmige romanische Pfeilerbasilika mit Querhaus, um das Jahr 1200 erbaut ist, gelangen wir durch die enge Fischmäkerstraße auf den von zwei Seiten durch hochinteressante Häuser eingeschlossenen Marktplatz.
Am wirkungsvollsten ist die 1494 als Gildehaus der Gewandschneider erbaute Wort (jetzt Hotel Kaiser-Wort) mit einem auf konsolenartigem Unterbau vorspringenden achteckigen Mittelturm und vier erkerartigen Ausbauten. Die acht hölzernen — vom Spötter Heinrich Heine mit gebratenen Universitätspedellen verglichenen — aus Holz verfertigten lebensgroßen Figuren, welche in gotischen Nischen zwischen den rechteckigen Fenstern stehen, werden gewöhnlich als acht um Goslar verdiente Kaiser, vom Professor Küsthardt aber als „die acht guten Helden“ angesprochen.
Das Rathaus, in Heines Augen nur „eine weiß angestrichene Wachtstube“, besteht aus einer Gruppe einen kleinen Lichthof einschließender Gebäude aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, deren Frontseite auf einem von achteckigen Pfeilern getragenen Bogengange mit Kreuzgewölbe ruht (Abb. 31). Durch die ehemalige Gerichtslaube betreten wir die „Rathausdiele“, den alten Huldigungssaal; von ihren alten Kronleuchtern trägt einer der aus Hirschgeweihen gefertigten die schöne Inschrift:
Den hilgen romesken rike
Sunder middel (d. i. Falsch) unnd wane,
Nicht macstu darvon wiken.
Das jetzt Huldigungszimmer genannte Zimmer mit reichem, wertvollem Bilderschmuck an Wand und Decke, welcher die Weissagungen vom Messias im Heidentum durch die Sibyllen, im Judentum durch die Propheten und die durch die Evangelisten bezeugte Menschwerdung Christi zum Grundgedanken hat, wird die alte Ratskapelle sein; es enthält wertvolle Urkunden und Altertümer, darunter ein prachtvolles, mit farbenschönen Miniaturen geziertes Evangelienbuch aus dem dreizehnten Jahrhundert, und in der kleinen Altarconcha, deren Gemälde Christi Leiden und den Heiland als Weltenrichter darstellen, besonders die silberne Bergkanne, eine ausgezeichnete Arbeit aus dem Jahre 1477. — Das wunderlichste Baudenkmal ist das vom Magister Thalling 1521 erbaute Brusttuch, ein Patrizierhaus mit trapezförmiger Grundfläche und völlig windschiefem Dache, Glasmalereien an den gotischen Fenstern und reichem Schnitzwerk — Ornamenten, Figuren und phantastischen Gestalten — an Schwellen, Ständern und Konsolen. Zierlicher und anmutiger ist das 1557 erbaute Bäckergildehaus.