Durch die Breite Straße, die noch hübsche alte Häuser mit Erker und vorgekragtem Obergeschoß und geschnitzten Balkenköpfen aufzuweisen hat, gelangen wir an das Breite Thor mit seinen vier starken Türmen und über den Annenwall mit seinen Teichen und alten Ulmen an dem 1517 erbauten dicken Zwinger, der in seinen sechs Meter starken Mauern drei Reihen Geschütze und 1000 Bewaffnete aufnehmen konnte, vorüber auf das Kaiserbleek. Von dem 1819 für 4515 Mark auf Abbruch verkauften herrlichen Dome ist nur die um 1200 angefügte Vorhalle (Abb. 33) mit dem sogenannten Krodoaltar, einem aus niedersächsischer Gießerei hervorgegangenen tragbaren Altar, und andre von Kaisererinnerungen umwehte Andenken erhalten. Aber das einst zum Schauspielhause entweihte, dann glücklicherweise als Kornmagazin benutzte Kaiserhaus (vergl. Abb. 3), in dessen Thronsaale einst der Sachsen, Salier und Staufer ruhmreicher Schild hing, blickt als ein Wahrzeichen der Einigung unseres Volkes wieder hoch und stolz auf die alte Stadt herab, und wieder prangt in dem 48 Meter langen großartigen Reichssaale der auf vier steinernen Kugeln ruhende metallne Kaiserstuhl, — im Anfange dieses Jahrhunderts für 28 Thaler meistbietend verkauft, hat ihn das Vermächtnis des verewigten Prinzen Karl auf seinen alten Platz zurückgestellt.
Die herrlichen Wandgemälde von der Hand des Professors Wislicenus zu beschreiben, fehlt hier der Raum; ich muß mich auf Andeutung des Grundgedankens beschränken. Das große Mittelbild der Westwand stellt in koloristischer und dekorativer Vollendung und genialer Komposition die Wiedergeburt des Deutschen Reiches im Jahre 1871 dar: Germania mit dem Antlitz der edlen Königin Luise reicht dem siegreich heimkehrenden Kaiser Wilhelm dem Großen am Triumphbogen die Kaiserkrone dar (Abb. 34). Die sechs Hauptbilder derselben Wand, jedes mit zwei Predellen, veranschaulichen sechs Akte eines Dramas, die Geschichte des ersten Kaisertums von Heinrich II. bis Friedrich II.: Heinrich II. wird in der Peterskirche gekrönt, Heinrich III. führt den Papst Gregor VI. gefangen über die Alpen, Heinrich IV. büßt zu Canossa, Friedrich I. demütigt sich vor Heinrich dem Löwen, Friedrich I. siegt bei Ikonium, Friedrich II. empfängt in Palermo eine arabische Gesandtschaft. Die acht Nebenbilder derselben Wand behandeln im engen Anschluß an die Hauptbilder die Geschichte des Kaiserhauses.
Die Gemälde der Südwand, drei größere (Karl der Große zerstört die Irmensäule [Abb. 35], Karls des Großen Sieg über die Sachsen, seine Krönung zu Rom, Wittekinds Taufe) mit drei Predellen bilden den Prolog, die der Vorderwand (Luther zu Worms [Abb. 36], die schmalkaldischen Bundesgenossen empfangen zusammen das heilige Abendmahl, Karl V. in St. Just) den Epilog zum Schmuck der Hauptwand; und die Fensterwand ist Darstellungen aus dem Märchen (Dornröschen) und der Sage (Barbarossa) gewidmet.
Von dem Teil des Kaiserhauses, der die kaiserlichen Wohnräume enthielt, hat nur ein Stück der Grundmauer bloßgelegt werden können, dagegen ist die an sie grenzende, ehemals zur Feldhüterwohnung erniedrigte St. Ulrichskapelle, ein Meisterstück architektonischen Erfindungsgeistes, denn sie bildet unten ein griechisches Kreuz, oben ein Achteck, wieder zu Ehren gebracht, so daß sie dem Herzen und den Eingeweiden des großen Kaisers Heinrich III. eine würdige Ruhestätte gewährt. Dem Kaiserbeet ist jüngst durch die bronzene Reiterstatue Barbarossas (von Toberentz) und das gleichfalls bronzene Standbild Wilhelms des Großen (von Schott) ein prächtiger Schmuck zu teil geworden.
Von den Kirchen erwähne ich nur noch die ehrwürdige Frankenberger Kirche mit ihren wieder aufgefrischten großartigen Wandmalereien; am Aufstieg zu dem bepflanzten Nonnenberge und den in einen hübschen Park umgewandelten Schieferhalden belegen, durch die sich schattige Spazierwege nach dem Gosewasserfall und dem durch eine wundervolle Aussicht lohnenden Steinberge schlängeln, gewährt sie einen wahrhaft malerischen Eindruck.
XI.
Die Oderlandschaft.
Von der Klausthaler Hochebene, deren Flüsse uns bislang als Wegweiser gedient haben, wird das „Andreasberger Dreieck“ durch den Bruchberg-Acker abgetrennt. Eine Wanderung den auf dem Kamme des Ackers laufenden Fastweg entlang wird durch die stetig wechselnden Bilder, die sich bald rechts nach Klausthal hin, bald links über Andreasberg auf den Ravensberg und Jagdkopf (Stöberhai) aufthun, zuletzt aber durch den großartigen Fernblick von den ruinenartigen Felsgruppen, welche sich, von Rentier- und isländischer Flechte, von Sumpf- und Moosbeere überwuchert, aus dem Tannendickicht meist nur wenig erheben, der Hanskühnenburg (810 Meter) und den Seilerklippen (750 Meter), reichlich belohnt. Und welchen Genuß gewährt eine Fahrt von der Stieglitzecke (828 Meter), wo unfern des Hammersteins (800 Meter) mit seinem Blick in die schluchtenartigen Seitenthäler jener Fastweg sich abzweigt, auf der Klausthal-Andreasberger Poststraße nach dem als Sommerfrische rühmlichst bekannten Sonnenberge und von hier, links abbiegend, der imponierenden Achtermannshöhe entgegen nach dem waldumschlossenen Oderteiche (Abb. 37) und den Rehbergergraben entlang nach Andreasberg.
Ganz gegen den Charakter des Harzes zeigt sich in dem „Dreieck“ nicht einmal der Ansatz zur Plateaubildung; aus tief eingeschnittenen Thälern steigt man 200 bis 250 Meter hoch auf schmale Bergrücken oder abgerundete Kegel und wieder hinunter in ein schluchtenartiges Thal. Den besten Blick in dies wunderbar zerstückelte Gebiet gewähren die Porphyrkegel des Knollen bei Lauterberg (687 Meter), des Ravensberges (660 Meter) und des Stöberhais (719 Meter). Der Ravensberg heißt nicht mit Unrecht der Brocken des Südharzes. Wohl ist das Panorama hier und auf dem mit ihm zusammenhängenden Stöberhai enger begrenzt, aber es gewinnt dadurch an plastischer Klarheit und Schönheit. Im Norden und Westen umfaßt der Blick den ganzen hohen Harz bis zum Brocken und Acker, im Osten und Süden aber thut sich das Land weit auf bis zum Possen bei Sondershausen und zum Thüringerwalde, bis zu dem Ohmgebirge und dem Göttinger- und Habichtswalde.
Ist regellose Abwechselung von schroffer Bergeshöhe und wildem Thalsturz der Charakter des „Dreiecks“, so macht die Stätte, auf der die Stadt Andreasberg erbaut ist, davon keine Ausnahme; fast jäh schießen ihre Straßen von eng begrenzten Bergkuppen (640 Meter) in das „Unterland“ (520 Meter) hinunter. Aus einem Hause sieht man in zwei Thäler hinunter, ein andres hängt, als wäre es aus Wildemann hierher versetzt, wie ein angeklebtes Schwalbennest an der Bergwand, und ein drittes liegt fast so geschützt zwischen aufsteigenden Höhen, wie manche Stadtteile in Grund oder Altenau. Solche interessanten Gegensätze bietet nur diese einzigartige Stadt (Abb. 38).
Abb. 76. Hexentanzplatz, vom Hirschgrund gesehen.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Die erste urkundliche Nachricht über Bergbau „am Andreasberge“ ist aus dem Jahre 1487, aber zu rascher Entwickelung gelangte es erst im Jahre 1521, als am Beerberge in einer Klippe ein handbreiter Gang mit Glanzerz und reichhaltigen Nestern Rotgülden erschürft wurde, so daß die Grafen von Hohnstein sich beeilten, für ihr Gebiet die erste Bergfreiheit zu erlassen; Stadtrechte erhielt der Ort anscheinend schon 1535. — In fieberhaftem Eifer drängten sich Gewerken und Bergleute herzu, um des gepriesenen Dorado Schätze zu heben, aber gar bald folgte eine gewaltige Ernüchterung. Wohl wurden 116 Gruben aufgenommen, aber in den acht Jahren 1542 bis 1549 zahlte nur eine einzige Ausbeute, und zwar auch nur einmal einen Thaler auf den Kux. Am Ende des Jahres 1577 waren nur noch 39 Gruben, von denen aber 37 Zubuße erforderten, im Betriebe, und 40 Häuser standen unbewohnt und unverkäuflich; zu Anfang des dreißigjährigen Krieges gingen die beiden letzten Gruben ein, und die Silberhütte ward abgebrochen. Unsäglich war das Elend in der verarmten Stadt. Und doch war ihr noch einmal eine Blütezeit beschieden: in den Jahren 1700 bis 1730 betrug die jährliche Ausbeute durchschnittlich 60000 Mark. Von da aber ging's erst allmählich, dann immer rascher abwärts, zumal 1796 eine Feuersbrunst 249 Wohnhäuser in Asche legte. Doch geht der Bergbau noch heute auf der Grube Samson in vier Schächten mit Vorteil um, und trotz deren bedeutender Teufe gibt es noch viel unverritztes Feld für die Zukunft. Die Silberhütte, welche mit dem Bahnhofe 3¼ Kilometer von der Stadt entfernt liegt, verarbeitet neben den bei Andreasberg gewonnenen namentlich südamerikanische Kauferze. Nicht unbedeutenden Erwerb gewährt den Andreasbergern die Kanarienvogelzucht, mehr Geld aber noch bringen ihnen die Sommerfremden, deren Zahl etwa 5000 jährlich beträgt. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von der Jordanshöhe. Sankt Andreasberg hat 3800 Einwohner.
Die starke Gliederung der Andreasberger Berglandschaft ist gleichsam ein Verdienst der Sieber mit ihren Zuflüssen und des Flußsystems der Oder: durch die Furchen, die sie in das Gelände, dieses in Einzelberge auflösend, gezogen, haben sie die große Mannigfaltigkeit geschaffen, die wir bewundernd betrachten.
Die Oder hat ihre Quellen bereits auf dem Brockenfelde. Nachdem sie ihre Wasser im Oderteiche gesammelt und den größten Teil derselben der Stadt Andreasberg zugesandt hat, um ihn später durch die Sperrlutter zurückzuhalten, rauscht sie zwischen dem Rehberge (894 Meter) und dem Königsberge in starkem Gefälle, bis zur Forstkolonie Oderhaus das unbekannteste der prächtigen Harzthäler bildend, gen Süden, geht unter dem Jagdkopfe in südwestliche Richtung über und verstärkt sich bei Lauterberg (d. i. Lutterberg) durch die Lutter (Abb. 39 u. 40).
Die Burg, unter deren Schutze der gleichnamige Flecken sich bildete, stand auf dem 421 Meter hohen Hausberge, einem schön geformten, mit Buchen bewaldeten Kegel. Zuerst im Jahre 1190 erwähnt, gehörte sie einem Zweige der Grafen von Scharzfeld, den Grafen von Lutterberg, als welfisches Lehen. Der Ort verdankte sein rasches Wachstum dem regen Bergbau, und als dieser erlosch, übernahm 1839 die Kaltwasserheilanstalt des Dr. Ritscher, dem ein Denkmal auf dem Scholm errichtet ist, nachhaltiger die Entwickelung des jetzt 5300 Einwohner zählenden Fleckens; aus den 170 Kurgästen des ersten Jahres sind inzwischen 5000 geworden.
Aber die Umgebung Lauterbergs, das nicht wie Herzberg, Osterode und Seesen am Harzrande liegt, sondern sich so in das Oderthal hineinpreßt, daß es auf drei Seiten hohe Berge hat, ist auch wunderschön. Alle diese Höhen, der Hausberg, der Kummel (601 Meter), der Scholm (572 Meter) bieten prächtige Aussicht, hier ein weithin Berg und Land umfassendes Vollbild, dort gleichsam einen eingerahmten Ausschnitt aus dem großen Gemälde. Über den idyllisch in Buchengrün und Wiesenflor gebetteten Wiesenbeeker Teich (Abb. 41), der seine Wasser der Königshütte liefert, und die Hohe Thür mit ihrem Durchblick auf die ruinenartige zackige Felsgruppe des Römersteins, den Sagen von Riesen und Zwergen umspielen, führt uns der Weg auf den Ravensberg; über den Hassenstein ersteigen wir den Stöberhai, den höchsten Punkt der Wasserscheide zwischen Weser und Elbe, mit seinem bezaubernd schönen Blick über die Tiefe des Oderthales hinaus auf die Riesen des hohen Harzes, den Acker und Rehberg, den Wurmberg und die Achtermannshöhe, denen der Brocken und die Hohneklippen über die Schulter sehen; und auch der Große Knollen liegt für den rüstigen Wanderer nicht zu fern.
Auf dem schattigen Philosophenwege wandern wir nun, der rauschenden Oder folgend, dem Dorfe Scharzfeld zu, das mit einer Felsenburg, einer Tropfsteinhöhle und einer Felsenkirche dreifach anzieht.
Die Burg Scharzfels (Abb. 42), eigentlich Scharzfeld, zu der wir 120 Meter hoch durch Buchenhochwald hinaufsteigen, wird zuerst 1130 genannt. 1157 gab Friedrich Rotbart sie Heinrich dem Löwen gegen das Schloß Baden in Tausch, und die Grafen von Scharzfeld wurden damit Lehnsmannen des Welfen. Nach ihrem Erlöschen traten die Grafen von Hohnstein an ihre Stelle; und nach dem Tode des letzten dieses Geschlechts fiel 1590 die Grafschaft Scharzfeld-Lauterberg, in der die Bergstadt Andreasberg entstanden war, an die Welfen, und zwar zunächst an die Herzöge von Grubenhagen, zurück.
Bei der Erbauung der Burg ist der natürliche Felsen benutzt. Besonders stark war die Hochburg, die man nur durch einen rundbogig ausgehauenen Felsengang, zu dem man auf einer hohen Steintreppe gelangt, betreten kann. Von den Gebäuden auf dem Felsenkamme haben sich nur unbedeutende Mauerreste erhalten: die Burg ist 1756 in rühmlichem Kampfe zu Grunde gegangen; 10 Tage verteidigte sich die schwache Besatzung von noch nicht 400 Mann gegen ein Franzosenheer von 6000 Mann, das 562 Bomben und andre Geschosse hineinwarf; da war die zerschossene Burg nicht mehr zu halten, die freiwilligen Harzschützen schlugen sich in die Wälder, und die zurückbleibenden Invaliden kapitulierten mit Ehren. Welch ein Erfolg! Ganz Paris illuminierte und sang unter Freudenschüssen ein Tedeum. Und eiligst steckte der Sieger, der General Vaubecourt, den wir von Klausthal her schon kennen, die Gebäude in Brand, ließ die Mauern von Lauterberger Bergleuten sprengen, und machte sich dann, auf die Sprengung der Felsen verzichtend, aus dem Staube, denn die Hannoveraner unter dem Herzog Ferdinand waren im Anmarsch.
Ein kurzer Gang durch den herrlichen Buchenwald, der hier die Höhen schmückt, führt uns nach der Einhornhöhle. Viel früher bekannt, als die größeren und durch schönere Tropfsteingebilde ausgezeichneten Höhlen bei Rübeland, hatte sie hohen Ruf als die Fundstätte eines wertvollen und fast unfehlbar wirkenden Heilmittels, des „Einhorns“ d. i. der verkalkten Knochen vorweltlicher Tiere. Heute haben diese Knochen als die Schriftzeichen der fernsten Zeit einen ungleich höheren Wert, sie erzählen uns, daß die weiten Hallen dieser Höhle einst von Gletscherbächen durchspült wurden, denn die Knochen sind durch Rollung im Wasser gleich den Flußkieseln gerundet, daß aber die vor der jüngeren Eiszeit trockene Höhle von Menschenfressern bewohnt war, denn die Markknochen, darunter auch die von Menschen, sind zerschlagen.
Abb. 79. Altertümer in der Quedlinburger Schloßkirche.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Wenn wir unsere Wanderung durch den lauschigen, schattigen Wald ein Stündchen fortsetzen, stehen wir plötzlich unter dem Gipfel eines Berges, der mit wunderbaren Felsgebilden bedeckt ist, die an die Teufelsmauer oder die Bodensteiner Klippen erinnern, vor dem Eingange zur Steinkirche, einer natürlichen Höhle, deren Einrichtung als Kirche von der Sage dem heiligen Bonifatius zugeschrieben, von den Bauverständigen in dessen Zeit, in das achte Jahrhundert (spätestens in das neunte) gesetzt wird: der Steinaltar, die Kanzel, die Nischen für den Weihwasserkessel und ein Heiligenbild, die Balkenlöcher für das Schiff der Kirche sprechen deutlich für die Benutzung der Steinkirche als des Chores eines uralten Gotteshauses.
Von Scharzfeld wendet sich die Oder auf Pöhlde, die Klosterstiftung der edlen Königin Mathilde, bespült die vorgeschichtlichen Wallburgen des Rotenbergs und gibt ihre durch die Sieber verstärkten Wasser bei Catlenburg an die Ruhme ab, deren Quelle, die mächtigste in Deutschland, südlich von Pöhlde hervorbricht.
Die Sieber, diese Schwester der Oder, entspringt am Ostabhange des Bruchberges, verstärkt sich kräftig aus den Mooren des Rotenbruchs und hüpft und sprudelt zwischen dem Bruchberge und dem Sonnenberge in einem tief eingerissenen Thale, das trotz seiner malerischen Schönheit von den Touristen erst kaum entdeckt ist, an dem gleichsam aus den Alpen hierher versetzten Dörfchen Sieber vorüber, dem 250 Meter hoch gelegenen Flecken Herzberg zu, dessen hochragendes, weithin schimmerndes Schloß uns zu einem Besuche einladet.
Wie Scharzfeld und Pöhlde war Herzberg (Abb. 43), das von Kaiser Lothar erbaut sein soll, ursprünglich Reichsgut und gelangte erst 1157 durch Tausch in den Besitz der Welfen. Nachdem es schon der Kaiserin Maria und mehreren Herzoginnen von Braunschweig als Witwensitz gedient hatte, nahm es Heinrich der Wunderliche (mirabilis), der Stifter der Linie Grubenhagen, zur Residenz, und solche ist es bis zum Erlöschen derselben im Jahre 1596 geblieben; und als 1617 infolge einer reichskammergerichtlichen Entscheidung das von Wolfenbüttel okkupierte Fürstentum der Celleschen Linie als der nächstberechtigten zugesprochen war, nahm hier Herzog Georg, der allein von den sieben Brüdern des Hauses Celle sich standesgemäß vermählen durfte, seine Residenz; unter den acht Kindern, die ihm hier geboren wurden, ist Ernst August, der erste Kurfürst von Hannover und Vater Georgs I., des ersten Königs von England aus dem Hause Hannover. Von der alten Burg sind nur noch die Keller vorhanden; der größte Teil des jetzigen Schlosses ist nach einem schrecklichen Brande im Jahre 1510, der alle Urkunden und Lehnbücher vernichtete und dem Herzog Philipp und seiner Gemahlin kaum die Möglichkeit ließ, unangekleidet durch einen Sprung aus dem Fenster das Leben zu retten, neu aufgeführt; der Graue Flügel stammt aber erst aus dem Jahre 1861.
Das auf der südlichsten, mit seinem Abfall dem Harz zugekehrten Kuppe des Osteroder Gipszuges malerisch gelegene Schloß wirkt bei seiner einfachen Architektur besonders durch seine große Ausdehnung.
XII.
Der Brocken und das Brockenfeld.
Nördlich vom Andreasberger Dreieck und östlich von der Klausthaler Hochebene erstreckt sich stundenweit die eigenartigste Hochebene des Harzes, wie sie mit denselben Charakterzügen sich schwerlich zum zweitenmal in deutschen Gebirgen findet, das Brockenfeld. Im Westen von dem 926 Meter hohen Bruchberge und den sanfteren Erhebungen des Sonnenberges (842 Meter) und des Rehberges (894 Meter), im Süden von dem Rücken der Achtermannshöhe, dessen Hornfelskegel (926 Meter) die Alten für einen Vulkan hielten, und dem bis zu 968 Meter aufsteigenden Wurmberge begrenzt, reicht sie im Osten bis an den Brocken und seine rechte Schulter, den durch die hochragenden Hirschhörner gezeichneten Königsberg. Im Norden stellen die Lärchenköpfe und der Quitschenberg eine schwache Verbindung zwischen dem Bruchberge und dem Brocken her, doch rechnen wir auch das nördlich dieser gleichsam nur angedeuteten Begrenzung belegene, von Ecker und Radau durchschnittene Stück, das man als ein durch den Einschnitt des Okerthales abgetrenntes Glied der Klausthaler Hochebene ansehen könnte, um der gleichartigen Natur willen zum Brockenfelde.
Im Mittel 810 Meter hoch, erhebt sich diese höchste Ebene unseres Gebirges in ihrer Mitte in den „Oberen Schwarzen Tannen“ nur zu 877 Meter. Diese fast völlige Einebnung ist durch die Torfmoore erfolgt, sie haben alle Vertiefungen und Einschnitte des Untergrundes allmählich ausgefüllt. In vorgeschichtlicher Zeit war diese Wüstenei ebenso bewaldet, wie die Harzberge von gleicher Höhenlage. Die starken Fichtenstämme, die kräftigen Kiefern, die weißleuchtenden Birken (Betula alba), die Haselnußstaude, die man in den unteren Torfschichten findet, liegen sämtlich mit der Spitze nach Südwest, als hätte ein Nordoststurm den Wald niedergeworfen. Aber die Moorbildung läßt doch nur den Schluß zu, daß diese Niederlegung des Waldes auf Eruptionen des Brockengranits zurückzuführen ist, durch die zugleich Senkungen in der Oberfläche hervorgerufen wurden, in denen sich Hochmoore bilden konnten. Und die Scheereritkrystalle, die sich zwischen Rinde und Holz der in der Tiefe von dreiundeinhalb Meter liegenden wie frisch erscheinenden 60 Centimeter starken Kiefernstämme[1] gebildet haben, weisen jenes Ereignis in sehr frühe, wohl in die vorgeschichtliche Zeit.
Die kleine verkrüppelte Birke, welche auf dem Brockenfelde und in den andern Hochmooren des Oberharzes an die Stelle des Hochwaldes getreten ist, ist die grauborkige Betula pubescens, doch findet sich auch, namentlich auf dem Lärchenfelde beim Torfhause in großer Ausdehnung, die eigentliche Zwergbirke (Betula nana). Von den Weidenarten sind besonders Salix aurita und repens sowie die Bastardform S. repenti-aurita vertreten. Unter den Moosen überwiegt die Gattung Sphagnum in zehn Arten. Wegen ihrer holzigen Stengel und dichten Blätter ist die sehr häufig vorkommende Gattung Polytrichum, in geringerem Grade auch Bryum, Hypnum und Orthotrichum an der Torfbildung beteiligt. Von den Heidekräutern finden sich die Besenheide (Calluna vulgaris) und fleischfarbene Glockenheide (Erica carnea), nicht aber die Sumpfheide (Erica tretalix). Auch die Heidel- und die Kronsbeere, die Rauschbeere (Vaccinium uliginosum) und die Moosbeere (Oxycoccos palustris) gehören dem Torfgrunde an; und überall finden sich Simse und Sonnentau, Rispen- und Wollgräser, Seggen und Binsen, Knaben- und Habichtskräuter und an weniger feuchten Stellen auch der Bärlapp in sechs Arten, Labkraut und andre Harzpflanzen.
Der Torfstich hat in diesen Hochmooren trotz wiederholter Versuche aufgegeben werden müssen, da in der feuchten Luft der Torf nur selten trocken wird. Doch verdanken wir jenem die Kolonie „Torfhaus“, die größere der beiden Oasen des Brockenfeldes.
Den Gletschern der Alpen gleich, die zahlreichen Bächen und Flüssen das Leben geben und diese unausgesetzt mit ihrem Abfluß speisen, sind die Torfmoore des hohen Harzes die unerschöpflichen Wasserreservoire, aus denen seine Flüsse sich unaufhörlich versorgen, aus denen selbst Quellen, die erst am Fuße des Gebirges zu Tage treten, auf dem reinigenden Wege durch die Gesteinsklüfte ihr Wasser erhalten. Und auch die Wasserleitungen, die den Gruben und Hütten das Betriebswasser zuführen, schöpfen aus diesem unversieglichen Quell, ohne den sich niemals der großartige Betrieb bei Andreasberg und Klausthal hätte entwickeln können.
Und welche wunderbare Wirkung übt das Brockenfeld mit seiner hehren Stille, mit seiner allgewaltigen Einsamkeit auf Herz und Gemüt! Diese finsteren, warnend abwehrenden Moore bilden mit den flechtenbehangenen, spärlich genährten Fichten und Birken, die sich in Streifen hindurchziehen oder in losen Gruppen darüber verstreut sind, mit den vom Beerengestrüpp überwucherten mächtigen Granitklippen, die hier in den Breitensteinen riesigen Opferaltären vergleichbar emporragen, dort als Magdbett und Hopfensäcke von mählich verklingenden Sagen leise umweht werden, mit dem in Vergessenheit versunkenen Kaiserwege, auf dem einst schon der „Heiden“ Fuß wanderte, mit der das Feld beherrschenden Achtermannshöhe und den andern so ausdrucksvollen Bergkuppen ringsherum einen vollen und reinen Akkord, durch den der Wahlspruch der Benediktiner: Solitudo sola beatitudo gleichsam sehnsuchtsvoll und doch erquicklich als Grundton hindurchklingt und in deinem Gemüt wie einst in dem unsers Dichterfürsten Goethe die Saiten mitklingend in Schwingungen setzt.
Der 1142 Meter hohe Brocken, der zweite Berg Preußens, überragt das Brockenfeld nur um etwa 370 Meter und imponiert von hier aus nur durch seine massige Form. Dagegen schiebt er im Nordosten seinen Fuß bis an den Rand des Gebirges vor, um 900 Meter hoch aus der Ebene von Wernigerode und Ilsenburg aufzusteigen, und gewährt von dieser Seite einen imposanten Anblick.
Sein Fuß steht in der Region des Nadelwaldes. Es sind dunkle, hohe Fichten, zwischen denen wir hinansteigen. Aber bald wird der Wald lichter, Granitbrocken und Scherben bedecken den Boden, Himbeer- und Brombeerstrauch erklettern die mit Flechten überzogenen Trümmer; hier hält eine Fichte einen Granitblock, ihre Wurzeln immer tiefer in seine engen Spalten treibend, fest umklammert, dort breiten Heidelbeere und Heidekraut über den mit Erde gemischten „Hexensand“, einer Anemone oder einem Habichtskraut Schutz gewährend, ihr dunkelglänzendes Gewand. Doch auch anspruchslose Gräser finden ihre spärliche Nahrung auf geeigneten Fleckchen. So ist dieser Brockengürtel, der im Norden und Nordosten fast die Form der Hochebene annimmt, zugleich die Region der Viehhöfe.
Bei weiterem Ansteigen gelangen wir in die Region der Brüche und Moore, zu denen außer dem Brockenfelde das Jakobs-, das Landmannshohne- und das Hannekenbruch gehören. Nur einige Forsthäuser liegen in dieser Einöde.
Und nun noch ein kräftiges Ansteigen durch wirre Klippenfelder, die wunderlich gestaltete Fichten tragen, wie sie sich eignen würden für die Faust des Wilden Mannes auf unseren Münzen; das Wurzelwerk oft hochhin freistehend oder eingekeilt von Felsengebröckel, der Stamm knorrig und wetterhart, in dichte Moosdecke wie in wärmenden Pelz gehüllt, der Gipfel fast immer gebrochen oder in Knickung seitwärts gelenkt, die zerzausten Zweige fest anliegend, dicht mit weißgrauer Flechte bedeckt und hie und da mit langen Zotten der Bartflechte behangen; und unter jedem Steine fast und jedem Baume flüstert geschwätzig und surrt und brodelt das quellende Wasser. Doch schon befinden wir uns auf dem abgerundeten Gipfel des Brockens (Abb. 44). Schneidend fegt der Wind über die baumlose Kuppe, Wolken umtanzen gespensterhaft die Granitkolosse, für die man die Namen Teufelskanzel, Hexenaltar, Hexenwaschbecken erfunden hat, und plötzlich umfängt uns beängstigend der dichte Nebel. Beschleunigten Schrittes eilen wir dem gastlichen Brockenhause zu. Welche Enttäuschung! Vielleicht werden wir — wie sogar der Oberlehnsherr des Brockens König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Gemahlin am 31. Mai 1805 — den Rückweg antreten müssen, „ohne etwas gesehen zu haben“.
Doch ruhig nur! uns ist der Vater Brocken hold. Sieh, da kommt ein Riß in die Wolken, und durch den Spalt erblicken wir wie durch eine Waldschneise sonnbeschienen, hellstrahlend das herrliche Fürstenschloß Wernigerode und darüber in dem hellen Streifen Türme und Dörfer bis in die weite Ferne. Da saust eine neue Wolke herein, und das Bild ist verschwunden. Aber wie durch Zauberkunst thut bald hier bald da ein andrer Wolkenspalt sich auf, jetzt über das Brockenfeld hinaus bis nach Klausthal, jetzt gar bis nach dem Possenturm bei Sondershausen, dem Gothaer Schlosse und dem Inselsberge.
Und nun legt sich der Wind, und die Sonne beginnt den Kampf mit den Wolken und erringt den Sieg: schon ist der Brockengipfel frei, und rings an der Kuppe sinkt der Nebel tiefer und tiefer. Wir stehen auf einer hellbeleuchteten Insel im weiten, wallenden Wolkenmeere, jetzt tauchen auch Königsberg und Heinrichshöhe auf und verbinden sich mit dem Brocken. Wurmberg, Acker, Kahlenberg und andre Inseln erscheinen, die Buchten werden kleiner, die Halbinseln wachsen, der ganze Oberharz wird zum Festlande. Mählich tritt dann der Nebel auch im Südosten zurück, der Unterharz taucht auf, und nun liegt das ganze Gebirge so klar, so wunderschön vom weißen Meere unabsehbar umflutet und umspült, — ein entzückendes Schauspiel. „Heiterer, herrlicher Anblick!“ jubelt unser Goethe, „die ganze Welt in Wolken und Nebel, und oben alles heiter!“
Auch das Relief des Brockengebirges, das man vom 18 Meter hohen Turm gewinnt, ist unter allen Umständen interessant. Die Brockengruppe im engeren Sinne, von der Kalten Bode, der Ecker und der Ilse begrenzt, umfaßt außer dem Brocken die 1045 Meter hohe Heinrichshöhe und den 1030 Meter hohen Königsberg, seine beiden „Schultern“. Im weiteren Sinne gehören zum Brockengebirge namentlich noch: im Norden der Pesekenkopf (645 Meter), der Scharfenstein (696 Meter), der Meinekenberg und der Sandthalskopf; im Osten der Gebbersberg (685 Meter), der Renneckenberg mit den wilden Zeterklippen (929 Meter) und den nicht weniger wilden Hohneklippen (902 Meter), der Erdbeerkopf (857 Meter) und der Arensklint; im Süden der Barenberg mit den Schnarcherfelsen, der große und kleine Winterberg (902 und 837 Meter) und der Wurmberg (968 Meter).
Abb. 84. Inneres der Cyriakikirche zu Gernrode.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Bei völlig klarem Himmel, wie ihn wohl ein heller Wintertag oder ein Sommertag, dem eine recht warme Nacht vorangegangen ist, bieten kann, umfaßt der Gesichtskreis mehr als den 200. Teil von Europa, und zwischen den 250 Kilometer voneinander entfernten äußersten Punkten — wie dem Rhöngebirge und dem Hagelsberge bei Brandenburg, oder dem Kolm bei Oschatz und der Westfälischen Pforte — kann man nach des Brockenwirts Nehse Verzeichnis 89 Städte und 668 Dörfer erkennen. „Ja, man könnte das Meer sehen, wenn es möglich wäre,“ sagt treuherzig der alte Happel. Wir aber begnügen uns, in der endlosen, einförmigen Ebene, in der Hügel und Berge wie Maulwurfshaufen untergehen, die Türme von Hannover und Braunschweig, von Leipzig und Halle, von Magdeburg und Stendal und einigen andern Städten, das Schloß zu Gotha und die Wartburg, den Petersberg und die Gleichen, den Herkules auf der Wilhelmshöhe und den Klüt bei Hameln zu erkennen und richten von den in der Ferne mit etwas auffälligeren Strichen eingetragenen Bergketten des Meißner, des Westerwaldes, des Rothaargebirges, des Vogelsberges, der Rhön, des Thüringerwaldes und des Süntels, um dem Auge abschließend einen sammelnden Ruhepunkt zu bieten, noch einmal auf das Brockenfeld und die Außenkuppen und Thäler des Brockengebirges.
Dieser tadellose Rundblick bei völlig wolkenfreiem Himmel ist keineswegs das Schönste, was der Brocken bietet, aber zu verachten ist er doch auch nicht. Was hat man „an diesen langen charakterlosen Horizontallinien, die dick aufeinander liegen, ohne Anfang und Ende? Da ist gar nichts, was sich hebt und die Aufmerksamkeit zusammenhält und leitet, kein Vorgrund, kein Mittelgrund, kein Gedanke von Einheit des Ganzen. Die Kirchtürme sind angeklebt an die Wiesen wie behauene Balken, und das Licht schiebt sich dick und gleichförmig über das alles weg.“ So sagt Leopold von Buch, der berühmte Geologe, in seinem launigen Vortrage vom Brocken freilich, aber wenn er abschließend fortfährt: „Nicht die Schönheit, nicht die Ferne der Gegenstände“ ist es, was uns auf dem Brockengipfel so mächtig bewegt, „sondern die Wirklichkeit, die Wahrheit und das aus ihr hervortretende lebendige Gefühl der Freiheit“, so müssen wir ihm zustimmen.
Von überwältigendem Eindruck kann ein Besuch des Brockens im Winter werden, wenn der sich in Rauhreif umsetzende Nebel nicht nur jede einzelne Tannennadel gleichsam überzuckert hat und die teilweise ineinander geflossenen, in der Sonne glitzernden und blitzenden Krystalle und Eisdiamanten die Form des Baumes überwältigen, so daß die wunderbarsten Gestalten, die Märchen und Phantasie ersinnen können, manche fast gespensterhaft und beängstigend, uns rechts und links erwarten und einander ablösend begleiten. Aber auch schon die bloße Schneedecke hebt das Bild, das der Brocken uns bietet, gar wirkungsvoll. Und wer ein Gewitter dort oben erlebt — vom Brockengespenst gar nicht zu reden — dem wird der Tag für immer unvergeßlich sein.
Wenn sich außer den nach Schätzen suchenden Venedigern auch einzelne kühne Jäger und andere ortskundige Waldleute schon verhältnismäßig früh ausnahmsweise auf den „Brakenberg“ hinaufgearbeitet haben mögen — eine dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts angehörende Hand berichtet in einem Zusatz zu der Abhandlung „von der Herkunft der Sachsen“ von einem Quell auf seinem höchsten Gipfel — so ist doch der berühmte Arzt und Botaniker Johann Thal († 1583) der erste dem Namen nach bekannte Brockenbesucher, und erst im achtzehnten Jahrhundert wurden die Brockenfahrten häufiger. 1736 ward deshalb auf dem Gipfel das Wolkenhäuschen, 1743 auf der Heinrichshöhe zunächst für Torfstecher, und 1800 auf dem Brocken selbst ein Gasthaus und 1835 der erste Turm erbaut. Die Zahl der Besucher stieg von 138 im Jahre 1753, 292 im Jahre 1778 auf etwa 30000 im Jahre 1896: seitdem aber führt das Dampfroß (Abb. 45) im Sommer ungezählte Scharen hinauf, und die Verallgemeinerung des selbst im Oberharze noch vor wenigen Jahrzehnten unbekannten Schneeschuhsports (Abb. 46) macht den Brocken auch im Winter zugänglicher und seine Besteigung weniger gefährlich.
Vom Thüringer Wendelin Helbach, Thals Zeitgenossen, an hat manch Dichter den Brocken besungen, aber ein Denkmal für alle Zeiten hat ihm, und zwar ihm allein unter allen deutschen Bergen, Goethes gewaltige, Natur und Sage zur Einheit verschmelzende Dichtung im „Faust“ gesetzt.
Fußnote:
[1] Die Ansicht einiger, daß Fichte und Kiefer erst in geschichtlicher Zeit (aus dem Vogtlande, sagt Hampe noch dazu) in den Harz eingeführt seien, ist grundfalsch.
XIII.
Radau, Ecker und Ilse.
Das Brockenfeld entsendet nach Norden zwei jugendlich übermütige Flüßchen, die Radau und die Ecker.
Die Stelle, wo die Radau nach kurzem Laufe aus dem Gebirge tritt, ist die schönste im Westharze. Steil fallen die hohen und mannigfaltig geformten, mit freundlichem Buchenwald bewachsenen Berge zu der jungen Stadt Harzburg ab (Abb. 47), die sich mit ihren großartigen Gasthöfen (Abb. 48) und glänzenden Villen dazwischen und davor lagert, und bieten mit dieser vor allem dem Wanderer, der vom Ahrendsberger Forsthause oder auch vom Torfhause über den „Dreckpfuhl“ kommt, ein überraschend prächtiges Bild. Und ein Gang durch dies vornehmste unserer Bäder über die der Gesellschaft zum Sammelpunkt dienenden „Eichen“ an der plätschernden Radau und weiter an den großen Gabbrobrüchen hinauf bis zu den Radaufällen (Abb. 49) und zurück über das Molkenhaus gehört zu den lohnendsten und lieblichsten Partien unseres Gebirges.
Der Burgberg, der zweimal eine Kaiserburg trug, ist mit seinen 482 Metern nicht der höchste und weitschauendste, aber durch seine hart vorspringende Lage und seinen finstern Tannenwald der bedeutendste und wirksamste. Trotz seiner Steilheit ist er auf wohlgepflegten Fußwegen bequem zu ersteigen.
Die erste, von Heinrich IV. erbaute Burg ward im März 1074 von dem durch die aufständischen Sachsenfürsten aufgestachelten Pöbel schmählich zerstört. Die zweite, zum Schutz der Reichsstadt Goslar gehörend, erstand i. J. 1180 auf Befehl Barbarossas, der den Oberbefehl über die hineingelegten Reichsdienstmannen den Grafen von Woldenberg übertrug. Am 18. August 1218 endete hier beim Grafen Heinrich I. der Welfe Otto IV. sein Leben.
Im Jahre 1269 von den Grafen von Woldenberg an die Grafen von Wernigerode verpfändet, ward diesen die Burg hundert Jahre später von dem Herzog von Braunschweig in einer Fehde abgenommen. Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts machten von hier aus die Herren von Schwiecheldt, die als Amtleute und Pfandinhaber auf der durch ihre Lage überaus festen Burg hausten, weit und breit die Lande durch ihre Räubereien unsicher, und erst den Bombarden der verbündeten Fürsten, Bischöfe, Grafen und Städte gelang es 1415, ihre Mauern zu brechen (Abb. 50). Im dreißigjährigen Kriege in den Händen der Dänen, war sie ein Stützpunkt der Harzschützen. Aber 1650 wurden ihre 500jährigen Mauern auf Befehl des Herzogs in das Thal gestürzt und die Burg als Steinbruch benutzt. Nur geringe Mauerreste und der 57 Meter tiefe Brunnen sind von dieser berühmtesten aller Harzburgen auf unsere Tage gekommen. Aber Tausende von Fremden führt alljährlich die Erinnerung an die Geschichte dieser Stätte, auf der 1877 auch die „Canossasäule“ errichtet ist, mehr noch der, wenn auch beschränkte, doch hübsche Blick in das tiefe, schmucke Radauthal und über die zu den Füßen liegende Stadt hinaus auf Braunschweig und Wolfenbüttel mit dem Fallstein, dem Elm und der Asse im Hintergrunde auf die tannenumrauschte Höhe.
Nachdem die Radau noch Vienenburg bespült hat, dessen Domanialgebäude mit den Umfassungen auf den Mauern der alten Burg ruhen, gibt sie am Fuße des Harlyberges Namen und Wasser an die Oker ab.
Die Ecker hat ihre Quelle unter den Hirschhörnern unfern des zum Königsberge führenden schönen Goethe-Weges, in unmittelbarer Nachbarschaft des Bodesprunges. Ihr Thal wird von dem von Harzburg auf den Brocken führenden Fußwege bei der Dreiherrenbrücke (dem früheren Grenzpunkte zwischen Hannover, Braunschweig und Wernigerode) und von den von Harzburg nach Ilsenburg über die Rabenklippen (Abb. 51) und durch den Schimmerwald führenden schönen Wegen oberhalb des Eckerkruges, der den Austritt der Ecker aus dem Gebirge bezeichnet, gekreuzt; doch auch eine Wanderung durch den ernsten, düsteren Fichtenwald den rauschenden, felsigen Bach entlang, hat in der erquickenden friedlichen Einsamkeit ihre Reize. An den Ruinen der Stapelnburg vorüber, auf der Graf Gerhard, mit dem 1383 das einst so berühmte Geschlecht der Woldenberger erlosch, seine letzten Jahre verlebte, wendet sich die Ecker der Oker zu.
Das eigentliche, echte Brockenkind ist die Ilse. Sie entspringt an der Heinrichshöhe und sammelt, rechts vom Renneckenberg begleitet, alle dem Brocken nordöstlich abströmenden Bächlein und Rinnsale. Wo sie in den Stromschnellen der Ilsefälle fröhlich und geschwätzig über die Felsgebilde tänzelt, wendet sie sich nordöstlich, durchbricht das großartige Felsenthor, das die Granitpfeiler des 460 Meter hohen, 150 Meter das Thal überragenden Ilsesteins und des gewaltigen Westerberges bilden, und eilt, immer noch mutwillig, aber etwas ruhiger, dem sich an den Gebirgsrand drängenden Flecken Ilsenburg zu.
Das Ilsethal ist wohl das anmutigste und lieblichste im ganzen Harze. Eine Wanderung von den „Roten Forellen“ an der klaren Ilse hinauf, deren silberne Wellen kühlend uns entgegenrauschen, bis zu den Ilsefällen (Abb. 52), wo die Wasser, in denen die wunderschöne, alle Guten beglückende Prinzessin sich badet, sich bald zu einem breiten, glänzenden Spiegel ausbreiten, bald in zahllose Bänder aufgelöst, kraus die Felsen umschlingen, bald wild aufschäumend und zischend sich zwischen einengenden Felsen hindurchdrängen oder aus Steinspalten neckisch hervorsprudeln, gehört, wenn die Touristenschwärme nicht allzu sehr stören, zu den höchsten und nachhaltig wirkenden Genüssen im Harze. Auch den Ilsestein mit seinem Kreuze, dem vom Grafen Anton den im Befreiungskriege Gefallenen errichteten Denkmal, besteigen wir, so befriedigend auch die Aussicht in die liebliche Landschaft ist, vor allem doch nur, um auch von hier aus das unvergleichlich reizvolle Thal zu genießen. Vielleicht setzen wir aber unsern Spaziergang noch um ein Kleines fort, um unter den schattigen Eichen der 530 Meter hoch gelegenen Plessenburg ein Viertelstündchen zu rasten und uns dabei des vom Förstertöchterchen verschmähten Ernst Schulze, des Dichters der „Bezauberten Rose“ und der „Cäcilie“, zu erinnern.
Im Flecken Ilsenburg (Abb. 53), der sich in das stimmungsvolle Bild des Thales harmonisch einordnet, zieht uns von allem das fürstliche Schloß an, das außer einem Neubau auch die stilvoll restaurierten Überreste der romanischen Klosterbauten umfaßt. Ursprünglich ein königliches Besitztum, wurde die Elysinaburg unter der Gunst der Kaiser Otto II. und Heinrich II. vom Halberstädter Bischof Arnulf in ein Kloster umgewandelt, das schon unter dem Abte Herrand, dem Neffen des Bischofs Burchard zu hoher Blüte gelangte, später aber unter Kriegen und Fehden schwer zu leiden hatte. Am 1. Mai 1525 von den Bauern erstürmt, wurde es von seinem erlauchten Schirmherrn nach Annahme der Reformation in eine Schule umgewandelt, die erst unter den Schrecken des dreißigjährigen Krieges zu Grunde ging. Eine neue, bessere Zeit hatte sich aber bereits dadurch vorbereitet, daß Graf Heinrich das Kloster 1609 zum Witwensitz für seine Gemahlin ausbaute, und zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war es sogar Residenz des regierenden Grafen.