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About This Book

Die Monographie vermittelt einen kompakten Überblick über Geographie, Geologie und Klima des Harzgebirges und beschreibt seine unterschiedlichen Landschaftsräume, von Hochebenen und dichten Nadelwäldern bis zu tiefen Tälern, Flussläufen und dem markanten Brocken. Sie behandelt historische Entwicklung, Siedlungsbild und Alltagsleben der Bewohner sowie wirtschaftliche Nutzungen wie Forstwirtschaft, Bergbau und Landwirtschaft. Zahlreiche photographische Abbildungen und eine farbige Karte veranschaulichen Geländeformen, Ortschaften, Gewässer und typische Pflanzenbestände, und örtliche Sagen, wechselnde Naturstimmungen sowie die Beziehungen zwischen Vorland und Gebirge runden die Darstellung ab.

XIV.
Die Holtemme.

Während die Ilse noch der Oker und damit der Weser zuströmt, gehört die am Renneckenberge entspringende Holtemme bereits der Bode und also dem Elbegebiete an. Fast so eilfertig wie die Ilse, hat sie nächst dieser (1 : 10½) das stärkste Gefälle (1 : 18) von allen Harzgewässern. Durch einen unter den wilden Hohneklippen, welche die Hochebene um 400 Meter steil überragen, entspringenden Bach verstärkt, hat sie ihren Glanzpunkt in der Steinernen Renne (Abb. 54): in einer engen, finstern Waldschlucht stürzen ihre fast zu Schaum sich auflösenden Wasser in einer langen Reihe von Kaskaden, die zur Zeit der Schneeschmelze oder nach einem kräftigen Gewitterregen wohl an alpine Wasserstürze erinnern können, über die von Granitblöcken gebildeten Terrassen wild in das Thal hinab.

Wernigerode.

Von rechts vereinigt sich mit dem Thal der Holtemme das Drängethal, in welchem Chaussee und Eisenbahn von Wernigerode aus über „Drei Annen-Hohne“, die Hochebene, Schierke und den Brocken erklettern. In dem bei der Vereinigung sich weitenden und seine Schönheit einbüßenden Thale erstreckt sich unendlich lang das Dorf Hasserode, ein Vorort Wernigerodes, und im rechten Winkel dazu setzt sich östlich an die Stadt der Flecken Nöschenrode, der sich fast in gleicher Länge im Zillier- (oder Mühlen-) Thale hinaufzieht. Der Zillierbach hat seine Quellen südlich von den Hohneklippen am Erdbeerkopfe und wird auf seinem linken Ufer von nicht unbedeutenden Höhen, dem 535 Meter hohen Salz- und dem 518 Meter hohen Hilmarsberge, begleitet, sein Thal hat aber, im Gegensatz zum Thal der Holtemme, unterharzischen Charakter.

Auf mächtigem, waldigem Berge erhebt sich, 120 Meter über der Stadt, inmitten herrlicher Gärten und Parkanlagen, mit stattlichen Türmen und blinkenden Zinnen das fürstliche Schloß (Abb. 55), ein prachtvoller Neubau, in den sich die benutzbaren Reste der alten Grafenburg harmonisch einfügen. Entzückend schön ist dort oben der Blick über die reizvollen Waldthäler, unter denen das Christianenthal (Abb. 56) mit seinen Teichen und Wiesen, seinen Weiden und Riesenfichten sich durch Lieblichkeit auszeichnet, in die tannengekrönten Harzberge bis hin zum alles beherrschenden Brocken und über die stattliche Stadt zu Füßen hinweg in die weite, lachende Ebene mit den dicht hingestreuten Ortschaften. Nimmt es unter den Harzschlössern jetzt entschieden die erste Stelle ein, so werden ihm überhaupt nur wenige Bergschlösser in Bau und Lage an Schönheit gleichkommen.

Die erste Burg über dem von einem unbekannten Werniger angelegten Dorfe erbaute zwischen 1117 und 1121 der Graf Adalbert von Haimar und schrieb sich seitdem Graf von Wernigerode. Als dessen Nachkommen am 3. Juni 1429 mit dem Grafen Heinrich ausstarben, gingen die Besitzungen des Geschlechts an die mit ihm erbverbrüderten Grafen zu Stolberg über. In den nächsten Jahrhunderten war Wernigerode nicht die ständige Residenz des regierenden Grafen, sondern meistens nur der Wohnsitz der jüngeren Söhne und Brüder; doch feierte Graf Wolfgang, das Haupt der Familie, hier im Juni 1541 seine Vermählung mit der Gräfin Dorothea von Blankenburg. Erst Graf Christian Ernst, der 1712 nach dem Tode seines Oheims Ernst zur Regierung kam, versetzte die Hofhaltung von Ilsenburg, das seit der Erbteilung von 1645 Residenz geworden war, dauernd nach Wernigerode. Die von seinen Brüdern begründeten Linien Gedern und Schwarza erloschen 1804 und 1748, so daß die reichen Besitzungen des durchlauchtigen Hauses wieder sämtlich vereinigt sind.

Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich von 4036 im Jahre 1813 auf 11600 im Jahre 1900 gehoben. Damals durch ihre engen, schmutzigen Straßen mit abscheulichem Pflaster bekannt, gehört „die Stadt vor dem Brocken“ (Abb. 57) mit ihren ansehnlichen, schmucken Neubauten, ihren breiten, wohlgepflegten Straßen, mit denen schöne Promenaden wetteifern, jetzt entschieden zu den schönsten unserer Harzstädte. — Von mittelalterlichen Bauwerken hat sich außer dem stilgerechten Rathause (Abb. 58) von 1498 noch manches interessante Wohnhaus erhalten, von denen besonders das Gadenstedtsche aus dem Jahre 1582, das Gotische und das Frankenfeldsche der Besichtigung wert sind (Abb. 59). Von Wernigerode wendet sich die Holtemme über Halberstadt der Bode zu.

Halberstadt.

Der berühmte Bischofssitz Halberstadt (Abb. 61) ist eine der ältesten Städte in unsern Gegenden und trägt in seinen alten Straßen ein ehrwürdiges, mittelalterliches Gepräge. Besonders interessant ist der in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in Fachwerk erbaute Ratskeller am Fischmarkte. Ihm gegenüber erhebt sich das altertümliche Rathaus (Abb. 60), ein gotischer Steinbau aus der Zeit von 1360 bis 1381 mit späteren, jedoch die Wirkung des Bildes nicht störenden Anbauten. Den Domplatz, an dem auch der Petershof, die frühere Residenz der Fürstbischöfe, liegt, begrenzen zwei alte Gotteshäuser, die mit vier Türmen gezierte romanische Liebfrauenkirche, deren älteste Teile fast bis zum Jahre 1000 zurückreichen, und der majestätische Dom (Abb. 62), das herrlichste, großartigste Gotteshaus der Harzlande: bald nach dem Jahre 1179, in dem Heinrich der Löwe die erste bischöfliche Kirche niederbrannte, begonnen, konnte er erst 1491 geweiht werden, und die Türme, an denen auch gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, sind gar erst vor wenigen Jahrzehnten in Abschluß der 1847 angefangenen Restauration der Kirche in ihrer ganzen Höhe fertig gestellt. Wie vor dem Rathause ein riesengroßer Roland, so befindet sich vor dem Dome der Lügenstein, das Wahrzeichen der Stadt. Hinter dem Domchor liegt das einfache Haus des „Vaters“ Gleim, der hier von 1747 bis 1803 als Domsekretär lebte. In seinem „Freundschaftstempel“ umschließt es mehr als hundert Bildnisse von Dichtern und Schriftstellern, Fürsten und Helden, einst fast alles Gäste dieses Hauses, sowie ihren Briefwechsel mit Gleim und eine wertvolle Bibliothek.

Im Süden wird Halberstadt fast von dem Goldbache berührt, der sich bei Wegeleben in die Bode ergießt. Von diesem Bache erstrecken sich drei parallele Hügelketten von Nordwest nach Südost bis an die Ufer der Bode. Die nördliche beginnt mit den Spiegelsbergen, einem schönen öffentlichen Parke, den der Domdechant von Spiegel, Gleims Zeitgenosse, auf der bis dahin öden Anhöhe geschaffen hat; unter den wirkungsvollen Baumgruppen fallen besonders die alten Kiefern ins Auge. An diesen Park, dessen Turm auch eine hübsche Aussicht bietet, schließt sich die hochinteressante Felsenstadt der bewaldeten Klusberge, die sogenannte Halberstädter Schweiz. Am nordwestlichen Fuße des dritten Zuges, der im Hoppelberge bis zu 309 Meter aufsteigt und einen wundervollen Blick auf Berg und Land gewährt, liegt, vom Goldbach bespült, inmitten eines herrlichen Parkes das Schloß Langenstein, in dem einst Goethe die schöne Frau von Branconi, die Geliebte des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig und Freundin Lavaters, besuchte. An der Ruine der benachbarten Altenburg und weiterhin finden sich in den Felsen gehauene Höhlungen, die noch heute — wohl ein Unicum in ganz Deutschland — als Wohnungen benutzt werden.

Kloster Michaelstein.

Dem Goldbach aufwärts bis zum Gebirge und dann im lauschigen Klostergrunde dem Rippenbach folgend, gelangen wir bei seinem Quell, dem Volkmarsbrunnen, an den Volkmarskeller, zwei in den Fels gehauenen Gewölbe, in denen im Anfange des zehnten Jahrhunderts die fromme Klausnerin Liutburg, die selbst der heilige Ansgar von Bremen besuchte, und später der Einsiedler Volkmar mit seinen Genossen hauste. Die auf der benachbarten Klippe jüngst bloßgelegten Grundmauern sind die letzten Reste des ältesten Klosters Michaelstein, das sich zwischen 1139 und 1148 aus jener Brüderschaft entwickelte. Aber den Cisterziensern, die aus Altenkampen hier einzogen, war der Ort zu rauh und abgeschieden, schon nach einigen Jahrzehnten zogen sie thalabwärts und gründeten am anmutigen Ausgange des Klostergrundes Neu-Michaelstein (Abb. 63 und 64). Von allen Seiten reich begabt, gedieh das Kloster trefflich bis in das sechzehnte Jahrhundert. Im Frühling 1525 aber stürmten es die Rotten wütender Bauern, und acht Jahre später ward es von Wilhelm von Haugwitz, einem Feinde des Herzogs Georg von Sachsen, niedergebrannt. In dem wieder erstandenen und zu Luthers Lehre übergetretenen Kloster, in dem zeitweilig eine Schule eingerichtet war, führten bald die Grafen von Regenstein und nach deren Erlöschen die Herzöge von Braunschweig den Abtsstab. Der letzte dieser fürstlichen Abte ist der „tolle Christian“ des dreißigjährigen Krieges, zugleich Bischof von Halberstadt. Auf unsere Tage sind vom alten Kloster nur der schöne gotische Kreuzgang, das romanische Refektorium und eine Krypta gekommen.

Dem Klostergut Michaelstein gegenüber, das jetzt ein Vorwerk der Domäne Heimburg bildet, steigt 100 Meter hoch aus der Ebene der Regenstein (Abb. 65) auf, ein 2 Kilometer langer Quadersandsteinfelsen, eine natürliche Festung mit ruinenartigen Türmen und Thoren. An der kleinen Roßtrappe, einer interessanten Felsbildung, vorüber, gelangen wir an die Trümmer der um das Jahr 1100 erbauten Grafenburg. Alle Gemächer, auch die im Anfange dieses Jahrhunderts zum Tanzsaal entweihte Kapelle, sind in den gewachsenen Felsen eingehauen, von den auf den jäh abstürzenden Platten und Kuppen einst vorhanden gewesenen Türmen, Mauern und Gebäuden sind nur noch Spuren vorhanden.

Blankenburg.

Das mächtige Grafengeschlecht, dem auch die Linien Blankenburg und Heimburg angehören, beherrschte nicht nur das heutige braunschweigsche Fürstentum Blankenburg, sondern besaß auch noch einen großen Teil der Vorlande des Harzes, und die ihm zustehende Edelvogtei des Kaiserstiftes Quedlinburg verlieh ihm noch besondere Bedeutung und Glanz. Da begannen im vierzehnten Jahrhundert die Bischöfe von Halberstadt, vor allem Albrecht V. aus dem Hause Braunschweig, mit großer Beharrlichkeit die Grafen aus ihrer Machtstellung im Harzgau zu verdrängen. Nicht ohne Bewunderung und Teilnahme kann man das mannhafte, aber unglückliche Ringen der Grafen gegen den mächtigen Nachbar, der auch unwürdiger Waffen sich zu bedienen keinen Anstand nahm, ihr einmütiges Zusammenhalten im Kampfe um ihr gutes Recht im einzelnen verfolgen, und der Heimburger Albrecht III., den die Volkssage als den Raubgrafen bezeichnet, diesen thatkräftigsten aller Regensteiner, der auch in der Notwehr das Recht des andern achtet, darf unsrer wärmsten Sympathie sicher sein, wenn wir ihn 1348 unter tückischem Schwert verbluten sehen.

Albrechts Nachkommen verarmten im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert trotz aller Sparsamkeit — Graf Ulrich verbrauchte für seine Person jährlich nur 939 Gulden — mehr und mehr, und am 4. Juli 1599 ging still und ruhmlos, in Elend und Dürftigkeit, von niemanden beklagt, von niemanden beachtet, der Letzte des Grafenstammes zu Grabe, der einst zu den mächtigsten, geachtetsten und gefürchtetsten gehört, der Hunderte von Rittern, Kirchen und Klöstern mit reichen Besitzungen beschenkt und beliehen hatte, dessen Waffen einst im fernen Norden ebenso laut und siegreich erklangen wie im fernen Süden am Grabe des Erlösers.

Im Jahre 1670 bemächtigte sich der Große Kurfürst als Inhaber des Bistums Halberstadt des Regensteins und begann nach Fargells Plane den Umbau der Festung, der sich 50 Jahre lang hinzog. Die zahlreichen in den Felsen gesprengten Kasematten rühren aus jener Zeit. Aber als sich die Festung im Ernstfalle nicht bewährte — zweimal fiel sie im siebenjährigen Kriege in die Hände der Franzosen — ließ Friedrich sie schleifen, die Mauern bis auf den Boden, die Gebäude bis auf den Grund zerstören. Noch heute ist der Regenstein eine preußische Enklave im braunschweigischen Gebiete.

Einer Lilie gleich im Kranze grüner Waldberge, die sie im Halbkreise umgeben, leuchtet die Blankenburg (Abb. 66) von dem hellen Kalkfelsen des Blankensteins weit hinaus in die Vorlande.

Während alle andren Randstädte des Harzes am Ausgange eines Flußthales liegen, steigt Blankenburg (Abb. 67 u. 68), als wollte es an die schützende Burg sich anschmiegen, terrassenförmig, wie aus südlichen Landen hieher versetzt, den Schloßberg hinan. Vom hochgelegenen Marktplatze, an dem wir das in seinem ältesten Teil schon aus dem Jahre 1233 stammende Rathaus betrachten, klimmen wir auf 76 Stufen zur Bartholomäuskirche hinauf, von der ehemals statt des jetzigen steilen Weges eine Treppe von 266 Stufen zur Schloßrampe hinaufführte.

Die älteste Blankenburg fand ihren Untergang in den Kämpfen Heinrichs des Löwen und Kaiser Barbarossas. Das neue Schloß, anfangs ein einfacher Bau, ward im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, als es den Grafen auf dem Felsenneste im Regenstein ungemütlich wurde, bedeutend erweitert und umgebaut, doch brannte 1546 das „Haupthaus“ in einer entsetzlichen Feuersbrunst, aus welcher Graf Ulrich, ohne seiner erstickenden Gemahlin helfen zu können, kaum das Leben rettete, wieder nieder; und kaum war nun endlich 1595 der Bau vollendet, da schloß der letzte Blankenburger, ein Knäbchen von drei Jahren, die Augen.

Im Jahre 1690 wurde Blankenburg, sehr zur Freude und zum Vorteil der durch den dreißigjährigen Krieg schwer geschädigten Bürger, ständige Residenz. Herzog Ludwig Rudolf schlug hier seinen glänzenden Hof auf und suchte Ludwig XIV. in üppigen Festen und Jagden und Komödien zu überbieten und was sonst an Zeit noch blieb, mit Pegnitzer Schäferspielen und adeligen Bauernhochzeiten auszufüllen. Und als die älteste Prinzessin die Gemahlin des (späteren) Kaisers Karl VI. und die zweite die des russischen Thronfolgers Alexei ward, gestaltete sich die Hofhaltung noch luxuriöser. Doch bald waren die Tage des Glanzes vorüber, denn als Ludwig Rudolf 1731 auch Braunschweig erbte, verlegte er dahin seine Residenz.

Daß die Kaiserin Maria Theresia einen großen Teil ihrer Kinderjahre bei den Großeltern in Blankenburg verlebt hatte, kam der Stadt im siebenjährigen Kriege zu gute: die österreichischen Truppen mußten sie schonend behandeln.

Von 1796–98 war Blankenburg die Zufluchtsstätte des späteren französischen Königs Ludwig XVIII.; da wohnten Grafen, denen in der Heimat kaum ein Schloß geräumig genug gewesen war, in engen Dachkammern.

Das außen nüchtern sich darstellende Schloß enthält viele Prunkzimmer und wertvolle Gemälde, aber schöner noch ist der Blick durch die Fenster auf die waldumkränzten Berge, in die reichgeschmückten Thäler, und ein Gang durch die prächtigen Gartenanlagen, die unmittelbar in hohen Buchenwald übergehen.

XV.
Die Bodelandschaft.

Wir kehren noch einmal auf das Brockenfeld zurück, um auch der Bode, dem bedeutendsten seiner Flüsse, das Geleit durch den Harz zu geben.

Von ihren Quellflüssen entspringt die Kalte Bode unter dem Königsberge, mit der Ecker in demselben, höchst gelegenen Moore, und plätschert zwischen Königsberg und Erdbeerkopf einer- und Wurmberg und Barenberg anderseits der „Gegend der Elenden und Schurken“ zu.

Schierke.

Schierke (Abb. 70), das seit 1888, dem Jahre seiner „Entdeckung“, sich mit fast fieberhafter Bauthätigkeit zu einem der besuchtesten und vornehmsten Badeorte aufgeschwungen hat, ist das einzige Dorf mit Brockencharakter (Abb. 69). In gleicher Höhenlage mit der Stadt Klausthal, wird es eng von hohen, finsterbewaldeten Bergen eingeschlossen; wunderbare Granitfelsen, wie die regelmäßig geschichtete Mauseklippe, die „langen Felsennasen“ der magnetischen Schnarcher, zwei von Riesenhand roh erbaute 26 Meter hohe Türme, von denen sich Thal und Dorf prächtig übersehen lassen, die Schersthor- (das ist Thors Thor) Klippen, der Arensklint (d. i. Adlerklippe) (792 Meter) und die Feuersteinsklippen, ragen seitwärts empor, und Waldgrund und Wiese sind mit großen und kleinen Granitbrocken dicht übersät. Bei Elend, das dem 100 Meter höher gelegenen Schierke als Sommerfrische nachzukommen sucht — wir gelangen dorthin auf herrlichem, die rauschende Bode begleitenden Pfade — tritt diese aus dem Granitgebiete heraus und wird, wie um sich von dem Gefälle von 400 Meter zu erholen, ein stilles, harmloses Wiesenflüßchen. Es gibt im Harze keinen gleich großen landschaftlichen Gegensatz so unmittelbar nebeneinander.

Unterhalb des Hüttenortes Königshof, der eine Fortsetzung der Rotenhütte bildet, nimmt die Kalte die Warme Bode auf. Am Südende des Brockenfeldes, nördlich von der Achtermannshöhe entsprungen, drängt sie sich zwischen dieser und dem Wurmberg durch und schlägt über den 560 Meter hoch belegenen Flecken Braunlage (Abb. 71), der als Sommerfrische zusehends aufblüht, und Tanne, dem Anfangspunkte der Zahnradbahn nach Blankenburg, einen halbkreisförmigen Bogen. Den 968 Meter hohen Wurmberg besteigen wir auf roher Steintreppe von Braunlage aus; die bewaldete Kuppe gestattet aber nur den Durchblick durch einige Schneisen.

Elbingerode. Hermannshöhle.

Von Königshof führt die Bahn nach der 467 Meter hoch zwischen Kornfeldern und großen Weideflächen gelegenen Stadt Elbingerode, in der am 20. März 1744 der französische Marschall von Belle-Isle vom Amtmann Meyer auf eigene Hand gefangen genommen wurde. Wir aber folgen dem Fußpfade, der uns über die vor einigen Jahren wieder bloßgelegte Königsburg, das ist die alte Jagdpfalz Bodfeld, auf der Kaiser Heinrich III. in den Armen eines Papstes starb, und an der Susenburg, einer vorgeschichtlichen Wallburg in der ersten der wunderlichen Krümmungen der Bode, vorüber nach dem Hüttenorte Rübeland (378 Meter) führt.

Von den drei berühmten Tropfsteinhöhlen, welche dem übrigens hübsch gelegenen Rübeland zahllose Fremde zuführen, war die Baumannshöhle schon um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts allgemein bekannt, dagegen ist die Hermannshöhle (Abb. 72) erst 1866 entdeckt. Wenn auch jene durch die Höhe und Weite ihrer prächtig gewölbten Räume die Hermannshöhle übertrifft, so hat diese doch schönere und reinere Tropfsteingebilde. Wunderniedlich sind die schneeweißen Figürchen in ihrer Krystallkammer, hübsch auch die Blaue Grotte und andre Naturspiele.

Von Rübeland ersteigt die Zahnradbahn das auf einer baumlosen Hochebene, 447 Meter hoch, inmitten einer weiten Ackerflur belegene Dorf Hüttenrode. Nichts in der Umgebung, nur das rauhere Klima, das den Roggen erst im September reifen läßt, sagt uns, daß wir uns wirklich im Gebirge befinden.

Das Bodethal.

Um der Bode nach Altenbraak ungestört folgen zu können, holen wir zunächst auch die Rappbode heran. Sie entspringt am hohen Südrande des Gebirges, wendet sich aber nördlich auf das 535 Meter hoch gelegene Städtchen Benneckenstein, eine Station der Harzquerbahn, fällt durch Wald bis zu dem von Sommerfremden noch nicht entdeckten Trautenstein um 80 Meter und schlängelt sich, von rechts die Hassel aufnehmend, in einem lieblichen Thal dem Hauptflusse zu. An der Hassel liegen in einer Gegend, wo vom Gebirge wenig wahrzunehmen ist, der schon oberdeutsch redende Flecken Stiege (482 Meter) an hübschen Teichen und das Städtchen Hasselfelde, die Endstation der über Güntersberge herangeführten Selkebahn.

Felsen wie bei Rübeland treten im Bodethal zunächst nicht wieder auf. Ohne starkes Gefälle (1 : 300) rauscht der breite Fluß, von einem Wiesensaum friedlich eingefaßt, zwischen den mächtigen Höhen dahin, an denen das heitere Buchengrün mehr und mehr das Fichtendunkel verdrängt. Zwischen der Mündung der Rappbode und der Luppbode in der Gegend von Wendefurt und Altenbraak häufen sich seine Windungen in so wunderbarer Weise, daß er oft in sich selbst zurückzukehren scheint, ja daß man einmal den Fluß an sechs verschiedenen Stellen erblickt.

Von Treseburg (Abb. 73) ab, wo die Bode in dem schluchtenartigen Thal der „Engen Wege“, dem nur durch bedeutende Felsensprengungen ein schmaler Pfad hat abgerungen werden können, mit starkem Gefälle (1 : 90) das Granitgebiet des Rambergs zu durchbrechen unternimmt, steigert sich die herzerquickende Schönheit des Thales von Schritt zu Schritt. Die Klippen, welche aus den Buchenhängen hervortreten oder streckenweise ganz mit ihnen wechseln, werden schroffer und nehmen abenteuerlichere Gestalten an, bis sich von den Gewitterklippen abwärts ihr Charakter zur Wildheit steigert. Aber um die starren Glieder schlägt überall sänftigend der üppige Laubwald in allen Schattierungen sein prächtiges Gewand. Welche entzückende Mannigfaltigkeit in buntem Wechsel! In den „gemischten Bestand“ der Fichte und Buche, mit dem der Harz auch sonst seine Thalhänge schmückt, treten hier auch noch Ahorn und Esche, Linde und Ulme, die Eiche mit ihrem dunkelglänzenden Blatte und die flimmernde, weißborkige Birke ein, ja selbst die knorplige Eibe mit ihrem schwarzgrünen, schweren Nadelbehange, gleichsam die Vertreterin einer aussterbenden Generation, beteiligt sich an der festlichen Ausschmückung des Thales, und von den höchsten Felsen schaut die Kiefer, mit ihrem hellbraunen Stamme eine gar ausdrucksvolle Zierde, jählings in die Tiefe. Was aber all den Felsgebilden und der bestrickenden Üppigkeit des Baumwuchses erst das rechte Leben gibt, das ist das tosende, schäumende Wasser des eng eingeklemmten, leidenschaftlich aufgeregten Flusses, der wie wütend zwischen den Felstrümmern hindurchrast, um brausend in den tiefen, wirbelnden „Kessel“ zu stürzen (Abb. 74).

Aber auch der Weg von Thale an der schäumenden Bode aufwärts bis zu der über den Bodekessel führenden Teufelsbrücke, an der früher der Pfad endete, ist geeignet und ausreichend, das ob des zauberhaft schönen Bildes staunende Auge mit Wohlgefallen zu sättigen und das Herz mit heiligem Schauer zu erfüllen. Die tiefe, kühle Felsspalte (Abb. 75), in welche die Sonne kaum herunterzublicken vermag, verengert sich Schritt für Schritt; hier sind die Seitenwände durch die Verwitterung zu seltsamen Zacken zersägt oder zu Gebilden umgestaltet, denen man die Namen Bodethor, Bergkanzel, Mönch hat geben können, dort scheint gar die Ruine einer ganzen Ritterburg am Felsen zu hängen; hier drohen die Felsenmauern herniederzubrechen, dort überbrückt der Pfad mühsam einen Abgrund; oft scheint die Schlucht sich völlig zu schließen, aber hinter der vorspringenden Wand öffnet sich, oft kesselartig, an der sich krümmenden Bode eine neue ebenso wilde und großartige Spalte.

Roßtrappe. Hexentanzplatz.

Auf dem Zickzack der Schurre ersteigen wir die Roßtrappe (375 Meter), genießen den glänzenden Rundblick vom Turme der „Winzenburg“, einer durch Gräber und andre Funde bezeugten vorgeschichtlichen Wallburg, und treten auf den 25 Meter unter dem Gasthause liegenden, von keines Menschen Hand erbauten Turm des Felsenthores, durch welches das wilde Harzkind in das Land hinaustritt. Kaum zwei Meter breit, aber auf sicheren Pfeilern ruhend, schiebt sich seine (vorgeschichtlich befestigte) Plattform aus dem Granitwalle näher an den Fluß heran, so daß das Auge unbehindert aufwärts und niederwärts in die Felsenwelt eindringen und 200 Meter tief in die Thalschlucht, aus der das Brausen und Rauschen der alten Bode wie leises Gemurmel unverdrossen heraufklingt, sich senken kann. Und siehe hier die Trappe, welche der Huf des Riesenpferdes in die harte Granitplatte, beim gewaltigen Sprunge quer über das Thal hart aufschlagend, eingegraben hat!

Der zweite Pfeiler des Bodethores, der Hexentanzplatz (Abb. 76), überragt den Roßtrappfelsen um 80 Meter. Der Blick in die Tiefe und in die zerspaltenen Granitwände und dann in die Höhe zum blauen Brocken, der sich unmittelbar auf die Felswand aufzusetzen scheint, und wieder in die lachende Ebene mit ihren Dörfern und Städten: das alles bewegt das Herz gewaltig und wunderbar, wenn anders die Flut der Gäste, die nur auf dem Brocken noch größer ist, uns den Genuß nicht verkümmert.

Thale. Quedlinburg.

Ehe wir der Bode von dem 9600 Einwohner zählenden Dorf Thale, mit dem als Sommerfrische ersten Ranges nur noch Harzburg und Schierke konkurrieren, nach Quedlinburg folgen, werfen wir zur Linken einen Blick auf die Teufelsmauer. Vom Blankenburger Schlosse durch einen tiefen Einschnitt getrennt, zieht sich dem Harzrande parallel ein schmaler Bergzug nach Osten, dessen bewaldeter Abhang der Heidelberg heißt. Auf dem Rücken selbst ragt ein wunderbares Felsenriff aus Quadersandstein in vielen Unterbrechungen, hier anmutig mit Bäumen und Kräutern bewachsen, dort kahl und nackt, hervor. Wie von Riesenhand absichtlich zusammengewälzt, zeigt es sich hier als schroffe Klippe, senkt sich dort zerklüftet und zerteilt nieder, läßt sich streckenweise nur in zersplitterten, unordentlich umhergeworfenen Gesteinsbrocken verfolgen und verschwindet dann völlig, um in der Nähe der Bode, Thale gegenüber, wieder aufzutauchen. Die Sage bezeichnet diese Riesenmauer als ein Werk des Teufels, der sich mit Gott um die Herrschaft über die Erde stritt. Auf dem Löbbekensteige, der über den ganzen Zackenkamm führt, gelangen wir zu ihren besten Aussichtspunkten, dem Brockenblick und dem Großvater.

Auf dem von der Bode unmittelbar bespülten, einem lieblichen Blumengarten gleichenden Gottesacker der Servatius- oder Schloßgemeinde lag der alte Königshof Quitelingen (d. i. Niederlassung auf der Flußgabel), von dem die Ottonen so oft das Reich regierten. Die angrenzende seit 1816 zur Scheune erniedrigte Sankt Wipertikirche ist die älteste weit und breit. Auf scharf von der Bode aufsteigendem Sandsteinfelsen erhebt sich neben dem aus dem sechzehnten Jahrhundert stammenden Schlosse der Äbtissinnen, dessen Einrichtung Hieronymus Napoleon zu Gelde gemacht hat, der wertvollste Schmuck Quedlinburgs (Abb. 78), die lange vernachlässigte und erst in neuester Zeit wieder zu Ehren gekommene herrliche Schloßkirche, die als ein Wahrzeichen der Stadt weit in die Lande leuchtet. In ihrer Krypta ist König Heinrich I., ihr Erbauer, mit seiner Gemahlin beigesetzt. Die Oberkirche, eine frühromanische, dreischiffige Basilika mit gerader Balkendecke, stammt im wesentlichen aus der von 1070 bis 1129 reichenden Bauperiode, der Chor ist jedoch im vierzehnten Jahrhundert gotisch umgebaut. In der Cither, der zugleich als Sakristei dienenden Schatzkammer (Abb. 79), werden unter andern Kostbarkeiten der von der Kaiserin Teophano geschenkte „Krug von der Hochzeit in Kana“, ein von König Heinrich I. geschenktes wertvolles Reliquienkästchen, mit Elfenbeintäfelchen ausgelegt, auf denen Scenen aus Christi Leben in Hochrelief dargestellt sind, und ein Bruchstück einer mit prachtvollen byzantinischen Miniaturen bedeckten Itala, der ältesten lateinischen Bibelübersetzung aufbewahrt. Unter der Kirche ziehen sich weite in den Sandsteinfelsen eingehauene Grabgewölbe hin, in denen die Leichen nicht verwesen; besonders schön erhalten ist die der schönen Pröpstin Aurora von Königsmark, doch darf sie nicht gezeigt werden.

Die Vogtei über das auch nach der Reformation fortbestehende Stift ging 1697 von den Wettinern an Brandenburg über. Reichsunmittelbar war dieses dem Namen nach bis zu seiner Aufhebung und Einverleibung in Preußen im Jahre 1801.

Quedlinburg. Suderode. Gernrode.

Vom Schloßplatze, an dem Klopstocks Geburtshaus aus dem sechzehnten Jahrhundert uns besonders anzieht, gelangen wir durch den „Finkenherd“ in die altertümliche Stadt mit ihren schönen Kirchen und dem mit wildem Wein dicht überwucherten im Jahre 1615 im Renaissancestil umgebauten Rathause (Abb. 77). Um das Jahr 1000 mit Stadtrechten begabt und zur Zeit ihres blühenden Handels ein angesehenes Glied der Hansa, ist Quedlinburg, dessen Einwohnerzahl von 10000 im Jahre 1807 auf 23400 im Jahre 1900 gestiegen ist, heute vorwiegend Gärtnerstadt.

Die vielgetürmte Innenstadt, das aus dem „Westendorf“ hochragende Schloß, die neuen Vorstädte mit ihren Villen und Fabriken vereinigen sich mit dem Kranze der in allen Farben prangenden Fluren, dem Lustwäldchen des Brühls, in welchem dem Sänger des Messias und dem Geographen Karl Ritter Denkmäler (Abb. 80 u. 81) errichtet sind, mit den mittelalterlichen Warten rings auf den Höhen und der Felsreihe der Teufelsmauer und den dunklen Harzbergen im Hintergrunde zu einem Bilde von eigenartiger Schönheit.

Wir kehren noch einmal nach Thale zurück, um durch das waldumkränzte Steinbachthal über die Georgshöhe (386 Meter) nach dem mit seinen Obstgärten idyllisch in den Laubwald des Wurmbachthales eingebettete Dorf Stecklenberg zu wandern, das sich, noch frei von Kurhäusern und Villen, seine jungfräuliche, ländliche Anmut und Einfachheit bewahrt hat. Und von den benachbarten Ruinen der Stecklenburg und der höheren Lauenburg, von deren noch besteigbarem Turme (348 Meter) man auch den fernen Brocken über den dichten Massen saftgrünen Buchenwaldes erblickt, weht ein romantischer Hauch über das friedliche Dorf.

Gernrode.

Den Gebirgsrand entlang schreitend, gelangen wir an zwei schwesterlich aneinander geschmiegte Orte, das preußische Dorf Suderode (Abb. 82, 198 Meter) und das anhaltische Städtchen Gernrode (Abb. 83, 224 Meter), die zusammen etwa 4500 Einwohner haben. Der lieblich am Waldsaum gelegene Kurort Suderode heißt nicht mit Unrecht das Harzer Montreux. Lieblich ist die Aussicht vom 314 Meter hohen Stubenberge in das waldumschlossene stille Hagenthal und auf das Hügelgelände um Quedlinburg mit etwa 40 Ortschaften; auch die Gegensteine, mit denen die Teufelsmauer nach langer Unterbrechung wirksam abschließt, reihen sich malerisch in das Bild ein. In das Innere von Gernrode lockt uns ein Prachtstück ersten Ranges, die einfach-derbe Stiftskirche, ein romanischer Bau aus dem zehnten Jahrhundert, wie es in dieser Vollständigkeit keinen zweiten in ganz Deutschland gibt. Im Jahre 959 vom Markgrafen Gero, dem gewaltigen und gewaltthätigen Besieger der Slaven, begonnen, ward sie erst von seiner Schwiegertochter Hedwig, der ersten Äbtissin des von ihm gegründeten vornehmen Frauenstiftes, vollendet. Nach mancherlei Unbilden früherer Zeit wurde die Kirche des im Jahre 1614 von Anhalt eingezogenen Stiftes 1832 mit dem Klostergute verkauft; nun wurden die Kreuzgänge zu Viehställen, die Krypta zum Kartoffelkeller, der Raum über der flachen Decke zum Getreideboden entweiht. Der Dank für die Erhaltung und Wiederherstellung gebührt dem edlen Fürstenhause Anhalt: Herzog Alexander Karl kaufte sie zurück, und er und seine Nachfolger ließen sie seit 1859 mit einem Kostenaufwande von 400000 Mark würdig restaurieren. Eine Basilika mit Querschiff und westlichem Turmbau, ist sie in ihren Formbildungen gewissermaßen ein Spiegel der Roheit, aber auch der Solidität des im zehnten Jahrhundert noch völlig von der Kultur unberührten kräftigen Sachsenstammes (Abb. 84).

Vor dem Kreuzaltar im Mittelschiff befindet sich die Grabstätte Geros. Das prächtige Denkmal in Sarkophagenform hat 1519 die Äbtissin Elisabeth von Weida (Reuß) durch einen Künstler der Nürnberger Schule anfertigen lassen. Diese Elisabeth, welche von 1504 bis 1532 regierte, ist die größte unter den Fürstinnen-Aebtissinnen von Gernrode. Auf dem Reichstage zu Worms ließ sie sich durch einen besondern Bevollmächtigten vertreten, erlangte 1521 vom Kaiser Karl V. die Bestätigung der Privilegien und trat in demselben Jahre noch als die erste aller reichsunmittelbaren Äbtissinnen, ohne sich durch die benachbarten Fürsten und Bischöfe irre machen zu lassen, zur Lutherischen Lehre über; und als 1525 der große Bauernkrieg auch die Gründung Geros mit Vernichtung bedrohte, trat sie unerschrocken und im Bewußtsein geistiger Überlegenheit den Aufrührern entgegen und brachte sie durch verständige Vorstellung zum Gehorsam gegen ihre Obrigkeit zurück.

Durch das Hagenthal steigen wir zum Ramberge hinauf. Gleich dem Brocken Mittelpunkt einer Graniterhebung und wie dieser mit Granittrümmern übersät, welche auf seinem abgerundeten Gipfel die sogenannte Teufelsmühle bilden, erhebt er sich zwischen Bode und Selke zu einer Höhe von 595 Meter, 200 Meter über die Hochebene an seinem Fuße. Von dem auf ihm, der „Viktorshöhe“, 1829 erbauten Holzturme hat man einen weit umfassenden, doch ziemlich einförmigen Rundblick.

XVI.
Die Selkelandschaft.

Die Selke entspringt auf der einförmigen Hochebene des Unterharzes in 500 Meter Meereshöhe nördlich von Friedrichshöhe, fließt als einfaches Rinnsal, immer von der Bahn begleitet, über Güntersberge (410 Meter) nach Lindenberg-Straßberg und schlägt hier nordöstliche Richtung auf Mägdesprung ein. Erst bei der Silberhütte erhält das bis dahin flache Thal durch die von Fichten und Kiefern umsäumten Wiesengründe einen gewissen Reiz. Von dem 325 Meter hoch in einem freundlichen Laubwaldkessel belegenen Alexisbad (Abb. 85) an erschließen sich aber dem Wanderer von Schritt zu Schritt wechselnde liebliche Bilder. Aus dem herrlichen, mit Eichen, Birken und andern Laubbäumen, auch mit Fichten, durchsprengten Buchenwalde, welcher die Gehänge des Thales schmückt, starren hie und da, manche wie verstohlen, einzelne Klippen und ganze Felswände heraus; die bedeutendste ist die sagenhafte Mädchentrappe über dem durch seinen vorzüglichen Kunstguß rühmlichst bekannten Hüttenorte Mägdesprung (Abb. 86). Doch ist der Blick von der anliegenden Freundschaftsklippe noch schöner als von der mit einem drei Meter hohen eisernen Kreuze bezeichneten Trappe. Der Wellenschlag der vom Winde bewegten Wipfel der düsteren Waldung, über welche die ruhige Kuppe des Ramberges ernst herüberblickt, das frische, kräftige Grün unmittelbar über nacktem Fels, die weichen, geschwungenen Linien der Höhenzüge machen das für die Selkelandschaft charakteristische Bild trotz seiner Einfachheit anziehend und erhebend.

Harzgerode. Falkenstein.

Seitwärts liegt auf einer 395 Meter hohen Ebene, die nach altem Spruche „Korn und Geld“ trägt, im Mittelpunkte von acht großen strahlenförmig von hier ausgehenden Straßen, das 4300 Einwohner zählende Städtchen Harzgerode, einst Residenz einer Linie des Hauses Anhalt, deren Glieder unter der Kirche ihre Ruhestätte gefunden haben. In dem derben, doch würdigen Schlosse, aus dessen Münze die schönen anhaltischen Ausbeutethaler und auch jüngere Münzen tadellosen Gepräges (Abb. 87) stammen, befindet sich jetzt eine große Mineraliensammlung, welche seltene Prachtstücke aus den Gruben des Herzogtums enthält. Von Mägdesprung, wo die Eisenbahn sich an der Ruine der Heinrichsburg vorüber auf Gernrode wendet, schlängelt sich die Selke, von Wiesen besäumt, mäanderartig durch das breite, sich mehr und mehr vertiefende Thal, an dessen schönster Stelle, bei der Selkemühle, ein verbotener Aufstieg zu den spärlichen Trümmern der von Otto dem Reichen und seinem Sohn Albrecht dem Bären erbauten Burg Anhalt führt; und kurz vor ihrem Eintritt in das Flachland schaut der schimmernde Falkenstein 150 Meter auf die Thalsohle hernieder.

Um das Jahr 1080 erschlug Egeno von Konradsburg den Grafen Adalbert von Ballenstedt in hinterlistigem Überfall; zur Sühne dieses Mordes verwandelte sein Sohn Burchard die über Ermsleben belegene Stammburg in ein Kloster und erbaute sich die Burg Falkenstein, nach der er sich 1120 zum erstenmal benannte. Sein Enkel Graf Hoyer ließ um das Jahr 1230 auf dem Falkenstein durch den Schöffen Eike von Repgow aus dem Gewohnheitsrecht des alten Sachsenlandes und den Weistümern (Urteilen) der Freien- und Godinge den berühmten Sachsenspiegel zusammenstellen, der in seiner eigentlichen Gestalt in Norddeutschland, Preußen, Polen und einem Teil der russischen Ostseeprovinzen, in einer Nachahmung als „Spiegel aller deutschen Leute“ und dem auf diesem beruhenden Schwabenspiegel im übrigen Deutschland das nationale Gesetzbuch wurde. 100 Jahre später, 1332, verkaufte der letzte seiner Nachkommen, Graf Burchard, ohne die Rechte seiner an den Grafen Albrecht von Regenstein verheirateten Schwester Oda zu achten, die 1296 durch die Herrschaft Arnstein vergrößerte Grafschaft an den Bischof von Halberstadt, und die darob entbrennende, von dem Quedlinburger Julius Wolff im „Raubgrafen“ so anschaulich geschilderte Fehde vermochte daran nichts zu ändern. Wieder 100 Jahre später ging dann der Falkenstein, 1437 als Pfand-, 1449 als Lehnsbesitz, an die Herren von der Asseburg, die Nachkommen des zur Zeit des Kaisers Otto IV. hervorragenden Gunzel von Wolfenbüttel über, und diese „Grafen von der Asseburg-Falkenstein“ besitzen die noch immer bewohnbare Burg noch heute.

Falkenstein. Ballenstedt.

Niemals in Krieg und Fehde beschädigt, nie von Feuersbrunst heimgesucht, bietet das herrliche Schloß (Abb. 88 u. 89) das einzige Beispiel im ganzen Harze, noch jetzt das völlig getreue Bild eines mittelalterlichen Grafensitzes dar. Dazu ist die Aussicht von der Galerie des gewaltigen runden Bergfrieds, der Blick auf das grüne Waldmeer mit den hochragenden Felsinseln des Rambergs und des Brockens und in das Flachland hinaus bis zu den Bergzügen des Huy und Hakel und zu den Domtürmen von Magdeburg wahrhaft entzückend.

An dem im schönen Parke belegenen Schlosse Meisdorf, dem jetzigen Grafensitze, über dem 275 Meter hoch die Reste des Klosters Konradsburg liegen, und an dem als Gleims Geburtsstadt bekannten Ermsleben, der Hauptstadt der Grafschaft, vorüber, strebt nun die Selke der Bode zu.

An der ihr vorher zufließenden Krummen Getel, dem „anhaltinischen Mäander“, liegt inmitten blumengeschmückter Gärten und einträglicher Obstplantagen 217 Meter hoch die freundliche, stille Stadt Ballenstedt (Abb. 91), die Sommerresidenz des Herzogs von Anhalt.