Der erste aus dem schwäbischen Geschlechte der Askanier, der sich nach Ballenstedt nennt und demnach auf dieser Burg wohnte, ist Esike, Graf im Schwabengau. Als dessen Sohn Adalbert auf dem Wege nach Aschersleben erschlagen wurde, wandelten seine Nachkommen — sein Sohn Otto der Reiche und sein Enkel Albrecht der Bär — den Stammsitz Ballenstedt in ein Kloster um und erbauten sich auf einer Höhe im Selkethal die Burg Anhalt, nach der jetzt das ganze Herzogtum genannt wird. Doch war das Kloster geräumig genug, neben Abt und Konvent auch dem Stifter und Schirmherrn einen Wohnsitz zu gewähren. Als Albrecht der Bär, der große Markgraf von Brandenburg, der nach völliger Niederwerfung der Wenden die verödeten Gegenden an der Elbe, Havel und Spree mit niederländischen und rheinischen Kolonisten neu besiedelte und den Rest der Wenden durch Einführung des Christentums, deutscher Sprache und deutscher Gesetze germanisiert hat, 1168 lebenssatt die Regierung seinem Sohne Otto übergab, zog er sich auf sein väterliches Erbschloß und Stift am Harze zurück und ist hier in Ballenstedt, wo er 1106 das Licht der Welt erblickt hatte, auch am 18. November 1170 verschieden und an der Seite seines Vaters Otto und seiner Mutter Eileke, der reichen Tochter des letzten Billungers, und seiner Gemahlin Sophie, der Schwester des mächtigen Grafen Hermann II. von Winzenburg, beigesetzt.
Nachdem das Kloster 1525 im Bauernkriege sein Ende gefunden hatte, diente es den Fürsten hin und wieder, namentlich zur Zeit der Jagden, als Absteigequartier, von 1627 an aber mehrfach auf Jahre als Residenz oder Witwensitz. In den Jahren 1704 bis 1720 bedeutend vergrößert, erfuhr das Schloß unter dem Fürsten Friedrich Albrecht, der 1765 hier dauernd seine Residenz nahm, eine völlige Umgestaltung; und nach all diesen Bauten, die dem Schlosse (Abb. 90), dessen schönster Schmuck die edle, geschmackvolle Einfachheit ist, ein wahrhaft fürstliches Ansehen gegeben haben, ist vom Kloster außer Turm und Küche nicht viel mehr geblieben.
Die Gräber Albrechts und seiner Familie und jüngerer Glieder seines Geschlechts sind erst 1880 unter dem Glockenturm wieder aufgefunden; es sind sargähnliche in den Fels gehauene Höhlungen mit steinernen Deckeln.
Aus den Fenstern der mit wertvollen Gemälden älterer Meister (darunter Rembrandt und Van Dyck) geschmückten Zimmer hat man eine entzückende Aussicht. Aber auch auf der Terrasse in dem 1765 angelegten herrlichen Parke ist sie wunderschön. Hinter den scharf hervortretenden Felsen der Gegensteine breitet sich, mit Städten und Dörfern übersät, eine lebensvolle Landschaft aus; Quedlinburg und das ferne Halberstadt, links Blankenburg mit seinem hochragenden Schlosse und der Regenstein mit seinen verfallenen Türmen, rechts Hoym, Ermsleben und das Bernburger Schloß begrenzen den Horizont, hinterwärts lagert sich, von der Brockenkuppe überragt, das aufsteigende Gebirge mit seinen Wäldern, Bergen und Schluchten, — bei voller Beleuchtung, etwa an einem sonnigen Morgen nach einem Regentage, ein köstlicher Anblick!
VII.
Die Wipperlandschaft. — Mansfelder Bergbaugebiet.
Aus dem Gebiet der Selke treten wir in das der Wipper über, die sich in der Nähe von Bernburg in die Saale ergießt. Der erste ihr dienstbare Bach, die Eine, läuft, zumal wenn wir die bei Stangerode einmündende Leine als Hauptbach ansehen, von ihrer Quelle auf der Hochebene von Harzgerode bis Aschersleben der Selke in geringem Abstande parallel. Zwischen den beiden genannten Bächen liegt zwischen Kartoffelfeldern, auf baum- und poesieloser Ebene das ärmliche Dörfchen Molmerschwende, Bürgers Geburtsort, und links von der Leine das Dorf Pansfelde, das „Taubenhain“ einer fast vergessenen Bürgerschen Ballade. Oberhalb des hübsch von bewaldeten Bergen umschlossenen Stangerode finden wir bei der Einmündung des Wiebeeks in einem freundlichen Waldthale am Fuße des Hakeberges die interessanteste Wüstung des Harzes, das zuerst 1043 erwähnte Volkmannsrode: unter den weitschattenden Linden bei der Kirchenruine dieses schon ein halbes Jahrtausend verlassenen Dorfes wurde noch vor drei Jahrzehnten zweimal im Jahre das uralte Rügegericht gehegt, ein in unsere nüchterne Zeit fremdartig hineinreichender Rest des alten germanischen Gerichtsverfahrens. Ruine, Gerichtslaube und Linden werden auf Weisung der Herzoglichen Regierung noch jetzt mit Pietät erhalten.
Aber das Eineflüßchen hat noch eine dritte Überraschung für uns bereit: unfern des Dorfes Harkerode erhebt sich auf steilem Felsen die Ruine Arnstein, eine der besterhaltenen unserer Lande. Da die Edlen von Arnstedt, die mit dem aus Württemberg stammenden Erzbischof Hanno von Köln eines Geschlechts waren, sich zuerst 1136 von Arnstein nennen, so muß die Burg damals erbaut sein. Es war ein angesehenes Geschlecht: ein Walther hatte eine Enkelin Albrechts des Bären zur Gemahlin, ein Gebhard, mütterlicherseits mit den Staufen verwandt, war lange Zeit Kaiser Friedrichs II. Stellvertreter in Italien. Graf Walther V., der letzte des Geschlechts, übergab 1296, um in den deutschen Orden einzutreten, die Herrschaft seinem Schwager Otto von Falkenstein. Die Nebenlinie der „Grafen von Barby“ erlosch erst 1659.
Durch Kauf 1387 in den Besitz der Grafen von Mansfeld gelangt, wurde sie 1530, als hier eine der Linien des „Vordernorts“ ihre Residenz nahm, gründlich restauriert. Aber zwei Jahrhunderte später war sie bereits Ruine. Die Mauern des fünfstöckigen Hauptgebäudes stehen noch 20 Meter hoch, und der riesige Rundturm ist noch auf 100 Stufen im Treppenturm zu ersteigen.
Unterhalb Stangerodes verflachen sich die Hügel, und Kornfelder verdrängen völlig den Wald. Doch folgen wir der Eine noch bis Aschersleben zu flüchtigem Besuche. Schon zur Zeit der Karolinger als Ascegeresleben in Thüringen in einer Schenkungsurkunde für das Stift Fulda erwähnt, hat sich die im Mittelalter mit Quedlinburg und Halberstadt stets eng verbündete Stadt zu einer der wohlhabendsten und gewerbfleißigsten der Harzlande entwickelt und zählt jetzt 27250 Einwohner. Neben dem Reichtum an Altertümern, mit denen ihre Schwesterstädte prunken dürfen, kann sie nur wenig mehr als die gotische Stephanikirche, das schöne Rathaus im Stile der Renaissance und die unbedeutende Ruine der schon 1140 zerstörten Askanierburg stellen.
Die Wipper, welche mit der Selke fast gleiche Länge und Richtung hat, entspringt am Ostabfall des Auerbergs, greift aber mit andern Quellbächen nach allen Seiten weit hinaus, im Norden bis Neudorf, im Süden fast bis nach Dietersdorf. Kurz vor dem Flecken Wippra vereinigt sie die in der Alten und der Schmalen Wipper gesammelten Wasser.
Ihr Oberlauf ist anmutiger als der der Selke; besonders wirkungsvoll ist die Bewaldung der Schmalen Wipper: auf der Sonnenseite Buchen, auf der Winterseite Fichten. Ein Prunkstück, wie es die Selke zwischen Alexisbad und Mägdesprung uns vorhält, hat die Wipper dagegen nicht aufzuweisen; aber ihr Thal von Wippra abwärts hält den Vergleich mit dem Selkethal unterhalb Mägdesprungs wohl aus, wenn auch die sanft gewellten Höhen das breite Wiesenthal nirgends um 100 Meter übersteigen. Ihr Gefälle bis Leimbach beträgt 1 : 156, das der Selke bis Meisdorf 1 : 104 (das der Bode von der Quelle bis zur Blechhütte bei Thale 1 : 77).
Wippra liegt mit seinen Feldern und Wiesen freundlich in üppige Wälder gebettet, hat aber außer spärlichen Resten einer Burg nichts von Bedeutung aufzuweisen. Doch bald schon schimmert über prachtvolle Laubwälder das schöne im dreizehnten Jahrhundert erbaute Schloß Rammelburg, halb Brandruine, halb bewohnt, auf einem von drei Seiten umflossenen Bergvorsprunge sich mitten in das Thal schiebend, uns entgegen. Mögen andre Harzschlösser mit der Rammelburg um großartige Schönheit streiten, aber diese thalauf und -ab fast gleich wirkungsvolle Schaustellung ist nur dieser eigen. Und wenn andre Burgen uns aus alter Zeit des Interessanten viel zu berichten wissen, so erinnert uns die Rammelburg an zwei schlichtbürgerliche bedeutende Männer der neueren Zeit: der große Forstmann Pfeil, der „Erzieher des deutschen Waldes“, ist hier als Sohn eines Justizamtmannes geboren, und in der Schloßkapelle ist Hermann August Francke getraut.
Harzluft und Waldesduft zu atmen und uns an friedlicher Stille zu erquicken, ist uns nur eine kurze Strecke im Wipperthale beschieden: turmhohe, rauchwirbelnde Schornsteine, mächtige schwarze Schlackenhalden, das Thal beengend und täglich noch wachsend, Schächte und Hütten mit ihrem geschäftigen Treiben, mit allem Geklapper und Gerassel der Maschinen melden uns wuchtig, daß wir hier bei Leimbach an einer der Hauptarbeitsstätten der heiligen Barbara angekommen sind, der neuen Patronin des Bergbaues, die mit ihrem Pulver und Lärm die alten ruhigeren Bergheiligen Sankt Joachim und Sankt Anna vom Stuhle gestoßen hat. Bis Hettstedt und darüber hinaus reiht sich, miteinander wechselnd, Schacht an Schacht und Hütte an Hütte. Hier im Freiesleben-, dort im Eduardschacht und in den Lichtlöchern des 31 Kilometer langen Schlüsselstollen werden die Kupferminern gewonnen, hier in der Eckard-, dort in der Kupferkammerhütte gebrannt und geschmolzen, hier in der Katharinenhütte wird Silber und Kupfer aus dem Rohprodukt geschieden, dort auf der Saigerhütte die Raffinierkrätze zugute gemacht (Abb. 92 u. 93). Und in all das Getriebe schaut verwundert die stille Ruine der alten Burg Örner vom Waldhügel hernieder.
Bei Hettstedt, dem östlichsten Punkte des Harzes, entlassen wir die Wipper aus unserm Geleit und wenden uns der mit Leimbach fast verbundenen Stadt Mansfeld und ihren Erinnerungen an D. Luther zu.
Doch zuvor statten wir schon an dieser Stell „seines Vaters lieben Schlägelgesellen“ einen kurzen Besuch ab.
Nach alten Nachrichten sollen zwei Bauern, Nappian und Naucke, am 12. Juni 1199 beim damaligen Dorf Hettstedt den ersten Kupferschiefer gewonnen haben, und die Grafen im Jahre 1215 vom Kaiser Friedrich II. mit dem Bergregal belehnt worden sein. Wenn nun auch jene Angabe richtig sein und die Ortschaft Kupferberg bei Hettstedt 1199 entstanden sein mag, so haben doch die Grafen von Mansfeld schon lange vor dieser Zeit Bergbau betrieben. 1364 gab ihnen Kaiser Karl IV. diesen auch innerhalb einer über die Grafschaft hinausreichenden Grenze zu Lehen. Kaiser Friedrich III. aber verwies sie damit 1480 an die Herzöge von Sachsen. Im vierzehnten und fünfzehnten und auch noch im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts gelangte der Bergbau zu großer Blüte, aber sein Verfall bereitete sich schon vor: die stets um Geld verlegenen Grafen nahmen Vorschüsse von den Kupferhändlern, verpfändeten Hütten und gaben andre zu Lehen. Die Teilung der damals vorhandenen 95 Hütten („Feuer“) unter die sechs Grafenlinien im Jahren 1536 konnte den Vermögensverfall nicht aufhalten. Als die Schuldenlast der Grafen die für jene Zeit ungeheure Summe von zweiundeinhalb Millionen Gulden erreichte, nahmen Sachsen und Magdeburg als Lehnsherren 1570 Bergbau und drei Fünftel der Grafschaft in Sequester; damit waren die Grafen trotz ihres Protestes mediatisiert. Während des dreißigjährigen Krieges und noch mehrere Jahrzehnte nachher beschränkte man sich darauf, alte Halden und offene Schächte auszuklauben. Erst durch die „Freilassung“ im Jahre 1671, die jedermann gestattete, Bergwerke zu muten und zu bauen, kam der Bergbau wieder in geordneten Betrieb. Die fünf Gewerkschaften, welche sich nun nach und nach bildeten, haben sich im Jahre 1852 zu einer einzigen, der „Mansfeldschen Kupferschiefer bauenden Gewerkschaft“ vereinigt, die ihren Sitz in Eisleben hat.
Es ist ein einziges muldenförmiges Kupferschieferflöz, auf dem die Mansfelder Gruben bauen. Das Erz kommt in diesem in der Regel als „Speise“ vor, d. h. in sehr feinen Stäubchen eingesprengt, die auf dem Querbruch metallisch schimmern. Doch treten neben dieser Speise, die goldgelb, blau, rot und grau sein kann, auch feine Schnüre von Buntkupfererz und Kupferglas auf, wie in den Sanderzen bei Sangerhausen dicht zusammengedrängte Kupferkiesstäubchen als „gelbe Tresse“.
Abb. 106. Denkmal Ernst VII., des letzten Grafen von Hohnstein, im Kloster Walkenried.
(Nach einer Photographie von Fr. Zirkler in Klausthal.)
Die „gültigen“ Schieferlager sind nur sieben bis dreizehn Centimeter mächtig, doch muß das Nebengestein, damit der Bergmann Platz findet, bis zur Gesamthöhe von einem halben Meter mit weggehauen werden. Der Häuer liegt bei der Arbeit auf der linken Seite und schützt sich gegen das kalte und nasse Gestein durch ein angeschnalltes Beinbrett und ein lose liegendes Achselbrett. Die durch Schrämen (Abb. 94) und Sprengen gewonnenen Schiefer werden durch die Schlepper, 14- bis 19jährige Burschen, in Hunden (Förderwagen) an die Förderstrecke gezogen. Der Schlepper schnallt sich ein mit acht Centimeter hohen Stollen (Langeisen) versehenes Beinbrett vorn auf den linken Oberschenkel, nimmt das Achselbrett zur Hand und legt sich vor den Hund. Dann richtet er sich soweit auf, daß er das Knöchelgelenk des rechten Fußes mit einem Riemen an den Hund knebeln kann, legt sich, wenn dies geschehen ist, mit dem linken Oberarm auf das Achselbrett, stützt sich mit der rechten Hand auf das Liegende (den Boden) und hakt mit den Stollen des Beinbretts auf dieses auf. Nach dieser Vorbereitung kann die Fortbewegung des Hundes beginnen. Der Schlepper zieht das freie linke Bein an, stemmt die Fußsohle desselben, um einen festen Halt zu gewinnen, gegen das Dach und streckt sich, das Achselbrett mit der linken Hand weiterschiebend, gerade; dabei zieht das gefesselte rechte Bein den Hund selbstverständlich ein Stückchen mit fort.
Enthielten die Mansfelder Schiefer nur Kupfer, so hätte der Bergbau längst eingestellt werden müssen. Denn nachdem Spanien, Colorado, die Gegend am Oberen See und andere Länder Amerikas in die erste Reihe der Kupferproduzenten getreten sind, kommt jetzt jährlich mehr als das Vierfache der früheren Jahresproduktion in den Handel. Nur der hohe Silbergehalt, ½ Pfd. Silber im Zentner Kupfer, sichert dem Mansfelder Bergbau trotz der Entwertung des Silbers um die Hälfte seinen Fortbestand. Aber die Gewerkschaft hat noch mit andern Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei der Abteufung (Abb. 95) neuer Schächte ist man mehrfach auf weit verzweigte Schlotten gestoßen, von Gips eingeschlossene Hohlräume, welche durch Auflösung des ursprünglich hier abgelagert gewesenen Steinsalzes entstanden und jetzt mit Wasser angefüllt sind. Die Bewältigung dieser Wassermassen ist aber sehr schwierig und kostspielig; um dem Übel gründlich beizukommen, hat man darum in der Annahme einer unterirdischen Verbindung den Salzigen See trocken gelegt.
Welche Bedeutung das Wohl und Gedeihen des Mansfelder Bergbaues auch für den Staat hat, folgt schon daraus, daß er 80000 Personen — Berg- und Hüttenleuten mit deren Familien — ihr ausreichendes Brot gewährt.
Mit dem ‚Mannesfeld‘, welches das Stift Fulda im Jahre 974 tauschweise an Magdeburg abtrat, ist das Dorf Kloster-Mansfeld gemeint, denn die nach dieser „Rodung des Mano“ benannte Burg ist erst im elften Jahrhundert erbaut, und die Stadt (Thal-) Mansfeld erst unter dem Schutze der Burg an deren Fuße entstanden.
In diesem Städtchen, das vor 100 Jahren erst 1000 Einwohner zählte, hat Luther seine Kinderjahre verlebt. Das Haus, das sein Vater im Jahre 1484 erwarb und 1530 auf seinen Sohn Jakob vererbte, ist nur noch teilweise vorhanden: über der vermauerten rundbogigen Hofpforte aus rotem Sandstein findet sich noch erkennbar das alte Luthersche Wappen, Rosen und Armbrust, mit den Buchstaben J. L. 1530.
Nicht viel besser ist es dem Grafenschlosse ergangen, das 65 Meter tief auf die an den Seitenhängen eines Thales sich hinziehende Stadt hinabsieht. Der erste, der sich nach ihm nennt und auch wohl sein Erbauer sein wird, ist Kaiser Heinrichs V. Feldherr Hoyer, der 1115 am Welfesholze fiel. Mit dem Tode des Grafen Burchard gingen 1230 Burg und Namen auf seinen Schwiegersohn, den Edelherrn Burchard von Querfurt über. Zu Luthers Zeit spalteten sich seine Nachkommen in drei Linien mit sieben Zweigen, aber ein und einhalb Jahrhunderte später war nur noch die in den Reichsfürstenstand erhobene Linie Bornstedt übrig, und auch diese erlosch, nachdem bereits 1710 der Eislebensche oder lutherische Zweig verdorrt war, am 31. März 1780 mit dem in Österreich lebenden Fürsten Joseph Wenzel von Fondi. Nun fielen die Besitzungen bis auf einige Allodialgüter, welche auf Joseph Wenzels Schwiegersohn, den Fürsten Coloredo und seitdem „Grafen von Mansfeld“, vererbten, zu ⅗ an Kursachsen und zu ⅖ an Preußen (Magdeburg).
Der meistens nur „Ernst von Mansfeld“ genannte Held des dreißigjährigen Krieges, den der Tod am 26. November 1626 im bosnischen Dörfchen Wrakowicz ereilte, war der Sohn des Fürsten Peter Ernst I. aus dessen morganatischer Ehe mit der schönen Anna von Eicken.
Im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts wurde die Burg durch Hinzufügung eines dritten Schlosses, des „Hinterortes“, bedeutend erweitert und in ihrem ganzen Umfange stärker befestigt. Aber gerade das sollte ihr den Untergang bringen: da sie im dreißigjährigen Kriege, statt das Land schützen zu können, die Heere aller Parteien angelockt hatte und bald erobert wurde, bald wieder verloren ging, so verfügte der Landesherr 1674 unter Zustimmung der Grafen ihre Zerstörung; 400 Mann arbeiteten daran, aber da Kalk und Gestein untrennbar verkittet waren, mußte ihnen noch ein Trupp von 30 Bergleuten mit Bohrer und Pulver zu Hilfe kommen.
Aber noch immer stehen einzelne Reste der Mauer stolz und fest, als wären sie mit dem natürlichen Fels, der sie trägt, zu einem Stück verwachsen. Ein breiter, tief in den Fels gehauener Graben, der die Burg von Nordost bis Nordwest umgibt, zeugt von den ungeheuren Anstrengungen, die einst auf die Befestigung des Platzes verwandt sind. Ein einziges, ehemals noch durch Außenwerke gedecktes Thor führt auf dieser Seite in den noch jetzt von festen, zum Teil doppelten Mauern und Kasematten umschlossenen öden Burghof, auf dem uns von allen Seiten in romantisch-malerischen Gestaltungen die alten Wohnsitze entgegentreten. Vom Vorderort hat sich fast nichts als ein starker Wallturm, die Gewölbe der Münze und ein altes Wachthaus auf den Umfassungsmauern erhalten. Im Mittelort, in dem sich neben der würdig restaurierten gotischen Kirche das jetzige Herrenhaus inmitten hübscher Gartenanlagen befindet, fallen die Umfassungsmauern eines stattlichen Gebäudes, in dem hohe Fichten wurzeln, besonders ins Auge: es ist der 1532 erbaute „Goldene Saal“, der gemeinschaftliche Prunksaal der Häuser Mittel- und Vorderort; und im Anschauen der über den Nebenpforten eines großen Turmgebäudes angebrachten Steinbilder, eines auf dem Fasse sitzenden Bacchus und zweier Männer, von denen der eine mit seiner leeren Weinkanne nach dem den vollen Humpen leerenden Kumpan schlägt — Umschrift: Quid est? bapsi! — Darstellungen, welche den schwelgerischen Humor der Erbauer wiedergeben, müssen wir des strafenden Wortes gedenken, das D. Luther seinen lieben alten Landesherren zurief, da ihm der Wein auf der Treppe entgegenrann: „Die Herren düngen gut, es wird brav Gras danach wachsen.“ Auf und in den völlig zusammengebrochenen Mauern des Hinterorts, dessen ausgedehnte Gebäude einst als die schönsten gepriesen wurden, wuchern schon lange Bäume und Gesträuch.
Die Grafen von Mansfeld hatten sich den heil. Georg zum Patron erkoren, den vom wütenden Volke am 24. Dezember 361 beim Regierungsantritt des Kaisers Julian ermordeten Bischof von Alexandria, der sich gegen das Ende der Kreuzzüge in den ritterlichen Drachentöter, den Schutzpatron der Waffenübungen und des englischen Ordens vom blauen Kniebande verwandelte. Gleich den ungarischen wurden die mansfeldischen Georgsthaler schon im dreißigjährigen Kriege als Amulett gegen Hieb, Schuß und Stoß getragen. Der abgebildete (Abb. 96), i. J. 1620 geprägte Thaler der drei vorderortschen Grafen Volrat († 1627), Wolfgang I. († 1638) und Johann Georg II. († 1647) zeigt den Heiligen im Harnisch auf rechts schreitendem Turnierpferde, wie er mit der Lanze den Kopf des Lindwurms durchbohrt. Die Inschrift Ora pro (nobis) auf der Decke ist nicht zu erkennen. Die Umschrift ist zu lesen: Volrat, Wolfgang, Johann Georg, „patroni, comites et domini in Mansfeld, nobiles domini in Heldrungen“. Der quadrierte Wappenschild enthält im ersten und vierten, wieder viergeteilten Felde die sechs Querstreifen von Querfurt und die sechs, in zwei Reihen gestellten Wecken (oder Gerstenkörner) von Mansfeld, im zweiten den Adler von Arnstein und im dritten den Löwen von Heldrungen mit doppeltem Zagel. Als Helmzier dienen die acht mansfeldischen Fähnchen und der Arnsteiner Adler.
Der zweite, 1811 geprägte Thaler (Abb. 97) zeigt den Kopf des lustigen Hieronymus, von seines Bruders Gnaden Königs von Westfalen. Der dritte (Abb. 98) ist bereits in Berlin i. J. 1862 geprägt, mit dem beim Übergange der Verwaltung an die Gewerkschaft die besondere Vermünzung des im Mansfeldischen gewonnenen Silbers aufhört.
Unser letzter Besuch an diesem Harzrande gilt der Lutherstadt Eisleben. (Abb. 99 und 100) Nach den großen verheerenden Feuersbrünsten, namentlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, hat sie trotz ihres hohen Alters kein altertümliches Gepräge. Unser Rundgang darf sich deshalb im wesentlichen auf die Lutherstätten beschränken. Das Lutherhaus (Abb. 101) enthält im Erdgeschoß, das bei einem Brande im Jahre 1689 unversehrt blieb, das Geburtszimmer des großen Bergmannssohnes und in den Sälen des 1694 im Stil der Renaissance erneuerten Oberstocks eine Art Luthermuseum. — Um mit seinem Rate die zwischen den Grafen, namentlich inbetreff des Bergbaus schwebenden Streitigkeiten beseitigen zu helfen, war Luther im Winter 1545/46 dreimal in Eisleben; „abgelebt und müde“ kam er am 28. Januar, von den Grafen und einem Gefolge von 113 „Pferden“ von der Grenze ab ehrenvoll geleitet, zum drittenmal hier an und stieg bei dem ihm befreundeten Stadtschreiber Dr. Drachstedt ab. In Gemeinschaft mit den beiden andern gewählten Schiedsrichtern, dem Fürsten Wolfgang von Anhalt und dem Grafen Heinrich von Schwarzburg, gelang ihm zu seiner großen Freude der völlige Ausgleich; und obwohl schwach und hinfällig, unterschrieb er am 17. Februar 1546 auch noch den letzten, abschließenden Vertrag. Doch bald darauf steigerte sich die Krankheit; das Einhorn, das Graf Albrecht ihm schabte, und das stärkende Wasser, mit dem die Gräfin ihm den Puls rieb, blieben wirkungslos, und in der dritten Morgenstunde des 18. Februar ging der große Reformator zur ewigen Ruhe ein. Das Sterbezimmer ist die kleine, trauliche straßenwärts liegende Kammer im oberen Stock des wohl erhaltenen gotischen Hauses (Abb. 102). In der gegenüberliegenden Andreaskirche hat Luther seine letzten vier Predigten gehalten, die letzte zwei Tage vor seinem Tode ( 99).
Diese mit ihren aus dem dreizehnten Jahrhundert stammenden Hausmannstürmen stolz aufragende Hauptkirche, als deren Pfarrer 1609–11 der in Ballenstedt geborene Johann Arnd sein „Wahres Christentum“ schrieb, gibt auch dem ansteigenden Marktplatze, auf den von der Rathausecke der gekrönte Kopf des hier gewählten Königs Hermann von Salm, das Wahrzeichen der Stadt, herunterblickt, den wirkungsvollen Hintergrund. Auf der Mitte des Platzes ist am 400. Geburtstage Luthers das Bronzestandbild (Abb. 103) des Mannes enthüllt, in dessen Hand nach den Worten des Katholiken Döllinger „Sinn und Geist der Deutschen wie die Leier in der Hand des Künstlers“ waren. In der Linken die Bibel, schickt sich der Reformator an, die Bannbulle ins Feuer zu werfen; die Reliefs am Sockel zeigen ihn in der Disputation mit Dr. Eck und der edlen Musika pflegend im Kreise seiner Familie.
Ein großartiges Fest andrer Art sah der wundervoll geschmückte Marktplatz am 12. Juni 1900: die 700jährige Jubelfeier des Mansfelder Bergbaues, verherrlicht durch die Gegenwart unsers allgeliebten Kaiserpaares.
XVIII.
Die Helmelandschaft.
Die Helme, deren Flußgebiet zu durchwandern uns allein noch übrig bleibt, gehört dem Harze durch ihre Nebenflüsse Zorge, Thyra, Leine und Gonna an. Da der Südrand des Harzes höher liegt, als der Nordrand, so greifen diese nicht weit in das Gebirge hinein.
An den Rinnsalen, welche vom Grenzpunkte des Ravensbergs nach Süden eilen, um sich mit dem Flüßchen Wieda zu vereinigen, liegt das waldfrische, freundliche Städtchen Sachsa (Abb. 104). In dem im oberen Teile schön bewaldeten Wiedathale steigt die Harzsüdbahn von der mittleren Hochebene herab; wir folgen ihr nach dem schon außerhalb des Gebirges belegenen braunschweigischen Flecken Walkenried zur Besichtigung der großartigen Ruinen seines berühmten Cisterzienserklosters (Abb. 105), von dem die Trockenlegung der Sümpfe und Riede, die einst durch die Goldene Au hin den Südrand des Gebirges begleiteten, in so vorzüglicher Weise durchgeführt ist. Die Besitzungen des von der Gräfin Adelheid von Klettenberg um 1127 gegründeten und reich ausgestatteten Klosters erstreckten sich bald über die Harzlande und deren Nachbarschaft hinaus bis nach Lüneburg, in das Brandenburgische und die Uckermark, nach Aachen und Würzburg, und in allen Thälern des Westharzes verschmolzen seine Hütten die ihm aus dem Rammelsberge zustehenden Erze auf Silber, Blei und Kupfer. Die im Jahre 1137 von fünf Bischöfen geweihte Kirche mit acht Altären entsprach nicht mehr der Bedeutung und dem Ansehen des Klosters; schon bald nach dem Jahre 1200 begannen kunstverständige Brüder südlich von Alt-Walkenried einen Prachtbau, an dem sich Tausende von freiwilligen Arbeitern päpstlichen Ablaß verdienten. Nach 80jähriger Bauzeit konnte 1290 das neue Gotteshaus, das — halb so lang wie der Kölner Dom — seine Gewölbe mit 26 Pfeilern stützte, feierlichst eingeweiht werden. Im fünfzehnten Jahrhundert stand Walkenried, das Mutterkloster von Marienpforte (Schulpforta) bei Naumburg und Sittichenbach bei Mansfeld, in seiner höchsten Blüte. Damals konnte der Abt auf der Reise nach Rom — wie man sagte — jede Nacht im eigenen Hause schlafen. Der Bauernkrieg knickte diese Blüte jäh mit frevelnder Hand, der dreißigjährige brach sie völlig. Mit wildem Jubel stürmten die aufständischen hohnsteinschen Bauern im Mai 1515 das von den flüchtenden Mönchen verlassene Kloster, plünderten, zerschlugen, verwüsteten; Urkunden und Manuskripte streuten sie den Pferden unter, Bücher warfen sie als Schrittsteine in den Schmutz. Vergeblich versuchten sie, das kunstvolle Metallbecken im Kreuzgange, das der Klosterbruder und Hüttenmeister Almante 1218 gegossen hatte, mit Hämmern zu zerschlagen, im offenen Holzstoß zu schmelzen, vergeblich die Glocke durch unaufhörliches Läuten zu zersprengen. Da knüpften sie Seile an die Turmspitze und in eine uralte Linde, verbanden diese mit dem Turm durch eine Kette, sägten das Gebälk rings herum ein, hieben den Baum um und rissen mit diesem unter Freudengeheul den Turm vom Dache herunter, daß er durch das Kirchendach und die Gewölbe schlug, und die Glocke zersprang. Bald stürzte der Chor nach, und 1570 mußte der Gottesdienst in die Kapitelstube verlegt werden, die noch heute als Fleckenskirche dient.
Seitdem steht das Kloster, eine malerische Ruine, öde und verlassen. Nach dem letzten Einsturz im Jahre 1899 sind von der Kirche, die — einzig in ihrer Art — eine in frühgotischem Stil gehaltene dreischiffige Basilika mit Kreuzarmen war, nur wenige Teile der Außenmauern erhalten, am besten das Hauptportal mit einem sehr großen Spitzbogenfenster. Unversehrt ist außer der Kapitelstube, die u. a. das kunstvoll aus Holz geschnitzte Epitaphium (Abb. 106) des 1591 gestorbenen letzten Hohnsteiner Grafen Ernst und den sehr schönen romanischen Taufstein von Alt-Walkenried enthält, nur der einen rechteckigen Hof, in welchen das Baptisterium mit fünf Seiten des Achtecks einspringt, umschließende Kreuzgang (Abb. 107), und besonders der in doppelter Breite sich an die Kirche lehnende Flügel, der durch eine Säulenreihe mit reichen Blattkapitälen in zwei Schiffe geteilt ist.
Unmittelbar vor Walkenried durchschneidet die Bahn den hohen Gipsfelsen des Sachsensteins, auf dem 1073–74 eine der Burgen Heinrichs IV. stand. Eine vor wenigen Jahren vom Geheimen Baurat Brinkmann unternommene Ausgrabung hat indes erwiesen, daß die Ruinen vier verschiedenen Zeiten angehören, und daß eine dieser Burgen in jene frühe Zeit zurückreicht, wo man noch statt des Bergfrieds eine Schildmauer aufführte; vielleicht war dies die Hocseoburg des Häuptlings Theoderich. Neben dieser interessanten archäologischen Belehrung bietet der Sachsenstein aber auch eine hübsche Aussicht.
Die Zorge, in die sich die Wieda ergießt, erhält ihre ersten Wasser von einem Kamme, dessen Mitte der 687 Meter hohe Ebersberg einnimmt. Von seinem Holzturme hat man einen großartig schönen Blick von eigenartigem Charakter. Während im Norden die Thäler des Bodegebiets flach nach Osten streichen, laufen auf der entgegengesetzten Seite die tiefer einschneidenden Thäler des Helmegebietes nach Süden. Im Westen und Norden setzen Acker und Brockengebirge dem Blick die Grenzen, im Osten fliegt er unbehindert über die endlose Hochebene, aus der die Kuppe des Rambergs kaum merklich hervortritt, und im Süden bildet erst der Thüringerwald seinen Abschluß. Im Abstieg wenden wir uns nach dem braunschweigschen Flecken Hohegeiß, der mit seinen 642 Metern der höchstgelegene Ort im Harze ist. Ähnlich wie Andreasberg von kahler Höhe steil ins Thal abfallend, verdankt es diese den Ackerbau ausschließende Lage dem um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts aufgenommenen Bergbau, der nach langer Unterbrechung erst jetzt wieder in Betrieb gesetzt wird; und seinen Namen der Elendskapelle „zum hohen Geist“, die in dieser einsamen, durch Räubereien berüchtigten Gegend an einer alten Gebirgsstraße schon im dreizehnten Jahrhundert vorhanden war.
Durch den üppigen Laubwald des Wolfsbachthales gelangen wir nach dem in 356 Meter Meereshöhe sehr schön tief in den Bergen gelegenen früheren Eisenhüttenort Zorge, einem braunschweigschen Flecken, gleichen Alters mit Hohegeiß. Am 554 Meter hohen Staufenberge vorüber wendet sich die das Flüßchen begleitende Straße, die bei der Drahthütte den alten Kaiserweg aufnimmt, nach der einst hohnsteinschen Stadt Ellrich (Abb. 108); an dem unterhalb dieser einmündenden Sülzbache liegt in einem rings durch hübsche Waldberge geschützten Thalkessel idyllisch das Dorf Sülzhain und noch etwas höher in entzückendem Waldfrieden das Sanatorium für erholungsbedürftige Knappschaftsgenossen. Auch der nördlich davon zu 635 Meter ansteigende Große Ehrenberg verdient um seiner herrlichen Aussicht willen einen Besuch. Von hier zum Jägerfleck hinabsteigend, wo sich die Straßen Ellrich-Benneckenstein und Ilfeld-Hohegeiß-Braunlage kreuzen, wandern wir über das hübsch am nördlichen Fuße des 610 Meter hohen Kleinen Ehrenbergs gelegene wernigerodische Dorf Rotesütte im wunderschönen Schoppenthal zum Netzkater hinunter.
Die Kleinbahn, welche sich bei Dreiannen-Hohne von der Brockenbahn in der Richtung auf Elend abzweigt und in Sorge an der Warmen Bode die Kleinbahn Tanne-Braunlage, die Fortsetzung der Zahnradbahn Blankenburg-Tanne, kreuzt, erklettert südöstlich von Benneckenstein von der Luppbode aus die 582 Meter hohe Wasserscheide und eilt im Tiefenbachthal der von Nordosten kommenden Behre zu, um von der nur noch 352 Meter hoch gelegenen Eisfelder Thalmühle ab dem herrlichen Thale dieses Flüßchens zu folgen. Das Stück bis Ilfeld, in das wir beim Netzkater eintreten, darf sich mit seinen romantischen Klippen und üppigen Laubwaldhängen getrost den bekanntesten Glanzpartieen des Harzes zur Seite stellen.
Im Jahre 1103 überfiel Elger I. von Ilfeld den Grafen Kuno von Beichlingen in der Nacht und tötete ihn in seinem Bette. Wohl zur Sühne für diese Gewaltthat stiftete sein Sohn Elger II. „an der Pforte Hercyniens“ das Kloster Ilfeld; sein Enkel Elger III. vollendete den Bau, überließ die Burg Ilfeld, von der sich nur noch geringe Reste über der Johannishütte vorfinden, seinem Bruder Friedrich, von dessen ältestem Sohne Heinrich die Fürsten zu Stolberg abstammen, und nahm auf dem durch Heirat erworbenen Hohnstein seinen Wohnsitz. Das reich ausgestattete Kloster ward — wie Walkenried — im Bauernkriege ausgeplündert und hart mitgenommen. Im Jahre 1546 nahm der Abt Stange die Reformation an und verwandelte das Kloster auf Luthers und Melanchthons Rat und mit Unterstützung der Grafen zu Stolberg in eine Schule, als deren ersten Rektor er 1550 den berühmten Michael Neander, der damals erst 25 Jahre alt war, berief. Noch heute blüht dies Pädagogium, aus dem berühmte Männer hervorgegangen sind (Abb. 109).
Über den 612 Meter hohen Poppenberg, dessen Gipfel, die Fürst-Ottos-Höhe, einen Eisenturm trägt, der die diesem schönen Harzgebiete charakteristische Aussicht bietet: nach dem Harze zu die wellenförmige Hochebene mit dem Brocken, nach dem Lande hin die Goldene Au mit dem Kyffhäuser und der Thüringer Wald, wandern wir dem Hohnstein zu, der schönsten und bedeutendsten aller harzischen Burgruinen (Abb. 110).
Der Hohnstein ist zwischen 1110 und 1130 von einem Grafen Konrad, dem Brudersohne Ludwigs des Springers von Thüringen, erbaut. Seit 1162 nannten sich die damit von Heinrich dem Löwen belehnten Ilfelder „Grafen von Hohnstein“. Nach dem Tode des letzten dieses berühmten und in seiner Glanzzeit reichbegüterten Geschlechts traten 1593 die ihm stammverwandten und erbverbrüderten Stolberger in den Lehnsbesitz ein. So kommt es, daß sowohl ein Stück der Grafschaft Stolberg-Wernigerode (Rotesütte, Sophienhof, Hufhaus), wie der Grafschaft Stolberg-Stolberg (die Gegend von Neustadt bis nach Urbach und Steigerthal nördlich von Heringen) innerhalb der Provinz Hannover liegt.
In der dunklen Nacht vom 14. auf den 15. September 1412 erstieg, von einem treulosen gräflichen Knechte geführt, Friedrich von Heldrungen mit seiner Fleglerbande die Burg, nahm den alten Grafen im Bette gefangen, und kaum gelang es dem jungen Grafen Heinrich IX., nur mit dem Hemde bekleidet, mit Hilfe seiner Gemahlin Margarete von Weinsberg, an einem Seile durch das Fenster zu entkommen. Und im Mai 1525 erstürmten die aufständischen Bauern die Burg, um den hierher geflüchteten Ilfelder Abt und dessen Eigentum zu holen. Aber beide Male schonten die Bauern die Burg. Erst der dreißigjährige Krieg brachte ihr das Ende: in der Christnacht des Jahres 1627 steckte sie der kursächsische Oberst Vitzthum von Eckstädt mittels großer Mengen ringsum gehäuften Wellholzes in Brand, und als die Neustädter herbeieilten, um die schauerlich ins Thal leuchtende Feste zu retten, ließ er sie durch Soldaten hinuntertreiben.
Trotz der Trümmerhalde, die einem natürlichen Bergsturz gleich den 90 Meter hoch aus dem Thale aufsteigenden Burgfelsen umgibt, sind noch umfangreiche Teile, Mauern, vier Thore, Türme, die Umfassungsmauern vieler Gebäude, vorhanden, und die Bäume und Sträucher, die aus den Trümmern aufgeschossen sind, und der gewachsene Fels, der zwischen ihnen zu Tage tritt, verstärken den malerischen Eindruck.
Bei dem Dorfe Niedersachswerfen, das wir über den Flecken Neustadt (Abb. 111) erreichen, wendet sich die Zorge bis Nordhausen südlich, um sich bald darauf in südöstlicher Richtung bei Heringen in die Helme zu ergießen.
Abb. 114. Aussichtsturm Josephshöhe. Das größte Kreuz der Welt.
(Nach einer Photographie von Wiedling in Stolberg.)
Die ehemalige Reichsstadt Nordhausen (Abb. 112), die als solche in den Harzlanden nur Goslar zur Schwester hat, gehört zu den wenigen Städten, deren Befestigung bestimmt auf Heinrich I. zurückgeführt werden kann. Zugleich ist sie die dritte der harzischen Königsstädte, denn die sächsischen und fränkischen, auch noch die staufischen Kaiser nahmen hier oftmals ihren Aufenthalt. Von Heinrich dem Löwen 1180 eingeäschert, erscheint sie doch schon 1270 als Reichsstadt; und erst der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 nahm ihr die Unmittelbarkeit.
An altertümlichen Bauwerken hat Nordhausen weniger aufzuweisen, als Goslar, Halberstadt und Quedlinburg. Von den sieben Kirchen ist die älteste und sehenswerteste der gotische Dom zum heiligen Kreuz mit romanischem Turm. Trotz seiner Einfachheit recht wirkungsvoll zeigt sich das Rathaus (Abb. 113), ein Renaissancebau aus dem Jahr 1510 mit einem hölzernen Roland aus dem Jahre 1717. In ihrem „Gehege“ besitzt die Stadt einen wundervollen Waldpark.
Die Wasser des Auerberges und der Gegend bei Stolberg führt der Helme, die sich bei Heringen westlich gewendet hat, die nordöstlich vom Birkenkopf (585 Meter) entspringende Thyra zu.
Der 575 Meter hohe Porphyrkegel des Auerberges setzt sich wie der Ramberg, doch etwas steiler, um etwa 200 Meter auf die Hochebene auf. Nach dem Grafen Joseph zu Stolberg, der auf der flach gewölbten Kuppe im Jahre 1822 einen von Schinkel entworfenen 22 Meter hohen hölzernen Turm in Kreuzform errichten ließ, heißt er auch Josephshöhe. Dieser 1880 durch Blitzschlag zerstörte ist 1896 durch einen durchbrochenen Eisenturm nach demselben Plane ersetzt. Mit seinen Doppelarmen bildet er das größte Kreuz der Welt (Abb. 114).
Die Rundsicht ist ungleich schöner als die von der Viktorshöhe, voller Abwechselung und Leben. Denn die schwachgewellte Ebene des Unterharzes tritt hier nur im Osten auf, und der dort nur angedeutete Brocken stellt sich hier mit all seinen Neben- und Vorbergen in voller Breite und größerer Nähe offen zur Schau, und Berg und Thal vor ihm bildet gleichsam ein tiefgehendes, grünes Gewoge. Über der Goldenen Au tritt das Kyffhäusergebirge markig hervor. Und wundervoll glänzt im nächsten Vordergrunde das Schloß Stolberg in seiner frischgrünen Umrahmung.
Heinrich von Voigtstedt in der Goldenen Au, der 1210 zum erstenmal als Graf von Stolberg vorkommt, gehört dem Hause der Ilfelder an. Waren seine Stammbesitzungen, wenn auch zerrissen, nicht unbedeutend, so sind doch als die eigentlichen Begründer des Reichtums und des Ansehens des durchlauchtigen Hauses die beiden Grafen Botho anzusehen, von denen „der Ältere“ 1450, „der Glückselige“ 1500 regierte. In der Erbteilung von 1645 fielen die Grafschaften Stolberg und Roßla Johann Martin, dem jüngeren Sohne des Grafen Christoph, zu; seine Nachkommen spalteten sich 1706 in die noch heute blühenden Zweige Stolberg-Stolberg und Stolberg-Roßla.
Das Schloß (Abb. 1), in dessen ältestem Flügel sich die Schloßkirche mit einem prächtigen Altar aus Alabaster, mit großen silbernen Leuchtern und schönen Statuen befindet, hebt sich von dem Hintergrunde des grünen Buchenwaldes der überragenden Berge blendend weiß gar ausdrucksvoll ab. Die unter seinem Schutze und an seinem Fuße an einer alten Straße entstandene Stadt mußte klein und unbedeutend bleiben, denn für den Handel lag sie nicht günstig genug, ihr Bergbau hat nie Bedeutung erlangt, und Ackerbau gestatten die schroffen Berghänge nicht. Aber ihre wundervolle Umgebung — lauschiger Wald, weitschauende Höhen — fangen an, ihre Zugkraft zu üben.