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Der Harz

Chapter 7: V. Geschichtlicher Überblick.
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Die Monographie vermittelt einen kompakten Überblick über Geographie, Geologie und Klima des Harzgebirges und beschreibt seine unterschiedlichen Landschaftsräume, von Hochebenen und dichten Nadelwäldern bis zu tiefen Tälern, Flussläufen und dem markanten Brocken. Sie behandelt historische Entwicklung, Siedlungsbild und Alltagsleben der Bewohner sowie wirtschaftliche Nutzungen wie Forstwirtschaft, Bergbau und Landwirtschaft. Zahlreiche photographische Abbildungen und eine farbige Karte veranschaulichen Geländeformen, Ortschaften, Gewässer und typische Pflanzenbestände, und örtliche Sagen, wechselnde Naturstimmungen sowie die Beziehungen zwischen Vorland und Gebirge runden die Darstellung ab.

Klima des Harzes.

Auf dem Brocken begann bereits im Jahre 1836 der Wirt Nehse mit meteorologischen Beobachtungen. Sie sind aber von seinen Nachfolgern nicht regelmäßig fortgeführt, die längste völlige Unterbrechung währte sogar neun Jahre, und die später von Postbeamten und Oberkellnern gemachten Beobachtungen lieferten kein zuverlässiges Resultat. Dagegen reichen die sachkundigen und regelmäßigen Beobachtungen in Klausthal, wo sich seit 1876 sogar zwei Stationen in verschiedener Meereshöhe befinden, bis 1854 zurück.

Das aus vierzigjährigen Barometerbeobachtungen gewonnene Mittel des Luftdrucks beträgt in Klausthal 710,51 Millimeter; seinen höchsten Stand behauptet das Barometer in den Monaten Juni bis September, seinen niedrigsten in den Monaten März, April, November und Dezember. Der Sonnenberg hat ein Jahresmittel von 692,92, der Brocken von 662,2, Nordhausen 741,76, Sangerhausen 747,85 Millimetern.

Das früher für Klausthal zu 6,2℃ angenommene Jahresmittel der Lufttemperatur sinkt bei Berücksichtigung der vierzig Jahre von 1856–1896 auf 6,03℃, übertrifft also das von Stockholm (5,7℃) nur um ein Geringes. Doch sind die Unterschiede der einzelnen Jahre beträchtlich: so hatte das Jahr 1872 eine Temperatur von 7,58℃, das Jahr 1879 nur 4,41℃. Die größte Kälte wurde am 4. Januar 1894 mit -21,80℃, die größte Wärme am 23. August 1892 mit 31,60℃ erreicht.

In der zweiten Hälfte der vierzigjährigen Beobachtungsperiode ist ein auffälliger Rückgang der Temperatur eingetreten. Während nämlich das Mittel der 10 Jahre von 1856 bis 1866 6,17℃, das der folgenden 10 Jahre 6,22℃ betrug, erreichte es in den Jahren 1876–1886 nur 5,87℃ und in den Jahren 1887–1896 nur 5,68℃.

In dem vorletzten Abschnitt waren die Tage vom 25. bis 29. Juni mit einer mittleren Temperatur von 15,22℃, im letzten die Tage vom 25. bis 29. Juli mit einer mittleren Temperatur von 15,27℃ die wärmsten, während sich in der Zeit vom 11. bis 15. Januar mit einer mittleren Temperatur von -3,63℃ in jenem, und in den Tagen vom 1. bis 5. Januar mit einer mittleren Temperatur von -4,82℃ in diesem Abschnitt die größte Kälte geltend machte. Der erste fünftägige Zeitabschnitt mit einer mittleren Temperatur unter 0℃ fiel auf den 17. bis 21. November (27. November bis 1. Dezember), der letzte auf den 22. bis 26. März (12. bis 16. März). Klausthal hat also etwa 120 Tage mit einer mittleren Temperatur unter 0℃.

Charakteristisch ist für das Klima des Oberharzes der jähe Wechsel der Temperatur an ein und demselben Tage. Beträgt der Unterschied zwischen dem Maximum und Minimum eines Tages im Sommer oft 20℃, so ist er doch auch in den andern Jahreszeiten nicht unbedeutend. So stieg am 2. März 1877 die Temperatur von -13,81 um 7 Uhr morgens auf +3,56 um 2 Uhr nachmittags und fiel wieder auf -10,65℃ um 9 Uhr abends. Dem Oberharz ist ferner eigentümlich, daß sich hier die „drei gestrengen Herren“ im Monat Mai nicht bemerkbar machen (so daß auf der Hochebene die Spuren der Nachtfröste, die in den Vorbergen den ersten Trieb der Laubbäume beschädigen, kaum zu sehen sind); und daß im Monat Dezember nach der ersten Frost- und Schneeperiode fast regelmäßig eine Zunahme der Temperatur unter reichlichen Regengüssen eintritt. (So stieg z. B. im zweiten Drittel des Monats Dezember 1893 die Temperatur von -0,20° bis auf +6,20° und sank im letzten Drittel auf -14,30℃.) Diese „Weihnachtsflut“ bringt den als Kraftspeicher für den Bergbau dienenden Sammelteichen sehr erwünschte Zuflüsse.

Das niedrige Jahresmittel von Klausthal ist keineswegs die Folge einer abnormen Kälte des Winters. Erreichten doch z. B. im Jahre 1883 Nordhausen und Braunschweig eine um 1,5° und 3,9℃ größere Kälte, als jenes. Vielmehr hat das niedrige Jahresmittel seinen Grund in der langen Dauer des Winters und in der niedrigen Sommertemperatur. Auch der Vergleich mit Stockholm fällt ganz anders aus, wenn man statt des Jahresmittels die mittlere Temperatur der Jahreszeiten zu Grunde legt. Während diese in Stockholm auf -3,31℃ sinkt und im Sommer auf 22,04℃ steigt, sinkt sie in Klausthal (nach vierzigjährigem Durchschnitt) nur auf -1,79℃ und steigt nur auf +14,14℃. Diese durch die Höhenlage bedingten Unterschiede erklären die sonst auffällige Thatsache, daß in Lappland, welches mit dem Brocken etwa gleiche mittlere Jahrestemperatur hat, noch Getreidebau getrieben werden kann, der im Harze schon auf der Hochebene von Elbingerode aufhört, daß hier dagegen noch Buche und Roßkastanie gedeihen, die nordwärts den kalten Winter schon des mittleren Schwedens nicht vertragen.

Temperaturschwankungen.

Mit dem 3,96℃ betragenden Jahresmittel des Sonnenbergs (774 m) ist zugleich die Temperatur für die andern Einzelsiedelungen bis zum Brockenfelde — Königskrug, Oderbrück, Torfhaus — gegeben. Zum Vergleiche zwischen den beiden Stationen des Oberharzes mit dem am Gebirgsrande und in der Nähe des Harzes belegenen mögen noch folgende Angaben — für die ich das Jahr 1883 zu Grunde lege — dienen: Das Thermometer sank zum letztenmal unter 0° in Sangerhausen am 13. April, in Nordhausen, Göttingen und Braunschweig am 23. April, in Heiligenstadt am 7., in Salzwedel am 4., in Klausthal am 11. Mai und auf dem Sonnenberge am 19. Juni; zum erstenmal wieder auf dem Sonnenberg am 18. August, in Klausthal am 6., in Nordhausen am 7., in Göttingen am 23. Oktober, in Sangerhausen und Heiligenstadt am 16., in Braunschweig und Salzwedel am 17. November. — Die höchste Temperatur wurde in Braunschweig am 2. und 3., auf allen übrigen Stationen am 4. Juli erreicht; sie betrug in Salzwedel 35,5, in Magdeburg 34,5, in Göttingen 32,8, in Sangerhausen 32,6, in Braunschweig 32,0, in Nordhausen 31,4, in Heiligenstadt 31,2, in Klausthal 29,6, auf dem Sonnenberge 29,1℃. — Die niedrigste Temperatur betrug in Göttingen -10,5 (am 23. März und 8. Dezember), in Sangerhausen -11,1 (23. und 24. März), in Heiligenstadt -12,3 (24. März), in Salzwedel -13,0 (9. Juni), in Magdeburg -14,7 (15. März), in Klausthal -15,1 (23. März), in Nordhausen -16,4 (17. und 23. März), auf dem Sonnenberge -18,7 (13. März), in Braunschweig -19,6℃ (16. März).

Das Jahresmittel des Brockens soll nach den letztjährigen Beobachtungen nur +0,87℃ betragen; doch ist bis zur Gewinnung eines längere Perioden umfassenden Durchschnitts vorläufig noch an dem aus sämtlichen früheren Beobachtungen berechneten Mittel von 2,40℃ festzuhalten. Der Brockengipfel hat demnach fast genau das gleiche Mittel mit Tromsö im nördlichen Norwegen.

Die mittlere Temperaturabnahme beträgt auf je 1 m Erhebung nach dem Brockengipfel hin von Osterode 0,71°, von Klausthal 0,68°, von Goslar 0,66°, von Wernigerode 0,65℃.

Die mittlere jährliche Schwankung, die Differenz zwischen Januar (-5,40℃) und Juli (+10,7℃), beträgt auf dem Brocken nur 16,1℃; in Klausthal (Januar -2,43, Juli +14,85℃) 17,28℃. Diese sonst auffällige Thatsache findet ihre Erklärung darin, daß der Brockengipfel in die Region der stärksten Wolkenbildung hineinragt, und daß die starke Bewölkung die Temperaturextreme erheblich mildert.

Die höchste beobachtete Temperatur war +27,7, die niedrigste -28,0°. Da im Mittel auf den 30. Mai der letzte und auf den 7. Oktober der erste Frost fällt, so sind etwa vier Monate frostfrei. Doch kommen starke Abweichungen vor: im Jahre 1840 waren nur 89 Tage (vom 26. Juni bis 21. September), im Jahre 1848 dagegen 186 Tage (vom 5. Mai bis 3. November) frostfrei. — Perioden lang andauernder Kälte sind auf dem Brocken nicht häufiger als in der Ebene; die längste bis jetzt beobachtete fiel in den Januar 1838, wo an achtzehn aufeinanderfolgenden Tagen das Mittel unter -19℃ lag; alle Gewässer, sogar der Gerlachsbrunnen, froren völlig aus, trotzdem war die Kälte, da Windstille und Sonnenschein herrschte, sehr gut zu ertragen. —

Die Niederschläge.

Inbetreff der Niederschlagshöhe, des zweiten Hauptfaktors des Klimas, steht der Harz mit dem übrigen Mitteldeutschland unter dem Einfluß des Atlantischen Ozeans. Nur die von diesem heranstreichenden Winde können uns die erforderliche Feuchtigkeitsmenge bringen, denn im Süden sperrt uns die Gletschermauer der Alpen gegen den Einfluß des Mittelländischen Meeres ab, und im Nordosten und Osten sind uns weite, zusammenhängende Landmassen vorgelagert, die um so größer erscheinen, wenn wir hierbei auch die Ostsee als Land behandeln; ihr Einfluß auf die Niederschlagshöhe ist nämlich aus drei Gründen außerordentlich gering: sie hat nur geringen Umfang, ist meistens kälter als die offene See und liegt nicht in unserer Hauptwindrichtung.

Das Vorwalten der Südwestwinde in Mitteldeutschland ist nicht nur die Folge der Rechtsablenkung der Winde durch die Drehung der Erde, sondern wird zugleich durch das sogenannte Azorische Maximum, das ist ein Gebiet hohen Luftdruckes im Südwesten über dem Atlantischen Ozean (in der Gegend der Azoren), durch das im größten Teil des Jahres über dem Atlantischen Ozean im Nordwesten (in der Gegend von Island) ruhende Gebiet niedrigen Luftdruckes, und durch die konstante Abnahme des Luftdruckes vom 45. bis 50. Breitengrade nach Norden zu verursacht.

Kein Punkt in Mitteldeutschland ist nun für diese Klarlegung so geeignet wie der hochragende Brockengipfel, da auf diesem die Windrichtung durch örtliche Hemmung und Ablenkung nicht beeinflußt werden kann. Nach der achtteiligen Windrose kommen auf dem Brocken 15% aller beobachteten Windrichtungen auf NW, 23% auf W, 24% auf SW, zusammen also 62% — nach dem Wolkenzuge sogar 74% — auf die für uns Regen führenden Winde (auf S nur 10, SO und O je 8, NO und N je 6%.)

Dieser herrschenden Luftströmung stellt sich nun das Harzgebirge mit seiner Breitseite, und zwar mit seinem hohen NW-, W- und SW-Rande, fast rechtwinkelig quer in den Weg, dadurch erfährt der Luftdruck eine Steigerung, die Luft wird zum Ansteigen gezwungen, kühlt sich dadurch ab und verdichtet ihren gasförmigen Wassergehalt zu Nebel und Wolken, dann zu Regen und Schnee. So kommt es, daß die auf der Luvseite liegenden Osterode 820, Grund 880 Millimeter, die auf der Leeseite, im „Regenschatten“ des Harzes liegenden Wernigerode nur 613, Blankenburg 518 Millimeter Niederschlag haben. Wenn man nun ferner berücksichtigt, daß der dichte Fichtenbestand des Westharzes die Feuchtigkeit der Luft gleichsam aufsaugt, die Wolken anzieht und ihren Inhalt zum großen Teil absorbiert und in den ausgedehnten Mooren festhält, so ist es klar, daß unser isoliert aufsteigendes Gebirge auf die Niederschläge eines großen Teiles von Norddeutschland einen ganz bedeutenden Einfluß haben und als der Hauptkondensator für die vor und hinter ihm liegenden Lande angesehen werden muß.

Im hohen Westharze ist selbstverständlich der Niederschlag am bedeutendsten. Für den Brocken berechnet Hellmann aus sämtlichen vor dem Jahre 1879 liegenden Beobachtungen das Jahresmittel auf 1669 Millimeter; in Klausthal betrug das Mittel aus den 40 Jahren 1856–1895 1338 Millimeter, auf dem Sonnenberge (dessen Station leider jetzt eingegangen ist) das Mittel der 18 Jahre 1878 bis 1895 1283 Millimeter gegen 1316 Millimeter derselben Jahre in Klausthal. Zwischen den einzelnen Jahren sind außerordentlich große Unterschiede: in Klausthal stehen den 1930 Millimeter Niederschlag des Jahres 1867 als Minimum 824 Millimeter im Jahre 1857 gegenüber.

Niederschläge und Nebel.

Daß der Sonnenberg, und damit wohl auch das Brockenfeld, etwas geringere Niederschläge hat, als Klausthal, erklärt sich daraus, daß jener im Regenschatten des Bruchberg-Ackers liegt; in Andreasberg und Braunlage mit 1093 und 1096 Millimeter macht sich dieser noch stärker geltend, und den Unterharz charakterisiert Allrode mit 620 Millimeter. Bei den nur teilweise in diesem Regenschatten liegenden Orten des Südharzes (Wieda 993, Walkenried 820, Ilfeld 640 Millimeter) sprechen auch lokale Umstände mit. Die Jahressumme der Tage mit Niederschlägen steht in anderem Verhältnisse als diese: Klausthal hat im Mittel 152 Regen- und 64 Schneetage, der Sonnenberg aber gar 216 und 180.

Von großer Bedeutung für das Klima ist auch die Verteilung der Niederschläge auf die einzelnen Monate. In Klausthal folgen diese nach 40jährigem Mittel: Juli 145, Dezember 134,5, August 129,6, Juni 125,6, März 120,7, November 115,9, Oktober 108,3, Januar 105, Februar 104,8, September 88,6, Mai 81,8, April 76,4 Millimeter. Ähnlich ist das Verhältnis auf dem Sonnenberge, nur daß hier im Juli mehr Regen und im Dezember und März verhältnismäßig mehr Schnee fällt.

Ist der Westharz reicher an Niederschlag, so fällt der Regen auf der Leeseite massenhafter, bei einem einzigen Gewitter zuweilen 110, ausnahmsweise ⅕ des Jahresbetrages. So fielen in Schierke am 21. September 1882 129, in Harzgerode am 1. August 1887 121 Millimeter, während als Maximum in Klausthal nur 97,5 Millimeter auf den 29. Juli 1883 kommen.

Mit dem Nebel, der fast zur Hälfte auf den Winter fällt, ist es auf der Hochebene des Oberharzes nicht so arg, wie man oft denkt. Allerdings hat Klausthal durchschnittlich 95 ganz trübe und nur 27 ganz helle Tage, aber es ist damit nicht schlechter gestellt als manche Städte im Lande. Im Jahre 1883 z. B. wurden die 81 Nebeltage Klausthals von Braunschweig mit 83, Magdeburg mit 97 übertroffen, und seinen 25 ganz heiteren Tagen hatte Salzwedel nur 19 gegenüberzustellen. Der Sonnenberg hat beinahe doppelt so viele Nebel- und doppelt so viele ganz helle Tage als Klausthal. Auf den Rauhreif und „Anhang“, auf den Brocken im Nebel kommen wir am andern Orte zu sprechen.

V.
Geschichtlicher Überblick.

Vorgeschichte des Harzes.

Wenn sich in dem weit wilderen Alpengebirge uralte Pfade schon in der vorgeschichtlichen Zeit nachweisen lassen, so ist die Annahme, daß solche auch im Harze vorhanden gewesen sein müssen, um so weniger gewagt, als der einzige dem Oberharze angehörende Fund aus der Steinzeit, ein gebrauchfertiges und gut erhaltenes Steinbeil aus nichtharzischem Gestein (Oberharzer Museum) gerade auf dem Brockenfelde gemacht ist, über das der „Heidenstieg“ lief, der später in den fahrbaren „Kaiserweg“ umgestaltet ward.

Im übrigen wurde in vorgeschichtlicher Zeit das Innere des Harzes und insbesondere der hohe Westharz mit seinen undurchdringlichen Urwäldern, seinem wegsperrenden Klippengewirr und seinen Gefahr drohenden Mooren wohl nur hin und wieder von einzelnen kühnen Jägern betreten, die Elch und Schelch, Ur und Wisent, Bär und Wolf bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel zu verfolgen wagten.

Zu dauernder Ansiedelung aber konnten den Menschen der Steinzeit, dem Waldwirtschaft und Bergbau, die Vorbedingungen der späteren Besiedelung des eigentlichen Harzes, völlig fremd blieben, nur die dem Harze vorgelagerten Hügellandschaften und Flußebenen einladen.

Die Pfahlbauten in den Brüchen und trockenen Seen am Ostrande, die Feuerstätten unter dem Tropfsteinboden der Einhornhöhle, die zahlreichen in neuerer Zeit ausgegrabenen Wohn- und Grabstätten mit ihren Hausurnen und Steinkisten, die noch unverwischten Befestigungen mit all ihren wertvollen Funden reden eine gar deutliche Sprache, und eine Zusammenstellung der Orte, die durch ihren Namen als heidnische Opferstätten gekennzeichnet sind (Wodansberg, Hübichenstein, Thorsthor, Pholidi, d. i. Pöhlde, die Bocksberge und andre) ergänzt als zweite wichtige Urkunde jenen Bericht.

Beim Eintritt in die geschichtliche Zeit müssen die Harzlande freilich vorerst stumm von ferne stehen, wenn Süddeutschland und die Rhein- und Weserlande so viel des Interessanten aus der Römerzeit zu erzählen haben; aber dafür dürfen sie sich dessen rühmen, daß in ihnen der erste Versuch und Ansatz einer reindeutschen Staatenbildung gemacht ist: die südlichen und östlichen Vorlande bildeten das Mittel- und Kernstück des Königreichs Thüringen, das sich im ersten Viertel des sechsten Jahrhunderts von der oberen Donau bis an die Grenze des Bardengaues erstreckte. Die zahlreichen Ortsnamen auf —leben (das ist Aufenthaltsort) und —stedt (Wohnstätte) erinnern noch daran.

Als die Franken 529–531 die Macht der Thüringer mit Hilfe der Sachsen brachen, blieb ihnen nur der Helmegau (Walkenried, Nordhausen), der ganze Süd- und Ostrand vom Sachsgraben bei Wallhausen bis an die Oker fiel den Sachsen als Kriegsbeute zu, doch mußten sie für die südliche Hälfte den Franken jährlich 500 Kühe als Tribut liefern. Um sich von dieser drückenden Fessel der Unfreiheit zu befreien, folgten die Bewohner dieses Gaues 568 gern dem Rufe des Longobarden Alboin zum Einmarsch in Italien, und in die verödeten Lande zogen nun Nordschwaben, Friesen und Hessen ein, denen es 575 gelang, die zurückkehrenden Sachsen in zwei mörderischen Schlachten zu vernichten.

Einführung des Christentums.

Das Christentum ist in die Harzlande zuerst in der abgeschwächten Form des Arianismus durch die Thüringerkönigin Amalaberga, Theoderichs des Ostgoten Nichte, gekommen; doch hat die schwache Pflanze die Stürme jenes Vernichtungskrieges nicht überdauert. Erst Bonifatius und sein Schüler Wigbert haben es in den drei südlichen Gauen (Helme, Hessen, Friesen) sicher begründet, und in dem Schwabengau, in dem sich nur einige vorpostenartig vorgeschobene Wigbertikirchen (z. B. in Quedlinburg) finden, ist es vom Hausmeier Karlmann und seinem Bruder Pipin im Kampfe gegen den auf seine „Hoseoburg“ trotzenden Häuptling Theoderich 746–748 mit Waffengewalt eingeführt.

Wie weit dann auf friedlichem Wege das Christentum am Westrande des Harzes vorrückte, zeigt die Grenze des Mainzischen Sprengels, die im Pandelbach bei Münchehof mit der Nordgrenze des Lisgaues, des einzigen von Engern bewohnten harzischen Gaues, zusammenfällt. Die nördlich anschließenden Lande, der Ambergau (Seesen, Bockenem), der Wenzigau (Goslar), der Lerigau (Wöltingerode) und der Harzgau (Wernigerode, Blankenburg) sind erst durch den Schwertapostel Karl den Großen bekehrt. Ströme des Bluts, wie in Westfalen, sind im Harze nicht geflossen. Schon 775 unterwarf sich der Ostfalenherzog Hessi freiwillig an der Oker und hielt die gelobte Treue; seine Tochter gründete in Wenthausen, dem heutigen Thale, das erste Kloster in den Harzlanden.

Als Karl 809 für Ostfalen rechts der Oker in Halberstadt ein Bistum gründete, wies er diesem auch den Südrand bis zum Sachsgraben zu, so daß dem fernen Mainz nur der Helme- und der Lisgau verblieben. Für Ostfalen links der Oker gründete Karl 818 das Bistum Hildesheim; und an der Vertiefung des vielfach nur äußerlich angenommenen Christentums arbeiteten mit jenen Bischöfen auch die Klöster Fulda und Hersfeld weiter.

Besiedelung des Harzes.

Die Ortschaften, welche bis zu dieser Zeit etwa in den Harzlanden entstanden waren, gehören drei verschiedenen Gruppen an. Die älteste umfaßt diejenigen, deren Namen auf —hausen und —heim (—um, —em), auf —leben und —stedt endigen, also auf eine Einzelsiedelung, auf das von den zugehörigen Hütten der Laten umgebene Haus eines seßhaften freien Mannes hinweisen, die zweite solche, deren Namen auf —ingen und —ungen endigen, Siedelungen einer ganzen Sippe. Auch die Orte mit bloßen Naturnamen, wie z. B. Goslar (Einöde am Gießbach), Steina (Siedelung an der Grenze, nämlich zwischen Sachsen und Thüringern), sowie die, welche auf —a, —see, —leite, —berg u. s. w. ausgehen, gehören zum größten Teil der frühesten Zeit an. Die dritte Gruppe bilden die Orte, welche sofort als „Dorf“ entstanden sind.

Die Volksmenge ward allmählich dichter, die unter dem Pfluge liegenden Ackerflächen genügten nicht mehr, und notgedrungen nahmen die Bewohner der Vorlande auch die öden Gebiete in Angriff, lichteten den Urwald mit Axt und Feuer, legten die Sumpfgegenden durch Gräben und Dämme trocken und machten den so dem Walde und dem Wasser abgewonnenen Boden durch den Pflug zu ertragsfähigem Lande.

Liegen die Orte, welche in dieser Zeit der „ausbauenden Kolonisation“ entstanden sind, auf ehemaligem Waldboden, so endigt ihr Name auf —loh, d. i. Wald (Braunlage = brauner Wald), auf —feld (Mansfeld u. s. w.), auf —hain und —hagen, —rode und —schwende; ist ihre Flur durch Entwässerung des Sumpfes gewonnen, auf —riet. Noch jetzt umzieht ein dichter Kranz solcher Ortschaften den Harz, die meisten aber sind längst wieder eingegangen, weil die Länderei die Arbeit nicht lohnte. Ganz besonders trifft dies die zahlreichen „Hagen“, d. i. auf Waldblößen angelegte Ortschaften mit eingefriedigter Feldmark, und die noch häufigeren Rodungen. Von den an der Endung —schwende (von suantjan, schwinden machen) kenntlichen Brandrodungen, die nur im Ostharze vorkommen, ist Molmerschwende die bekannteste.

Das Jahr, selbst das Jahrhundert der Erbauung all dieser späten Siedelungen läßt sich nur bei einigen annähernd angeben. —

Die Kaiserzeit.

Hatte einst das mächtige Thüringerreich im Südostharze seinen Mittelpunkt, so stand später, als das von Karls des Großen Weltreich abgetrennte und in Selbständigkeit erstarkte Deutsche Königreich, bald vom Glanze der römischen Kaiserkrone umstrahlt, den Höhepunkt seiner Macht erreichte, zur Zeit der Ludolfinger, Salier und Staufer, der Harz hellleuchtend im Vordergrunde der deutschen Reichsgeschichte. Wie nirgends sonst im ganzen Deutschland reihten sich um den Harz Königshöfe und Pfalzen zu einem prächtigen Kranze zusammen: im Norden Dahlum, Seesen, Werla, Ilsenburg, im Osten und Süden Frose, Walbeck, Quitelingen, Allstedt, Tilleda, Wallhausen, Nordhausen und Pöhlde.

Unter den ludolfingischen Kaisern liegt der Schwerpunkt vorerst im Süden und Osten: in Wallhausen, Nordhausen und Quedlinburg, zu denen dann noch aushelfend Pöhlde und Gernrode kommen. So dankbar die Aufgabe wäre, diese Könige, besonders Heinrich I. und Otto den Großen, von einer Harzpfalz zur andern zu begleiten: wir müssen es uns um des Raumes willen versagen. Mit dem Erlöschen der Ludolfinger trat die alte Kaiserstadt Quedlinburg in den Hintergrund. An der stolzen Stiftung des ausgestorbenen einheimischen Hauses nehmen die fränkischen Kaiser nur geringen Anteil, ihr Lieblingsaufenthalt ward Goslar, dem unter dem mächtigen Heinrich III. eine wahrhaft glänzende Zeit erstand. Auf der Höhe des Kaiserbleekes erbaute er den großartigen Reichspalast (Abb. 3) und in dessen Nähe den herrlichen Dom, einen leuchtenden Schmuck für das ganze Sachsenland. Damals war Goslar in Wahrheit das clarissimum regni domicilium. Und wenn unter Heinrich IV., dem Harzer von Geburt, der Glanz zu erblassen schien und die burggekrönten Harzberge trauernd das Haupt neigten, so kehrten jene Tage des Ruhmes unter dem Sachsen Lothar und unter den beiden Friedrich von Staufen noch einmal wieder auf lange Zeit: ja der Reichstag, den Barbarossa im Juni 1154 in Goslar hielt, überstrahlte alle andern, die der Harz je gesehen hat.

Viermal spitzte sich die deutsche Reichsgeschichte zu einem Kampfe zwischen dem Kaiser und dem Sachsenherzoge zu, aber keiner von ihnen, auch kein späterer Krieg, hat je die Harzlande so schwer betroffen, so viel Städte in Asche gelegt, so viel Burgen gebrochen, als der letzte, in dem um jedes Panier, um das des Welfen Heinrich des Löwen und das waiblingische Barbarossas Harzer Grafen und Harzer Bürger sich scharten.

Im Jahre 1253 sah Goslar zum letztenmal einen Kaiser in seinen Mauern: Wilhelm von Holland, der König der welfischen Partei, ließ sich hier vom Glanze der alten Kaisererinnerungen bestrahlen. Dann stand die Kaiserpfalz öde und vergessen, bis in unseren Tagen in die alten Mauern, die länger als sechs Jahrhunderte trauernd und verlangend nach einem Kaiserantlitz ausgeschaut hatten, der greise Kaiser Wilhelm der Große, der siegreiche Einiger und Mehrer des Reichs, einzog.

Die Harzgrafschaften.

Mit dem Untergange der Hohenstaufen und der Zertrümmerung des starken sächsischen Stammesherzogtums verliert die Harzer Geschichte ihren einheitlichen Charakter. Eine Vielheit von Territorien, geistlichen und weltlichen, umspannten den Harz und hatten das Innere in größeren Bruchstücken und kleinen Splittern zu eigen. Der Oberharz gehörte dem 1235 in seiner Herzogswürde anerkannten Welfenhause, im Osten griffen — wie noch heute — die Besitzungen des Hauses Anhalt, der Selke folgend, tief in das Gebirge hinein; dem Süd- und Ostrande aber gaben die Harzgrafschaften Wernigerode, Regenstein, Falkenstein, Mansfeld, Stolberg, Hohnstein, Scharzfeld u. a. ihr charakteristisches Gepräge. Bis auf das durchlauchtige Haus Stolberg, mit dem jeder Harzer sich gleichsam landsmännisch verwachsen fühlt, sind diese mächtigen Geschlechter, allen voran das kaisertreue Woldenberg-Harzburgische, dessen Glanz fast schon mit dem der Hohenstaufen erbleicht, eins nach dem andern erloschen. Nach manchen Wechselfällen breitet heute der preußische Königsadler, dem braunschweigischen Löwen und dem anhaltischen Bären ihren Raum gönnend, schirmend seine Flügel über den Harz und dessen Vorlande.

VI.
Land und Leute.

Es gibt in Deutschland kein zweites Beispiel dafür, daß sich auf einem so eng umgrenzten Gebiete, wie es der Harz einnimmt, so viel verschiedene Volksstämme nachweisen und noch heute, namentlich in ihrer sprachlichen Verschiedenheit, klar erkennen lassen. An der Hand der Geschichte haben wir in der Völkerwanderung Schwaben und Silinger, Friesen und Hessen und nicht lange danach auch Holsteiner (Elbingerode) neben den alteingesessenen Thüringern, Engern und Ostfalen sich niederlassen und in der Kaiserzeit Slaven und Flamländer die sumpfigen Vorlande besiedeln sehen. Dazu kamen noch zur Zeit der Reformation die mit wenig Franken untermischten Obersachsen, die heutigen Bewohner des Oberharzes.

Die Bevölkerung.

Nach der bis vor kurzem landläufigen Ansicht stammen diese aus Franken. Aber man verwechselt sie dabei mit der ersten, in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts der Pest erlegenen schwachen Bevölkerung, die es bis zur Städtegründung nicht gebracht hat. Als im sechzehnten Jahrhundert fast gleichzeitig in den Gebieten von Braunschweig-Wolfenbüttel (Zellerfeld, Wildemann), Braunschweig-Grubenhagen (Klausthal) und Hohnstein (St. Andreasberg) an den Stellen, wo einst jener „Alte Mann“ oberflächlich Bergbau getrieben hatte, edle Gänge erschürft wurden, und die Strahlen, die aus der silberblinkenden Teufe aufschossen, den im Winterschlafe liegenden, verödeten Oberharz zu neuem Leben erweckten, vermochte ihm der infolge der Fehde mit Heinrich dem Jüngeren schwer krankende Rammelsberg durch Abgabe von Bergleuten um so weniger zu helfen, als die Goslarschen nur mit dem „Feuersetzen“ (dem Anzünden großer Holzstöße zum Mürbemachen des Gesteins) zu arbeiten wußten, nicht aber zu „sinken“ (Schächte abzuteufen), zu „längen“ (Stollen und Strecken zu treiben) und zu „gewältigen“ (das Grubenwasser abzuführen) verstanden; dazu bedurfte man „meißnischer Berggesellen“. Und angelockt durch die viel verheißenden „Bergfreiheiten“ strömten jene dem deutschen Peru namentlich aus dem westlichen Erzgebirge, der Gegend von Schneeberg, Annaberg und Joachimsthal, wo der Bergbau stark im Niedergang begriffen war, in großen Scharen zu, so daß die Städte fast wie Pilze aus der Erde schossen.

Mundarten.

Die Verschiedenartigkeit der Volksstämme im Harze zeigt sich vor allem in der Mannigfaltigkeit der hier herrschenden Mundarten.

Der größte Teil des Harzes spricht niedersächsisch („Plattdeutsch“), der ganze Westrand vom Ravensberg (zwischen Sachsa und Lauterberg) bis Hahausen und der Nord- und Ostrand von Hahausen bis Ballenstedt, sowie bis auf die Sprachinsel des Oberharzes der ganze Nordosten des Gebirges bis Braunlage, Benneckenstein, Trautenstein, Hasselfelde, Suderode und Gernrode. Dieser ganze niedersächsische Harz gehört zu dem einen der beiden großen „Michquartiere“ in Deutschland: der Akkusativ mek und dek (mich und dich) wird auch für den Dativ gebraucht; auch wird dem zweiten Partizip statt des hochdeutschen ge ein kurzes e vorgeschlagen, z. B. bei hett mek eraupen oder eröupen (er hat mich gerufen), hei hett et mek egeeben (er hat es mir gegeben). Ek und mek wird im Osten lang, im Westen kurz, und das s in den Anlauten sm, sl, sn, sw, sp, st nur im Osten sch gesprochen. Auffällig ist auch die Verschiedenheit in der Konjugation des Präsens; der Westen und Norden sagt: weï drinket, jei (jï) drinket, sei drinket, das südöstliche Drittel wie im Hochdeutschen wei (in Elbingerode, Schierke, Benneckenstein mei), jï, sei drinken. Die nördlichsten Orte dieses Drittels sind Braunlage, Elend, Schierke, Elbingerode, Blankenburg, Börnecke.

Im einzelnen lassen sich die Mundarten der Gaue, wenn auch deren alte Grenzen hierbei nicht überall scharf hervortreten, an charakteristischen Eigentümlichkeiten gut unterscheiden. Nur im engernschen Lisgau, also auch in den der oberdeutschen Sprachinsel nicht angehörenden oberharzischen Ortschaften Lerbach, Buntenbock, Riefensbeek, Kamschlacken, Lonau und Sieber hört man ssehr (sehr), chout (gut), loapen (laufen). Die ostfalische Mundart, welche im Ambergau, Densigau und Lerigau den Harz berührt, in der Nähe des Gebirges aber auch auf das rechte Ufer der Oker hinüberspringt, wird durch eine Fülle von Diphthongen gekennzeichnet, deren nach den Orten wechselnde Färbung längst nicht mit den hochdeutschen Vokalen wiedergegeben werden kann. Mein Haus lautet (bis dicht vor Hannover, wo zuerst der einfache Vokal mîn hûs auftritt) etwa maïn oder meïn hius, greulich gruilich, gräulich gröulich. Vielfach wird g wie j gesprochen: gut jiut, geben jeeben; Gott lautet in der Einzahl gott, in der Mehrzahl aber jötter; ebenso hochdeutsch Garten in der Mehrzahl järten. In andern Wörtern wie grot (groß), Goslär (Goslar), Gurke tritt das j nie auf.

Die sich östlich anschließende Harzgauische Mundart kennt die ostfalischen Diphthonge und das anlautende scharfe st, sl etc. nicht und spricht nur in dem östlichen Streifen (Halberstadt, Quedlinburg) an der Bode das anlautende g wie j: Joslar, jut, jross. Zum Vergleiche zwischen dieser und der ostfalischen Mundart diene folgende Strophe aus der „willen Jagd“:

Wernigerode:

Mîn Vader, mîn Vader, horche mal rut,
Dat hult da buten, dat hult sau lut;
Dat bellt un schtampt, dat gröhlt un brüllt
Hoch öwwer de Böme grulich un wild.

Bockenem:

Maïn Vader, maïn Vader, horche mal rüut,
Dat hüult da butten, dat hüult söu lüut,

Dat bellt un stampet, dat greelt un brillt
Hoch ower de Beme gruilich un wild.

Einlautig ist auch die Mundart des Schwabengaues, die ohne scharfe Umgrenzung etwa von Westerhausen und Thale bis an den Streifen bei Suderode und Ermsleben reicht, in dem seit Jahrhunderten das Mitteldeutsch kämpfend weiter nach Norden vordringt. Sie spricht stets anlautendes g wie j und — wie schon manche Orte des Harzgaues — hiser, nicht hüser für Häuser.

Die niederdeutschen Mundarten haben denselben Konsonantenstand wie das Gotische. Sie sind von der konsonantischen Lautverschiebung, welche schon zur Zeit der Völkerwanderung zunächst bei den Alemannen in der Schweiz begann, und wellenförmig nach Norden fortschreitend im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert in die südlichen Harzlande gelangte und die niederdeutsche Mundart in eine hochdeutsche umwandelte, nicht beeinflußt; sie halten noch das altdeutsche t fest, wo unsere hochdeutsche Schriftsprache z setzt (tämen = zähmen); für das hochdeutsche t haben sie noch d (Dochter = Tochter), für f noch p (lopen = laufen), für ch k (eck und ick = ich) beibehalten. Dagegen haben die Thüringer im Helmegau nebst den dort eingewanderten Flamländern, sowie die Hessen und Friesen diese Lautverschiebung angenommen, so daß der ganze Südharz bis zum Ravensberge jetzt hoch-(mittel-) deutsch spricht. An die frühere Zugehörigkeit auch dieser Gegenden zum niederdeutschen Sprachgebiet erinnern nur noch wenige Spuren, so im Mansfeldischen die Flexion des Infinitivs bei zu (ze thune für zu thun) und mant für nur.

Es lassen sich hier, wenn auch nicht in genauem Anschluß an die Gaugrenzen, drei mitteldeutsche Mundarten unterscheiden: süd- oder unterharzisch, mansfeldisch und nordthüringisch. Ihr Konsonantenstand ist derselbe wie der des Hochdeutschen, nur ist das niederdeutsche pp und mp am Ende der Wörter geblieben: Kopf und Strumpf werden noch Kopp und Strump gesprochen; und das niederdeutsche p im Anlaut ist nicht in pf, sondern in f umgewandelt: Pferd und Pfennig lauten Ferd und Fennig.

Stimmen hierin die drei Mundarten überein, so ist dagegen die sogenannte bayerische Vokalverschiebung, die Verbreiterung der alten Vokale î und û zu ei und eu, welche durch die süddeutschen Kanzleien und namentlich durch Luthers Bibelübersetzung in unser Neuhochdeutsch gedrungen ist, nur von der mansfeldischen Mundart angenommen; sie spricht mei haus, feier, ihr, eich (euch), eier (euer), wo jene beiden min hûs, fier, ji, uch, uer sprechen. Die wesentlichsten unterscheidenden Merkmale zwischen der unterharzischen und der nordthüringischen Mundart sind, daß nur diese den Infinitiv um n verkürzt; im Osten: ich kann spreche, im Westen: ich kann gespreche; und das anlautende g nicht wie j, sondern wie g und k spricht: nicht wie Mansfeld und Unterharz jestern und janz, sondern gestern und ganz neben kestern und kanz. Zum Michquartier gehören sie alle drei.

Nicht aber, als die einzige im ganzen Harzgebiete, die in das niederdeutsche Sprachgebiet inselartig eingesprengte oberharzische Mundart, welche sich auf die Städte und Ortschaften beschränkt, die dem Silberbergbau ihre Entstehung verdanken: Klausthal, Zellerfeld, Andreasberg, Wildemann, Lautenthal, Hahnenklee, Bockswiese, Festenburg, Oberschulenberg und teilweise Unterschulenberg und Altenau. Die Lautverschiebungen sind nicht bis hierher gedrungen, sondern die Einwohner haben ihre oberdeutsche Mundart schon aus ihrer Heimat mitgebracht, und da sie keine anders sprechende Bevölkerung vorfanden, unbeeinflußt bewahren können.

Das Oberharzisch hat die bayerische Vokalverschiebung (mei haus), aber andern Konsonantenstand als die vorhin genannten drei mitteldeutschen Mundarten: im Anlaute ist das alte p in pf umgewandelt (also Pfeng, nicht Fennig). In ganz Deutschland hat nur noch die Mundart des oberen Erzgebirges diese Merkmale. In beiden hört man Pfâr für Pferde neben schtoppen für stopfen und Napp für Napf; in beiden klingt kn im Anlaut fast wie gn (Gnabe statt Knabe), wird mr (mer) für wir und für man gebraucht, rsch für rs im Auslaut gesetzt (des Schteiersch = des Steigers), dasselbe helle a mit weitgeöffnetem Munde gesprochen (Ahng = Augen). Bei weiterem Vergleiche zeigt sich die völlige Übereinstimmung der oberharzischen gerade mit der Mundart des westlichen Erzgebirges (der sächsischen Städte Schneeberg und Annaberg und der böhmischen Stadt Joachimsthal). Nur hier, nicht im Osten desselben, wird z. B. das n der Endung gen in die vorausgehende Silbe versetzt und als Nasenlaut gesprochen (Morring Morgen, mit solling Leitn mit solchen Leuten), der Infinitiv auf a (kumma kommen, brenga bringen) und das Adjektiv öfter auf et (narbet narbig, lampet abgetrieben) gebildet. Diese gemeinschaftlichen Besonderheiten der westerzgebirgischen und oberharzischen Mundarten, die letztere allgemeiner festgehalten hat, als erstere, sind auf fränkische Einwirkung zurückzuführen. Fränkisch sind z. B. die erwähnte Adjektivendung et, die Verkleinerungssilbe le la (Heisl, Mehrzahl Heisla Häuschen), das häufige ä für hochdeutsches ei (Äch Eiche, Gäst Geist, dräzen dreizehn, Schrä Schrei etc.). Fränkisch sind auch viele oberharzische Wörter, die im Erzgebirge heutzutage nicht mehr üblich sind (z. B. wallen gin spuken, zochen umziehen, zipperig furchtsam, porren reizen, kâzen vor Uebermut laut schreien, greina weinen).

Die fränkische Färbung der beiden Mundarten weist darauf hin, daß die Auswanderung aus dem Erzgebirge nach dem Oberharze in einer Zeit stattfand, in der dort fränkische Bergleute unter der aus dem Meißnischen zuströmenden Bevölkerung sich seßhaft machten; und der Umstand, daß diese Färbung im Oberharze stärker ist als im Westerzgebirge, findet schon in der inselartigen Abgeschlossenheit des Oberharzes ausreichende Erklärung; daneben steht aber auch fest, daß bei der Aufnahme des oberharzischen Bergbaues einzelne Knappen direkt aus Franken zuwanderten.

Dorfanlage.

Inbetreff des Hausbaues weisen die einzelnen Gaue kaum noch nennenswerte Eigentümlichkeiten auf. Mag einst, wie einige der am Ostsaum aufgefundenen „Hausurnen“ schließen lassen, der altsächsische „Einbau“, der Menschen- und Viehhaus samt den Kornfächern unter einem Dache vereinigt, bis an den Fuß der Harzberge gereicht haben, so waren doch schon zur Zeit der Abfassung des Sachsenspiegels in dem ehemaligen Nordthüringen getrennte Scheunen üblich, und heute hat das fränkische Haus das sächsische völlig verdrängt: denn obgleich am Nordrande die Bauernhäuser bis über Bockenem hinaus vielfach die Giebelseite der Straße zukehren, so befindet sich doch der Eingang in der den Wirtschaftsgebäuden zugekehrten Breitseite.

Abgesehen von den in die engen Gebirgsthäler eingeklemmten und sich oft fast stundenlang ein- oder zweireihig hinziehenden Ortschaften bieten die übrigen fast sämtlich das Bild des unregelmäßigen Haufendorfes, denn wenn auch die ursprüngliche Hufeisen- und Rundlingsform der Wendendörfer in der Goldenen Au sich aus dem jetzigen Befunde meist noch herausschälen läßt, so haben doch Durchbrechungen des Ringes und Anbauten außerhalb desselben für das nicht historisch geschulte Auge den Unterschied vom Haufendorfe so gut wie verwischt.