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Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay cover

Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Chapter 2: Vorbericht.
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About This Book

This work chronicles the life and contributions of Alexander Mackay, a pioneering missionary in Uganda. Born in Scotland, Mackay was educated in a religious household and showed early promise in both academics and practical skills. His journey to Uganda was inspired by a call for missionaries following a report by explorer Henry M. Stanley. The narrative details Mackay's dedication to his mission, his interactions with local leaders, and the challenges he faced in spreading Christianity and education in the region. Themes of faith, perseverance, and the impact of missionary work are explored throughout his life story.

The Project Gutenberg eBook of Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

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Title: Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Author: Carl Schneider

Release date: March 16, 2015 [eBook #48502]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by Heiko Evermann and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HELD VON UGANDA: LEBEN UND WIRKEN DES PIONIERMISSIONARS ALEXANDER MACKAY ***

Der Held von Uganda

Leben und Wirken des Pioniermissionars
Alexander Mackay

Von Carl Schneider

Großer Menschen Werke zu seh'n,
Schlägt einen nieder,
Doch erhebt es auch wieder,
Daß so etwas von Menschen gescheh'n.
Rückert.

Vierte Auflage

Cassel 1922
Verlag von J. G. Oncken Nachfolger, G. m. b. H., Cassel

 

Alexander Mackay.

Vorbericht.

Die Londoner Zeitung »Daily Telegraph« brachte im November 1875 einen Artikel, der eine elektrisierende Wirkung hatte. Es war ein Brief des berühmten Weltreisenden Henry M. Stanley, in dem mit flammender Begeisterung der Reichtum und die Schönheit des Ugandareiches am Nordufer des Viktoria Niansa in Ostafrika geschildert und die englische Christenheit dringend ersucht wurde, in diesem gesegneten Lande eine Mission zu beginnen. Der humane König Mtesa, an dessen Hofe Stanley vor seiner großen Kongofahrt monatelang fürstliche Gastfreundschaft genoß, hatte sich heilsbegierig gezeigt und um Missionare und Lehrer für sich und sein Volk gebeten.

Wenige Tage nach Veröffentlichung dieser seltenen Botschaft stellte ein unbekannter Missionsfreund der Kirchlichen Missionsgesellschaft 10 0000 Mark für die Mission in Uganda zur Verfügung, und das Komitee erließ bald darauf einen allgemeinen Aufruf, um die weiteren Mittel und Menschen für das neue Werk zu bekommen. Ehe ein Jahr ins Land gegangen war, hatten sich zu den auf eine halbe Million Mark angewachsenen Missionsmitteln auch eine ganze Anzahl fähiger Männer als Missionare angeboten. Einer der ersten war Alexander Mackay. Er wurde nach Gottes Rat und Willen der Pionier Ugandas und nach Stanleys Urteil der größte Missionar seit Livingstone und war, wie ein anderer Bewunderer sagt: »Ein Mann unter tausend.«

Möge der Geist suchender Liebe, aus dem sein Werk erwuchs, zu unseren Herzen reden, damit wir die Mission fördern helfen, für welche der Held von Uganda sein Leben freudig in die Schanze schlug.

Erstes Kapitel.
Daheim bei Vater und Mutter.

Alexander Mackay wurde am 13. Oktober 1849 zu Rhynie in Schottland, dem Vaterland so vieler unvergeßlicher Missionare, als Sohn eines Geistlichen der Freikirche geboren und von den frommen Eltern fromm erzogen. Der hochgebildete Prediger widmete sich mit unermüdlichem Interesse der Ausbildung seiner Kinder und besonders des gutbegabten Alexander, der mit drei Jahren schon im Neuen Testamente gelesen und als Siebenjähriger Miltons »Verlorenes Paradies« gemeistert haben soll. Die biederen Dorfbewohner sahen oft auf den Landwegen Vater und Sohn gehen oder stehen und beobachteten, wie durch mit einem Stock in den Sand gezeichnete Figuren dem lernbegierigen Jungen irgend ein geometrischer Satz oder der mutmaßliche Lauf eines Planeten erklärt wurde. Im Elternhause herrschte ein reger Verkehr mit wissenschaftlich tüchtigen Männern, was viel zur raschen und guten Geistesentwickelung Alexanders beitrug. Den königlichen Geographen Sir Roderick überraschte einst des Kleinen Geschick im Kartenzeichnen und im Handhaben einer kleinen Druckerpresse. Er überreichte ihm beim Abschied ein nützliches Büchlein: »Kleine Anfänge, oder wie man vorwärts kommt«, das den Eifer von jung Alexander noch mehr spornte.

Als er elf Jahre zählte, wandte sich seine Neigung mehr den Dingen in Feld und Garten und sein Interesse daneben auch mechanischen Gegenständen zu. Er besuchte mit Vorliebe die Handwerker in ihren Werkstätten, um ihnen bei der Arbeit zuzusehen und etwas abzugucken. Die nächste Bahnstation war eine Stunde weit entfernt, aber Alexander legte diesen Weg oft zurück, um sich die Lokomotive anzusehen, wenn der Zug auf zwei Minuten hielt. Dem Spiel der Kameraden war er abhold, da sein forschender Geist immer anderswo beschäftigt war. Trotzdem dürfen wir uns Alexander nicht als überklugen und naseweisen Jungen vorstellen. Er bewahrte sich vielmehr in diesen Jahren ein kindlich fröhliches Gemüt und war sonst bei den Altersgenossen gern gelitten.

Die Eltern hatten ihn im stillen schon dem Herrn und Seinem Dienste geweiht. Er sollte einmal Prediger werden. Sie wurden deshalb etwas bekümmert, als sie merkten, daß der Sohn mehr Interesse an Maschinen und Werkzeug als an Büchern fand. Der liebe Gott macht aber keine Fehler in der Erziehung Seiner Boten. Was Alexander jetzt und später in Werkstatt und Fabrik lernte, konnte er in Uganda ebensogut gebrauchen als das, was er aus Büchern sich angeeignet hatte. Der gesegnete Missionsapostel Paton, der auf den Neuen Hebriden wirkte, schrieb einmal: »Ich gestehe gern, daß das, was ich am Strumpfwirkerstuhle gelernt habe, nicht weggeworfen war. Die Handhabung der Werkzeuge und die Behandlung der Maschinen, welche ich verstand, waren mir auf dem Missionsfelde von größtem Nutzen.«

Zweites Kapitel.
In Aberdeen und Edinburg.

Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre kannte Alexander keinen anderen Lehrer als seinen Vater und keine andere Schule als das Elternhaus. Der vielbeschäftigte Prediger konnte jetzt die Studien seines Sohnes nicht mehr überwachen und sandte ihn auf eine Schule zu Aberdeen, der Hauptstadt von Nordschottland. Dort studierte Alexander mit allem Fleiß zur völligen Zufriedenheit der Lehrer. In der freien Zeit besuchte er entweder ein photographisches Atelier, um Photographieren zu lernen, oder die Schiffswerft, um sich in die Kunst des Schiffbaues einführen zu lassen. Wer hätte damals geahnt, daß er diese Kenntnisse später an dem Riesensee Viktoria Niansa in Ostafrika so gut verwerten könne!

Wie die meisten großen Männer in der Welt, so hatte auch der Held von Uganda eine tüchtige Mutter. Sie erkannte früh nicht nur die großen Vorzüge ihres hochbegabten Kindes, sondern auch die damit verbundenen Gefahren für das Seelenleben. Ihr war vor allem darum zu tun, daß Alexander ein Gotteskind werde, und sie betete stets um seine Bewahrung vor Stolz und Eitelkeit. Denn den Demütigen gibt Gott Gnade, und Hochmut führt zum Fall. Nach Gottes unerforschlichem Rat sollte Mackay die betende Mutter früh verlieren. Während er in Aberdeen weilte, entschlief sie unter heißen Wünschen für die Bekehrung ihres lieben Sohnes. Im tiefsten Schmerz stand er an der Bahre. Da reichte ihm eine Verwandte, die treue Pflegerin der Verklärten, das Vermächtnis der Mutter. Es war ihre Lieblingsbibel, das Hochzeitsgeschenk ihres Mannes. Eigenhändig hatte die Sterbende darin mehrere Stellen zur besonderen Beherzigung angemerkt. Sie ließ ihm sagen, er solle nur fleißig in der Schrift lesen und forschen, damit sie ihn unterweise zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum. Dann werde er die Mutter wiedersehen in der Herrlichkeit. Alexander preßte das teure Andenken an die bewegte Brust und weihte sich ganz dem Heiland seiner Seele. Die Bibel wurde sein größter Schatz und die Richtschnur seines ganzen Lebens. Der Held von Uganda empfing das Schwert des Geistes aus der Hand seiner sterbenden Mutter.

Im Jahre 1867 nahm der Vater eine Stelle in der schottischen Hauptstadt Edinburg an und siedelte mit der Familie über in diese unvergleichlich schöne Stadt. Der siebzehnjährige Alexander besuchte hier die freikirchliche Hochschule. Dank seiner guten Vorbildung errang er sich bei der Aufnahmeprüfung das beste Stipendium. Ein Studiengenosse gibt zwanzig Jahre später folgende Charakterschilderung von dem jungen Studenten: »Sein Benehmen war sehr ruhig und zurückhaltend. Er hat wenig Umgang gehabt. Wer aber den Vorzug näherer Bekanntschaft mit ihm genoß, fand ihn außergewöhnlich belesen und durch sein Wissen weit über den Durchschnitt der Studenten hervorragen. Er war sehr energisch, sehr eifrig und gründlich in der Arbeit und voller Ausdauer, wenn Schwierigkeiten zu überwinden waren. Es war keine Spur von Strohfeuer oder hohlem Schein in ihm, sondern eine tiefe, stille Begeisterung.« Nach zwei Jahren erwarb er sich das Diplom durch ein gutes Examen und vier verschiedene Preise in Freihand-, Perspektive- und Modellzeichnen.

Die Berufswahl, welche er nun vor dem Weiterstudieren treffen mußte, ergab sich ihm von selbst. Er wurde mit der Einwilligung des Vaters Ingenieur und studierte noch weitere drei Jahre, um in jeder Richtung vorwärtszukommen. Was einst ein Lehrer über den deutschen Dichter Lessing sagte, kann man auch auf den Studenten Mackay anwenden: »Er war ein Pferd, das doppelt Futter brauchte.« Ein Jahr war noch den alten Sprachen, der Mechanik, der höheren Mathematik, der Naturphilosophie und dem Festungsbau gewidmet. Die übrigen beiden Jahre unterrichtete er morgens in einer Schule, um sich etwas zu verdienen, und nachmittags stand er im Arbeitskittel in einer mechanischen Werkstatt, um sich praktisch zu üben. Abends besuchte er Vorlesungen über Chemie und Geologie, die in der Kunsthalle gehalten wurden. Man kann nie zuviel lernen. Als Missionar schrieb er später seinem Vater in bezug auf die Ausbildung: »Ich bin soweit davon entfernt, meine Erziehung für verfehlt zu halten, daß ich mir das doppelte Wissen sowohl an Gelehrsamkeit als auch an praktischen Fertigkeiten wünsche. Man kann nie genug wissen oder verstehen, um ein brauchbarer Missionar zu sein im Inneren Afrikas.«

Der Sonntag war aber ganz geistlicher Erquickung und Arbeit geweiht. Gewöhnlich saß er morgens unter der Predigt des gesalbten Geistlichen Horatius Bonar, während der Nachmittag und Abend dem Helferdienst in Sonntagschule und einer sogenannten Armenschule gehörte. In dieser Arbeit lernte er einen anderen jungen Streiter, Dr. Smith, kennen und lieben. Beide Freunde fanden später im Dienste des himmlischen Königs am Viktoria Niansa ihr frühes Grab.

Drittes Kapitel.
Als Ingenieur in Berlin.

Im November 1873 reiste Mackay nach Deutschland, um hier praktisch tätig zu sein und die deutsche Sprache zu lernen. In Berlin-Moabit fand er bald eine gute Anstellung in einer Maschinenfabrik, die später einging. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, aber der Umgang mit den ungläubigen Kollegen bereitete ihm manche bittere Stunde. Daß auch dies eine Vorbereitung für ihn war, erkannte er später mit Dank. Der klugen Schwester, die später seine Biographie schrieb, schüttete er brieflich das Herz aus: »Ich lebe hier unter den reinen Heiden. Fast alle sind Gottesleugner und geben das Dasein Gottes nur durch den ständigen Ausruf: ›Ach Gott!‹ zu. Da es ihnen nicht gelungen ist, mir die Torheit meines Glaubens zu beweisen, fangen sie an, sich in den entsetzlichsten Gotteslästerungen zu gefallen, um ihren Spott über Religion wirksamer an den Mann zu bringen. Man schaudert, wenn man sie hört. Das zwingt mich, so wenig als möglich mit ihnen zu reden. Ich kann also nicht soviel Deutsch sprechen, wie ich möchte.«

In seiner Berufsarbeit hatte er großen Segen. Er wurde befördert und als erster Werkführer aus dem Zeichensaal in die Abteilung für Lokomotiven berufen, wo er unter den Arbeitern einen willkommenen Wirkungskreis fand. Der Geist suchender Liebe ließ den Vorgesetzten vor allem an das Seelenheil seiner Untergebenen denken. In seinem Tagebuch seufzt er in dieser Zeit aber oft über innere Dürre und Kraftlosigkeit. Er geht ins Selbstgericht und fragt sich: »Bin ich ein Licht? Ich liege im Sündenschlaf und bin ein untreuer Haushalter. O Herr, vergib mir! O, daß ich die rechten Worte fände, ein Zeugnis abzulegen vom Herrn!« In einem Briefe wiederum: »Eins ist mir vor allem klar geworden: mein Christentum muß lebendig werden.«

An der Förderung seines inneren Lebens haben neben den Stürmen im Zeichenbureau noch andere Dinge mitgewirkt und schließlich dazu beigetragen, daß er sich der Mission widmete. Wie Israel in der Wüste ein Elim mit Wasser und Palmen, so fand Mackay im Babel an der Spree eine Oase im Hause des gottseligen Hofpredigers Dr. Baur. Die Predigerfamilie gewann ihn lieb, nahm ihn auf in ihr Haus und hielt ihn wie einen Sohn. Hier pflegte sich allwöchentlich ein Kreis ernster Christen und warmer Missionsfreunde zu einer Bibelbetrachtung zu versammeln, darunter eine Schwester Bismarcks, die Frau von Arnim, Gräfin Hake und Graf und Gräfin Egloffstein. Die letztere interessierte sich sehr für den jungen, frommen Ingenieur und blieb mit ihm später während seiner Kämpfe in Afrika auch in regelmäßigem Briefwechsel. Als er dort gefallen war, schrieb sie an seine Schwester in England: »Bei der unerwarteten, traurigen Nachricht von dem Tode Ihres hochherzigen Bruders rufe ich mir die Zeit ins Gedächtnis, in welcher wir seine Bekanntschaft machten bei Hofprediger Baur, wo wir mit lieben Freunden zusammen die Bibel lasen. Da lernten wir Ihres Bruders Bibelkenntnis wie das warme Interesse schätzen, mit dem er nach der Weisheit trachtete, die Gott denen gibt, die Ihn fürchten und lieben. Er war ein echter Christ und erinnerte uns oft an Miß Havergals Worte:

»Nimm mein Leben, es sei Dein;
Laß es Dir geheiligt sein!«

Als er uns sagte, daß es sein Wunsch sei, seinen Beruf mit dem eines Missionars zu verbinden und seinem Heiland in dem dunkeln Weltteil zu dienen, waren wir nicht überrascht. Es schien uns so natürlich, daß dieser junge, ernste, charakterfeste Schotte in dem Weinberg des Herrn zu arbeiten begehrte. Ihm war das Leben eine Gabe, die er Jesu darbrachte.« Hofprediger Dr. Baur äußert sich ähnlich in der Vorrede zur Biographie, die später die Schwester schrieb, wenn er sagt: »Einem solchen Glauben an Gottes Gnade in Christo, einer solchen Dankbarkeit für die empfangene Gnade, einem solchen Erbarmen mit der seufzenden Kreatur, einer solchen Sehnsucht nach dem Kommen des Gottesreiches, wie Mackay sie hatte, lag die Mission unter den Heiden sehr nahe.«

Auch die äußeren Anstrengungen zur Mission fehlten in dieser Zeit nicht. Dr. Baur war gerade daran, aus der umfangreichen Lebensbeschreibung des Märtyrerbischofs von Melanesien, John Coleridge Patteson, für deutsche Leser ein knapperes Lebensbild zu gestalten. Die Arbeit wurde oft besprochen, und die Unterredungen sind in Mackays Seele mehr als man ahnte, das Samenkorn geworden, aus dem sein Missionsberuf erwuchs. Der Aufenthalt bei Baurs war also ein sehr wichtiger Ring in der Kette der Ereignisse, durch die der Held von Uganda seinem Felde zugeführt wurde. Ein Brief der Schwester aus Edinburg trug endlich dazu bei, daß ihr Bruder sich sofort als Missionar meldete. Sie berichtet ihm darin von einer interessanten Missionsversammlung in der Heimat, in der die jungen Ärzte dringend gebeten wurden, sich der Mission zu widmen. Mackay antwortet: »Ich bin freilich kein Arzt...., aber ich bin ein Ingenieur und erbiete mich, wenn es Gott gefällt, als Ingenieur-Missionar unter die Heiden zu gehen. Verdrehtes Zeug! wirst Du wohl sagen. Aber unmittelbar nach Empfang Deines Briefes schrieb ich an Dr. Bonar, bot mich zu der Arbeit an und erbat seinen Rat. Er schrieb zurück, daß ihm die Ideenverbindung von Missionsarbeit und Maschinenwesen etwas schwierig erscheine, er wolle aber zusehen, ob sich eine Anstellung für mich finden lasse.« Mackay selbst war diese Ideenverbindung nicht so schwer. Er war überzeugt, daß die Mechanik und das edle Handwerk der Mission gute Dienste leisten können. Als Ingenieur könnte er öffentliche Arbeiten, z. B. Eisenbahnen, Bergbau usw. unternehmen, in der Hauptsache aber Schulen gründen und die jungen Eingeborenen ebensowohl in Religion als in Wissenschaften unterrichten. »Mein Wunsch ist der,« schreibt er, »die vorhandenen Missionare zu unterstützen, nicht einen zu ersetzen. Gern möchte ich den Weg bereiten, auf dem andere nachkommen und bleiben können.« Das Land, an das er jetzt dachte, war allerdings Madagaskar. Dort fand vor nicht langer Zeit eine Verfolgung statt, in der etwa zweitausend Christen ermordet wurden. Das schreckte ihn nicht ab. »Warum sollte ich nicht gehen? Viel bessere Männer wie ich sind schon in heidnische Länder gegangen. Das Beste, was ein Mensch tun kann, ist demütiges Empfangen der Gnade Christi und dann hingehen und es anderen austeilen.«

Selbstverständlich hatte Mackay sich in dieser ernsten Frage auch an seinen Vater gewandt, wie wir aus folgendem Briefe ersehen. »Ich danke Gott und danke Dir, lieber Vater, daß Du mir geantwortet hast. Stimmst Du meinem Vorhaben zu, bin ich auch des Beifalls meines Gottes gewiß. Deine ernste Mahnung, mir Weisheit vom Herrn zu erbitten, habe ich treulich befolgt. Äußere Umstände können oft unser Leben in andere Bahnen lenken. Wenn Gott mich aber ruft, muß ich dann nicht antworten: ›Hier bin ich, sende mich!‹? Ich habe die Hand an den Pflug gelegt und will nicht zurücksehen. Darin wirst Du mit mir einer Meinung sein, des bin ich gewiß. Hast Du mich doch stets gelehrt, die Hand Gottes ebenso sehr in den kleinen als in den großen Dingen des Lebens zu erkennen...... Daß ich hier in Berlin so hart gegen den Unglauben kämpfen muß, sehe ich als eine mir von Gott bestimmte Vorschule an für den guten Kampf, den ich später mit einem nicht minder stärkeren Feinde, dem Götzendienste, kämpfen will.«

Nachdem Mackay sich vor Gott klar geworden und die Zustimmung des Vaters eingeholt hatte, meldete er sich bei der Londoner Missionsgesellschaft für Madagaskar. Man antwortete ihm, die Insel sei jetzt für seine Dienste noch nicht reif, in absehbarer Zeit könne man sie aber beanspruchen. Diese Antwort hätte ihn entmutigen können, wäre er weniger echt in seiner Begeisterung und weniger fest in der Überzeugung gewesen. So aber legte er sich aufs geduldige Abwarten und machte sich unverzüglich an das Studium der Sprache jenes Landes. Daneben suchte er in Berlin schon ein Seelengewinner zu sein. Wie eifrig war er, andere mit in den Gottesdienst zu nehmen! »Was machen wir,« konnte er oft beim Frühstück in frommer Sorge fragen, »was machen wir, daß wir die Berliner in die Kirche bringen?« Hofprediger Baur gibt ihm das Zeugnis, daß er tat, was er konnte, wär's auch nur gewesen, daß er für je einen Sonntag einen Jüngling warb, ihn in den Gottesdienst zu begleiten. Und wie ging ihm die geistliche Not der Großstadt nahe! An seinen Vater berichtet er u. a.: »Wollte Gott, ich wäre bereits auf dem Arbeitsfeld! Hier habe ich aber auch schon ein Arbeitsgebiet. Wenn es irgendwo Heiden gibt, dann ist es hier in der in alle Laster versunkenen Stadt. Trunksucht und Unzucht sind die Früchte, an der man sie erkennt. Mich jammert des Volks!« Und welche Entschiedenheit treffen wir jetzt bei ihm an: »Ich habe, Gott sei Dank, erkennen dürfen, daß das Christentum, wenn es überhaupt etwas wert ist, alles wert ist. Und wenn es einen bestimmten Grad von Eifer und Wärme verlangt, kann es nur der höchste Grad sein. Es gibt kein haltbares Mittelding zwischen dem Glauben, der voll Begeisterung ist, und dem Unglauben, der alles verwirft. Ich weiß auch, daß ich nur insoweit fähig bin, Seelen für das Lamm zu werben, als ich selbst geistliches Leben habe durch Lebens- und Liebesgemeinschaft mit dem auferstandenen Christus.«

Die Moabiter Firma, bei der Mackay beschäftigt war, löste sich 1875 auf. Der erste Direktor, ein reicher Jude, welcher die hohe Begabung und unbedingte Zuverlässigkeit Mackays wohl erkannt hatte, machte ihm den Vorschlag, mit nach Rußland zu kommen und in Moskau sein Teilhaber an einer Maschinenfabrik zu werden. Das Angebot war verlockend und versprach eine glänzende Zukunft im weltlichen Sinne. Mackay aber überwand die starke Versuchung, die für ihn darin lag, lehnte den Vorschlag ab und nahm in der Provinzstadt Kottbus eine ähnliche Stellung an, wie er bisher inne hatte. Hier wollte er warten, bis der Herr ihn in Seinen Weinberg rufen würde.

In seiner freien Zeit suchte er auch in Kottbus Gott zu dienen und beteiligte sich an Arbeiten der inneren Mission. Daneben übersetzte er eine Schrift seines verehrten Freundes, des schottischen Dichters und Predigers H. Bonar. Das besonders für Diener am Wort geschriebene Büchlein ließ Mackay auch auf seine Kosten drucken und versandte es an die Geistlichen in Deutschland. Inzwischen war in dem Londoner Tagesblatte der bekannte Brief Stanleys und bald danach der Aufruf der Kirchlichen Missionsgesellschaft erschienen. Mackay meldete sich sofort als Missionar bei dem Komitee in London und wurde angenommen. Mit derselben Post, mit der das Antwortschreiben kam, erhielt er auch einen Brief von dem schottischen Missionsmanne Dr. Duff, der ihn im Einverständnis mit seinem Vater dringend bat, seine Dienste in die Mission der heimatlichen Freikirche zu stellen. Für Alexander Mackay aber waren mit der sofortigen Annahme seiner Meldung in London bereits die Würfel gefallen. Es war ihm innerlich gewiß, daß der Herr ihn diesen Weg nach Uganda führen wollte, und er bereitete sich zur Rückreise nach England vor. Ehe wir ihm bei seiner Ausreise das Geleit geben, wollen wir aber das Land und die Leute, denen zu dienen Mackay sich geweiht hatte, etwas näher kennen lernen.

Dorfbild in Uganda.

Viertes Kapitel.
Der Kampfplatz

Vor einem halben Jahrhundert war Ostafrika noch ein völlig verschlossenes Land. Man hielt es für eine wasserarme Wüste. Die Anregung, dieses Land geographisch zu erschließen, haben vornehmlich evangelische Missionare gegeben. 1844 eröffnete der sprachenkundige deutsche Missionar L. Krapf in Mombas an der Ostküste die erste ostafrikanische Missionsstation. Zwei Monate später begrub er Weib und Kind. Selbst schwer krank schrieb er an die »Christliche Missionsgesellschaft«: »Sagen Sie unseren Freunden, daß in einem einsamen Grabe an der ostafrikanischen Küste ein Glied Ihrer Mission ruht. Das ist ein Zeichen, daß Sie den Kampf mit diesem Weltteil begonnen haben. Da die Siege der Kirche über die Gräber von vielen ihrer Glieder führten, können Sie desto mehr überzeugt sein, daß die Stunde naht, in welcher Sie berufen sind, Ostafrika von der Ostküste aus zu bekehren.« In dem württembergischen Landsmanne Joh. Rebmann erhielt Krapf einen heldenhaften Mitarbeiter. Beide Männer haben sich um die Mission sehr verdient gemacht durch ihre sprachlichen Arbeiten. Außerdem haben sie große geographische Verdienste besonders durch die Entdeckung der innerafrikanischen Schneeberge Kilimandscharo und Kenia.

Ihre Berichte von dem Vorhandensein eines großen Binnenmeeres im Inneren Afrikas riefen großes Erstaunen wach und führten zur Entsendung einer ganzen Reihe von Entdeckungsexpeditionen.

Seit Jahrtausenden barg dieses Landgebiet ein viel umstrittenes Rätsel, das uralte Geheimnis der Nilquelle. Die Mitteilungen der deutschen Missionare regten den Forschergeist aufs neue mächtig an und gaben wichtige Winke zur Lösung des harten und alten Rätsels.

Die englischen Forscher Speke und Grant wagten sich zunächst soweit vor, daß sie die beiden großen Binnenseen, den Tanganjika und den Ukerewe, entdeckten. Bei einer zweiten Expedition, die Speke allein unternahm, blieb er drei Jahre in dem dunkeln Gebiet ohne Lebenszeichen an die Außenwelt und überraschte plötzlich die ganze Welt mit dem in Ägypten aufgegebenen Telegramm: »Die Nilquelle ist entdeckt.« Speke meinte in dem Ukerewesee die langgesuchte Nilquelle gefunden zu haben. Speke verfolgte den Lauf des Nilstromes aufwärts bis in diesen See. Da er aber keine Zuflüsse am Viktoria Niansa, wie Speke den See nannte, fand, sah er den See selbst als Quelle des großen Stromes an. Spätere und genauere Forschungen führten aber doch zur Entdeckung eines Zuflusses. Man verfolgte denselben und fand seine Quellen in den Schnee- und Eisregionen des Mondgebirges im Südwesten des Sees. Die Wasser dieser Hochgebirge fließen als Alexandranil in den Viktoria Niansa, von diesem durch die Ripponfälle als Somersetnil in den Albertsee und von hier als Nil weiter nach Norden und Ägypten. Das ist des uralten Rätsels endliche Lösung.

Schon durch Spekes treffliche Reisebeschreibungen wurde die Aufmersamkeit auf den herrlichen Viktoriasee und seine bevölkerten Uferländer gelenkt und Uganda am Nordufer als das schönste und mächtigste Reich im Inneren bezeichnet. Die Missionsstationen, welche heute so zahlreich im Seengebiet der Nilquelle sich finden, sind das Denkmal des Missionars Livingstone, des Königs unter den Entdeckern, der, von Süden kommend, bis zum Nordende des Tanganjika vordrang. Den äußeren Anstoß zur Ugandamission aber gab der kühne Amerikaner Stanley, der sich aufgemacht hatte, den verschollenen Livingstone zu suchen und ihn zur Freude der zivilisierten Welt in Udschidschi am Ufer des langgestreckten Sees Tanganjika auffand. Der Amerikaner wurde durch den Engländer bei dieser Gelegenheit für die Interessen der Mission gewonnen. Stanley weihte sich der Fortsetzung des Livingstoneschen Werkes, Afrika für die christliche Kultur und Predigt zu erschließen und den furchtbaren Sklavenhandel abzuschaffen. Nach Livingstones Tode – er starb auf den Knien betend 1873 in Tschitambo im Inneren Afrikas – trat Stanley seine erste große Reise durch den dunkeln Weltteil an, welche den Lauf des Kongo festlegte. Auf dieser Tour hielt er sich einige Monate bei dem König Mtesa von Uganda auf und schrieb von hier aus jenen enthusiastischen Brief an die englischen Christen, der die bekannte elektrisierende Wirkung ausübte und zur Gründung der Mission in Uganda führte.

Das Königreich Uganda, dessen Einwohner auf eine Million geschätzt wurden, machte auf alle Entdeckungsreisende äußerlich den besten Eindruck. Das Land ist bergig und schön gelegen, der Boden fruchtbar und birgt Eisen, Kristall und Töpfererde. Die Täler werden von Sümpfen und Mooren durchzogen, in denen sich Elefanten und Büffel aufhalten. Produkte sind Kaffee, Tabak, Zuckerrohr, Mais, Bohnen und Bananen von vorzüglicher Qualität. Das ganze Gebiet ist ein Bananenwald.

Die Einwohner heißen Waganda. Sie unterscheiden sich vorteilhaft von anderen Völkern des Nilquellengebiets durch Reinlichkeit, zureichende Bekleidung aus Pflanzenstoff oder Fellen und durch den Mangel jeglicher Tätowierung oder Verstümmelung des Körpers. Sie wohnen in sorgfältig gebauten, kegelförmigen Grashütten, die sie sehr schnell herstellen können. Stanley sah am Viktoriasee Mtesas Armee in 30 000 rasch gebauten Hütten lagern. Ihre primitiven Hausgeräte, ihre Bänder, Schnüre und Werkzeuge verraten industriellen Sinn. Die Männer beschäftigen sich mit Hüttenbau, Kriegführen und Jagen. Den Frauen überlassen sie Ackerbau und Viehzucht. Hauptnahrungsmittel sind Bananen und süße Kartoffeln. Der Kaffee wird nicht gekocht, sondern als Delikatesse gekaut. Wer da weiß, was sich in Uganda schickt, der hat stets Kaffeebohnen bei sich, um sie Freunden anzubieten. Aus den Bananen bereiten sie verschiedene Sorten Wein in großen Mengen. Die Waganda sind Helden im Saufen und Fressen. Einem Reisenden zeigte man einen Mann, der eine ganze Ziege auf einen Sitz verzehren konnte. Bei Festlichkeiten saufen sie den leichten Wein aus Trögen wie das liebe Vieh. Schnupfen und Tabakkauen überlassen die Frauen den Männern. Im Rauchen aber geben sie ihnen nichts nach.

An Waffen haben sie Schild, Speer, Bogen und vergiftete Pfeile. Jeder Mann, der die Waffen führen kann, ist Soldat. Ertönt die Kriegstrommel, dann entledigen sie sich der Kleider bis auf ein Lendentuch, bemalen das Gesicht und eilen mit den Waffen zum Sammelplatz. Die Jugend übt sich in Spiel und Wettkampf. Der Geselligkeit dienen Musik, Gesang und Tanz. Sie haben ein verhältnismäßig gutes Zahlensystem.

Die Regierungsform ist ein eingeschränktes Königtum. Dem König stehen drei Oberhäuptlinge zur Seite, die einen bedeutenden Einfluß auf die Regierung besitzen. Trotzdem verfügt der König noch über eine große Macht, z. B. über Leben und Tod sämtlicher Untertanen. Für die Masse des Volks ist er unnahbar. Seine ständigen Begleiter sind der erste Beamte des Reichs (der Katikiro), der Hofkoch und der Hofbräuer. Diese drei bilden mit vier anderen Häuptlingen den sogenannten Luchiko (Hohen Rat). Am Hofe herrscht ein übertriebenes, unwahres Zeremoniell. Fremde werden stets mit großem Pomp empfangen. Seine Majestät sitzt dann auf seinem Thron, umkauert von Hofschranzen und Zauberern aller Art. Als der englische Forschungsreisende Speke Audienz hatte, saß er, unfähig, sich zu unterhalten, etwa eine Stunde stumm vor dem König, gaffend und begafft, bis Mtesa sich mit der Frage erhob, ob er ihn nun gesehen habe. Dann entfernte er sich mit einem nach außen gespreizten Gang. Das soll dem Löwen abgesehen sein und in Uganda als majestätisch gelten. An Zauberei ist soviel vorhanden, daß der König stets in einer Wolke von abergläubischem Unsinn wandelt und handelt.

Die Gerichtsbarkeit üben die Häuptlinge. In besonderen Fällen entscheiden die Hofbeamten oder der König. Auf Ehebruch steht Todesstrafe. Mord wird gewöhnlich durch Geldstrafen, Diebstahl durch Verlust der Hände oder Ohren oder Nase gesühnt. Mtesa hält ein Heer von Scharfrichtern, die am fantastischen Kopfputz erkenntlich und sehr gefürchtet sind. Der Kontrast zwischen ihrem grausigen Treiben und der friedlichen Natur wird von einem Reisenden auf dem Wege von der Hauptstadt Rubaga nach dem Viktoria Niansa sehr scharf gezeichnet. »Wie durch einen Garten wandeln wir durch Bananenwälder und Hütten dahin. Beständig wechseln künstliche und natürliche Gärten. Ein schönes und gesegnetes Land mit seinem roten Boden, seinen grünen Gärten, seinen luftigen Bergen, seinen lauschigen und dunkeln Tälern. Verschwenderisch hat die Natur ihre Reize gespendet, und nur der Mensch stört die Harmonie des Bildes. Kadaver mitten auf dem Wege zwingen uns, auszuweichen. Rauschenden Fluges verlassen die Geier eine grausige Mahlzeit. Vier Leichen liegen da; alt und jung hat sie der Henker hier zusammengerafft, dem einen die Kehle bis zur Wirbelsäule durchschneidend, dem anderen mit wuchtigem Hiebe den Hinterkopf zerschmetternd. Und täglich und stündlich ziehen an ihnen die Leute vorüber, vielleicht bald selbst ähnlichem Geschick verfallend.«

Zur Grausamkeit gesellt sich eine große Sittenlosigkeit, eine Folge der Vielweiberei. Der König hat etwa 7000 sogenannte Frauen. Die Großen seines Reiches tun es ihm nach, und in den niederen Klassen herrscht ein empfindlicher Mangel an Frauen.

Über die Religion der Waganda sei zum besseren Verständnis der folgenden Kapitel hier auch einiges vorausgeschickt. Sie glauben an ein höchstes Wesen, das Welt und Menschen schuf und das sie Katonda nennen, d. h. Schöpfer. Da er aber zu erhaben ist, um sich um Menschen zu kümmern, leisten sie ihm keine Verehrung, sondern nur den niederen Göttern oder Dämonen, die sie Lubare nennen. Diese Dämonen lassen sich an bestimmten Orten nieder und beherrschen bestimmte Gegenden und Dinge. Der gefürchtetste Lubare ist Mukasa, der Gott des Niansa, der wie eine Art Neptun im Wasser lebt, den See beherrscht und auf Uganda großen Einfluß hat. Von Zeit zu Zeit zieht er aber vor, in irgend einer Person zu wohnen, die sein Orakel wird, übernatürliche Kräfte besitzt, Kranke heilen, Regen machen, Krieg, Teurung und Seuchen bringen und weissagen kann und auf die Regierung, sowie auf das Volksgemüt einen furchtbaren Einfluß ausübt. Vor Antritt einer Reise wird diesem Geist ein Fruchtopfer geweiht und unter Gebet ins Wasser geworfen. Die Kriegsgötter Chikwuka und Neuda wohnen auf Bäumen. Ihnen bringt man schwarze Tiere zum Opfer, ehe es in den Krieg geht. Die Flußgötter begnügen sich meistens nur mit Menschenopfer. Die verstorbenen Könige werden ebenfalls als Götter betrachtet. Die über ihren Gräbern erbauten Hütten werden von Häuptlingen bewacht, gelten als Orakelstätten und sehen oft Menschenopfer. Eine Schar von Medizinmännern fabrizieren und verkaufen dem abergläubischen Volke, dessen Glaube wie überall im Heidentum in der Furcht vor bösen Geistern besteht, allerlei merkwürdig geformte Talismane gegen die bösen Mächte. Die mohammedanischen Händler, die sich schon vor sechzig Jahren im Lande angesiedelt haben, machten die ersten Bekehrungsversuche. Sie haben aber wenig Erfolg. Wohl nennt sich Mtesa einen Anhänger des Islam, unterwirft sich aber nicht der Beschneidung. Hundert Jünglinge, die sich diesem Ritus unterzogen, ließ der König einfach verbrennen.

Durch Handelsbeziehungen mit der Ostküste und Sansibar wurde die Suahelisprache eingeführt und viel neben der einheimischen angewandt, ein Umstand, der für Mackay und seine Kampfgenossen sehr wertvoll war.

Nachdem wir nun mit Uganda etwas bekannt geworden, werden wir mit viel größerem Interesse die Erstlingsschar der Streiter Christi auf ihrem Marsche nach diesem Felde begleiten.

König Mtesa. (Text siehe Seite 26.)

Fünftes Kapitel.
Auf dem Marsche.

Wir haben Mackay verlassen, als er sich in Kottbus zur Rückreise nach England rüstete. Daß er sobald von der Missionsgesellschaft angenommen wurde, verdankte er u. a. auch der guten Empfehlung, die ihm sein väterlicher Freund in Berlin, der Hofprediger Baur, gab: »Ein Kind frommer Eltern, unermüdlich im Studium der Heiligen Schrift und von einem glühenden Verlangen beseelt, das Evangelium, dessen Kraft er an sich erfahren hat, auch anderen mitzuteilen, erscheint er mir als hervorragend geeignet für das Missionsfeld. Er ist selbstverleugnend im Lebensgenuß, bereit, anderen zu helfen, und ich kann mir gut vorstellen, daß er vermöge seiner selbstlosen Hingabe im Verein mit seinem klaren Verstand und entschiedenen Willen auch in schwierigen Lagen seinen Weg finden und nicht nur durch die Predigt des Wortes, sondern auch durch seine ganze Lebenshaltung einen wohltätigen Einfluß auf seine Umgebung ausüben wird.«

Im März 1876 ist er schon in London und rüstet sich zur Ausreise. Nach seinen persönlichen Angaben und unter seiner Aufsicht wird rasch ein zerlegbares Boot und ein zerlegbarer Dampfkessel zur Mitnahme gebaut. Dann galt es sich noch zu üben in allerlei Künsten, die auf dem Felde not sind, z. B. Impfen, Photographieren und Handhaben geographischer Instrumente. Dazu noch die tausenderlei Dinge, die eingekauft und mitgenommen sein wollten. Kaum nahm er sich Zeit, dem Vater und der Schwester Lebewohl zu sagen. Für weitere Verwandte oder Freunde war er in dieser Zeit überhaupt nicht zu haben.

Die Abordnung und Aussendung der ersten Ugandamissionare fand in London am 25. April 1876 in aller Stille statt. Es waren acht junge, blühende Menschenleben, die sich hier auf den Altar Gottes legten, ein Pfarrer, ein Architekt, ein Beamter, ein Handwerker, ein Arzt, ein Kaufmann, ein Ingenieur und als Leiter der Expedition der frühere Leutnant Smith, welcher in Afrika gedient, dort die Leute liebgewonnen und nun keinen größeren Wunsch hatte, als ihnen das Evangelium zu predigen. Der Sitte gemäß sagte jeder Missionar bei der Feier ein Abschiedswort. Mackay kam als jüngster – er war jetzt 26 Jahre alt – zuletzt an die Reihe. Er schlug einen ernsten Ton an, als er sagte: »Eins haben meine lieben Brüder noch nicht gesagt, das möchte ich noch erwähnen. Ich möchte das Komitee daran erinnern, daß es binnen eines halben Jahres wahrscheinlich hören wird, daß einer von uns – tot ist. Ja, ist es irgend wahrscheinlich, daß acht Engländer, die nach Zentralafrika gehen, nach sechs Monaten alle noch leben? Wenigstens einer von uns, vielleicht bin ich es, wird zuvor fallen. Aber was ich sagen möchte, ist dies: Wenn die Nachricht kommt, so werdet nicht mutlos, sondern sendet sogleich einen anderen für den erledigten Posten.«

Als später im Missionshause in London eine Todesnachricht nach der anderen aus Zentralafrika einlief, hat man sich dieser Abschiedsworte unseres Helden wohl erinnert. Nach Gottes unerforschlichem Ratschluß war er nach drei Jahren allein übriggeblieben von den Acht, die hoffnungsvoll hinauseilten, um die Hölle zu besiegen. Die anderen wurden zum Teil ermordet, zum Teil erlagen sie dem ungesunden Klima.

In Southampton, einer bedeutenden Hafenstadt an der Südküste Englands, verließ die mutige Streiterschar den heimatlichen Boden, begleitet von den heißen Gebetswünschen aller, die ein warmes Interesse für die Mission und ein Herz für Afrika hatten. Vor der Ausreise schrieb Mackay noch einmal seinem Vater. Der Brief spricht die Sprache des Mutes, der Zuversicht und des demütigen Glaubens: »Es ist ja Gottes Werk. Es muß gelingen, ob ich nun seine Vollendung erlebe oder nicht. Der Herr möge mir Gesundheit und Kraft verleihen und mich zu einer so herrlichen Arbeit wie die Ausbreitung Seines Reiches geschickt machen. Betet für mich, daß ich Gnade habe, dieses große Ziel allezeit vor Augen zu haben.«

Die Fahrt ging durchs Mittelländische und Rote Meer nach der Insel Sansibar. Seine Reiseeindrücke vertraute Mackay sorgfältig einem Tagebuche an, das er später bei dem ersten Unfall an der Ostküste Afrikas verlor. Es wurde aber am Strand aufgefunden und durch den Sultan von Sansibar wieder seinem Herrn zugestellt. Am ersten Sonntag auf dem Schiff empörte ihn das Verhalten einiger blasierter Männer, die den Gottesdienst im Salon nicht besuchten, sondern auf Deck blieben, um zu rauchen. Beim Anblick Spaniens bedauert er das arme Volk in dem herrlichen Land, dessen Lebensader durch die Regierung eines heruntergekommenen Fürstengeschlechts und durch Roms Einfluß ebensosehr unterbunden sei wie in Italien. Die Umrisse der Nordküste Afrikas lassen ihn daran gedenken, daß dieses Land Jahrhunderte hindurch ein dunkler Hort des Aberglaubens und menschlicher Grausamkeit ist; im Geiste aber sieht er über dem Lande Hams die Sonne der Gerechtigkeit mit Heil unter ihren Flügeln aufgehen. Gelobend ruft er aus: »Ich will mit der Hilfe und im Namen Gottes an den Ufern des Viktoria Niansa meine Druckerpresse aufstellen und nicht ruhen noch rasten, bis das Evangelium von Jesu in der Karagua- und Ugandasprache gedruckt ist und alle gelehrt werden können, die frohe Botschaft zu lesen und daran zu glauben!«

Die Insel Sansibar mit ihrer an der Westküste gelegenen gleichnamigen Hauptstadt ist der Ostküste Afrikas etwa vierzig Kilometer vorgelagert und bildet den Hauptstapelplatz und Verkehrsmittelpunkt für Ostafrika. Die Bevölkerung, welche etwa eine halbe Million zählt, stellt eine Mischung von Suaheli und Arabern dar. Der Religion nach gehören sie zum Islam. Der Sultan von Sansibar, damals noch unabhängiger Herrscher, stellte sich freundlich gegen die Expeditionen, die von Sansibar aus ins Innere gingen. Von hier aus brach Stanley mit zweihundert Trägern auf, als er Livingstone aufsuchte. 1873 schloß England mit dem Sultan einen Vertrag zur Unterdrückung des Sklavenhandels, der hier in besonderer Blüte stand. Dieses Abkommen wurde zuerst als ein großer Sieg gefeiert, erwies sich aber als toter Buchstabe. Der Strom des scheußlichen Menschenhandels wurde dadurch nicht verstopft, sondern nur in ein anderes Bett gelenkt.

Ende Mai 1876 landete Mackay mit seinen Genossen in Sansibar. Die eigentliche Reise sollte aber jetzt erst beginnen. Uganda liegt etwa tausend Kilometer von der Küste entfernt, etwa so weit wie Paris von Berlin oder Hamburg von Venedig. Fahrstraßen oder etwas Ähnliches gab es damals noch nicht. Die Reise war also ein umständliches Unternehmen. Der ganze Weg mußte zu Fuß zurückgelegt und sämtliches Gepäck auf den Köpfen oder Schultern eingeborener Träger befördert werden. Dazu mußte es in Lasten von sechzig bis siebzig Pfund verpackt, wasserdicht verschlossen und so fest vernäht und verschnürt sein, daß es allen Unbilden des Transportes und der Witterung ein Jahr lang und noch länger trotzen konnte. Wie viele Lasten aber waren da zu schnüren! Die Missionare mußten ja alles mit sich führen, was sie an Hilfsmitteln der Kultur auf der Reise gebrauchten oder nach Uganda verpflanzen wollten. Da waren Bücher, Kleider, Betten, Stühle, Zelte, Kochgeschirre, Konservenbüchsen, Eßgeschirre, Gewehre und Munition, Werkzeuge aller Gattung vom Schmiedeamboß und Blasebalg bis zum kleinsten Nagel, Pflüge, Gartengeräte, Sämereien, allerlei wissenschaftliche Instrumente, eine kleine Druckmaschine, ein ganzes Dampfboot mit Dampfkessel und allem Zubehör. Und dann das Reisegeld! Was wir in einer Brieftasche in einigen Dutzenden von Hundertmarkscheinen bequem mitnehmen, müssen dort sechzig bis siebzig Träger in Lasten a siebzig Pfund fortschaffen. Das ist das schwerfällige Tauschgeld, welches in Tauschwaren von Zeug, Kaliko, Glasperlen, Messingdraht und Kaurimuscheln besteht. Damit werden auch die Träger bezahlt. Eine ganze Zahl von ihnen war also schon nötig, um den Lohn derselben fortzuschaffen.

Nun werden wir uns nicht wundern, daß zu dieser Ugandamissionskarawane vierhundert Träger erforderlich waren. Die alle in Zucht und Ordnung zu halten und immer genügend Lebensmittel für sie zu besorgen, das war keine geringe Aufgabe für unsere Missionare. Dazu noch allerlei andere Schwierigkeiten, z. B. das böse Klima, die wilden Tiere im Urwald und vor allem die wilden Volksstämme, durch deren Gebiete der Weg führte. Wahrlich, eine solche Reise ist an sich schon eine Heldentat. Wir bewundern darum den tapferen Mut, das feste Gottvertrauen und die freudige Liebe zum Missionsdienste, welche diese und andere Männer vor Not und Gefahr nicht zurückschrecken ließen, um Seelen für Christum zu gewinnen.

Der Expedition, die Leutnant Smith leitete, war angeraten, auf einem der beiden Küstenflüsse den Wasserweg soweit als möglich zu benutzen. Zu diesem Zweck unternahmen Smith und Mackay eine achttägige Probefahrt auf dem Wami, der Sansibar gegenüber mündet. Die Fahrt war beschwerlich und gefährlich. Je weiter sie kamen, desto seichter wurde das Wasser. Die Uferbewohner zeigten sich feindlich, und später erfuhr Mackay, daß sie zu den Menschenfressern gehören. Ihr Nachtlager suchten sich die Missionare im Dickicht des Ufers, und Gott schützte sie vor Überfall. Als Leutnant Smith dann einen heftigen Fieberanfall bekam und still im Boot liegen mußte, wandte Mackay um und fuhr stromabwärts. In der Mündung geriet das Boot unter Wasser. Nur mit Mühe retteten sie sich und ihre Habe. Mackay brachte den kranken Freund beim Häuptling zu Sadani unter, mietete ein arabisches Boot und ruderte hinüber nach Sansibar, wo er nach sechs Stunden ankam. Glücklicherweise war inzwischen das Missionsschiff »Lassin« angekommen. Mit diesem fuhr Mackay wieder nach Sadani, um das Boot zu bergen und den Leutnant Smith zu holen.

Als sie sich der Küste näherten, war es schon dunkel geworden. Das Schiff setzte ein Boot aus, mit dem Mackay und Robertson an Land ruderten. Sie befanden sich auf einer schlammigen Uferpartie. Nach einigen Untersuchungen wollten sie in ihr Boot, fanden es aber im Dunkel nicht mehr, denn die eingetretene Ebbe hatte es zurückgezogen. Durch den Uferschlamm wateten sie nun nach dem festen Lande, wo sie neben einem großen Holzfeuer einen schlafenden Knaben entdeckten und weckten. Er war hier den ganzen Tag mit Holzsammeln beschäftigt gewesen und hatte sich das Feuer zum Schutz gegen wilde Tiere angelegt. Die Engländer erfuhren von ihm, daß sie sich etwa zwölf Kilometer südlich von Sadani befanden. Sie kampierten die Nacht über mit dem schwarzen Jungen am Feuer und trockneten ihre Kleider. Am Morgen gewahrten sie das vermißte Boot, und auch das Schiff kam wieder in Sicht. Es hatte sich die Nacht über in der Nähe gehalten und auf die beiden mit ihrem Boot gewartet. Nachdem sie an Bord gegangen, holten sie in Sadani den Kranken ab, bargen das unter Wasser liegende Boot und fuhren nach Sansibar zurück.

Der Gedanke an den Wasserweg, den Stanley empfohlen, wurde aufgegeben und die gewöhnliche Karawanenstraße durch das heutige Deutsch-Ostafrika gewählt. Vor Aufbruch erfüllten sie eine traurige Pflicht und bestatteten den ersten Gefallenen. Der Kaufmann Robertson, welcher sein Geschäft verkauft und Weib und Kind daheim gelassen hatte, um auf seine eigenen Kosten Missionar zu werden, war der Ruhr erlegen, ehe er das afrikanische Festland betrat.

In vier Kolonnen brachen die Missionare auf. Mackay führte die dritte, welche mit zweihundert Trägern am 26. August den Küstenort Bagamoyo verließ. Auf dem Marsche durch Ugogo erkrankte er und mußte nach der Küste zurück. Sein Edinburger Freund Dr. Smith hätte ihn gern begleitet, wenn es Mackay erlaubt hätte. Er verzichtete im Interesse der Expedition, die den Doktor auch nötig hatte, auf die Hilfe des Freundes und trennte sich von ihm in der Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Die Hoffnung sollte sich auf Erden nicht erfüllen. Als die Karawane schon am Viktoria Niansa war, ergriff den gesunden Arzt das Fieber und raffte ihn bald dahin – ein unersetzlicher Verlust für die Missionskarawane, die jetzt nur noch aus drei Missionaren bestand, denn außer Mackay mußten noch zwei andere krank zurückreisen, ehe sie den See erreichten.

Von den übrigen blieb O'Neill in Kagai am See, um das mitgebrachte Boot »Daisy« instand zu setzen, und die anderen beiden, Leutnant Smith und Pastor Wilson, fuhren in einem Kanu über den See und erreichten glücklich Uganda, nachdem sie ein Jahr, drei Monate und neunzehn Tage auf der Reise waren. Der König Mtesa empfing sie freundlich und gewährte ihnen sofort Lehrfreiheit. Dann kehrte Smith nach dem See zu O'Neill zurück und wurde mit diesem vom Häuptling Lukonge erschlagen. Von den acht Missionaren, die Ende Mai 1876 Sansibar erreichten, waren nun noch zwei in Afrika: Pastor Wilson allein am Ziel in Uganda und Alexander Mackay an der Küste.