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Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212 cover

Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Chapter 6: Fünftes Capitel.
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About This Book

The narrative retells a medieval episode in which a young shepherd boy becomes the focal point of a popular religious movement of children. It alternates vivid travel scenes and town portraits with sweeping processions of youngsters carrying crosses and banners, probing how imagination, fervent piety, and social forces combine to inspire hope, collective yearning, and dangerous naivety. Through close episodic description and reflective commentary, the work contrasts youthful idealism with adult skepticism, examining pilgrimage, communal belief, and the fragile boundary between visionary dream and harsh reality.

Das ist wol wahr und hört sich recht lieb, ja schön an; sprach ein anderer Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in Gold geprägt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde inwendig einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will für die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts ohne Ende begreifen kann — es will für alle Sünden einen Vergeber, für alle Uebel nur Einen Erlöser — für alle Begebenheiten, ja Träume, eine Zeit und einen Ort — für alle Heiligen je ein besonderes Bild — für alle besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen — und für sein enges Herz die ganze Welt in der Nuß, in der Erdenpilgertasche — in der Scarsella. Aber Eins ist noch wahrer, noch entsetzlicher wahr: das ist die Trägheit, die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein früh Erwachter wieder aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich begräbt. — Ein gewisses faules Leben gefällt Allen! Wozu sich übermäßig plagen? . . .

Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige faulgewordene römische Jugend: „Ach wäre das doch arbeiten!“

Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug aussehender bürgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen Kette sprach: Draußen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer Metternich, Herr auf Metternich: „Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den Kinderkreuzzug erst recht nicht wünschen, ja fürchten: denn reisen, weit und lange reisen, das macht klug über Das, was ist, was sein kann, und was nicht! Und nun gar unter fremden Völkern sehen und sich überzeugen, daß ein gewisser Gott sie segnet, daß sie Frau und Kinder haben, und seelenruhig froh und glücklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der Reisende für einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich wird, sehr bedenklich, selbst über die Gräber, die so heilig im Scheine der Sonne, von Rosen und Jasmin umblüht, in Frieden stehen, und zu denen sichtbarlich-fromme schöne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Männer und Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens die Duldung aus dem rohesten Gemüth, die Verwunderung aus dem unverdorbenen . . . und das Segnen aus dem für alles Schöne und Gute empfänglichen Menschen. Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine Heimat; und Pilger sind auch Reisende! — und alle Heimgekehrten sollten unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenländischen Märchen, weitgläubig geworden, anhören und mich freuen zu müssen.“

Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr draußen noch hinzu: Alles ist Etwas für den Tag, und sehr viel für morgen und übermorgen. Die reife Aehre ist voll Körner. Und immer gibt es vorschauende Männer, die sich wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen, und überhaupt doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern hätten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschließen, die wir Stadt Köln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk unterstützen, und die mächtigen Wollenweber beruhigen, die nur mehr Gewalt in der Stadt und darum in den Rath wollen, um dann nur desto erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen — blos weil es ihnen eine nicht besonders günstige und grüne, sondern wiederum aus seiner Pflicht oft stachelige starre Macht ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus, wo die himmlischen Mächte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer Weberschlacht mit zerbrochenen Weberbäumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen, stählernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen müssen — aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurückkehren, die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den äußern Rath durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei möchten denn viele Häupter des hohen Raths fallen!3) Wir leben also Alle in gar keiner spaßhaften Zeit.

Jetzt meldeten hereingekommene „Funken“, daß es nun möglich sei, auf gewisse Weise den Freund aller Kölner, den theuern Narren Jost, nach Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber darin: die Funken hatten auf der Straße einen vorübergetragenen Sarg aufgefangen und brachten ihn herein. Männer Einer Brüderschaft in gleichen Kappen und Masken ergriffen das Mittel, fütterten den Sarg mit Teppichen aus, baten den Narren, sich gefälligst in den Sarg zu bemühen, hoben ihn sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat selbst für einen Betrunkenen eine gar wunderliche Einwirkung, schneller wie ausgepreßter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die Masken auf der Straße machten Raum für den Zug, und begleiteten in plötzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser duftiger warmer Frühlingsregen in sein offenes Gesicht sprühte, und der endlich selber in rührendem tiefen Baß seine Stimme erhob, das „Tuba mirum spargens sonum“ begann und das „Requiem aeternam“ wundervoll sang.

Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht erschrecken! Der jüdische Doctor, als überall hülfreich, wo er durch Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung nützen konnte, und immer ein kleines Besteck bei sich führte, hatte dem armen Narren das Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine liebenswürdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein Mädchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt, jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden Männern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einfluß bei dem als gut und lobens- und liebenswürdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode verdammten Juden; — dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der verunglückten schönen Frederune. Die Träger und die Geleiter des klugen Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschläge über die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zähne auf frischer That wieder eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt: Kinder, sagt nur dem Vater immer: „Vater, beiße die Zähne zusammen!“ Und der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit den Zähnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete — das heißt diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue — dann auf die grüne — dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und Molltonarten der Maler, als Musikanten für die Augen. — Es wäre meiner Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge paradiren müßte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die Schläge von meinen weinenden Tanten nicht, daß ich meine alte Großmutter unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem spanischen Rohre über ihre große edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen Himmel genommen. — Also morgen früh auf Wiedersehen, und hoffentlich meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloßes Gesehenwerden.

Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zähne in ihren Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es räumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurückgekehrten Männer brachten Hoffnung und Trost über den theuern Jost wieder; aber wunderlich genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegräbnißzuge nieder, den sie sich unterdeß ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt, und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu der Hurd, im Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswürdig sei und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewußtes Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel — ist Welt!

Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrückte haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrückte zeigen zur Erde hängende Köpft, zornige Gesichter, zu Zeiten geballte Fäuste und langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich erkennen zu lassen und zu erkennen zu geben. Raimund’s Glaubens- und Lebensbrüder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also unverdächtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer entschlossenen Schar gleichgesinnter Männer umgeben, und fühlte sich froh in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jüdische Doctor aber war wiederum seinen Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie unterstützten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf gekommen, daß der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so viele Kinder, Knaben und Mädchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen und Armen, auf dem für sie unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben werden und den Aeltern kaum zurückhaltbar verloren gehen sollten! Selbst die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fühlten, und deren Kinder gesteinigt worden wären, wenn sie sich unterstanden hätten, sich auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, sie auch lobten die so menschenfreundlichen, väterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die sich so unschuldig die Rache nur herrschsüchtiger Menschen zugezogen. Die andern Gläubigen aber gelobten Geld über Geld einem Doctor, der die wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thränensucht und ihrer Seelenkrankheit heilen könnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen früh an auf sein Schloß hinaus Alle für die Cur hinauszunehmen, so viele Mütter oder Väter oder Schwestern und Brüder ihm solche geisteskranke Kinder bringen würden.

Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und geheim näher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurück, woraus Raimund’s todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und Frohmuthe hinaus auf die für den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem überraschend schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides.

Fünftes Capitel.

Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die drei Faß spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin geborgenen kleinen Fäßchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich mit nicht erst zählender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte indessen droben seine Medicin bereitet für die morgen erwarteten Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hülfe der schlauen Frohmuthe bedient, der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wußte, daß so etwas gerade erst recht bei Weibern und Mädchen vergeblich ist, der Sache eine Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber größte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben sollen.

Mit einem Verlaß auf Etwas schläft jeder ein, auf seine Kunst oder Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen Verlaß unter. Die beiden hülfreichen Freunde verließen sich aber auf kranke Kinder und einen berühmten Narren, einen Großnarren, weil er einem Großen diente, und schliefen Jeder in seinem prächtigen Zimmer, bis die Morgenröthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund französisch-provenzalisch.

So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die Thüre des großen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge mit gefaltenen Händen seine noch junge Witwe in weißem Kleide. Der Todte war aber unaufgedeckt, sodaß sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder irgendeinem andern schweren Gefühl, die weiße breite Decke über seiner Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen.

Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen, schlug die Decke zurück und sah sich den todten Bruder an, den die aufgehende Sonne mit ihren über die grünende Erde daherschwimmenden, wie in Blumen und Blüten watenden Strahlen beleuchtete.

Armer Bruder! stöhnte er; armer Vater, den die große Tochter so betrogen hat! So unausstehlich, daß du es nicht ausgestanden doch überstanden hast.

Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschüttert, aber erhoben. Und wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklärtem Antlitz: „Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf jedem Dorfe ein gütiger weiser König, besitze sie alle Weisheit und Kunst, aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der höchsten Sklaverei stecken: «Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht frei», dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser einzigen, so leichten und so natürlichen, allen andern Wesen unter dem Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit zu bauen, die die Lerche in der Luft und den Goldkäfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon hat, und durch sich wie selig macht — denn die Ehe sich Liebender ist die Seligkeit. Und der heimliche Haß zweier sich nicht von Herzen Liebender ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht ertragen werden, sondern gefeiert als schönstes blumiges Lauberhüttenfest!“ Und der Vater verlor die große Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, indeß die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafür bestraft, wie das gottgläubigste, frommste Kind voraus in der gewiß erscheinenden, Allen das Beste gönnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer Unseligkeit; denn reine Liebe ist der höchste Glaube, ohne gleiches Nebengut noch Nebenglück.

O wie schön — und o wie fabelhaft traurig für den Vater! sprach Raimund dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglückliche Mutter hier, noch ihre jüngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! — und den Vater!

Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham ihr Gesicht mir beiden Händen und weinte dahinter.

In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwägerin, hängst du gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben muß; denn deine Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder gar seine Kindheit zurückversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und schön zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hieß denn der Maler?

Und — sich bückend und dann wie davon röther geworden, antwortete sie halblaut: Er heißt van Graveland. Er war eines hiesigen reichen Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach den Niederlanden, ich weiß nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche höflich sich ausgebeten, sein Bild, als nämlich mich mit dem Mädchen, wiedersehen zu dürfen, um es zu prüfen und daraus zu lernen.

Ach, dem laß ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mußte man gut sein, und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah!

Die Männer, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken, versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen.

Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischöflichen Palast. Er saß im Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Düte schenkte, mit der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas in die Ohren flüsterte; er schüttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die Hand drückte und sagte: Es ist nichts schändlicher und despotischer, als ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem oder mehren um ihn Verdienstlosen zu danken oder einen ihnen Feindlichen zu tadeln. Ich zerreiße dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch noch diese Düte mit 2000 Goldstücken deinem guten Herrn in meinem Namen zu verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe für gestern, und die schönen Fenster und die zerhämmerten Glocken auf den Thürmen wieder herstellen zu lassen — weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich gesund und lebendig hat heimkehren lassen.

Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, während ihn der Arzt neu verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten versprach.

Und wenn ich morgen stürbe, so würde heut’ doch meine letzte Bitte für Eure Sache bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach Jost. Die letzten Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie das meines Heiterkeit liebenden, Allen — beinahe schon ganz vernünftig — wohlwollenden Herrn, dem zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und Pritsche dem Erzbischof Siegfried zu Mainz überlassen, und dem zu Leide ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu den Bischöfen von Lüttich, Bamberg, Strasburg und was weiß ich wohin gegangen. Ja, ja, seht mich berühmten Mann nur an! Aber „Heiterkeit bedürfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die Engel“; sagt mein guter Herr — und nur gestern ist sie mir schlecht bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung stört nur eben ein alberner Narr die Bienen, kein kluger; nach der Begeisterung aber lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall führen, und nachträglich durch eine Tracht Schläge und Hunger ganz zitternd vor Liebenswürdigkeit machen.

Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache über, und meinte . . . daß sich der schöne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame übereilte Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem seinem großen Vermögen mit ihr freilich heimlich wegziehen — das nutzt jetzt nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Türkin vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft: „Es ist nur Ein Gott“, das ist hier nur fruchtlos. Daß er sich will taufen lassen, das rettet das Kind nicht; denn es ist noch aus früherm teuflischen Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Städten am Rhein zu Berg und Thal nicht an Frömmigkeit zurückzubleiben, wäre nur aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten barmherziger, außer sich gerathener „Weiber voll guter Hoffnung“. Und dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder Bestrafung nach Rom zu überweisen, was zu thun meinem gnädigen Herrn das redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom würde zuerst doch in den Kerker, und noch mehr Geld auch endlich aus dem Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber könnten sich die Schuldigen ja — vielleicht verirren! . . . von Räubern geraubt und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges Ende leben. Wirkt Ihr also auf der solchen doppelmitleidigen Weiber Herz — ich will eines braven Mannes Herz erweichen.

Raimund ging in Bekümmerniß auf den Altan hinaus und sahe die Schiffe fahren und umher die Bäume blühen, als gäbe es keine unglücklichen, keine bethörten Menschen, und das Wasser des Stroms floß so silberklar und die Tauben girrten auf dem Dache des Palastes, und fielen vor Liebe fast herunter; sie errafften aber in der Luft ihre Flügel und schwärmten um den Thurm und flogen zu Nest.

Indeß vertraute der Doctor dem Narren seine Weise, die Kinder zu heilen, die der Narr ganz auf die Natur gegründet fand, und sich freute, sodaß er wieder lachte. Er erkundigte sich dann, als des Auszurichtenden oder Auszuführenden sich immer und überall bewußt, nach dem Maler, der in ihr Haus kommen und die jüngste Tochter malen solle. Da schüttelte der Jost den Kopf und sprach ihm leise zum Ohr: Aber auf Männerverschwiegenheit; der schöne junge Mann war der Nachbarssohn der jetzigen jungen Witwe, die ihre Aeltern aber dem vornehmen Patricier aus Streben nach Rang und Ansehen zum Weibe gaben, worüber der verschmähte junge Mann in die Ferne ging — aber vor mehren Jahren, schön, reich und berühmt, und der ersten Liebe unvergessen, wie die Weiber sie noch viel weniger vergessen — wiedergekommen ist, und seine erste Geliebte und ihn zuerst Liebende wundervoll gemalt hat, wobei sie ihm so in die Augen gesehen, daß sie sich so an ihm versehen — doch Ihr werdet ihn ja sehen und sinnen, wo Ihr ihn doch schon wo gesehen habt — als irgend wen und was, ja den schönen Mann mit vollem schwarzen Bart sogar als Mädchen ohne Bart erkennen.

Der Doctor schwieg verstummt, doch klug gemacht als ein erfahrener, tausend Häuser kundiger Mann; und Jost sagte nur noch: Mich sollte es nur wundern, wenn in Euerm Hause da keine Hochzeit würde, sobald nur die äußere Trauer aus ist. Denn wer auch nichts Früheres zu verehelichen hat, der sinnt doch auf Wiederverehelichen. Denn die Welt ist eine verliebte Katze, sagte mein Vater immer. Und hier erscheint den Wissenden sogar nachträgliche Redlichkeit, und dem guten Raimund schadet es nicht und beunruhigt ihn nicht, wenn er nur darüber unwissend bleibt, daß die jüngste Tochter der Frau Rath aus innerer Liebe und stiller Treue das Kind des ihr früher verweigerten Malers ist und nicht seines todten Bruders.

Sechstes Capitel.
Die französischen Kreuzzugskinder.

Darauf hörten sie es auf weichen Pantoffeln geschlurft kommen. „Seiner und meiner Gnaden!“ sprach Jost.

Und es war der alte liebe Erzbischof im Morgentalar, der schon kam, seinen treuen Jost zu fragen, wie es ihm ergangen und gehe.

Besser; antwortete ihm Jost. Da steht mein Doctor! und zeigte auf den Spanier; aber Schmerzen sind über Narrheit, und Gesundheit geht über die Weisheit, oder ist sie selber, aber gewiß ihre Tochter, weiß ich nun.

Sr. Gnaden bekam einen gewissen Respect vor dem Titel Doctor; denn sein rechtes Auge besonders war ein Candidat des schwarzen Staars. Und der freundliche Greis lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich niederzulassen, und gab dasselbe Zeichen der Huld dem Raimund, den sein Jost ihm soeben seinen treuen Jugendfreund genannt; und so war ihm der fremde ernste Mann sogleich empfohlen; denn was ihm geschehen und warum, und was er fühlte und wie er dachte, das war ihm wie keinem andern Menschen glücklicherweise nicht anzusehen. Er setzte sich selbst einen Stuhl zu Füßen des Bettes, und der schwache alte gute Mann wäre mit dem schweren Stuhle beinahe selbst umgefallen, und die beiden Freunde, die übereilt ihm dabei helfen wollten; und er lachte, und Alle mußten und durften doch lächeln.

Während er nun mit seinem Jost sprach, und mit der Linken dessen linke Hand hielt, betrachteten ihn die Männer; das silberweiße Haar, das unter dem veilchenblauseidenem Käppchen hervor die schöne glänzende Stirn umquoll . . . die gleichsam gottgetreuen Augen . . . die in den heraufgezogenen Muskeln der Backen gleichsam festgewordene lächelnde Menschengüte . . . und die sanfte wohlwollende Stimme, die gewiß nie fluchen, nur segnen konnte . . . und die schneeweißen Hände, die mit dem Rosenkranz scheinbar nur spielend, ihm selbst aber ein inniges Zeichen waren, daß Alles, was er thue und spreche, nur ein heimliches Gebet sei. Und doch liebte er die Heiterkeit, ja die Freude; denn er liebte sichtbar seinen Narren, den Jost, als Widerpart der Sorgen und Nöthe, der die Wahrheit angenehmlich hörbar mit der Pritsche predigte und dazu mit Schellen an Mütze und Kappe läutete.

Der seiner goldenen Bitte schon immer durch Rührung bahnbrechende Jost unterließ nicht, seinen Freund Raimund dem guten Greise zu bedauern, der, nach langen Jahren aus Frankreich zurückgekehrt, nur um eines Hahnschreis Länge zu spät seinen Bruder nicht wiedergefunden, der vor Erbeben über das Schicksal seiner Tochter gestorben.

Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt, mögt Ihr uns endlich gründlich von den Kindern berichten, die von da in das Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreißigtausend das Kreuz genommen haben.4) — Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu Thal und aus den Städten und Dörfern des reichen schönen Flußgebiets in Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus unserm gottesfürchtigen Köln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.5) Hm!

Aber sie lassen sich nicht zählen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die Ochsen und kein Schäfer die Schafe zählt, aus Furcht der Strafe, die über den König David „in drei Sorten“ zur Wahl verhangen worden; so läßt auch hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der stolze verwegene Hirtenknabe Nikolas, seine Schafe nicht zählen. Vielleicht weil er nicht so selbstsüchtig ist, wie der vormalige Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die ihn nicht selbst treffende Strafe gewählt, sodaß der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Müdigkeit fast abgefallen, indeß der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein Volk unbekümmerter, unbarmherziger König. Zweifelhaften Menschen ist nicht wohlgethan: die Wahl zu lassen oder Alleinmacht dem selbstsüchtigen kleinen David.

Und der fromme Kirchenfürst wiederholte sein Sprichwort oder seine Sprichsilbe: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell über den Kopf und Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der übernatürlich gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, daß er selbst sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten.

Und der Arzt berichtete ihm nun bedächtig: Ich mußte in Lyon drei Tage liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser großen Wanderheuschrecken der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wußte ich nicht mehr, wo ich hingerathen? was die grüne Erde für ein unsinniger Kopf geworden, den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses geräumiges Haus zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstücke und uralte Attalanen aufgeführt würden. Aber das Einzelne, schaubare und hörbare Nahe, ja Ergreifliche erklärt das Wunderbare und macht es gemein und alltäglich. Eine Rose und ein Bienenstock erklären sich selbst am besten. Kurz also: es kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der Kinder, sitzend oder thronend; der Hirtenknabe St.-Etienne, zu deutsch Stephan, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straßen auf den Markt, und Tausende von Kindern, Knaben und Mädchen, folgten in geordnetem Zuge weinend und singend, und wieder weinend: „Gott, gib uns das wahre Kreuz zurück, und außerdem all all erdenkbares Glück“; und das Volk sang, ja schrie das barbarisch aus tausend Lebensnoth mit. Das war wol herzbrechend, himmelstürmend!

Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe, wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinäle von neun, ja von sieben Jahren gehabt haben?

Von dem wurde nun Abends in den Weinhäusern erzählt: Der Marschall der Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendôme.6) Da es den Kreuzfahrern in dem, nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die alten Weiber und Priester Umzüge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben läge. Sie haben Bittfahrten gehalten, um die Hülfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige in den Weinhäusern, wofür man betet oder beten soll anbefohlenermaßen, das wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und andere Seiten- oder Gegenwünsche ihm gotteslästerlich gemacht. Deswegen sind falsche Fürbitten so gefährlich; setzten Andere hinzu.

Bei den Worten überfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt ein Mittel aus seiner kleinen Büchse nahm: Stückchen krystallisirten weißen Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am Himmel wären nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niederträufelndem Regen nur als einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen sähe, und sich begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige.

Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen vortrefflichen Zähnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem, wozu sein Freund Raimund, zufolge seiner Bauchrednerkunst, gern Anmerkungen eingeschaltet hätte; aber es waren keine weitern Personen, nicht einmal ein Bild da, dem die Hörer sie hätten aufbürden können.

Jost’s beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten an den gnädigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschloß, und sie bedeutete, still zu sein und zu hören. Ihr Vater hatte Lust, sie an den Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur mit zornigen Augen an. Der Arzt erzählte jetzt weiter: Dem Knaben Stephan ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller furchtbaren, ja wüthigen Macht Nichts ausgerichtet, auf sein Herz gefallen. Er hat eine Erfahrung aus seinem Traume gepredigt, daß der sehr schöne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm offenbart, und ihn als Kreuzprediger für die unschuldigen Kinder bevollmächtigt; ja, er habe ihm einen eigenhändigen Brief an den König von Frankreich ausgehändigt an den noch lebenden Philipp August, den er den Kindern gezeigt und unzählige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes gebracht. Vor den frommen König nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur Prüfung befragt: was ihm die Nacht geträumt? habe er es dem Könige nur etwas leise ins Ohr geraunt, daß der König erblaßt sei. Auf die nunmehrige Bitte des Königs, ihm den Brief auszuhändigen, habe er getrost danach in seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der Teufel gestohlen! Und als der König die umstehenden Priester befragt: ob Jesus erscheinen könne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm schreiben, wie einst dem König Abgarius? . . . da haben sie über die entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfügige Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu St.-Denis vor der Königin noch größere Wunder verrichtet; er hat durch Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hölle geht? und Antworten der Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehört, sodaß Alle erstaunt und verstummt sind vor seinen Engelsgaben.

Sein Gang und sein Bezeigen vor dem König und die Erzählung seiner Wunder umher im Lande, welche Erzählung eine wahre Thatsache geworden, haben dem frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, daß in kurzem sich eine zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn versammelt, und nun drängend und treibend wieder auf ihn gewirkt. Andere Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren Beruf auch durch Wunder beweisen mußten, und auch bewiesen, worauf sie das von Stephan begonnene Werk mit großem Erfolge gefördert. Alle lieben begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit meinen Augen gesehen, den Stephan von Vendôme als ihren Herrn und Meister über Leben und Tod, und waren fest überzeugt, daß sie unter seiner Anführung den furchtbarsten Sieg über die Sarazenen erfechten würden mit bloßen Händen . . . durch ihre bloße Erscheinung, oder höchstens obendrein durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hörbaren, sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glücklich, der von seinem lebendigen Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen, ja erkämpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schönen blonden Locken kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben und Mädchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung führten. Unter meinen Reisemerkwürdigkeiten habe ich einen kleinen verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen Knaben für eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glücklich, die sich nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlürften andächtig mit zum Himmel gekehrten Augen die Neige aus.

Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe.

Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzählen: Den folgenden Tag rückte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne’s, der Hirtenknabe von Chartres, in die Stadt. Von diesem erzählte man Abends dann neue Dinge.7) Als er von einer Uebungsprocession zurückgekommen, auf welcher seine Schar um die Gnade Gottes für die Gläubigen gebetet, gesungen und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die — Ungläubigen gefleht, da habe er gesehen, daß seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwüstet, von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen wollen; da habe sein Tiras geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblökt. Auf dieses Wunder hin sei er in den eigenthümlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugeströmt, wirkliche Menschenkinder, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und französisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und bezauberte Puppen böser Geister.

Darauf haben sie mit großem Gepränge und mit vielerlei eigenthümlichen willkürlichen Gebräuchen in den Städten, Burgen und Weilern von Frankreich ungestört, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzüge unter Thränen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefäße, Wachskerzen und Kreuze unter Gesängen umhergetragen. Selbst junge Mädchen, Jünglinge, Weiber und Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen der Städte und Dörfer oder auf den Aeckern und Wiesen verließen, wenn ein solcher Zug vorüberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. Denn sie weinten entsetzlich! Und überall wurden dem Kinderzuge vom Volke Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und sie aßen desgleichen entsetzlich.

Viele Bürger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten? „zu Gott!“ antworteten, könne man doch wol der Hoffnung Raum geben, daß also Gott durch die Jugend große Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem Worte: „Kommt wieder Menschenkinder!“ Auch wären sie ja so vernünftig, sich nur für das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn sie sähen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, daß es für den Heiland im Himmel weder nöthig noch möglich sei. — Andere behaupteten: nur ruchlose Betrüger hätten sie aufgeregt.8)

So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der König Philipp August, der sich selbst solange als möglich von einem Kreuzzuge zurückhalte — erst das Gutachten der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris gefodert, in welchem der größte Theil der Geistlichkeit und manche Laien die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt, worauf er — und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und fortmarschirt — „geeignete Maßregeln“ verfügt, um die Knaben von Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten.9)Wie klug, etwas zu spät thun!

„Der Herr sei gelobt!“ rief jetzt Sr. Gnaden dazu, daß wir dort einen solchen Vormann an dem Könige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor Rache, daß wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen!

Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke für seine ihm tröstliche Nachricht mit den Worten: Wer sähe nicht, daß Ihr ein Jude seid; aber auch ein menschennützlicher Mann, ja Mensch; und die Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben — was schadet da Einer mehr! das wäre lächerlich! Also: meine Hand von Rache für Unglauben, oder irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des Guten, ohne Schuld auf sich zu laden! Man kann Alles umgehen durch festen getreuen Sinn. — Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung fällt mir ein: daß ja der Patriarch von Aquileja sogar die erwachsenen Kreuzfahrer zurückhält, und sogar das Interdict nicht fürchtet, laut welchem den Städten und Dörfern jeder Geistliche, jede Messe, jede Vergebung der Sünden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefährlich, die Menschen ohne Das leben zu lassen, indeß sie doch merken, daß Gott ihnen auch ohne Das gnädig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frühe so fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben . . . und sie glücklich sind. Das ist gefährlich sie inne werden zu lassen. — Nur die Sachsen, das treue Volk, höre ich, sind fortgezogen nach dem Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere Römischen die Griechischen nunmehr als unsere Todfeinde nach und nach auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaßten Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug gemacht zu haben — glauben; das heißt diesmal: wähnen. Und selbst der Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: „Indeß wir Alle schlafen, rühren sich nur die Kinder!“ und will sie ziehen lassen, weil — er muß. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und ist dem Unverstande noch gnädig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben Volke — seine immer neuen tausendfachen und tausendfältigen Fehler immer barmherzig vergebend, unermüdet lehrend, und aus seinen Irrthümern schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwächtem Vertrauen und neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen!

Der redliche Greis ließ jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: „Ehe denn die Berge . . .“ und: „Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . .“ — vernahmen.

Darüber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerührten Freunde schieden still von dem Narren, der dem jüdischen Arzt mit Hand und Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und Versprechungen mit den Augen zuwinkte.

Siebentes Capitel.
Der Kinderherzog Nikolas.

Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem Palast, die aber noch große Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon verlangte durch das Judenquartier und durch das erbärmliche enge Bechergäßchen zu gehen, wo „seine Leute“ viele in verborgenem Reichthum, aber als verachtete Sklaven zusammen und übereinander geschichtet, aber im Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und weltberühmten Namen „leben“ verdiente. Hier ward aber nur der Becher des Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Süßigkeit getröpfelt. Raimund führte ihn dann, um ihm seine heute sonntäglich stille schöne Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen zu lassen, über die Plätze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmälig schlendernd über den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher vernommen, der berühmte Maler van Graveland in seines Vaters Hause bei seiner verwitweten Mutter wohnte.

Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen Namen genannt, ihm gesagt, daß er komme ihn zu bitten: seinen gestern gestorbenen Bruder Aldewin todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt, auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und gespannt auf den schönen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth sich niedergelassen hatte — daß er erschrak, überrascht stand und vor sich hin sann, es dann abschlug, und höchstens vor vieler Arbeit das Bild nach vier Wochen zu malen vermöchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die selbst ewig Zeit haben, ist es unmöglich, lange Zeit zu verlieren — oder ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern.

Der Maler zuckte die Achseln.

Da setzte Ramon hinzu: seine Witwe läßt Euch besonders darum sehnsüchtig bitten, auch zugleich ihre jüngste Tochter Irmengard zu malen; zum Andenken, da sie das schöne liebe Mädchen wahrscheinlich auf immer verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mädchen der Vornehmen mit nach dem Heiligen Grabe. Es wäre am besten ein wirkliches Kniestück, wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es könne sie gewiß Niemand so lieb und herrlich machen.

Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da draußen auf unserer Lindenburg.

Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lächerlich auch nur Hm! sagte; worauf Ramon nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere Sache; aber auch doppelt einträglich, und mein Freund hier bezahlt Euch jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer —; es ist richtig! und als armen Teufel mit Hörnern kann er ihn doch nicht vor Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch ein Beraubter! Schäme dich, Ramon! Und um was beraubt: um glückliche Liebe, Liebesglück und Schönheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen, besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich groß und lieb, sein Kind! und läßt sich von der in der Seele verworrenen, sich in ihrer eingeborenen Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und bleibt trotz aller Verirrung doch schön und hold und eine Belohnung für Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmöglich zu erfüllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen wollen und wenn auch spät erst — und er steht gesund und frisch erst in den dreißiger Jahren — doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glück erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist diese edle That zu verdenken? Er kommt! er malt! Ich brauche ihm mit Raimund’s geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da würde er sich schämen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit Trotz unglücklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal später Rath und Hülfe durch seine Weiterentfaltung, aber selten; darum verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in frühern Tagen!

Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umständen, also dem Todten nach, alsbald hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentöpfe und Pinsel sogleich fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen.

Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein Weh bei alledem geschehen war, sondern erst künftig dadurch geschehen sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Müttern, jene von Vätern, auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah.

Laut zurückgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren schon über ein in Vorrath eingerührtes Frühstück her, dem nichts anzuschmecken war von gefährlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen Beistand, da sie zu arm oder zu beschäftigt seien in ihren Gewerken, um, wie andere Aeltern, die Kinder in fremde „gesunde“ Städte oder Dörfer, nach Franken, Würtemberg, oder nach dem immer gar nüchternen glücklichen Holland zu bringen; indeß andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf künstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel blöd auf die Augen, ja krank auf den Leib, furchtsam vor Räubern und Riesen und Ottern und Bären und Wölfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern, dem Gras- und Krautessen, vor den Nächten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Kühe auf den Bergeshalden, und geschwänzte feuerbrüllende Drachen mit Krallen und Flügeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Kröten und Basilisken und zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben säßen mit Gewalt eingesperrt in den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick, Schnure, ja nur Bindfaden.

So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mädchen alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte führen lassen, tröstete er sie auf ihren Zweifel: „daß es nur, ach, nicht möchte zu spät sein, ihnen zu helfen“, und sprach: Mit der Vernunft ist es niemals zu spät, und niemals zu früh, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur daß kein neuer Zünder, Raptus, oder neue Wuth sie überfällt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt.

Er vergönnte ihnen nicht nur, wer wolle, dazubleiben, sondern bat sie ausdrücklich, wiederzukommen, damit die Kinder doch sahen und einsähen: sie hätten Aeltern, und durch Scheiden und Wiedersehen ihnen wieder in Erinnerung zu kommen, als ihnen unentbehrlich und theuer als ferne Nebel und Nebelbilder. Denn wer seine Aeltern liebt, recht liebt, meinte er, kann niemals verloren gehen, ja kann nie verrückt werden, es sei um was es wolle. Redliche liebevolle Aeltern sind den Kindern die angeborenen Heiligen und Engel; ja, wenn auch als Schuster verkleidet mit Schurzfell und Pfriemen und Pechdrath, oder als Schneider mit Scheere und Bügeleisen, oder als Tuchscheerer mit der gefährlichen Scheere mit beinahe windmühlflügelgroßen stählernen Flügeln. Das seien alles nur Narrenspossen und Carnevalsmasken auf Erden; denn der Kern sei die Nuß, und die Traube der Most und der Wein.

Frohmuthe bediente die kleinen und großen Gäste lebhaft und heiter, und es war ihnen so wohl, als wären sie aus der ängstlichen Welt hoch in den friedlichen Himmel versetzt; den Kindern aber graute künstlich und gründlich übel vor der ganzen Welt.

Raimund hatte unten im Saale, wo der Todte im Sarge stand, gesehen, wie die alte gekommene Mutter Wollenweberin in Trauerkleidern und voll unmäßiges Mitleid, das auf eine Reue deutete, ihrer Tochter, der verwitweten Frau Rath, um den Hals gefallen, und er hatte Mutter und Tochter allein gelassen. Dagegen hatte ihn eine Schar Dorfkinder, die in den Hof gekommen, aufmerksam auf einen Knaben in gebräuchlichen Sonntagskleidern gemacht. Aber der Knabe schien doch ganz besonders, sodaß Raimund ihn ohne Frage aus seiner Vorstellung als den Hirtenknaben Nikolas gleichsam erkannte. Er kam barhaupt, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in bloßem Halse; eine prächtige hohe Brust, ein starker Bau und doch feine Glieder; barfuß, einen abgebrochenen Blütenzweig in der Hand; aus großen dunkeln Augen träumte er nur die Frühlingswelt an, und hörte mit reizendem Lächeln die singenden Lerchen in blauer Luft und segnete gleichsam mit zwei Fingern der Hand die bunten Bilder der Wolken im See, die wunderbar oben und unten zugleich ganz leise zogen, und das Bild der Sonne blitzte ihn aus dem Wasser in sein ernstes, schönes, von der Frühlingswärme schon leicht gebräuntes Gesicht. Der Schritt seiner Füße war nur schwebend, und eine Ruhe umfloß und umglänzte ihn, daß die Leute reglos und lautlos vor ihm stehen blieben, während er vorüberging, die Augen vor ihm niederschlugen, und erst lange nachdem er vorüber war, sich schüchtern nach ihm umsahen. Sein Hündchen, sein Phylax, begleitete ihn, und er begleitete einen großen langbeinigen Mann, noch nicht alt und nicht mehr jung, mit fabelhaft langen magern Beinen, mit einem muntern getrosten Gesicht unter seinem sehr breitrandigen Pilgerhut und einem sehr langen, fast schleppenden Pilgerrocke, mit hohem Pilgerstabe, sodaß er einem alten heidnischen Sänger, einem Aoiden, am meisten ähnlich gesehen haben möchte in seinem ehrwürdigen Bart. Seine kleinen Augen funkelten auf Alles um ihn aufmerksam und neugierig umher; seine langen hohen Beine machten fast Riesenschritte, und die Morgensonne hinter ihm warf vor ihm her einen an den Rändern aufglänzenden verwunderlichen Schatten, als stiege ein Bewohner der Unterwelt aus alter Zeit in dem heutigen Tage in das Menschenschloß. Seine Seele schien, wie ihre festen wie angreifenden Blicke verkündeten, mit allen gestalteten Dingen und allen Elementen sehr wenig Umstände machen zu wollen, die Welt für einen Frühlingsnebel auf blauer Wiese zu halten, und ohne alles Bedenken durch Feuer und Wasser zu schreiten bereit zu sein, ohne Fußsohlen, Haare und Bart zu bedenken, oder wenn sie doch anbrennten, nachher eben nicht besonders zu bedauern.

Der Knabe Nikolas führte ihn desgleichen geradeaus in das Schloß seiner Herren und in den offenen Saal mit dem Todten, über welchem das große Bild des Erzengel Michael hing, der den gekrümmten Teufel auf tausend Jahr in den Abgrund stößt. Alle Bewohner des Schlosses eilten leis in den Saal: Raimund und Ramon, die Diener, die Mägde; aber die junge Irmengard stand erst wie gebannt, mit gefalteten Händen den Blick zu Boden. Dann kam sie nur so wie geflogen, wandte sich plötzlich zurück, fiel ihrem Mädchen um den Hals und rief ihr freudig erschrocken zu: Er ist da! Er ist da!

Wer denn? frug Frohmuthe sie schelmisch; — der lange Mann?

Ach wer denn anders als Nikolas! erwiderte sie bös, und zitterte ganz. Aber dabei blieb es auch, und sie ward wieder still, blickte hin, blickte weg, und blieb halb gleichgültig und halb gereizt und wie unwillig über sich selbst, von Ferne stehen.

Soll der Hahn krähen? frug Frohmuthe sie mit anspielendem Vorwurf. Und es klang wirklich peinigend, als draußen ein wirklicher Hahn krähte.

Ramon hatte die Irmengard durchdringend beobachtet, und erstaunte selbst über die Wirkung nur schon der einen Gabe von seinem Mittel; aber sie schien vorüberzugehen, wie Schein des Mondes die dunkeln Wolken wieder überziehen. Doch lehnte sie sich blaß an die Wand, Der lange hochbeinige Mann setzte sich ohne weiteres in einen Stuhl, der beiseite im Winkel stand; entschuldigte sich nicht, sondern sagte nur: Ich bin müde, und habe einen weiten Weg zu schleichen. Der Knabe Nikolas aber stellte sich drei Schritt nahe vor die Hausfrau hin, sah sie fest an und sprach zu ihr mit seiner wohllautenden fesselnden Stimme, die nicht nur wie aus dem Munde oder der Brust, sondern aus seinem ganzen Körper, oder durch ihn aus der ganzen Welt umher herauf- und herauszutönen schien: Theure Mutter, die unsere Irmengard geboren, ich bringe dir den heiligen Boten, den Gott uns zum Führer gesendet. In unserer Hütte hat er nicht Ruhe, nicht Raum; denn mein irdischer Großvater Elias, der bei Menschen geehrte und berühmte Scharfrichter, der nur aus Eifer für die Ehre Gottes und aus Haß gegen den Satan sein ernsthaftes, blutiges, feuriges Amt bekleidet, und zu der nahe bevorstehenden brennenden Hurd einberufen worden, liegt mir und der Mutter zu Hause krank. Der gottgesendete Bote und Führer aber ist mir von der Vorsehung zugekommen, auch wenn er meint, er sei nur von seinem eigenen Geiste getrieben. Denn höre nur.10) Er kommt aus Brabant, wo er schon lange in großer Heiligkeit gelebt und schon lange Gott hat nach dem Gelobten Lande wallfahren gewollt, aber immer unentschlossen, sein Beten und Fasten durch die weite Pilgerreise durch die südlichen Völker auf der elenden Erde zu unterbrechen. Jetzt ist ihm ein Engel in seinem festverschlossenen Gemache erschienen, das sollte man gar nicht glauben — — und Raimund sprach mit seiner geheimen Stimme, die er jetzt von dem Teufel aus dem Bilde an der Wand her vernehmlich herabertönen ließ, indeß er mit eisernem Gesicht dem Knaben Nikolas in sein Gesicht sah: Ja, das sollte man gar nicht glauben! Aber — du sagst es!

Aber Nikolas fuhr fort: Er hat gerade in der Nacht vor Petri Kettenfeier, als helles Licht ihn umflossen, die Stimme des Engels vernommen, die da sprach: Der Herr hat deine Sehnsucht, das Gelobte Land zu schauen, wahrgenommen, und mich gesandt, deinen Wunsch zu erfüllen. Darauf hat ihn der Engel ergriffen und ihn in der einen Nacht zu allen Orten der heiligen Lande geführt, sodaß er diese Lande, Jerusalem und Bethlehem, und auf dem Wege hin und auf einem andern Wege zurück, alle merkwürdigen Städte von Burgund, der Lombardei und Italien leibhaftig, leibhaft gesehen.—

Und Raimund’s Stimme erscholl wieder aus dem Teufel: Das sollte man gar nicht glauben!

Der Knabe Nikolas sprang auf das Bild los, und zerhieb und zergeißelte den Teufel, dazu aber nur lachte, mit seinem blühenden Apfelbaumzweige, daß die Blüten umherflogen, indem er betreten und demüthig leise dazu sprach: Ja! auf tausend Jahr ihn verschließen, war zu kurze Zeit — denn er erhebt sich wieder wie vor, und abscheulicher — verzeihe Gott mir die Sünde! Ach, er ist gegen uns alle arme Sünder zu gnädig!

Er weinte dazu unter den mit der Hand zugehaltenen Augen, indem er seine Hitze bereute, und der heilige Mann und der Engel kam ihm wieder ein, und er beschloß seinen Bericht von den Beiden nur noch eilig mit den Worten: Und der Engel brachte ihn noch in derselbigen Nacht wieder in sein Bett!

Und der Teufel vom Bilde sprach wieder deutlich dazu: Das sollte man glauben.

Die Andern im Saale standen wie verrathen und verkauft; Raimund aber bemerkte, daß dem Hirtenknaben nicht sein Verstand, sondern diesmal sein Unverstand stille stand. Er hatte das Ansehen eines Erwachenden, schnippte mit den Fingern seinen Hund herbei, als wolle er hinaus und fortgehen. Da sah er Irmengard hinter der Mutter hervortreten; er sah ihr in die Augen, sie ihm, und sein Sinn hatte sich wieder gestärkt und er sagte getroster: Nun haben Viele gebetet, auch so bequem von Engeln dahin getragen zu werden, wohin wir Schritt vor Schritt pilgern werden; aber nicht immer den dritten zurück, denn wir büßen ja keine Todsünde ab. Der theure Mann hat sich aber von heimgekehrten Pilgern erbitten lassen, uns ein erfahrener Wegweiser zu sein. Darum bewirthet uns Allen und mir ihn wohl!

Darauf faßte er Irmengard an beiden Händen und befahl ihr: diesen Abend in der heiligen Ursulinerkirche den Kindern eine Predigt zu halten. Die Kirche werde erleuchtet sein; sie werde außer den Knaben und Mädchen und ihren Müttern viel Hundert andächtige Zuhörer haben, und von den hohen Fenstern herab die viel Tausend Jungfrauen. Der Geistliche werde sie auf die Kanzel führen und sie werde mit Engelflügeln geschmückt sein, mit einem Narcissenkranz auf dem Haupt und einem Palmenzweig in der Hand.

Und als Herzog der Kinder all nahm er sie, ohne Billigung noch Widerrede weder ihrer Mutter noch ihres überraschten Oheims, an der Hand, um sie in den Garten zu führen, und ihr die Gegenstände zu sagen, von denen sie predigen solle, und über die sie sich im Gebet Erleuchtung und Begeisterung und Muth und Kraft vom Himmel erflehen solle. Er küßte sie drei mal auf die Stirn und war im Begriff, sie an den Fingerspitzen sich hinaus- und fortzuführen.

Aber indessen hatten Leute aus der Stadt die Staffelei des Malers, Malertuch und Töpfe, und Scherben und Flaschen, und Farben und Pinsel gebracht, die sie an den ihnen angewiesenen Ort unter den Engel und Teufel ruhig und vorsichtig abgesetzt. Kurze Zeit darauf, ehe die Witwe des Tobten — wenn Todte noch Witwen haben — sich ruhig geathmet hatte, trat der Maler leise, bescheiden und schüchtern, ja wie furchtsam vor dem zugedeckten Todten, ein. Er nahte der Hausfrau; er bedauerte sie über ihren unersetzlichen Verlust und sah mit dem glühroth gebückten Gesicht zur Erde. Beide und Alle standen so, lange stumm. Aber er war ja gekommen, den Todten zu malen, und so mußte er doch sich ihn ansehen. Die treulose Witwe Rath selbst mußte das Gesicht ihm aufdecken, und er sah sich ihn lange an — aber er selbst hatte die Augen dabei zu. Endlich, um vorläufig auch die Farbe der Augen des Verblichenen zu erkunden, that er ihm mit Daumen und Zeigefinger der Linken ein Auge auf, hielt das Lid lange offen, und der jüdische Arzt sagte: Könnte ich doch Euch selbst so malen, wie Ihr dasteht und der arme Todte Euch ansieht! Das wäre eine neue Art Bild.

Da wandte der Maler sich davon, der sehr sorgfältig gekleidet und geschmückt mit der goldenen Ehrenkette, die er vom Grafen Wilhelm von Holland empfangen; auch seine Finger funkelten von Ringen, und er strich sich die schönen Haare aus der heißen Stirn.

Jetzt fragte er ganz gelassen und gleichgültig nach der Tochter, die er auch malen solle; wie groß sie wol sei? damit er in Gedanken das Bild schon immer ordnen könne. Raimund ergriff das schöne, edle, gewiß engelgleiche Mädchen und stellte sie ihm vor. Irmengard schlug die Augen vor ihm nieder, und er unterdrückte ein inneres Entzücken, eine heilige Ueberraschung kaum mit Mühe; ja, er mußte aus seinem Herzen hinaus eine Frage thun, die zu keinem Bilde für keinen bloßen Maler als nur geistigen Vater eines Bildes gehört; er frug ihre Mutter: Wie heißt denn Eure Tochter?

Die Blicke des männlich schönen Malers auf die aufblühende schöne Irmengard verdrossen den gewissenhaften Don Ramon, ob sie ihn gleich rührten, als treue Sprache der Natur, die immer allweise und offen in ihren unverhüllten Geheimnissen und Offenbarungen ist; sie verdrossen den Raimund unwissenderweise; sie verdrossen den Hirtenknaben Nikolas, den Herzog des Kinderheers. Er ergriff sie wieder an der Hand, führte sie hinaus und fort in den blumigen blühenden Garten; und Raimund stieß heimlich die schlaue Frohmuthe an, ihnen in schicklichem Zwischenraum zu folgen, damit sie nicht den Entwurf zu der Kinderpredigt störe.

Den Kinderkreuzzugsboten geleitete Hagebald in ein Zimmer hinauf, eine Dachkammer, und um dem alten Hausmeister seine Kraft zu zeigen, machte der langbeinige Herr immer Schritte über zwei, drei Stufen zugleich.