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Der Hohlofenbauer

Chapter 10: 9.
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About This Book

A rural community portrait centers on Marie Berteles (Mariele), a lively, hardworking young woman admired across her village, and the budding attachment between her and the Hohlofenbauer's son. The narrative traces everyday rhythms—seasonal customs, churchgoing, field and stable work—and the informal gossip, teasing and tender care of neighbors and family. Scenes emphasize parental attention and gentle rivalry, the practicalities of household labor, and small-town etiquette. Through intimate domestic moments and communal rituals, the work observes how affection, social expectation and generational perspectives shape courtship and village life.

9.

Es war Rudolf Korn diesmal beinahe schwerer, sich an die Stadt zu gewöhnen, als das erstemal. Er biß die Zähne zusammen und tat seine Arbeit. Gewiß, es ging, aber wenn er vor der Weißglut der Schmelzöfen stand, sah er die stille Bauernstube auf dem väterlichen Hofe vor sich. Mitten im Rasseln und Klirren der Ketten hörte er die Dorfkirchenglocken, und wenn er mit Grete Frieders plauderte, sehnte er sich nach dem Mariele.

Paul Ender hatte auf Rudolfs Fürsprache Arbeit in der Gießerei erhalten und enttäuschte nicht. Die Schulkameraden trafen sich fast an jedem Tage nach der Arbeit, hatten gemeinsamen Weg, kamen auch an den Abenden zusammen, und Rudolf erkannte schon nach wenigen Wochen, daß Ender nicht wieder auf das Dorf zurückkehren werde. Es gefiel ihm in der Stadt, er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, daß einer der Brüder das Vatererbe übernehmen werde, und hörte nicht den Schrei der Scholle, fühlte nicht ihren bittenden Blick, atmete nicht ihre Treue, sah nur ungelohnte Mühe und Plage, und die Erinnerung an daheim war ihm nichts als das Gedenken an freudlose Tage und ein friedloses Haus. Freudlos und friedlos, das war der Enderhof. Die Not war größer als die Kraft der Scholle. Der alte Ender wußte sich seiner Erde noch so fest verwurzelt, daß er eher sterben würde als sie aufgeben. Seine Söhne hatten nicht einzuwurzeln vermocht. Einer war gegangen, der zweite hatte in allem die Art des älteren Bruders, und von dem dritten wußte man noch nicht recht, wie er sich innerlich einstellen werde.

Paul Ender konnte harte Urteile über Dorfheimat und Bauerntum anhören, ohne daß ihm die Röte in die Wangen schoß. Er versuchte weder ruhig und sachlich zu überzeugen, noch Heimat und Stand mit flammenden Worten zu verteidigen. Lachend ging er entweder beiseite oder sagte ebenso lachend: »Jeder redet, wie er es versteht.«

Rudolf Korn sah das mit tiefem Schmerze, und sein Plan, den er einst dem Vater entwickelt, ward stark erschüttert. Wäre Grete Frieders mit ihrem Lebensmut und ihrer warmherzigen Klugheit nicht gewesen, die Stadt wäre dem Sohne des Hohlöfners zur Qual geworden. An der Hand der Frau aber schritt er weiter und — fand einen Weggenossen, der ihn über alle Enttäuschungen hinwegbrachte.

Es war in den ersten Märztagen. Von den Hausgiebeln pfiffen die Amseln. Rudolf Korn ging am Sonntagnachmittag spazieren. Da traf er den Bergmann, mit dem er bei Richard Frieders Beerdigung vom Friedhofe gegangen war. Der Mann trat auf Rudolf zu. »Sieht man dich auch einmal wieder?«

Korn sah ihm fragend in das Gesicht. »Ich — weiß nicht.«

Der andere lachte. »Das kann ich mir denken, wenn du mir auch dazumal gesagt hast, du wolltest mich aufsuchen. Hast's natürlich nicht gemacht. — Ich bin der Ludwig Hempel, und wir sind seinerzeit miteinander auf der Grube gewesen und sind miteinander weggegangen, als wir den Frieders begraben hatten.«

Jetzt wußte Rudolf Bescheid. Die beiden gingen miteinander weit über den gepflegten Park hinaus, kamen auf die Landstraße, stapften weiter und wurden es nicht gewahr, wie die Stunden vergingen und die Entfernung von dem Stadtinnern größer wurde.

Sie hatten beide heiße Köpfe und rangen ernsthaft miteinander. Der Bergmann war ein ehrlicher Mensch, der sich mühte, seine Meinung für sich zu haben. Er war den Einwendungen Rudolfs nicht unzugänglich, aber er lehnte ihre Wahrheit mit einer Beredsamkeit ab, daß der Bauernsohn ins Gedränge kam.

Schwach begrünt lagen Saatfelder zur Rechten und zur Linken. Aus ihnen her kam dem Bauern die Kraft, die er vergeblich in sich gesucht, solange der Atem der Stadt herwehte. Ganz Bauer ward er, ganz Mensch, und Rein-Menschliches war es, das er dem Manne, der neben ihm ging, bot. Dies Menschliche nahm den Bergmann gefangen.

Nichts erzählte Rudolf Korn, das außerhalb seines eigenen Erlebens gelegen hätte, nichts, das er an Anschauungen und Urteilen aufgelesen, sei es bei Grete Frieders oder in den Versammlungen oder in den kleinen Heften, die ihm die Witwe des Freundes in die Hand gedrückt.

Und nicht Bauernarbeit war es, die den Bergmann still und nachdenklich machte, sondern Bauernart.

Irgendwie kommt jeder Mensch von der Erde her und ist erdgebunden. Und wenn die Wurzeln durch Jahrhunderte gehen, in des Blutes Wellen trägt der Mensch das Erdhafte durch die Zeiten.

Schlicht und warmherzig sprach der Bauer von der Scholle, die sein und doch nicht sein war, von der inneren Sorge, wenn die Gewitter am Himmel auftürmten, von der Freude, wenn die Saat schoßte und die Flur im bunten Funkellicht unter dem siebenfarbigen Bogen lag. Es ward ihm nicht bewußt, daß er jetzt: »Der arme Acker,« nachher: »Ein liebes Gewitter,« dann: »Die gute Wiese« sagte, aber es pochte an das Herz des Mannes, der ein Suchender war und fühlte, daß Mensch zum Menschen wollte, menschlich, brüderlich, eins im Tiefsten.

Immer krauser ward seine Stirn, schwerer der Atem, langsamer der Schritt.

Mitten auf der Straße blieb er stehen und sah Rudolf in das Gesicht. »Ich weiß, daß du die Wahrheit sagst, wie ich dir die Wahrheit sagte, aber nun weiß ich eins nicht: Warum kommen wir nicht zusammen?«

»Wir werden zusammenkommen.«

»Aber das wird verdammt schwer sein.«

»Im Anfang ja. Haben wir erst den Boden, auf dem wir uns finden können, wird es rascher gehen.«

»Was hältst du für den richtigen Boden?«

»Den Willen, uns so zu sehen, wie wir wirklich sind.«

»Mensch, das sagst du so, als wenn's ein Dreck wäre, und es ist doch, weiß Gott, das allerletzte.«

»Hättest du nicht Lust, ein Jahr lang Bauer zu werden?«

»Ich weiß nicht. Dazu bin ich zu alt. Aber meinen Jungen kannst du kriegen. Er ist sechzehn und ist ein gewitzter Kerl.«

»Der scheint mir zu jung. Es können hüben wie drüben nur Kerle in Frage kommen, die weder das Land noch die Stadt verlassen wollen. Kennenlernen, aber jedem seine Art lassen.«

»Donnerwetter, du hast mich ganz konfus gemacht. Bekehren willst du mich nicht — — —«

»Du bist, wie mir scheint, nach der einen Seite genau so bekehrt wie ich nach der andern.«

»Das heißt, gar nicht?«

»Ja und nein. Du sagst: Ich bleibe in der Stadt und lasse denen auf dem Lande ihre Art, ich sag's umgekehrt, aber jeder von uns zweien läßt den andern in seiner Art gelten.«

Ein Lokomotivenpfiff ließ sie auffahren. Da wurden sie gewahr, daß es dunkelte. Zu Fuß konnten sie den Rückweg nicht gut machen. So fuhren sie mit der Bahn, und jeder saß still und in sich gekehrt.

Als sie in der Stadt gemeinsam durch die Straßen gingen, sagte Hempel ernst: »Du, der Nachmittag war nicht umsonst. Wenn du willst, können wir uns in acht Tagen wieder treffen.«

»Gern, Hempel. Dann bringe ich Grete Frieders mit. Die weiß mehr als wir beide miteinander.«

»Meinetwegen, wenn das Frauenzimmer wirklich so vernünftig ist.«

Der Plan, einander bei der Arbeit kennenzulernen, verdichtete sich in Rudolf Korn wieder so stark, daß er einmal nach Feierabend den alten Herrn Schmidt aufsuchte. Der kluge, erfahrene Mann goß ihm viel Wasser in den Wein, aber er sah zuletzt Rudolf doch freundlich in das Gesicht. »Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, Korn, daß, wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, ich die Sache ernsthaft mitmachen würde. Nunmehr muß ich sie Jüngeren überlassen, aber ich werde in unseren Kreisen ein gutes Wort für Ihre Idee einlegen und glaube, daß es an uns nicht fehlt, wenn — die andere Seite will.«


Der Frühling kam. Über Nacht trieben die Erlen am Schönbach grüne Spitzen, Amseln und Drosseln jubelten, die Stare kehrten wieder, und die Pflüge wühlten sich ins Land.

Rüstig, ganz der frohe Mann, der er früher gewesen war, und doch einen großen Schritt weiter, marschierte Heinrich Korn hinter seinen Gäulen her, kommandierte: Halt, Vorwärts, Rechtsum, Linksum, und pfiff dabei, daß es über die Felder schallte.

Die Saat war der Erde anvertraut, in den Bäumen stieg der Saft, da schlug Heinrich Korn mit seinem Knecht zusammen das Holz, das er zum Fällen bestimmt. Er hätte gut und gerne noch ein paar Jahre warten können, aber — das Mariele sollte in das Haus. Bei dem Gedanken kraute er sich den Kopf. Es paßte ihm allerlei nicht. Hätte er damals nicht fünf-, sondern dreitausend Taler gesagt, es hätte auch gelangt. So viel, daß die ganze Summe erreicht ward, konnte er bei dem kleinen Waldstück bei dem besten Willen nicht beiseitebringen, und — Philipp Engels Plan, den er ihm am Neujahrsmorgen entwickelt, ging ihm gegen den Strich, sosehr er ihn anfangs gefangengenommen.

Lehrer Siebert ging es nicht gut. Er hatte sich in den ersten Februarwochen beurlauben lassen, wartete auf seinen Tod und wunderte sich, daß der so lange auf sich warten ließ. Wer am Schulhause vorüberging, sah den jungen Menschen still an seinem Fenster sitzen, und es lag ein Zug heimlicher Freude auf seinem Gesicht.

Zu seiner Vertretung war ein junger Mann gekommen, den die Schönbacher lieber heute als morgen wieder gehen gesehn hätten. Er war hochmütig und hielt sein Amt auf dem Dorfe für eine Verbannung.

Im April hatte Lehrer Siebert einige Tage fest gelegen. Obwohl ihm die alte Henriette Drescher keine schlechte Aufwärterin war, vermochte sie ihm doch nichts, gar nichts für das Herz zu bringen. Da suchte ihn die Hohlöfnerin vorerst allein auf, dann brachte sie das Mariele mit, und so fügte es sich von selber, daß das Mädchen schließlich den kranken Menschen auch allein aufsuchte, ihm aus Büchern vorlas und mit ihm plauderte. Auch die Bauern kamen an den Abenden, vorab der Hohlöfner. Der treue Zusammenhalt, die Liebe der Kleinen, die ihrem Lehrer Frühlingsblumen in die Krankenstube schickten, bewirkten, daß auch nicht ein einziges hämisches Wort gegen das Mariele fiel. — — —

Der Hohlöfner hatte sein Holz geschlagen und verkauft. In seiner Lade wartete ein Sparkassenbuch, das auf den Namen Marie Berteles ausgestellt und in dem ein hoher Betrag eingetragen war, darauf, in die richtigen Hände zu gelangen.

Wochenlang hatte der Bauer schon darüber gegrübelt, wie es anzufangen sei, ohne daß er einen Weg gefunden, der ihm gepaßt hätte.

Es war ein milder Sonntagabend im Maien. Am Bache blühten die Vergißmeinnicht, prahlten die Sumpfdotterblumen. Die Wiesen wurden von Tag zu Tag mehr zu dem bunten Teppich, den zu scheren jedem Bauer zugleich Freude und Schmerz ist. Aus den Fliedersträuchern im Berteles-Garten stiegen die ersten blauen, roten und weißen Duftmelodien.

Das Sparkassenbuch in der Jackentasche, war der Hohlöfner durch Felder und Wiesen geschlendert. Ganz weit hatte er sein Bauernherz dem stillen Abendgebet der Flur aufgetan. Langsam überquerte er die Bodenwiese, sprang mit kurzem Satze über den Bach und hielt auf das Berteles-Häuschen zu. Kam ihm heute die Gelegenheit zu Scherz und Überraschung, war es ihm recht. Kam sie nicht, mußte er weitergrübeln.

So stieg er gemächlich den Weg hinan. Auf einmal fuhr es ihm durch den Kopf: Dunnerlichting! Wenn sie ein Stubenfenster auflassen, dann ist ja geholfen!

Schon stand er am Zaun des Berteles-Gartens. Hopp, war er darüber. Der Zaun hatte zwar geprasselt, aber er hatte gehalten. Der Weg war grasbewachsen, und die Laube war dunkel. Da saß der Hohlöfner und lauerte. Hurra, das Fenster nach dem Garten blieb offenstehen. Jetzt hörte man das Mariele und seine Mutter die Treppe hinansteigen. In zwei Kammern, zwischen denen eine unerleuchtete Stube lag, ward Licht. Nach einer Weile öffnete das Mariele das Fenster, lehnte sich einen Augenblick auf den Fensterstock und ließ die weißen Arme vom Maienwinde streicheln. Dann schloß sie das Fenster wieder, und auch ihr Licht erlosch.

Jetzt noch ein Weilchen warten, bis sie fest schlafen, dann kann der Hohlöfner wie ein Dieb durch das Fenster steigen, dann ist's wieder — Weihnachten!

Die Frösche quaken aus den Teichen inmitten der Wiesen her, als könnten sie sich gar nicht genugtun vor lauter Lust und Wonne; der Bach rauscht und plaudert, über dem Berge steht der helle Mond, und — der Hohlöfner lauert, hundert Schelmengeistlein in den Augenwinkeln.

Jetzt — ist es wohl so weit. Langsam, vorsichtig erhebt er sich. Da — saust einer auf dem Rade heran, das Gartentürchen wird aufgedrückt, Rudolf schreitet, ebenso leise wie vorhin der Vater, in den Garten.

Dunnerlichting, denkt der Hohlöfner, das hat gefehlt. Und: Dunnerlichting, so ein scheinheiliges Volk miteinander! Wer weiß, wie oft der Junge schon dagewesen ist, aber keinmal ist er heimgekommen! Und das Mariele!

Er drückt sich in die finsterste Ecke der Laube, macht sich so klein, wie er kann, aber — wohin gehn verliebte Leute in Maiennächten? Allemal in die Lauben. Dunnerlichting!

Draußen ein leises Hantieren, dann vorsichtige Schritte auf dem Wege. Heinrich Korns Augen werden groß und größer, er kann sogar einen herzhaften Schnaufer nicht ganz unterdrücken.

Rudolf kommt daher, trägt eine Leiter, lehnt sie ganz leise und vorsichtig an das Haus — sie reicht gerade bis an des Marieles Kammerfenster — und steigt hinauf. Heinrich Korn drückt sich die Hand fest auf den Mund, um nicht laut hinauszufluchen, und denkt: Das Sparkassenbuch steckt gut, wo es steckt. Ich will's euch zweien schon weismachen!

Droben poch, poch an das Fenster. Das Mariele schreit leise auf. Da ist sie an der Scheibe, öffnet den Flügel und die weißen Arme leuchten.

»Rudolf!«

»Pst, nit so laut! Komm herunter!«

Husch ist der Bursche die Leiter herab an der Haustür. Der alte Hohlöfner kraut sich in den Haaren: »Ich weiß wirklich nit, ob ich das auch so gemacht hätte,« und das Sparkassenbuch sitzt wieder lockerer.

Einen Augenblick hat der Bauer die Sorge, daß die zwei in die Laube kommen könnten, vergessen. Nun sie wieder da ist, findet sie einen lachenden Mann. Hei, das gibt einen Spaß, wenn sie kommen, ihn nicht gleich sehen, und er mitten in das Kosen und Küssen mit einem: Dunnerlichting, jetzt langt's! fährt. Und wenn sie ihn dann fragen, was er hier macht, dann wird er sagen: Auf das Mariele aufpassen für den Fall, daß gewisse Leute etwa durch das Fenster klettern wollen.

So sitzt er und lacht innerlich, und von drüben her kommen leise Stimmen.

»Woher kommst du denn auf einmal, Rudolf?«

»Aus der Stadt.«

»Aber das hast du doch noch gar nit gemacht.«

»Nein, ist das erste- und letztemal, denn meine Zeit geht auf die Neige. — Ich war heute mit Grete Frieders und Hempel spazieren, da sagte die Frau auf einmal: Rudolf, Sie sind ein langweiliger Kerl. An Ihrer Stelle säße ich jetzt lange auf dem Rade und führe zu meinem Schatz. — Das ging mir durch die Knochen. So ein schöner Abend! Und wie weit ist's denn? Drei Stunden bin ich gefahren. Hempel bot mir sein Rad an. Da bin ich. Und was kriege ich jetzt?«

»Nit viel, dummer Rudolf. Da.«

Das kennt man, denkt der Hohlöfner.

»Das langt nit,« spricht Rudolf. »Ich will mehr haben.«

Da wickelt ihm das Mädchen ihre Zöpfe um den Hals. Und wieder — — — Das kennt man.

Dunnerlichting! Der Rudolf ist zwar ein langweiliger Kerl, aber die Sache versteht er. Früher war es übrigens einmal ähnlich, bloß daß seinerzeit Minna Heidrich nicht so lange Zöpfe hatte.

Auf einmal durchzuckt es den Hohlöfner wie ein Blitz. Die zwei da drüben haben offenbar nicht die Absicht, in die Laube zu kommen, drüben aber steht die Leiter, droben ist des Mariele Kammer und — so gut paßt es im Leben nicht wieder!

Husch, ist der Bauer aus der Laube, leise wie ein Fuchs, schleichend wie ein Marder. An der Leiter ein Augenblick des Zögerns und Lauerns und von drüben — — — Das kennt man. Heidi, die Leiter hinauf, das linke Bein über das Fensterbrett, das rechte nachgezogen.

Sackerlot, die zwei kommen in den Garten. Und — Rudolf nimmt die Leiter weg. Um ein Haar hätte der Bauer laut aufgelacht. Er ist nicht einen Augenblick mehr verlegen. Das Glück steht ihm bei, so oder so.

Der Mann sieht sich in dem Stübchen um. Ein rührend einfaches Stübchen, selbst für Bauerngewohnheit. Da steht das Bett, da die Lade, dort der Schrank. Wohin nun mit dem Buche? Das Mariele soll darauf schlafen. Unter das Kopfkissen. Husch, ist es darunter, und der Hohlöfner streicht mit linder Hand, ein sinniges Lächeln im Gesicht, darüber. Schlaf gut auf deinem »Heiratzgut«, braves Mariele.

Nun der Rückzug. Der Bauer hat Stiefel an, und wenn er auch fast lautlos die Leiter hinaufklettern und in das Stübchen steigen konnte, die Treppe hinab kommt er nicht ohne Lärm, und er muß hinab!

Leise zieht er die Stiefel aus, nimmt sie in die Hand, riegelt die Tür auf, probiert — sie kreischt glücklicherweise nicht in den Angeln. Er steht auf dem Hausboden, aber er weiß keinen Bescheid im Berteles-Häusel, ist zum erstenmal darin, und es ist finster. Jetzt hat er die Treppe, jetzt setzt er einen Fuß vor den andern. Da — knarrt eine Stufe! Der Hohlöfner quittiert seinen Schreck mit innerlichem Lachen. Die alte Bertelessin scheint einen guten Schlaf zu haben. Der Bauer steht im Hausflur und sucht die Tür zu gewinnen.

Rudolf und das Mariele gehen draußen auf und ab, immer hin und her zwischen Garten und Haustür. Wenn sie sich einmal ein paar Minuten drüben verhalten, wird der Hohlöfner mit raschem Sprunge den kleinen Hof überqueren.

Die zwei aber verhalten sich nicht, und die Zeit zwischen Hin und Her ist zu kurz, sich in Sicherheit zu bringen.

Wozu in aller Welt hat der liebe Gott die Lauben erfunden, wenn nicht für Liebesleute! Aber das ist ganz der Rudolf! Immer hin und her wie ein Uhrenperpendikel!

Jetzt stehn sie an der Haustür. Rudolf redet vom Heimfahren. Heinrich Korn hat gerade noch Zeit, den kleinen Steinflur entlang zu huschen. Er erreicht die Kellertür und steht auf der Kellertreppe, entschlossen, wenn es not tut, noch ein paar Stufen hinabzusteigen.

Rudolf und das Mariele stehen im Hausflur. Es geht ans Scheiden, aber wenn Liebesleute Abschied nehmen, so gehn sie deswegen noch lange nicht auseinander.

»Mariele,« sagt Rudolf, »was hättest du denn gemacht, wenn ich durch das Fenster gestiegen wäre?«

Da war ich auch noch da, denkt der Hohlöfner. So leicht wäre das nicht gewesen.

»Was ich gemacht hätte?« sagt das Mädchen dagegen, halb im Scherz, halb im Ernst. »Meine Zöpfe hätte ich mir abgeschnitten. Ratzekahl. Die hätten dann nit mehr für mich gepaßt.«

Will ich mir merken, denkt der Hohlöfner. Ist eine gute Probe aufs Exempel.

»Bist nit gescheit! Hast mich lieb, Mariele?«

»Gar nit!«

»Womit beweist du das?«

»Damit.«

Das kennt man.

Die Kellerstufen sind kalt, aber — jetzt reden sie von dir, Hohlöfner.

»Du glaubst gar nit, wie gut der Vater ist,« spricht das Mariele.

»Ich weiß schon. Hat halt seine Raupen im Kopfe. Aber ich muß sagen, ohne die Raupen wäre er nit der Hohlöfner.«

Dunnerlichting, es ist recht nett, wenn man hört, was andere Leute von einem denken.

»Aber ich weiß wirklich nit, wie wir das Geld zusammenbringen sollen,« sagt das Mariele.

»Das weiß ich auch nit, aber vielleicht wird derweile noch einmal Weihnachten.«

Ja, droben liegt's. Wenn ich's nur wiederholen könnte! Der Hohlöfner.

»Mariele, hast mich gern?«

Dunnerlichting, so eine dumme Fragerei! Das ist nun schon wenigstens das zehntemal, daß er fragt. Liebesleute sind ein zu dummes Volk! Die Kellerstufen sind mordskalt, die Bertelessin aber schläft wie ein Murmeltier. Sie soll sich doch nicht stellen, als hätte sie nichts gehört. Das hätte ja ein Toter vernommen, aber die Weiber! Wenn sie kuppeln können, bringen sie es auch fertig — zu schlafen.

»Hast mich lieb, Mariele?«

Sackerlot, jetzt wird's zu bunt, und jetzt — purzelt, plauz, pardauz, dem Hohlöfner ein Stiefel aus der Hand.

»Was war das?« fragt das Mariele erschrocken.

»Hab nix gehört.«

»Doch, es hat auf der Kellertreppe gepumpert.«

»Wird die Katze gewesen sein.«

»Rudolf, tu mir die Liebe und sieh nach. Ich fürchte mich.«

Jetzt geht die Uhr richtig. Husch, ist der Hohlöfner die Treppe hinab. Dabei stößt er an seinen Stiefel und rafft den empor. Droben flammt ein Streichholz auf.

»Da siehst du, daß nix da ist.«

Sie gehn und — riegeln die Kellertür ab.

Dunnerlichting! Nun ist alles in Ordnung, alles! Jetzt hört der Spaß auf, jetzt wird's dumm und ärgerlich.

Ach nein, es wird gleich wieder lustig. Vater Berteles hat sich einen luftigen Keller mit weiten Fenstern gebaut. Da steht ein Waschfaß. Das ist rasch umgedreht, das Fenster aufgemacht, es geht nach der Bodenwiese zu, draußen ist der Hohlöfner.

Er klopft und streicht leicht am Anzuge, husch, die Stiefel an, links am Hause hin, da ist er auf dem Fahrwege. Wer will behaupten, daß er nicht eben vom Felde kommt?

Aber er kommt leise und vorsichtig. An der Tür des Berteles-Häuschens sind sie eben bei dem letzten — — — Nun, das kennt man. Vielleicht sollte es auch erst der drittletzte Kuß sein. Jedenfalls stehn sie zwischen Tür und Angel.

»Nanu,« sagt auf einmal eine barsche, laute Stimme. »Was soll denn das heißen?«

»Der Vater!« schreit das Mariele auf.

»Freilich, der Vater!« Der Hohlöfner spricht es noch grimmiger und grollender. »Komm dir wohl ungelegen? Sind ja nette Geschichten, die du da treibst. — Da war doch eben ein Kerl bei dir?«

Rudolf ist hinter die Tür getreten.

Das Mariele kichert leise. »Hab keinen gesehn, wirst dich verguckt haben.«

Und nun der Bauer ganz laut: »Willst du mich dumm machen? Das sage ich dir: Zwischen uns beiden ist's aus. Morgen schreibe ich's dem Rudolf.«

»Aber, der weiß das doch schon,« kichert das Mädchen.

»Sooo?«

»Nit so laut,« bittet das Mariele, »daß es die Mutter nit hört.«

Der Bauer kann sich zwar das Lachen kaum noch verkneifen, aber er stellt sich nach wie vor entrüstet und barsch.

»Die Mutter soll's nit wissen? Heimlichkeiten sind Schlechtigkeiten.«

»Ja, ich bin grundschlecht.« Wieder kichert das Mädchen, langt durch die Tür. »Jetzt wird's Zeit, Rudolf.«

Heinrich Korn prallt scheinbar zurück, denn da steht sein Sohn und lacht über das ganze Gesicht.

»Wo kommst du denn her, Vater?«

»Das will ich dich fragen. Ich — komme vom Felde.«

»So spät noch? — Und ich komme daher, wo ich jetzt am längsten gewesen bin.«

»Ja, Dunnerlichting, warum kommst du denn da nit heim?«

»Weil ich nit viel Zeit habe. Bloß eine reichliche Stunde für das Mariele.«

»Hast du denn das schon oft so gemacht?«

»Oft?« Rudolf lacht wieder. »Wird wohl das zehntemal sein.«

»Glaub's nit.« Das Mariele steht dicht vor dem Bauern. »Es ist das erstemal.«

»Das mach einem weis, der dümmer ist als ich. — Jetzt scher dich ins Bett, Mädel, wohin du um die Zeit längst gehörst. Und du, leichtfertiger Bruder, kommst mit heim zur Mutter.«

»Geh derweil voraus, Vater, ich komme gleich nach.«

Der Hohlöfner stapft langsam davon, streicht sich den Schnurrbart und kann sich nicht erinnern, jemals im Leben solch einen Spaß gehabt zu haben.

Es dauert ein Weilchen, ehe Rudolf kommt; denn er muß noch etliche Male fragen, ob ihn das Mariele gern habe, und von dem andern, das man kennt, kriegt er auch nit satt.

Schließlich aber ist er da und schiebt das Rad neben sich her. »Ist die Mutter gesund? — Ja? — Du bist's auch. Dann weiß ich genug. Auf den Hof kann ich nit erst kommen, ich muß morgen früh um sechs wieder an der Arbeit sein und habe drei Stunden zu fahren. Daß du aber nix Schlechtes denkst, Vater. Ich bin heute wirklich zum erstenmal dagewesen.«

»Wer das glaubt!«

»Kannst's schon glauben. Und — kann's nit bald einmal wieder Weihnachten werden?«

»Ja, in sieben Monaten, wenn's geschneit hat.«

So polterig es klingt, Rudolf weiß, daß der Vater dabei lächelt.

Er drückt ihm die Hand. »Grüß die Mutter.«

Husch ist er davon, der Bauer aber geht heim.

Als er in sein Bett kriecht, lacht er laut auf.

»Bist du denn übergeschnappt?« fragt seine Frau.

»Noch nit ganz. — Der Rudolf läßt dich schön grüßen.«

»Der Rudolf? Was denn? War denn der da?«

»Pst,« wieder lacht der Bauer hell auf. »Unter neun Tagen wird nix ausgeredet.«

»Aber Vater!« Die Frau rüttelt und schüttelt ihn, aber der Hohlöfner sägt einen ganz dicken Ast und lacht dabei.

Unter neun Tagen! Ach, am andern Tage schon wusch ihm sein Weib den Wuschelkopf. Er war auf dem Felde, da kam das Mariele todverlegen und drückte der Bäuerin ein Sparkassenbuch in die Hand. Glühenden Gesichtes beichtete sie, und Mutteraugen forschten dabei in dem lieben Mädchengesicht. Die kluge Frau war beruhigt. Das Mariele war so lauter wie immer, und von wem das Sparkassenbuch stammte, das brauchte man nicht zu fragen. Aber — unter des Mädels Kopfkissen!?

»Es ist nit zu glauben!« stellte die Bäuerin fest.

Jeder Erklärungsversuch war müßig. Die beiden tasteten dahin und dorthin, aber es blieben Lücken, über die kein Steg führte.

»Geh heim, Mariele,« riet Minna Korn. »Das Buch ist dein. Das laß dir genug sein. Das andere ist meine Sache.«

O, es war ihre Sache, das spürte der Hohlöfner, der kurz hernach vom Felde kam, und dem der Schelm aus allen Knopflöchern guckte.

Behaglich setzte er sich hinter den Tisch. »Bring das Essen, Mutter.«

»Noch nit,« erklärte die Bäuerin kurz und entschlossen, »erst haben wir zwei noch was zu bereden.«

»Was denn, Mutter? Du tust ja so desperat.«

»Verstell dich nit, du scheinheiliger Dingerts. So was hat ja noch gar kein Mensch erlebt!«

»Was willst du denn eigentlich?« Und des Bauern Augen waren Krater, aus denen die Freudenfunken sprühten.

»Red! Wie hast du das Buch unter dem Mariele sein Kopfkissen gebracht?«

»Buch? Kopfkissen? Tja, Mutter — — —«

»Vater!« Sie stand, ganz verkörperte Entrüstung, vor ihm. »Das geht über den Spaß!«

»Wenn ich nur wüßte, was?«

Da hatte die Bäuerin Zornestränen in den Augen.

»Schämst du dich denn gar nit?«

Der Bauer stand auf und wollte die Frau begütigend in den Arm nehmen.

»Laß die Faxen. Du in dem Mariele seiner Kammer!«

»Och, da war's noch ganz hübsch, aber im Keller war's nachher verdammt kalt.«

»Im Keller? Mann, das ist ja rein zum Aus-der-Haut-Fahren mit dir. Im Keller?!«

Die Tränen waren vertrocknet. Minna Korn ahnte, daß die Lage ganz heillos komisch gewesen sein mußte, sah an ihres Mannes Gesicht, daß er jauchzend noch mit beiden Beinen darin stand, daß es ihm unendlich viel Vergnügen bereitet hatte, und lächelte halb versöhnt.

»So erzähl doch wenigstens, Mann.«

Nun duldete sie es, daß er sie in die Arme nahm. »Jetzt nit, Mutter. Ich habe Hunger, und nachher muß ich wieder aufs Feld. Mußt schon bis heute abend warten. Derweile rat nur selber weiter.«

»Ich denke nit daran. Aber wie oft willst du denn noch solche Dummheiten machen?«

»Das war die letzte, weil's die schönste war.«

Es klang beinahe ein bißchen wehmütig.

Und dann war der Abend da. Die Hohlofenleute lagen im Bette. Heinrich Korn hatte das Licht brennen lassen und erzählte. Seine Frau rief einmal über das andere: »Es ist nit zu glauben!« lachte dazwischen hinein wiederholt laut: »Vater, hör auf!« und war zuletzt halb fröhlich, halb wehmütig. »Vater, ist es nit eigentlich traurig, daß das notwendig war?«

Da legte ihr der Bauer den Arm um die Schulter und zog sie fest an seine breite Brust. »Still, Mutter! Ich bin selber halb so und halb so dabei gewesen, aber schön war's doch. Wie sie zusammenfuhren! Und wie ich durch das Kellerfenster kroch! Jesses, Jesses! — Schlaf jetzt, Mutter. Nach der Heuernte ist Hochzeit. Dann — braucht der Hohlöfner keine Dummheiten mehr zu machen, dann wird er ein gesetzter Mann.«

»Alles glaub ich, Vater, aber das nit. — Gute Nacht!«

Und andern Tages war es so ganz, ganz anders. Lehrer Siebert schickte seine alte Aufwärterin und ließ den Hohlöfner zu sich bitten. Es ging aufs Ende mit ihm. Nun wollte er, was er bislang aufgeschoben, in Ordnung bringen.

Der Bauer wußte durch Philipp Engel, um was es sich handelte. Er saß am Bette und nickte zu den Ausführungen des Kranken. Als der zu Ende war, sprach Korn: »Wenn's denn sein muß, dann helfen Sie mir es auch ganz zu Ende bringen. Meinen Sie, daß es Ihnen der Herrgott übelnimmt?« Und er entwickelte ihm seinerseits einen Plan.

Lehrer Siebert lächelte: »Das nimmt er mir nicht übel. Wie sollte er denn? Aber Sie müssen rasch machen.«

Am Nachmittage war der Notar aus dem Städtchen da.

Lehrer Siebert machte Marie Berteles zur alleinigen Erbin seines bescheidenen Vermögens. Die Summe betrug ausgerechnet so viel, daß, mit dem zusammen, was das Mariele und Rudolf bereits besaßen, die geforderten fünftausend Taler um zweihundert Mark überschritten waren.

Beim Fortgehen drückte der Bauer dem Kranken die Hand und hielt sie fest. »Ich nehm's für ein Darlehn, und sobald alles in Ordnung ist, gebe ich's der Schule. Dann kann dafür angeschafft werden, was Kantor Ritter gern haben will. — Gott helfe Ihnen, und: Schönen Dank für alles!«

Draußen war er, weil ihm die Stimme brach. Als er die Abmachung seiner Frau erzählt hatte, lief die ins Berteles-Häusel, nahm das Mariele in beide Arme und küßte sie.

»Mariele, komm, der Lehrer stirbt. Wir wollen ihn noch einmal besuchen.«

Sie pflückten zusammen einen großen Fliederstrauß und gingen in die Krankenstube. Der Maienmond schien. Lehrer Siebert war schmerzfrei und fröhlich. Der Besuch war ihm der schönste Ausklang seines Lebens.

»Schwester,« sagte er, Marie Berteles lächelnd in die Augen sehend, »Schwester — ich darf's doch sagen?«

Das Mariele nickte. Zu sprechen vermochte sie nicht.

»Schlägt die Wachtel wieder?«

»Ja, gestern abend habe ich sie gehört,« kam es tränenerstickt aus des Mädchens Munde.

»Wenn Sie morgen hinausgehen an den Rain, dann denken Sie daran, daß ich sage: Behüt dich Gott.«

In demselben Augenblicke klang Philipp Engels Geige. Er stand unter der Dorflinde und spielte in die Nacht hinaus.

»Philipp ist da!« jubelte der Kranke. »Jetzt ist alles, alles gut!«

Die Frauen gingen.

In der Nacht starb Lehrer Siebert in des Freundes Armen. — —

Rudolf Korn hatte gekündigt. In vierzehn Tagen war seine Zeit um. Dann ging er heim und heiratete das Mariele, einerlei, ob die fünftausend Taler beisammen waren oder nicht.

Der alte Herr Schmidt begegnete ihm, als Rudolf aus der Schreibstube trat.

»Nun, Korn? Was haben Sie denn da drin zu tun gehabt?«

»Ich habe gekündigt.«

»Ihre Zeit ist um? — Kommen Sie noch einen Augenblick her.«

Es war still in dem bescheidenen Arbeitsraum des reichen Mannes.

»Setzen Sie sich, Korn,« nötigte er.

Und dann: »Sie gehen wieder heim in Ihren Kreis, aus dem Sie eigentlich nie fortgegangen sind. Ich wünsche Ihnen, daß Sie wenigstens in Ihrem Dorfe erreichen, was Sie erreichen möchten. Sie glauben, die Stadt zu kennen, und kennen Sie wohl auch bis zu einem gewissen Grade. Nun aber lassen Sie sich nicht verleiten, beide auf die gleiche Ebene bringen zu wollen. Das geht nicht. Ebenso falsch aber wäre es, eines über das andere zu stellen. Sie sind verschieden und werden und müssen verschieden bleiben. Wir haben nie ein Wort gesprochen über die Gegensätze, die absichtlich, zu eigennützigen Zwecken, hineingetragen werden. Sie sind aber da, und wir müssen mit ihnen rechnen. Was Sie wollen, Bauer und Arbeiter als Menschen einander näherbringen, ist so vernünftig, daß es — bekämpft werden wird. Ich würde Sie bedauern, wenn Sie darin Ihres Lebens Hauptaufgabe sehen würden, aber ich freue mich, wenn Sie sie neben Ihrem Beruf, Brot zu schaffen, zu erfüllen versuchen. — Leben Sie wohl, Korn.«

Das waren Worte, die Rudolf Korn viel zu schaffen machten.

Am letzten Sonntag — den Sonnabend darauf wollte Rudolf heimfahren — führte ihn Grete Frieders in ein Kirchenkonzert, das in der größten Kirche der Stadt gegeben wurde. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Kinderstimmen sangen wie Engelschöre, die Orgel jubelte und brauste, und über die Stadt ging ein schweres Gewitter mit laut hallenden Donnerschlägen nieder.

Die Menschen aber schienen der Erde entrückt. Sie hatten Jenseitsgesichter, die Leute der Stadt, von denen auch Rudolf einst geglaubt hatte, sie hätten nur Sinn für Tand und Spiel. Viele, viele hielten den Kopf tief gesenkt und waren ganz in sich hineingekrochen.

Musik und Kirchenhalle, Kinderstimmen und Donnergrollen, Altarkerzen und still versunkene Menschen, das gab einen Zusammenklang, der Rudolf Korn erschütterte und ihm die tiefste Offenbarung der Stadt bedeutete.

Als sie das Gotteshaus verließen, nahm er Grete Frieders Hand. »Ich danke Ihnen. — Damit will ich heimgehen.«


Auch über Schönbach ging das Gewitter nieder, und in allen Häusern verschränkten sich die Hände der Frauen: »Lieber Gott, laß es nit wieder hageln!«

Es hagelte nicht, aber die Wasser stürzten muldenweise vom Himmel. Der Bach ward binnen Ja und Nein zum Unhold.

Und den Ender traf das Unglück am schwersten. Das Wasser riß ihm den Schuppen weg und führte Sämaschine, Pflug und Wagen davon. Zertrümmert lag das eine am Berteles-Garten, das andere auf den Bodenwiesen.

Verstört, von innerem Frost geschüttelt, stand der Mann auf seinem Hofe und blickte den Trümmern nach.

Eine Weile später kam der Hohlöfner des Weges, um sich das Unheil anzusehen. Kopfschüttelnd stand er da. »Herrgott, das ist zu viel! Da muß man zugreifen.«

Als er eben in das Haus treten wollte, sah er Ender durch die Bodenwiesen auf den Wald zu laufen. Mitten durch die Wiesen ging der Mann mit herrischen Schritten, und es war, als flöge ein unheimlicher Geist über ihm.

Es gab dem Hohlofenbauern einen Ruck. Mit langen Sätzen lief er den gleichen Weg. Warum? Er wußte es nicht, aber er mußte.

»Ender,« schrie er. Der Mann schritt weiter, herrisch und ungestüm. Jetzt war er im Walde. Heinrich Korn hub an zu laufen. Als er in den Wald trat, war der Nachbar weder zu sehen noch zu hören. In heller Angst rannte der Hohlöfner hierhin und dorthin. Der Schweiß troff ihm von der Stirn, er keuchte, die Lippen waren ihm dürr.

Er stand am Kreuzwege. Wohin? Dahin! Weil er mußte!

Da steht die krumme Kiefer, und — da hängt der Ender.

»Heiliger Gott!« Der Strick fällt zerschnitten zur Erde. Korn hat den Mann in den Armen. Er legt ihn nieder auf das Moos.

Was, sagt der Volksglaube, sei mit einem zu tun, der sich erhängt? Es ist ein brutales Mittel, aber der Glaube gebietet es.

Plauz, gibt der Hohlöfner dem Manne eine Ohrfeige, die einen Lebenden niedergeworfen hätte. Und siehe, der Körper zuckt auf, die Nasenflügel weiten sich, die Brust holt Atem, langsam, ruckweise, dann tief und rascher.

Ender schlägt die Augen auf, fährt sich mit der rauhen Hand über das Gesicht, murrt: »Ich — danke dir nit dafür.«

Da faßt ihn der Hohlöfner am Kragen und setzt den schwächlichen Mann auf.

»Brauchst mir auch nit zu danken, armer Teufel.« Ender schwankt noch so stark hin und her, daß ihn Korn in den Arm nehmen und an sich drücken muß.

»Halt still, Nachbar, und nun wollen wir die Geschichte ins reine bringen. Was mit Geld zu machen ist, darf kein Menschenleben kosten. Ich brauche dich, du brauchst mich.«

Nach einer Weile gehen die beiden miteinander zurück und — treten in das Berteles-Häusel.

»Mariele,« sagt der Hohlöfner, »da bringe ich dir einen, dem geholfen werden muß, und du sollst ihm helfen.«

»Gerne, wenn ich das kann.«

»Ich könnt's wohl auch, aber dir macht's mehr Freude. Bring deine Sparkassenbücher. — So, jetzt, Ender, wollen wir miteinander sehen, was das Mädel beieinanderhat. Das stammt vom Rudolf, das ist ihres und das — hat sie von dem Lehrer geerbt. Macht zusammen fünftausend Taler und zweihundert Mark. Stimmt's?«

»Freilich stimmt's.«

»Und nun, Mariele, das borgen wir dem Ender.« Er drückt dem Manne ein Sparkassenbuch in die Hand. »Wenn's nit langt, bin ich auch noch da. Für das in dem Buche zahlst du keine Zinsen. Die schreibe ich dir gut, Mariele. Abzahlen kannst du's, wie's paßt, Nachbar. Red nit! Dummes Zeug! Das wär noch schöner, wenn wir dich nit wieder auf die Beine brächten.«

Der arme Mann ist wie zerschlagen. »Lieber Gott,« sagt er aus der Tiefe herauf, »jetzt kann ich ja mein Zeug behalten!«

Der Hohlöfner will weich werden, sosehr er sich auch dagegen wehrt. Da steht er auf, räuspert sich, macht ein grimmiges Gesicht, geht auf das Mariele zu, nimmt es in den Arm und zupft es an seinen langen Zöpfen.

»Heut über fünf Wochen wird geheiratet, daß du's weißt.«

Aufjauchzend fällt ihm das Mädchen um den Hals und gibt ihm einen Kuß.

Lachend wischt der Hohlöfner den Schnurrbart beiseite.

»Ender, das hast du nit gesehn.«

Der Scherz bannt die dumpfe Last, die auf dem Manne liegt. »Nein, das hab ich nit gesehn.« Ein müdes Lächeln huscht über sein Gesicht.

»Dann können wir gehn. — Lebt wohl, ihr zwei.«

Draußen sieht der Hohlöfner dem Nachbar freundlich ernst in das Gesicht. »Ender, es ist nit alles ganz ehrlich zugegangen, aber betrogen hab ich auch nit.«

»Hohlöfner, wenn ich das Wort ungesagt machen könnte — — —«

»Ja nit,« wehrte Korn ab, »ja nit! Jetzt weiß ich erst, was ich an meinem Jungen habe!«


Die Hochzeitsglocken läuten, die alten Donnerbüchsen krachen. Es ist Wahrheit geworden, Rudolf heiratet das Mariele. Laß sie schwatzen, daß es nicht recht gewesen wäre, daß der junge Lehrer dem Mädel ein solch unmenschliches Geld vermacht. Es ist so, und daran ist nichts zu ändern.

Am Abend ist des Wirtes Saal so voll wie sonst kaum zur Kirmes. Der Hohlöfner hält die Gemeinde frei, und selbst die ältesten Weiber holt er in seinem Übermut und schwenkt sie herum, daß sie juchzen. Da tritt auf einmal der Ender mitten in den Saal.

»Nachbarn, ich habe seinerzeit mit dem Hohlöfner eine Wette gemacht. Er hat sie gewonnen. Das Mariele hat sein Geld beieinander, ich kann's bezeugen. Und ist nit ein unrechter Pfennig dabei.«

»Ordnung muß sein,« schallt es aus der Ecke her. Das ist der lachende Hohlöfner, der nun mit langen Schritten an des Enders Stelle tritt.

»Nachbarn, ihr wißt, daß meine Schwiegertochter das Geld von dem jungen Lehrer geerbt hat. Wir haben mehr mit dem Menschen verloren, als wir heute wissen. Nehmt's an, Nachbarn, was ich euch bieten will.«

Er stiftet genau den Betrag, den das Mariele wirklich von dem Lehrer geerbt, der Schule, damit die Kinder lernen können, »daß die Welt nit in Schönbach zu Ende ist«.

Schmunzelnd tritt er zurück. Sein Weib erhascht seine Hand und zieht ihn herab. »Bleibst doch der alte — Hohlöfner!«

Da lacht er und klopft ihr den Rücken. Eben setzt die Musik wieder ein. Heinrich Korn geht auf das Mariele zu und holt sie zum Tanze.

Im lustigen Wirbel zupft er sie herzhaft an den Zöpfen. »Dunnerlichting, die sitzen ja immer noch fest

Das Mariele errötet, aber sie hebt dem Schwiegervater die lachenden, leuchtenden Augen entgegen.

»Und bleiben nun auch, wo sie sind.«