1.
Es war der letzte Sonnabend im Maien. Vor acht Tagen hatten die Pfingstglocken geläutet. In lustigen Sprüngen hatte die kleine Glocke als erste ihre Klänge in den Maienmorgen hinausgeschickt. An jedes Fenster sollten sie klopfen. Das aber war nicht leicht; denn wo sich sonst allenfalls eine bescheidene Rose zur Sommerreise angeschickt, da stand heute eine schlanke Birke. Die Burschen in Schönbach hatten in der Nacht ihren Mädeln die Pfingstbirken gesetzt. Keine war übersehen worden, und es ging keine häßliche Häckselspur von einem Hause zum anderen.
Die schlankeste Birke stand vor einem der kleinsten Häuser, und jeder im Dorfe hatte das in der Ordnung gefunden; denn in dem Hause wohnte die Marie Berteles, der aus ihren Kindertagen die Koseform des Namens geblieben war. Kein Mensch nannte sie anders als das Mariele, obwohl sie nun reichlich zwanzig Jahre und selber so schlank wie eine Pfingstbirke war. Es war wunderlich: Das Mädel hatte nicht eine einzige Neiderin, und es wäre doch Ursache zum Neid gewesen, denn — — — Doch das war ja noch nicht so weit, und man soll nichts berufen.
Wundervoll jung und glücklich hatten die Birken ausgesehen, und glücklich waren am Morgen die Augen der Mädel gewesen. Am glücklichsten die des Mariele. Als die zweite Glocke nun mit der kleinen Weckerin zusammen mahnte: Macht euch so langsam fertig, ihr Leute! da hatte das Mädel seine Hand an das weiße Birkenstämmchen gelegt und es gestreichelt. Dies Streicheln hatte weniger dem Bäumchen gegolten als dem, dessen Namen die jungen Lippen nannten, und der zur selben Zeit eben auf dem Hohlofenhofe aus dem Stalle kam, um sich für den Kirchgang zu richten.
»Rudolf!« sagte Marie Berteles leise, und dabei zuckte es in ihren Mundwinkeln; denn der Weg wollte doch wohl gar zu hoch hinausgehen. Sie und des Hohlofenbauern Einziger! Freilich, wenn man sich den Bauern vorstellte, diesen immer zu Scherz und Neckerei aufgelegten, grundgütigen Mann, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, gerade das Mariele zu necken und dem das Wohlgefallen an ihr allzeit unverhohlen aus den Augen brach, dann war es gewiß unrecht, zu meinen, er werde sich seinem Sohne in den Weg stellen. Aber — — — Der Weg ging hoch hinaus, und solche Wege sind gemeinhin weit steiniger als andere.
Die dritte Glocke setzte mit ein. Wuchtig und voll kamen ihre Klänge über das Dorf her gewallt. Ihnen widerstand keine Birke, kein Fenster und keine Haustür. Sie fanden ihren Weg in jedes Ohr und jedes Herz und baten nicht wie die kleine Glocke, mahnten nicht wie die mittlere, forderten: Komm!
Und dieser Forderung gaben die Schönbacher nach, auch die Leute vom Hohlofenhofe und die Frauen aus dem Berteleshause, das Mariele und seine Mutter. Sie trafen auf der Straße zusammen, grüßten einander, der Hohlöfner bot als erster die Hand. Seine Augen strahlten, der ganze, trotz seiner reichlich fünfzig Jahre jugendlich lebendige Mann, war verkörperte Pfingstfreude und ward es nicht gewahr, daß die Hände seines Sohnes und des Mariele sich fester drückten und einen Augenblick länger hielten als die anderen. Wohlgefällig ließ er die Augen auf dem Mädel ruhn, strich den braunen Schnurrbart, in dem noch kein weißes Haar war, zur Seite und neckte: »Warst auch rechtzeitig auf dem Platze, Mariele?«
Die verstand ihn und ging auf seinen Ton ein. »Freilich. Die Sonne hat noch nit geschienen, da war ich schon da.«
»Gelt,« ein lustiges Augenzwinkern des Mannes, »da lag Häckerling genug?«
»Ein ganzer Spreukorb voll und sah akkurat aus, als wäre er aus Eurer Scheune.«
Da lachte der Mann so schallend auf, daß seine Frau hinter ihm leise mahnte: »Aber Mann, wir gehen doch in die Kirche!«
Die Mahnung war nicht mißbilligend, aber sie bewirkte, daß der Bauer nur noch leise vor sich hin lächelte und mit einem frohen Blick auf das Mädchen, das zwischen ihm und dem Sohne ging, vor sich hin nickte. Was wollte das anders heißen als: So habe ich dich gern, so schlagfertig, so jung, so sauber inwendig und auswendig.
Die beiden Mütter gingen nebeneinander hinter den anderen her. Breit, rundlich, freundlich lächelnd die Bäuerin, zersorgt, schwächlich und hager die Witwe des Andreas Berteles, der seinerzeit halb Zimmermann, halb Bäuerlein gewesen war, und den vor acht Jahren eine Lungenentzündung viel zu früh von Weib und Kind genommen hatte. Seine Frau hatte sich von dem Schlage nie zu erholen vermocht, sein Kind aber war aufgeschnellt wie ein Bäumlein, das die Schicksalslast mit rüstiger Kraft von sich warf.
Auch die Hohlofenbäuerin hatte ihre helle Freude an dem Mädchen, aber sie sah mit Mutteraugen tiefer als ihr Mann, und wenn sie sich auch zutraute, mit dem fertig zu werden, sobald er erkannte, worauf es zwischen seinem Einzigen und dem Mariele zuging, so wußte sie doch, daß es nicht leicht sein würde. Just den Gedanken erwog auch Mutter Berteles und seufzte. Die Hohlofenbäuerin erriet ihre Sorgen, nickte ihr zu, lächelte und wollte ihr etwas Liebes sagen, der Frau wohlzutun.
»Er kann seine Narrenspossen nit lassen,« bemerkte sie, nach ihrem Manne deutend, »aber die zwei verstehen einander. Das Mariele bleibt ihm keine Antwort schuldig. So will er es gerade haben, und je fixer das geht, desto lieber ist es ihm.«
Die Berteles schwieg, und so begann die Bäuerin nach ein paar Schritten wieder: »Man sollt's doch nit meinen, daß es so was geben könnte! Meine Haare kann ich in die hohle Hand bringen, und dem Mariele hängen sie bis auf die Füße herab. So was! Und wie die Sonne darauf funkelt!«
»Hat ihre Last mit den Haaren,« entgegnete Mutter Berteles. »Alle Tage das Kämmen! Aufstecken kann sie sie schon gar nit, und ein Hut paßt ihr auch nit. Ich habe schon manchmal gedacht, sie sollt sie sich ausschneiden lassen.«
»Ja nit,« wehrte Minna Korn, die Hohlofenbäuerin, ab. »Nit rühr an! Wär schade um jedes Haar. Auf den Kopf paßt gar kein Hut. Wie säh das Mariele aus mit einem Hute! Gar nit wie das Mariele!«
Und wohlgefällig streichelten ihre Blicke das Mädchen, das zwischen den Männern vor ihnen ging.
Das Berteles-Mariele schritt immer mit einer natürlichen Anmut einher, einerlei, ob sie im Werktagskleide zur Feldarbeit wanderte oder im Sonntagsstaat nach der Kirche ging. Sie scheute vor keiner Arbeit zurück, reinigte daheim dem Vieh die Ställe, hockte zwischen Rüben und Kartoffeln, aber es war, als bliebe nie etwas an ihr hängen. Kein Mensch sah sie anders als sauber und zusammengerafft, und niemand sah sie anders als heiter und freundlich. Selbst Fritz Ender, der ein hagerer, galliger Mensch war und selten einem guten Tag sagte oder den Gruß anders als knurrend erwiderte, ward freundlicher, wenn ihm das Mariele in den Weg lief. Sie war auch wohl so ziemlich die einzige in Schönbach, die den Grund zu des Mannes hämischer Art in seiner Krankheit suchte und so ihm selber kaum Schuld gab.
Schlank war sie und doch voll, und die Burschen sahen ihr nach, wo sie ihnen begegnete. Keiner aber ließ ein häßliches, wenn auch scherzhaft gemeintes Wort, fallen, wenn Marie Berteles in der Runde weilte.
Ihr Gesicht war klar und eher länglich als rund. Das schönste an dem Mädel aber war ihr Blondhaar. Das Mariele hatte seine Last damit, gewiß, und doch hätte sie, obwohl die Mutter dazu riet und auch sie selber zuweilen nicht übel Lust dazu gehabt hatte, nunmehr nicht eine Strähne herausgeschnitten. Das konnte sie dem nicht antun, von dem sie selber beinahe nicht wußte, ob er mehr in die langen Zöpfe oder in deren Trägerin verliebt war. Das heißt, das Wort »Verliebt« war in Schönbach nicht so gang und gäbe wie anderwärts. Der Bursche hatte sein Mädel gern, das ihn, und war doch selten von Liebe die Rede.
Des Marieles Zöpfe also hingen fast bis auf die Knöchel herab. Aufstecken konnte sie das Mädel nicht. So ließ sie sie hängen, und es wagte keiner der Burschen mehr, daran zu zupfen. Das tat nur noch ein einziger. Der dafür aber um so lieber und öfter, und das war der reichlich fünfzigjährige Hohlöfner, von dem seine Frau sagte, sie wundere sich, nachdem sie nun länger als fünfundzwanzig Jahre verheiratet wären, über nichts so sehr als darüber, daß in seinem Kopfe immer noch neue Raupen auskröchen. Und doch wußte sie, daß derselbe Mann im Grunde tiefernst war. Er hatte aber die glückliche Gabe, lieber die helle Seite der Dinge zu sehen als die dunkle, sich lieber zu freuen als zu ärgern. Wiederum aber hatte er sein heiteres Lebenszelt dicht neben einem schäumenden Bache gebaut. So gern er scherzte und neckte, so lieb ihm eine schlagfertige Antwort war, auch wenn sie eine kleine Schwäche traf, so krankhaft empfindlich war er, wenn er meinte, es mache sich einer über ihn lustig. Nichts konnte er weniger vertragen als das Ausgelachtwerden. Das traf den Mann in ihm, der noch stets mit dem Leben fertig geworden war, dessen Hof fraglos der erste weit und breit war, dessen Redlichkeit und Zuverlässigkeit ebenso über jedem Zweifel standen wie seine Tüchtigkeit als Bauer, der mit der Zeit fortschritt. So geschah es wohl zuweilen, daß er verletzt war, auch wenn kein wirklicher Grund vorlag. Dann hatte seine Frau zu glätten, aber sie hatte etwa aufkommende Runzeln auf der Stirn oder über dem Herzen noch immer zu beseitigen verstanden, wußte, wie sie ihren Wuschelkopf zu behandeln hatte, und konnte am Tage ihrer silbernen Hochzeit aus ehrlichem Herzen und mit glücklich leuchtenden Augen sagen: »Heinrich, ich möchte dich nit anders haben, wie du bist.« Fest und breitbeinig, den Kopf hoch aus den Schultern gereckt, alle Augenblicke freundlich auf das um einen reichlichen Kopf kleinere Mariele herabsehend, schritt Heinrich Korn der Kirche zu. Wäre es nicht dahin gegangen, er hätte wahrlich auch mit dem Munde gelacht. So lachte er nur noch mit den Augen.
Links vom Mariele ging der Hohlofenleute Einziger, der Rudolf. Nicht viel größer als das Mädchen, hatte er auch äußerlich vom Vater so gut wie nichts. Er war ruhig, lachte wenig, neckte nie. Über dem in allen Zügen festen Gesicht ragte eine schmale Stirn, in die herein dann und wann eine Strähne der schlichten, dunkelbraunen Haare fiel, während des Vaters Scheitel noch immer zeigte, daß er einst gelockt war. Alles an dem Menschen war ein stiller Ernst, und nur aus den Augen redete die heitere Güte der Mutter. Während der Bäuerin aber dafür zur gegebenen Zeit auch die Worte zur Verfügung standen, war Rudolf allezeit eher darum verlegen, als daß sie ihm rasch über die Lippen gegangen wären.
Der war es, den Marie Berteles liebhatte, und die Liebe machte ihr Sorgen und Unruhe. Die abgearbeitete, vom Leben beinahe abseits gestellte Mutter hätte es gern gesehen, wenn der Tochter Sinn auf einen anderen gestanden hätte, so lieb ihr der Rudolf Korn war, aber was war zu machen? Stillhalten, abwarten, den Sturm vorüberbrausen lassen, der ja doch kommen mußte, wenn entweder der Hohlofenbauer aus seiner Harmlosigkeit von selber erwachte oder der Sohn ihn dadurch weckte, daß er ihm erklärte, wen er als künftige Bäuerin auf den Hof bringen wolle.
Das bewegte die Berteles-Mutter auch auf dem Wege zur Kirche, und die Hohlofenbäuerin spürte es. Sie reichte der stillen Frau unter der Kirchtür die Hand:
»Pauline, ich gehe heut nachmittag nach unserem Weizen am großen Stück und komme heimwärts auf einen Sprung zu dir. Ich will einmal wieder des Marieles Garten sehen. Bist du daheim?«
»Wo soll ich sein, Hohlöfnerin? Ich geh nit fort.«
»Alsdann ist's recht.«
Als die Bäuerin am Nachmittage aus dem Berteles-Häuschen ging, war es des Marieles Mutter wieder einmal ein wenig leichter um das Herz. Es war keine bestimmte Zusage gegeben oder gefordert worden, kaum ein Wort über die Sache gefallen, die doch die beiden Mütter bewegte und in der sie sich verstanden, aber Minna Korn hatte den einfachen Kuchen der Bertelessin laut gelobt und gefragt, ob denn das Mariele auch so backen könne. Gerade solcher Kuchen sei ihr halbes Leben. Und nach einem kleinen Seufzer der Berteles hatte sie ihr über die hagere Hand gestrichen: »Aber Pauline, warum mußt denn immer so seufzen? Mußt dir's nit so schwer machen. Das kommt alles, wie es muß. Es ist doch niemand ein Unmensch.«
Der Niemand aber war der breite, lustige, ein Meter fünfundachtzig lange, wuschelköpfige Hohlofenbauer Heinrich Korn, der zur selben Zeit im Wirtshausgarten mit etlichen Nachbarn Kegel schob, Neckereien austeilte und lustige, schlagfertige Antworten einsteckte. Heute konnte ihm nicht einmal Fritz Ender die Laune verderben, dessen Kugel bestimmt niemals einen stehengebliebenen Bauern traf. — —
Und nun war das blühende, singende Pfingsten vorüber, fünf Wochentage, alle in Sonne getaucht, waren hinter dem zweiten Feiertage drein gebummelt, die Pfingstwoche war aus. Der Sonnabend schlenderte sachte aus dem Dorfe, traf an der Hecke den Sonntag, der es ein bißchen eilig zu haben schien, und sagte: »Wart's nur ab, bis ich ganz fertig bin. Es hilft schon nichts, ich muß meine Zeit aushalten, und du kannst es morgen machen, wie du willst, du bist doch zu kurz. Hörst du, wie sie juchzen? Jetzt setzen sie den Maibaum. Morgen ist Birkentanz und Hammelschießen, und wenn das ist, könntest du gern zweimal vierundzwanzig Stunden haben. Ich stand vorhin neben dem blassen jungen Lehrer und Tischler Kühn, du weißt, den mit den spitzen Knien meine ich. Der Lehrer hat den Maibaum mit hereingetragen. Er hätt's nicht tun sollen. Was sich so ein junger Kerl denkt. Mit dem Gewicht hat er nicht gerechnet. Heute abend schmiert er seine Schulter mit Opodeldock ein. Ich sage dir, die ist braun und blau. Er hat egal getan, als wenn ihm die Jacke nicht passe, hat gezupft und gerupft. Hahahaha! Hätte des Hohlöfners Rudolf nicht gesagt, er solle nun aus der Reihe gehen, die Arbeit wäre er doch nun einmal nicht gewöhnt, dann wäre ihm morgen selber das Hemd zu schwer auf der Achsel. Er weiß gar nicht einmal, wie lang der Baum ist. Sagt er doch richtig zu Tischler Kühn, der Baum könne am Ende seine zwölf, dreizehn Meter haben. Dabei ist er sechsundzwanzig Meter und drei Zoll — wir zwei Alten rechnen ja nun einmal immer noch mit Zoll — lang. Ausgerechnet die schönste Tanne haben die Burschen wieder zu finden gewußt. Am Bärenbächel stand sie, und ich bin jedesmal, wenn ich heimging, an ihr vorüber gegangen und habe mich gefreut, daß sie so hoch hinaus wollte. — Hörst du, wie sie juchzen? Wo willst du denn hin? Immer langsam, es ist erst neun. Ich habe noch drei Stunden Zeit. Komm, brenne dir eine Pfeife an, da hast du meine Schweinsblase. Ich lasse mir nichts abhandeln. — Hör bloß, wie sie juchzen!«
Laute Jauchzer kamen vom Dorfe her. Alle Kraft raffte der Mai zusammen und schmückte sich mit Duft und Licht, mit buntem Leben und stillem Frieden. Wie hätte er das auch nicht sollen, da ja doch in Schönbach morgen Birkentanz und Hammelschießen war! Und wer in Schönbach hätte an solchem Abend und unter solchen Erwartungen nicht so froh sein sollen, daß er sich selber zu enge war?
Etwa der Hohlofenbauer Heinrich Korn, weil er nun in drei Wochen fünfundfünfzig Jahre wurde? Was machen die paar Jahre aus? Er hat sich kaum rüstiger gefühlt, als er so alt war wie sein Junge, der nun sechsundzwanzig war, ist überhaupt zeitlebens ein anderer Kerl gewesen als der. Zwar, es ist nichts an ihm auszusetzen, alles was wahr ist. Soll einer herkommen und eine bessere Furche pflügen oder einen breiteren Schwaden mähen, ganz zu schweigen davon, daß auch im Hause jeder Griff sitzt, ihm niemals der Wetzstein fehlt, wenn er schärfen, oder der Dengelhammer, wenn er dengeln will. Nur still ist er. Es braucht ja nicht jeder so ein Pulverkopf zu sein wie er, der Hohlöfner selber, aber gar zu still, das ist auch nicht richtig. Und dabei kann man nicht sagen, daß der Rudolf maulfaul wäre. Er weiß zu sagen, was er zu sagen hat, und es hat alles Hand und Fuß.
Und dann — Dunnerlichting, der Junge ist doch sechsundzwanzig Jahre! Er, der Alte, wenn er noch einmal so jung wäre, dann hätte er — — — He, da kommt sie ja wahrhaftig gerade!
»Guten Abend!«
»'n Abend, Mariele. Wo bleibst du denn, Mädel? Du gehörst doch nit mehr auf die Straße. Ohne dich bringen sie den Maibaum gar nit hoch.«
»Wenn starke Leute gebraucht werden, wärst du doch eher am Platze.«
»Ich! So ein alter — — —«
»Sag's nit, Hohlöfner. Glaubst ja doch nit dran und ist ja auch nit wahr.«
»Willst du mir schöntun, Mariele?« Der Bauer lachte über das ganze Gesicht. »Laß das meine Alte nit hören.«
Er hatte längst vernommen, daß die Bäuerin über den Hof kam, wandte sich, tat erschrocken, lachte: »Mußt auch grade kommen, wenn mir das Mariele sagt, daß ich noch kein alter Mann bin.«
Auch die Bäuerin lächelte. »Das sagt sie halt so, das Mariele. Bist schon ein alter Mann. Da ist nix zu machen, und gegen das Altwerden ist auch kein Kraut gewachsen.«
»So,« warf sich der Bauer lustig auf. »Ich will doch sehen, ob ich alt bin. Mariele, morgen tanz ich mit dir den ersten.«
»Wenn du halt den Hammel gewinnst,« entgegnete das Mädchen lustig.
»Wer soll ihn weiter gewinnen? Habe ihn schon fünfmal in meinem Leben gewonnen. Morgen gewinn ich ihn wieder. Sollst deine Strafe schon haben.«
»Laß mir die Strafe gern gefallen.«
»Fahr zu mit deinem Vierzöller, aber paß auf, daß dir der Gaul nit durchgeht und du etwa gar mit deinen langen Haaren ins Rad kommst.«
»Will schon aufpassen. Gute Nacht!«
»Gute Nacht!«
Das Mädchen ging die Straße hinab und zog das Handwägelchen hinter sich her, auf das sie Klee geladen und das der Hohlöfner scherzend mit einem der schwersten Ackerwagen verglichen hatte, die man in Schönbach überhaupt gebrauchte.
Als sie um die Ecke lenkte, legte der frohgemute Mann seinem rundlichen Weibe den Arm um den Leib und zog sie in den Hof. »Komm, Mutter, wollen noch einmal in den Garten gehn.«
Sie gingen, ließen sich im bescheidenen Blumengarten, an den sich der weite Obstgarten anschloß, auf die Bank nieder und schwiegen. Derselbe Mann, dem sonst die Neckworte zu Haufen über die Lippen kollerten, war tiefernst und innerlich bewegt. Der Blick schweifte von der Bank aus hinein in den Obstgarten, in dem ein letzter Apfelbaum im rötlichen Blütenmantel prunkte, und rechts und links hinaus auf die Felder, aus denen die Frucht froh zum Maienhimmel hinauf wuchs.
Eine Drossel pfiff einen letzten Jodler. Fledermäuse huschten schweigend, und dunkel stand der Wald an den Berglehnen. Droben gingen die Sterne auf, und vom Dorfplane schallte helles Jauchzen.
»Wir werden ein gutes Jahr haben, Mutter,« sagte der Bauer.
»Wenn alles so bleibt und nix dazwischen kommt, kann es wohl sein.«
»Wird doch nix dazwischen kommen.«
»Was kann man sagen? Kommt oft anders, als man denkt.«
»Freilich, Mutter.«
»Aber am Ende wird ja doch immer alles recht,« fuhr die Bäuerin fort, die das Gespräch gern auf Rudolf und das Mariele gebracht hätte, in frauenhafter, kluger Diplomatie, aber sehr vorsichtig dabei zu Werke ging. So redete sie vorerst nur von der alten Bertelessin, daß es der doch wahrlich nicht gut ginge, daß sie nicht recht mehr auf dem Zeuge sei und es verdiene, daß ihr die alten Tage leichter würden.
Da fiel der Bauer in aller Harmlosigkeit ein: »Hast ihr ja schon immer geholfen, Mutter, und kannst, wenn du es für nötig hältst, gern noch ein bissel mehr tun. Ich hab nix dagegen. Im übrigen muß ja doch das Mariele auch einmal zum Heiraten tun. Ich versteh nit, wo die jungen Kerle heutzutage ihre Augen haben. Wenn ich noch ein junger Kerl wäre — — —«
»Du hätt'st sie vom Flecke weg geheiratet.«
Der Hohlöfner lächelte und wiegte doch den Oberkörper hin und her. »Ich weiß nit. Gehei—ra—tet?«
»Zum bloßen Schöntun ist das Mariele zu schade. Sie hat nit viel, aber mit der verkauft sich einer doch nit. Was nützt das Geld? Davon wird einer nit glücklich.«
»Richtig, Mutter, aber eine schöne Schüssel, in der nix ist — — — Das ist auch bloß eine halbe Sache. Es muß beides beisammen sein.«
Die Bäuerin wußte, wie es gemeint war, war nicht verletzt, erkannte aber, daß ihr damit eine kleine Waffe in die Hand gegeben war, sie einmal im Scherz oder Ernst zu nützen. Einmal! Heute nicht. Jetzt wäre es falsch, deutlicher zu werden. Sie fand bestätigt, was sie sich selber längst gesagt, daß es nicht leicht sein werde, die Widerstände zu überwinden. Darum schwieg sie vorerst.
Vom Dorfplan schallten etliche besonders laute Juchzer.
»Sie haben den Baum hoch,« stellte der Bauer fest. »Komm, Mutter, wollen schlafen gehen, müssen ja doch morgen ein Loch in die Nacht machen.«
»Meines wird nit groß werden. Du freilich, wenn du den Hammel gewinnen willst, kommst nit so billig davon.«
Da lachte der Bauer schon wieder. »Ich will sehen, was sich machen läßt. Wer weiß, ob man ander Jahr noch Laune dazu hat.«
Jetzt lächelte auch die Frau. »Ach du, Vater, und keine Laune! Du läßt doch die Dummheiten erst, wenn's überhaupt aus ist.«
»Wenn's möglich ist, Mutter, bleibe ich, wie ich bin. Du siehst ja, daß ich auf die Weise am weitesten komme. Ich kann mich auch gar nit anders machen.«
»Sollst du auch nit. Bleibe nur, wie du bist.«
Die beiden standen auf und gingen, eng aneinander gelehnt, durch den Garten, hinter der Scheune weg, an den Mauerresten des alten Hochofens vorüber, von dem der Hof seinen Namen hatte, in das Haus.
Einst war auf Schönbacher Flur Eisenstein gegraben und zum Teil in Hochöfen an Ort und Stelle verhüttet worden. Der Erzbergbau war eingeschlafen. Es war länger als ein halbes Jahrhundert her, seit zum letzten Male die Hämmer geklungen, die Öfen geraucht hatten. Die Stollen waren verfallen, die Schächte eingesunken, die Hochöfen abgetragen worden bis auf Mauerüberreste. Geblieben war der Name in dem Hofe der Korns, die den Besitzern der Gruben einst den Plan abgekauft, auf dem einer der Hochöfen gestanden. An dessen Rande hatten sie nach dem großen Hofbrande die Scheune gebaut. Niemand aber sprach von Hochöfen, sondern von Hohlöfen, und so hieß Heinrich Korn der Hohlöfner.
Still und doch von starkem Leben durchpulst ging die Maiennacht über das Bergland, das einen Teil der Vorhöhen des Frankenwaldes bildete und hinüber zum sächsischen Vogtlande grüßte.
Das Dorf Schönbach machte seinem Namen ebenso Ehre wie der Bach, der teils mitten durch den Ort ging, teils hinter den Scheunen vorüberrauschte. Das Wasser hatte ein starkes Gefälle, war stellenweise seine zehn bis zwölf Meter breit und so klar, daß es seit Menschengedenken keinen Schönbacher Jungen gab, der nicht zu seiner Zeit Forellen gemaust hätte.
Die Juchzer auf dem Dorfplane waren verstummt, die Lichter in den Stuben erloschen, leise rauschte der hohe Maibaum hoch über alle Häuser hinweg und in alle Gassen, sah alles, sah auch, daß vor der Haustür der Berteles-Witwe zwei standen, die leise miteinander plauderten, sich an den Händen hielten und küßten.
Rudolf Korn hatte das Mariele heimgebracht und das Mädel, das sonst nicht um Worte verlegen war, war still. So heiter sie sich gegenüber dem Hohlofenbauer selber gab, so ernst war sie, wenn sie an ihn dachte.
Die beiden am Berteles-Häuschen schmiedeten Pläne. »Rudolf, dein Vater will morgen den Hammel gewinnen,« sagte das Mariele.
Der Bursche lächelte. »Er wird doch nit anders. Immer muß er seinen Jux haben.«
»Rudolf, kannst du nix dabei tun?«
Und der, nur stärker und verschmitzter lächelnd: »Du weißt doch, daß bei der Sache alles in Ehren zugehen muß. Da kann nit geschoben werden.«
»Ach du! Das ist doch nix Unrechtes, wo es sich dein Vater was kosten läßt! Und,« das Mädchen schmiegte sich dichter an den Liebsten, »wenn er mit mir tanzt und ich kann ihm antworten, wie er es gern hat, weißt, dann kriegt er gute Laune und — — — Gelt, Rudolf? Und sonst ist er ärgerlich, du weißt doch, wie er ist.«
»Ja, wenn er will, dann ärgert ihn die Fliege an der Wand, weil sie rechts angetreten ist und nit links.«
»Er ist doch aber sonst so gut, er kann gar nit besser sein.«
»Stimmt. — Was krieg ich dafür, wenn ich als der älteste Bursche nit da bin, wenn's zum Stechen kommt?«
»Ach, was willst du denn haben?«
»Das Mariele.«
»Das hast du doch schon.«
»So, dann beweis mir das.«
Er nahm sie fest in die Arme und küßte sie.
Und in seinen Armen das Mariele, bettelnd: »Gelt, Rudolf, du machst das schon?«
»Aber, Mariele, sei doch nit so kleingläubig, wenn ich weiter nix könnt, da wär ich nit weit her. Wird aber wohl gar nit nötig sein. Ich kenne den Vater.«
»Nun muß ich ins Haus. Die Mutter wartet.«
»Bin gleich fertig. Nachher kannst du gehn.«
Rudolf Korn wickelte sich des Mädchens lange Zöpfe um den Hals, hielt es fest: »Mariele, ich laß nit von dir! Gute Nacht.«
Sie küßten sich wieder, die Tür des Berteles-Häuschens schnappte ins Schloß. Rudolf Korn ging heim, und leise, leise rauschte der Maibaum.
Und nun war Sonntag, und es war Hammelschießen und Birkentanz! Das ganze Land bis tief in die Berge des Frankenwaldes hinein und in die grünen Wiesenmeere des Vogtlandes hinüber war eine einzige lichte Freude. Die Sonne schien, die Blumen blühten, die Vögel sangen. Von Schönbach aus zog sich ein breites Wiesengelände hinab ins Tal. Der rasche Bach teilte es in zwei fast gleich große Hälften. An seinen Ufern blühten die Vergißmeinnicht in großen blauen Nestern und hielten gute Nachbarschaft mit den gelben Dotterblumen. Weißes Schaumkraut tanzte die letzten Frühjahrsreigen. In den Erlen bauten die Zeisige, und in den Weiden schaukelten sich die Meisen. Forellen spielten im Sonnenlicht, huschten unter Steine in den Uferlöchern und schossen wieder hervor, wenn eine Mücke tanzmüde auf die Wellen fiel. Die Wasseramsel wippte auf ihrem Steine, und der Eisvogel schwirrte, ein blauleuchtender Edelstein, wasserauf und -ab.
Hier hatten die Schönbacher ihre besten Wiesen. Sie waren um ihres guten Grases willen weit über die Dorfflur hinaus bekannt, und die Nachbardörfer neideten den Schönbachern ihre »Bodenwiesen«. Auch der Hohlofenbauer hatte zwei größere Pläne im Boden. Mit deren einem war er dem Fritz Ender benachbart, und niemand brauchte nach dem Grenzstein zu gucken, um zu wissen, wo der Plan Korns begann und der des Ender aufhörte. Der Hohlofenbauer brauchte nicht mit künstlichem Dünger zu sparen, aber er tat darüber hinaus auch mehr an seiner Wiese, während Ender nicht nur sparen mußte, sondern auch mit der Arbeit nicht recht vorankam, beides weniger deswegen, weil er saumselig, als vielmehr, weil er innerlich unfroh war.
Bislang waren die Nachbarn gut miteinander ausgekommen. Nun stand eine Spannung zwischen ihnen, für die es nur einer Gelegenheit bedurfte, um zur Explosion zu werden. Hochauf ragte eine alte Erle, von der, weil sie auf der Grenze stand, jeder der beiden Bauern behauptete, daß sie sein wäre. Dabei ging es dem Hohlöfner um das Recht, dem Ender um den Stamm.
Aber wer dachte heute an Baum und Grenze? Heute, am jauchzenden Maiensonntag, der Hammelschießen und Birkentanz brachte!
Der Gottesdienst war vorüber, die Schönbacher waren so zahlreich wie immer in der Kirche gewesen. Und nun gab es Arbeit für die Burschen draußen auf der Straße, für die Mädel daheim im Hause. Wohl hatte das Dorf nur eine eigentliche Fahrstraße, aber sie teilte sich im unteren Drittel des Ortes, schickte einen Arm nach rechts hinüber in die Ecke, wo das Berteles-Häuschen mit etlichen anderen, die etwa ebenso groß waren, stand, und einen zweiten an der Häuserzeile hinauf, die gegen die Bücherfelder zu gebaut war. Oberhalb der Kirche vereinigten sich Straße und Dorfweg wieder. Da nun stellten die Burschen die Sägeböcke auf und legten Stangen von einem zum anderen, den Fuhrwerken zu bedeuten, daß die Hauptstraße gesperrt sei und der Verkehr den Dorfweg nehmen müsse. Ebenso hielten sie es im unteren Teile des Ortes.
Vor Albert Rösners Wirtshaus sollte auf der Straße der Hammel ausgekegelt werden. Kein Mensch aber sprach vom Kegeln, sondern alle redeten vom »Schießen«.
Aus den Höfen und von Christian Witters Zimmerplane her trugen die Burschen zu dritt und zu viert lange, starke Balken, legten sie aneinander, hüben und drüben der Straße, hoben auf die erste Balkenlage eine zweite, um das Überspringen der Kugeln zu verhindern, bauten oben drei Balkenlagen quer vor, unten deren zwei. So entstand ein Rechteck, das seine fünfzig Schritt lang sein mochte. Drei Schritte unterhalb der oberen Querbalken stand mitten auf der Straße der Kegel. Die Burschen probierten den halben Vormittag lang, ihn zu treffen. Andere gingen in die Häuser, Lose zu verkaufen.
In Eduard Langers Stalle aber stand der Hammel, ließ sich sein Futter schmecken, boxte dann und wann gegen die Scheidewand aus Bohlen, fragte im übrigen nicht danach, wem, als dem glücklichen Gewinner, er heute zufallen werde, hatte auch kein Verständnis dafür, daß seiner Girlanden und bunte Tücher warteten. Adolf Heger, der den Losverkauf im oberen Teil des Dorfes übernommen hatte, kam auf den Hohlofenhof und traf die Bäuerin allein. Die wußte, was er wollte, und wies ihn zu ihrem Manne, der im Garten war. Ja, da war Heinrich Korn, aber als er den Burschen kommen sah, tat er, als müsse er unbedingt etwas nachsehen und kroch in das Bienenhaus. Da getraute sich Adolf Heger nicht heran. Der Hohlöfner aber stand, und der Schalk saß ihm in den Augen.
»Willst du Lose nehmen?« fragte der Bursche von weitem.
»Freilich,« schallte es aus dem Bienenhause. »Komm her.«
»Da trau ich nit recht. Sie könnten stechen.«
»Was du nit sagst! Fürcht'st dich vor einem Bienenstich?«
»Sonst nit, aber heute. Ich möchte nit aussehen wie ein aufgelaufener Pfannkuchen.«
»Tät dir aber gut stehen. Hast nit viel auf den Rippen. Ich kann hier nit weg. Also komm schon her.«
»Nein.«
»Mußt du halt deine Lose behalten. Ich hätte dir für zwanzig Mark abgenommen.«
Das allerdings verpflichtete den Burschen. Für zwanzig Mark Lose! Er ging etliche Schritte näher, stand still und bettelte wie ein Kind. »Komm doch heraus.«
»Kann nit. Ich bin auch nit gewohnt, den Leuten das Geld auf die Straße zu tragen.«
Wieder ein paar Schritte. Da waren die Bienen da. Erst eine, die nichts Arges im Schilde führte. Adolf Heger schlug nach ihr. Nun waren auf einmal drei, vier, acht, zehn da, und sie gingen zum Angriff vor. Rechts und links, oben und unten. Da nahm der Bursche die Beine auf die Achsel, arbeitete mit den Armen, als hätte er Windmühlenflügel am Leibe, und stand erst still, als er sich jeden Augenblick in die Haustür retten konnte. Da hielt er an, sah sich um, und — da kam lachend der Bauer daher.
»Bist ein Kerl, Adolf! Das muß ich sagen.«
Der Bursche aber war ärgerlich. »Hast's doch bloß gewollt, daß sie mich stechen.« Er wollte zum Tor hinausgehen.
»Komm her!« rief ihn der Bauer zurück. »Mußt du denn gleich so empfindlich sein? Da, fünfzig Lose, macht zwanzig Mark, und hier hast du eine Zigarre extra für den Schreck.«
Heger sah ihn fragend an. »Ist da auch kein Feuerwerk drin?«
Jetzt lachte der Hohlöfner schallend auf. »Ihr traut mir wohl nit über den Weg?«
»Das nit, aber — — —«
»Zünd an, es ist kein Feuerwerk drin. Und heute nachmittag will ich den Hammel gewinnen.«
»Ist das dein Ernst?«
»Mein heiliger. Soll euer Schade nit sein. Aber halt das Maul!«
Der Bursche zwinkerte schelmisch. »Weiß schon. Muß alles in der Ordnung zugehen. — Guten Morgen.«
»Morgen.«
Der Hohlofenbauer ging in seinen Stall. Wohl lag noch immer eine harmlose Fröhlichkeit auf seinem Gesicht, aber hier war er der Bauer und der Herr, prüfte scharfen Auges jedes einzelne Stück Vieh, prüfte Raufen und Streu, rief die Kleinmagd, dem Kalb besseres Heu aufzustecken, und ging dann in die Stube.
Während des Essens, das die Herrenleute nur an den Sonntagen allein in der großen Stube einnahmen, indes sie an den Wochentagen inmitten des Gesindes in der Küche aßen, fiel kein Wort über das Fest. Heinrich Korn erkundigte sich bei dem Sohne, ob die Wässerung auf der Bodenwiese abgestellt sei, ob Kantor Ritters Kartoffeln gegrast seien und wie die Rüben auf dem großen Stück stünden.
Nur als sie fertig waren und Rudolf sich zum Gehen anschickte, die kurze Bemerkung: »Es wäre gar nit übel, wenn ich den Hammel gewinnen tät. Ich habe ihn gestern gesehen. Er ist ein statiöser Kerl.«
»Vielleicht hast du Glück, Vater,« kam die Antwort. »Nun will ich gehen. Macht's gut.«
»Du auch.«
Rudolf Korn ging die Straße hinab auf Albert Rösners Wirtshaus zu. Da versammelten sich Burschen und Mädel zum Umzuge. Wie schmuck die Mädel heute aussahen! Die einzige, die wieder ihr Kirmeskleid angezogen hatte, indes alle anderen neue Kleider trugen, war das Berteles-Mariele. Die konnte sich das leisten. Niemand verzog deshalb den Mund oder sah sie geringschätzig über die Achsel an. Wie des Mädchens ganze Gestalt in Licht getaucht war! Golden fluteten die blonden Zöpfe, die blauen Augen lachten, und das schmale Gesicht war rot überhaucht. Marie Berteles hatte sich einen Kranz aus Vergißmeinnicht auf den Scheitel gesetzt. So war sie des Festes Königin.
Auf den Stufen von Albert Rösners Wirtshaus standen die Musikanten und prüften ihre Instrumente. Sie waren alle da, die wackeren Bläser, die seit zwanzig Jahren die dörflichen Feste mitfeierten, und — sie bliesen dieselben Weisen wie vor zwanzig Jahren.
Zwischen ihnen stand, auch seit Jahrzehnten eine gewohnte Gestalt, der Gänseaugust von Schmure. Kein Hammelschießen in Schönbach ohne den Gänseaugust. Er war schwachsinnig, aber doch nicht derart, daß er je um eine schlagfertige Antwort verlegen gewesen wäre. Derbe Scherze gewohnt, durfte er sich derbe Antworten erlauben, ohne daß ihm einer darum gezürnt hätte. Sein Amt war, in Schmure die Gänse zu hüten. Daneben war er der Helfer in allen Dingen, und sein besonderer Stolz war die speckige Militärmütze, die ihm irgendwie aus einer Erbschaft zugestorben war. August ging barfuß, einerlei, ob er seine schnatternde Herde auf den Gänseanger trieb oder beim Hammelschießen im Umzug marschierte. Meist lächelnd, machte er doch bei feierlichen Gelegenheiten auch ein feierliches Gesicht. Dann gingen seine wasserblauen Augen hilflos von einem zum andern. Heute nun wußte er, daß er neben dem Hammel die Hauptperson war. Krampfhaft umklammerte er den bändergeschmückten Kegel, den er im Zuge, unmittelbar hinter dem Gehörnten, zu tragen hatte.
Auch die preußische Friederike war da. Sie war die Zuckerfrau, ohne die ein Fest so wenig zu denken war, wie ein Hammelschießen ohne den Gänseaugust. Grauhaarig, mit zerknittertem Gesicht, stand sie hinter ihren Auslagen und stemmte die Arme in die Seiten. Noch ruhte das Geschäft. Der Hochbetrieb begann erst am Abend, wenn die Burschen ihren Mädeln Zuckertüten und Schokoladetafeln kauften. Sie war eine wackere Frau, die alte Häuslerin aus dem Nachbardorfe. Eine einzige Tochter hatte sie gehabt, und die war an einen Lüderjahn verheiratet gewesen. Nun war sie gestorben, und die Großmutter sorgte für die drei Kinder, deren Vater sich in der Welt herumtrieb.
So standen sie denn alle vor dem Wirtshause. Die Hauptsache fehlte noch, der Hammel.
Da knarrte jenseits des Dorfteiches das Tor von Eduard Langers Hofe, die Musik blies einen Tusch, Gänseaugust präsentierte den Kegel, die Burschen brachten den Hammel. Hei, was war er für ein Kerl! Beinahe so breit wie lang, schritt er stolz auf seinen zierlichen Beinen einher, blickte mit blitzenden Augen hinüber und herüber, warf den Kopf zurück und wollte anfangen zu galoppieren. Die Burschen aber hielten fest.
Marie Berteles und Lina Franke knüpften bunte Tücher in die Haltekette des Tieres und breiteten sie auf dem Rücken aus. Adolf Heger, der eigentliche Führer des Hammels, wickelte sich den Leitstrick fest um die Hand; die Mädchen, das Tier nur scheinbar führend, ergriffen die Enden der langen, bunten Seidenbänder, die an den Hörnern befestigt waren. Gikgak, der Gänseaugust, pflanzte sich vor dem Hammel auf, die Musik setzte sich an die Spitze, und: Hm ta ta und schnetterengteng, ging's los im fröhlichen Zuge, hinab durch das Dorf, durch alle Gassen, die Seitenstraße hinauf, am Hause Richard Matters, den sie den Kickeriki nannten, vorüber, im Bogen um die breitästige Friedenseiche, zurück vor das Wirtshaus. Und vor allen Türen standen behaglich lächelnde Menschen. Greise und Greisinnen hatten sich Stühle an die Straße stellen lassen, lächelten mit eingefallenen Lippen, nickten Enkel oder Enkelin, die im Zuge schritten, freundlich zu und gedachten der Zeit, da sie selber mitmarschiert waren und juhu geschrien hatten. Kantor Ritter stand mit dem zweiten Lehrer im Schulgarten, rauchte seine halblange Pfeife und sagte zu dem jüngeren Kollegen: »Schade.«
»Was ist schade?« fragte Lehrer Siebert.
»Schade, daß das Mädel ausgerechnet aus einem der ärmsten Häuser stammen muß.«
»Sie meinen Fräulein Berteles?«
»Ach was, Fräulein! Auf dem Dorfe gibt's keine Fräuleins. Das Mariele mein ich.«
Da gingen dem »kleinen Lehrer« die Lippen über. Er verriet, was er sich selber nur in der stillen Kammer gestand. Die allein wußte um eine schmerzvolle Liebe, hinter der die ganz große Stille drohend aufragte. Erhielt eine schwärmerische Lobrede. Edle Gestalt, verkörperte Schönheit, die ihre eigenen Gesetze habe, goldenes Gemüt, ungemünzter Reichtum, bis ihm Kantor Ritter, halb lächelnd, halb ernst, die Hand auf den Arm legte: »Langsam, Herr Kollege. Es stimmt Wort für Wort, was Sie sagen, aber gehen Sie mal den Gedanken lieber nicht weiter nach. Es könnte gefährlich werden. Das Mariele paßt nur aufs Dorf, paßt nur nach Schönbach und paßt zu dem, der sie sich ausgesucht.« Er seufzte leise. »Aber leicht wird es nicht werden, ein solcher Prachtmensch der Alte auch sonst ist.«
»Sie meinen — — —«
»Gar nix meine ich. Abwarten. Aber das weiß ich: Wenn's so weit ist, bauen wir ihnen eine doppelte Ehrenpforte. Und nun scheren Sie sich mal unter das Jungvolk, zu dem Sie gehören. Wir müssen mitmachen, aber Sie sollen sich nicht gemein machen. Ja nicht etwa nachts um zwölf Brüderschaft trinken. Ich bin fünfunddreißig Jahre hier, die meisten Männer sind mir gut Freund, und ich achte sie alle, aber — — — Viel Vergnügen, Herr Kollege!« Er sah dem Davongehenden traurig nach. Armer Mensch! Hast ein bös Erbteil von deinen Eltern und nun auch noch die Herzensnot!
Eben ging draußen der Hohlöfner vorüber, sich in den Hüften wiegend, den dichten Schnurrbart hoch gewirbelt, der ganze Mann verkörperte Kraft und Freude.
»Tag, Korn,« grüßte Kantor Ritter. »Auch mitschießen?«
»Wär doch das erstemal, daß ich nit dabei wäre. Ich will sogar den Hammel gewinnen.«
»Kann ich mir denken. Nehmen Sie doch mal den jungen Kollegen mit.«
»Gern.«
Die beiden gingen das Dorf hinab, und der Hohlöfner unterrichtete unterwegs den jungen Lehrer, wie er die Kugel werfen müsse. Die Kugel fest in der Hand halten, das Gelenk drehen, acht Schritte zurückgehen, drei vorspringen, im Bogen werfen. Im Bogen müssen die Kugeln kommen.
Und lustig neckend: »Wer den Hammel gewinnt, hat drei Tänze mit dem Berteles-Mariele. Wäre das nix?«
»Ja, das wäre schon etwas.«
»Gelt? Ja, das Mariele! Aber die lassen wir nit aus dem Dorfe.«
»Das kommt doch schließlich auf sie selber an.«
»Freilich. Also bleiben Sie da.«
»Ich? — Ich denke — — —«
»Was denn? Sie werden sich doch nit vor einem andern fürchten?«
»Sehe ich denn gar so furchtsam aus?«
»Das nit, aber — — —« Und ernster: »Sie kennen doch dem Mariele seine Mutter?«
»Ich frage nicht nach dem, was das Mädchen hat.«
»Ist recht, das gefällt mir. — So, da sind wir. — Tag, Gikgak!«
Gänseaugust, den Hohlöfner erkennend, belferte: »Selber Gikgak! Ich nit!«
Heinrich Korn lachte. »August, ich will den Hammel gewinnen!«
»Du? Möchte mancher gern. Auf mich kommt's an!« Und der harmlose Mensch warf sich in die Brust. Ununterbrochen aber kamen die Kugeln die Straße heraufgeflogen. Es war kein Kollern, es war ein Werfen. Manch einer der kräftigen Burschen schleuderte die Kugel, daß sie fast den ganzen etwa fünfzig Schritt langen Raum durchflog und erst kurz vor dem Kegel zu rollen begann. Die Entfernung aber war so groß, das Ziel so klein, daß unter dreißig Würfen kaum ein einziger den Kegel traf. Die Kugeln knallten hüben und drüben an die Balken, donnerten gegen die Querlage, trudelten zurück.
Gänseaugust hüpfte wie ein Böckchen, sprang hoch und ließ die Kugel unter seinen bloßen Füßen durchrollen, sprang rechts, sauste links, setzte hinaus über die Balken, wenn die Sache allzu gefährlich ward, hatte seine Militärmütze auf eines der Balkenenden gelegt und fand dazwischen Zeit, einem vorlauten Jungen, der ihn mit »Gikgak!« neckte, den Hut vom Kopfe zu schlagen.
Und alles war wie immer, und alles gehörte zum Festprogramm. Seit zwanzig Jahren schrie die Schuljugend ihr »Gikgak«, schlug August den Jungen die Hüte vom Kopfe, hüpfte er wie ein gewandter Seiltänzer zwischen den sausenden Kugeln hin und her, übte er strenge Polizei, denn die Sache war zuweilen nicht ganz ungefährlich. Über dem Tale drüben, in Goßberg, das auf der Höhe lag, war erst im vorigen Jahre die Kugel einem Jungen an den Kopf geflogen, daß der wie ein Stück Holz hinschlug, und sie ihn für tot vom Platze trugen. Der Schädel war glücklicherweise dick genug gewesen, es war in der Hauptsache bei dem Schreck geblieben, aber der schon war groß genug gewesen.
Nun mischte sich der Hohlöfner unter die Männer. Die machten beim Hammelschießen Kompaniegeschäfte, wie es denn uraltes Herkommen war, daß jede der dörflichen Gesellschaften gemeinsam vorging, die Männer-Gesellschaft, die erste und zweite Burschen-Gesellschaft. Die Mädchen schieden heute aus.
Schmied Anders war der Wortführer der Männer-Gesellschaft und ihr bester Kämpe im munteren Spiel. Er warf die Kugeln für die meisten, hatte am warmen Maientage Jacke und Weste abgelegt, und das Hemd stand weit offen über der dichtbehaarten Brust. Wie ein Bär sah der Mann aus, aber er war gutmütig und hätte nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun können. Sie alle grüßten den Hohlöfner nachbarlich, und einzig der gallige Fritz Ender hielt sich zurück. Heinrich Korn zahlte seinen Beitrag zu dem gemeinsamen Loserwerb, plauderte kurz da und dort, pflanzte sich mitten auf der Straße auf und beobachtete die Würfe.
»Willst nit mitmachen?« fragte ihn der Schmied.
»Gleich,« antwortete der Hohlöfner, wartete noch ein Weilchen, beobachtete und wußte dann Bescheid. Etwa zwanzig Schritte von unten herauf war ein Buckel in der Straße, die sich, täglich stark befahren, von Jahr zu Jahr veränderte. An den Buckel prallten viele Kugeln an und wurden dadurch von ihrer Richtung abgelenkt. Der also war zu vermeiden.
Die Spieler wurden eifrig. Hüben und drüben standen Frauen und Mädchen, lobten oder lachten. Auch die Berteles-Mutter war da. Minna Korn hatte sie begrüßt, sich aber dann, um den Leuten nicht Gelegenheit zum Reden zu geben, unter die anderen Bäuerinnen gemischt. Die Musikanten bliesen, die Sonne schien, der Maibaum rauschte, die Kugeln knallten, Gikgak hüpfte, und die Kinder jubelten. Der Hammel aber, um den der Kampf ging, war auf dem Dorfplan angepflockt, hatte sich faul in den Schatten der Linde gelegt und kaute wieder.
Heinrich Korn war nun im Bilde, legte die Jacke ab, langte sich eine Kugel nach der anderen, bis er die herausgefunden hatte, die ihm in Gewicht und Größe am passendsten war.
Hopp, Gikgak machte einen Luftsprung, die Kugel knallte gegen das obere Gebälk. Noch immer lächelnd, hatte der Hohlöfner doch jetzt ein ander Gesicht. Jede Muskel gespannt, der ganze Mann gestrafft, die Augen blitzend. Die vierte Kugel saß, die fünfte, die sechste. Korn lächelte stärker, er wußte, was er wußte, trat zurück, wartend, bis er wieder aufgerufen wurde, schlenderte durch die Reihen, traf auf das Berteles-Mariele, zupfte es an den langen Zöpfen, nickte ihm schelmisch zu, hob bedeutsam den Zeigefinger und schlängelte sich weiter, bis er neben seiner rundlichen Ehehälfte stand. Da blieb er stehen, bis sein Name wieder gerufen ward.
Langsam trödelte der Nachmittag hin. Von den etwa tausend Losen waren die meisten ausgespielt, die Konkurrenz ward schärfer. Es traten nur die Stecher in Wettbewerb, das heißt die Lose, auf die ein Treffer gefallen war. Nach einer weiteren Stunde ging es auf die Entscheidung zu.
Rudolf Korn, der als Schriftführer den ganzen Nachmittag lang gewissenhaft notiert hatte, war mit einem Male von seinem Platze verschwunden. Die Frauen waren daheim gewesen, hatten das Vieh gefüttert und waren zurückgekommen, die Entscheidung nicht zu versäumen.
Das Berteles-Mariele stand auf der Wirtshaustreppe. Der Vergißmeinnichtkranz war verwelkt, ihre Augen blickten gespannt, das Gesicht war stärker gerötet und, selber nicht wissend, was sie tat, zog sie einen der langen Zöpfe nach dem anderen heran und wickelte ihn sich um das Handgelenk. So stand sie da, ein liebes Bild, ihrer selbst vergessend, und nur den Wunsch im Herzen: Wenn doch der Hohlöfner gewinnen wollte!
Immer schärfer ward der Kampf. Ringsum hastig atmende Menschen, vor der Querlage vier Männer, ihre Geschicklichkeit messend, keiner mehr ein Lächeln auf den Lippen, aber nur Heinrich Korn verkörperte ruhige Sicherheit. Gänseaugust hüpfte höher, die Wucht der Kugeln ward größer.
Schmied Anders strich über die sehnigen, dicht behaarten Arme: »Heinrich, gilt das noch für die Männer-Gesellschaft?«
»Nein, das gilt für mich selber. Die Männer haben noch vier Stecher, ich noch sechs für mich.«
Jetzt war der Goßberger Hannickel, der die dortige Burschen-Gesellschaft vertrat, ausgeschieden, jetzt warf der Limmert aus Hirschau die letzte Kugel und fehlte. Nun blieben nur noch die beiden Schönbacher, Schmied Anders und der Hohlöfner, übrig.
Anders lachte Heinrich Korn zu: »Wir sind die letzten.« Und der Bauer nickte.
Der Schmied war am Wurfe, sprang zurück, schnellte vor, die Kugel sauste durch die Luft, knallte auf die Straße, hüpfte und — hüpfte vorbei.
Heinrich Korn war daran. Marie Berteles umwickelte die Kugel, die der Bauer in der Hand hielt, heimlich mit guten Wünschen. Ruhig ging der Hohlöfner seine acht Schritte zurück, wog die Kugel spielend, sprang einen einzigen weiten Satz, der Oberleib bog sich zurück, schnellte vor, die Kugel wirbelte in der Luft, fiel etliche Schritte seitlich des Kegels nieder, bog nach links, traf, der Kegel fiel. Hundertstimmiges »Juhu!« und immer wieder »Juhu!«, wirbelnde Arme, bewundernde Rufe. Gänseaugust schnellte in die Höhe, schlug dreimal Rad, raffte den Kegel auf, langte nach der Militärmütze, sprang die Straße hinab, trat, den Kegel präsentierend, vor den Sieger und erteilte ihm das höchste Lob, über das er verfügte: »Du ein Donnerwetter-Hund!«
Geschäftig aber wühlten Mädchenfinger in dem zur Seite der Wirtshaustreppe stehenden langen Pappkasten, holten die bunten seidenen Tücher, die vorhin den Hammel geziert, und den hohen künstlichen Strauß heraus, den Hohlöfner zu schmücken. Schmied Anders nahm ihm den Hut vom Kopfe, Lina Franke steckte den Strauß darauf, Marie Berteles befestigte, auf der unteren Stufe der Wirtshaustreppe stehend, dem Bauer die beiden bunten Tücher, die des Siegers Schmuck zu bilden bestimmt waren, auf der linken Schulter, so daß sie über den Rücken herabfielen. Sie war fertig, ein lautes »Juhu!«, aufstürmend aus der Menge, verfing sich im Geäst des Maibaumes, Adolf Heger brachte den aufs neue bekränzten Hammel, die Musik blies einen schmetternden Marsch. Ernsthaft, sich leicht verneigend, bot der Hohlöfner dem Mariele den rechten, Lina Franke den linken Arm, und der Zug ging in den Tanzsaal.
Unter der Tür stand Rudolf Korn, begrüßte den Vater im Namen der festgebenden Schönbacher Burschen-Gesellschaft, beglückwünschte ihn und führte ihn und das Mariele in die Mitte des Saales, die Ehrenrunden zu tanzen. Nicht ein Wort, nicht eine Handlung machte den Eindruck eines Fastnachtsspiels. Uralter Volksbrauch ward in derselben Weise geübt, in der er schon den Ahnen lieb gewesen war, und es lag eine gewisse Feierlichkeit über der festfröhlichen Menge.
Die Reihenfolge der Tänze, wie die der Paare, war festgelegt. Der Sieger tanzte mit der ersten Ehrenjungfrau, als welche in diesem Jahre das Mariele bestimmt worden war, drei Tänze, einen Walzer, einen Rheinländer, einen Galopp, und so sehr die Umstehenden während des Tanzes jauchzten, Heinrich Korn verzog keine Miene. Er hielt das Mariele fest, hatte die Hand unter ihre langen Zöpfe geschoben, chassierte, drehte sich, und alles ruhig und würdig. Erst als die letzte Runde beendet war und er seine Tänzerin, dem Herkommen gemäß, dem ältesten Burschen — in diesem Falle seinem Sohne — zur Ehrenrunde übergab, atmete er freier auf, lachte behaglich, zupfte das Mariele rasch an den Zöpfen und sprach schmunzelnd:
»So, kleine Bertelessin. Was habe ich gesagt?«
»Hast Wort gehalten, Bauer,« entgegnete das Mädchen. »Ich bin stolz darauf.«
»Dann stimmt's. Ich auch. Und nun will ich keinen Hammel wieder gewinnen.«
Er genügte der Pflicht, die zweite Ehrenrunde mit dem nächsten der Mädchen zu tanzen, holte Lina Franke, und nun waren es zwei Paare, die sich, von den anderen umjubelt, im Saale drehten. Die Feierlichkeit begann nachzulassen. Vielsagende Blicke gingen von Auge zu Auge, Kantor Ritter legte der Berteles-Mutter, die, klein und verschüchtert, in der Ecke stand, die Hand auf den Arm und nickte ihr ermunternd zu. »Kann eine an das Mariele? Weit und breit nicht.« Mutter Berteles nahm es kaum als Trost. Sie nickte, aber die Tränen waren ihr nahe.
Auch die zweite Ehrenrunde war vorüber, alle Förmlichkeiten waren erfüllt. Jetzt länger im Schmuck des Straußes und der Tücher einherzugehen, wäre Maskerade gewesen. Heinrich Korn schritt auf seine Frau zu, überreichte ihr seinen Schmuck, ihn aufzuheben, kehrte in die Runde der jungen Leute zurück und löste sich völlig von seinen Verpflichtungen. Er reichte dem Mariele und Lina Franke die Hand: »Seid bedankt, ihr zwei,« drückte dem Sohne einen größeren Schein in die Hand: »Das ist für die Gesellschaft,« gebot seinem Kleinknecht, den Hammel heim in den Stall zu führen, und gab Jugend und Fröhlichkeit völlig die Bahn frei. An der Bertelessin vorüber ging er zum Schmied und den anderen Nachbarn, setzte sich unter sie und sah schmunzelnd dem Treiben zu.
Fritz Ender, der ihm gegenüber saß, fragte hämisch, was den Hohlöfner der Spaß koste.
»Mehr nit, wie ich bezahlen kann,« entgegnete er kurz.
Tolpatschig ließ sich Ender nicht zurückweisen. »Hab den Hammel auch einmal gewonnen, denk aber nit gern dran. Sie gönnen's einem nit und haben immer so einen Verdacht, als wenn — —«
Der Schmied unterbrach ihn: »Heute hat niemand Verdacht, daß es nit sauber zugegangen wäre, und ist keiner, der dem Hohlöfner die Ehre nit gönnte.«
Heinrich Korn war rot angelaufen, aber er hielt an sich. »Kannst mich heute nit ärgern, Ender,« rief er über den Tisch hinweg.
Und der, wiederum hinterhältig: »Will ich auch nit. — Ist ein schmuckes Mädel, die kleine Bertelessin. Wenn sie nur nit so hoch hinaus wollte.«
Da war der Hohlöfner mit einem Schlage wieder völlig der Alte. Fritz Ender hatte einen Sohn, der ein braver, schlichter Mensch war und seine Augen überhaupt nicht zum Mariele erhob. Der Vater aber tat es für ihn, die Männer hatten dann und wann im Wirtshause spöttisch mit kurzen Worten davon gesprochen und sich über Ender lustig gemacht. Heinrich Korn quittierte des Bauern Anzapfung mit ein paar kurzen, treffenden Worten, deutete auf den Fuchs hin, der vergeblich nach den Trauben sprang, lachte hell auf und schlug auf den Tisch: »Nachbarn, morgen stellen wir unseren Mann wieder bei der Arbeit. Soll uns keiner nachsagen, daß wir ihn nit auch auf dem Tanzboden stellen könnten. Ich habe heut zum letzten Male den Hammel gewonnen. Es war ein gutes Ende; das Mariele ist das schmuckste Mädel, mit dem ich getanzt habe. Morgen geht alles wieder im alten Hü und Hott. Heute nehme ich Abschied von meiner Jugend. Los, Nachbarn, wir holen unsre Weiber. Die Jungen sollen nit denken, daß sie mehr könnten als wir.«
Froh berauscht war der Mann, riß die anderen mit, und sie, die meist in allzu schweren Stiefeln gingen, ließen sich gern mitreißen. Niemand hat den Hohlöfner je betrunken gesehen, der Mann wußte stets Maß zu halten, nie aber hatte er sein ganzes Dorf in seiner inneren Fröhlichkeit, die förmlich ein Rausch war, so hinter sich gehabt wie heute.
Er ging auf seine Frau zu, die jetzt neben der Bertelessin stand. »Komm, Mutter.« Sie reichte Tücher und Strauß der Berteles-Mutter zum Aufheben. Sie tanzten. Nach etlichen Runden sagte die Bäuerin, hastiger atmend, als es wohl nötig gewesen wäre: »Vater, ich kann nit mehr. Ich bin zu stark geworden.«
»Hast dein Gewicht, stimmt.«
»Geh, führ dem Mariele seine Mutter einmal auf. Ich glaube, die hat seit zehn Jahren nit mehr getanzt. Und dann darfst du das Mariele selber nit vergessen, die doch heute deine Ehrenjungfer ist. Mich laß sitzen. Ich tanze nit eher wieder, als bis der Rudolf Hochzeit hat.«
»Da kannst du lange warten. Der tut gar nit danach.«
»Kommt manchmal eher, als man denkt.«
Die laue Nacht träumte, der Flieder duftete, der Maibaum raunte, harmlose Menschen ließen sich von des Festes hochgehenden Wogen tragen. Und auch der Tanz selber war wie hundert andere vor ihm. Der »Rangiermeister« war da, ein kurzer, stämmiger Bursche aus dem Nachbardorfe, nicht mehr weit von den Dreißigern, der, bevor er zu tanzen begann, sein Mädel fragte, ob sie »rangieren« könne, und der, wenn sie das bejahte, sich etwas darauf zugute tat, daß er quer durch den Saal zu chassieren vermochte; die Mädel sangen in den Tanzpausen ihre schwermütigen Lieder, die Burschen schritten, stolz wie Könige, die Mädchenfront ab und winkten sich die Erkorene heran.
Der Hohlöfner ging durch die Reihen, neckte da, redete ernsthaft dort, tanzte wiederholt mit dem Mariele und tat es immer in der feinen, zurückhaltenden Art, zu der er sich, weil er sie vor anderen gern hatte, gerade ihr gegenüber verpflichtet fühlte. Es kam ihm, wenn er besonders gut gelaunt war, auch einmal nicht auf einen Scherz an, der einem Mädel eine leichte Röte über das Gesicht jagte. Dem Mariele gegenüber wäre ihm nie ein solch loses Wort über die Lippen gegangen.
Wieder tanzte er mit ihr. Übermütig wickelte er sich, als sie wartend in der Reihe standen, des Mädchens Zöpfe um den Arm.
»Mariele, wo hast du das bloß her? So was hat ja noch gar kein Mensch in Schönbach gesehen.«
»Wo ich das her habe? Hab mir's halt beim lieben Gott so bestellt.« Und neckend: »Weißt du, wenn ich einmal einen Mann habe und der nit folgen will, dann bind ich ihn damit fest.«
»Möchte wissen, wer dir nit folgen wollte. Wirst doch nit gar soviel verlangen.«
»Nein, bloß gern haben muß er mich und allweil seinen Mann stehen. Darf kein Hanswurst sein.«
»So wie ich?« Und der Bauer zwinkerte ihr zu.
»Um Gottes willen,« wehrte das Mädchen ab. »Du! Ich wüßte keinen Mann, den ich mehr achten könnte als dich. Dir kommt so leicht keiner gleich. Und daß du dabei so lustig sein kannst, das hat der Herrgott extra gut gemacht.«
»Willst mir schöntun, Mariele?« Und er umspannte das ganze liebe Mädel mit einem väterlichen Blick.
»Wenn du das schöntun nennst, gern; denn ich mein's, wie ich's sage, und niemand in Schönbach denkt anders.«
»Ist gut, Mariele, ich kenn dich lange genug.«
Der Tanz war zu Ende, Heinrich Korn setzte sich schweigend neben sein Weib und hatte eine Falte in der Stirn. Zum ersten Male kam ihm der Gedanke: Wie wäre es, wenn dein Sohn das Mariele heiratete? Und das Herz schlug ihm höher. Wie das wäre, den Blondkopf mit den langen Zöpfen und dem guten Gesicht alle Tage durch das Haus gehen zu sehen und seine helle Stimme zu hören! Köstlich wäre es. Und dann die Enkelkinder! Ganz heiß wurde ihm. Wohl fuhr der Gedanke, daß das Mariele eines der ärmsten Mädchen war, wie ein rascher kalter Hauch über die warme Freude, aber damit ward der Mann heute merkwürdig leicht fertig. Viel schwerer lag es ihm an, daß er seinem bedächtigen, beinahe übergewissenhaften Sohne nicht zutraute, daß er sich das Mädchen werde erobern können. So stand er, halb zornig, auf, schob sich durch die Reihen, trat neben seinen Sohn und raunte ihm zu: »Weißt du nit, was du heut abend zu tun hast, wo das Mariele meine Ehrenjungfer war? Mit den anderen kannst du ein andermal tanzen. Ich hab genug für mein Teil. Du mußt das Mariele aufführen.« — —
Die Sonne schickte ihre ersten Boten über die Berge, da war das Fest aus. Seiferts Ludwig ging mit den anderen Musikanten heim und blies auf seiner Klarinette die Straße durch Schönbach hinab: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus.« Erst das war der völlige Abschluß des Festes und gehörte dazu wie der Gikgak, die preußische Friederike, der Hammel und der Maibaum.