2.
In der Ecke, gegen die Bodenwiesen hin, stand das Berteles-Häuschen, zu dem etwa acht Morgen Feld und Wiese gehörten. Der Berteles war, solange er lebte, ein sparsamer Mensch gewesen. Zimmermann von Hause aus, ging er vom zeitigen Frühjahr bis in den späten Herbst auf Arbeit, indes sein Weib daheim die Wirtschaft besorgte. Kam er von der Arbeit, dann griff er ebenso selbstverständlich nach Pflug, Sense oder Hacke, wie er es am Morgen tat, bevor er auf den Zimmerplatz ging. Hochgewachsen, blond, zuverlässig, war er ein gern gesehener Mann, sowohl als Arbeiter wie als Mensch.
In dem Manne lebte etwas vom Dorfpoeten, aber ohne daß es aufdringlich gewesen wäre oder daß sich der Zimmermann selber überschätzt hätte. Seine Poetennatur machte sich auch weniger in Versen Luft, als sie sich in seinem Hauswesen betätigte. Die Verse verbarg er scheu, und nur sein Weib wußte darum. Von der Mutter erfuhr es das Mariele nach des Vaters Tode. Sie übergab der Tochter ein dünnes Schulschreibheft. »Mariele, das hat der Vater geschrieben. Ich habe immer viel darauf gehalten, und wenn du auch jetzt noch nit alles verstehst, so halt das Buch doch in Ehren. Mit der Zeit begreifst du auch das Letzte.«
Seitdem lag das Heft in des Mädchens Lade, die Verse aber trug sie im Herzen, und es kam gar nicht selten vor, daß sie, wenn ihr Schatz neben ihr in der Laube saß, einen Vers mit leise schwingender Stimme hersagte, so wie er ihr aus dem Gemüt blühte, ihn in der Stunde gewissermaßen selber schaffend.
Das Häuslein hatte der Berteles aus seinen und seiner Frau Ersparnissen gekauft und es, als ihm ein kleines Erbteil zufiel, von Grund aus nach seinen eigenen Plänen umgestaltet. Allen, die durch Schönbach gingen, fiel es angenehm auf. Geradezu wunderschön war der Garten und war damit etwas Außergewöhnliches weit und breit; denn Bauerngärten verraten gewöhnlich nur, daß ihre Herren und Herrinnen keine Zeit haben. Sie sind zumeist eine bunte Wildnis.
Bunt war auch der Berteles-Garten, am Verwildern war er aber nur während eines Jahres gewesen. Das war in der Zeit, als sich die Witwe in ihrem Schmerze über den jähen Tod des Mannes nicht aufzurichten vermochte und der Tochter die Augen noch nicht aufgegangen waren für den Reichtum, der ihre Kindertage umblüht hatte.
Der Berteles hatte vor allem den Flieder gern gehabt. In jedem Frühjahr war denn der Garten auch ein einziges Fliedermeer, aus dem die Duftwellen weiß und blau und rot aufschäumten. In der Ecke kuschelte sich eine Laube unter die Fliederbüsche, dicht umrankt von Jelängerjelieber. Aus ihrer Tür sah man auf die kleinen runden Beete mit ihren ausdauernden Stauden und ein gutes Dutzend Rosenstöcke, die das Mariele sorgsam im Schnitt hielt.
Am Zaune hin rauschte der Schönbach und wußte in den lauen Sommernächten unendlich viel Schönes zu erzählen.
Das Häuslein selber stand unmittelbar am Dorfwege, und wer vorüberging, konnte zwischen den bescheidenen Mullgardinen hindurch das saubere behagliche Stübchen mit seinem blanken Zinn im Topfbrett, der Nähmaschine am Hoffenster und den blühenden Blumenstöcken auf den Fensterbrettern übersehen. Wen es danach gelüstete, der trat an eines der Fenster heran und plauderte mit dem Mariele oder seiner Mutter. Und das taten ihrer viele; denn von dem Berteles-Hause ging stets ein Hauch von Zuverlässigkeit und guter, tapferer Gesinnung aus. Mutter Berteles allerdings verwand den Bruch, der durch ihr Leben ging, nicht. Und nun kam die Sorge um das Mariele dazu. Wo sollte das bloß noch hinausgehen! Dabei ließen sie sich nicht raten, die jungen Leute, und, freilich, freilich, der Hohlöfner war im Grunde eine Seele von einem Menschen, aber — —
So lag Pauline Berteles auch in der Nacht vom Sonntag zum Montag wieder schlaflos vor lauter Sorgen. Und der Tag war doch so schön gewesen und die Hohlofenleute, nein, wirklich, als wenn das Mariele schon zu ihnen gehörte! Der Nachbar Ender, dessen Wirtschaft fünf Häuser weiter oberhalb am Bache lag, hatte sich der heimkehrenden Bertelessin zugesellt gehabt und, es geschah ganz gewiß in der allerbesten Meinung, die Rede auf Rudolf und das Mariele gebracht.
Pauline Berteles kannte ihn seit dreißig Jahren, sie wußte auch, daß die Leute manchmal nicht gut von ihm redeten und ihn einen Heimtücker nannten, aber die Frau tat niemand Böses und traute niemand Böses zu. Was der Ender sagte, das waren zudem Dinge, die sich die Bertelessin selber nicht verheimlichte.
Triefend von Biederkeit, hatte er davon gesprochen, daß das Mariele das beste Los verdiene, das einem Menschen werden könne, daß es aber doch unklug sei, es zwischen ihr und dem Einzigen vom Hohlofenhofe so weit kommen zu lassen, daß das Auseinandergehen mindestens nicht mehr stillschweigend und schmerzlos geschehen könne. Ernsthaft sei ja doch die Sache wohl kaum; denn daß Korn, der erste Bauer im Dorfe, eine Schwiegertochter willkommen heißen werde, die so wenig hinter sich habe wie das Mariele, das werde sich doch wohl die Berteles-Mutter selber nicht einbilden. Im übrigen, er wolle ja nichts sagen, aber Korn sei in der ledigen Zeit kein Guter gewesen. Dem Sohne sei gewiß nichts nachzureden, aber — — — Junge Leute!!! Und was dann?
Bislang hatte die Bertelessin geschwiegen. Bei den letzten Worten aber war sie aufgefahren. Für das Mariele könne sie stehen und — für den Rudolf auch. Vom Hohlöfner selber habe sie übrigens auch nie etwas Schlechtes gehört, und die Leute lebten so einig zusammen, daß es eine Freude sei. Ganz warm war die Berteles-Mutter geworden, hatte mehr gesprochen als sonst in Tagen und härter aufgetrumpft, als sie sich selber zugetraut. Der Ender war förmlich auf den Mund geschlagen gewesen und nicht dazu gekommen, der Frau seinen Sohn als Eidam anzubieten. Und das hatte er doch gewollt.
Hastigen Fußes kehrte Pauline Berteles heim, stand mitten in der Stube und seufzte. Und seufzend ging sie zu Bett. Da kehrten alle die Worte des Ender wieder, hatten ein ander Gesicht, bestachen durch ihre Biederkeit und forderten Bejahung. Auch die verletzenden. Sooft sie auch Mutter Berteles verneinte, sie saßen wie Widerhaken im Fleische.
Das Mariele hatte etliche schwere Tage, und als Rudolf Korn am Mittwoch leise an das Fenster nach dem Garten zu klopfte, zankte die Mutter ihre Tochter zum ersten Male um des Verkehrs willen aus. Das aber war der so völlig fremd und ungewohnt, daß sie weinend zu ihrem Schatze hinauskam.
Als Rudolf Korn erfahren, was vorlag, ging er kurzerhand zu Mutter Berteles in die Stube. »Das Mariele hat mir erzählt, daß Ihr unsere Heimlichkeit nit mehr leiden wollt. Ihr habt recht, und ich will da bald Ordnung schaffen. Aber das Mariele laß ich nit. Nit im Guten, nit im Bösen! Das sage ich. Schlechtes braucht ihr nit von mir zu denken. Nun seid nit bös, Berteles-Mutter.«
»Rudolf,« hatte die Frau entgegnet, »dein Vater leidet's nit. Das weiß ich, und dasselbe sagen andere Leute.«
»Wer sind denn die anderen Leute?«
»Der Ender — — —«
»Aha. Das ist gerade der richtige. — Berteles-Mutter, ich weiß nit, was der Vater sagen wird, die Mutter steht auf meiner Seite. Der Vater? Er hat das Mariele selber viel zu gern. Will er's aber etwa doch nit leiden, dann wird's wohl hart zugehen, aber nachgeben tu ich nit. Eher will ich den Hof nit haben als das Mariele nit. Und die anderen Leute? Es sind noch nie zwei zusammengekommen, über die die Leute nix zu reden gehabt hätten. Loben tun sie bloß, die gestorben sind. Wenn mir aber der Ender noch einmal in die Quere kommt, dann soll er sich hüten. Das sag ich. Und nun, Berteles-Mutter, seid vernünftig. Wir zwei lassen nit voneinander.«
Mutter Berteles freute sich der Entschlossenheit Rudolfs, ohne daß deswegen ihre Sorge gemindert worden wäre. So hielt sie's denn mit dem Herrgott. Er hatte ihr das Mädel gegeben, das förmlich ein liebes Wunder war, hatte die jungen Herzen einander finden lassen und war nun verantwortlich. —
Die Woche verging. Es war eine harte Arbeitswoche. Vom Morgen bis in die Nacht arbeiteten die Leute auf ihren Kartoffelfeldern.
Heinrich Korn schritt im Morgenlichte hinter seinen Gäulen her, die zwischen den Furchen gingen, sang, pfiff, wie es kam, machte das zufriedenste Gesicht und war innerlich voll tiefen Dankes und hoher Freude.
Wie sollte ein Mensch auf solchem Stück Erde aber auch nicht fröhlich sein, obwohl der Boden eher dürftig als fruchtbar war. Schönbach lag reichlich vierhundertfünfzig Meter hoch, die Winde orgelten oft mit lauter Stimme darüber hin, die Donner vergrollten lang anhaltend in den Tälern rundum, die Erde gebar schier in jedem Jahre Millionen neuer Schieferplatten, aber es war Heimat, herrliche, weite Berg- und Waldheimat, in der aus jeder Breite der Schweiß langer Geschlechter wie frommer Opferrauch stieg. Mit der Sonne stand der Hohlöfner auf, griff in der Wirtschaft zu und ließ es sich nicht nehmen, der erste auf dem Felde zu sein. Dann brauten in den Tälern noch die weißen Nebel und krochen wie lange Schlangen an der Berge trutzigen Mauern dahin. Von den Wipfeln der Bäume pfiffen die Amseln, und über den Feldern trillerten die Lerchen. Die Furchen dampften, Stare marschierten hinter dem Pflüger drein, Immen flogen summend vorüber.
Die Bienen waren Heinrich Korns besondere Freunde. Er war einer der wenigen Schönbacher Bauern, die sich selber der Bienenzucht befleißigten, und tat es viel weniger des Honigs wegen als darum, weil ihm das Leben im Bienenstocke Gleichnis war und er daran Freude fand. Überhaupt sah der Mann in Tieren allezeit Kameraden. Soviel er von seinen Pferden verlangte, er gab ihnen kaum einmal harte Worte, und das übliche Hü und Hott hatte er in militärische Kommandos umgewandelt, befahl: Marsch, gebot: Halt, kommandierte: Rechtsum, linksum. Der Hohlofenhof war, obwohl der größte in Schönbach, doch keineswegs groß. Es gehörten zu ihm etwa achtzig Morgen Feld und Wiese und knapp hundert Morgen Wald. Die Wirtschaft aber ging am Schnürchen, die Felder trugen gute Ernten, und Korns Vieh war stark und gut gehalten. Des Bauern Leute hingen an ihm, kannten seine Art, freuten sich seiner Scherze, steckten schweigend einen harten Tadel ein, weil er nie unverdient war. So gern der Mann polterte, lieber noch scherzte er.
Nicht weit vom Hohlofenacker hatte die Bertelessin ein Stück Kartoffelland. So ging denn das Mariele, die Hacke geschultert, das Wäglein hinter sich herziehend, jeden Morgen am Hohlöfner vorüber. Sie kam keinen Morgen vorbei, ohne daß er sie angehalten hätte. Über den freundlichen Gruß hinaus wußte er stets ein Scherzwort. Einmal ging er hinter seinen Pferden her und sang, daß es schallte: Wer recht in Freuden wandern will, der geh' der Sonn' entgegen. Das Lied hatte einst Kantor Ritter im Gesangverein eingeübt. Und siehe, als er so lustig sang, kam auf einmal vom Wege her die zweite Stimme, und das war eine Frauenstimme. Der Bauer stutzte, drehte sich um, nickte dem Mariele zu und sang weiter. Da war das Mädchen heran, Korn kommandierte: Halt! Die Pferde standen, er setzte sich auf den Pflug.
»Von vorne, Mariele. Das hab ich gar nit gewußt, daß du so schön singen kannst. Wer recht ...«
Es schallte über die Felder hin, brandete an die nahe Waldmauer und versickerte zwischen den Stämmen. Das Lied war zu Ende. »Das hast du gut gemacht, Mariele. Was kannst du denn eigentlich nit?«
»Heiraten.«
»Wieso nit?«
»Das muß ich mir doch gefallen lassen.«
»Spottvogel. Heiratest doch auch.«
»Kommt ganz drauf an. Vielleicht muß ich ledig bleiben.«
»Wäre noch schöner. Werden doch die Burschen nit alle Schlafmützen sein. — Wie weit bist du eigentlich mit euren Erdäpfeln?«
»Noch zwei Tage, dann bin ich fertig. Die Mutter kann nit mit zugreifen.«
»Hast's nit ganz leicht, Mädel.«
»Möcht's gar nit leichter haben.«
»Ist recht. — Wenn der Rudolf nachher kommt, kann er die Pferde nehmen. Dann bist du mit Ja und Nein fertig.«
»Hohlöfner, wir — können's nit bezahlen.«
»Mach mich nit falsch, Mariele. Hab ich was gefordert?«
»Dann sage ich schön Dank und will's in der Ernte glattmachen.«
»Kannst du halten, wie du willst.« Der Bauer schmitzte mit der Peitsche. »Marsch!« Die Pferde zogen an.
So schlenderte der Mai langsam aus der Welt. Es verging kein Tag, an dem Heinrich Korn nicht mit dem Mariele Gruß und Scherzwort ausgetauscht, und immer wärmer ward ihm bei dem Gedanken: Wenn dir der Rudolf die als Schwiegertochter brächte! Und es war wunderlich: Der Mann, der sonst wahrhaftig der Herr im Hause war, getraute sich nicht, seiner Frau die heimlichen Gedanken zu verraten, weil er glaubte, ihr sei das Mädchen zu gering.
Wieder war es Sonnabend. Der Flieder, der im hochgelegenen Schönbach bis tief in den Juni hinein blühte, überschüttete das Berteles-Häuschen mit Duftwellen, und wer vorüberging, brach sich gern eine der hängenden Blütentrauben ab. Das Wetter hatte in den letzten warmen Tagen mehrfach gedroht. Wolken waren hochgekommen und hatten sich wieder verzogen. Heute hatten die Schönbacher bestimmt geglaubt, es werde ein Gewitter geben. Am Abend aber spannte sich der Himmel wieder weit und klar über das Bergland.
Abermals stand Heinrich Korn, die Pfeife im Munde, im Hoftore. Er tat es immer gern, am liebsten aber am Sonnabend, wenn der Sonntag um die Ecke lugte. Da blickte der Mann in tief innerlicher Freude das sauber gefegte Dorf hinab, in dessen Mitte Kirche und Schule standen und etliche große Linden im Abendwinde rauschten. Dann war es ihm feierlich zumute. Ohne sich Rechenschaft darüber geben zu können, spannte er seine Seele weit hinaus, feierte wortlos auf seine Art und war in dem Augenblicke ein demütiger Mensch, der seiner Tage und seines Lebens Grenzen erfühlte und ahnte, daß es schade sei um ein Leben, das sich nicht dem Guten verschrieben.
Sich rückwärts kehrend, sah er den Sohn mit einer Schütte Stroh aus der Scheune kommen. So wenig er mit dem ob seiner stillen Art einverstanden war, so gern achtete er seinen nie ermüdenden Fleiß und seine unbedingte Zuverlässigkeit. Hätte er eines gewußt, das, daß Rudolf nicht weichlich, daß er, wenn es not tat, eisenfest und stahlhart sein konnte, er wäre restlos mit ihm zufrieden gewesen. Dafür aber hatte ihm der Sohn noch keinen Beweis gegeben und nicht geben können.
Rückwärtsgewandt, rief der Bauer: »Rudolf, ich gehe auf eine Weile zum Wirt. Sag's der Mutter.«
»Ist recht, Vater.«
Heinrich Korn schlug jedoch nicht den Weg das Dorf hinab ein, er überquerte die Straße, ging zwischen Illings und Jenkes Scheune hinaus auf die Bücherwiesen, schlenderte einen schmalen Pfad dahin. Das Gras stand hoch, die Heuernte würde gut werden. Schade um das bunte Blumenzeug, das rot und blau und weiß mitten in die grüne Herrlichkeit vertropft war. Auf den Bücherwiesen lagen eine Anzahl kleiner Teiche. Aus denen her musizierten die Frösche, und ein wohltuender, kühler Luftzug strich herein.
Im Bogen die Wiesen überquerend, kam Heinrich Korn am unteren Dorfende wieder herein. Es begann zu dunkeln, aus den Bodenwiesen stiegen leichte, feine Nebel. Am Berteles-Häuschen blieb der Hohlöfner stehen. Marie Berteles kam über den Hof und grüßte.
»Mariele,« rief der Bauer, »ich will mir ein bißchen von eurem Flieder mitnehmen.«
»Gerne.« Das Mädchen stellte den Eimer hin und kam raschen Schrittes heran. Sie pflückte dem Hohlöfner einen Strauß des köstlichsten Flieders, der im Berteles-Gärtchen wuchs.
»Hör auf, Mädel,« mahnte der Bauer, »sonst muß ich ja deinen Handwagen nehmen.« Er maß Haus, Garten und Mädel mit einem vergleichenden Blicke. »Ihr paßt zusammen, das Haus, der Garten und du. Hat einen guten Blick gehabt, dein Vater. Schade um den Mann. Ist viel zu bald gestorben. Ihr stündet heute anders da.« Der Bauer steckte seine starke, scharfrückige Nase in den Strauß. »Da freut sich unsere Mutter. Was geb ich dir denn nun dafür?«
»Nix.«
»Sollst einen Mann für dich allein kriegen.«
»Einen wie du bist.«
Der Hohlöfner drohte mit dem Finger. »Du, die Sorte ist nit leicht zu behandeln. Hat lauter Raupen im Kopfe.«
»Wollt schon damit fertig werden. — Ich muß in die Stube, die Mutter wartet.«
»Und ich muß ins Wirtshaus. Dunnerlichting, so ein guter Geruch!«
Sie gingen lachend auseinander.
Im Wirtshause traf Heinrich Korn etliche Nachbarn, die, gleich ihm, auf ein Ruhe- und Plauderstündchen zusammengekommen waren. Albert Rösner, der Wirt, war des Hohlöfners Altersgenosse und guter Freund und steckte, wie der Bauer, voller Schnurren. Wenn sie sich begrüßten, dann lagen die Hände wie Klammern ineinander. Jeder drückte den anderen mit aller Kraft, die er aufzubringen vermochte. Es schmerzte, aber keiner verzog den Mund. Das war die hundertmal wiederholte Probe darauf, ob sie noch die Alten wären.
Der Händedruck war ausgestanden. Heinrich Korn rückte sich einen der schweren Stühle heran und schlug zur Begrüßung mit dem Knöchel der geballten Faust auf den Tisch. Keiner der Männer dachte sich etwas bei dieser herkömmlichen Form des Grußes, und er war doch uralte deutsche Art. Einst hatten die Urväter, wenn sie sich zum Trunke niederließen, die kurze scharfe Waffe mit festem Hieb neben sich in den Tisch getrieben, damit bedeutend, daß sie sich für die Zeit des Gelages wehrlos machten. Wenn sie den Humpen zum Munde führten und den Hals zurückbogen, wäre es ehrlos gewesen, den Dolch zu zücken.
Der Hohlöfner kam neben einen Mann zu sitzen, der zu den ständigen Gästen der Schönbacher gehörte und dem doch die weite Welt eben gerade groß genug war. Niemand wußte, woher er kam, wo seine Wiege gestanden, welch Schicksal ihn getroffen. Er war ein Landstreicher und, vielleicht, ein Genie. Nun zog er, die Fiedel unter dem Arme, durch die Welt, stimmte und besserte Orgeln und Klaviere aus und war ein Meister auf allen drei Instrumenten. Überall, wohin er kam, war er gern gesehen. Bescheiden, still, saß er unter den Männern, neigte das blasse, von dunklem feinen Bart und Haar umrahmte Gesicht lauschend vor und ließ die großen braunen Augen von einem zum anderen gehen. Meist erkannte er seine Stunde, war, wenn er das Maß voll wußte, verschwunden und suchte sein Strohlager auf. Ein Bett nahm er niemals an.
Die Fiedel unter dem Arme, kam er, fragte, ob etwas zu stimmen oder auszubessern sei, erledigte seine Arbeit und ging, still, wie er aufgetaucht war. In seinen Augen lag immer eine leise Trauer, und um die schmalen Lippen zuckte der Schmerz. Keine Bitte vermochte ihn an das Klavier zu zwingen. War aber seine Stunde da, dann stand er auf, fragte nach niemand, ließ sich durch keinen Lärm stören, spielte und — spielte ein großes Schweigen herauf. Der lebendigste Mund verstummte, der umnebeltste Sinn spürte das Wunder, das sich vor ihm auftat, das vertrocknetste Herz ahnte die heiligen Höhen der Kunst und die Abgründe menschlicher Not. Nicht für einen Bauernhof hätte der Mensch gespielt, wenn es von ihm gefordert ward. Seine Geige hat überhaupt niemand in der Nähe gehört, aber wenn Philipp Engel im Orte war, dann konnte es geschehen, daß, wer in aller Frühe auf sein Feld ging, stehenbleiben mußte, um den fast unirdisch schönen, wehmütigen Geigenklängen vom Waldrande her zu lauschen. Ging er darauf zu, dann fand er niemand. Das Spiel war verstummt, der Geiger verschwunden. Auch die Tasten meistern hatte den Mann mancher in seinem Leben überhaupt nicht, mancher einmal gehört, und nur Glückliche hörten ihn zwei- oder dreimal. Wer ihn aber hörte, vergaß die Stunde nicht wieder. Neben den kam der Hohlöfner zu sitzen, und als er sich niederließ, ging ein heller Schein über das Gesicht des Landfahrers.
Eine eigene Art hatte Philipp Engel den Gendarmen gegenüber. Er mochte deren einen treffen, wo er wollte, immer blieb er, geschah es auf der Landstraße, stehen, stand er, fügte es sich im Wirtshause, auf, zog bescheiden seine Papiere und bot sie dem Hüter der Ordnung zur Durchsicht und Prüfung. Die Männer kannten ihn, und selbst des Rauhesten Stimme ward weicher, wenn er abwehrte, die Papiere zu nehmen. »Lassen Sie das doch, Mensch. Ich kenne Sie ja doch lange genug und weiß, daß Sie keiner Fliege etwas zuleide tun.«
»Danke,« sagte dann der Fiedler mit leiser Stimme und ging, einen Schein blasser, seines Weges weiter oder zog sich auf seinen Platz zurück.
Heute hatte der Mann den Tag über die Schönbacher Orgel gestimmt, Lehrer Siebert, der selber viel musizierte, hatte ihm zugesehen und war ihm, die Tragik seines Lebens ahnend, innerlich nahegekommen. Die beiden waren hernach miteinander in den Wald gegangen, und der junge Lehrer hatte vor dem Landfahrer sein Herz ausgeschüttet. Er trug eine tiefe Liebe im Herzen, und diese Liebe hieß Marie Berteles. Es war so lächerlich, und es war so leidvoll. Ein armes, armes Mädel und — doch zu reich für den armen Schullehrer. Begehrt von einem, dem Haus und Hof zu eigen wurden und der, entgegen allem Herkommen, nicht nach Besitz zu fragen entschlossen war. Von Liebe umrankt das Mädchen. Im schlichten Alltagskleide eine Königin an Seele und Anmut.
Philipp Engel hatte genickt. Was sagte ihm der Lehrer Neues? Einzig, daß er Marie Berteles liebhatte. Sonst? Der Fiedler hatte sie aufwachsen sehen, die zwei Menschen, die nun einander liebhatten, und wem vermöchte der Weise von der Gasse her nicht in das Innerste zu sehen? Er nickte bei des Lehrers Beichte still vor sich hin, schwieg und streichelte leise die Jungmännerhand, die ihm zur Seite auf dem Waldboden lag, zarter, als eine Mutter zu streicheln vermag. Wortlos standen sie auf, schweigend gingen sie heim, still saßen sie unter den Männern in Albert Rösners Wirtshaus.
Der Hohlöfner reichte dem Fiedler die Hand. »Willkommen, Lipp. Hab schon gehört, daß du im Dorfe bist. Woher kommst du?«
»Weiß selber nicht.«
»Und wohin willst du?«
»Wohin? Die Wege gehen alle auf das gleiche Ziel.«
Das war so seine Art, und die Männer waren sie gewohnt. Das bisher flache Gespräch rann flach dahin. Der Hohlöfner gliederte sich ein und plätscherte mit. Der Fliederstrauß stand mitten auf dem Tische. Heinrich Korn trank lebhafter, als es sonst geschah. Erst löschte er den Durst, und dann hatte er Appetit. Er suchte heute keine Zielscheibe lustigen Spottes. So nahm ihn sein Jugendfreund, der Wirt, selber zum Ziele, neckte ihn mit seiner großen Nase, seinem Hedrich im Hafer, seinem Gras in den Kartoffeln. Heinrich Korn blieb keine Antwort schuldig und ging, warm gemacht, selber zum Angriff über.
»Was hast du heute wieder geschafft, Albert?«
»Mehr als du.«
»Ha, deine Arbeit vom ganzen Jahre trage ich im Purzelkorbe fort, und braucht nit einmal ein großer zu sein.«
Die Neckereien gingen hin und her, wurden allgemeiner, wurden derber. Sie beteiligten sich alle daran, wärmten alte Geschichten auf, und einzig Philipp Engel und Lehrer Siebert saßen schweigsam in der Runde. Dazu ward lebhafter getrunken als sonst. Keiner aber brachte die Rede auf Mariele und Rudolf, ja, es hatte niemand gefragt, woher der Hohlöfner den Fliederstrauß gebracht, der nun prangend in der Mitte der Tafel stand. Sie fühlten alle, daß hier ein Rührmichnichtan war, und hatten den Hohlöfner und die beiden jungen Menschen viel zu gern, um mit tolpatschigen Fingern über eine Sache zu fahren, die war wie ein zartes Pflänzlein, von dem sie wußten, daß ihm harte Stürme und Wetterwucht drohten. Zu harmlosem Plaudern zusammengekommen, war es ihnen doppelt lieb, wenn daraus ein paar lustige, vielleicht sogar übermütige Stunden wurden.
Als die Lust am höchsten war, die Köpfe heißer waren, das Lachen gegen die Decke krachte, trat Fritz Ender ein. Für einen Augenblick schien es, als wehe ein kalter Luftzug. Ender aber setzte sich still in die Runde, hörte zu und verzog ab und zu den Mund zu einem kleinen Lächeln.
Albert Rösner hatte eben erzählt, wie ihn Heinrich Korn einst im Manöver aufgesucht und, nach dem Lagerplatz seiner Kompanie zurückkehrend, über die Zeltpfähle des Hauptmannszeltes gestolpert war und das ganze Zelt niedergerissen hatte. Bevor sich aber der Hauptmann fluchend aus den Planen gearbeitet, war der Übeltäter verschwunden gewesen.
»Stimmt,« bestätigte Korn lachend. »War mir dazumal nit so wohl dabei wie heute, wo ich davon rede. Aber was will die Purzelei bedeuten? Bin wenigstens immer ein ehrlicher Kerl gewesen, habe nit gemaust wie der Wirt.«
»Gemaust? Wen hat er bemaust?«
Albert Rösner wußte, was nun kam, lehnte sich an den Schanktisch und wischte sich bereits im voraus eine Lachträne aus den Augen.
Korn berichtete, lebhaft Arme und Hände bewegend, wie der Wirt, mit ihm gleichzeitig bei der Garde dienend, mit anderen zur Hilfeleistung anläßlich eines großen Festmahls in das Berliner Rathaus kommandiert worden war. Es war ein heißer Sommertag, die Mannschaften hatten blitzsauberes Drillichzeug an, trugen die schweren Platten hinauf an die Tür des Festsaales und empfingen sie da, halb oder ganz geleert, aus den Händen der Diener zurück. Albert Rösner ward eine Platte mit Eis, das ein anderer vor ihm, wohlgeformt, hinaufgetragen hatte, zur Rückgabe überantwortet. Was wußte der Schönbacher Bursche von Fruchteis? Die Kälte der Platte fiel ihm auf, er leckte am Rande, das Zeug schmeckte wunderschön, und Albert beschloß, sich damit zu »betun«. An einer Ecke rasche, prüfende Blicke treppauf und -ab, ein paar flinke Griffe, Hosen- und Jackentaschen voller Eis gestopft. Und dann die Bescherung! Wie das Eis zerlief, wie es in langen Straßen an den Hosenbeinen herabsickerte, wie die Jackentaschen tropften! »So ging er,« der Hohlöfner sprang auf und lief wie ein watender Storch durch die Gaststube, »so schlang er,« er langte mit beiden Händen in die Taschen und stopfte sie in den Mund. Und alles wußte er so urkomisch, so voller harmloser Neckerei darzustellen, daß die Decke förmlich zu niedrig war für das aufstürmende Lachen.
Er setzte sich, schwang sein Glas: »Prost, Nachbarn! — Ich habe ihm Kinderwindeln angeboten, aber da wurde er falsch.«
Die Heiterkeit flaute ab, lebhafter aber kreisten die Gläser. Da begann Fritz Ender: »Wie ich noch diente — —«
»Du hast gedient? Wo denn?« fiel Eduard Langer spottend ein.
»Ach, wie er Knecht war auf dem Schmurer Gute,« bemerkte ebenso harmlos spottend der Hohlöfner.
Fritz Ender aber ward falsch. »Konnten nit alle solche Freßkisten kriegen wie du.«
»Freilich, bin bloß durch die Freßkisten Unteroffizier geworden.«
»Wird nit viel anders gewesen sein.«
»Nein. Akkurat so war's.«
Der Hohlöfner lachte dabei. Fritz Ender kniff die Lippen zusammen. Korn hatte auch nicht im entferntesten die Absicht, Ender weh zu tun. Der Zufall hatte es gefügt, daß der zur Zielscheibe wurde. Rasche Angriffe, schlagfertige Antworten, Korn hätte lachend quittiert, der Abend wäre ausgeklungen, wie er begonnen hatte. Im Ender-Bauern aber hatte sich langer Groll aufgehäuft. Der Hohlöfner kam vorwärts, er mühte sich, sicher nicht weniger ernsthaft, vergeblich. Ein nicht gerade stürmisch auftretendes, aber dauernd nagendes Gallenleiden verbitterte ihn. Korn bestritt ihm die Erle auf der Wiesengrenze, Rudolf schnappte das Mädel weg, das sich Ender für seinen Sohn ausgesucht. Der Bauer fühlte sich durch die harmlose Neckerei verletzt, er wollte weh tun.
»Wenn's mit dem Maule zu machen wäre, dann hätt'st du schon lange die ganzen Schönbacher aufgefressen.«
Noch quittierte der Hohlöfner lachend: »Dich nit, Ender. Du hast zuviel Knochen.«
»Tät'st lieber bei der kleinen Bertelessin anfangen, kann ich mir denken.«
»Ach nein. Den Bissen höb ich bis zuletzt auf.«
Ender verzog den Mund und nickte vielsagend vor sich hin. »Der Apfel fällt nit weit vom Stamme.«
Korn ward hellhörig. »Was willst du damit sagen?« fragte er scharf.
»Nix.«
Das Gespräch trödelte weiter, die Fröhlichkeit aber war verjagt. Ender war es, der die Rede auf Freite und Heirat brachte.
»Stand zu Stand,« sagte er.
Die anderen nickten, und der Hohlöfner bekräftigte: »Stand zu Stand! Immer, wie sich das gehört, sonst kommt nix Gutes dabei heraus.«
Ender lachte hämisch. »Wirst du das auch in der Hand haben? Sieht nit so aus, als wenn sich dein Junge Vorschriften machen ließe. Hat, wie's scheint, seinen eigenen Kopf.«
Was selten geschah, das geschah in dem Augenblicke. Der Hohlöfner war überrumpelt, war auf den Mund geschlagen, dachte nicht an das Mariele, vermutete, daß sein Sohn irgendeine leichtfertige Liebschaft angezettelt habe, daß eine Dummheit unterwegs sei. Es war eine ganz verrückte Enge, in der sich der Mann drehte. Das Mariele? Mit keinem Atemzug dachte er an sie. Wie wäre das auch möglich gewesen? Das hätte er merken müssen, wenn Rudolf ihr zu Gefallen gegangen wäre. Nein, er mußte im Begriff sein, sich irgendwie zu verplempern. Der Heimtücker, der Ender, wußte davon und wollte sich nun an ihm, dem Alten, reiben.
A bah, bange machen lassen? Er hatte es einen Augenblick ernst, ja, schwer genommen. Seine Stimmung schlug um, der Grundzug seines Wesens, Heiterkeit, der eine Neigung zur Überlegenheit nicht fremd war, brach durch, das reichlich und rasch getrunkene Bier war nicht ohne Wirkung. Er lachte schallend auf: »Ender, du Heimtücker, hätt'st mich, weiß Gott, beinahe kopfscheu gemacht.« Einer raschen Eingebung folgend, streckte er dem Ender die Hand über den Tisch entgegen: »Was gilt's? Mein Junge heiratet, die ich will, und es kommt mir keine in das Haus, die nit ihre abgezählten fünftausend Taler hat, oder ich will dem ganzen Dorfe den Hanswurst machen.«
»Topp,« schrie Ender aufspringend, knallte seine Rechte in die des Hohlöfners, hielt sie fest, ob sich auch Schmied Anders mit ganzer Wucht dazwischen warf.
Die Abmachung, lachend vom Hohlöfner angeboten, berechnend von Ender herbeigeführt und blutig ernst gemeint, war so rasch geschehen, wie wenn ein Blitz herabzuckt. Alle die Männer wußten mehr als der Hohlöfner, sahen längst im stillen dem Sturme entgegen, den sie ahnten, waren mit einem Schlage nüchtern und erschrocken bis in das Innerste.
Schmied Anders schlug mit den Fäusten auf die verkrampften Hände. Sie hielten fest.
»Hund,« brüllte er den Ender an, »das gedenk ich dir, daß du dem Besten Herzeleid machen willst. Laß dich nit wieder in meiner Schmiede sehn!«
Albert Rösner, der Wirt, schlug dem Hohlöfner derb auf die Schulter. »Heinrich, nimm's zurück. Das tut nit gut. Hast nit gewußt, was du machst. — Heinrich, nimm Vernunft an. Ein Mensch ist kein Scheit Holz. Laß los, Ender. Das geht nit gut aus, und du hast keine Freude daran!«
Ender wollte loslassen. Der Hohlofenbauer aber hielt eisenfest. Er hatte sich aufgerichtet, schwankte nicht, war blaß im Gesicht, seine Stimme schwang in tiefer Bewegung. »Nachbarn, ich hab's für einen Jux genommen. Ich sehe, daß es keiner ist. Nun sag ich's noch einmal: Wer den Hohlofenhof erbt, hat nit das Recht, sich zu hängen, an wen er möchte. Und keine kommt mir auf den Hof, die nit ihre fünftausend Taler mitbringt, oder ich will dem ganzen Dorfe den Hanswurst machen; und ihr wißt, daß ich nix schlechter vertrag als das Ausgelachtwerden.« Noch einmal griff er zu, daß dem Ender alle Knochen der Hand krachten. »Bin dir auf den Leim gegangen, Heimtücker. Freude sollst du nit daran haben.« Mit einem Ruck schleuderte er die Hand zurück und setzte sich, schlug auf den Tisch. »Noch eins, Albert! Ich muß das Gift hinunterspülen. — Macht nit solche Gesichter. Deswegen steht die Welt nit still, und der soll erst noch kommen, dem der Hohlöfner nit gewachsen wäre. — Prost!«
Die schlichte Fröhlichkeit der Männer war totgeschlagen. Sie spürten, daß Not frevelhaft heraufbeschworen war, rückten ab von Fritz Ender, scharten sich, gleichsam eine Schutzmauer bildend, um den Hohlöfner, aber keiner deutete selbst jetzt auch nur von fern auf das Berteles-Mariele hin.
Als sie sich in der Runde umsahen, waren zwei nicht mehr da, die zuvor unter ihnen gesessen. Philipp Engel hatte sich, als die Hände der beiden Männer ineinander knallten, erhoben, war totenblaß gewesen, hatte nach seiner Fiedel gelangt und war hinausgetaumelt. Als ihm Lehrer Siebert auf dem Fuße folgte, fand er ihn draußen an der Mauer lehnen. Der Mann weinte wie ein Kind, wies die Hand zurück, die ihm tröstend über das Gesicht fahren wollte, und ging mit langen Schritten hinaus in die Wiesen.
Im Berteles-Garten blühte der Flieder. Blau und weiß überschäumte er die grünen Büsche. Die Nacht kam. Der Schönbach rauschte sein Sommerlied hinauf zu den Erlen und Eschen und streichelte der Weiden schwanke Zweige. Wasseramseln und Eisvögel hatten ihre Nester in Uferlöchern und an Felsnasen aufgesucht. Eulen huschten über die Waldränder hin, und Fledermäuse streiften ihre Reviere ab. Still standen die Blumen, den Segen der lauen Nacht erwartend, leise erschauernd im Ahnen nahen Wetters. Es war schwül, und aus den feuchten Wiesen stiegen die Nebel. Da kam einer beinahe desselben Weges, den zwei Stunden früher der alte Hohlöfner gegangen war, gehorchte gern dem Gebot des Herzens und hatte doch eine tiefe Falte in der Stirn.
Rudolf Korn ging zu seinem Schatze und war in ernsthaftem Nachdenken vorhin zu dem Entschlusse gekommen, morgen mit den Eltern zu reden.
Das Mariele empfing ihn am Gartentürchen, eng umschlungen gingen sie den kurzen Weg zur Laube und ließen sich auf der Bank nieder, die einst Vater Berteles gezimmert. Um sie sang der Flieder seine blauen und roten Duftmelodien, der Jelängerjelieber wisperte, der Bach schwatzte, und durch feine Wolkengespinste sah der Mond herab.
Marie Berteles hatte die langen Zöpfe rechts und links über die Schultern gelegt, so daß ihr die Enden im Schoße lagen, hielt die Hände leicht verschlungen und lehnte in Rudolfs Arm. Mit freudig schwingender Stimme berichtete sie, daß Rudolfs Vater sich vorhin einen großen Busch Flieder geholt, und der Bursche lächelte.
»Hast ihn gut im Garn, Mariele,« sagte er. »Vergangenen Sonntag die Extratouren mit ihm getanzt, vorgestern auf dem Nußbühl zweistimmig mit ihm gesungen, heute der Strauß. Ich wüßte nit, woran es nun noch fehlen sollte.«
»Rudolf, ob er nix ahnt?«
»Nein. Verlaß dich darauf. Sonst hätte er etwas gesagt, dir oder mir, vielleicht allen beiden. Er ahnt nix. Geradezu blind ist er, aber ich weiß, was er von dir hält.«
»Es ist mir so bange.«
»Warum denn, Mariele? Tust, als hättest du gar nix mitzubringen.«
»Was habe ich denn auch? Das Häusel und unser kleines Feld? Da müssen wir Zinsen zahlen.«
»Soll denn der Mensch bloß nach den Talern fragen?«
»Ist nit recht, aber du weißt doch, wie die Leute sind.«
»Laß die Leute. Der Hohlöfner ist nit wie die Leute.« Und ernster redend: »Mariele, ich mache mir nix vor. Wärst du nit, die du bist, dann brauchte ich wohl überhaupt gar nit davon anzufangen. Aber du bist das Mariele, und das ist's. Hast mich gern, Mariele?«
»Ach, Rudolf, das mußt nit fragen.«
»Kann's aber doch gar nit oft genug hören und, weißt du, später sagt man sich das nit mehr.«
»Kann ich mir von uns zweien nit denken.«
»Ich auch nit. — Also hast mich gern?«
»Nit zum Sagen.«
»Womit beweist du das?«
Das Mariele lachte leise. »Ich weiß schon, was du willst. Da.« Sie richtete sich auf und wickelte dem Burschen ihre langen Zöpfe eng um den Hals, schmiegte sich an ihn und küßte ihn.
»Meinst du das?«
»Ja, das meine ich, und davon kann ich auch nit genug kriegen.«
»Wenn's nur nit so heimlich sein müßte.«
»Gerade darum ist's so schön. — Mädel, was mach ich bloß vor lauter Gernhaben? Ist's nit verrückt, geradezu verrückt, daß man einen Menschen so gern haben muß, einen fremden Menschen? Und daß du mich gern haben mußt! Einen Kerl wie mich!«
Und immer wieder die süßen, alten Torheiten, die der Mensch später belächelt und um derentwillen ihm doch noch in der Erinnerung das Herz rascher schlägt. Der Flieder sang seine duftenden Melodien, die Nacht feierte, eine gesunde, reine Liebe ließ ihre Opferflammen hoch aufleuchten.
Endlich rückte Rudolf mit seinem Entschlusse heraus. Das Mädchen fest an sich pressend, bekannte er: »Morgen rede ich mit meinen Leuten.«
Da wickelte das Mariele rasch die Zöpfe von seinem Halse und rückte ein Endchen von ihm ab. »Rudolf!«
Der aber scherzte: »Ist dir das etwa nit recht? Ich denke, du willst das Heimlichtun nit mehr haben.«
»Das schon, aber — — — Ach Gott, wenn's bloß erst vorüber wäre.«
»Mariele! Ich kenne doch den alten Hohlöfner. Wenn ich sage: Das Mariele ist's, dann spricht er: Du Töffel, warum hast du dazu so lange Zeit gebraucht? Und dann: Erst kommt der Alte und macht den Freiwerber, dann komme ich. Wirst sehen, so ist's.«
»Und wenn's nit so ist?«
»Wenn's nit so ist? Dann komme ich doch. Und komme gerade auf euer Haus zu und nit über die Wiesen. Das weißt du: Vom Mariele lasse ich nit!«
Sie schwiegen, lehnten aneinander, und aus tiefem Sinnen heraus sprach das Mädchen einen der Verse aus ihres Vaters schlichtem Büchlein.
Marie Berteles hatte es so schlicht und mit solch innerer Wahrhaftigkeit gesprochen, wie es der Vater einst geschrieben. Sie schwieg, und — da klang, kaum ein paar Schritte von ihnen, von drüben über dem Bache her eine Geige. In einer unendlich tiefen Wehmut sang sie, daß die Herzen sich den Klängen auftun mußten. »Der Lipp,« sagte das Mariele leise und scheu. »Der Lipp! Er ist wieder im Dorfe.« Und als sich Rudolf Korn erheben wollte, heiß und bittend: »Nit, nit, lieber Rudolf! Bleib, ich bitte dich! Kein Mensch hat ihn spielen sehen. — Ach Gott, am Ende ist das überhaupt gar kein Mensch nit. — So schön kann es gar keiner.«
Süß, schmerzlich süß klang die Geige durch die Nacht. Eine gottbegnadete, von des Schicksals Geißel blutig geschlagene Künstlerseele vertropfte hinein in des blühenden Flieders Duftmeer. Kein wilder Strich, kein rascher Laut, lauter Wehmut. Ein Herz spielte, das eben gesehen und gehört hatte, wie der Sturm aus seinem Schlafe gerissen wurde, dahinzufahren über junge Liebe und zu entblättern, was sich zum Blühen anschickte. Nicht Grabgesang war es, das der Geiger spielte, aber es war eine Melodie, deren Grundton Herzeleid hieß. Philipp Engel hatte schon eine ganze Weile unter der Erle gesessen, hatte, zuckenden Herzens, die süßen Torheiten von drüben her vernommen, sein Gesicht war darüber zu Stein erstarrt und war zerflossen in Trauer. Einst, ach einst! Er war gekommen, den beiden ein Lied zu spielen, wild, aufreizend: Wehrt euch! Seid stärker als die Niedertracht! Sein Arm war lahm gewesen und hatte die Geige nicht an das Kinn zu heben vermocht. Da kam durch die Nacht Marieles gläubiges: So baut der Himmel doch den Steg, auf dem die zwei sich finden.
Nun hob sich dem Geiger von selber der Arm, der Bogen setzte an, zog — tat es der Mann, tat es der alte Weltenmeister? — durch, fuhr auf und ab, die Finger griffen in die Saiten. Philipp Engel spielte Vater Bertels Lied, wehmutüberhaucht und doch voll tiefen, sieghaften Glaubens.
Das Mariele barg sich ganz fest in Rudolf Korns Arm, er fühlte, wie sie bebte, legte ihm die Arme um den Hals, weinte und schrieb es doch mit leuchtenden Zeilen an den Frühlingshimmel: Es wird alles gut werden!
Der Geiger brach ab. Das Mariele drängte ihren Schatz: »Geh heim!« Sie küßten sich nicht mehr. Ruhig, wie es immer seine Art war, ging Rudolf Korn heim.
Als er in die Stube trat, stand da auf dem Tische der duftende Fliederbusch. Heinrich Korn hatte ihn eine reichliche halbe Stunde nach der Abmachung mit dem Ender vom Tische genommen, war merkwürdig still gewesen, hatte zum Abschied wieder auf den Tisch geklopft und war langsam die Dorfstraße hinaufgegangen. Er fand sein Weib schlafend, legte sich nieder, grübelte eine kurze Weile, ahnte eine folgenschwere Übereilung, schämte sich, irgendwoher läutete ein Glöcklein: Armes Mariele! Da lächelte der Bauer wieder. Und ging es um die, war das Fernliegendste, Unwahrscheinlichste Wahrheit und Wirklichkeit, dann — war er immer noch Manns genug, einen Weg zu finden. So schlief er, leidlich beruhigt, ein. —
Philipp Engel war entschlossen, das Strohlager, das ihm Albert Rösner bereitet, nicht aufzusuchen. Er wollte seines Weges weitergehen. Als er aber auf den Bodenweg heraustrat, saß da unter einem wilden Rosenstrauch ein junger Mensch, hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Da kam Lipp nicht vorüber.
Er rührte sacht an Lehrer Sieberts Schulter: »Komm! Du hättest schlafen sollen. Was treibst du dich da in der Nacht herum, du Kind? Meinst du, du könntest nicht fertig werden mit dir? Hat sie dir Treue versprochen und lügt sie nun? Was hast du ihr in die Hand gegeben? Nichts. Sie hat ja nichts von dir gefordert. Geh, du Schwächling, den die Not kaum anrührt. Bis heute hat sie dich nur gestreichelt und schon das tut dir weh? Wie willst du denn fertig werden, wenn sie wirklich die Geißel schwingt?« Und milder, väterlich: »Komm, mein Bub. Ich könnte gut dein Vater sein. Komm, du mußt heim.«
Er schob seinen Arm unter den des Lehrers. Sie gingen die Dorfstraße hinauf.
An der Kirche stand Siebert still. »Ich habe die Schlüssel noch in der Tasche. — Komm, tu mir die Liebe.«
Durch das dunkle Kirchenschiff geisterte der Mond. Lehrer Siebert trat die Bälge, und Philipp Engel spielte. Der und jener der Schönbacher Bauern wachte auf. »Mein Gott, da spielt doch jemand Orgel. Mitten in der Nacht!«
Des Fragers Weib aber drehte sich knurrend auf die andere Seite.
»Schlaf! Du weißt doch, daß der verbummelte Orgelstimmer im Dorfe ist.«
Die Frühsonne schielte hinter gelben Wolken hervor, da trennten sich zwei an der Kirchentür, deren einer sich einen Schüler gewonnen hatte, der die ersten Zeilen in des Lebens krauser Notenschrift lesen gelernt hatte.
Hand in Hand standen sie. Da sagte der Landfahrer sinnend: »Wie fing es doch an? Ach ja: Die Linde rauscht, es scheint der Mond. — Leb wohl, ich muß weiter.«
»Wohin gehst du? Ich möchte dich immer zu finden wissen.«
Philipp Engel lachte wehmütig. »Du brauchst mich nicht zu suchen. Ich bin immer bei dir. Was du von mir haben mußt, kannst du jede Stunde haben. Das andere? Was willst du mit einem Scherbenhaufen?«
Die Fiedel unter dem Arm, schritt er das Dorf hinauf, und über ihm summte leise die große Glocke.