3.
Der Sonntagmorgen war schwül. Die paar Blumen, die im Garten des Hohlofenhofes standen, ließen die Köpfe hängen. Heinrich Korn selber lag es schwer in den Gliedern.
»Mir ist heute, als hätte ich gestern abend zu viel getrunken,« sprach er zu seinem Weibe.
Die neckte ihn. »Zu wenig wird es kaum gewesen sein.«
»Aber auch nit zu viel. Ich weiß immer noch, was ich sage und tue.«
»Das ist doch auch das wenigste, das man verlangen kann.«
»Sag das nit. Das kommt manchmal über den Menschen, er weiß nit wie.«
»Damit redet ihr euch immer heraus.« Sie wies auf den Fliederbusch. »Den sollten wir uns auch anpflanzen.«
Der Bauer antwortete nicht. Er war unruhiger in sich, als er zeigte, kratzte sich oft hinter den Ohren, hätte seiner Frau gern von gestern abend gesprochen und fürchtete doch ihre ruhigen, sicheren Augen und ihr treffendes Urteil. So verbohrte er sich darein: »Ich trage das selber aus. Was geht das die Weiber an? Aber mit dem Rudolf will ich reden.«
Und doch schob er auch das auf, obwohl ihm sein Sohn alle Augenblicke über den Weg lief.
Planlos ging er auf den Hof hinaus, stand vor dem verfallenen Mauerreste des Hochofens, der von Winde, Efeu und Thymian überwuchert war, und um den die Schmetterlinge gaukelten, kratzte sich wieder hinter den Ohren und wußte, daß er — ein schlechtes Gewissen hatte. Wenn's am Ende doch das Mariele war?
Rasch schritt er nach den Bienenstöcken hinüber. Die Tiere flogen aufgeregt hin und her. Es war noch reichlich früh im Jahre, aber sie schienen Anstalten zum Schwärmen zu machen. Recht; denn je früher ein Schwarm, desto besser.
Herrgott, wie die Sonne brannte! Heinrich Korn sah nach dem Himmel. Wolken türmten auf. In die Stube zurückkehrend, bemerkte er: »Heute donnert's noch, Mutter.«
»Ein Gewitter tät nit schaden. Nur keinen Hagel!«
»Möcht wissen, woher jetzt Hagel kommen sollte.«
»Hagelwetter kommt immer, wenn man's am wenigsten erwartet.«
»Hast recht. Wenn man's am wenigsten erwartet.«
Er kratzte sich wieder hinter den Ohren. »Wo ist der Rudolf?«
»Wo wird er sein? Ist ja die ganze Zeit hier herumgelaufen. Vielleicht ist er in seiner Kammer.«
»Ob er denn nit endlich einmal zum Heiraten tun will?«
»Wird er schon, wenn seine Zeit da ist. Das ist seine Sache und geht uns nix an.«
Und der Mann auffallend scharf und laut: »Das ist nit wahr. Ist nit seine Sache. Deine und meine ist's. Zuerst deine, du bist die Mutter und hättest dich längst umtun können.«
Minna Korn ward stutzig und hielt in ihrer leichten Hantierung inne. »Ich für den Rudolf auf die Freit gehn? Bist du denn nit recht bei Trost? Da läßt sich doch nix vorschreiben. Oder hast du dir das etwa anbefehlen lassen?«
»Ich! Wo doch alles so zusammen paßte. — Was meinst du zu dem Wolfert in Goßberg seiner Klara? Ich dächte, an der wäre nix auszusetzen.«
Minna Korn zuckte die Achseln. »Mir gefällt sie nit. Sie ist zu sehr auf den Staat aus.«
»Der Wolfert hat's dazu.«
»Desto weniger müßte es sein Mädel zeigen. — Laß das nit deine Sache sein. Das kommt alles, wie es muß. Um den Rudolf brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ich möchte überhaupt wissen, was heute in dich gefahren ist. Du tust so, so — — — Ich weiß nit, wie ich sagen soll, aber du bist gar nit wie sonst.«
»Dummes Zeug. Wenn man einmal mit dir etwas ernsthaft bereden will, dann ist man nit wie sonst.«
»Ja, dafür bist du halt auch der Hohlöfner.«
»Damit aber noch lange kein Hanswurst!« brauste der Bauer auf.
Die Frau ließ sich nicht einschüchtern. »Einen Hanswurst hätte ich auch nit geheiratet. — Dir liegt heute das Wetter in den Gliedern.«
»Muß wohl so sein.«
Sie schob ihm die Zeitung zu. »Da ist das Blatt. Lies derweile. Das Essen ist gleich fertig.«
Wann hätte der Hohlöfner je am Essen gemäkelt? Heute nörgelte er. Die Suppe war zu heiß, das Fleisch zu hart. Seine Frau sah ihn an und schüttelte den Kopf. Auch an dem Sohne rieb sich der Bauer. Er machte kleine, spitze Bemerkungen. Es wäre nachgerade Zeit, ihnen die Arbeit leichter zu machen. Egal die Schinderei und Plagerei und soviel fremde Leute auf dem Hofe.
»Darüber läßt sich reden, Vater,« entgegnete Rudolf. »Ich sehe ein, daß du es allmählich leichter kriegen mußt.«
Das aber war wieder nicht recht. »Bin noch kein alter Mann,« knurrte der Bauer. »Euch junges Volk stecke ich noch alle miteinander in die Tasche.«
»Dann weiß ich nit, was du willst, Vater.«
»Weiß ich selber nit.«
Und Rudolf lächelnd: »Scheint mir auch so.«
Da keifte der Hohlöfner: »Halt das Maul. Laß mir von dir keine Vorschriften machen.«
Immer stärker schüttelte die Bäuerin den Kopf. In Rudolfs Gesicht aber trat ein trotziger Zug.
Der Tisch war abgeräumt, Heinrich Korn hatte sich die Pfeife gestopft und lehnte in der Sofaecke, die Bäuerin las, die Brille auf der Nase, im kirchlichen Wochenblatte. Rudolf saß am Tische.
»Ich möchte etwas mit euch bereden,« begann er.
Die Mutter ahnte, was er vorbringen wollte, und wehrte ab. »Muß denn das jetzt sein? Du siehst doch, daß der Vater — — —«
Da fuhr der Bauer hoch. »Was soll mit mir sein? Noch bin ich der Herr im Hause!«
»Aber Vater, es ist doch nit ein Tag wie der andere, und du bist heut mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett gestiegen.«
»Steige immer mit dem richtigen aus dem Bett. — Und nun will ich wissen, was du angestellt hast.«
»Angestellt?« fragte Rudolf verwundert. »Was soll ich angestellt haben?«
»Hab schon einen Vogel pfeifen hören.«
»Kann ich mir denken, aber vielleicht hat er doch nit ganz richtig gepfiffen. — Ich möchte heiraten.«
Der Hohlöfner pfiff durch die Zähne, sah seine Frau triumphierend an, nickte ihr zu: »Hab ich's nit gesagt?« Und sich an den Sohn wendend: »Da bin ich auch noch da, und eine Sünde und Schande ist's.«
Immer verdutzter ward Rudolfs Gesicht. Zorn stieg stärker in ihm auf.
»Ich bin kein Schuljunge mehr, habe das Alter reichlich, habe mir bei den Soldaten die Nase putzen lassen — — —«
»Lange nit genug,« fuhr der Bauer dazwischen.
Nun aber riß die Bäuerin mit einem Ruck die Brille von der Nase und trat an den Tisch heran. »Vater, das ist nit von ungefähr. — Was willst du denn eigentlich? Du weißt noch gar nit, wen der Rudolf bringen will — — —«
»Wen er bringen will? Warum geht er nit damit heraus? Weil er weiß, daß du so gut nein sagen wirst wie ich; weil er weiß, daß das nit sein kann. Eine auf dem Hohlofenhofe, die — — —«
Minna Korn legte ihrem Manne die Hand auf den Mund. »Abwarten, Vater. Nit gleich so wild. Wenn's die ist, die ich denke, dann bist du's ebenso zufrieden wie ich. Rudolf, wer ist's?«
»Das Mariele. Doch keine andere.«
Minna Korn sah, durch ein paar vorwitzige Tränen lächelnd, auf ihren Mann. »Na und nun?«
Dem war der Mund offen stehengeblieben, er hielt die kurze Pfeife in der Rechten, sah ungläubig vom einen zum andern, war so völlig überrascht und hilflos, wie ihn auch seine Frau nie gesehen hatte.
Die strich ihm über den Kopf. »Gelt, Vater, wär alles nit nötig gewesen. Das liebe, liebe Mariele. Hast sie selber gern.«
Sie glaubte, völlig gewonnen zu haben.
Der Bauer aber schüttelte ihre Hand ab, fuhr sich über das Gesicht, stand auf, ging kopfschüttelnd hin und her. »Das Mariele! Das hätt ich nit gedacht. Alles andere, aber das nit.«
Da erkannte Minna Korn, daß sie doch noch nicht am Ziele war, und stutzte stärker als vorhin bei des Mannes grundloser Erregtheit. Er stampfte mir harten Schritten, bald den Namen »Mariele« murmelnd, bald ein »Dunnerlichting« zwischen den Zähnen zerbeißend, hin und her.
Rudolf begann, seine Sache wieder selber zu führen.
»Vater, gegen das Mariele wirst du kaum etwas haben können.«
»Hm,« brummte der Hohlöfner.
»Es gibt keine rechtschaffenere weit und breit.«
»Das ist das wenigste.«
»Ist heutzutag gar nit das wenigste. Die Zeiten sind anders geworden.«
»Mußt du mir das sagen?« Der Bauer fuhr sich durch die Haare, lachte zornig auf. »Abgekartetes Spiel. Ihr scheinheiliges Volk! Erst gehe ich euch auf den Leim, dann dem — — —« Er brach ab und hieb durch die Luft.
Sein Weib ahnte deutlich irgendein Vorkommnis.
»Wem bist du auf den Leim gegangen?« fragte sie.
»Den zweien. Dem Rudolf, der das Maul nit aufgetan hat, und dem Mariele, der — Scheinheiligen, die — —« Er arbeitete sich in hellen Zorn hinein, die Bäuerin aber ließ sich nicht verblüffen.
»Und wer ist der andere?«
»Der andere? Habe ich was von einem anderen gesagt? Nit ein Wort.«
»Doch, Vater, du sagtest: Und dem — —«
»Hör andermal besser hin. Überhaupt: Kümmer dich um deine Gänse und rede nit in Männergeschäfte.«
»Vor dem Essen waren's Weibersachen.«
»Kreiz Deibel, wer ist hier der Herr im Hause, du oder ich?«
»Das hat mit Herr und Haus nix zu tun. Du bist Rudolfs Vater und ich bin die Mutter, die ihn geboren hat.«
Rudolf trat dem Vater einen Schritt näher, und der Hohlöfner war überrascht, als er ihn mit den Augen maß. Geradezu eine Offenbarung war ihm sein Fleisch und Blut. War das sein Junge, der entschlossene, ruhige, kernige Mensch, in dessen Gesicht nur eins geschrieben stand: Ich weiß, was ich will, und ich gebe nicht nach!
»Vater, das ist nit von ungefähr, daß du so wild bist. Am Mariele kann's nit liegen. Ich bitt dich, laß uns ruhig über die Sache reden. Was hast du am Mariele auszusetzen?«
Der Bauer ließ sich wieder in die Sofaecke fallen. »Erstens, daß sie mir um den Bart gegangen ist, um mich zu kirren.«
»Sie hat es ehrlich gemeint und ist nit anders gewesen als früher. Wär aber ein komisch Mädel, das den Sohn heiraten will und den Vater schlecht behandelt.«
»Laß mich nit behandeln.« Der Hohlöfner sah an seinem Weibe vorüber, die jetzt ruhig wartend zur Seite stand, beobachtete und kein Wort mehr verlor. Er wußte, daß sie seine Schauspielerei durchschaute, versuchte aber den Schein zu wahren und fuhr ruhig und scheinbar sachlich fort: »Zweitens: Du kriegst den Hohlofenhof. Das ist der größte in Schönbach und den Nachbardörfern. Damit übernimmst du eine Verpflichtung, Rudolf. Du stehst nit für dich, wie ich nit allein für mich stehe.« Im pastoralen Ton redete er, täuschte seinen Sohn, nicht aber seine Frau, die, leise lächelnd, zum Fenster hinaussah.
Der Bauer aber, nachdem er eine Weile ruhig geblieben, sprang, der Abmachung gedenkend, sich erinnernd, daß er erklärt, er wolle sich einen Hanswurst nennen lassen, sich des Enders höhnisches Gesicht vormalend, und doch in Wirklichkeit einzig überwältigt von heißem Erbarmen mit dem lieben blondzöpfigen Mädel, mit beiden Beinen wieder mitten hinein in seinen Zorn, gegen sich selber wütend.
»Soll der Einzige vom Hohlofenhofe nit mehr können, als das ärmste Mädel frein? Was nutzen die langen Zöpfe? Mag sich das Zeug abschneiden lassen, daß sie aussieht, wie sich's gehört. Könnte den beiden Weibern so passen, sich ins warme Nest zu setzen. Ist eine verfluchte Heuchelei, und du Hansnarr bist ihnen auf dem Leim gegangen. Soll sich was schämen, die alte Bertelessin.« Er hieb auf den Tisch. »Kommt mir keine auf den Hof, die nit wenigstens ihre abgezählten fünftausend Taler hat! Punktum. Mein letztes Wort. Richte dich danach!«
Rudolf stand eine dicke Zornesader auf der Stirn. Er sah den Vater an. Der schlug die Augen nieder. Des Sohnes Blick war schmerzlich und war verächtlich.
»Dein letztes Wort,« begann er. »Gut, wenn's denn gleich und durchaus bis zum Letzten ausgeredet sein muß. Ich denke aber, wir reden trotzdem noch einmal darüber. Sagen wir in drei Tagen. Das ist Zeit genug zum Nachdenken.« Der Hohlöfner fluchte, seine Frau stand bereit, zwischen die Männer zu springen, Rudolf beherrschte sich, aber er ging unerbittlich auf sein Ziel los.
»Vater, hättest du dir die Mühe gemacht, mich kennenzulernen, dann wärst du heute nit so verwundert. Ich weiß, daß du mich für einen Schwächling gehalten hast. Du hast all die Jahre her kaum ein gutes Wort für mich gehabt. Ich habe nie gehört, daß du etwas gelobt hättest, das ich machte. Es war nit leicht, sich damit abzufinden. Weise mir eine einzige Stunde nach, in der ich dir die schuldige Ehrfurcht versagt hätte. Ich tu's auch jetzt nit, aber ich sage: Der da jetzt redet, ist nit der Hohlöfner, das ist ein anderer. Der Hohlöfner ist nit hartherzig, ist nit geldgierig, hat das Mariele so gern wie ich. Dem Hohlöfner könnt ich jetzt die Hand geben und sprechen: Ich danke dir, Vater. Du sollst sehen, daß du mit uns zweien, dem Mariele und mir, ein schönes Alter haben wirst. Dem andern aber sage ich: Vom Mariele lasse ich nit! Nit wenn der Himmel einstürzt! Du hast vom Hof geredet. Was der Hof ist, weiß ich. Es ist nit ein Stein, nit eine Furche, die mir nit heilig wären, aber: Hier das Mariele, da der Hof, und ich nehme das Mariele. Ich will dich nit nötigen, Vater, aber tu mir den Gefallen und laß uns in drei Tagen noch einmal darüber reden. Daß das Mariele nit viel Geld hat, weißt du. Bleibst du dabei, daß sie fünftausend Taler mitbringen muß, dann — treibst du mich aus dem Hause; denn es ist keine Aussicht, das Geld zusammenzubringen. Und warten, bis ich graue Haare habe oder auf deinen Tod lauern, das tue ich nit. So, Vater, das wäre, was ich zu sagen hätte. Nix zu viel, nix zu wenig. Und jetzt gehe ich zum Mariele. Vom Mariele laß ich nit!«
Er ging mit festen Schritten zur Tür hinaus. Dem Hohlöfner aber hatten des Sohnes männliche Worte die Sprache verschlagen. Fremd sah er sich in der Stube um, fremd blickte er auf sein Weib. Die setzte sich neben ihn, und die hellen Tränen liefen ihr über die Wangen: »Vater!«
Der Bauer erwachte. »Mutter, war denn das unser Junge?«
»Ja, Vater, das war unser Junge, so ehrlich und so gut, wie er ist. — Und nun, Vater, tu mir die Liebe und rede dich aus. Was ist gewesen?«
»Was soll gewesen sein? — Nix ist gewesen.« Und langsam wieder der Alte werdend: »Soll ich mir Vorschriften machen lassen? Nehme ich den Hof mit? Ist es zu viel verlangt, daß die künftige Hohlöfnerin fünftausend Taler mitbringen soll?«
»Vater, warum hast du mich geheiratet? Soll ich jetzt, nach siebenundzwanzig Jahren, hören, daß du mich bloß genommen hast, weil ich Geld hatte?«
»Mutter, red kein dummes Zeug.«
»Ich laß nit nach, Vater, ich will wissen, warum du mich gefreit hast. Hättest du mich auch genommen, wenn ich so arm gewesen wäre wie das Mariele?«
»Himmel, Herrgott!«
»Laß das Fluchen! Ich kenn dich besser, als du denkst. Mir machst du nix vor. Ich werde auch noch hinter das kommen, was dich heute kopfscheu macht. — Also du hast das Geld geheiratet, nit mich?«
Der Bauer sprang auf, rannte hin und her, tobte, fluchte, wütete gegen sich selber, bis es ihm herausfuhr: »Der Hund! Das will ich ihm gedenken!«
Minna Korn nickte, lächelte ein ganz klein wenig bitter, aber sie blieb beharrlich. »Keine Antwort ist auch eine Antwort.« Und, auch ein wenig schauspielernd: »Ist bitter, das nach beinahe dreißig Jahren zu hören, wo ich dich doch so — —«
»Hör auf, Mutter! Siehst du denn nit, daß ich nit anders kann? Ich sitze doch fest wie der Fuchs im Eisen. Ich kann nit anders! Fünftausend Taler! Das Mariele — —« Er knallte die Tür hinter sich zu, nach dem Garten zu gehen, traf im Hausflur den Sohn, der, zum Ausgehen gerüstet, die Treppe herabkam.
»Wohin willst du jetzt?«
»Ich geh zum Mariele.«
»Willst du dich und mich dem ganzen Dorfe zum Spott machen?«
Rudolf zuckte die Achseln. »Ich glaube nit, daß einer darüber spottet.«
»Heiliges Kreuz! Bist du denn ganz begriffsstutzig? Der Ender spottet darüber!«
»Was frage ich nach dem Ender!«
»Du nit, aber ich.«
»Tut mir leid, Vater, und war sonst nit deine Art. Ich — geh zum Mariele!«
»Und ich leid's nit!«
Wieder zuckte Rudolf die Achseln. »Ich kann nit anders!«
Da stürmte der Bauer an dem Sohne vorüber und verschwand hinter der Scheunenmauer im Garten.
Rudolf kehrte noch einmal kurz in die Stube zurück.
»Mutter, es tut mir leid, aber ich kann nit anders.«
»Zeit lassen, Rudolf, nit gleich oben hinaus. Und nit vergessen, daß er dein Vater und daß er ein guter Vater ist.«
»Habe ich zu viel gesagt?«
»Wäre manches nit nötig gewesen.«
»Dann will ich's ihm abbitten.«
»Gesagt ist gesagt.«
Rudolf nahm der Mutter Hand. »Mutter, kannst du dir denn gar nit denken — — —«
»Alles kann ich mir denken. Daß du aber jetzt zum Mariele laufen mußt, das ist nix weiter als Trotz.«
»Nein, Mutter, ich hab's versprochen. Was meinst du, wie lange sie schon auf mich wartet. Sie hat doch niemand. Ihre Mutter kann nit mit. Und nun ist sie ganz allein — — — und weiß doch, daß es nit gut ausgelaufen ist, denn sonst wäre ich eher gekommen.«
Da nickte die Mutter. »Ihr jungen Leute! Immer gleich, als müßte der Himmel einstürzen. Bleib nit zu lange.«
Als Rudolf draußen eben aus dem Tore trat, lief ihm der Ender in die Hände, der zum Vater wollte.
»Ist der Vater daheim?« fragte er.
»Ja, aber triffst's nit gut.«
»Warum nit?«
Rudolf sah ihm fest in die Augen. »Gerade vorhin hat er von dir geredet. — Was hast du gegen das Mariele?«
»Ich? Nit so viel.« Der Mann schnippte mit dem Finger. »Was kann ich dafür, daß dein Vater fünftausend Taler verlangt?«
»Hat er das verlangt? Wann denn?«
»Frage ihn selber. Was geht's mich an. Ich habe mit mir zu tun. Und jetzt gehst du zum Mariele?«
»Wenn du's wissen willst, ja.«
Er trat dicht vor ihn hin. »Ender, du hast Menschen, die dir nichts getan haben, bittre Not gemacht. Wärst du nit ein alter Mann, dann wollt ich dir's heimzahlen. So — — — Es kommt dir von selber heim.«
Hinaus war der Bursche. Der Bauer aber verzog hämisch den Mund.
Minna Korn saß am Fenster, die Hände im Schoße, sinnend. Da trat Ender ein. »Tag.«
»Tag, Ender. — Du kommst mir wie gerufen. Gerade dich brauche ich. Da kann ich mir den Weg zum Wirte ersparen.«
»Was willst du beim Wirte?«
»Wissen, was gestern abend gewesen ist.«
»Was soll gewesen sein?« Ender sah an den forschenden Augen der Frau vorüber. »Ist dein Mann nit da?«
»Muß gleich wiederkommen. Er ist nur auf einen Sprung in den Garten gegangen.«
»Ich wollte der Erle wegen mit ihm reden.«
»Tu's nit. Ich rate dir. Du triffst's heute schlecht.«
»Hab's schon vom Rudolf gehört. Der ist zum Mariele.«
»Das ist er. Muß einmal aufhören, die Heimlichtuerei.«
»Sage ich auch. Ich weiß gar nit, was dein Mann an dem Mariele auszusetzen hat.«
»Nix. Gar nix. Wär ihm keine lieber, aber — — —«
»Das mit den fünftausend Talern ist doch dummes Zeug. Darauf braucht ihr doch am allerwenigsten zu sehen.«
»Wir sind keine reichen Leute, aber du hast nit unrecht. Rudolf braucht nit nach dem Gelde zu heiraten. — Und nun will ich wissen, wie das im Wirtshause war.«
Ender hätte lieber unter der Dachtraufe gesessen als vor den klaren, entschlossenen Augen der Hohlöfnerin. Er drehte und wand sich, gab da eine Kleinigkeit zu und dort eine. Die Bäuerin aber war wie ein zäher Bergsteiger, der, wenn es not tut, sich mit seinem Blute festklebt. Schritt für Schritt erkämpfte sie, sah auch zuletzt nicht völlig klar, wußte aber doch, daß ihr harmloser, polteriger, überehrlicher Mann das Opfer eines niederträchtigen Streiches geworden war. Sie richtete ihre Augen voll und klar auf den Enderbauer, sprach, wie Rudolf vorhin gesprochen, aber innerlicher, mütterlich herzlich, und der Mann ward ganz klein und still vor ihr.
»Ich will's ihm ja zurückgeben,« sagte er. »War ja überhaupt gar nit so ernst gemeint.«
Minna Korn aber blickte ihn traurig an. »Da kennst du meinen Mann schlecht. Du hast ihm den Popanz Auslachen und Hanswurst hingestellt, er hat ihn angenommen, er ist der einzige, der ihn aus der Welt schaffen kann und wird. Darüber aber vergehen böse Wochen und Monate, vielleicht Jahre. Wenn ein Mann, wie der meine, etwas sagt, das wie Eisen ist, dann stirbt er, ehe er das nit hält. Ender, Ender, was hast du für Elend angerichtet! Das kannst du nit gewollt haben.«
»Wahrlich nit. Ich will mit deinem Manne reden.«
»Nutzt alles nix. Jetzt richtet auch der Herrgott nix mehr bei ihm aus. Das muß durchgebissen werden. Ich rate dir, komm andermal wieder.«
Ender erhob sich, zu gehen. Als er auf die Tür zuschritt, trat der Hohlöfner herein, die Hand auf den Mund pressend.
Heinrich Korn war vorhin in tiefer Erregung hinaus in den Garten gegangen. Der von Grund aus gütige und harmlos heitere Mann war völlig aus der Bahn geschleudert. Hintergangen! Von wem? Von seinem Sohne und dem Mariele? Hm, auch mit, und doch nicht eigentlich. Von seiner Frau? Offenbar hat sie mehr gewußt als er selber und doch sicher nichts Genaues und Bestimmtes. Von den Nachbarn? Warum hat sich der Schmied gestern auf die verschlungenen Hände geworfen? Auch sie hatten also allerhand gewußt und hatten nicht ein Sterbenswörtchen darum verloren. Warum nicht? Aus Falschheit? Hohlöfner, sei ehrlich. Das war nicht Falschheit, nur: Sie kennen dich alle, sie wissen, daß du dich von deinem raschen Herzen treiben läßt, und wissen, daß man bei dir am allerwenigsten voraussagen kann, wie du eine Sache aufnehmen wirst. Und du hättest ja dem Mariele beide Arme entgegengebreitet. Geld! Was fragst du nach Geld? Du hättest über das ganze Gesicht gelacht, hättest das Mädel mit beiden Händen an seinen blonden Zöpfen gezupft, hättest — — — Ach, was hättest du alles vor Freude darüber angestellt, daß dein Rudolf ein so fixer, unternehmender Kerl ist, daß dir das Mariele Enkelkinder schenken wird, daß — — — Und nun! Ender! Du — Satan! Aber so schlecht kannst auch du nicht sein, daß du bis aufs Tüpfelchen gewußt hättest, was du machst. Du bist auch ein Mensch, bist Bauer und Vater! Und — wie war das doch? — Herrgott, ich habe ja selber das verrückte Wort gesagt. Ich, ich!
Es war eine ehrliche Selbstkritik, aber sie war doch nicht so gründlich, daß sie die Stützen ganz verschmäht hätte. Wie der Rudolf vorhin gesprochen! Gleich vom Fortlaufen. Aber — — — Er hatte recht. Das kann man ihm nicht zumuten, daß er alt und grau wird. Und alles um fünftausend Taler! Ja, aber in demselben Maße um das Auslachen, um den Hanswurst. Grade weil der Hohlöfner so heiter ist, weil er gern neckt, lauert er darauf, daß ihn keiner für einen Hanswurst nimmt. Er weiß, daß er eigentlich immer auf der Messerschneide läuft. Diesseits ist er überlegen, jenseits ist er ein Narr. Und er ist kein Narr! Er ist ein Mann, der selbst im Scherz männlicher ist als die meisten. Warum soll ein Mann nicht scherzen und lachen können? Ihm, dem Hohlöfner, steht die Nase nun einmal so, und er kann nicht aus seiner Haut. Von nun an knurrend durch die Tage gehen, wortlos am Mariele vorüber?
Dem Bauer ist die Pfeife ausgegangen, wütend schreitet er auf sein Bienenhaus zu, reißt die Tür auf, knallt sie in das Schloß. Die Bienen aber sind erregt. Ein ganzes Volk will wandern, eine neue Staatengründung steht bevor, Dinge, an Ernst nicht zu überbieten. Und da fährt einer mit Geknall und tolpatschigen Händen dazwischen!
Heinrich Korn blickt auf das Gewimmel. Wie sie rennen, surren, schwirren. Wie bei den Menschen, wie vorhin in der Stube des Hohlofenhofes! Ist denn heute alles verrückt? Die Schwüle, die Auseinandersetzung, das aufgeregte Hin und Her im Bienenstock, des Sohnes Drohung: Dann treibst du mich vom Hofe!
Da: Tüt tüt. Die Königin tutet. Es geht dem Bauern durch Mark und Bein. Auswandern, einen eigenen Herd bauen wie — sein Sohn und das Mariele?
»Mußt mir das auch noch sagen, dummes Viehzeug?« keift er, poltert heraus aus dem Bienenhause, knallt wieder die Türe zu, daß das ganze Haus schüttert, will davongehen. Will gehen und — rennt doch zuletzt; denn die beleidigten Bienen sind über ihm.
Der Hohlöfner läßt sie sich sonst über die Hände laufen. Heute, — er ist ganz von Sinnen, — schlägt er nach ihnen. Piek, der Stich saß im Nacken, piek, der auf der Rechten. Da ist sogar ein Vieh ins Hosenbein gekrochen. Au! Klatsch. Dunnerlichting! Der Stich saß in der Unterlippe. Jetzt rennt der Hohlöfner, schlimmer als vor acht Tagen der kleine Adolf Heger. Jetzt ist er im Hausflur, jetzt reißt er die Tür auf, und — da steht Fritz Ender.
»Was willst du?«
»Mit dir reden. — Kannst wohl nit einmal mehr willkommen sagen?«
»Dir nit mehr.« Und immer hält der Hohlöfner die Hand vor den Mund. Wie das anschwillt! Das geht binnen Ja und Nein. Ein paar rasche Schritte vor den Spiegel. Richtig, der Mund ist, als wäre er vorgeschuht. Wieder die Hand davor. Das braucht der Ender nicht zu sehen. »Was willst du? Mach's kurz.« Es klingt bereits, als würde mit dem Stampfer Kartoffelbrei gerührt.
»Wir müssen der Erle wegen reden. Die muß weg. Schattet mir zu viel und tut mir zu viel Schaden an der Wiese.«
»Ist recht. Grade wie ich's haben will.«
»Vater!« Die Bäuerin legte ihm mahnend die Hand auf den Arm.
Der Mann schüttelte sie ab. »Hast etwa Mitleid mit dem? Das wäre grade richtig. — Die Erle ist mein!«
Und Ender ruhig: »Das eben wissen wir nit. Ich hab keine Lust, mit dir zu prozessieren. Wir müssen ausmessen lassen.«
Der Hohlöfner juckte sich am Bein, malmte die Worte wie Brei, wirkte komisch und erhöhte die Wirkung durch seine Erregung.
»Ausmessen? Prozessieren? Den Deibel tu ich! Nix wird gemacht.«
Dabei riß er die Hand vom Munde. Die Unterlippe hing herab wie ein breiter Hemmschuh.
Erst stutzte der Enderbauer, dann überwog das Lächerliche allen Ernst derart, daß er laut auflachte und in die Hände schlug. »Hohlöfner, in aller Welt! Wo hast du denn den Hemmschuh gekauft?«
Das war unklug. Der Hohlofenbauer hob die Faust, sein Weib mußte dazwischenspringen, fluchte und brachte doch kein Wort mehr deutlich heraus.
»Nun erst recht ist die Erle mein. Wäre mir bei einem anderen nit darauf angekommen, aber dir — keinen Span!«
»Hohlöfner,« entgegnete der Enderbauer, jetzt wieder der hämische Mann, »setz auf eine Dummheit die zweite. Ist deine Sache. Jeder, wie's ihm paßt, aber das sage ich dir: Die Erle steht nit mehr so lange wie dein Vorlegeschloß vor dem Maule hängt. Bis du das abgehängt hast, liegt der Baum. — Ich hab nix mehr zu sagen. Lebt wohl.«
Minna Korn drehte ihren Mann kurz auf dem Absatz herum. — »Laß den. Der ist nit wert, daß du dich mit ihm begibst. Was ich von ihm denke, hat er gehört. — Guck in den Spiegel. So siehst du aus. Und nun wunder dich nit, wenn einer über dich lacht. Zum Sterben ist's nit.«
Der Bauer stand abermals vor dem Spiegel, und das verschwollene Gesicht sah so komisch aus, daß sein Träger selber nicht wußte, sollte er lachen oder fluchen. Er hielt es mit keinem, knurrte, warf sich in die Sofaecke und stützte den Kopf in die Hand.
Sein Weib setzte sich kopfschüttelnd neben ihn. »Was hast du bloß mit den Bienen gemacht, Vater? Du kannst dich doch sonst dazwischen legen und tut dir keine was.«
»Was werde ich gemacht haben? Ist eben alles heut verrückt, und wegkommen sie, die Viecher.«
Dann langte er nach der Pfeife, brannte sie an und qualmte in dicken Wolken.
Es war eine Weile still, und eine dicke Brummfliege taumelte zornig gegen Decke und Wände. Lastende Schwüle lagerte über der Stube.
Der Hohlofenbauer horchte auf. »War das nit eben gedonnert?«
»Es donnert schon eine ganze Weile.«
»Ist Rudolf wieder heim?«
»Er ist ja kaum fort.«
»So. Hältst ihm die Stange. Ich weiß schon.«
»Nit mehr, als recht ist. — Ihr Männer! Bindet euch andermal Schürzen um, wenn ihr ins Wirtshaus geht. Uns Weibern passieren solche Dummheiten nit. Hast einen schönen Streich gemacht.«
Der Bauer paffte jetzt, daß er in Wolken gehüllt war. Aus dem Gewoge kam es dumpf und knurrend: »Laß mich nit auslachen.«
»Das ist der Popanz, auf den du aus bist wie ein junges Mädel auf den Tanz. Mach's danach, und es lacht dich niemand aus.«
Und ernster und herzlicher: »Vater, ich weiß genug vom Ender, um mir die Sache zusammenreimen zu können. Nun tu mir den Gefallen und erzähle, wie's richtig war. Dann brauch ich nit andere Leute drum zu fragen, und wir können sehen, wie wir weiterkommen; denn aus der Welt muß die Sache. Ich kenne meinen Hohlöfner gut genug, weiß, wie lieb dir das Mariele ist, und daß die Hälfte vorhin Getue war.«
Wieder kämpfte die Bäuerin sich schrittweise vorwärts. Heinrich Korn wand sich, wie vorhin der Ender. Er war seiner Frau nicht gewachsen. Gab er sich jetzt wahr, so daß ein ehrlicher Schmerz in seiner Stimme klang, so polterte er nachher in gemachtem Zorn. Eigensinnig aber beharrte er darauf: »Ich geb nit nach, und ich laß mich nit auslachen.«
»Nun will ich auf Ehr und Seligkeit wissen, ob du etwas gegen das Mariele hast,« verbiß sich sein Weib.
»Was soll ich gegen das Mädel haben? Hab immer meinen Spaß mit ihr gemacht.«
»Gut. Dann ist's also das Geld. Woher soll sie das nehmen?«
»Kann mir egal sein. Ich geb's ihr nit.«
»Gib's mir. Dann will ich's ihr geben.«
»Untersteh dich!«
»Daß ich von den beiden armen Weibsleuten lasse, das wirst du nit verlangen, und ich tu's auch nit. — Mann! Mann! Gib nach, sag dieses einzige Mal nur: Ich hab mich überrumpeln lassen.«
»Du willst mich kennen und verlangst, daß ich hier nachgebe? Nit einen Schritt! Das Mädel bringt die fünftausend Taler und dann — — —« Er brach ab und zuckte die Achseln, »oder — es wird nix daraus.«
»Und Rudolf?«
»Soll er tun, was er nit lassen kann.«
»Und wenn er fortgeht?«
»Mache ich ihm noch die Türe auf.«
»Das ist nit dein Ernst.«
»Mein heiliger.«
Da ging die Bäuerin langsam auf ihren Fensterplatz. Wieder nach einem Weilchen stand der Bauer auf, sich einen Krug Wasser zu holen.
In der Küche trat ihm die Kleinmagd entgegen, die eben ausgehen wollte.
Sie schlug lachend die Hände zusammen: »Jesses, Bauer, wie seht Ihr denn aus?«
»Noch lange nit so dämlich wie du.« Er nahm sie am Arme und schob das kichernde Ding hinaus.
Als er in die Stube zurückkehrte, setzte draußen urplötzlich der Regen ein, als wenn Mulden vom Himmel herab ausgeschüttet würden.
Marie Berteles saß harrend am Fenster. Das Herz schlug ihr bis zum Halse. Die zaghafte, kleinmütige Mutter machte es ihr nicht leicht. Alle Bedenken und Einwände, die das Mädel selber wußte, unterstrich sie mit einem »Du wirst sehen, daß ich recht habe. Wo kann das sein, daß du armes Mädel auf den großen Hof kommst, wo der Rudolf noch dazu der Einzige ist!«
»Mutter,« bat die Tochter gequält, »mach mir's nit noch schwerer, als es schon ist. Was kann ich dafür, daß wir uns gern haben?«
Sie sah zum Fenster hinaus, blickte zum Himmel empor, an dem sich die Wolken türmten, lief rasch noch einmal in den Garten und brach ein paar Fliederdolden, kehrte zurück und wartete. Und die Uhr schlug, der und jener ging draußen vorüber, der Wind machte sich auf, und die Baumkronen rauschten; den sie erwartete, der kam nicht. Sie schlang die Hände ineinander, wickelte sich nach ihrer Gewohnheit die Zöpfe um die Handgelenke, zerdrückte eine Träne im Augenwinkel.
Es war also doch anders gegangen, als Rudolf erwartet, anders, als sie im stillen gehofft. O weh! Und Rudolf hatte sich das so schön gedacht: Der Vater, lachend und gewichtig, als Freiwerber, dann er selber, zuletzt die Mutter, darüber Sonne und Sommerglück. O weh, nun kam eine harte Zeit.
Die Uhr tickte. Zimmermann Witter, der am Fenster vorüberging, wies nach dem Walde: »Es kommt aus dem Schlachthaken her. Wir müssen uns auf was gefaßt machen.«
Da — kam Rudolf die Straße herab, allein, schon im Gehen verratend, daß er tief erregt war. Und sein Gesicht, als er näher kam! Blutleer, ernst, hart. Das Mariele wagte nicht, von der Bank aufzustehen.
»Tag!« Rudolf reichte Mutter Berteles die Hand. »Berteles-Mutter, Ihr wißt, wie es um uns beide steht. Wir wollen nun zum Heiraten tun, und ich will Euch fragen, ob Ihr etwas dagegen habt. Bin ich Euch recht?«
Alles kurz und knapp und hart.
Und die Mutter weinerlich: »Ach Gott, Rudolf, ob du mir recht bist! Ich wüßte keinen, dem ich das Mariele lieber gäbe, aber ich weiß halt nit, ob sie deinen Leuten recht ist.«
»Darüber reden wir nachher.« Er trat auf das Mariele zu, zog sie von der Bank empor, nahm sie in die Arme: »Ich laß nit von dir!«
Sie barg sich wie ein verängstigter Vogel an seiner Brust.
»Der Vater will's nit?« fragte sie leise.
Rudolf streichelte ihr das Gesicht. »Nit so ängstlich sein. — Ob er will?« Er zuckte die Schultern. »Vorläufig tut er so, als ob er nit wollte, aber ich glaube nit, daß das seine richtige Art ist. Ich habe ihm gesagt, der da so wild täte wie ein Stier, das wär nit der Hohlöfner.«
»Rudolf, um Gottes willen, du hast doch nit zuviel gesagt?«
»Ich denk nit. Würde auch jetzt kein Wort anders sagen.«
Mutter Berteles saß weinend hinter dem Tische. »Ich hab's gesagt, ich hab's doch gesagt.«
»Was hat er gegen mich?« fragte das Mariele.
»Bring fünftausend Taler mit.«
Die Mutter schlug die Hände zusammen, das Mariele hätte Rudolf nicht überraschter ansehen können, wenn er ihr erzählt, am Fliederstrauche im Berteles-Garten seien Trauben gereift.
»Fünf—tau—send Taler!« Mutter und Tochter riefen es aus einem Munde. Während aber die Mutter bestätigend nickte und murmelte: »Ja, die reichen Leute!« schwieg die Tochter in Weh darüber, daß das Bild des lieben, fröhlichen Mannes so häßlich verzerrt ward. Er war — wie die anderen, und sie hatte ihn hoch über die anderen gestellt.
Und eine Stunde später lebte doch wieder etwas wie Zuversicht in ihr. Rudolf glaubte nicht, daß der Vater unerschütterlich bei seiner Forderung bleiben werde. Darin ging das Mariele gern mit ihm. Zaghaft aber nur folgte sie ihm, als er allen Ernstes erklärte. »Und gibt er doch nit nach, dann, Mariele, schaffe ich uns ein ander Unterkommen. Es geht nit so rasch mit dem Heiraten, aber es geht.«
»Nit, nit,« schrie die Bertelessin auf. »Nit gegen den Vater! Ist kein Segen dabei!«
»Soll ein Segen dabei sein, wenn ein Vater seinen Einzigen zeitlebens unglücklich machen will?« trotzte Rudolf.
»Ach Gott, ich hab's doch gesagt!« jammerte die Bertelessin. »Hätt' ich's nur nit zugegeben, als noch Zeit war.« Sie ging hinaus, diese und jene kleine Hantierung in der Wirtschaft zu verrichten; denn wenn die Hände arbeiteten, ward es dem Herzen leichter. Die jungen Leute aber saßen und planten und wachten erst auf aus düsteren Zukunftsträumen, als ein Wetterschlag das Haus erzittern machte.
Ja, das Wetter kam vom Schlachthaken her, dem Waldtale, das an dem großen Bogen des Flusses lag, in den der Schönbach mündete. Ein kurzer, wilder Regen rauschte, dann mit einem Male dumpfe, unheimliche Stille. In die Stille hinein ein rasender Blitz, dem unmittelbar prasselnder Donner folgte. Die Bertelessin kam schreiend in die Stube gerannt. »Es hat eingeschlagen!«
An ihr vorüber stürmte Rudolf die Treppe hinauf, keine Flammenzunge, kein Schwefeldampf. Er kam zurück. »Alles in Ordnung.«
»Dann ist's nit weit gewesen,« beharrte die Bertelessin. »Horcht auf, wenn sie das Feuerhorn blasen.«
Es schallte kein Feuerhorn. Wieder ward eine dumpfe Stille. Darauf kam von fern her ein Rauschen. Es knirschte wie der Ton einer unheimlichen Säge. Dann, langsam beginnend und sich jäh steigernd, das Prasseln des Hagels.
Mutter Berteles hatte die Hände gefaltet und stammelte mit zuckenden Lippen: »Mariele, Mariele! Was haben wir dem lieben Gott zuleide getan? Es — ha — gelt!«
Schwere Hagelkörner sausten nieder und sprangen hoch auf, der Berteles-Hof war weiß, als hätte es geschneit. Urplötzlich, wie der Hagel eingesetzt, brach er ab und ging in einen wilden Regen über, durch den die Blitze zischten und die Donner grollten.
Der Schönbach ward im Handumdrehen zum wildrauschenden Wasser, das sich am Zaune des Berteles-Gartens staute, weil ihm eine niedergebrochene Esche den Weg verlegte und in ihren Armen das Holzzeug aufhielt, das der Bach mitbrachte. Die Esche konnte nicht liegenbleiben. Das Wasser hätte den ganzen Berteles-Garten überschwemmt.
Rudolf Korn und das Mariele warfen sich alte Jacken über; der Bursche ließ sich Beil und Säge geben. Im strömenden Regen arbeitete er, und das Mädchen ging ihm zur Hand. Sausend grub sich das Beil in Äste und Krone der Esche. Die fuhren das Wasser hinab. Der Stamm war kahl, aber er hielt noch immer vielzuviel auf. Wieder flogen die Späne. Noch ein Hieb. Jäh führten die Wellen die beiden Stücke des Eschenstammes mit fort, so jäh, daß deren eines Rudolf Korn gegen die Füße schlug, daß er stürzte, daß ihn die Wellen hineinrissen in den wilden Bach.
Das Mariele schrie auf, rannte hinab am Bache. Rudolf klammerte sich an einen Weidenast. Sie reichte ihm die Hand, triefend stand er neben ihr. Da umschlang sie ihn und vermochte nichts zu sagen als: »Nit auseinander, nit, nit!«
Rudolf Korn ging kurz danach hinter dem Dorfe weg heim, begegnete niemand im Hause, zog sich in seiner Kammer um und ging an die Arbeit im Stalle.
Alle Felder nach der Bücherseite, die gegen den Schlachthaken zu lagen, waren schwer vom Hagel getroffen worden. Der Hohlöfner aber hatte seine Felder auf der anderen Seite gegen Dornweg und Nußbühl hin. Die Hagelgrenze war wie mit dem Messer gezogen und führte unmittelbar hinter den Häusern der linken Dorfseite weg. Hier hatten kaum die Gärten Schaden gelitten.
Der Abend kam, ein leuchtender, frischer Sommerabend. Vom Walde her duftete das junge Grün der Birken, Lerchen stiegen zum Himmel hinauf und sangen ihre Lieder.
An den Bücherfeldern aber standen verstörte Menschen. Wer versichert hatte, und das hatten die meisten getan, überrechnete, wie groß sein Schaden trotzdem noch sein werde. Wer die Ausgabe gescheut oder sie nicht hatte wagen können, wußte, daß er auf lange hinaus geschlagen war.
Zu den am schwersten Betroffenen gehörten Pauline Berteles und Fritz Ender, von denen die eine nicht versichert hatte, weil ihr der Betrag zu hoch war, der andere, weil er klüger war als andere Leute. Mit verbissenem Gesicht stand der Enderbauer vor seinen verhagelten Äckern und grollte: »Wer nit hochkommen soll, der kommt einmal nit hoch.« Kantor Ritter und Lehrer Siebert kamen daher. Zwischen ihnen ging die Hohlöfnerin. Ritter sprach dem Ender sein Bedauern aus. Er kam übel an. »Nix glaube ich mehr,« keifte der Ender. »Hab dem Herrgott nix getan, habe ihn in Ruhe gelassen. Warum muß er mir das antun!« Der verbitterte Mann lief davon, kam an das Feld der Berteles, und die Alte lief ihm entgegen, Mitgefühl suchend. »Ender, was soll nun bloß werden!«
»Was werden soll?« Der Bauer sah sie giftig an. »Nun wird das halt länger dauern mit den fünftausend Talern.«
Das hatte die Hohlöfnerin gehört und, was sie sonst kaum getan, das tat sie nun. Sie nahm Pauline Berteles in die Arme: »Nit jammern. Solange wir satt werden, sollt ihr auch nit Hunger leiden. Und das sag ich,« zum Ender gewandt, »die Heimtücker sollen ihre Freude nit haben. Komm, Mariele, morgen sieht das nit mehr so schlimm aus.«
Den dreien gesellte sich Lehrer Siebert zu. Er ging mit dem Mariele hinter den beiden Müttern drein. »Fräulein,« sagte er leise, »ich würde Ihnen so gern helfen. Meine Eltern sind tot, ich — verfüge allein über das, was sie mir hinterließen, und — — —«
Freudig überrascht schlug das Mädchen die Augen zu ihm auf. Der junge Mann war blaß vor Erregung und sah sie mit einem so demütigen, bittenden Blicke an, daß das Mariele verlegen ward, ohne indessen zu ahnen, daß hinter den guten Augen stille, tiefe Wünsche lebten. Sie reichte dem Lehrer die Hand: »Ich danke Ihnen. Vielleicht können wir allein damit fertig werden. Schulden sind fix gemacht und schwer bezahlt.«
Lehrer Siebert lächelte. »Die Schulden hätten Sie nicht gedrückt. — Guten Abend. Ich will noch einmal durch die Bodenwiesen gehen. Es ist so schön jetzt nach dem Regen.«
Inzwischen hatte die Bertelessin in aller Harmlosigkeit der Hohlöfnerin von Rudolfs Unfall erzählt. Als die drei Frauen am Berteles-Garten auseinandergingen, hielt Minna Korn Marieles Hand lange fest: »Nit den Kopf hängen lassen, Mädel. Es ist noch lange nit aller Tage Abend.«
Wie Lehrer Siebert, so hatte auch Rudolf Korn noch einmal den Weg nach den Wiesen eingeschlagen. Er wollte sehen, ob der Bach viel verschlammt habe. Und siehe da, die große Grenz-Erle war weg. Der Blitz hatte sie getroffen und ihre Trümmer weit über die Wiese hingeschleudert. Sinnend stand Rudolf an dem Stumpfe. Wo war nun der Streit? Der Blitz, den die Bertelessin ihrem Hause vermeint, hatte sich die Erle ausgesucht. Kopfschüttelnd blickte der Bursche über die Wiesen, auf denen die Blumen langsam die Häupter hoben, ging zurück, traf Lehrer Siebert und schlenderte mit ihm auf dem Bodenwege heimwärts.
Die Eltern waren bereits zur Ruhe gegangen. Er klopfte an die Kammertür und berichtete, daß der Blitz die Erle zerrissen und die Fetzen zum Teil auf ihre, zum Teil auf des Enders Wiese geworfen habe.
Das kam der Hohlöfnerin wie gerufen. Sie hatte ihrem Krauskopf eben berichtet, daß das Mariele den Rudolf gerettet. »Siehst du,« fuhr sie triumphierend fort, »es ist nix von ungefähr. Warum muß dich die Biene in die Lippe stechen, daß du jetzt nit reden kannst? Hättest du gestern abend das Maul gehalten. Womit einer sündigt, damit wird er gestraft.« Sie redete allerhand und kam immer wieder zu dem Schlusse: »Das sage ich dir: Ich lasse so wenig vom Mariele wie der Rudolf.«
Der Hohlöfner aber grollte: »Und ich geb nit nach!« Er schlief wenig, ging mit sich ins Gericht, schalt sich. Doch: »Nachgeben tu ich nit und kann ich nit, und wenn mir der Junge den Stuhl vor die Tür setzt. Aber das wäre das erste Mal, daß der Hohlöfner einer Sache nit gewachsen wäre. Und das Mädel muß mir auf den Hof!«