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Der Hohlofenbauer

Chapter 5: 4.
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About This Book

A rural community portrait centers on Marie Berteles (Mariele), a lively, hardworking young woman admired across her village, and the budding attachment between her and the Hohlofenbauer's son. The narrative traces everyday rhythms—seasonal customs, churchgoing, field and stable work—and the informal gossip, teasing and tender care of neighbors and family. Scenes emphasize parental attention and gentle rivalry, the practicalities of household labor, and small-town etiquette. Through intimate domestic moments and communal rituals, the work observes how affection, social expectation and generational perspectives shape courtship and village life.

4.

Die Tage haspelten ihre Stunden ab, jeder seine vierundzwanzig, und deren fünfzehn oder sechzehn hatten ihr gerüttelt Maß Arbeit. Rudolf Korn ging stiller durch das Haus als sonst, aber er ging dem Vater nicht aus dem Wege, bot ihm die Zeit, fragte dies und jenes. Die Antworten waren kurz und brummend. Auch die Bäuerin hatte ihre Not. Den ruhigen Darlegungen wich der Mann jetzt um so mehr aus, je mehr ihm sein Gewissen allein die Schuld gab.

Der und jener der Nachbarn, mit denen er am Sonnabend im Wirtshause gesessen, traf ihn, brachte die Rede auf das Hagelwetter, deutete an, daß der Ender beinahe verdiene, was ihm widerfahren, daß dafür aber die Bertelesfrauen um so mehr zu bedauern seien. Er sei vorhin dem Mariele begegnet. Die sehe ja geradezu zum Erbarmen aus.

Der Schmied, zu dem der Hohlöfner die Stute zum Beschlagen selber führte, weil sie schwierig zu behandeln war, ward deutlicher.

»Heinrich,« zürnte er, »da hast du eine Dummheit gemacht, das sage ich.«

»Ist meine Sache. — Beschlag die Stute.«

»Mache ich auch, aber meine Meinung sage ich doch. — Du bist ein Hitzkopf und mußt nachgeben.«

»Den Deibel werde ich tun.«

»Heinrich, mach dich nit zum Gelächter! Es steht außerdem keiner auf dem Ender seiner Seite.«

»Langt, wenn er selber darauf steht. Gesagt ist gesagt. Ich habe nit zu viel verlangt. Dabei aber bleibt's. Und nun schlag zu, sonst gehe ich zum Goßberger Schmied.«

Wer wußte, daß der Hohlöfner Tag und Nacht über einen Weg sann, auf dem er dem Mariele helfen könne, daß er, wenn er sich allein wußte, schon sogar etliche Male vor sich hin genickt und gelächelt hatte, daß er schon so weit war, zu sagen: Nachgeben? Natürlich muß ich nachgeben und werde es tun, aber den will ich sehen, der mir's ins Gesicht sagen darf!

Der Mittwochabend kam. Heinrich Korn und sein Weib saßen in der Stube und besprachen die Arbeit für morgen.

Da trat Rudolf herein, bescheidener noch, als es sonst seine Art war, und doch mit entschlossenem Gesicht.

»Vater, ist dir's recht, wenn wir noch einmal über die Sache reden?«

»Recht oder nit, red. Was herauskommt, müssen wir sehen.«

»Vater, wenn ich am Sonntag zu viel gesagt habe, dann denk nit mehr daran. Ich hab dir nit wehtun wollen.«

Der Hohlöfner wischte mit der Hand über den Tisch. »Wenn die Schüssel zerschlagen ist, kann sie bloß wieder geflickt werden. Ganz wird sie nit wieder.«

»Habe ich denn wirklich zu viel gesagt? Ich — könnte ja heute auch nit anders reden.«

»Ich auch nit.«

»Du bleibst also bei den fünftausend Talern?«

»Ja. Anders nit.«

»Und das Mariele selber?«

»Hab nit gedacht, daß die einmal an Mutters Stelle treten könnte, aber — — —« Er strich wieder über den Tisch.

Und Rudolf bitter ernst: »Was nun, Vater? Sollen wir warten, bis ich hier auf dem Hofe die fünftausend Taler verdient habe, sollen wir beide, du und ich, wie die letzten Tage, wie Hund und Katze umeinander gehen? Beides kannst du nit verlangen. Ich sehe keinen anderen Weg als den, daß ich aus dem Hause gehe und wir, wenn ich einen Posten gefunden habe, heiraten. Ich will mir nit vor dem ganzen Dorfe die Schande antun, daß — — —«

»Ist das nit schon Schande genug, daß du davonlaufen willst wie der erste beste Ochsenknecht? Bin der Hanswurst so und so. Laß ab von dem Mädel. Mag sie heiraten, wen sie will. Du nimmst dem Wolfert aus Goßberg seine Klara.«

»Ich nehme keine andere als das Mariele!«

»Dann,« der Hohlöfner war unheimlich ruhig, »weißt du deinen Weg.«

Jetzt warf sich seine Frau dazwischen. »Nun hört die Narrheit auf! Was jetzt geschieht, das ist Frevel, und das leid ich nit!«

Zum ersten Male seit dem Tage ihrer Hochzeit standen sich der Hohlöfner und sein Weib kämpfend gegenüber. Der Bauer aber war eigensinnig wie ein Kind. »Ich laß mich nit auslachen!«

Minna Korn legte ihre Hand hart auf den Tisch. »Du gibst nit nach, Mann?«

»Ich kann nit.«

»Und du willst nit im Hause bleiben, Rudolf?«

»Ich — kann nit.«

»Gut. Ihr könnt nit. Ich kann und verlange, daß ihr mich hört. — Du gehst, Rudolf, darin sehe ich auch keinen anderen Weg und will ihn nit sehen, aber du wirst das Mariele nit eher heiraten, als bis dein Vater sagt: Bring sie mir.«

»Nein, Mutter, ich werde — — —«

»Still! Du wirst nit! Ich verlang's, und ich bin deine Mutter!«

»Gut, ich will — ein Jahr warten.«

»Ein Jahr? Wenn's zwei werden, wirst du's auch überstehn. — Nun macht's kurz. Was sein muß, wird am besten gleich ausgestanden. Wieviel willst du Reisegeld haben? Gar nix? — Und wohin willst du gehen? In die Stadt? Geh!« Sie reichte ihm die Hand. »Halt dich brav, Rudolf, und denk an deinen Vater und an das Mariele. An mich brauchst du nit zu denken. Ich helfe mir durch. — Gebt euch die Hände, ihr zwei Dickköpfe. Wenn ihr schon auseinandergehen müßt, dann — nit in Feindschaft.«

Wortlos hielt Rudolf dem Vater die Hand hin, murrend legte der Vater die seine darein. Der Mann hätte aufbrüllen mögen, das Herz donnerte ihm gegen die Rippen, es verklagte ihn. Der Sohn, der mit hart aufeinandergelegten Lippen vor ihm stand, tat ihm in der Seele leid, Scham und Schmerz waren hundertmal größer als der Zorn, und — er konnte doch nicht. Seinem Weibe tief dankbar, war er entschlossen, in dem Augenblicke, da sie allein waren, den Rückzug, den er angetreten, zuzugeben, mit ihr zu beraten, wie der Knoten zu entwirren sei, ohne nach außen hin sein: Ich bin der Herr und kann nit anders! aufgeben zu müssen.

»Leb wohl,« knurrte er, »hab nit gedacht, daß das einmal so kommen würde, muß halt auch ertragen werden. — Vergiß nit, wer du bist.«

Rudolf lächelte bitter, setzte an zum Sprechen, die Mutter schob ihn aus der Tür.

Nun sie mit ihrem Manne allein war, pflanzte sie sich in ihrer ganzen Breite vor ihn hin. »So, nun hast du's so weit. Du wirst nit sagen können, daß ich dir vor dem Jungen nit alle Ehre angetan hätte, nun wir aber allein sind, nun sag ich dir: Eine Sünde und eine Schande ist's, was du deinem unschuldigen Fleisch und Blut antust. Und um einen Popanz! Weil du, dem jeder den Hanswurst machen soll, wenn's dir paßt, dich selber zum Hanswurst gemacht hast. In der ganzen Welt ist's nit erhört, daß ein Vater seinem Sohne die Heimat nimmt, der nix weiter wollte, als ihm das beste Mädel als Schwiegertochter bringen, das einer bringen kann.«

Der Hohlöfner, der sich erhoben hatte, wollte zu sprechen beginnen, ganz ruhig, beinahe demütig. Sein Weib ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Sag nix!« Ihre Stimme schwankte, die Tränen ließen sich kaum noch zurückhalten. »Wenn ich dich noch soviel achten soll,« sie wies ihm ein Fingerglied, »wenn es nit auch zwischen uns aus sein soll, — —«

»Herrje, Mutter, nit gar so eifrig!«

»— — — dann tust du alles, daß das Herzeleid bald vorübergeht.« Ihre Stimme brach. »Das halt ich nit lange aus, zwischen Mann und Kind zu stehen, dem Kinde recht geben zu müssen und den Mann gegen den Sohn zu verteidigen, wo jedes Wort eine Lüge ist. — Zwischen dem Mariele und dir bleibt's das alte. Du sollst den Leuten nit den Jux machen, eine Feindschaft zu heucheln, die nit ist und nit sein darf. Ich will dem Mariele helfen, und über mich hinweg wirst du es tun. Soll niemand davon wissen. Auch das soll niemand wissen, daß du und Rudolf im Bösen — denn anders ist's nit — auseinander gegangen seid.« Das eifernde Weib war nun ganz Gattin und Mutter, warf sich ihrem Manne ungestüm und laut aufweinend an den Hals. »Vater, nun sind wir allein, und Rudolf — —«

Auch den Hohlöfner würgte es im Halse. Er strich seiner Frau über den Scheitel. »Still, Mutter, still. Ich weiß alles, brauchst nix mehr zu sagen, und — ich will's gutmachen. Es soll nit lange dauern. Der nachgibt, Mutter, das bin ich, aber — das verlang nit, daß ich einem Halunken den Spaß mache, mir das ins Gesicht sagen zu können. Ich kenne sie alle. Ist mir keiner feind und gönnt mir doch jeder einen Duck; denn ich bin all die Jahre her besser vorwärtsgekommen als sie, und das können sie nit gut vertragen.« Er legte ihr den Arm um die Hüfte, zog sie an den Schreibschrank, nahm ein Papier. »Komm, wir wollen anfangen, daß die zwei das Geld zusammenbringen, das sie mit ihrer Hände Arbeit allein nit in Menschengedenken zusammenkriegen. Komm, setz dich, Mutter. So. — Wie alt ist Rudolf? Sechsundzwanzig gewesen? Er hat mir also zwölf Jahre den Knecht gemacht. Jetzt würde er im Jahre hundert Taler kriegen, vorher achtzig — — —«

Der Bauer hatte den Kopf geneigt, schrieb Zahlen, strich durch, rundete ab, zählte zusammen, schob seiner Frau das Papier hin: »Meinst du, daß es so recht sein wird?« Die sah darauf. Runde tausend Taler, dazu fünfhundert von der seligen Muhme her, die der Vater für den Sohn verwaltete, dessen Sparkassenbuch mit zweihundert Talern. Da legte sie dem Manne die Arme um den Hals, barg ihr Gesicht in seinem dichten Haar, weinte. »Hat der Herrgott wohl noch so einen närrischen Mann geschaffen, wie du bist?«

Und der Bauer, wehmütig lächelnd: »Ich weiß nit, Mutter, aber mich, das weiß ich, mußt du halt so verbrauchen, wie ich bin. — So, Mutter, das kannst du ihm geben. Ist ein Anfang. — Und jetzt gehe ich schlafen. Kommst bald nach?«

Helle Tränen in den Augen, stand die Frau, sah ihrem herzensguten Kindskopf nach, löschte die Lampe und stieg hinauf in des Sohnes Kammer.

Sie reichte ihm den Zettel. »Das ist euer Anfang.«

Rudolf schüttelte den Kopf, und auch ihm schoß es heiß in die Augen.

»Mutter, muß das sein? Hätte denn das nit auch anders gehen können? Ich weiß, was er dem Ender — — —«

»Still, Rudolf, halt dich an das vierte Gebot und halte dich an die Ehre.« Sie nahm ihn fest in die Arme. »Ein gutes hat die Zeit auch. Du lernst sehen, wie es anderen Menschen zumute ist, du lernst schätzen, was du einmal erben wirst. Es ist dem Menschen gar nit gut, wenn alles glatt und eben geht. Bis jetzt hast du nix erlebt. Vielleicht wirst du es deinem Vater noch einmal danken, daß du die Fremde kennenlernen mußtest. — Still, kein bitter Wort. Ich bitte dich! Die Zeit soll nit lang sein, dafür wird — der Vater sorgen. — Gehst du noch einmal zum Mariele? Mach's kurz und halt an dich! — Ich gehe morgen selber einmal auf einen Sprung ins Berteles-Häusel. — Rudolf, willst du denn ganz aufs Geratewohl in die Stadt? Hast du noch gar keinen Plan?«

»Wenn's sonst nit klappt, suche ich den Richard Frieders auf, der mit mir an einem Geschütz diente. Der weiß Rat.« Noch ein kurzes Aufschluchzen, das die Mutter nicht ganz zu unterdrücken vermochte, der Sohn war allein. —

Als Rudolf Korn am frühen Morgen die Treppe herunterkam, stand der Vater an der Stubentür. Er heuchelte kein zufälliges Zusammentreffen, hatte gewartet und begann mit rauher Stimme: »Sollst nit fortgehen, ohne daß ich dir eins sag: Könnt ich's ungeschehen machen, ich tät's. Ich kann nit. Man ist nit ungestraft der erste im Dorfe, und Schadenfreude tut jedem gut. Nimm's, wie's ist. Lange soll's nit dauern. Und das Mariele ist mir recht. Das habe ich dir sagen wollen, war aber nit nötig, daß es die Mutter hörte. Da ist noch ein Zehrgeld. Vielleicht brauchst du's nit ganz. — Leb wohl.«

Droben am Treppengeländer aber stand die Bäuerin, hatte alles gehört, kehrte leise in die Schlafkammer zurück, weinte und schüttelte den Kopf. »So ein Mann!«


Der Weg zur nächsten Eisenbahnstation wäre anderthalb Stunden weit gewesen. Rudolf Korn ging ihn nicht. Er wollte zu Fuß in die Stadt gehen. Die sechs Stunden Marsch würden ihm gut tun. Herb wehte die Morgenluft. Ringsum auf den Wiesen lagen Teiche verstreut. Schilf und Rohr säumten sie, Erlen und Weiden überschatteten sie. Nebelfahnen schienen in ihre Wiegen zurückzusterben. Taufeucht standen die Gräser am Wege. Glockenblumen hingen die Köpfe. Die Sonne aber kam und küßte ihren Kindern, die sich in der Nacht verlassen gewähnt hatten, die Tränen aus den Augen. Rot gerändert standen feine Wolkengebilde über den weiten Wäldern. Blaugrün grüßten die fernen Frankenwaldberge herüber.

Waldeshallen taten sich vor dem Wandernden auf. Zwischen den Stämmen zerflatterte die Nacht nur langsam. Auf weichem Boden war der Schritt unhörbar, und es geschah ganz von selber, daß die Bitterkeit in Rudolf Korn abebbte und die Augen hell wurden für die hundert wechselnden Bilder, die den Weg kürzten. Golden leuchteten die Johannisblumen auf den sumpfigen Wiesen. Ein Rudel Rehe äste auf einem Kleefelde, das, zur Försterei gehörig, in den Wald hineingesprengt war, der Kuckuck rief, im Tale rauschte ein Bach unter Farnkraut dahin, dessen Wedel an Größe den Palmzweigen nicht nachstanden. Jetzt schimmerte eine weite Wasserfläche durch die Stämme. Es war der große Haussee, das größte der viel hundert Wasserbecken, die, in den Senken des weiten Landstrichs gelegen, diesem geradezu seinen Charakter gaben.

Wunderbare Morgenstille über dem See. Das Röhricht rauschte, und die Erlen wisperten. Was kam es auf eine Stunde des Verweilens an? Die Stadt lockte wahrhaftig nicht. Der den Weg zu ihr nahm, beugte sich bitterem Muß.

Rudolf Korn ließ sich in der Nähe des Teichhäuschens nieder, das Bild zu genießen, das morgendlich rein vor ihm lag, und kam wieder ins Sinnen. Sein junges Mannestum bäumte auf. Der Vater ließ seinen Einzigen ziehen! Narrheit! Narrheit! klagte das Herz an. Und das sinnende Auge sah die Mutter vor sich, die, zwischen Tür und Angel stehend, das Kunststück fertiggebracht hatte, zugleich den Vater zu decken und dem Sohne gerecht zu werden. Er schüttelte den Kopf. Um eines raschen Wortes willen solch ein Jammer! Narrheit! Eine Stimme aber kam über das Wasser wie bittende Mutterstimme. Sag nix, richte nit, dein Vater ist der Hohlöfner! Der ist bekannt ob seiner Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit, ob seines heiteren Wesens, aber auch ob seiner Empfindlichkeit und Starrköpfigkeit. Den darfst du nicht mit gewöhnlichem Maße messen. Du mußt, im Guten und im Bösen, einen anderen Maßstab nehmen. Wie hat er den Vaterhof übernommen, was sagte Muhme Henriette, des Großvaters Schwester? Die Brombeeren wären durch die halben Felder gelaufen, und die Steine hätten so dicht darauf gelegen, daß die Körner kaum ein Plätzchen zwischen ihnen hätten finden können. In guten Jahren hätten sie ihre fünf Zentner auf den Morgen gebaut, in schlechten drei. Und heute? Kein Brombeergerank mehr auf irgendeinem der Äcker. An ihren Rändern Steinhalden, auf denen die Schieferbrocken und -platten zu Millionen gehäuft waren. In schlechten Jahren auf den Morgen zehn Zentner Frucht, gewöhnlich deren zwölf bis fünfzehn. Hat der Vater nicht seinerzeit — es mag gute zehn Jahre her sein — einmal im Wirtshause erklärt, er wolle beweisen, daß er auch den Ertrag auf dem Nußbühlacker bis auf fünfzehn Zentner zu bringen vermöchte? Gelänge es nicht, möchten sie ihn alle miteinander als Großhans auslachen. Und es gelang. Drei Jahre hintereinander wallfahrteten die Schönbacher geradezu nach des Hohlöfners Acker auf dem Nußbühl. Endlich machten sie es ihrem Führer nach. Er riß das ganze Dorf mit. Und so in der Viehhaltung. Er hatte das Kroppzeug im Stalle beseitigt, hatte die Simmentaler eingeführt, hatte wieder das Auslachen dagegengesetzt, wenn sie nicht einschlügen. Sie waren eingeschlagen. Heut gehörten die Schönbacher dem Herdbuchverein an. In allen Ställen standen die starken rotbunten Simmentaler. Wie viele Ehrenämter hatte man dem Vater angetragen. Schulze sollte er wiederholt werden, Vorsitzender in allen möglichen Vereinen. Er hatte es abgelehnt. »Ich will nit mehr sein, als der ich bin, der Hohlöfner!« Die Leute hatten sich damit abgefunden, aber sie legten seine Weigerung doch als ein gut Stück Hochmut aus, und es dauerte jedesmal seine Zeit, ehe sie ihm wieder die alte freie Herzlichkeit entgegenbrachten. In der Zeit waren sie auch empfindlich gegen seine Neckereien, die keineswegs immer völlig harmlos waren, sondern, namentlich früher, die Schwächen der anderen gegeißelt hatten.

Und nun, im Ernstesten, wieder ein Wetten. »Ihr sollt mich einen Hansnarr heißen, wenn — — —«

Vom Vater rasch hingesagt, niemals gesprochen, hätte er an das Mariele gedacht, bei der bitterernsten Wiederholung nicht in seinem ganzen Ausmaße erfaßt. Jetzt aber ein Beharren bis zum Letzten und dabei wieder der Hintergedanke: »Ich biege auch das durch!« Herzen aber sind keine Äcker. Bitter schürzten sich Rudolf Korns Lippen. Aber im Morgenwinde kam eine andere Stimme herüber. Nicht minder mütterlich. »Warum hast du nicht längst mit deinem Vater geredet gehabt, du Allzubedächtiger, du Zauderer?«

Da riß der Bursche den Kopf in den Nacken, sandte einen langen Blick über die Wälder, dahin, wo sein Dorf lag, wischte über die Stirn, sprang auf.

Langsam ging er an dem See hin, freute sich des Reihers, der seine Flugkünste zeigte, sah den Enten nach, die ihre Brut ausführten, lächelte über den Storch, der ernsthaft durch den Sumpf watete, hatte Herz und Augen für die tiefe Weihe, die über dem erwachenden Lande lag.

Meilenweit dehnten sich die Wälder. Die Sonne schien heiß. Rudolf Korn wanderte im Schatten. Je länger er wanderte, um so mehr ließ die Bitterkeit nach. Ein Jahr, zwei, sie waren zu ertragen. Der Mutter Wort ging vor ihm her: Lehrzeit! Es hat sein Gutes, wenn du sehen lernst, wie's andern Leuten geht. Dann erst wirst du ganz wissen, was du in der Väter Erbe hast. Des Vaters Stimme wehte über ihm. War es nicht bei seiner ganzen Art unerhört, was er ihm heute im grauen Morgenlichte gesagt? Der gestrige Abend und der heutige Morgen hatten ihre eigene Weihe gehabt. Die aber verrauschte, der Alltag kam wieder. Die Mutter hatte gewußt, was sie wollte und mußte. Lehrzeit! Sie wäre zu vermeiden gewesen, wenn — — — Nicht grübeln! Das Leben liegt vor dir, nicht hinter dir, und dort ist die Stadt!

Rudolf Korn schritt zum ersten Male durch ihre Straßen. Er hatte in einer kleinen Garnison gedient, an die heran die Felder und Wiesen brandeten. Die Zeit war ihn hart genug angekommen. Und nun das Steinmeer, dessen Wellen hoch aufschäumten! Alle Leute liefen, als hätten sie in der nächsten Minute ein Vermögen zu gewinnen oder zu verlieren. Kein gemächlicher Schritt. Die Brust ward ihm zu eng, er biß die Zähne zusammen. Hier leben beinahe eine halbe Million Menschen, und du solltest nicht leben können? Was hast du jetzt nach dem Duft des Heues, dem Lied der Lerche, dem Rauschen des Baches zu fragen? Die Zeit war und kommt wieder. Jetzt ist andere Zeit. Stelle deinen Mann, daß du dich selber achten kannst, und dein Vater dich achten muß! —

Am dritten Tage danach steht Rudolf Korn neben seinem Regimentskameraden Richard Frieders auf der Förderschale und fährt hinab in den tiefen schwarzen Schacht der Grube »Glückauf«! Eines hatte er in der Zeit begriffen: Es wartete niemand auf ihn, und der Kampf der Menschen, die nicht Haus und Hof ihr eigen nannten, war härter als der auf ererbter Scholle. Jeder aber trug eine Seele in sich, in der ein heißes Sehnen lebte. Sie sargten sie ein, schalteten sie aus und holten sie wie ein köstliches, sorglich gehütetes Diadem hervor in Stunden, die sie ihrem Ich leben durften, um sie wieder zu bergen, wenn ihr Name auf des Lebens Nummertafel erschien.

Richard Frieders war verheiratet und ein vernünftiger, ernster Mensch. Wohl hatte er den Kopf geschüttelt, als ihm Rudolf erzählt, was ihn fortgetrieben, aber er hatte, gleich dessen Mutter, die lichte Seite zu sehen vermocht. »Es ist ein Übergang,« hatte er gesagt, »und es wird dir guttun, später, wenn du wieder hinter dem Pfluge gehst, dich zu erinnern, wie wir leben. Du kannst Schlepper bei mir werden. Das will ich wohl fertigbringen.«

So fuhren sie auf der Förderschale hinab in die Finsternis. Richard Frieders beobachtete des Freundes Gesicht im Schein der Grubenlampen und freute sich, daß der sich nicht werfen ließ, sondern drunten entschlossen und herzhaft ausschritt.

Die Schritte hallten langhin wider, der Flammenschein der Grubenlampen blänkerte auf dem Gestein, Wasser tropfte, Wettertüren krachten, daß es durch die Stollen dröhnte. Endlich waren sie vor Ort und damit im Herzen der Stille und Einsamkeit.

Acht Tage schob Rudolf Korn die Hunde auf den Schienen entlang, da wußte er, daß seines Bleibens hier nicht sein konnte. Die düstere Nacht würde ihn erschlagen, die Last des tückisch blinkenden Gesteins ihn erdrücken. Aber nicht heute und morgen wollte er fort. Irgend einmal. Und dieses Irgendeinmal war ihm wie ein Licht, von dem er wußte, es war sein, wenn er es haben wollte. Der Tag sollte ein Festtag werden, an dem er es in die Hand nahm.

Zwischen dem Gestein im großen Eingangsstollen zirpte es Tag und Nacht. Das waren Grillen. Grillen, fünfhundert Meter tief unter der Erde! Die Geiger der Wiesen, an Bergmanns Kleidern hinabgetragen zwischen die lastenden Felsen, die Lichtsänger verirrt in die Nacht! Dies Zirpen hatte etwas rührend Hilfloses und doch Trauliches. Wie es das Bild der Bodenwiesen vor die Seele zauberte, wie es plauderte von Abendfrieden! Hat ein Mensch die bittere Träne gesehen, die der Bauer im Auge zerdrückte? Denkt er nicht tausendmal an den Vater und an den Enderbauer und ihren kleinlichen Streit um einen Baumstamm? Wie wichtig sie alle die Nichtigkeiten nehmen. Lernt das Licht entbehren, wißt, was es heißt, nach der Sonne schreien, lernt der Einsamkeit in die starren Augen sehen!

Lehrzeit! Die ersten Früchte beginnen zu reifen!

Einst wird ein Bauer zurückkehren, dessen Augen nicht am Kirchturm haftenbleiben.

Und die Gespräche mit dem Freunde vor Ort, wenn sie beide das Bündel aufschnüren und essen! Der Bergmann hat Seele und hat keinen größeren Wunsch als den, einmal ein Häuschen mit einem kleinen Garten davor, angrenzend an Felder und Wiesen, sein eigen zu nennen. Da sät er Mohn, roten, flammenden Mohn, und eine Handvoll Korn wird er säen. Ganz töricht, aber er wird Korn säen, weil er sich eigene Ähren durch die Finger gleiten lassen will. In dem Gärtchen sollen seine Kinder spielen. Sie haben deren eins, ein Mädelchen, lieb und licht wie ein Sonnenstrahl, aber sie werden auch einen Buben dazu kriegen. So plaudern die Männer, und die Geister der Tiefe kichern höhnisch. Gott sei Dank, daß Menschenohren nicht fein genug sind, dies Kichern zu hören.

Und dann kehren die Männer wieder an ihre Arbeit zurück. Der Meißel frißt sich in das Gestein, die Schläge hallen, die schweren Brocken purzeln. Fleißig sein; denn Richard Frieders warten kein Haus und kein Garten als Erbe; er muß sie aus dem Gestein herausschlagen. Er liegt auf dem Rücken, halb bloß in der Wärme der Tiefe, umrandet mit dem Meißel den Block über sich, setzt die Brechstange ein, wuchtet ihn herab, mit einem Schlage mehr an Zentnern gewinnend, als er sonst mühsam am ganzen Tage Stück für Stück loszuschlagen vermöchte.

Es ist verboten, die Blöcke zu umranden; denn einmal kann sich einer vorzeitig lösen und den Mann unter sich erschlagen. Wer fragt danach? Akkordarbeit! Und es winken ein Häuschen und ein Gärtchen.

Länger als vier Wochen schon hat Rudolf Korn mit Nacht und Einsamkeit gekämpft. Er ist auf dem Wege zum Siege. Ist er ganz Sieger, dann wird er gehen, ein Freier. —

Die Freunde sind am Morgen miteinander zum Schacht gegangen. Richard Frieders lachend, noch das Glück in den Augen, das ihm beim Anblick seines schlafenden Mädelchens in die Seele sprang. Er ist heute schier noch fleißiger als sonst. Sein Schlepper kann kaum fortbringen, was der Hauer losschlägt. Noch den mächtigen, bereits fast umrandeten, hängenden Block, dann wird er sich Zeit zum Essen nehmen.

Rudolf Korn kehrt zurück, den Hund vor sich herschiebend. Die Schienen rasseln, das schwankende Licht blänkert über die Steine. Jetzt muß er einhalten; denn die Schienen führen nicht weiter. Ein paar Schritte um die Ecke, dann sieht er des Freundes Grubenlampe.

Aber, kein Licht, kein Hammerschlag, kein Klang von Eisen auf Eisen. Rudolf hastet heran. Ein Trümmerfeld, eine tote Hand, die aus dem Gestein ragt, ein Gesicht, in dessen erloschenen Augen noch der letzte Schrei des Mundes zittert. Des Mannes Körper vergraben unter schwerem Stein, der Mann erschlagen von dem mächtigen Block, der sich zu zeitig löste.

Rudolf Korn wühlt in den Steinen, schleudert sie beiseite, die Brust ist frei. Das Herz schlägt nicht mehr. Als der Mann seine Hände im Lichte der Grubenlampe betrachtet, sind sie blutigrot. Und die Geister der Tiefe kichern.

Mit wuchtigen, lang ausholenden Schritten läuft Rudolf zurück, erstattet Meldung, muß noch einmal mit vor Ort, hört des Steigers Fluchen über verbotenes Tun, es dringt nicht bis hinab in seine Seele, kehrt wieder zurück, unterschreibt das Protokoll und erklärt: »Ich komme nit wieder.« Sie verstehen ihn, er darf fristlos gehen.

Betäubt schreitet er durch die Straßen. Wie das flutet, lacht, drängt. Alles wie sonst. Und drüben liegt ein toter Mann, der von Haus und Garten träumte! Wer fragt nach ihm? Morgen schwingt ein anderer an derselben Stelle den Hammer. Heimat, Dorfheimat! Ob ich heimkehre? Rudolf Korn geht wie ein Trunkener, stößt den und jenen an, läßt sie knurren und murren über die groben Bergleute, geht weiter.

Da, von weitem Räderrollen und Schreie. Er erwacht. Es ist die Zeit, da die Kinder aus der Nachmittagsschule kommen. Sie schlendern dahin, im Ranzen klappern die Bücher, und die jungen Münder wissen Wichtiges zu erzählen. Um die Ecke aber rast ein durchgehendes Gespann. Die Menschen schreien, die Kinder rennen, niemand wagt es, den Tieren in die Zügel zu fallen!

Dort aber geht einer, in dem der Bauer lebendig wird. Rudolf Korn springt vor, fällt dem Handpferd in die Zügel, reißt, ruft, läßt sich schleifen, gibt nicht nach. Zitternd stehen die Gäule. Aus dem Wagen kommt eine matte Stimme: »Lieber Gott!« Eine Dame sitzt totenblaß in den Polstern.

Nun sind die Menschen zu Haufen da. Sie sehen in ein Paar weltferne Augen. Der sich über das Straßenpflaster schleifen ließ, löschte just in dem Augenblicke das grause Bild auf dem Grunde seiner Seele, da er zum Bauern ward, durch ein anderes, grün und bunt überblühtes. Nun ist das erste wieder da, und er findet sich nicht zurecht.

Hundertmal ist dem Kutscher geboten worden, die Pferde auszusträngen, wenn er zu rascher Besorgung in ein Geschäft tritt. Hundertmal hat er es nicht getan, und es ging gut. Heute scheuten die Pferde.

Rudolf Korn hört anerkennende Worte, sie gehen an ihm vorüber. Er beantwortet die Frage des Schutzmanns, ob er mit Pferden umzugehen wisse, mit ja, steigt auf den Bock, lenkt das Gespann in die Bergerstraße, fährt durch das Tor des schönen Hauses, ist eine halbe Stunde später Kutscher des Bankiers Werner.

Sich selber erwacht er erst, als er in der ihm zugewiesenen Stube auf dem Bette liegt und die Bäume vor seinem Fenster rauschen hört.

Da setzt er sich auf und horcht in sich hinein. War das alles oder träumte er? Es war. Glück und Not einander benachbart. Finsternis und Licht einander verschwistert. Und das Ganze: Leben!

Wieder schürzt er die Lippen. Lehrzeit! Vater, wenn du das wüßtest, würdest du noch immer nicht über einen Strohhalm hinwegkommen? Ein liebes Bild wacht auf, der Berteles-Garten und das blondhaarige Mariele!