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Der Hohlofenbauer

Chapter 6: 5.
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About This Book

A rural community portrait centers on Marie Berteles (Mariele), a lively, hardworking young woman admired across her village, and the budding attachment between her and the Hohlofenbauer's son. The narrative traces everyday rhythms—seasonal customs, churchgoing, field and stable work—and the informal gossip, teasing and tender care of neighbors and family. Scenes emphasize parental attention and gentle rivalry, the practicalities of household labor, and small-town etiquette. Through intimate domestic moments and communal rituals, the work observes how affection, social expectation and generational perspectives shape courtship and village life.

5.

Heinrich Korn hatte sich an dem Morgen, an dem er dem Sohne die Hand zum Abschied gegeben, nicht wieder niedergelegt, obwohl es nur eben zu dämmern begann und keine Arbeit auf ihn lauerte. Mit der Heuernte wollte er noch acht Tage warten. So lief er ziellos über den Hof, durch den Garten, hinaus in die Felder. Es war reichlich Tau gefallen. Die Ähren hingen schwer an den Halmen, in den Glockenblumen glänzten die klaren Tropfen. Die erste Lerche rüttelte das Gefieder, trippelte vor dem wandernden Manne über den Wiesenweg, jubelte ein paar melodische Töne und stieg dann an ihres Liedes Leiter zum Himmel hinauf, gerade der Sonne entgegen. Langsam erhob sich die glühende Scheibe aus den Wäldern im Osten. Sie sah — Rudolf. Der konnte jetzt im »Langen Holze« auf Breitengrunder Flur sein.

Der alte Hohlöfner fuhr sich durch das dichte Haar. »Dunnerlichting, Dunnerlichting!« Wie soll das werden, wenn nun die Heuernte kommt! Und dann die Schnitternte! Hernach das Ackern!

Und doch war es nicht die Arbeit, vor der es ihn leise gruselte. Der Sohn fehlte ihm. Hatte er auch nie viel Wesens um ihn gemacht, war er sogar kürzer und herber gewesen, als es nötig und, vielleicht, recht war, er hatte sich doch immer des stillen, zuverlässigen Menschen gefreut. Im Morgenwandern hörte er die Klänge, die von Seele zu Seele gegangen waren, und nun würde der Klang irregehen. Er, der Bauer, würde ins Leere fragen, und Rudolf — — vielleicht fragte er überhaupt nicht. Lüg nit, Hohlöfner, schalt sich der Mann. Lüg nit, er fragt, — und — du wirst ihm antworten. Und wenn du selber fragst, wirst du auch nicht ohne Antwort bleiben. Da drüben liegt die Stadt, dort hinter Wäldern und Bergen. Du siehst nichts von ihr, aber was macht das aus? Siehst vom Herrgott noch weniger und verständigst dich doch mit ihm.

Aber hart ist es, daß eure Gedanken einen so weiten Weg zu machen haben, und es müßte nicht sein, wärst du nicht ein so querköpfiger Vater.

»Ist ein Übergang,« sang die Lerche.

»Soll ein Übergang sein und soll nit lange dauern,« antwortete der Mann. Die Furchen, die ihm das Grübeln durch die Stirn gezogen, glätteten sich, die Augen, die gewohnt waren, das Nahe und das Ferne gleichzeitig mit raschem Blick einzufangen, wurden wieder blank, der Mund spitzte sich zum Pfeifen. Er sollte der Hohlöfner sein und nicht auch dabei einen Spaß auflesen können? Wie sie ihn im Dorfe ansehn, wie sie auf den Busch klopfen werden! Er wird sie alle hinter die Fichte führen. Wer meint, ein verdrossenes Gesicht bei ihm zu sehen, der soll sich irren.

Was er ihnen sagen wird? Ei nun, er wird den klugen Mann und Vater spielen. Warum der Rudolf davongelaufen sei? Wer das Wort: Davongelaufen braucht, der soll's mit ihm zu tun kriegen. Der Einzige vom Hohlofenhofe läuft nicht davon wie ein Polacke, der geht für einige Zeit aus dem Vaterhause, um — zu lernen, seinen Gesichtskreis zu erweitern. So wird er sagen. Und er wird sagen, das sei längst unter ihnen ausgemacht gewesen; nur über die Zeit sei man sich noch nicht einig gewesen. Mit dem Berteles-Mariele und der Fünftausend-Taler-Wette habe das gar nichts zu tun, auch nicht einen Deut.

Rudolf habe immer auf die Schule gewollt. Was seien Schulen! Das Leben sei die richtige Schule.

So wird der Hohlöfner sagen und dabei ein Gesicht machen, daß nicht einmal der Ender auf einen anderen Gedanken kommen soll.

Aber — — die fünftausend Taler muß das Mädel in die Hand kriegen, und das muß klug angefangen werden.

Der Hohlöfner lächelt. Darum ist ihm am wenigsten bange. Und es müßte wunderlich zugehen, käme gerade dabei nicht mancher Spaß heraus.

Der Bauer drehte um, schlug einen Bogen, schritt den Hang hinab, zu sehen, wie das Gras auf den Bodenwiesen stünde, und atmete mit voller Brust den herben Duft der Wälder und Wiesen.

Im Bodenwege begegnete ihm der Ender, der mit seinen Kühen in die Mühle fuhr. Der Mann trug ein unfrohes Gesicht in den Morgen hinaus, und die Kühe waren, weiß Gott, die schlechtesten im ganzen Dorfe.

Heinrich Korn blieb am Wegrande stehen und schüttelte den Kopf. Ender grüßte knurrend und kurz.

»Morgen,« erwiderte der Hohlöfner, »fahr stad, Nachbar, wirst sachte andre Kühe einstellen müssen.«

»Mach's, wenn du Geld hast.«

»Fehlt's denn gar so sehr?«

»Frag nit so daher. Hab, dächte ich, Unglück genug gehabt.«

»Wird auch wieder besser. Wird mir in den kommenden Zeiten auch nit ganz leicht werden.«

Ender horchte auf. »Dir? Möchte wissen warum.«

Heinrich Korn wies nach Osten. »Da geht jetzt mein Junge.«

Ender riß die Augen auf. »Dein — Rudolf?«

»Derselbige. Ist heute in die Stadt gegangen.«

»Was will er da?«

»Ich hab ihn fortgeschickt.«

»Des Mariele wegen?«

»Das hat mit dem Mariele nix zu tun. Das war lange ausgemacht. Er soll sehen, wie's andre treiben.«

»Was geht das den Bauern an?«

Und der Hohlöfner in gemachtem Zorn: »Das ist's ja eben, daß jeder tut, als ginge ihn der andre nix an. Guckt jeder bloß auf seinen Misthaufen. Solche Leute kann die heutige Zeit nit brauchen. Schmeißt einer immer dem anderen an den Kopf, wie gut es ihm ginge, und weiß keiner wirklich vom anderen, wo den der Schuh drückt. So kommen wir nit zusammen. Heute nit und niemals. Meinst du, es wäre mir leicht gefallen, den Rudolf jetzt zu entbehren? Aber ich tu's. Er soll hinaus unter fremde Leute. Gerade wem's der Herrgott so kommod gemacht hat, der soll sehen, wie sauer es dem andern wird. Erben ist kein Kunststück. Aber das ist ein Kunststück, das, was einer erbt, zu begreifen. Hab mein Lebtag den Bauern nit gemocht, der großartig Viere lang gefahren ist, und der auf dem Bocke gesessen hat, als müsse selber der Herrgott den Hut vor ihm ziehen. Kann die Hanswürste nit leiden. — Ich bin der erste in Schönbach, mein Junge soll's wieder werden, aber nit, weil er mich beerbt und weil er unser Einziger ist, sondern weil er sich hat die Nase putzen lassen und nit beiseite guckt, wenn ein armer Teufel mit dem Hundewagen daher kommt. Paßt gut, daß ich grade dir das sagen kann, Ender. Nun weißt du Bescheid. Mach damit, was du willst.«

»Mußt du mir gleich den Morgen verderben, Hohlöfner?«

»Hab ich nit gewollt und habe ich nit gemacht. Deinem Gesicht nach hast du gar nix von dem schönen Morgen gesehen. Nun mach die Augen auf, guck über dich, nit immer bloß auf die Steine im Wege. Hätt'st mich um ein Haar nit gesehen, und ich bin lang und breit genug. — Grade dir hab' ich's sagen wollen, daß du siehst, daß der Hohlöfner ein Mensch ist, der was verlangt und der auch — was geben kann. Fahr zu, Nachbar.«

Die Kühe zogen an, Heinrich Korn schlenderte seines Weges weiter und pfiff leise vor sich hin.

Daheim traf er seine Frau am Frühstückstische. Sie empfing ihn mit ernstem Gesicht, er setzte sich mit ernstem Gesicht ihr gegenüber. Schweigend tranken sie ihren Kaffee. Als sich die Bäuerin erheben wollte, langte der Mann über den Tisch und nahm ihre Hand.

»So geht das nit, Mutter.«

Die zuckte die Achseln. »Wirst dich daran gewöhnen müssen.«

Rascher Zorn wollte in dem Manne auflodern. Er atmete ein paarmal langsam und tief.

»Mutter, so geht das nit, sag ich, und so darf das nit werden! Das geht mir gegen den Strich.«

»Hast ja auch nit gefragt, ob mir das andere nit gegen den Strich war!«

»Kreizdeibel, ist mir auch nit nach der Mütze, aber — — —«

»Du bist der Hohlöfner.«

Das besänftigte den Mann. Es wetterleuchtete noch in seinem Gesicht, aber die Gutmütigkeit siegte. Er suchte nach der richtigen Maske, kniff das linke Auge halb zu und dozierte, was er auf dem Bodenwege dem Ender gesagt.

Seine Frau sah ihn halb lächelnd, halb ärgerlich an. »Kannst gut Theater spielen. Mir spielst du nix vor. Ich kenne meinen Hohlöfner besser, als er sich selber kennt.«

Da lachte Heinrich Korn.

»Brauchst nit zu lachen, wo der Rudolf jetzt — — — Wer weiß, wo er gerade steckt.« Die Frau hob den Schürzenzipfel, als wolle sie eine rasche Träne trocknen, und schwieg einen Augenblick. »Hast dein Fleisch und Blut aus dem Hause gejagt. Daran ändern deine Faxen nix. Magst anderen weismachen, was du mir einlöffeln wolltest. Es hört sich gut an, ist aber nit ehrlich von dir.«

»Bist du noch nit fertig, Mutter? Ich dächte, es langte für den Anfang.«

»Halt still, alter Hitzkopf. Das mußt du dir gefallen lassen, und dann — wollen wir sehen, wie wir zurechtkommen. Bist auf denselben Trichter gekommen, auf den ich auch gekommen war, aber ich kam von der andern Seite her, mach keine Faxen und will den Leuten nix weismachen. Die Zeit wird dem Rudolf nicht schaden, und vor dem Dorfe wirst du ja mit deinen Flausen zurechtkommen, so daß du nit Schaden leidest. Das aber sage ich dir: Ich vermisse den Rudolf auf Schritt und Tritt.«

»Ich auch, Mutter. Hab's gar nit gedacht.«

»Aber ich hab's gedacht für dich. Und jetzt lernst du deinen Jungen erst kennen, weißt jetzt erst, was du an ihm hast. Er ist die Schlafmütze nit, für die du ihn gehalten hast, ist anders wie du, aber nit weniger wert. Ein anderer wär nit so gegangen wie er. Beide Hände hält er über dich. Nun halt du sie auch über ihn und — über das Mariele. Das verlang ich; denn ich bin die Mutter.«

Heinrich Korn sah seinem Weibe in das Gesicht, und ein Funke der alten Schelmerei glomm in seinen Augen auf.

»Nun bist du wirklich fertig, Mutter?«

»Für's erste ja.«

Da ward der Bauer ernst. »Nit für's erste, für immer. So darfst du nit wieder reden. Das vertrag ich nit oft.«

Und noch ernster: »Hast recht, Mutter, hast völlig recht. Die Hand drüber halten. Das Mariele aber bleibt aus dem Spiele. Daß sie auf den Hof kommt, will niemand lieber als ich, aber — ich bin der Hohlöfner. Langsam, Mutter, keine Dummheiten.«

»Du willst so tun, als gehöre das Mariele nit zu uns?«

»Ich denk nit dran. Grad erst recht soll sie zu uns gehören.«

»Mein ich auch.«

»Aber du kannst dem Dorfe nit von heut zu morgen weismachen, daß sie die fünftausend Taler beieinander hätte. Das muß Zeit haben.«

»Wie willst du das überhaupt anfangen?«

»Das laß meine Sorge sein.«

»Die Dummheiten, die ich nit machen soll, die willst du selber machen?«

Da ging die helle Freude wieder über des Mannes Gesicht.

»Wenn's sein kann, ja, Mutter. Die Dummheiten behalt ich mir vor. Ich bin der Hohlöfner.«

Sie hatten sich beide erhoben und standen voreinander. Heinrich Korn nahm seine rundliche Frau in die starken Arme und klopfte ihr den Rücken.

»Wir sind alleweil einig gewesen, Mutter, und wollen es auch jetzt sein.«

»Wenn du es einem nur nit so schwer machen wolltest.«

Und der Bauer mit leise wehmütigem Lächeln: »Eine Wette gehe ich in meinem Leben nit wieder ein.«

»Du, auch dafür lege ich die Hand nit in das Feuer.«

Da lachte der Mann so laut auf, daß die Mägde draußen verwundert die Köpfe zusammensteckten. Ihre Verwunderung ward größer, als der Bauer kurz darauf mit grimmigem Gesicht über den Hof ging. Daß er dies Gesicht erst unter der Haustür aufgesteckt, wußten sie nicht.

»Albin,« rief er den Knecht an, »die Faulenzerei ist jetzt vorbei. Jetzt heißt es zugreifen.«

»Hab ich immer gemacht.«

»Richtig. Bist der unebenste nit, aber jetzt muß das noch ganz anders gehen.«

»Mehr als arbeiten kann kein Mensch.«

»Kommt bloß drauf an, wie er arbeitet. — Der Rudolf ist fort.«

»Der — ist — fort?« Dem Knechte blieb der Mund offenstehen. »Wegen — — —«

»Brauch keine Maulaffen. Mach's Maul wieder zu. Gar nit: Wegen. Er hat's gewollt. Will sehen, wie's andern Leuten zumute ist bei ihrer Arbeit, und ist recht, daß er so denkt, und freut mich. Könnte keinem schaden, wenn er wüßte, wie's hinter dem Berge aussieht und das Brot an fremdem Tische schmeckt.«

»Da hast du recht, Bauer.«

»Also. Und nun müssen wir zwei den Rudolf ersetzen, Hopp, faß an. Ich will dir zeigen, daß das geht.«

Hei, wie die Arbeit flog, und wie die Stunden flogen.

Die Nächte aber ließen sich nicht ausschalten. So kurz sie waren, sie waren lang genug zum Nachdenken. Und die Gedanken waren so schwer, daß sie dem Hohlöfner die Aussicht auf den Spaß, den er sich zu erhaschen gedachte, oft genug verdunkelten.

Etliche Tage darauf schrieb Rudolf, daß er mit einem Regimentskameraden zusammen im Bergwerk arbeite.

Die Hohlöfnerleute saßen am Abend am Tische. Es war still. Sie sahen aneinander vorüber. Schwerfällig stieß eine späte Fliege laut brummend gegen die Fensterscheiben. Der Hohlöfner stand auf, zerdrückte sie und ging dann mit langen Schritten in der Stube auf und ab. Alles geschah schweigend unter einem dumpfen Drucke, und der Mann preßte im Hin- und Hergehen die breite Hand auf die Brust.

Schließlich löste sich die Spannung in einem: »Dunnerlichting, Dunnerlichting!« Die Schritte wurden rascher. »Mußte denn das sein? Ausgerechnet in die Grube?«

»Wird halt nit anders gegangen sein. Denkst du, in der Stadt haben sie auf ihn gewartet und ihm den feinsten Posten präsentiert: Da hast du, weil du dem Hohlöfner aus Schönbach sein Sohn bist. Hast du das gedacht?«

»Red kein dummes Zeug, Mutter. — Aber gerade das Bergwerk!«

Minna Korn war eine kluge Frau. Der Mann tat ihr leid, aber sie drängte ihn mit Absicht tiefer in seine Not hinein. Die Stimme dämpfend, trauriger scheinend, als sie war, begann sie: »Man muß sich das einmal ausdenken. In der Grube kommt fast jeden Tag einer zu Schaden.«

Das verfing nicht. Minna Korn hatte ihres Struwelkopfs Gedanken noch nicht ganz erfaßt.

»Das ist's nit,« polterte der Mann. »Auf dem Felde kann ihn der Blitz erschlagen, im Holze ein Stamm. Das ist's nit, aber — — so tief unter der Erde, keinen Himmel über sich!«

Da wußte die Frau Bescheid. Die Kerbe war angehauen, sie schlug fest darein.

»Kein Linsele Sonne! Und kein Vögele, das ihm singt, und keine Blume, die ihm blüht.«

»Was macht er sich aus den Blumen, aber — — —«

Die Frau fand den rechten Weg. »Und kein Kornfeld!«

»Ja, kein Kornfeld!«

»Und unser Korn steht so dick, und der Hafer ist so lang! Und er kann nit auf dem Rain hingehen, die Ähren in die Hand nehmen und sagen: Das habe ich gebaut! — Wo er sonst die Hand aufhalten und sich die Sonne hineinscheinen lassen konnte, da ist's jetzt finster. Er hat immer so gerne auf dem Nußbühl gestanden und sich umgeguckt, hat den Bergkirchenturm über dem Walde gesehen — — —«

»Mutter!« Der Bauer lief im Sturmschritt hin und her. »Hör auf, es langt.« Er hieb zornig durch die Luft. »Und nix ist, das einen ein bissel freuen tät! Warum kommt nit wenigstens das Berteles-Mädel einmal her? Hab die ganzen Tage her schon auf sie gelauert, aber sie macht sich so rar wie eine Stecknadel in den Dielenritzen.« Er begann zu poltern. »Ist das eine Art? Ich dächte, wenn sie unseren Jungen haben will, könnte sie sich auch ein bissel um die Alten kümmern. Aber so sind sie. Taugt heute eine nit mehr als die andre. Sind alle miteinander nit wert, daß man sich um sie kümmert.«

Minna Korn lächelte leise. »Hast recht, Vater. Hätt sich wohl ein bissel nach uns umtun können, wird sich's nur nit getraut haben.«

»Nit getraut? Soll ich's ihnen etwa noch leichter machen, als ich's ihnen schon gemacht habe?«

Die Bäuerin hatte es auf der Zunge, zu sagen: Hast es ihnen wahrlich leicht genug gemacht, aber sie schwieg. Der Mann warf sich in die Sofaecke und langte nach der Zeitung, die Bäuerin ging, in der Wirtschaft noch einmal zum Rechten zu sehen, und draußen feierte ein stiller Sommerabend. Die Frau kehrte nach kurzer Zeit zurück, und eine kleine halbe Stunde später trat das Mariele in die Stube, lebhaft von der Hohlöfnerin begrüßt. Heinrich Korn nahm es für Zufall, daß sie kam. Die kleine Magd hatte ihre Sache gut gemacht. Marie Berteles verriet mit keinem Wimperzucken, daß die Bäuerin nach ihr geschickt. Mit dem überlegenen Feingefühl des Weibes fand sie sich in die Sachlage. »Guten Abend,« grüßte sie.

Die Hohlöfnerin streckte ihr schon von weitem die Hand entgegen. »Guten Abend, Mariele. Das ist recht, daß du dich einmal nach uns zwei alten Leuten umsiehst. Gerade vorhin haben wir von dir geredet.«

Heinrich Korn saß brummend in seiner Sofaecke. Die Bäuerin nötigte das Mädchen, sich an den Tisch zu setzen, aber sie wußte es so einzurichten, daß der Hohlöfner nur ihren Rücken sah. Und das verdroß ihn. Er hätte viel lieber das gute Gesicht gesehen.

»Was macht die Mutter?« fragte die Hausfrau.

»Es geht ihr nit gut. Sie hat immer ihre Not, und wenn ich ihr auch die Arbeit abnehmen will, sie leidet es nit, denkt immer, es geht nit ohne sie.«

»Lernt's auch nit, die Frau,« kam es knurrend aus der Sofaecke. »Geht freilich ohne die Alten. Die Jungen machen ihr Zeug heutzutage für sich, brauchen uns nit mehr.«

Heinrich Korn stopfte sich eine Pfeife, seine Frau lächelte und nickte dem Mädchen zu.

»Ist nit so schlimm, gelt, Mariele? Weißt schon, was du deiner Mutter schuldig bist. — Hast du nit auch einen Brief gekriegt?«

»Ja. Da ist er.« Das Mädchen zog einen Brief aus der Tasche. Minna Korn schob ihr den anderen zu. »Da lies, was der Rudolf an uns geschrieben hat.«

Sie lasen, der Hohlöfner paffte und war wütend, daß seine Frau den Brief, den Marie erhalten, nicht laut vorlas. Ja, sie tat nicht einmal, als wolle sie ihm den Brief geben, sondern legte ihn lächelnd auf den Tisch zurück.

»Er hat's gut getroffen, der Rudolf; hat schon immer so große Stücke auf den Frieders gehalten und oft von ihm erzählt, und nun ist er mit ihm zusammen.«

»Korns-Mutter,« sagte das Mädchen mit schwingender Stimme, »gut hat er's doch nit getroffen!«

»Warum denn nit? Die Bergleute verdienen unter allen das meiste Geld.«

»Ja aber, wenn da so ein Stein herabfällt. Und dann schießen sie doch auch da drunten.«

»Sogar mit Pulver,« grollte es vom Sofa her. »Ist das ein Getue! Hat früher auch schon geschossen, der Rudolf.«

»Aber nit so tief unter der Erde.« Marie Berteles wandte den Kopf ein wenig.

»Unter der Erde oder auf der Erde ist egal. Schießen ist Schießen.«

»Da bin ich doch nit deiner Meinung, Vater,« warf die Bäuerin bedächtig ein.

Der Hohlöfner war selber nicht seiner Meinung, aber er wehrte sich. »Das verstehst du nit, Mutter.«

»Nein, Vater, aber auf der Erde kann man aus dem Wege gehen. Dort drunten nit.«

Das war es ja, was sich der Bauer auch sagte, aber er murrte weiter: »Werden sich schon zu helfen wissen, ist nit unsre Sache. Jeder liegt, wie er sich das Bett macht.« Um ein Haar wäre das Mariele eingeschüchtert worden. Die Bäuerin aber nickte ihr wiederum zu. »Sage ich auch. Deswegen brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Ich denke, der Rudolf wird seinen Spaß daran haben. Er hat sich ja immer in alles geschickt. — Wie steht denn euer Korn, Mariele?«

»Das wird eine traurige Ernte. Was der Hagel zusammengeschlagen hat, steht halt doch nit wieder auf.«

Minna Korn strich ihr über die Hand. »Werdet nit verhungern, ihr zwei. Da sind wir auch noch da.«

Die Reden gingen hin und her. Eine Weile hielt es der Hohlöfner noch in seiner Sofaecke aus. Dann stand er auf, trat an den Tisch, ließ sich dem Mädchen gegenüber nieder, nahm den Brief, der da noch lag, las ihn und legte ihn wortlos wieder auf seinen Platz. Die Rauchwolken wirbelten immer dicker aus seiner Pfeife, aber er schwieg. Von unten her aber sah er dem Mädchen mit scharfen Augen in das offene, klare Gesicht, und sein Blick verfing sich jedesmal in dem feingekräuselten Blondhaar über der Stirn. Als das Mariele im Plaudern einmal spielerisch einen der langen Zöpfe aufhob und ihn sich, wie es ihre Gewohnheit war, um das Handgelenk wickelte, lächelte der Bauer sogar mit verkniffenem Munde vor sich hin.

Die Zeit wanderte, das Mariele erhob sich. »Ich will heimgehen.«

»Ich gehe ein paar Schritte mit dir.« Minna Korn erhob sich, nickte ihrem Manne zu: »Warte auf mich, Vater, ich bin bald wieder da. Bloß ein paar Schritte, weil's so schön draußen ist.«

Vor dem Tore schob sie ihren Arm in den des Mariele. »Mußt nit denken, daß der Vater böse wäre.«

»Korns-Mutter, da ist nix zu denken, er ist böse. Ich bin's anders von ihm gewöhnt.«

Die Bäuerin streichelte ihre Hand. »Mußt noch viel lernen, Mariele. Auch die besten Männer haben ihren Kopf für sich. — Klug ist nit falsch. Falsch darf eine Frau nit sein, aber klug muß sie sein für zwei, ach nein, für viel mehr, für ihren Mann und für jedes Kind extra. Und muß auch für jedes ein extra Herzkämmerlein haben, Mariele. Das ist wie im Hause. Allen zusammen die große Stube und jedem eine Kammer extra. Brauchst keine Angst zu haben. Es ist nit schwer, allen ihr Teil zu geben, gar nit. Der Vater ist nit böse, verlaß dich drauf. Ich kenne ihn doch. Es juckt ihm lange in den Fingern, dich wieder an deinen Zöpfen zu zupfen. Paß auf, das geschieht bald einmal wieder.«

»Wenn's nur heut schon geschehen wär.«

»Nur nit gleich zu viel verlangen. Er kommt doch noch nit einmal des Rudolfs wegen mit sich selber zurecht. Wie soll er da dich gleich noch mitnehmen. Nit gleich zu viel verlangen.«

»Korns Mutter, ist Euch wirklich nit bange um den Rudolf?«

»Aber gar nit. Ich möchte doch auch wissen warum.«

»Mir ist bange. Da drunten in der Finsternis — — —«

»Sieht er immer jemand vor sich, der lange, lichte Zöpfe hat.«

»Ach — — und da ist's so still.«

»Dafür hört er jemand, den er am liebsten hört.«

»Und — — und da passiert soviel Unglück.«

»Auf der Erde noch viel mehr. Mußt nit so dumme Gedanken haben, Mariele. Was soll denn das werden? Meinst du, ich hätt den Jungen nit grade so gern wie du ihn hast? Ehbevor er noch sonst jemandes war, war er mein. Ich habe ihn grad so gern wie du, aber Angst um ihn? Nit ein Linsele. Meinst du, da geschähe etwas von ungefähr? Müßte doch ein armer Stümper sein, der Herrgott, wenn er eine so kreuzverdrehte Geschichte geschehen ließ, so aus einem Körnlein Sand einen Berg machte, wenn nix Gutes dabei herauskommen sollte. Wir wollen übers Jahr wieder darüber reden, Mariele. Und das will ich dir noch sagen: Ja nit den Kopf hängen lassen. Werde wieder, wie du immer warst. So. Für heute ist genug geredet. Da will ich umdrehen.«

Sie reichte dem Mariele die Hand. Grade als die zwei auseinandergehen wollten, grüßte sie einer mit einem hellen: »Guten Abend.«

Die Hohlöfnerin erkannte den Grüßenden an der Stimme. Es war der junge Lehrer, und den hatte sie mütterlich lieb, den einsamen, kranken, jungen Menschen.

Herzlich und freundlich erwiderte sie den Gruß, und Lehrer Siebert trat an die zwei heran.

»Na, Herr Lehrer,« fragte die Bäuerin, »noch spazierengehen? Ist recht. An solch einem Abend geht man nit gern ins Bett. Nit wahr, es läßt sich auf dem Dorfe leben? Die Abende macht uns die Stadt nit nach.«

»Ich gehe auch nicht wieder in die Stadt,« sagte der Lehrer leise, und seine Worte hatten einen traurigen Unterton.

Sie hörten ihn beide, die Hohlöfnerin und das Mariele, aber während das Mädchen nicht zu antworten vermochte, weil sie nicht unwahr sein wollte, wußte sich Minna Korn zu helfen. »Ist recht, Herr Lehrer, ist recht. Hat Sie jeder gern, vor allem die Kleinen. — Wollen Sie nach den Bodenwiesen?«

»Nein. Ich will an die Bärenäcker. Da schlägt eine Wachtel.«

»Was Sie sagen! Eine Wachtel? Wüßte nit, wann ich einmal wieder eine bei uns gehört. Es scheint den Tierlein bei uns zu kalt geworden zu sein. So vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren hatten wir sie immer da. Hast du eigentlich schon einmal eine Wachtel gehört, Mariele? Nit? — Herr Lehrer, nehmen Sie das Mariele mit. Ist ja nur ein paar Schritte. Das mußt du hören. Es heißt immer: Fürchte Gott, und heute Abend heißt's: Fürchte dich nit! — Ich muß umdrehen. Der Vater wartet. — Gute Nacht.«

Langsam gingen die zwei jungen Menschen das Dorf hinab. Minna Korn kehrte auf den Hof zurück. Der Bauer saß, wo er gesessen, las keine Zeitung, wie er gern nach der Arbeit tat, sondern paffte und grübelte und grollte in sich hinein.

Mit raschen Schritten trat seine Frau auf ihn zu.

»Sinnst du noch immer, Vater?«

»Nein. Auf dich gewartet hab ich. Hat lange genug gedauert. — Hast gewiß dem — Mädel abgebeten.«

»Ach nein, das mach selber. Ich hab ihr nit weh getan. Bin nit einmal mit bis zum Berteles-Häusel gegangen, hab das Mariele bloß dem jungen Lehrer überantwortet.«

Heinrich Korn sah seine Frau verwundert an.

Die nickte ihm zu. »Er will nach den Bärenäckern. Da schlägt eine Wachtel.«

Ungläubig forschte der Mann im Gesicht seiner Frau. »Eine Wachtel? Und — deswegen — — —«

»Das Mariele hat noch keine gehört, und,« Minna Korn legte ihrem Manne die Hand auf die Rechte, »wenn's gesagt ist, ist's ausgestanden. Ungesagtes macht viel mehr Not. Dem armen Menschen sitzt der Tod in der Brust. Mit dem muß man Erbarmen haben.«

»Ja, Mutter, wie denn?«

»Vater, das sieht ein Blinder. Laß ihn reden. Dann kann ihm das Mariele später einmal Gutes tun. Ist's nit gesagt, findet sie den Weg nit, wenn er sie einmal braucht.« Sie zerdrückte einen Tropfen im Augenwinkel. »Wem so viel gegeben ist wie dem Mariele, der kann auch viel Gutes tun.«

»Übertreib nit, Mutter. Sie ist ein Mädel wie andre auch.«

Minna Korn nickte ihrem Manne zu. »Weiß schon, darum soll sie ja auch auf den Hohlofenhof. — Komm, wir wollen schlafen gehen. Der Rudolf wird jetzt auch schlafen.«

»Wenn er nit etwa Nachtschicht hat.« —

Lehrer Siebert und das Mariele gingen das Dorf hinab. Am Berteles-Häuschen klopfte das Mädchen an, der Mutter zu sagen, daß sie noch ein paar Schritte ins Feld ginge.

Nun schlenderten sie auf dem benachbarten Wegrain dahin. Der Abend war still und feierlich, das Land wallte in langen, ruhigen Wellen hinüber zum fernen Horizont, Sterne blinkten. Zu seiten des Weges rauschte das Korn, Nachtschmetterlinge summten und schwirrten, und Fledermäuse huschten.

Da kam es hell und wohltönend aus dem Felde: »Pickberwick, pickberwick.« Mariele Berteles stand still und lächelte. »Das ist sie.«

»Ja,« entgegnete Lehrer Siebert, »das ist sie.«

Sie standen und lauschten, und in des Mädchens Augen lag eine kindliche Freude.

»Man kann es wohl als: Fürchte Gott, deuten,« sagte sie leise. »Fürchte Gott, fürchte Gott.«

»Die Bäuerin deutet es als: Fürcht dich nit.«

Und das Mariele mit verhaltenem Jubel: »Fürcht mich auch nit.«

»Ich auch nicht,« antwortete der Lehrer.

»Warum sollten Sie sich denn fürchten?«

»Wir wollen uns doch ein Weilchen auf den Rain setzen. Der Abend kommt mir und Ihnen nicht wieder.«

Er ließ sich in das Gras nieder, das Mariele setzte sich harmlos nicht weit von ihm mitten in die Glockenblumen, und die Wachtel schlug. Die beiden jungen Menschen schwiegen.

»Mariele,« begann der junge Lehrer nach einer Weile, »ich möchte Ihnen etwas sagen.«

Das Mädchen sah ihn erwartungsvoll an. »Warum wollen Sie das nit?«

»Ich möchte Ihnen von mir erzählen.«

Marie Berteles empfand mit feinfühlendem Herzen, daß eine Last auf sie zu rollen wollte.

»Von Ihnen?«

»Nur von mir. Und es soll Sie nicht belasten; denn ich — — — Mariele, meine Eltern sind früh gestorben.«

»Ach Gott. Alle beide?«

»Beide. Wir tragen von Mutters Seite aus eine Krankheit in uns. Sie kennen sie. Ich bin aus der Stadt hierher gekommen, weil der Ort hoch liegt und die Luft rein ist. Es sollte besser werden.«

»Ist's denn nit schon viel besser geworden?« fragte Marie Berteles warmherzig.

Lehrer Siebert antwortete nicht darauf.

»Ich war zehn Jahre alt, als die Mutter starb,« fuhr der Mann fort, »und zwölf, als der Vater heimging. Seitdem war ich unter fremden Leuten. Es waren gute Leute, und sie hatten mich so gern, als wäre ich ihr eigen Kind. Nun bin ich seit fünf Jahren Lehrer. — Ich — werde mich im Herbste beurlauben lassen. Bis dahin mag's gehen. Länger kann ich es nicht verantworten.«

»Dann gehen Sie und lassen sich ganz heilen,« fiel das Mariele ein. »Hier sind die Winter kalt.«

Lehrer Siebert lächelte. »Ich kenne den Winter, aber ich gehe trotzdem nicht fort. Vielleicht tue ich sogar bis Weihnachten Dienst. Länger kaum. Ich könnte es nicht verantworten. — Mariele, ich höre keine Wachtel wieder im Bärenacker. Seien Sie mir nicht böse, daß ich das sage. Ich will Ihnen den schönen Abend nicht verderben, nur daran denken sollen Sie dann und wann. Glauben Sie ja nicht, daß ich mich fürchtete. Ich will die Zeit, die mir noch bleibt, recht froh sein. Es ist ein heimlicher Reiz, auf der Kante zu stehen und hinüber- und herübergucken zu können. Hinüber: Die Wachtel sagt: Fürchte Gott, und ich komme nicht schlecht mit ihm zurecht. Und herüber: Da liegt alles so weit ausgebreitet da, als ob man es von einem schönen Berge aus sähe. Und alles ist mein. Ich habe gar nicht gewußt, daß alles einmal so sehr mein sein würde. Ich drücke die ganze Welt an mich, sogar Sie, auch wenn ich Sie nicht anrühre.« Er lächelte ihr zu wie ein großes Kind. »Alles, alles ist mein! Und was kann man da aus sich herausholen. Es kommt alles aus ganz anderer Tiefe und hat einen ganz anderen Klang. Wunderbar ist es. Denken Sie doch, wie das ist, wenn ich den Kindern sage: Kinder, so und so sieht die Geschichte aus. Mein Kollege hat mir auf meine Bitte den Religionsunterricht auf der Oberstufe überlassen. Er weiß warum, und ich weiß auch warum. Denken Sie, wenn so ein Junge oder Mädel in zehn, in zwanzig, in dreißig Jahren einmal seine Not mit sich und der Welt und dem Herrgott hat und auf einmal denkt der Mensch an eine Stunde, in der wir miteinander geredet haben. Dann macht er einen Strich und ist fertig: Lehrer Siebert hat so und so gesagt, und der mußte es wissen, denn — — — Das ist ja mehr, als ein Mensch eigentlich ertragen kann! — Und nun war einmal eine Zeit, in der — sie ist vorbei, sage ich, damit Sie sich nicht etwa ängstigen —, in der ich eine Dummheit gemacht, wenn nicht einer einen Damm davor gebaut hätte. Jetzt ist das ja alles vorbei, aber was hätte das werden sollen, wenn ich dem Mädchen, das ich liebhatte, mein Herz ausgeschüttet und es mich wieder liebgehabt hätte. Um Gottes willen, was hätte das werden sollen! Das hätte ich ja nie verantworten können. Man läßt sich aber so leicht hinreißen, denn, du liebe Zeit,« er lächelte wehmütig, »man ist doch auch ein Mensch und hat seine heimlichen Träume. Dafür kann man nichts. Und es ist ja auch so fein. Wenn man sich das alles so ausmalt — — — Nun ist es vorbei, und — es ist nicht weniger schön. Wirklich.« Eine schmale, krankenblasse Hand langte nach des Marieles Zopf, der im Grase lag, und strich darüber. »Gelt, Sie sind mir nicht böse. Ich komme Ihnen wirklich nicht einmal mit einem unrechten Gedanken zu nahe. Es ist alles, alles still, und nun freue ich mich bloß und möchte nur noch eins gern erleben: Ich möchte zu Ihrer Hochzeit die Orgel spielen.«

Hatte Marie Berteles etwas von der Hohlofenbäuerin gelernt, so daß ein verzeihliches Täuschenwollen dahinter stand? Ach nein, sie war, wie sie im Kerne war, lebenstüchtig und wahr.

»Herr Lehrer,« sagte sie und sah dem Manne mit weit offenen Augen in das Gesicht, »Sie hätten nix sagen sollen, aber ich bin doch nit böse, daß Sie es gesagt haben. Wohin ich gehöre, das wissen Sie.«

»Und ich freue mich darüber.«

»Aber leicht wird das nit sein, nein, das ist nit leicht. — Die Orgel aber sollen Sie spielen, und mit dem Sterben, Herr Lehrer, lassen Sie sich Zeit. Das hat nit solche Eile. Sie hören die Wachtel im Bärenacker wieder, und ich höre sie auch. Rudolf ist drunten in der Grube. Er ist ein Bergmann geworden. Ist ihm ganz gewiß nit leicht geworden und wird mir auch nit leicht. Aber das ist ein Übergang, und umsonst ist's auch nit. — Über acht Tage fängt die Heuernte an. Da hat man keine Zeit mehr zum Sinnieren. Ist gut, daß es soweit ist. — So, Herr Lehrer, und nun muß ich heimgehen, und wenn ich dem Rudolf einen schönen Gruß bestellen soll, dann will ich das gerne machen. Aber Sie müssen nun auch heimgehen. Da drüben steigt der Nebel auf, und das ist nix für Sie.« Marie Berteles sprang auf, auch Lehrer Siebert war rasch auf den Beinen. Kindliche, helle Freude in den Augen, sagte er im Dahinschreiten: »Jetzt habe ich wenigstens eine Schwester gefunden.«

Da lachte das Mädchen. »Ach, du mein, mit mir ist nit viel Staat zu machen. Ich habe nix gelernt, als was uns Kantor Ritter mitgegeben hat. — Gute Nacht, Herr Lehrer. Und nit wieder vom Sterben reden.«

Leichtfüßig sprang sie in das Haus, und leicht ging Lehrer Siebert heimwärts. Er hatte eine gute Nacht, und in seine Träume herein klang es wie Wachtelschlag: »Fürcht dich nit!«

Viel schwerer war es Marie Berteles um das Herz. Das Leben brandete stark auf sie zu, und so tapfer sie sich gegen seine Wellen zu stellen versuchte, sie warfen sie doch zwischen Hoffen und Zagen hin und her.


Auch Heinrich Korn sehnte, wie das Mariele, die Heuernte herbei. Die Arbeit, die es jetzt zu tun gab, war zu unbedeutend für den Mann. Am Morgen vor Tau und Tag heraus, die Sense geschwungen, daß der Schweiß troff, in Sonnenglut das Heu gewendet, heimgefahren, es in die Scheune geschichtet, das war Arbeit, die den ganzen Menschen nahm. Es half alles Wehren nichts; acht Tage mußten noch ausgehalten werden. Viel zu viel Zeit zum Grübeln! Selbst das Pfeifen geht nicht recht. Kaum, daß sich der Mund spitzt, kommt so ein dummer Gedanke dazwischen: Herrgott, die Welt ist so schön und so weit, und da drunten ist es so finster und still und tückisch! Weg ist die Lust zum Pfeifen. Nur selten, daß sie stärker ist als die grauen Plagegeister. Und dann schallt es über den Hof, daß die Bäuerin vor sich hin lächelt: Du pudelnärrischer Mann, der noch immer nit mit sich zurechtkommen will. —

Sommerselig tändelt der Sonntag in das Dorf. Was soll man an solch langem Tage anfangen, wenn es einem in den Fäusten zuckt und im Herzen rumort, und man beides festhalten muß, Herz und Hand?

Der Städter denkt, nun geht der Bauer durch das Feld, sieht die roten Mohnblumen und freut sich ihrer, vernimmt der lieben alten Erde leichtes Raunen und holt aus seines Wesens tiefsten Tiefen alles Gute heraus. Der Bauer lacht über des Städters Gedanken.

Heinrich Korn schreitet an seinem Angeracker entlang. Das viele Unkraut! Alles ist wieder da, Kornblumen und Mohn und Winden und Wicken. Dunnerlichting, er hat doch keine schlechte Saat genommen, aber er muß ernsthaft daran gehen, die faulen Köpfe wieder einmal aufzurütteln. Das Dorf muß eine ordentliche Reinigungsanlage haben.

Dabei sieht es auf seinen Feldern immer noch weit besser aus als auf den meisten andern. Dem Ender sein Hafer war ein richtiger Hedrichschlag und jetzt hat er den Brand im Weizen. Der Mann kann einem leid tun. Er ist ein Heimtücker, natürlich, und ein Griesgram ist er auch und im ganzen ein Mensch, der das Pulver niemals erfunden hätte, aber man muß ihn trotz allem eher bedauern, als daß man ihm ernstlich böse ist.

Die Turmuhr schlägt, und die Schläge hallen über das Feld. Erst drei. Was soll man den langen Nachmittag noch machen? Ei, Hohlöfner, du hast doch sonst gewußt, was du mit deinen Sonntagen anfangen solltest.

Heinrich Korn wendet sich, schreitet auf des Heimbergers Rain entlang, überquert die Viehtreibe und — landet im Wirtshausgarten. Du liebe Zeit, wo soll ein Bauer am Sonntagnachmittag sonst landen, wenn er nicht etwa zu den Narren gehört, die Bücher lesen. Und dazu gehört der Hohlöfner nicht. Das ist Weibersache, wenn's denn durchaus sein muß, und er ist oft genug ärgerlich gewesen, daß der Rudolf die Nase in die Bücher steckte. Bauer und Bücher! »Daß ich nit lache,« denkt der Hohlöfner, als er das Zauntürle im Wirtshausgarten aufklinkt. Die Nachbarn sitzen unter der großen Kastanie, die Pfeifen brennen, und Widuwilds Vater unkt. Nach ihm kriegten sie eine schlechte Heuernte. Er könne sich auf seine Leichdörner verlassen.

Auch Ender ist da. Er spürt, daß er alles aufwenden muß, nicht außerhalb der Nachbarschaft zu kommen.

Darum nimmt er sich der Belange besonders an, die die ganze Gemeinde betreffen. Er ist Mitglied des Schulvorstandes, und da sind Dinge zur Sprache gekommen, die höchste Aufmerksamkeit erfordern, wenn Dummheiten verhütet werden sollen. Es brennt ihm richtig im Halse. Er muß seine Weisheit loswerden. Daß der Hohlöfner kommt, ist ihm nicht ganz nach der Mütze, aber in der Sache muß er ja unbedingt mit ihm gehen.

Breit und behaglich setzt sich Heinrich Korn auf den Stuhl, streckt die Beine von sich und wischt sich den Schweiß. »Könnten einen Regen brauchen, aber nit zu lange.«

»Kriegst bald Regen genug,« unkt Widuwilds Vater.

»Deinen Leichdörnern glaub ich nit,« widerspricht der Hohlöfner lachend. »Die gehen mit dem hundertjährigen Kalender.«

»Stimmt der etwa nit?« fragt der Seifert. »Ich hab's beabsolviert.«

»Und?« fragt der Hohlöfner rasch.

»Hm, ja, dies Jahr nit,« zuckt der Seifert zurück.

Da fällt der Ender ein. Hätte er lieber den Mund gehalten. Nun macht er der Männerrunde den Hanswurst. Er hat eine blecherne Stimme, und die preßt er extra noch; denn er will weise sein und seine große, erschütternde Botschaft diplomatisch vorbereiten.

»Nix stimmt mehr,« sagt er. »Ist heutzutage überhaupt eine ganz andre Welt.«

»Hast recht,« nickt der Hohlöfner, und in seinen Augenwinkeln wird der Neckteufel lebendig. »Hast recht, Ender. Eine ganz verteixelte Welt.«

»Nix mehr von Ruhe und Ordnung,« der Ender rückt sich auf seinem Stuhle zurecht. »Aber woher kommt das? Ich sage, das geht von der Schule aus. Da kriegen sie das mit, was sie unruhig macht. Ist das nötig, frag ich einen Menschen, daß die Kinder auf der ganzen Welt herumgejagt werden? Ich hab gut rechnen gekonnt, aber bloß bis zu den Brüchen.«

»Da war's alle?« fiel der Hohlöfner ein. Eben brachte ihm sein besonderer Freund, der Wirt, ein volles Glas, trat hinter ihn, fuhr ihm mit der Hand in das dichte Wuschelhaar und zauste es. Der Griff war nicht zart und war eine Mahnung: Mach's nit gar zu arg. Heinrich Korn lachte.

»Da war's alle,« keifte Ender in leichter Erregung. »Hab aber auch mein Lebtag die Brüche nit gebraucht. Was nützen dem Bauern die Brüche, wenn er keine gerade Furche ackern kann?«

Dagegen war nicht viel zu sagen. Zwar, der Hohlöfner hätte auch das besser gewußt, aber er schwieg und verkniff nur den Mund.

»Ist das erhört, wie die Kinder heutzutage sind?« fuhr Ender fort. »Wissen alles besser, fahren den Alten übers Maul — — —«

»Wenn sie sich's gefallen lassen,« knurrte Korn, und Ender hatte doch gerade ihm wohltun wollen. Er war einen kleinen Augenblick verdutzt und setzte es dann hin, wie wenn er einen Trumpf auf den Tisch hiebe: »Kommen heutzutage schon ganz anders auf die Welt.«

Jetzt konnte sich der Hohlöfner bei dem besten Willen nicht mehr halten. Alles, was recht ist, aber wenn einem der Mensch solche Gelegenheit zu einem Jux gibt, dann soll ein anderer den Mund halten, der Hohlöfner kann's nicht.

Heinrich Korn klatschte sich mit der flachen Hand auf den Schenkel, daß es knallte, lachte in die Kastanie hinauf, daß die Blätter rauschten, neigte sich vor, sah dem Ender in das Gesicht. »Leute, Leute! Dunnerlichting! Jetzt muß ich mich aber dazuhalten, daß ich den Großvater noch erleb. Die Kinder kommen heutzutage schon ganz anders auf die Welt? Hahaha! Wie denn, Mensch? Wär's am Ende doch wahr mit dem Storch?«

Selbst Widuwilds Vater nahm die Pfeife aus den Zahnstummeln und verzog den eingefallenen Mund zu einem Lächeln. Alles, was unter den siebzig war, lachte aus vollem Halse. Auch Ender lächelte.

»So hatte ich das nit gemeint,« wehrte er sich. »Mußt halt alles verdrehen, zumal wenn ich's sage.«

»Gar nit, Ender, aber, Dunnerlichting, wenn du es einem so an den Kopf schmeißt, da soll der Mensch nit auffangen? — Nix für ungut. Prost.«

Widuwilds Vater, der sich den Gummi von einer Bierflasche auf das Pfeifenmundstück gesteckt hatte, damit sie besser hielte, bohrte die Pfeife wieder in den zahnlosen Mund und paffte.

»Im übrigen hat er recht, der Ender,« trotzte er gegen den Hohlöfner. »Ich dürfte nit Schulmeister sein, soviel sag ich. Der alte Kantor Heider hat jede Woche ein halb Dutzend Haselstöcke gebraucht. Ich war der Lieferant.«

»Heute brauchen sie keine Haselstöcke mehr, heute brauchen sie eine Bibliothek und ein halbes Dutzend Karten und die ganze Wand voller Bilder,« trumpfte Ender auf.

Er erzielte die Wirkung, die er erhofft. Die Bauern sahen ihn fragend an, und selbst der Hohlöfner schwieg.

»Das ist der neueste Antrag,« dozierte Ender. »Gestern in der Schulvorstandssitzung ist er vorgebracht worden. Fünfundsiebzig Bücher auf einmal will der Kantor anschaffen.«

»Jesses, Jesses,« stöhnte Adam Hercher, »das ist ja mehr, als eine Kuh in ihrem ganzen Leben fressen kann. Jesses, das ist ja wohl ein ganzer Schrank voll auf einmal.«

Der Hohlöfner sah Ender ernsthaft fragend an. »Wenn das wahr ist, was du sagst — — —«

»Ist wahr, so gewiß ich da hier auf dem Stuhle sitze,« belferte Ender.

Korn hob beruhigend die Hand. »Koller doch nit immer gleich wie ein Truthahn, wenn er ein rotes Tuch sieht. — Also, wenn das wahr ist, dann ist das nit mit den paar Worten abgemacht, die du gesagt hast, dann steckt mehr dahinter. Kantor Ritter ist keiner, der nit wüßte, was er macht, und nit wüßte, was er der Gemeinde zumuten kann.«

»Wenn sie etwas verlangen, ist einer wie der andre,« keifte Hercher.

»Red, Ender.« Der Hohlöfner beachtete Herchers Einwurf nicht.

»Was ist da groß zu reden? Er hat uns einen Zettel auf den Tisch gelegt, auf dem er die Bücher angestrichen hatte, die er haben will.«

»Und was sollen wir zahlen?«

»Zahlen? Jedes Jahr sechs Mark.«

»Aha. Und was sind das für Bücher?«

»Geschichten halt.«

»Bloß Geschichten?«

»N—ein. Da waren auch andre drunter. Solche von den Kühen und Pferden und vom Düngen.«

»Und wie war das mit den Karten?«

»Eine neue von Deutschland.«

Der Hohlöfner nickte. »An der alten ist nit mehr viel ganz.«

»Und Europa.«

Widuwilds Vater fuhr hoch. »Etwa auch von Frankreich?«

Ender nickte.

Da hieb Widuwild auf den Tisch. »Ist das nit das Geld zum Fenster hinausgeworfen? Ich frage einen Menschen: Ist das nötig? Ich bin Anno siebzig bis in Paris gewesen und hab das vorher nit einmal dem Namen nach gekannt.«

»Außerdem,« holte Ender nach, »sollen wir ihm Krausen Edmund seinen Teich herrichten. Da sollen die Kinder im Sommer baden.«

»Kreizdeibel,« brauste Hercher auf, »ist er denn verrückt geworden? Vom Baden wird der Mensch bloß krank auf der Brust. Ich hab mich mein Lebtag noch nit gebadet, aber ich bin auch nie krank gewesen.«

»Und — — —,« Ender setzte abermals zum Sprechen an.

»Noch mehr?« fragte Heinrich Korn gespannt.

Ender nickte. »Und Bilder will er haben. Solche, wo der nackichte Mensch drauf ist und andere mit Vögeln und Krankheiten der Pflanzen, sagt er, und einer Eisengießerei und noch viel mehr. Die Steuern, Leute, die Steuern! Das kann die Gemeinde nit tragen.«

Das war das Losungswort. Etliche der Bauern, voran der Hohlöfner und der Schmied, saßen nachdenklich auf ihren Plätzen. Die andern redeten durcheinander. Sie fuhren schweres Geschütz auf, und je gröber die Schläge wurden, um so mehr wetterleuchtete es in des Hohlöfners Gesicht. Er ließ den Sturm vorüberbrausen und schwieg, sooft sich auch einer fragend unmittelbar an ihn wandte.

Der Sturm war verebbt. Heinrich Korn strich über den Tisch. »Ich komme eben von meinem Angeracker.«

Sie sahen ihn verdutzt an. Was hatte der Angeracker mit Kantor Ritters Wünschen zu tun?

»Ich komme eben vom Angeracker. Das alte Leiden. Hab keinen schlechten Samen genommen, aber er war doch wieder lange nit gut genug.« Die Gesichter wurden länger.

Heinrich Korn sah sich in der Runde um. »Lange nit gut genug,« wiederholte er. »Die Ähren nit gleichmäßig, Wicken und Winden und blaue Blumen, im ganzen die Frucht nit stämmig genug. Wie bei mir, so ist's bei euch, Nachbarn, und ich bin gut dafür, daß wir auch wieder den Brand in den Weizen kriegen. Ist das eine Art? Nein, sage ich. Und das liegt nit am Acker, das liegt an uns. Wir wohnen zwar auf der Höhe, aber wir sind nit auf der Höhe. Die Zeiten sind vorbei, Nachbarn, daß der dümmste Bauer die größten Erdäpfel hatte. Mit der Dummheit ist kein Geschäft mehr zu machen, sonst,« der Hohlöfner hatte ein spöttisches Lächeln um den Mund, »wären meine Scheunen schon lange zu klein.«

Wieder faßte ihn sein Freund, der Wirt, in den dichten Schopf. Korn schüttelte die Hand lachend ab. »Spaß beiseite, Nachbarn. Das muß anders werden. Heut übers Jahr haben wir eine Reinigungsanlage oder — — —«

»Ich will dem ganzen Dorfe den Hanswurst machen,« fiel der Schmied anzüglich ein.

»Dunnerlichting,« der Hohlöfner schlug sich auf den Mund, »um ein Haar hätte ich's gesagt, und ich hab mich doch verschworen, daß das nit wieder aus meinem Maule kommt. Aber so ist's, wenn man sich an etwas gewöhnt hat. — Also: Wir müssen anders wirtschaften, und ich denke, jeder von uns wird mir recht geben. Das aber, Nachbarn, kann der dumme Bauer nit. So sehe ich das an, wenn Kantor Ritter dies und jenes haben will. Ist zuviel auf einmal. Das Baden streichen wir. Dafür bin ich auch nit. Und ein paar Karten werden sich auch herunterhandeln lassen, aber im ganzen hat er recht. So ein Bauernjunge kann gar nit genug lernen. Ich seh's an meinem Jungen.« Heinrich Korn holte zu dem großen Schlage aus, auf den er sich die ganze Zeit über vorbereitet. »Was er in jungen Jahren nit gelernt hat, muß er jetzt nachholen.«

»Ja, du mein,« fragte der Büttner, »ist er denn auf Schulen?«

»Ja, er ist auf Schulen,« antwortete der Hohlöfner mit so eindringlichem Ernste, daß er nur den Schmied nicht täuschte. Der lächelte vor sich hin. Das ärgerte Korn. »Brauchst nit zu lachen, Schmied. Es ist mir heiliger Ernst. — Leute, worunter leiden wir denn alle miteinander? Darunter, sage ich, daß einer den anderen nit kennt. Wir die in der Stadt nit, die in der Stadt uns nit, der Hohe nit den Niederen, der Niedere nit den Hohen. Ist's so oder ist's nit so?«

Er sah sich fragend in der Runde um. Die Bauern nickten ihm zu.

»Dabei kommt nix weiter heraus, als daß einer den anderen schlecht macht. Der Städter tut, als wüchsen uns die fetten Schweine binnen Ja und Nein von selber zu, der Bauer, als brächte der Städter die Sonntagskluft überhaupt nit vom Leibe, der Arbeiter, als wüßte sein Herr nit, was Sorgen sind, der Herr, als habe der Arbeiter kein Herz nit im Leibe. — Vater, hat mein Junge gesagt, — es war letzte Himmelfahrt, ich weiß den Tag noch wie heute, denn so was vergißt man nit, — Vater, ich muß einmal sehen, wie andere Leute zurechtkommen. Das ist kein Kunststück nit, dem Hohlöfner in Schönbach sein Einziger zu sein. Ich will mir das, was ich einmal erbe, verdienen. Ich habe den Jungen angesehen wie die Kuh das neue Tor. Bist du übergeschnappt? hab ich gefragt. Gar nit, spricht er. Was ich euch vorhin gesagt hab, das stammt nit von mir, Nachbarn. Das geht von meinem Jungen aus. Daß er immer ein Sinnierer war, das hab ich gewußt, aber das hab ich nit gewußt, daß er so weit dächte. Und ich konnt ihm nit unrecht geben, wie ihr mir nit unrecht gegeben habt. Lange genug habe ich mich dagegen gewehrt. Nun habe ich nachgegeben, weil dem Jungen sein ganzes Herz daran hing, und weil er recht hat. Da ist er in die Stadt gegangen. Zu Fuß, obwohl wir die Pferde im Stalle haben. Er hat's nit anders getan. Jetzt ist er in der Schule und in der richtigen. Er ist,« das ging dem Bauern schwer über die Zunge, »in der Grube.«

Widuwilds Vater paffte stärker und schmatzte dabei lauter als sonst. Die anderen sahen verlegen nach den Seiten. War die Uneinigkeit zwischen Vater und Sohn um des Marieles willen so groß? Der Einzige vom Hohlofenhofe in der Grube? Heinrich Korn lächelte die Nachbarn mit dem ehrlichsten Biedermannsgesicht an. Das Schwerste war überstanden.

»Ihr denkt, das ist der alte närrische Hohlöfner. Nein, Nachbarn, diesmal nit. Ich weiß, was ich mache, und mein Junge weiß es auch. Sechs, acht Wochen wird er in der Grube bleiben, vielleicht auch nit so lange, vielleicht länger, wie's trifft. Dann geht er in die Gießerei, wo sie unsere Maschinen machen, dann in die Fabrik, dann kommt er heim, und dann ist er einer, der sagen kann, mir braucht keiner was vorzumachen, ich bin die Schulen selber durch. — So, Nachbarn, nun braucht sich keiner mehr den Kopf zu zerbrechen. Wir sind nit uneins auseinander gegangen. Ich stehe zu meinem Jungen, wie er zu seinem Vater steht. Aber das sage ich: Was er gemacht hat, das müßten eure Jungen auch machen. Das Dorf soll die Stadt bei ihrer Arbeit aufsuchen, die Stadt das Dorf bei seiner. So geht's vorwärts und anders nit. Alles, was ohne die Unterlage geredet wird, das wird in die Luft geredet und bringt uns auseinander, aber nit zusammen.«

Das sprach der pudelnärrische Mann in ehrlicher, tief innerer Erregung. Sein Gesicht war überstrahlt von ernstem Wollen. Er glaubte an sich und seine Sache, hingerissen von den eigenen Gedanken, vergessend die Ursache. So riß er sie denn auch alle aus Zweifel und Unsicherheit empor. Sie dünkten sich klein ihm gegenüber, neideten ihm heimlich Lebensklugheit und Großzügigkeit und duckten sich, als er es wie Hagelschauer über die Köpfe prasseln ließ: »Denkt mancher, er kennt die Welt, weil er seine Ochsen nach Schleiz zum Wiesenmarkt getrieben hat, und sieht doch ewig nit über seinen Misthaufen hinaus. Dabei fängt die Welt erst an, wo er denkt, sie hört auf. Macht's nach, Nachbarn, und ihr sollt sehen, was nach uns für Kerle kommen.«

»Man weiß wahrlich nit, was man sagen soll,« bemerkte der Schmied, der als einziger noch nicht ganz mit seinen Zweifeln fertig wurde. Die harmlose Plauderei und Neckerei war vorüber, langsam schob einer nach dem andern seinen Stuhl unter den Tisch und ging heim. Der Schmied schloß sich dem Hohlöfner an. »Heinrich,« sagte er draußen, »man weiß bei dir niemals nit, wie man dran ist. Ich kenne dich, aber heute — — — Ist das wirklich wahr, was du da gesagt hast, oder — — —«

Heinrich Korn sah ihm ernst in das Gesicht. »Das ist wirklich wahr. Das soll mein Junge.«

Er brachte es vor des Meisters ehrlichen Augen doch nicht fertig, zu sagen: Das will er. Der Schmied aber machte den feinen Unterschied nicht. Er reichte dem Manne, den er nachbarlich liebhatte und auf den er heimlich stolz war, die Hand.

»Heinrich, dann sage ich: Alle Achtung vor euch beiden, vor dir und deinem Rudolf. Und — jetzt sei vernünftig und bring das andere auch in Ordnung.«

Der Ausdruck der Achtung aus so wortkargem Munde hatte Heinrich Korn belastet, die freundschaftliche Mahnung, die er durchaus verstand, befreite den alten Hohlöfner in ihm.

Schelmisch zwinkernd, fragte er: »Das — andere? Etwa mit — — —«

»Stell dich nit so dumm,« brauste der Schmied auf.

»Natürlich mit dem Mariele.«

»Ach so. Ja, hm. Von mir aus — — —« Korn zuckte die Achseln.

»Himmel, Herrgott, sei nit so ein Bock! Weißt du denn immer noch nit, was du an deinem Jungen hast?«

»Das weiß ich. Und auch was ich an dem Mädel hätte, weiß ich, aber die fünftausend Taler muß sie mitbringen. Anders nit.«

»Dann gib sie ihr doch, wenn du gar so verbohrt bist.«

»Damit ihr mich auslachen könnt?«

»Hansnarr, es lacht dich keiner aus.«

»Das weiß ich besser.«

»Nix weißt du. Das sage ich dir, wenn — — — Quatsch, ich sag nix. Aus ist's zwischen uns, wenn — — —«

Und der Hohlöfner mit dem alten, an ihm gewohnten übermütigen Gesicht: »Darüber reden wir noch einmal. Leb wohl, Nachbar.«

Er ging heim, belastet und befreit zugleich. Es war ausgestanden. Was vorhin im Wirtshausgarten geredet worden, wurde jetzt bereits in dem und jenem Hause erörtert und war morgen durch das ganze Dorf gewandert. Damit konnte der Hohlöfner zufrieden sein. Es würde mancher und manche den Kopf schütteln, aber sie würden sich alle langsam an den Gedanken gewöhnen, daß hier eine ungewöhnliche Großzügigkeit vorliege, die sie zwar nicht nachahmen würden, die sie aber achten mußten.

Und das war es, das den Mann belastete. Man würde ihm Achtung entgegenbringen, die er nicht verdiente. Aber auch das wäre noch nicht weiter schlimm, wäre die Sache nicht an sich so bitter ernst. Er hat das bis jetzt nachgeplappert, was seine Frau herausgefunden hat. Lehrzeit! Er beginnt nun zu erkennen, daß das etwas ganz Großes, Ernstes, Zukunftweisendes ist. Damit wächst ihm die Geschichte über den Kopf, gleitet ihm aus der Hand, läßt seinen Sohn wachsen und drückt ihn hinab in das, an dem Großen gemessen, unbedeutende Dasein des Hohlofenbauers in Schönbach. So hat er sich das nicht gerade gedacht, hat es gar nicht dahin kommen lassen wollen und muß nun beiseitestehen und zusehen, wo das alles noch hinausläuft.

Dunnerlichting, er muß machen, daß das Mariele zu seinen fünftausend Talern kommt. Aber — wenn der Rudolf nun etwa die Sache selber so ansehen gelernt, wie er sie den Nachbarn dargestellt hat, wenn er sagt: Vater, nun will ich nicht heim? Pah, wenn man erst sagen kann: In vier Wochen wird geheiratet, dann tritt dahinter alles zurück; denn — das Mariele und nicht heute lieber heiraten wollen als morgen?

Aber die fünftausend Taler! Hätte er wenigstens nur dreitausend gesagt! Zeit lassen. Warum soll nicht auch einmal etwas Gutes unvorhergesehen kommen? Übrigens: Von morgen ab wird gespart. Er hat seine Pläne.

Die jagen das Grübeln davon, Heinrich Korn beginnt leise zu pfeifen, kommt an seinen Hof, sieht seine Frau und das Mariele auf der Gartenbank sitzen, schleicht sich von hinten heran, als beschliche er einen Rehbock, steht hinter den zweien, hört, wie das Mariele sagt: »Wenn er erst wieder einmal zupft, dann will ich glauben, daß er nit mehr böse ist,« zupft das Mädchen herzhaft an den Zöpfen und ruft es der Erschrockenen, indes es in seinem Gesicht wetterleuchtet, zu: »Zupft schon wieder, aber böse ist er deswegen doch noch.«

Das Mariele aber hat sich rasch gefaßt. »Aber ich glaube nit mehr dran,« ist ihre Antwort.

»Halt's, wie du willst,« entgegnete der Bauer, sieht zornig aus und setzt sich dicht neben die beiden auf die Bank.

Sie hatten ein ernstes Gespräch gehabt, die zwei Frauen. Marie Berteles hatte der Hohlöfnerin von dem Abend erzählt, da sie die erste Wachtel gehört. Die Frau hatte eine Träne im Augenwinkel zerdrückt und des Mädchens Hand gestreichelt. »Mariele, tu ihm zugute, was du kannst. Damit nimmst du dem Rudolf nix. Der arme Mensch aber verdient, daß ihm das Leben noch ein bissel gut ist.«

»Habt Ihr gewußt, daß es so mit ihm stand?«

»Gewußt nit, geahnt ja. — Bei guter Zeit fahre ich einmal in die Stadt, und dann will ich's dem Rudolf sagen. Schreiben kann man das nit. Wenn man so was erzählt, muß man sich dabei in die Augen sehen können.«

Von dem Abend auf dem Feldraine war das Gespräch über Rudolf hinweg zum Vater gegangen, und dazu war der Hohlöfner gerade gekommen.

Der saß da, hatte sich eine Pfeife gestopft, rauchte, stützte die Ellenbogen auf die Knie, hing ein wenig vornüber und nickte vor sich hin.

»So ist's richtig. Wenn der Alte nit da ist, wird über ihn geredet.«

»Lauter Schlechtes,« wußte seine Frau.

»Brauchst du mir nit erst zu sagen, bin ich gewohnt.«

»Dann bleibst du ja in der Schnur. — Hör auf mit den Dummheiten, Vater. Das Mariele will uns in der Heuernte helfen.«

»Ist auch nit mehr als recht und billig.«

»Wann willst du denn anfangen?«

»Am Donnerstag mit der Bodenwiese.«

»Wirst du bis dahin mit eurem fertig sein können, Mariele?« wandte sich die Bäuerin an das Mädchen.

»Was nit fertig ist, bringt die Mutter zu Ende.«

»Dann ist's gut.«

»Donnerstag früh um zwei wird angefangen zu hauen,« knurrte der Hohlöfner von unten herauf.

»Wen willst denn da hauen?« fragte das Mädchen lachend. »Die Bodenwiese doch nit etwa? Da wird's erst fünf Minuten vor vier Tag.«

Da mußte auch der Hohlöfner lachen. »Auf die Minute genau?«

»Auf die Minute. Nit eine früher und nit eine später.«

»Gut, dann fangen wir um vier an.«

»Ich werde auf dem Platze sein. — Gute Nacht.«

Das Mariele reichte den beiden, die sich mit ihr erhoben hatten, die Hand und schritt aus dem Garten über den Hof.

Minna Korn schob ihren Arm in den des Mannes. Sie gingen hinter dem Mädchen drein. Die Bäuerin drückte des Mannes Arm fest an sich. »Vater, guck bloß die Zöpfe!«

»Die sind ja eben das Unglück.«

»Red nit so daher! Das ganze Mädel ist wie seine Zöpfe. Wenn sie nur erst auf dem Hofe wäre!«

»Hab gar kein Verlangen danach, ins Ausgedinge zu ziehen.«

»Du bist der richtige für das Ausgedinge, alter Brummbär.«