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Der Hohlofenbauer

Chapter 7: 6.
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About This Book

A rural community portrait centers on Marie Berteles (Mariele), a lively, hardworking young woman admired across her village, and the budding attachment between her and the Hohlofenbauer's son. The narrative traces everyday rhythms—seasonal customs, churchgoing, field and stable work—and the informal gossip, teasing and tender care of neighbors and family. Scenes emphasize parental attention and gentle rivalry, the practicalities of household labor, and small-town etiquette. Through intimate domestic moments and communal rituals, the work observes how affection, social expectation and generational perspectives shape courtship and village life.

6.

Rudolf Korn erwachte. Eine Amsel, die in der Ulme vor dem Fenster saß, hatte ihn geweckt. Betäubt von den rasch aufeinander folgenden Ereignissen, war er am Abend todmüde gewesen. Er wußte nur, daß er eben noch an das Mariele gedacht und eine dumpfe Empfindung der Ungeheuerlichkeiten gehabt, die er erlebt. Im übrigen hatte er sich nicht einmal in seiner Kammer umgesehen.

Nun pfiff der Amselhahn, und vor den Fenstern stand die Sonne. Es war noch still im Hause, und auch von der Straße her kam kein lauter Ton. Auf welcher Seite war eigentlich die Straße? Rudolf Korn stand auf und sah zum Fenster hinaus. Er blickte in einen weiten Garten mit hohen Silbertannen und langnadeligen Kiefern. Eine Blutbuche stand inmitten eines weiten Rasenplans, Ulmen umdrängten das Haus, auf Rosenbeeten waren bunte Farben vertropft.

Rudolf sah nach der Uhr. Es war kurz nach vier. Er hatte ausgeschlafen und hätte selbst, wäre er noch müde gewesen, nicht wieder einzuschlafen vermocht. Die Gedanken drängten in dichten Schwärmen heran, aber es war kein Heimgedenken. Auch das Mariele tauchte nicht vor ihm auf.

Er setzte sich auf den Bettrand, legte die Hände ineinander und starrte vor sich hin. Der Blick ging den langen, dunklen Stollen entlang und stieß sich an dem Kohlenhaufen, aus dem die tote Hand ragte. Die Finger waren einwärts gekrümmt, die Nägel gruben sich in das Fleisch.

Eine tiefe, rissige Falte sprang dem Grübelnden in die Stirn. Aus schmerzverkrampftem Herzen schleuderte er zum erstenmal in seinem Leben ein: Warum? und: Wozu? gegen den Himmel. Der ganze Bau seiner Jugend- und Mannesjahre wankte. Die Bitternis, unter der er von daheim gegangen war, ward mit einem Male herzlich unbedeutend. Was war der Rutenstreich gegen den Keulenhieb des Schicksals?

Lichtes Glück in den Augen, war der Freund am Morgen lachend aus der Haustür getreten. Das war noch keine vierundzwanzig Stunden her. Er hatte von seinem Mädchen geplaudert und hatte beide, Mutter und Kind, gemeint. Vielleicht, daß er des Weibes warme, weiche Arme noch um seinen Hals gespürt. Er hatte mit versonnenem Lächeln die eigene Wange gestreichelt. Und der tote, schwarze Stein hatte ihn erschlagen!

Rudolf war auch an den Sonntagen bei dem Freunde gewesen. Sie waren alle miteinander hinaus vor die Stadt spaziert. Da standen die kleinen Häuser mit den bescheidenen Gärten. Und jedes dünkte den sehnenden Mann ein Paradies. Er hatte stets gelobt, wenn er auch vor dem und jenem gesagt: »Den Garten mache ich mir anders. Das muß viel bunter sein. Ich mag die Zirkelei nicht leiden.«

Der Mann kam von einem Bauerngeschlecht her, und wenn auch der Hof selber im Dämmergrau der Vergangenheit versank, das Blut nährte sich noch immer aus der Erde und wollte zur Erde zurück. So war er im tiefsten Innern ein Bauer, der heim zur Scholle wollte.

Und alles, das tiefe Sehnen, das lichte Freuen, ja, die heilige Stimme des Blutes, hatte der Stein zerschlagen, der tote, schwarze Stein, in dem doch ein brennender Haß gegen die geisterte, die ihn aus den Jahrmillionen der Versunkenheit und Stille in das Licht zerrten.

Der Stein haßte? Eine Macht nahm den Stein und warf ihn herab. Dieselbe Macht, die ihn mit dem kleinen Finger, ja, mit dem Blick ihres Auges hätte festhalten können, die ein Warnungszeichen hätte geben können. Warum ist nicht ein Knirschen durch den Stein gegangen? Warum hing er nicht noch eine Minute? Die einzige Minute, die ausgereicht hätte, das von Hoffen und Freuen, von Treue und Liebe schier berstende Herz vor dem Keulenhiebe, der es zerschmetterte, zu bewahren.

Und die Macht hieß: Gott?!

Ein schrilles Lachen gellte durch das Zimmer und prallte an der Sonne ab, die durch das Fenster brach. Gott, Heimat, Liebe — Lüge! Lüge! Wirklichkeit nur das Schicksal, der Zufall, der heute einen Stein nimmt, sich morgen eines Paares durchgehender Pferde bedient, übermorgen den Blitzstrahl schleudert?

Rudolf Korn war mit einem Schlage daheim, und er kroch in sich zusammen. Da liegt die blühende Bodenwiese, und — sie streiten sich um eine Erle! Da schreitet das Mariele mit seinen langen Zöpfen, und sie soll fünftausend Taler mitbringen, weil der Vater nicht dem Dorfe den Hansnarren abgeben will! Und da — steht die Mutter, breit, gütig, lächelnd und hebt den Finger: Nit, Rudolf, nit!

Du hast recht, Mutter. Es gibt anderes als einen lumpigen Rutenstreich, und das weiß der Grübelnde, daß auch der Vater nur — Werkzeug ist.

Einer, in dem das Jünglinghafte trotz allem überwog, war vor einigen Wochen in die Stadt gewandert, ein Mann erhob sich von der harten Bettkante. Ernst, gemessen in jeder Bewegung, das Leben nicht verneinend, aber es mit anderem Maße als gestern messend, stieg Rudolf Korn die Treppe hinab, die Pferde zu füttern.

Im Hausflur kam ein junges Mädchen trippelnd aus der Küche, hatte blanke Augen und einen frischen, roten Mund, und das weiße Häubchen stand ihm gut zu dem dunklen Haar.

»Guten Morgen,« grüßte sie. »Haben Sie gut geschlafen?«

»Ja. Ich bin nit einmal aufgewacht.«

»Haben Sie auch geträumt?«

»Nein. Gar nix.«

»Das ist das beste. — Wie muß man Sie denn nennen? Der vorige Kutscher hieß Johann.«

»Ich heiße Korn, Rudolf Korn.«

»Rudolf klingt gut. — Wissen Sie Bescheid im Stalle? — Warten Sie, ich zeige es Ihnen.«

Sie schritt plaudernd neben ihm her, erzählte, daß der vorige Kutscher schon lange verdient gehabt hätte, weggejagt zu werden; denn er sei nicht nur unzuverlässig gewesen, sondern hätte auch heimlich Hafer verkauft. Sie wisse es ganz genau. Und dann sei er immer gleich so aufdringlich gewesen.

»Ich werde nit aufdringlich sein,« sagte Rudolf Korn lächelnd.

»Das sieht man Ihnen an,« lobte das Mädchen. Dabei hantierte sie mit flinken Fingern da und dort, wies dies, wies jenes.

»So, nun wissen Sie alles, aber Sie brauchen nicht wieder so früh aufzustehen. Vor neun fährt der Herr nicht zur Bank.«

»Ich bin nit gewohnt, lange zu schlafen. Und ist denn da weiter nix zu tun, als den Herrn oder die Frau auszufahren?«

»Viel mehr nicht. Wenigstens ist das die Hauptsache.«

Das Mädchen begann zu kichern. »Ich höre Sie so gern reden. Sie sagen immer nit und nix.«

»Das bin ich halt so gewohnt.«

»Ich würde es mir auch nicht abgewöhnen.«

»Tu ich auch nit.«

Das Mädchen kehrte in das Haus zurück. Rudolf versorgte die Pferde. Gegen ein halb neun ließ ihn der Herr rufen. Er saß in seinem reich ausgestatteten Arbeitszimmer vor dem Schreibtisch. Ihm zur Seite saß seine Frau.

Als Rudolf eintrat, erhob sich die Frau, ging ihm einen Schritt entgegen und reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen noch einmal herzlich.«

»Da ist nix zu danken,« wehrte Rudolf ab. »Ich hätte nur gleich fester zufassen sollen, dann hätten die Pferde eher gestanden, aber ich war noch nit recht bei mir.«

Das Wort fing der Hausherr auf. »Sie sind eigentlich Bergmann?«

»Das war ich bis gestern. Als ich die Pferde aufhielt, war ich's schon nit mehr.«

»Sie hatten Schicht gemacht?«

Da erzählte Rudolf mit ein paar kurzen Worten, was er erlebt. Es berührte den Herrn wenig.

»Das kommt leider immer wieder einmal vor. In dem Falle ist ja aber der Mann selber schuld gewesen. — Im übrigen paßt es ganz gut. Sie haben zurzeit keinen anderen Posten. Wenn Sie wollen, können Sie bei mir bleiben. Es wird nicht viel von Ihnen verlangt, aber ich brauche einen unbedingt zuverlässigen Mann. Wie heißen Sie eigentlich?«

»Rudolf Korn.«

»Aus?«

»Aus Schönbach.«

»Kenne ich nicht. Ihre Papiere können Sie mir gelegentlich vorlegen. Sie gehen am besten gleich nachher einmal nach der Bank und fragen nach Herrn Siebold. Der wird Ihnen alles weitere sagen. Ich bin gewohnt, meinen Kutscher Johann zu rufen.«

»Ich heiße Rudolf.«

»Der andere hieß Anton. Bei mir heißen Sie Johann.« Der Mann zog die Uhr. »In zwanzig Minuten fahre ich zur Bank.«

Es lag eine nervöse Hast über allem, was der Mann tat und sagte. Er war wohl kaum über die Vierzig hinaus, aber das Gesicht war tief gefurcht, die Mundwinkel zuckten unaufhörlich, und die Augen irrten unruhig hin und her. Selbst die Hände vermochte er nicht einen Augenblick stillzuhalten. Die Augen funkelten unter einem Klemmer mit starken Gläsern, und hastige Finger fuhren unter den Gläsern weg bald über das rechte, bald über das linke Auge.

Es hatte Rudolf auf den Lippen gelegen, zu erklären, daß er den ihm angebotenen Posten nicht annehmen könne, aber ein Blick auf die Frau hatte ihn still gemacht. Auch ihr Antlitz war älter, als es die Jahre rechtfertigen konnten. Sie sah geradezu verhärmt aus.

Als Rudolf aus dem Zimmer trat, fing ihn das junge Hausmädchen wieder ab.

»Wie gefällt Ihnen der Herr?«

»Da kann ich noch gar nix sagen.«

»Pst, nicht so laut! Sie dürfen sich nicht verblüffen lassen. Er hat seinen Kopf voll.«

»Das kann man sich denken, aber — — —«

»Wissen Sie,« sie drängte sich dichter an ihn, »er hat seine Sorgen. Es steht faul mit der Bank. Der alte Herr soll helfen, der Vater der Frau, aber der tut's nicht mehr. Oh, Sie müßten manchmal hören, wie das zugeht. — Aber um Gottes willen kein Wort! Ja nicht! Die Frau ist gut, seelengut. Die macht alles wieder glatt. Für den Herrn sind wir alle bloß Nummern, aber er tut uns doch auch leid. Der Alte könnte ruhig noch was herausrücken.«

Sie sprang davon, wandte sich um und legte den Finger warnend auf den Mund.

Eine reichliche Stunde später war Rudolf wieder zurück und brachte die Pferde in den Stall.

Da ließ ihn Frau Werner rufen und empfing ihn in ihrem eigenen Zimmer. In einer Ecke spielten zwei Kinder, ein Junge von etwa fünf und ein Mädchen von drei Jahren.

»Bitte, setzen Sie sich,« bat die Hausfrau. Sie rief die Kinder heran. »Das ist unser Ludwig und das unsere Ursula. Nun gebt mal dem Herrn die Hand und sagt: Danke.«

Der Junge legte die weiche Kinderhand in Rudolfs breite Rechte, machte seinen Diener: »Danke,« und ging wieder in seine Spielecke. Das Mädelchen sah aus wie ein hergewehtes Schneeflöckchen. »Danke ssön.« Die Hand mußte Rudolf festhalten, die allerliebste runde Kinderhand. Blaue Augen sahen vertrauend zu ihm auf. »Du bist ein Mann?«

»Ich bin ein Mann, aber kein großer.«

»Is bin droß.«

»Freilich, du bist groß, Urselchen. Nun geh wieder zu deinen Puppen. — Sie wird Ihnen noch oft genug lästig werden, der kleine Irrwisch,« sagte Frau Werner freundlich.

»Das wird sie nit,« erklärte Rudolf. »Ich mag Kinder gern.«

»Um so besser. — Sagen Sie, Sie sind doch nicht immer Bergmann gewesen?«

Eine kleine halbe Stunde später hatte die kluge, warmherzige Frau einen tiefen Blick in das Herz getan, das sich ihr nicht verschloß, sondern gern öffnete.

Sie reichte Rudolf die Hand. »Wenn die Sache so liegt, dann werden Sie wahrscheinlich nicht lange bei uns bleiben. Ich werde mit meinem Manne reden. Der — Johann — soll Ihnen erspart bleiben.« Sie seufzte. »Ach ja, das Leben! Es wird keinem leicht, damit fertig zu werden. Glauben Sie das nur. Jeder muß seinen Tribut zahlen. — Nun wollen Sie sich gewiß einmal nach der Witwe Ihres Freundes umsehen. Gehen Sie nur. Ich fahre heute nicht aus. Mein Mann bleibt über Mittag in der Stadt. Er muß um fünf abgeholt werden. Bis dahin haben Sie Zeit. Den Pferden gibt Marie inzwischen noch einmal Futter. Sie hat das schon öfter gemacht. Im übrigen, Rudolf, wenn Sie etwas haben, kommen Sie zu mir. Unsere Herren stecken so tief in ihren Geschäften, es hängt oft so viel von einem Entschluß ab, daß sie mehr als genug mit sich selber zu tun haben. Sie dürfen darin keinen Mangel an Mitgefühl sehen.« Frau Werner reichte ihm erneut die Hand. »Ich will hoffen, daß es Ihnen, solange Sie bei uns bleiben, wenigstens gefällt. Und nun gehen Sie zur Bank und bringen Sie Ihre Sache in Ordnung, dann suchen Sie die arme Frau auf.«

Der Buchhalter Siebold teilte Rudolf Korn mit, daß er von seinem Herrn beauftragt sei, ihm für sein gestriges rasches Zugreifen fünfzig Mark auszuzahlen. In dem Sohne des Hohlöfners wollte sich der Geist des Vaters regen. Er biß die Zähne zusammen. Es ist für das Mariele!

Der Buchhalter sah das Zögern und lächelte.

Kurz darauf schritt Rudolf durch die Straßen.

Frieders wohnten in einem der hohen Mietshäuser. Langsam stieg der Besucher die Treppen hinauf. Grete Frieders öffnete ihm und hatte ihr Mädelchen auf dem Arm. Ihre Augen waren tief zurückgesunken, die Backenknochen traten stärker als sonst aus dem schmalen Gesicht. Und doch fiel es Rudolf Korn im ersten Augenblick auf, wie zusammengerafft die Frau war. Nicht ein Härchen lag außer der Reihe.

Sie reichte dem Freunde ihres Mannes die Hand.

»Guten Tag, Rudolf. Kommen Sie herein. Ich habe schon gestern auf Sie gewartet.«

»Da konnte ich nit kommen.«

Grete Frieders ging vor ihm her und sagte im Schreiten: »Das glaube ich gern. Sie mußten auch erst wieder zu sich selber kommen. — So, bitte, setzen Sie sich.«

Nun saßen sie einander gegenüber und sahen sich in das Gesicht. Die Frau hatte keine Träne, und doch waren die Wasser nicht eingefroren. Still vor sich hinnickend, sprach sie: »Wir zwei waren zu glücklich. Wissen Sie, so was hat selten Bestand. — Hat er eigentlich gar nichts geahnt?«

»Nein. Er kam ja mit lachendem Gesicht aus dem Hause.«

»Freilich, freilich.« Die Frau lief rot an. »Ja, er ging mit Lachen fort, aber ich habe doch so eine Angst gehabt. — Es hat keinen Zweck, darüber zu reden. Bleiben Sie nun eigentlich in der Grube?«

»Ich bin schon nit mehr da. Das hätte ich nit fertiggebracht, noch einmal den Stollen langzugehen.«

»Wie lag der arme Mann eigentlich da?«

Sollte Rudolf Korn die Wahrheit sagen? Die junge Frau sah sein Zögern.

»Lieber Rudolf, Sie können mir alles sagen. Ich habe ja genug gesehen. War er eigentlich ganz verschüttet?«

»Bis auf den Kopf und die rechte Hand.«

Es zuckte krampfhaft in des Weibes Gesicht. Sie erhob sich, nahm ihr Kindchen, das derweile hin und her getrippelt war, auf den Arm, küßte es und stellte es wieder auf seine Füße. Rudolf Korn grübelte an der Frau herum.

Wie ist das denkbar, daß sie nicht weint? Andere würden doch den Kopf auf den Tisch schlagen und laut aufheulen, und sie hat keine Träne. Wenn ich nicht wüßte, wie gut sie miteinander ausgekommen sind, wunderte ich mich nicht, aber sie sagt ja selber, daß sie glücklich waren. Grete Frieders trat an das braune Vertiko und nahm ihres Mannes Bild, das dort im Rahmen aufgestellt war, in die Hand. Sie schien nicht recht zu wissen, was sie tat, wischte über das Glas, sah darauf nieder, stellte das Bild zurück und fuhr mit dem kleinen Finger in den Augenwinkel. Es sah aus, als wäre sie unwillig über sich selber. Das Haupt zurückwerfend, setzte sie sich wieder dem Gaste gegenüber.

»Er hat sehr viel auf Sie gehalten, Rudolf. Unter den anderen hat er wohl kaum einen besonderen Freund gehabt, obwohl sie ihn alle gern hatten. — Sagen Sie,« sie blickte ihn aufmerksam an, »Sie sind nicht mehr in der Grube? Ich dächte, Sie hätten vorhin so etwas gesagt.«

Rudolf erzählte, Grete Frieders hörte scheinbar aufmerksam zu, aber es geschah, daß sie jetzt an ihm vorübersah, so daß er wußte, sie hört mich nicht, dann ihn fragte: »Wie war das doch?«, dann mit dem Kopf nickte, ohne daß eine Ursache dazu gewesen wäre. Und aus den kleinen Zügen, aus der blitzenden Stube, aus dem sorgfältig gestrählten Haar und den tiefen Augen, die an sich selber herumirrten und sich gegen das Vereisen wehrten, wuchs vor dem Schönbacher Bauern ein Bild, vor dem er sich innerlich neigen mußte.

»Rudolf,« bat die Frau, als er geendet hatte, »nicht wahr, Sie erzählen mir das später noch einmal. — Das ist alles so sonderbar. Ich weiß gar nicht, ich komme noch nicht zurecht damit. Sie werden sozusagen aus der Grube herausgeschleudert durch den Tod meines Mannes. Ich weiß gar nicht — — — Ach, man weiß ja überhaupt nichts.« Sie richtete ihre braunen Augen groß und voll auf Rudolfs Gesicht. »Rudolf, Sie sollten sich nicht zu lange hier aufhalten. Man kann später nicht nachholen. Richard wollte durchaus ein Jahr eher heiraten, aber ich bestand darauf, daß ich erst mein Zeug alles zusammenhaben müsse. So sind wir ein Jahr weniger beieinander gewesen. — Sie kommen doch morgen mit auf den Friedhof? Die Beerdigung ist um drei.«

Und das alles sagte die Frau mit ruhiger Stimme, aber es war so erschütternd in seinen Untertönen, daß es den Mann im Halse würgte, daß das Mitleid hundertmal gewaltiger heraufbrach, als wenn die Frau laut aufgejammert und geweint hätte, daß seine Stimme rauh ward und sein Mund zuckte.

»Grete, wie wird das nun mit Ihnen?«

»Ach, das geht alles weiter. Ich behalte vorläufig auch unsere kleine Wohnung. Bis ins einzelne kann ich Ihnen das natürlich nicht sagen, aber ich komme schon durch mit meinem Kinde, soweit es sich um Essen und Trinken dreht. Sehen Sie,« sie langte zur Seite nach einem Brief, »da haben meine guten Günthers geschrieben, ich möchte sofort wieder hinkommen und auch unser Kind mitbringen. — Ach, Sie wissen da gar nichts? Das wundert mich, daß Richard nicht davon gesprochen hat. Ich war, bis wir heirateten, bei Günthers in der Henkelstraße. Da war ich eigentlich alles, Tochter, Hausmädchen, Verkäuferin. Sie haben das Weißwarengeschäft. Wie hätte ich denn sonst eine solche Einrichtung zusammenbringen können, wenn mir die guten Leute nicht geholfen hätten? Daß Richard etwas kaufte, habe ich nicht gelitten. Von der Stunde an, in der er mir von dem Häuschen gesagt, wäre es ja unverantwortlich gewesen, wenn ich etwas von ihm verlangt hätte. Ach ja, das Häuschen! Übrigens, Rudolf, den Gedanken gebe ich nicht auf. Nein, das übernehme ich als meines Mannes Erbe. Nur: Unser Mädelchen wird derweile groß werden. Was schadet's? Ich bin auch ohne Garten aufgewachsen. Aber dem Kinde will ich einmal sagen können: Das hat dein Vater für dich gewollt.«

Und über allem, was die Frau schlicht und still daherredete, standen die großen braunen Augen wie offene Tore, durch die man in einen Garten mit tiefen, dunklen Gängen sieht.

Rudolf Korn erfaßte vorerst nur ahnend des Weibes Tiefe, aber ein Gedanke formte sich ihm von selber. »Sie sind doch aus der Stadt, Grete?«

Frau Grete verstand die Beziehungen nicht. Sie nickte. »Ja, ich bin hier geboren. Mutter lebt noch.«

Rudolf Korn erhob sich. »Ich kann Ihnen also mit gar nix helfen?«

»Nein, Rudolf, mit gar nichts. Was ich brauche, haben Sie mir gebracht. Ich brauchte Herz.«

Dabei fügte es sich, daß die zwei vor dem kleinen Bücherbrett an der Wand standen. Rudolf Korn blickte gedankenlos auf die goldbedruckten Bücherrücken. Frau Grete aber deutete den Blick als ein Suchen, griff hinüber, zog eines der Bücher heraus. »Das mochte Richard am liebsten. Er hat es wohl zehnmal gelesen.«

Es war die Heiteretei von Otto Ludwig. Frau Grete neigte sich dem Freunde ein wenig entgegen, und ihre Stimme ward noch tiefer und dunkler. »Wissen Sie, Rudolf, wenn Richard am Leben geblieben wäre, dann hätte ihm auch das Häuschen draußen im Grünen nicht ganz genügt. Ich habe lange nicht gewußt, was es war, das mich aus dem Manne heraus manchmal groß ansah. Seit ich ihn mit Ihnen zusammen reden hörte, weiß ich's. Sein Großvater war Bauer, sein Onkel ist's noch. Er war's auch. Das stirbt nicht so rasch. Haben Sie schönen Dank für den Besuch, Rudolf, und, wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, dann kommen Sie manchmal wieder. Dann werden wir auch über manches reden können, womit ich heute noch nicht fertig bin.«

Und wieder kam eine stille Sommernacht, aber sie glich nicht der Schwester, die gestern über die Erde gegangen war. Aus ihres Mantels Falten sank dem Schönbacher Bauern nicht der Schlaf.

Rudolf Korn versuchte, von seinem Grübeln loszukommen, indem er an das Mariele dachte, aber es war, als schwebe die lichte Mädchengestalt irgendwo in der Ferne, ihm gewiß, ja, der Weg jedoch, der zu ihr führte, wand sich um lauter Felsblöcke.

Es war still, ach, so still wie daheim zwischen den Feldern und Wiesen, und doch brauste draußen das Leben in breitem Strome. Wenn der Grübelnde jetzt aufstand und nur etliche Straßen weit ging, dann war er mitten im Wogen. Kapellen spielten in den Gärten, Bogenlampen brannten, die Elektrischen bimmelten, die Autos huschten hin und her. Das war die Stadt!

Und — draußen, fünfhundert Meter unter der Erde, klangen die Fäustel, knirschte der Stein, klirrten die Schienen, ging der Tod um. In der stillen Stube aber saß eine Frau, hatte ihr Mädelchen zu Bett gebracht, würde morgen ihren Mann begraben. Sie hatte keine Träne, weil — die heiße inwendige Glut sie alle aufsog? Nein, weil sie tapfer war, tapferer, als man billigerweise von einem Menschen verlangen durfte. Wie sie das Erbe antrat! — Und morgen schritten ihrer wieder etliche Tausend an ihre Arbeitsstätten, sagten dem Tage Lebewohl und murrten nicht, wenn sie sich mit der Sonne Abendgrüßen zufriedengeben mußten. Sie hatten alle irgendwo eine stille Wunschecke. Tapfere Menschen, die mit den Brosamen zufrieden waren, die von der Herren Tische fielen.

Wer waren die Herren? Drunten fiel aus einem Zimmer breiter Lichtschein hinaus in den Garten. Eine Kiefer mit silberglänzenden Nadeln stand wie ein Christbaum mitten im Lichtkegel. Er kam aus Bankier Werners Arbeitszimmer. Der schien einer von denen zu sein, die an des Lebens vollen Schüsseln sitzen. Und sein Gesicht war zerknittert und zerfurcht, der Mann konnte kein Glied stillhalten, das Leben, dem er die Sporen zu geben schien, peitschte ihn selber.

Ein breiter Giebel blickte drüben durch die Bäume. Das Hausmädchen hatte Rudolf auf seine Frage gesagt, das sei das Krankenhaus St. Michael. Darin gehe es zu wie im Bienenstock. Ein dauerndes Kommen und Gehen.

Auch das war die Stadt, aber wer fremd von draußen kam, sah dies Gesicht nicht.

Stadt, Leben, Schicksal, — — Gott! Lauter Kreise, die ineinander wogen, sich niemals lösen, sich immer tiefer verwirren. Und davor ein Mensch, der mit der Faust Felsen zertrümmern möchte! — —

Rudolf Korn schlief ein, schritt im Traume über den Angeracker und warf die Körner mit weitem Schwunge auf das Land. So schön der Traum war, die trotzige Falte in der Stirn wich doch nicht aus des Schlafenden Gesicht.

Am andern Tage gab er dem toten Freunde das letzte Geleit. Als er vom Grabe schritt, haßte er die Stadt. Die Friedhofskapelle ward nicht leer. Dem Bauernsohn hatte die Stille des Dorfkirchhofs gefehlt. Ein Begräbnis in Schönbach rüttelte den ganzen Ort durcheinander. Hier ging es auf die Minute. 3.15 Uhr der, 3.35 der andere. So bis zum Abend.

Um das Grab harte Bergmannsgesichter ohne Tränen. Heute der, morgen wir. Wir sind Nummern auf des Lebens Nummertafel. Der Pförtner streicht jetzt eine durch und schreibt eine andere.

Still und tränenlos hatte auch Grete Frieders am Grabe gestanden. Rudolf Korn hatte sich wahrhaftig geschämt, daß ihm, als dem wohl einzigen, die hellen Tränen über das Gesicht gelaufen waren. Und gerade hatte ihm Grete Frieders in das Gesicht gesehen, hatte gestutzt und ihm zugenickt.

Da war er still aus dem Haufen getreten, heimzugehen. Er war auf einen gestoßen, den er oberflächlich von der Grube her kannte. Es war ein ernster Mann mit rötlichem Barte. Der hatte sich Korn angeschlossen und hatte unterwegs allerlei geredet. Nicht anklagend und verbittert und doch in einem tiefen Groll. Rudolf hatte lange geschwiegen; denn er glaubte, des Lebens heißen Notschrei zu vernehmen. Dann war ihm ein Wort gegen das Herz geflogen, daß er darauf antworten mußte.

»Frieders ist nicht mehr gewesen wie du und hätte das doch nit gesagt.«

»Du meinst das Wort: Sklave? — Was sind wir denn sonst? Wir haben den Mann übrigens nie verstanden.«

»Soll ich dir sagen, warum nit? — Weil er in der Erde stand und du bloß drauf

»Das sind Redensarten, und das hast du in einem Buche gelesen.«

»Ich lese selten ein Buch.«

»Dann redest du's einem andern nach.«

»Nein, ich sage, was ich selber weiß. Ich brauche niemand dazu.«

»Du, darüber müßten wir ein andermal mehr reden. Ich will dich einmal aufsuchen.«

»Ist nit nötig. Ich komme gern zu dir. Ich bin bei fremden Leuten, du bist daheim.«

»Komm, wann du willst. Du weißt ja, wann Schicht ist. Ich wohne in der Erbestraße Nummer 48, zwei Treppen rechts.«

Als Rudolf Korn heimkehrte, erwartete ihn das Hausmädchen. »Rudolf, es ist gut, daß Sie kommen. Der Herr wartet schon auf Sie. Sie sollen ihn zum alten Herrn fahren.«

»Wer ist das, und wohin muß ich fahren?«

»Das wissen Sie nicht? Das ist der alte Herr Schmidt, der Vater der gnädigen Frau. Dem gehört doch die große Eisengießerei nach Braunsdorf zu. Sechshundert Menschen sollen drin stecken. Seine Villa hat er in der Jakobstraße. Es ist die mit den dicken Säulen vorn. Sie können sie gar nicht verfehlen. Passen Sie auf, daß Sie richtig halten. Der Herr hat schlechte Laune. Es ist wieder böses Wetter. Ich ging vorhin an der Tür vorbei, und ich glaube, die gnädige Frau hat geweint. — Los, Rudolf, spannen Sie an. Wissen Sie die Jakobstraße?«

»Ja, die weiß ich.«

»Also die dritte Villa links.«

Kurz darauf lenkte Rudolf den Wagen durch die Straßen, und hinter ihm saß ein Mann, der nicht rechts und nicht links sah, dem der Zorn das Gesicht rötete, der aus dem Wagen sprang und in barschem Ton befahl: »Warten!«

Rudolf hielt vor der breiten Freitreppe. Er war abgestiegen und streichelte das Handpferd. Da kam um die Hausecke ein alter Herr mit schlohweißem Haar. Er war untersetzt und hatte ungewöhnliche Augen. Einfach gekleidet, wirkte er doch vornehm.

An Rudolf herantretend, fragte er: »Sie sind der junge Mann, der vorgestern die Pferde aufhielt? — Sind Sie von Hause aus gewöhnt, mit Pferden umzugehen?«

»Ja, ich bin Bauer.«

»So. Aber Sie kamen von der Grube? Und da war eben das Unglück passiert?«

»Da war es eben passiert.«

Der alte Herr nickte, und auf seinem Gesicht stand Teilnahme geschrieben. »Es bleibt mancher brave Mann auf der Strecke liegen. — Sie sind zum ersten Male in der Großstadt?«

»Ja. Ich habe zwar gedient, aber die Garnison hatte nur ein paar tausend Leute.«

»Dann ist Ihnen die Großstadt neu. Ich will Ihnen was sagen: Sie machen den Eindruck eines Menschen, der sucht.« Er lächelte, als ihn Rudolf verdutzt ansah. »Das braucht Sie nicht zu wundern, daß ich das sage. Ich bin zweiundsiebzig Jahre, und mir sind viele Menschen durch die Finger gegangen. Meine Tochter hätte mir gar nichts zu erzählen brauchen, ich wäre auch so mit Ihnen zurechtgekommen. Sie suchen, und — Sie suchen sich selber. Sie werden sich auch finden, aber mancher geht doch gerade in der Stadt bei dem Suchen nach sich selber sich verloren. Man muß die Stadt anfangs von der Rückseite betrachten. Ihr Gesicht verwirrt. Mancher lernt's nie, ihr wahres Gesicht zu sehen. Stadt heißt Arbeit, und Arbeit heißt Kampf, und Kampf ist hart.«

»Das ist bei dem Bauern auch nit anders.«

»Nur daß er,« der alte Herr lächelte wieder, »die ausschlaggebenden Kräfte, Sonne und Regen, nicht ein- und ausschalten kann wie der Arbeiter die Maschine. Das ist der Unterschied, und der ist so groß, daß er geradezu zweierlei Menschen gemacht hat. — Sie haben meinen Schwiegersohn hergefahren? Er ist schon drin im Hause?« Der Mann reichte Rudolf Korn die Hand. »Ich danke Ihnen noch einmal, daß Sie Unglück verhütet haben.«

Er schritt die Treppe hinauf, und Rudolf Korn sah nachdenklich hinter ihm drein. Das war der Mann, aus dessen Händen sechshundert Arbeiter ihr Brot empfingen?!

Rudolf brauchte nicht lange zu warten. Bankier Werner kam die Treppe herab, aschfahl im Gesicht. »Klubhaus.«

»Wo ist das?«

»Eliesenstraße 18.«

»Wie muß ich dahin fahren?«

»Himmeldonnerwetter, werden Sie nicht Kutscher, wenn Sie keinen Bescheid wissen. Jakobstraße, Breiter Plan, Lindenweg, Eliesenstraße.«

Rudolf Korns Gesicht war blutübergossen, als er die Pferde wieder auf die Straße lenkte. Er fand den Weg und fand das Haus. Der Bankier war indes ruhiger geworden, wollte zwar nicht gutmachen durch ein freundliches Wort, glaubte aber gutmachen zu können durch ein Trinkgeld.

Der Wagen hielt, Werner stieg langsam aus und griff in die Tasche.

»Sie können nach Hause fahren.« Er reichte seinem Kutscher ein Geldstück hinauf.

Rudolf aber schüttelte den Kopf. »Das nehm ich nit.«

Da schoß seinem Herrn das Blut zu Kopfe. Harte Worte quollen ihm im Halse empor. Er schwankte einen Augenblick, und sein Gesicht veränderte sich. Es war, als erwache er. Wortlos steckte er das Geld wieder in die Tasche und trat in das Haus.

Am anderen Tage war er der kurzangebundene Mann, der er immer war.

Rudolf hatte wenig zu tun und war nun innerlich so weit mit sich fertig geworden, daß er heim schreiben konnte. Er schrieb an die Eltern und an das Mariele.


In Schönbach war die Heuernte in vollem Gange. Der Hohlöfner war am Donnerstag früh mit dem Knechte und den beiden Mägden im Morgengrauen nach der Bodenwiese gegangen und hatte schon von weitem hinübergesehen, ob das Mariele da sei. Es hatte wie Spott um seine Mundwinkel gezuckt, als die suchenden Augen das Mädchen nicht fanden. Aber siehe da, als er auf die Erlen zuschritt, trat ihm das Mariele entgegen.

»Guten Morgen.«

»Guten Morgen. — Dunnerlichting, das ist ja wie bei dem Hasen und dem Swienegel.«

Das Mariele lachte lustig auf, und der Bauer fragte, was da zu lachen sei.

»Ja,« entgegnete das Mädchen, »ich weiß doch nit, was ich nun dabei bin.«

Der Hohlöfner nahm den Scherz nicht krumm. »Aufs Maul bist du nit gefallen.«

»O ja. Hab mir sogar als kleines Mädel einmal einen Zahn eingeschlagen.«

Darauf ging der Bauer nicht ein. Er lupfte seine Mütze. »Wollen wir in Gottes Namen anfangen. Mariele, du mähst hinter mir.« Und der Mann holte mit seinen langen Armen aus, als wolle er die ganze Wiese mit ein paar Hieben herunter haben. Er federte in den Gelenken, stand breitbeinig, stämmig wie ein Baum; der Tau sprühte, Gräser und Blumen sanken. Als er etliche Schritte voran war, setzte das Mädchen ein. Soweit auch der Hohlöfner ausholte, den Spaß, Marie Berteles klein zu kriegen, erlebte er nicht. Die Entfernung zwischen ihr und ihm vergrößerte und verringerte sich nicht. Breit lagen die Schwaden auf dem Grunde. Stare kamen und lasen Regenwürmer und Käfer auf, schwarzröckige Amseln äugten scheu aus gelbgeränderten Augen und suchten mit den Staren um die Wette. Langsam stieg die Sonne über den Tannenberg, und der Hohlöfner begann, mit dem Hemdärmel die schweißnasse Stirn zu wischen.

Als die Turmuhr sieben schlug, kam die alte Henriette, die auf dem Hohlofenhofe ab und zu ging, ohne da ständig zu arbeiten, mit dem Kaffee. Unter den Weiden am Bache tranken die Mäher. Der Hohlöfner aber machte ein grimmiges Gesicht, weil er nicht pfeifen wollte. Die Kleinmagd schwatzte und kicherte.

Da knurrte der Bauer: »Überm Essen wird gegessen und nit geschnattert.«

Einen Augenblick sah ihm das Mädchen verblüfft in das Gesicht. Sie glaubte nicht an seinen Zorn; denn sie waren schon ein rechtschaffen Stück vorwärtsgekommen. Daher lachte sie um so lustiger auf.

»Überm Essen wird doch allemal gegessen, was soll man denn sonst machen?«

»Hast recht, Klugschnack.« Auch der Bauer lachte, langte nach der Pfeife, brannte sie an und paffte.

»Fertig?« fragte er nach einer Weile. »Dann kann's weitergehen. Eine reichliche Stunde hält der Tau noch.«

Wieder rauschten die Sensen, und die Sonne stieg höher und höher. Die Bodenwiese war nicht klein. Sie hatten sie selten auf einmal gemäht. Es war gegen neun, da stand nur noch ein Streifen Gras, aber das Mähen ward hart, weil der Tau verdunstet war.

Der Hohlöfner wandte sich nach dem Mariele um. »Meinst du, daß wir's noch schaffen?«

»Ei freilich schaffen wir das noch,« entgegnete die fröhlich.

Da spuckte der Bauer in die Hände. »Los!«

Nun lagen auch die letzten Halme. Aufatmend stand der Bauer breitbeinig auf seinem Grund und Boden, ließ die Augen froh über die grünen Schwaden gehen, langte nach der Seite und zupfte das Mariele an den Zöpfen. »Fertig.« Die sah ihm mit leuchtenden Augen in das Gesicht. »Für den Anfang nit schlecht.«

»Na du, hast etwa noch nit genug?«

»Hätt schon noch eine Weile mitgemacht.«

»Du bist nit gescheit!« —

Es war eine heiße Heuernte. Vater Widuwilds Leichdörner hatten gelogen. Vierzehn Tage lang fiel kein Regen, und als er kam, war es höchste Zeit für die Menschen, die sich allzu hart plagen mußten, und für die Feldfrüchte, die am Vertrocknen waren.

In der Heuernte fragt der Bauer nach nichts, nicht einmal nach den Getreidepreisen. Die Zeitungen, die ihm der Briefträger in das Haus bringt, stapelt er auf. Langt er am Abend ja einmal danach, so schläft er darüber ein. Er verschiebt das Lesen auf die Sonntage, und kommt er auch dann nicht dazu, weil ein Gewitter droht und rasch noch ein paar Fuder geholt werden müssen, so entbehrt er doch nichts. Greift er aber am Sonntagnachmittag nach dem Blatte, so fragt er nicht nach den Welthändeln, sondern liest, was von da und dort an Unglück, Totschlag und Wetternot zu melden ist.

Gerade auf einen Sonntag hatte der Herrgott Regen angesetzt, und das war recht.

Heinrich Korn saß hinter dem Tische in tiefstem Behagen. Die Pfeife qualmte, die Fliegen summten, die Uhr tickte, und um ihn verstreut lagen die Zeitungen der letzten vierzehn Tage. Dann und wann kam ein Knurren aus des Mannes Brust, aber auch eine grausige Untat brachte ihn nicht aus seiner Seelenruhe. Die Bäuerin war im Berteles-Häuschen, und es war gut. Alles was wahr ist: Das Mariele hat sich nicht werfen lassen. Der Hohlöfner hat es aufgegeben. Er hatte schon an dem Morgen auf der Bodenwiese die Nase voll.

In Gedanken daran lächelnd, langt er nach einem neuen Blatte. Er liest, stutzt, stöhnt auf, wird bleich. Da stand eine kurze Nachricht, eine von den hundert ähnlichen, die in den vierzehn Tagen zusammengekommen waren. Die aber schrie ihn an wie ein wildes Tier. »Der Bergmann Richard Frieders wurde durch herunterbrechende Kohlenmassen erschlagen. Der Schlepper Korn fand ihn tot vor Ort.«

Kreidebleich sitzt der Bauer da, wendet mit hastigen Fingern das Blatt und sieht nach dem Datum. Heute vor fünf Tagen ist es geschehen, und Rudolf hat noch nicht geschrieben. Herr Gott im Himmel, er wird doch nicht auch zu Schaden gekommen sein?

Die Sorge flutet wie ein Strom durch des Mannes breite Brust, und sie bringt die Anklagen mit, die eigentlich nie ganz geschwiegen haben. Ob er mit Mutter darüber redet? Ein beruhigendes Wort aus ihrem Munde täte ihm gut, aber — — —

Nein, er wird noch ein oder zwei Tage warten, aber er wird heute noch dem Briefträger Weisung geben, einen etwa eintreffenden Brief nicht seiner Frau, sondern ihm auszuhändigen, und sei es auf dem Umwege über die Trubichswiese, die morgen und übermorgen dran ist.

Aber vielleicht hat das Mariele Nachricht. Das ist ein Gedanke. Der Hohlöfner hat es in den letzten Wochen vermieden, im Berteles-Häusel an das Fenster zu klopfen. Heute hat er eine gute Gelegenheit. Er wird seine Frau zu einem Gang ins Feld abrufen. Aber es regnet doch! Ach was, wofür ist er der Hohlöfner, wenn er nicht spazierengehen soll, wenn andere Leute daheim bleiben? Er zieht die Joppe an, stülpt die Mütze auf den Kopf, denkt im letzten Augenblick daran, die Zeitungen wieder aufzustapeln, aber nicht daran, das Blatt herauszunehmen, auf dem die Nachricht steht, und geht das Dorf hinab.

Im Berteles-Häuschen haben sie eben Kaffee getrunken. Da klopft der Bauer an das Fenster. Seine Frau tritt heran. »Ist etwas, Vater?«

»Nein, es ist nix. Ich habe nur gedacht, wir könnten mal ein paar Schritte laufen. Möcht sehen, wie sich der Weizen jetzt macht bei dem Regen.«

»Da kannst du doch noch nit viel sehen, regnet doch erst seit gestern abend.«

»Ist das nit lange genug? Du willst nit mitgehen? Ich geh.«

Als dächte er nur eben im Vorübergehen daran, fragt er das Mariele, die zur Seite steht: »Hat der Rudolf geschrieben?«

Statt ihrer antwortet die Bäuerin: »Gerade hatten wir davon geredet. Das Mariele hat auch nix. Ich möchte wissen, was das heißen soll?«

»Gar nix soll das heißen,« antwortet der Bauer mit tiefer Stimme. »In der Stadt gibt's mehr zu hören und zu sehen als daheim. Da denkt er halt nit an das Schreiben.«

Die Hohlöfnerin schüttelt den Kopf. »Vater, das glaubst du doch selber nit, daß dem die Stadt Schaden tut.«

»Schaden! Muß sie ihm denn gleich Schaden tun? Er ist ein junger Kerl! Du liebe Zeit! — Gehst du mit oder nit?«

»Es ist mir zu naß draußen. Kommst rückwärts wieder vorbei. Dann gehen wir miteinander heim.«

»Meinetwegen.« Der Bauer schreitet auf dem regennassen Wege dahin, und in ihm rumort es. Er zwingt sich zur Ruhe. Wäre etwas, dann hätten wir bestimmt Nachricht. Eine gehässige Stimme aber raunt ihm zu: Er braucht ja nicht tot zu sein, so arg muß es nicht gleich kommen, aber er kann im Krankenhause liegen und hat den Ärzten gesagt, nichts heim zu melden. Liegt aber einer im Krankenhause, dann weiß man nie, wie es ausgeht.

Es ist eine niederträchtige, gehässige Stimme, die den Mann quält, und die über die Felder herkommt, aus denen es doch wie ein Jauchzen aufsteigt. Das nimmt schließlich das Bauernherz gefangen. Sommerregen auf dürstende Flur ist wie neue Schöpfung. Das Leben baut seine Tempel und Hallen mit tausend Händen zugleich. Lag es wie verdrossene Müdigkeit ob den dürren Fluren, so sind sie heute eine einzige jubelnde Melodie. Das dürstende Feld ist des grauen Zweifels unschönes Bild, das im Sommerregen schwelgende lachender Glaube.

Und dies Bild braucht der Hohlöfner. Gerade diesen Gegensatz, diesen Aufschwung zum Lichte aus der Düsternis der Not. Das reißt ihn mit. Er formt es nicht in sich, aber er empfindet es, daß auch er gegenwärtig über dürre Felder schreitet, und er weiß, daß der Regen bereits einsetzte, der die Öde in lachende Breiten wandeln wird. Steht er seinem Einzigen nicht heute schon ganz anders gegenüber als jemals? Er sehnt sich nach ihm, er beginnt leise zurückzutreten, ohne daß es schmerzt, er spürt, wie Achtung vor seinem eigenen Fleisch und Blut wachsen will.

Auf der flachen Kuppe über der Schachenleite stehend, läßt er die Augen über die Felder gehen. Von allen Breiten steigt ein feiner Dunst auf. Sie werden allmählich satt. Und auf alle Breiten rauscht der leise Regen nieder. Trinkt euch Vorrat! Die jungen Ähren tragen silbernen Hauch. Es ist der erste leise Gruß der kommenden Erntezeit.

Tief, tief atmet der Hohlöfner. Heimatluft! Und aus befreiter Brust steigt es: Ist ein Übergang! Es wird alles gut.

Und wieder ein Gedanke: Was wird dein Sohn für ein Mensch sein, wenn er wieder heimkommt? Ist es eine leise Furcht, die in dem Bauern aufsteigt? Der Hohlöfner hat keine Furcht, aber — er hat halt auch kein reines Gewissen.

Er kehrt heim, klopft wieder ans Fenster des Berteles-Häuschen und bringt es spielend fertig, seine Frau zu täuschen, weil er selber auf Festland steht. Sie sprechen von dem Sohne.

»Daß er so lange nit schreibt!« sagt Minna Korn.

»Wie lange ist's denn her, Mutter?«

»Wenigstens vierzehn Tage.«

»Und das ist lange? Wie er bei den Soldaten war, hat er alle Vierteljahre geschrieben.«

»Aber jetzt ist er in der Grube.«

»Jetzt sicher nit. Jetzt sitzt er mit den andern in einem Garten, eine Kapelle spielt den Radetzkymarsch und — — —«

»Er guckt sich nach den Mädeln um. Das willst du doch sagen.«

Der Bauer lacht. »Hab ich nit sagen wollen, aber — — — Mutter, er ist siebenundzwanzig Jahre!«

»Und hat das Mariele!« zürnt die Mutter.

»Will er haben, hat er noch nit.«

»Vater! Die hat er. Und wenn er mir etwa — — — Dann kriegt er's mit mir zu tun!«

»Und du bist keine Gute!«

Jetzt lacht auch die Bäuerin. »Hättest mich beinahe kopfscheu gemacht, Vater. — Ich weiß, wie ich mit meinem Jungen dran bin, und das Mariele weiß es auch.«

»Dann ist's ja gut. — Was macht eigentlich der kleine Lehrer?«

»Gar nix. Er geht dem Mariele nit aus dem Wege, aber er sucht sie auch nit auf. Wenn er sie trifft, freut er sich.«

»Und sie auch.«

»Ja, aber so nit, wie du denkst. Vater, Vater, wenn ich dich früher so gekannt hätte!«

»Hättest du mich auch genommen.«

Frohgemut kamen die beiden Menschen heim. Der Knecht hatte heute frei, eine der Mägde war zur Mutter gegangen. Da griffen die Herrenleute im Stalle selber mit zu.

Der Abend kam, es hörte langsam auf zu regnen, in schweren, breiten Wellen flutete der herbe Duft aus Wiesen und Feldern über das Dorf. Es litt den Hohlöfner nicht daheim. Er spürte das frohe Drängen und Wachsen selber in allen Gliedern und mußte wieder hinaus.

Mitten aus der starken Lebensbejahung aber stieg wie ein grauer Notfelsen wiederum die Sorge. Wenn Rudolf nun doch im Krankenhause lag? Und wer war letzten Endes schuld? Etwa der Ender? Hohlöfner, auf den armseligen Menschen kannst du nichts abwälzen. Hin- und hergeworfen zwischen Zweifel und froher Sicherheit, meinte der Bauer, er werde am besten mit sich zurechtkommen, wenn er sich aufs Ohr lege und schlafe.

Er kehrte heim. »Mutter, morgen früh ist die Nacht weg. Wir wollen um vier auf der Trubichswiese sein. Ich lege mich hin.«

Die Bäuerin lachte ihn aus. »Gehst du denn heute nit ins Wirtshaus?«

»Alles zu seiner Zeit. Heute nit.« Er stieg die Treppe hinauf, und seine Frau, die eben noch mit der Milch hantierte, rief ihm nach, daß sie nicht lange auf sich warten lassen werde.

Und dann war ihr der Abend doch zu schade. Es war erst reichlich neun, und draußen war alles so frisch. So setzte sie sich denn an das Fenster, noch ein Weilchen dem Treiben auf der Dorfstraße zuzusehen. Ihr Blick fiel auf die Zeitungen. Aus denen machte sie sich zwar niemals viel, aber so am lieben Sonntagabend kann man immerhin einmal einen Mund voll Neuigkeiten mitnehmen.

Sie holte die Brille aus dem Topfbrette, putzte sie umständlich mit der Schürze, langte nach den Blättern. Da ein paar Zeilen lesend und dort ein paar, waren rasch etliche Nummern abgetan. Gleichmütig breitete sie ein neues Blatt aus. »Der Bergmann Richard Frieders — — —« Reichlich zwei Zeilen und soviel Jammer!

Dumpfe Angst stieg in ihr auf. Sie fürchtete nicht, daß auch Rudolf zu Schaden gekommen sein könne, aber sie ahnte seine seelische Erschütterung. Wie sollte er damit zurechtkommen? Den Frieders hatte er liebgehabt, hatte so warmherzig von ihm, seiner Frau und seinem Heim geschrieben, von seinem Sehnen heim zur Erde, seinem Fleiße und seinem Streben. Und nun hatte er den Menschen erschlagen gefunden. Alles hatte der Stein erschlagen, nicht nur den Leib. Wie das auf Rudolf wirken mußte! Der ältere Mensch weiß, daß hinter allem Geschehen ein Fragezeichen steht, ja, daß selbst erfülltes Hoffen noch keineswegs erfülltes Glück bedeutet, der junge aber steht bei solch hartem Schicksalsschlage vor einem breiten Riß, der durch sein Leben geht. Die wenigsten fliegen mit raschem Schwunge darüber und stehen wieder auf den Beinen. Andere zaudern, irren auf und ab, eine Brücke suchend, wagen aber schließlich doch den Sprung, der sie hinüber trägt. Die meisten klettern mühselig an der einen Seite hinab und an der anderen hinauf, immer bedroht von dem Ausgleiten. Und schließlich gibt es auch solche, die weder fliegen, noch springen, noch klettern, für die der breite Riß vor ihnen das Ende bedeutet.

Zu denen wird Rudolf nicht gehören, aber auch er wird weder fliegen noch springen. Er wird klettern, hinab und hinauf. Und das ist ein mühselig Werk, und eine helfende Hand tut not.

Der Vater suchte ihn heute in Gedanken im Wirtshausgarten, den Klängen der alten Märsche lauschend. Der Vater! Gott sei Lob und Dank, daß er so fröhlich war. Er weiß nichts von dem Unglück. Wüßte er es, er würde in eine Not geraten, die nicht viel geringer wäre als die des Sohnes; denn er würde die Verantwortung fühlen, die auf ihm lastet.

Was doch aus einem raschen Worte werden kann! Heißblütig wird es auf den Tisch geworfen, ist nicht viel mehr als ein Samenkorn, und was für ein Baum wird daraus.

Die Hohlöfnerin nickt vor sich hin. Ein Wort aus der Bibel fällt ihr ein: Siehe, die Zunge, welch ein kleines Glied ist sie, und was für einen Brand vermag sie zu entzünden!

Vater, du armer, guter Mann! Dein Weib wird dich davor bewahren, daß du zu der Last, die du, wenn du es auch zu leugnen versuchst, jetzt schon trägst, auch noch die schwere Bürde auf dich nehmen mußt.

Die Hohlöfnerin weiß sich viel besser Rat als ihr Mann. Dort steht der Ofen. Ein Streichholz flammt auf, das Blatt verlodert.

Dann sitzt die Frau wieder am Tische und grübelt. Was zu tun ist, weiß sie. Es muß eines hinfahren, dem Rudolf die Hand geben und ihm in die Augen sehen. Er ist ja doch im Hinanklettern. Drunten war er schon, — die Nachricht ist fünf Tage alt, — jetzt steigt er auf der andern Seite hinauf. Er wird auch allein fertig werden, aber wenn ihm einer die Hand entgegenstreckt, geht es rascher und sicherer.

Wer aber soll hinfahren? Der Vater nicht; denn er weiß nichts und soll nichts wissen. Das Mariele? Liebe hilft gewiß am ehesten, aber nicht die Liebe, die Mann und Weib zueinander führt. Hier muß die Mutter her.

Minna Korn wird den Sohn besuchen. Aber wie es dem Vater begreiflich machen? Eine Mutter ist zugleich Frau, und Frau sein heißt, Schwierigkeiten, an die der Mann Hebebäume und Flaschenzüge ansetzt, mit dem kleinen Finger beiseiteschieben, heißt, ein Guckfensterlein, durch das man auf grüne Erde sieht, auch in der dichtesten Wolkenwand finden, heißt, unter hundert Wegen, die alle auf das gleiche Ziel zuzuführen scheinen und von denen dann doch neunundneunzig daran vorbeigehen, den einen einzigen richtigen erkennen.

Ein kurzes Gedenken noch dem Sohne, — die Mutter denkt an Krankenhaus und Leichenkammer vorüber und findet den Sohn, wo er ist, in seiner eigenen Kammer, — und die Frau steigt ruhig mit festen Schritten die Treppe hinauf.

»Schläfst du schon, Alter?«

»Noch nit ganz, aber lange dauert's nit mehr.«

»War schade, daß du schon ins Bett krochst. Jetzt ist's erst schön draußen. Hör nur, wie die jungen Leute singen.«

»Könnten aufhören mit ihrem Geplärre. Sie wissen nix Neues. Nix weiter als: Schön ist die Jugend, sie kommt nit mehr.«

Die Hohlöfnerin lachte. »Das haben wir auch einmal gerne gesungen.«

»Heute hat man andre Gedanken.«

»Was denn? Hast du etwa darüber nachgedacht, wie das Mariele zu ihrem Gelde kommt?«

»Das ist doch nit meine Sache.« Und dabei langt der Bauer in Gedanken tief in das Bettstroh, wo der Sparstrumpf steckt.

»Vater! Das wär nit deine Sache? Wem seine denn sonst?«

»Den zweien ihre.«

»Dann denk ja nit dran, den Rudolf einmal wieder daheim zu haben.«

»So? Wär doch noch schöner, wenn wir uns immer mit fremden Leuten herumschlagen müßten.«

Eben kuschelte sich die Bäuerin in das Bett, klopfte die Federn alle nach den Füßen zu und sagte so ganz nebenbei im Klopfen: »Der Rudolf braucht frische Wäsche, und ich wollte mir schon lange ein neues Kleid kaufen. Was meinst du, Vater, wenn ich einmal zu ihm führe?«

Da schlägt dem Bauern wahrhaftig das Herz bis zum Halse. Soll er poltern oder soll er gütlich ausreden? Die Mutter darf auf keinen Fall fahren. Lieber Gott, wenn sie hinkäme, und der Rudolf läge im Krankenhause!

Der Bauer schlägt einen Mittelweg ein. Halb ist es Poltern, halb gütliches Zureden.

»Jetzt hinfahren, wo wir alle Hände voll zu tun haben? Ich habe nix dagegen, wenn du im Winter einmal hinfährst, obwohl er's nit wert ist, aber jetzt ist dazu keine Zeit.«

»Nit wert, Vater? Das mußt du nit sagen. So was tut einer Mutter weh.«

Der Hohlöfner knurrt, aber es ist nicht zu verstehen, was er zwischen den Zähnen malmt.

Schon redet die Frau weiter. »Und das mit der Arbeit stimmt auch nit. Ihr braucht mich ja gar nit. Was ich mache, das Essen herrichten, das kann die alte Henriette auch. Und einen Tag geht's allemal. Länger bleibe ich ja doch nit.«

»Hör auf, Mutter. Ich will's nit haben. Warum läßt er so lange nix von sich hören.«

»Hast doch selber gesagt, daß er in der Stadt so viel zu sehen und zu hören hat, daß er darauf vergißt.«

»Ich weiß nit, ob ich das gesagt habe. — Aber er hätte lange wieder schreiben können, und dabei bleib ich.«

»Vater,« eine arbeitsharte Hand langt herüber und findet die des Mannes, »ich sehne mich halt so nach ihm. Ihr Männer seid härter, aber eine Mutter ist eine Mutter.«

Dagegen kommt der Mann schwer auf, und wenn jetzt überhaupt noch etwas zu erreichen ist, dann nur mit gütlichem Zureden.

»Er ist doch kein kleines Kind mehr.«

»Vater, einer Mutter bleibt ihr Kind immer so, daß sie ihm helfen möchte.«

»Er braucht keine Hilfe, verlaß dich drauf.«

»Ich will ja auch nit um seinetwillen hin, es ist doch um meinetwillen.«

»Sei vernünftig, Mutter. — Warum willst du denn gerade jetzt fahren?«

»Weil ich gerad jetzt so ein Sehnen in mir hab. Ich möchte wissen, wie er aussieht und wie er wohnt, und den Frieders möchte ich kennenlernen und seine Frau auch. Das müssen rechtschaffene Leute sein.«

Den Frieders kennenlernen! Mutter, wenn du wüßtest!

»Dazu ist Zeit nach der Heuernte. Noch acht Tage, dann sind wir fertig, und wenn es durchaus sein muß, dann fahre nachher.«

Die Bäuerin ist zu klug, die Sache auf die Spitze zu treiben. Das müßte den Mann mißtrauisch machen. Aber sie wird morgen wieder davon reden und — wird ihr Ziel erreichen; denn morgen darf die Sehnsucht gut und gern ein Stück größer sein.

»Schlaf gut, Vater.«

»Du auch, Mutter.«

Und kurz darauf schläft die Frau tief und fest. Sie hat sich in schlichtem Sinn mit einem kurzen Gebet geholfen, und es war ihr nicht schwer, da sie den Sohn nicht in körperlicher Not suchte, für die seelische aber vertraute, daß auch Rudolf den alten Bauernweg zu finden wissen werde.

Der Mann aber stand wieder bis an den Hals in seiner Not. Verstummt das Lied der gesegneten Felder, versiegt des befruchtenden Regens silberne Melodie, ausgelöscht der feine Hauch auf den Ähren. Die Nacht regiert und mit ihr die Not, die gesteigert wird durch das Erbarmen mit seinem Weibe. Und alles um ein unbedachtes Wort und eine lächerliche Empfindlichkeit. Es ist zwar nicht zu glauben, aber in der Nacht ist der Hohlöfner dicht daran, sich umzukrempeln, und das wäre ein Jammer.

Er schläft ein paar kurze Stunden, ist vor der Sonne auf den Beinen, und im Morgenlichte wird er langsam wieder er selbst. Am Kreuzwege steht das Mariele und wartet auf die Leute vom Hohlofenhofe, die Arbeit nimmt Leib und Seele gefangen, und — gegen zehn kommt der Briefträger aus dem Tale herauf und schwenkt schon von weitem einen Brief. Der Bauer muß sich Gewalt antun, um nicht das Arbeitsgerät hinzuwerfen und über die Wiese zu rennen. Er schickt einen kurzen Blick zum Mariele, die auch aufmerksam geworden ist, und wartet, bis der Mann herankommt.

»Morgen, Leberecht.«

»Morgen, Hohlöfner. Da. — Für dich ist auch einer dabei, Mariele.« Der Briefträger kramt in seiner Tasche und reicht dem Mädchen einen Brief.

Der Bauer nickt dem Briefträger zu: »Trink ein Glas Bier auf meine Rechnung. Ich mach's glatt mit dem Wirte,« und, als der Postbote weitergeht, dem Mariele zunickend: »Komm.«

Sie schreiten miteinander auf den Holunderbusch zu. Korn zieht umständlich das Taschenmesser, indes das Mariele seinen Brief kurzerhand aufreißt. Sie ist mitten im Lesen, ehe der Hohlöfner noch begonnen hat; er sieht, wie ihr die Tränen in die Augen schießen, wie sie erblaßt und ihr die Hände zittern, aber er tut, als entginge ihm das alles, vertieft sich in sein Schreiben, richtet, als er zu Ende ist, den Blick auf das Mariele: »Ich — hab's gewußt.«

Da fließen die Tränen stärker aus den Mädchenaugen. Der Bauer aber beruhigt sie: »Laß das Flennen. Es ist ja nun alles gut.«

»Aber wie schwer muß das dem Rudolf geworden sein!«

»Wird ihm auch jetzt noch nit ganz leicht werden, aber er lebt und ist gesund. Das andere findet sich. So viel weiß ich: Dem reichen Manne darf er den Kutscher nit machen. So weit darf er's nit treiben. — Komm, wir wollen weitermachen.«

Es leidet aber den Hohlöfner nicht lange bei seiner Arbeit. Er denkt an seine Frau, und obwohl sie nichts weiß, war ihre Sehnsucht doch nicht von ungefähr, und er mußte ihr helfen.

»Jesses,« sagt der Mann, als erschräke er, »der Fleischer wollte ja heute um zehn kommen. Er will den roten Stier holen. Das muß ich selber mit ihm ausmachen.«

Er sticht den Rechenstiel in die Erde. »In einer reichlichen Stunde bin ich wieder da.«

Damit schreitet er langbeinig über die Wiese dem Dorfe zu.

Die Hohlöfnerin war zwar heute kaum unruhiger als gestern, aber sie wußte, daß sie unbedingt zu dem Sohne mußte, und zerbrach sich den Kopf darüber, wie sie ihre Worte setzen müsse, um hin zu kommen.

Da knarrte das Hoftor. Ihr Mann schritt über das Pflaster.

Minna Korn erschrak. Der Vater kam um die Zeit von der Wiese? Das war nicht von ungefähr.

»Da, Mutter,« sagte der Bauer und reichte ihr den Brief. »Jetzt wissen wir, warum er nit geschrieben hat. — Du siehst ja richtig schlecht aus! Fehlt dir etwas?«

»Nein, ich war nur erschrocken, als ich dich über den Hof kommen sah.«

»Was ist denn da zu erschrecken?«

»Von ungefähr kommst du nit um die Zeit.«

»Ach so. Ist ja auch nit von ungefähr. Lies. Das Mariele hat auch einen Brief gekriegt und wird dasselbe drin stehen. Ist aber nix mit dem Rudolf. Der ist gesund.«

Wieder holte sich die Bäuerin die Brille aus dem Topfbrette, setzte sich hinter den Tisch und las. Scheinbar, um sich derweile zu beschäftigen, griff der Bauer nach den Zeitungen. Er las aber nicht darin, sondern warf immer nur einen Blick auf das Datum und legte das Blatt beiseite. Die Nummer, die er suchte, fand er nicht. Da suchte er ein zweites Mal und war eben beim dritten Male, als seine Frau den Brief auf den Tisch legte. »Laß nur, Vater. Das Blatt ist nit mehr da,« sagte sie mit schwingender Stimme.

Der Bauer sah sein Weib betroffen an. »Was denn, Mutter? Welches Blatt?«

Unter Tränen lächelnd nickte ihm die Frau zu und langte nach seiner Hand. »Laß gut sein, Vater, ich habe das Blatt schon gestern abend verbrannt.«

»Mutter!«

»Wir haben es halt beide gewußt und haben es eines vor dem andern nit Wort haben wollen.«

Da war der Bauer ganz still, und seine Augen ruhten lange auf dem Gesicht seiner Frau.

Die stand wieder mit beiden Beinen fest auf der Erde. »Das hat niemand wissen können, daß es so kommen würde. Ich denke, der Rudolf klettert schon wieder drüben hinauf.«

»Drüben hinauf?« fragte der Bauer verwundert.

Leise lächelnd erklärte ihm die Frau, wie sie sich das innerlich zurechtgelegt habe. Des Mannes Blick hing an ihrem Gesicht, und er schüttelte einmal über das andere den Kopf.

»Wann willst du denn nun hinfahren?« fragte er.

»Jetzt brennt's damit nit mehr. Du siehst ja, daß er schreibt, wenn etwa eins einmal käme, dann sollte es nit in das große Haus kommen, sondern zu dem Frieders seiner Frau gehen. Er will's nit haben, daß wir ihn da sehen, und ich kann das gut begreifen. Ich will ihm schreiben, und er kann es der Frau sagen.«

»Ist recht, Mutter. Aber schreib ihm gleich mit, daß ich das nit litte, daß er den Kutscher macht.«

»Das will ich ihm lieber sagen, aber, Vater, ich glaube nit, daß da viel zu machen ist, wenn er das will.«

Da brauste der Hohlöfner wieder auf. »Darüber ist nix zu reden. Das ist eine Schande vor dem Dorfe, und das kommt auf mich. Wenn die Leute das hören, dann ist's aus mit dem ganzen Schwindel.«

Die Bäuerin lächelte abermals. »Nit gleich wieder oben hinaus, Vater. Der Rudolf wird mit sich reden lassen. — Ob ich das Mariele mitnehme? — Nein, das mache ich nit. Es ist besser, ich rede allein mit ihm.«

Die Bäuerin hatte einen Haufen Strümpfe neben sich liegen. Sie war eben dabei gewesen, für die nächste Wäsche zu rüsten. »Vater,« wandte sie sich wieder an ihren Mann, »mir fehlt ein Strumpf von dir. Ich habe alles durchgesucht, aber ich kann ihn nit finden. Wo hast du denn den hingebracht?«

Der Bauer machte ein harmloses Gesicht, und nicht einmal ein Mundwinkel zuckte. »Wie soll ich denn wissen, wo der Strumpf ist? Das ist doch nit meine Sache.«

Diesmal täuschte er seine Frau wirklich. Sie kramte abermals und schüttelte den Kopf über ihr erfolgloses Suchen.

Der Bauer aber war inzwischen hinauf in die Schlafkammer gegangen. Da stand seine Truhe, und in der verwahrte er das eingehende Geld. Er hob den Deckel, suchte in der Geldtasche, nahm einen größeren Schein heraus und schloß die Truhe wieder. Dann ging er an sein Bett, langte tief hinein in das Stroh und — brachte den fehlenden Strumpf herauf.

Der war zwar nicht bis obenan gefüllt, aber es war bereits ein ansehnlicher, schwerer Klumpen, der sich in ihm ballte. Heinrich Korn war der sparsamste Mann im Dorfe geworden und täuschte sich vor, die Sparsamkeit an die Stelle früherer Verschwendungssucht gesetzt zu haben. Danach hätte der Bauer einstmals ein wüster Verschwender sein müssen. Dabei hatte er sich in Wirklichkeit zwar nicht versagt, wonach es den heiteren, lebenstüchtigen Mann verlangte, und das ging über bescheidene bäuerliche Ansprüche hinaus, aber er hatte niemals verschwendet.

Aber so war der pudelnärrische Mann. Seine Frau hatte ihn gestern gefragt, ob er an dem schönen Abend nicht noch auf einen Sprung ins Wirtshaus gehen wolle. Die Frage war nicht unangebracht. Er ging seit einiger Zeit fast jeden Abend — hinter das Wirtshaus. Die Bäuerin wunderte sich zwar darüber, daß er jetzt so oft ausging, aber sie entschuldigte es gern mit der Tagesarbeit in heißer Sonne, die Durst macht, und damit, daß der Mann wahrscheinlich immer ein Stück innerer Unruhe hinunterspülen müsse. Niemals kam er spät heim, niemals auch nur angeheitert.

Dabei aber warteten die Nachbarn seit Wochen vergeblich auf ihn, rieten hin und her, schüttelten die Köpfe, und langsam kam das Fundament ins Wanken, das der Hohlöfner seinerzeit im Wirtshausgarten an dem Sonntagnachmittag klug erbaut hatte. Die Einigkeit zwischen Vater und Sohn war am Ende doch nicht gar so groß gewesen, Rudolfs Weggang in die Stadt eher unter Zwang als freiwillig geschehen, der ganze gut klingende Erziehungsplan eine Ausrede des Hohlöfners, der den Leuten wieder einmal Sand in die Augen streute.

Heinrich Korn sparte. Es ging gerade jetzt wenig Geld in der Wirtschaft ein, und obwohl es nicht schwer war, bei dem oder jenem Verkauf seiner Frau die Summe ein wenig niedriger zu nennen, so fleckte es doch nicht recht. Also mußte sich der Mann auf den Verschwender hinausspielen. Er hatte sich das schon an dem Montagmorgen zurechtgelegt, als Rudolf nach der Stadt ging, aber er hatte dazumal in Gedanken viel mehr Spaß daran gehabt, als ihm jetzt die Wirklichkeit bereitete. Überhaupt: Jux schien bei der ganzen Sache nicht mehr herauszuspringen. Es kamen Tage, an denen er gar nicht der alte Hohlöfner war, und wenn das etwa für immer so werden sollte, dann wollte er wahrhaftig lieber den Spott des ganzen Dorfes auf sich nehmen und wieder der freie, necklustige Mann sein, als sie alle hinter die Fichte zu führen und selber als einer übrigzubleiben, der, je länger je mehr, den anderen gleich ward und schließlich als eine Art Widuwilds Vater die Pfeife mit dem Bierflaschengummi in den Mund steckte.

»Dunnerlichting,« grollte Korn, riß den Strumpf auf, schob den Schein hinein und verbarg den Klumpen wieder im Bettstroh.

Dann trat er an das Fenster und wollte eben wieder hinabgehen, als er seine Frau die Treppe heraufkommen hörte. Da riß er rasch die Schranktür auf und warf einen Haufen Wäsche neben sich.

Er heuchelte Überraschung, als ihm die Frau zurief: »Was soll denn das wieder sein, Vater? Du schmeißt mir ja die ganze Wäsche durcheinander.«

»Ich hab dir doch schon zehnmal gesagt, du sollst meine Schnupftücher obendrauf legen.«

Ein Griff der Bäuerin in den Haufen. »Da liegen sie doch. Laß andermal die Finger von den Dingen, die du nit verstehst. Sag's mir, wenn du was brauchst. Jetzt habe ich wieder eine Viertelstunde Arbeit. Wie sieht das Zeug aus!«

Da lachte der Mann und tätschelte seiner Frau den breiten Rücken. »Nit immer gleich schimpfen, Mutter. — Ich geh jetzt wieder auf die Wiese. Schick ein bissel mehr Fleisch mit wie die letzten Male. Ich werde überhaupt nit mehr richtig satt.«

»Darum schickt ihr jedesmal die Hälfte wieder heim.«

»Heute bleibt nix übrig, verlaß dich drauf.«

Unterwegs traf der Hohlöfner den Wirt. Sie gingen ein Ende Weges miteinander, und der alte Freund fragte, ob denn Heinrich Korn ein Einsiedler geworden sei.

Der zog die Stirn in Falten. »Das nit, aber man ist ja am Abend wie erschlagen. Der Rudolf fehlt mir doch in der Arbeit.«

»Dann mach ein Ende, hol ihn wieder.«

»Du bist nit gescheit! Er hat doch kaum angefangen, und die Schule ist noch lang.«

»Heinrich,« der Wirt warf ihm einen vielsagenden Seitenblick zu, »die Leute fangen an zu tuscheln, daß das mit der Lehrzeit am Ende doch nit ganz stimmt.«

»Soll's mir einer sagen, dann wird er die richtige Antwort schon kriegen.«

»Sie werden sich den Deibel tun. Du kannst grob werden.«

»Kann ich! — Was soll ich denn im Wirtshause, wo der Ender das Wort hat?«

»Hat er gar nit. Erstens kommt er selten, zweitens sitzt er ganz still und sagt nix. Der arme Kerl hat seine Sorgen. Das Hagelwetter! Und im Stalle hat er egal Unglück, und krank ist er auch. — Gestern abend hättest du dabei sein müssen. Ich habe die Nacht nur zwei Stunden geschlafen. Als ob Pech an den Stühlen geklebt hätte!«

Der Wirt lächelte über den lustigen Abend, und der Hohlöfner lächelte auch. »Wenn ich das gewußt hätte, dann wäre ich eingekehrt. Vorbeigegangen bin ich.«

Sie trennten sich am Kreuzwege. Der Hohlöfner ging der Trubichswiese zu und überlegte, daß es klüger sei, dann und wann wieder einmal in das Wirtshaus zu gehen, nicht immer nur daran vorbei. Er hatte es in den letzten Wochen so gehalten, daß er zwar ausging, aber durch die Felder schlenderte und dann anderen Tages das doppelte dessen in den Sparstrumpf steckte, das er nach seiner Schätzung verzehrt haben würde. Heute fand er das dumm. Es fleckte nicht.