WeRead Powered by ReaderPub
Der Hohlofenbauer cover

Der Hohlofenbauer

Chapter 8: 7.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A rural community portrait centers on Marie Berteles (Mariele), a lively, hardworking young woman admired across her village, and the budding attachment between her and the Hohlofenbauer's son. The narrative traces everyday rhythms—seasonal customs, churchgoing, field and stable work—and the informal gossip, teasing and tender care of neighbors and family. Scenes emphasize parental attention and gentle rivalry, the practicalities of household labor, and small-town etiquette. Through intimate domestic moments and communal rituals, the work observes how affection, social expectation and generational perspectives shape courtship and village life.

7.

Das nette Hausmädchen der Frau Bankier Werner mühte sich allmählich um den neuen Kutscher, und sie war ein hübsches, munteres Ding. Sie fing Rudolf jeden Morgen an der Treppe ab, lachte ihm in das Gesicht, plauderte, ging mit ihm nach dem Stalle und kicherte, wenn ihre Hände beim Futtermischen denen des Mannes begegneten. Der war so anders als die aus der Stadt, aber, sollte er ihr ganz gefallen, dann mußte er doch lebendiger werden. Daß sein Gesicht im allgemeinen ernst und nachdenklich war, das stand ihm gut, aber man mußte doch allmählich wissen, ob er auch tanzen und küssen könne.

»Rudolf,« plauderte sie eines Morgens, »warum sind Sie denn eigentlich in die Stadt gegangen?«

»Weil ich sehen wollte, wie's andern Leuten zumute ist.«

»Aber das geht Sie doch gar nichts an, Sie sind doch ein Bauer, der sein Teil hat.«

»Woher wissen Sie denn das?«

Das Mädchen hob die Spitznase ein wenig höher. »Ach, die gnädige Frau hat so einiges angedeutet, daß wir Sie nicht mit dem Johann auf eine Stufe stellen sollten und so. Und außerdem, wie Sie der Frau von sich erzählten, wissen Sie, am ersten Morgen, da haben Sie so laut geredet.«

Jetzt lachte Rudolf zum ersten Male hell auf. »Marie, das Horchen tut nit immer gut.«

Das verdroß das Mädchen. »Ich habe nicht gehorcht, und ein Mädchen, das nicht horcht, taugt nichts, hat meine Mutter gesagt, und wenn Sie so sind, dann — — — brauche ich mich ja gar nicht mehr um Sie zu kümmern.«

Und immer noch lachend, beruhigte Rudolf: »Aber warum denn gleich soviel auf einmal? Das ist doch nit nötig. Ja, ich hab mein Teil und, Marie, ich habe sogar ein Mädel.«

Husch, fuhren die Arme aus dem Mischkasten, eine fliegende Röte jagte über das hübsche Gesicht, ein rascher, prüfender Blick: Er ist ja ganz hübsch, aber alles in allem ist er nicht mein Gusto, und — Bauer bleibt Bauer. Dann ein bittersüßes Lächeln. »Aha, darum sind Sie so solide!«

Rudolf Korn lachte wieder. »Marie, Marie, Sie scheinen die Männer zu kennen. Das ist eine miserable Sorte.«

»Och, das will ich gar nicht mal sagen, aber so in manchen Dingen sind sie alle gleich, und es ist schon aller Ehren wert, wenn einer wenigstens nachher treu bleibt, wenn er verlobt ist.«

Die bittere Weisheit aus so jungem Munde machte den Bauern stutzig. »Marie, so denken wir auf dem Dorfe nit.«

»Ach, das Dorf wird auch nicht besser sein.«

»Besser? Das habe ich nit gesagt, aber wir denken nit so.«

»Auf das Denken kommt es ja gar nicht an. Wie einer handelt, das ist die Hauptsache und da — — —«

»Sind sie auch nit alle gleich. Unsere Mädel halten was auf sich — — —«

»Denken Sie, wir nicht?«

»Sie ganz gewiß, Marie, aber ich war ja auch noch nit fertig. Und unsere Burschen, die haun wir, wenn sie etwa nit parieren.«

»Wer sind denn die wir?«

»Das sind die alten Burschen. Wir halten auf Ordnung. Sie kennen das Dorf nit, aber das muß ich sagen: Wenn der Schulze und der Altbursch nix taugen, dann taugt das ganze Dorf nix.«

»Das kann man nicht auf die Stadt übertragen.«

»Da muß halt jedes für sich aufpassen.«

»Wissen Sie, Rudolf, ich — habe die Männer satt bis an den Hals.«

Und Rudolf schelmisch mit den Augen zwinkernd: »Ist das nit ein bißchen früh? Wie alt sind Sie denn?«

»Ich bin neunzehn gewesen, aber ich habe meine Erfahrungen hinter mir.«

»Aber Sie sind doch immer so lustig.«

»Das ist meine Natur, und dafür kann ich nichts. Aber das will ich Ihnen sagen: Hier ist es ganz schlimm. — Ich habe eine gute, aber strenge Mutter, und mein Vater hat Amt und Stellung. Er ist Magistratsbote. Denen darf ich keine Schande antun, und ich will es auch nicht, aber da war der Hans, und weil ich nicht mitmachte, wie er wollte, ist er zur Selma gelaufen. Und dann war da der Jochen, da war's geradeso, und er ging zur Ilse. Sehen Sie,« sagte sie wichtig, »das ist es ja eben in der Stadt: Die Männer brauchen sich ja gar keine Mühe zu geben und brauchen auch nichts auf sich zu halten, es warten ja zehn Mädel auf jeden. Er hat die Wahl und,« sie schob die Unterlippe vor, »er amüsiert sich eben. Aber das Mädel! Das soll rein sein wie ein neues Tischtuch, von dem noch niemand gegessen hat.«

Die neunzehnjährige Weisheit hatte einen traurigen Unterton, der zwang, sie ernst zu nehmen.

»Marie, das wird nit gar so schlimm sein.« Rudolf Korn schlug unwillkürlich einen väterlichen Ton an. »Wenn ich an Richard Frieders denke — — —«

»Natürlich,« fiel ihm das Mädchen rasch in das Wort, »gibt's auch solche — — —«

Sie schien ihre Not nicht allzu schwer zu nehmen. Der Ton ward leichter, die Neugierde brach durch.

»Rudolf, wie sieht denn Ihre Braut eigentlich aus, und wie heißt sie denn?«

»Sie heißt auch Marie, aber jeder Mensch nennt sie das Mariele.«

Das Mädchen schwang sich auf die Futterkiste, neigte sich vor, und ihre jungen Augen funkelten vor Erregung. »Das ganze Dorf nennt sie das Mariele? Gott, das ist so rührend. Das ganze Dorf! Nun ja, es ist halt eben Dorf!«

»Darauf kommt's nit an,« berichtigte Rudolf ernsthaft. »Wir haben vier Marien im Dorfe, aber bloß eine heißt Mariele.«

»Aber wie kommt denn das? Ist sie eine so große Schönheit?«

»Das weiß ich wirklich nit. Ganz so schön wie Sie wird sie wohl nit sein,« neckte Rudolf.

»Ach,« verwies das Mädchen, »das müssen Sie nicht sagen. Das steht Ihnen nicht. Sie werden im Leben kein Städter.«

»Will ich auch nit werden.«

»Ich weiß aber noch nicht, warum Ihre Braut gerade das Mariele heißt.«

»Und ich kann es Ihnen auch nit sagen. Es ist halt so. Das liegt in ihrer ganzen Art. Mag wohl auch sein, weil sie die langen Zöpfe hat.«

»Wie lang sind denn die?«

»Die gehen bis auf die Fersen.«

»Ach, Rudolf, schwindeln Sie doch nicht. Das gibt's ja gar nicht.«

»Doch, das gibt's, und Sie können mir das schon glauben. Daran ist kein verlogen Wort.«

Da sprang das Mädchen mit einem Satze von der Futterkiste und trat dicht vor Rudolf hin.

»Aber, Rudolf, dann hat sie doch ein Kapital.«

»Wieso denn?« fragte der verwundert.

Marie schüttelte den Kopf. Ja, die vom Dorfe! Da liegt für einen solchen Menschen das Geld auf der Straße, und er sieht's nicht und hebt's nicht auf. »Rudolf,« das zierliche Persönchen reckte sich auf den Fußspitzen, »solch Haar ist doch die beste Reklame für jede Haarwasserfabrik.« Sie schlug die Hände zusammen. »Wenn ich das hätte! Und es ist schön?«

»Ganz fein und blond.«

»Aber damit kann sie doch alles machen! Sie kann zur Bühne gehn, sie kann sich malen lassen, vor allen Dingen aber kann sie sich von einer kosmetischen Fabrik anwerben lassen. Wissen Sie, dann gehen so Plakate hinaus: So sieht das Haar aus, wenn man unser Haarwasser verwendet. — Das hängt dann an jeder Litfaßsäule. Rudolf, das Mädel ist ja mehr wert als Ihr ganzer Bauernhof.«

»Das weiß ich,« setzte Rudolf Korn ernst und knapp drauf.

»Und?«

»Gar nix. Das Mariele bleibt, wo sie ist und wie sie ist.«

»Rudolf, Sie sind ein Bauer!« rief das Mädchen schnippisch und drehte sich auf dem Absatz um.

»Bin ich und bleibe ich,« hörte sie noch eben im Davongehen. Und der Plappermund floß nachher vor seiner Herrin über, die sich gern etwas von dem auch innerlich sauberen Mädchen erzählen ließ. »Denken Sie, gnädige Frau — — —«

Die gnädige Frau hörte zu, lächelte und nickte. »Das freut mich für den Rudolf.«

»Mich ja auch, gnädige Frau, aber es ist doch eine Sünde.«

»Nein, Marie, das ist keine. Erstens wäre es Betrug — —«

»Weil das Haar nicht von dem Haarwasser gewachsen ist? — Ach Gott, gnädige Frau, wer fragt denn danach? Das ist immer so.«

»Und zweitens behält man das Beste und Schönste am liebsten für sich zu Hause.« Sie machte eine kurze Pause. »Marie, Ihr Einfall ist nicht schlecht, er ist sogar sehr geschäftstüchtig, aber das eben ist mir ein sehr ernstes Zeichen: Die einen stellen sich ein auf das Geschäft und werden oberflächlich, die anderen auf die Arbeit und bleiben tiefere Menschen. Unterhalten Sie sich ruhig weiter mit Rudolf, solange er noch bei uns ist.«

»Gnädige Frau meinen, daß er nicht lange bleibt?«

»Das meine ich, und ich werde recht behalten.«

»Aber er hat doch gar nicht viel zu tun.«

»Das ist es eben. — Ziehen Sie Ursula das Russenkittelchen an, Marie.«

Nachdenklich tat das Mädchen in den nächsten Tagen seine Arbeit, und nachdenklicher als sonst war der Sohn des Hohlofenbauern in Schönbach.

Er war am anderen Abend zu Grete Frieders gegangen, nicht im mindesten daran denkend, daß er ihr Verlegenheiten bereiten könne. Sie hatte ihn freundlich begrüßt, er hatte in der Sofaecke gesessen, bis sie ihr Mädelchen zu Bett gebracht, hatte gehört, wie die Mutter mit dem Kinde betete, und hatte dann der schwarzgekleideten Frau, in deren Gesicht jetzt erst der Schmerz seine Zeichen zu graben schien, gegenüber gesessen. Dann war Frau Grete aufgestanden. »Rudolf, es ist ein so schöner Abend. Ich habe den ganzen Tag im Laden gesteckt. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ein Stündchen in den Stadtpark.«

Sie waren miteinander die Treppe hinabgegangen. Als sie an einer der Flurtüren vorüberkamen, steckte eine Frau den Kopf lauernd durch den Spalt, und als Grete Frieders dann, nachdem sie eine Treppe tiefer geschritten war, den Blick hob, sah sie, wie sich der graue Kopf weit über das Geländer herabneigte.

Die beiden waren auf der Straße, da sagte Grete Frieders bitter: »Haben Sie die Frau in der Tür gesehen, Rudolf?«

»Ja.«

»Wissen Sie, was die jetzt sagt?«

»Was soll sie denn sagen?«

»Jetzt sagt sie es ihrem Mann, nachher weiß es die Nachbarin, morgen das ganze Haus, was ich für eine schamlose Person bin. Kaum ist mein Mann unter der Erde, da kommen die Männer zu mir, und ich gehe mit ihnen spazieren, und ich bin ein ganz miserables Frauenzimmer.«

»Aber, Grete!«

Die Frau lächelte bitter. »Ich hätte es Ihnen ja nicht zu sagen brauchen, aber ich rechne damit, daß es einmal irgendwie auf Sie zugetragen wird. Dann wissen Sie Bescheid. Regen Sie sich nicht auf, Rudolf, die Leute können nicht anders. Sie haben nichts, das sie tiefer packt, und — sie reden, was sie sehen und hören. — Nicht aufregen, Rudolf, es sind arme Menschen. Sehen Sie, der Mann der Frau trinkt. Ich bin gut dafür, daß er jetzt betrunken auf seinem Bette liegt. Die Frau hat auch schon viele Prügel gekriegt.«

»Warum geht sie da nit weg? Das ist doch ein Hundeleben!«

»Nicht so schreien, Rudolf. — Das sind Dinge, die Sie auf Ihrem Dorfe nicht kennenlernen, die es da wohl auch nicht gibt.«

»Wir haben in Schönbach nit einen einzigen Trinker.«

»Vielleicht hat der Mann früher auch nicht getrunken. Ich kenne die Leute erst drei Jahre. Die Frau hat ihr Haus nicht in Ordnung, ist liederlich und mag nicht arbeiten. Der Mann hat vielleicht im Anfange Lärm geschlagen, nachher hat er halt angefangen zu trinken.« Grete Frieders wies auf die großen Mietskasernen in der Ferne. »Da steckt viel Jammer drin, Rudolf, aber es wohnen da auch viel tapfere Leute.«

»Von Ihrer Art.«

»Bei mir war so wenig Tapferkeit nötig wie bei meinem Manne. Wir wollten beide dasselbe, wollten beide vorwärts, und wenn das ist, Rudolf, dann ist die Stadt so gut wie das Dorf, in vielem sogar besser. Anders aber ist's, wenn eines sparen und eines vertun will oder eines die Häuslichkeit liebt und das andere nicht daheim bleiben will. Dann bleibt gewöhnlich leider nicht der bessere Teil obenauf, sondern der schlechtere, einerlei ob Mann oder Frau.«

»Grete,« sagte Rudolf Korn nachdenklich, »ich bin noch nit lange da, aber das weiß ich jetzt schon, daß der Vater unserer Frau recht hat. Der sagt, man muß die Stadt zuerst von der Rückseite sehen.«

Frau Grete lächelte. »Das ist leichter gesagt als durchgeführt. Sie werden die Stadt kaum von der Rückseite kennenlernen. Wie wollen Sie das auch machen, selbst wenn Sie es versuchen wollten? Sie können doch nicht in die Häuser hineingucken. Meint der alte Herr aber die Arbeitsplätze, dann hätte er die ruhig als die Vorderseite bezeichnen können. Vielleicht hat er an die Lokale und die Auslagen gedacht. Die sind aber nicht das Gesicht, die sind bloß die Farben drauf und die, nun ja, in der Stadt schminkt man sich halt.«

Rudolf sah die Frau verwundert an. »Was haben Sie eigentlich für Schulen durchgemacht?«

Wieder lächelte sie. »Gar keine weiter als eine gute Volksschule. Aber sehen Sie, hier schon haben Sie etwas, das das Dorf doch nicht in dem Maße bieten kann. Wir können leicht so viel lernen, wie wir wollen.«

Sie schwiegen ein Weilchen. Dann sagte die Frau sachlich und ruhig: »Man wird in der Stadt beweglicher, aber wenn ich Sie so ansehe und höre, dann scheint mir, man bleibt auf dem Dorfe innerlicher.«

Dazu nickte Rudolf. »Das liegt an dem Umgange.«

»Mag sein. Sie sind der Erde näher.«

Da brach es warm aus dem Manne herauf. In der Ferne erblickte er sein Heimatdorf und erlebte er sein Mädel. Seine Augen gingen durch den stillen, weiten Park und sahen doch die Bodenwiesen vor sich, den Schönbach mit seinen Wellen und seinen Erlen am Ufer. Er stand auf dem Anger und sah von weitem den Turm der Bergkirche, hörte die Dorfglocken und sah sein Mädel die braunen Arme regen, indes ihm die langen, blonden Zöpfe immer wieder über die Schultern fielen.

Als er aufhörte zu sprechen, sagte Frau Grete: »Für heute ist es genug, Rudolf. Jetzt reden wir nichts weiter.«

»Aber das Mariele müssen Sie kennenlernen.«

»Ja, das will ich.«

»Und meine Mutter auch.« Er lächelte. »Ich müßte sie schlecht kennen, wenn sie auf meinen Brief nit herkäme. Aber ich habe ihr geschrieben, sie soll dann zu Ihnen kommen. Das ist Ihnen doch recht?«

»Ja, Rudolf. Bei meinen guten Günthers kann ich zu jeder Stunde abkommen. Gott sei Dank, daß ich die habe.«

»Sind denn da keine eigenen Kinder?«

»Nein, die alten Leute sind kinderlos.«

»Dann können Sie doch das Geschäft übernehmen.«

»Das könnte ich,« entgegnete die Frau, wieder ein gutes Lächeln um den Mund, »wenn ich — das Geld dazu hätte. Sie müssen doch schließlich für ihr Alter sorgen.«

»Lassen Sie mich erst wieder daheim sein, dann können wir weiter darüber reden.«

»Nicht doch, Rudolf. Ich schlage mich schon durch. — Sie müssen ja überhaupt erst Ihre fünftausend Taler beieinander haben.«

»Das ist dummes Zeug, und davon kann gar keine Rede sein.«

»Wenigstens nicht ernsthaft. Das denke ich auch.«

»Wenn der Vater nit so ein Pulverkopf wäre — — —«

»Nicht, Rudolf. Er ist Ihr Vater. Ich glaube, er weiß schon seinen Weg.«

»Wird er wohl wissen, aber nötig war's nit.«

»Nötig nicht, aber es ist doch gut. Ihre Mutter sieht die Sache richtig an, und Sie tun es ja auch. — Wann wollen Sie denn heim?«

»Das kann ich noch nit sagen, und das kommt ganz darauf an, aber das weiß ich, daß ich ein Jahr aushalte.«

»Ein Jahr ist lang.«

»Für das, was ich möchte, nit lang genug, aber noch länger will ich's doch nit hinausziehen.«

Sie waren wieder in die Straße gekommen, in der Frau Frieders wohnte, und sagten sich gute Nacht.

Zwei Tage vergingen, Tage, in denen jedes die starke Spannung spürte, die über dem Hause des Bankiers lag. Der Herr schrie zuweilen bei den Auseinandersetzungen mit seiner Frau, daß es keines Horchens bedurfte, um zu wissen, daß schwere Sorgen die Einigkeit hinausgejagt hatten. Frau Werner war eine stille Frau. Sie hatte den Mann lieb, hätte fraglos ihr ganzes Vermögen geopfert, wäre ihr Vater nicht dazwischengetreten.

»Rudolf,« sagte das Hausmädchen am Morgen wispernd zu Rudolf Korn, »es steht auf der Kippe.«

»Dummes Zeug, Marie. Wenn das wäre, dann würde er doch zuerst das Zeug verkaufen, das hier herumsteht und hängt, meinetwegen auch das Haus und die Pferde.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie denken Sie sich das denn eigentlich? Erstens gehört das meiste der Frau, zweitens wäre es ein Tropfen auf einen heißen Stein. — Sie sind komisch, Rudolf. Unsereins weiß mit neunzehn Jahren mehr als Sie mit siebenundzwanzig. Dabei sind Sie ein Mann. Passen Sie auf: Sie müssen heute die gnädige Frau zu ihrem Vater fahren. Sie wird die Kinder mitnehmen. Der Herr hat sie noch einmal breitgeschlagen. Das ist der letzte Versuch, und wenn der fehlschlägt, dann — — — Aber nichts verraten, Rudolf, ja nicht. Die gnädige Frau tut mir ja in der Seele leid.«

»Abwarten, Marie. Vielleicht haben Sie — falsch gehört.«

»Ich habe überhaupt nichts gehört, aber ich weiß.« Weg war sie und schlug die Tür hinter sich zu.

Und es geschah, was die Kluge vermutet. Um neun fuhr Rudolf den Bankier nach der Bank. Als er zurückkehrte, wartete seine Herrin auf ihn, die Kinder an den Händen. »Spannen Sie nicht erst aus, Rudolf. Sie sollen mich zu meinem Vater fahren. Wenn wir ihn nicht mehr im Hause treffen, müssen wir nach dem Werke.«

Der alte Herr Schmidt war schon seit über einer Stunde von daheim fort. Rudolf mußte nach der Eisengießerei fahren. Er war nie da draußen gewesen. Das ungeheure, hin und her flutende Leben auf dem Werke betäubte ihn. Wohl stellte er vergleichend fest, daß in der Grube nicht weniger, sondern wahrscheinlich noch sehr viel mehr Menschen beschäftigt gewesen waren, und doch wirkte das Werk gewaltiger. Abgesehen davon, daß sich alles im Lichte des Tages abspielte, es war zusammengeballter und vielseitiger. Die Arbeit war einer ungeheuren Brandung gleich, aus der herauf einzelne Stimmen als Kreischen, Hämmern, Stöhnen, Rollen brachen. Es herrschte nicht die dumpfe, drohende Stille der Grube, die Arbeit schrie ihr Lied, und das kam nicht daher in einzelnen Tönen, das brauste auf als ein einziger gewaltiger Akkord.

Rudolf war, indes die Pferde wartend vor der Tür standen, beobachtend hin und her gegangen. Mit welcher Leichtigkeit die mächtigen Kräne die Lasten emporhoben, drehten, beförderten, sinken ließen. Aus einem düsteren Gebäude glotzten glühende Augen. Da standen die Schmelzöfen und, wie in der Grube, hantierten da Männer mit entblößtem Oberleib. Dem Beobachtenden aber schien es, als seien diese Männer stärker als die Bergleute, stärker in ihren Leistungen und in ihren Forderungen. Ihre Gesichter waren trotzig und hart und ohne die besinnliche Linie, die das Leben tief drunten in der Erde in jedes Antlitz zeichnet.

Als er sich wandte, sah er Frau Werner aus dem Hause treten. Der Großvater führte die Kinder. Rudolf war mit ein paar raschen Schritten am Wagen und lüftete die Mütze vor dem alten Herrn.

Der erwiderte den Gruß, aber sein Gesicht war tief ernst, beinahe traurig.

»Auf Wiedersehen, Elisabeth.« Er reichte der Tochter die Hand. »Wiedersehn, Kinder.«

Der Wagen fuhr vom Werke. Rudolf mußte den Weg über die Bank nehmen. Frau Werner stieg aus, kehrte aber nach kurzer Zeit, noch bleicher im Gesicht, als sie in das Haus gegangen war, zurück.

Der dumpfe Druck auf dem Hause ward immer stärker. Es gab keine laute Auseinandersetzung mehr. Selbst Marie wußte nichts zu berichten, und Rudolf hatte nicht nötig, sie zu bitten, die Zuträgerei zu lassen.

Das allzeit heitere Mädel hatte rotgeweinte Augen, schämte sich und sah an Rudolf vorüber, wenn sie einander über den Weg liefen. Die Tage schlenderten langsam dahin und wuchsen dem jungen Hohlöfner ins Endlose. Er machte sich da zu schaffen und dort, hatte sich sogar von Grete Frieders das Buch geholt, das sein Freund so gern gehabt, und hatte es gelesen. Die Heiteretei gefiel ihm. Er lächelte oft vor sich hin und stellte Vergleiche an. »So wäre das Mariele auch gewesen, das hätte sie geradeso gesagt, und der Heiteretei fehlen, wie es scheint, bloß die langen Zöpfe, dann wäre sie auf und ab das Mariele.«

Als er gegen Abend in die Küche kam, reichte ihm Marie einen Brief. Die Mutter schrieb, übermorgen wolle sie kommen. Sie würde um dreiviertel zehn auf dem Bahnhofe eintreffen. Das paßte Rudolf. Um die Zeit war er frei. Er konnte sie abholen, aber er mußte Grete Frieders Nachricht geben, damit die auch daheim war. Das tat er, aber er hielt sich nicht auf.


Harrend stand Rudolf Korn auf dem Bahnsteig. Der Zug fuhr ein, und — da war die Mutter, breit, gesund, lachend. Sie trug eine schwere Reisetasche.

»Guten Tag, Mutter.«

»Tag, Rudolf. Da bist du ja. Hätt mich schon durchgefunden zu der Frau, wenn du nit hättest abkommen können.«

»Gib die Tasche her, Mutter.«

»Die ist schwer. Deine Wäsche ist drin und was zu essen. Sie lassen alle schön grüßen, der Vater und das Mariele und der Lehrer und Berteles-Mutter und der Schmied.«

»Das ist ja bald das ganze Dorf.«

»Ja. Könnte gern noch ein paar herzählen. Nimm's für die andern gleich mit. — Du liebe Zeit, ist das ein Leben! Da getraut man sich ja nit über die Straße.«

»Ist auch nit ganz ungefährlich. Komm nur, ich führe dich. — So, da wären wir schon auf der richtigen Seite. Es ist nit weit zu Grete Frieders. Wir brauchen nit erst zu fahren.«

»Aber freilich laufen wir. Wir werden doch nit unnütz Geld ausgeben.«

»Das wäre nit teuer. Kostet nur einen Groschen.«

»Und dafür kann man fahren, wohin man will?«

»Dafür kannst du eine Stunde lang fahren.«

»Ist nit zu glauben! Das ist freilich kommod. Rudolf, du siehst nit gut aus. Bist du krank?«

»Nein, Mutter, ich bin gesund, aber unser Herr hat sich die Nacht erschossen.«

Die Hohlöfnerin schrie auf.

»Er — schossen?«

»Nit so laut, Mutter. Komm nur weiter. Ja, erschossen. Seine Frau hat ihn heute früh tot vor dem Schreibtisch gefunden.«

»Sind denn Kinder da?«

»Ja, zwei.«

»Dann muß sich der Mann ins Grab hinein schämen, daß er den Kindern das angetan hat.«

»Darüber denkt man hier anders.«

»Da ist gar nix zu denken. Mensch ist Mensch, ob in der Stadt oder auf dem Dorfe. Der Herrgott ist überall, und jeder Vater hat an seine Kinder zu denken, damit sie nit zeitlebens mit einem Flecken auf ihrem Namen herumlaufen müssen. Warum hat er denn das gemacht?«

»Er soll schwere Verluste im Geschäft gehabt haben.«

»Du meine Zeit, hätte er halt wieder von vorn angefangen.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie kann sich ein Mensch das Leben nehmen! Alles ist wieder gutzumachen, aber das nit. — Was wird denn nun mit dir?«

»Darüber wollte ich eben reden. Die Frau hat mir sagen lassen, ich solle um elf zu ihr kommen. Da wird ihr Vater da sein. Es tut mir leid, Mutter, daß ich euch eine Weile allein lassen muß.«

»Da ist nix leid zu tun. Mach du nur deine Sachen. Die gehen vor. Ich fahre erst morgen wieder fort. — Nun hast du doch fürs erste keinen Posten?«

»Nein, vorläufig nit, aber es wird sich schon wieder etwas finden.«

»Dummes Zeug, Rudolf. Hört auf mit euren Dummheiten, ihr zwei Dickköpfe. Komm heim.«

»Noch nit, Mutter. Nun habe ich erst Appetit gekriegt.«

»Und der auf daheim vergeht dir?«

»Nein, der wird Hunger.«

»So. Darüber müssen wir mehr reden.«

»Da wohnt Grete Frieders.«

Die Hohlöfnerin sah an dem himmelhohen Hause hinauf.

»Wieviel Leute wohnen da eigentlich?«

»Ich weiß nit, aber hundert werden das wohl sein.«

»Du bist nit gescheit! Das ist ja das halbe Dorf.«

»Es gibt Häuser, in denen mehr wohnen als in ganz Schönbach.«

»Hör auf! Wenn ich das nit mit eigenen Augen sähe, tät ich's nit glauben.«

Sie stiegen die Treppe hinauf, und Korns Mutter blieb öfter stehen. »Ach du lieber Gott, du lieber Gott! Immer noch höher?«

»Bis unter das Dach.«

»Rudolf!«

»Dafür ist's droben um so hübscher.«

»Junge, hübsch kann das nit sein!«

Grete Frieders stand schon wartend vor der Tür, hörte die zwei sprechen und lächelte.

Sie ging der Hohlöfnerin mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Guten Tag, Frau Korn.«

»Guten Tag und schönen Dank, daß sie mich aufnehmen. Werde Ihnen doch auch nit zu viel?«

»Gar nicht. Ich freue mich, daß Sie zu mir kommen. Rudolf hat mir schon so viel erzählt.«

»Was ist denn von mir groß zu erzählen? Ich komme vom Dorfe.«

Grete Frieders hielt ihre Hand fest und sah ihr hellen Auges in das gute Gesicht. »Kommen Sie nur, Frau Korn, mein Mädelchen wartet auch schon auf Sie.«

Die Hohlöfnerin nahm das Kind auf den Arm. »Du kleines Dingelchen. — Fragt sie nit manchmal nach dem Vater?«

»Das tut sie, aber sie weiß ja, wo er ist.«

»Im Himmel, gelt, du kleines Herzblatt. — Ach, lieber Gott, ist das eine Welt! Nun hat sich auch noch dem Rudolf sein Herr erschossen.«

Frau Grete wußte es schon. »Es soll schlecht mit ihm gestanden haben,« sagte sie.

Die Bäuerin ließ keine Entschuldigung gelten.

Rudolf sah nach der Uhr. »Mutter, ich muß jetzt gehen. Es wird nit lange dauern, dann bin ich wieder da.«

»Geh nur, Rudolf. Wir erzählen uns derweile.«

Als er die Tür hinter sich geschlossen, nahm die Hohlöfnerin Frau Gretes Hand. »Sie gefallen mir. Ich muß das immer sagen, wie ich's meine. Sie gefallen mir, und ich danke Ihnen, daß Sie den Jungen so aufgenommen haben. Da hat er doch wenigstens ein bissel ein Zuhause.«

»Und ich habe einen Menschen, mit dem ich wie mit einem Bruder reden kann.«

Minna Korn nickte und berichtete, wie sie und ihr Mann die kurze Nachricht in der Zeitung gelesen und wie sie versucht hätten, sie voreinander zu verbergen.

»Das hat uns in der Seele leid getan,« fuhr sie fort. »So jung, und Sie haben so gut miteinander gelebt.«

»Frau Korn, wir leben noch miteinander und werden immer miteinander leben.«

»Na ja, aber — — — Man begreift den Herrgott manchmal nit.«

»Den begreift man überhaupt niemals, und begriffe man ihn, dann wäre er nicht mehr der Herrgott.«

»Das möchte ich doch nit sagen. Ich muß mir das anders zurechtlegen.«

»Dafür leben Sie mitten zwischen Feldern und Wiesen, ich in der Stadt.«

»Aber der Herrgott ist doch überall derselbe.«

»Der Herrgott ja, aber die Menschen stellen sich anders zu ihm ein. Denken Sie doch, unsere Stadt hat etwa dreihunderttausend Einwohner. Von denen leben vielleicht dreißig — vierzigtausend so, daß sie die Erde noch unter sich fühlen und sich selber noch wichtig und ernsthaft nehmen als Herren dieser ihrer Erde. Hunderttausend nehmen sich noch wichtig und ernsthaft, aber nicht mehr die Erde, und die andern nehmen weder sich noch die Erde ernsthaft und wichtig.«

Minna Korn saß der klugen jungen Frau mit ernsten Augen gegenüber. »Sich nit mehr und die Erde nit mehr,« sagte sie traurig. »Was machen die?«

»Sie leben.«

»Das ist kein Leben!«

»Nein, das ist es nicht, und es sind arme, arme Leute, die in den Schuhen stecken.«

»Aber mit Geld hat das nix zu tun.«

»Nein, das liegt jenseits davon. Das sind die armen Menschen, die sich selber nichts weiter mehr sind als Nummern. — Wir, mein Mann und ich, gehörten zu denen, die sich noch ernst und wichtig nahmen und auch die Erde so wichtig nahmen, daß sie zu ihr zurück wollten. — Ich weiß, Rudolf hat sich gewundert, daß ich bei dem Tode meines Mannes keine Tränen hatte.«

»Daran hängt's nit,« fiel die Hohlöfnerin ein, »und gerade das tut am meisten weh, wenn man nit flennen kann.«

Grete Frieders schüttelte den Kopf. »Das war es aber nicht, Frau Korn. Es war etwas anderes.«

»Das möcht ich wissen.«

»Es sagt sich schwer. Etwa so war es: Das Leben schlägt nach rechts und links, und wen es trifft, den trifft es.«

»Geschieht nix ohne den Herrgott.«

»Wenn halt der Herrgott und das Leben dasselbe sind.«

»Doch nit anders, junge Frau.«

Grete Frieders nickte. »Es ist nur viel schwerer, das zwischen den Eisenhämmern, den Gießöfen, den Maschinen oder drunten in der Grube zu erkennen als zwischen den stillen Wäldern und Bergen, wo alles zum Himmel weist. — Das Leben schlägt rechts und links, — mein Mann und ich haben oft genug davon geredet, — aber es bleibt nicht stehen, nicht, wenn einer stirbt, nicht, wenn hundert umkommen, nicht, wenn eine Million fallen würde. Frau Korn, da lernt der ernsthafte Mensch zweierlei: Er stellt sich immer auf das Abschiednehmen ein und nimmt jeden neuen Tag, der ihm wird, um so dankbarer, und er stellt sich anders zu dem Herrgott, der grausam und ganz und gar unbegreiflich wäre, wenn er den einzelnen Menschen wichtig nehmen sollte. Was macht es für ihn aus, ob einer dreißig oder siebzig Jahre wird? — Ob Sie mich begreifen, weiß ich nicht. Mein Mann und ich waren darin einig. Er hätte, wenn ich gestorben wäre, nicht anders um mich getrauert, als ich um ihn trauere, still, ohne Tränen, aber treu und tapfer. Ich — werde nie wieder heiraten.«

»Verreden Sie das nit.«

Grete Frieders lächelte. »Wir haben es uns nicht versprochen, Frau Korn, daß der übrigbleibende Teil nicht heiratet. Ich aber tue es nicht.«

Die Hohlöfnerin schüttelte den Kopf. »Ich weiß nit, ist das mehr traurig oder ist es etwas anderes.«

»Es ist wohl etwas anderes, aber es ist nichts für Sie und nichts für Rudolf.«

»Dann ist es auch nix für Sie.«

»Doch, für mich ist es gerade das richtige, und es ist alles, was der denkende Mensch sich an Religion in der Stadt retten kann, das tiefe Gefühl des Nichtsseins an sich und des Allesseins in Gott. Was dazwischen liegt, — und ich wollte, ich hätte das, — das kann nur der haben, der mit den Füßen in der Erde steht, nicht nur, wie wir, auf der Erde.«

»Haben Sie so mit Rudolf geredet?«

»Nein. Ich werde auch nicht so mit ihm reden. Der alte Herr Schmidt hat ihm gesagt, er sei einer, der sich selber suche.«

»Dann kann er aber auch irregehen.«

»Das brauchen Sie bei Rudolf nicht zu fürchten, aber als ein anderer wird er Ihnen heimkommen, als er gegangen ist.«

»Am Ende gar nit mehr als Bauer.«

»Oder als ein besserer Bauer.«

»Lieber Gott, was doch aus einem unbedachten Worte werden kann!«

Sie plauderten noch eine Weile, Mutter Korn erzählte von ihrem Mann und hielt beide Hände über ihn, sprach vom Mariele, das Frau Grete unbedingt kennenlernen müsse, und berichtete von der Ernte, die auf den Hofäckern wuchs.

Nach einer reichlichen Stunde kam Rudolf wieder. Der war, kaum daß er in das Haus Werners zurückgekehrt war, gerufen worden und hatte den alten Herrn Schmidt bei seiner Tochter gefunden. Der Mann war völlig ruhig gewesen, und die Ruhe schien auch auf die Frau übergegangen zu sein.

»Korn,« hatte er begonnen, »der Haushalt hier wird aufgelöst. Ihre Stellung ist erledigt.«

»Damit habe ich gerechnet.«

»Was wollen Sie nun anfangen?«

»Das weiß ich noch nit.«

»Heimgehen wollen Sie nicht?«

»Nein, ich bin noch nit so weit.«

»Wie weit wollen Sie denn eigentlich kommen?«

»Ich möchte noch manches kennenlernen.«

»Korn, Sie wissen, was ich Ihnen an dem Abend gesagt habe, an dem Sie vor meinem Hause hielten. Wir wollen nicht wieder von dem Dienst reden, den Sie meiner Tochter geleistet haben, aber Sie interessieren mich. Was Sie suchen, wissen Sie vielleicht selber nicht recht. Sie wollen weniger die verschiedenen Arten der Arbeit kennenlernen, Sie wollen die Menschen kennenlernen. Und dabei kann für alle Teile nur Gutes herauskommen. Da aber die Arbeit den Menschen formt, müssen Sie eben an die Arbeit. Der Gießer ist ein anderer als der Kranführer, der wieder ein anderer als der Kernmacher, als der Bergmann, der Weber, der Drahtzieher. Die Leute meinen, sie wären gleich. Das ist aber nicht wahr. Sie haben gewisse Interessen gemeinsam, man macht sie ihnen sogar gleich, aber es sind da doch hundert Unterschiede, die sich alle irgendwie auswirken. Das auch nur ein klein wenig zu begreifen, dazu gehört ein langes Leben, und selbst das längste ist zu kurz. Sie wollen den Stadtmenschen als Ganzes sehen und verstehen, um ihm gerecht zu werden und anderen die Augen dafür zu öffnen. Das ist gut, und dazu biete ich meine Hand. Sie können jeden Tag auf mein Werk kommen, und Sie können in allen Abteilungen arbeiten. Wie denken Sie darüber?«

»Ich nehme an und danke Ihnen.«

»Dann ist das erledigt. Versorgen Sie die Pferde hier noch ein paar Tage und machen Sie den Tieren ein wenig Bewegung. — Das Mädchen hat meiner Tochter gesagt, daß Ihre Mutter da ist. Gehen Sie ruhig wieder hin. Hier ist jetzt nichts weiter zu tun.«

Die Stimme des alten Mannes hatte so gemessen wie immer geklungen. Sie war auch gestern abend kaum bewegter und doch eisern gewesen.

Ach ja, die letzte Fahrt mit dem Herrn! Rudolf Korn sah ihn wieder vor sich. Er hatte Herrn Werner vor das stille Landhaus gefahren. Es war ein schwüler Abend, und die Fenster standen offen. Korn hatte wahrhaftig nicht lauschen wollen, er hatte auch seines Herrn Worte nicht verstanden, aber er hatte aus deren Ton gehört, daß er bat, drängte, forderte. Deutlich dagegen hatte er des alten Herrn Stimme vernommen. Erst ein kurzes, eisernes: Nein, dann: »Georg, ich habe dich nicht nur gewarnt, ich habe dir auch mehr gegeben, als ich verantworten konnte. Ich habe es um Elisabeths willen getan, aber ich hätte es doch nicht tun sollen; denn ich wußte, daß es verloren war. Es handelt sich bei dir nicht um eine Bank der armen, ehrlichen Leute.«

»Bei mir haben Handwerker, Kaufleute und kleine Fabrikanten ihre Konten. Sogar eine Waschfrau.«

»Und alles ist Gesindel,« hatte die eiserne Stimme geantwortet. »Spekulantengesindel, das nicht arbeiten, das schachern wollte. Die Sorte ist in allen Ständen vertreten, und mit denen habe ich kein Erbarmen. Ich bin vor reichlich fünfzig Jahren als Schlossergeselle hierher gekommen.«

»Dir hat die Zeit geholfen.«

»Das ist die richtige Auffassung. Die Zeit! Hahaha. — Nein, mir hat die Arbeit geholfen und die Sparsamkeit. — Spare dir jedes weitere Wort. Mag das Volk jetzt kriegen, was es verdient; ich greife nicht mehr zu.«

Rudolf hatte den Pferden die Köpfe gestreichelt, um nicht als Lauscher befunden zu werden. Vom Platze aber konnte er nicht.

Da kam sein Herr, stieg wortlos in den Wagen, nannte kein Ziel und antwortete auch nicht, als Rudolf danach fragte. So fuhr der ihn heim.

Am Morgen war der Mann tot. — —

Rudolf trat wieder in Grete Frieders Stube. Die Mutter hatte das Kind auf dem Arme. Sie fragte nicht mit Worten, aber sie fragte mit den Augen in den Sohn hinein.

Und der antwortete kurz: »Ich gehe zum alten Herrn in die Gießerei.«

Da seufzte die Bäuerin.

Nach dem Mittagessen schlug Rudolf der Mutter vor, in die Stadt zu gehen. Die wehrte ab.

»Nit unter die vielen Menschen, Rudolf.«

»Gut. Dann gehen wir nach dem Parke.«

Grete Frieders ging in das Geschäft und nahm ihr Kindchen mit.

Und nun saßen sie auf der Bank am Teichrande, Rudolf Korn und seine Mutter. Über ihnen breitete eine Blutbuche ihr dichtes Dach aus, vor ihnen plätscherten die Wellen des Teiches leise an das Ufer.

»Nun erzähle von daheim,« bat Rudolf. »Wie weit sind sie mit der Heuernte?«

»Fertig. Das Mariele hat alle Tage mitgeholfen.«

»Von der kannst du mir nachher erzählen. — Sie sind fertig? Das Wetter war gut, aber sie müssen sich doch tüchtig dazugehalten haben. — Wie steht das Korn?«

»Gut, Rudolf. Ich wüßte nit, daß es einmal besser gestanden hätte.«

Sie plauderten, und Mutter Korn mußte die ganze Heimatflur vor dem lauschenden Sohne aufbauen. Das freute und beruhigte sie. Rudolf war kein Stadtmensch, er war Bauer.

»Und wie ist es mit dem Vater?« fragte er.

»Du mein, wie soll es sein? Nit wie immer, das kann ich dir sagen. Wenn er das Wort ungesagt machen könnte, er tät's lieber heute als morgen, aber es geht halt nit.«

Dazu schwieg Rudolf und sah vor sich hin.

»Mit dem Mariele ist er wie sonst. Was er machen wird, weiß ich nit, aber daß es gut wird, das weiß ich.«

»Ist bloß ein bissel teuer bezahlt,« grollte Rudolf.

Die tapfere Frau aber wußte es besser. »Das kommt auf dich an, Rudolf, und für das, was du jetzt vorhast und machst, ist der Vater nit mehr verantwortlich. Von ihm aus soll ich dir sagen, du möchtest heimkommen.«

»Kann ich jetzt nit.«

»Weil du nit willst. Das hast du von deinem Vater, bloß daß der's herauspoltert, und du verbeißt es dir. Im übrigen ist einer wie der andere.«

»Nein, Mutter. Es ist nit Dickköpfigkeit und, ich muß es dir sagen, es ist auch nit, daß ich dem Vater böse wäre. Wenn er jetzt sagte: Das Mariele hat das Geld beieinander, oder: Ich nehme mein Wort zurück, ich käme doch nit heim. Unter einem Jahr nit. Mutter, die Zeit ist wahrlich nit leicht. Was man auf dem Dorfe löffelweise kriegt, das kriegt man hier mit dem Eimer — — —«

»Und verdirbt sich den Magen.«

Rudolf zuckte die Achseln. »Ein bissel vielleicht manchmal, aber ich kann es vertragen.«

»Was willst du denn damit, daß du die Stadt kennenlernst? Du wirst einmal der Hohlofenbauer, hast dein Gewisses, und das andere braucht dich nit zu scheren.«

»Ich hab's nit gewollt, daß ich in dem Wasser schwimmen lernte, der Vater hat's auch nit gewollt, es ist gekommen. Du bist es gewesen, die zuerst von der Lehrzeit geredet hat und hast damit das richtige gesagt. Ich werde kein schlechter Bauer sein, wenn ich heimkomme, aber ich werde einer sein, der, wenn sie die Stadtleute schlecht machen, hintreten und sagen kann: So ist's nit.«

»Soll das was nutzen, Rudolf?«

»Schaden tut's wenigstens nit. Es ist halt, wie's ist. — Und — was macht das Mariele?«

»Das weißt du doch. Sie schreibt dir ja wohl jede Woche ein paar Briefe,« sagte Korns Mutter lächelnd.

»So schlimm ist's nit, aber sie schreibt mehr als ich. Hat halt auch mehr Zeit.«

»Umgekehrt wäre richtig. Du hast mehr Zeit, aber das Mariele ist besser beieinander als du. — Der junge Lehrer sieht recht krank aus.«

»Was willst du auf einmal mit dem?«

»Ach, nix weiter.«

»Hab schon manchmal gedacht, er hat die Schwindsucht.«

»Hat er, Rudolf, und wird nit mehr lange machen.«

»So böse ist's schon?«

»Wird wohl so sein. Nun paß auf: Er weiß, daß er sterben muß, und — er hat das Mariele gern. Wäre er gesund, müßtest du es mit ihm aufnehmen.«

Rudolf lachte. »Der wäre der letzte, vor dem ich mich fürchten tät.«

»Red nit so, Rudolf. — Das Mariele weiß, daß er sie gern hat.«

Rudolf richtete die Augen gespannt auf die Mutter.

»Gelt, jetzt bist du schon eifersüchtig? Schadet nix. Ist dir sowieso mit dem Mädel alles viel zu glatt gegangen. Das tut gar nit gut, weißt ja sonst gar nit, was du an ihr hast.«

»Mutter,« Rudolf legte seine Hand auf die der Mutter, »ist da etwas nit in Ordnung?«

»Freilich ist da etwas nit in Ordnung.«

»Das — Mariele schreibt mir, und — — — und, sie meint es doch nit ehrlich? Und ich sitze dahier und verderbe mir das Jahr und — — — Kreizdeibel!«

»Immer weiter, Rudolf, du bist auf dem richtigen Wege. Verdirbst dir das Jahr und — — —«

In Minna Korns Augen stritten Ernst und Spott.

Der Sohn rückte sich zurecht. »Red, Mutter. Das kann ich nit vertragen, wenn ich nit weiß, woran ich bin.«

»Du weißt nit, woran du bist? Wenn nun ich nit davon geredet hätte, wenn einer von den jungen Burschen gekommen wäre und hätte dir erzählt, das Mariele hält's mit dem jungen Lehrer?«

»Dann. Ja, ich hätt mir den Kerl angesehen und — — —«

»Und? Jetzt kommt doch erst das richtige.«

»Laß die Dummheiten, Mutter.«

»Das sind keine Dummheiten. — Du wärst heimgekommen.«

»Vielleicht auch nit.«

»Aber du hättest dem Mariele einen Brief geschrieben.«

»Ja. Und wenn du jetzt nit redest, dann schreib ich ihn heute noch.«

»So, du — Hohlöfner! Bloß daß dein Vater die Dummheit nit gemacht hätte. — Schäm dich, Rudolf, dem Mariele nit ganz und gar über alle Berge weg zu vertrauen. Hab dich für anders gehalten. Eine Marie Berteles bringt selbst der Herrgott bloß zuwege, wenn er der Welt was ganz Gutes und Schönes geben will, und der, der solch ein Mädel heiraten will, darf nit einer von der gewöhnlichen Sorte sein. Ich habe gedacht, du wärst einer von den anderen, weil du fest warst gegen deinen Vater, und weil du hier in der Stadt so viel — — lernen willst, damit du einmal gescheiter bist als die anderen. Rudolf, wenn du nit mehr aufbringst als Trotz, dann hör auf; denn dann fehlt das Beste.

Um das Mariele brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie geht mit keinem Gedanken an dir vorbei und denkt an dich mit jedem Atemzuge, aber du bist noch lange nit so weit wie sie.« Die Hohlöfnerin sprach bitter ernst und in tiefer Herzlichkeit. »Rudolf, wenn das einen Sinn haben soll, daß du in der Stadt bist, dann mußt du als ein anderer wiederkommen, als du gingst. Damit ist's nit gemacht, daß du uns Bauern nachher sagen kannst, es ist in der Stadt auch nit alles Zuckerlecken. Das wissen die Vernünftigen lange schon, und ob du es ihnen sagst oder ein anderer, das ist einerlei. Dein Vater ist der erste in Schönbach, nit bloß weil er der größte ist. Das Dorf hat ihm auch allerlei zu danken. Die Zeit aber wird anders, Rudolf. Das langt nit mehr, daß einer dreißig Morgen mehr und die beste Saat und die erste Drillmaschine hat. Das aber langt auch nit, daß einer da und dort hineinriecht, wie du das jetzt machst. Da drin muß es sitzen,« Minna Korn wies auf ihr Herz. »Und da sitzt es bei dir noch nit.« Sie legte ihm die Hand auf das Knie. »Sei nit böse, Rudolf. Ich will dir nit weh tun, aber ich kann's nit mit ansehn, wenn aus der traurigen Zeit nit wirklich etwas herausspringt und du nit wiederkommst als ein Mann, der das geworden ist, was er gern werden möchte. Und nun will ich vom Mariele weiterreden.« Sie erzählte, wie sie das junge Mädchen absichtlich dem jungen Lehrer überliefert, als die Wachtel schlug, wie besitzfreudig er im Entsagen sei und nun mit feinem Herzenstakt das Mariele auch nicht mit einem Blick beunruhige. Dann redete sie mütterlich: »Rudolf, wer so reich ist wie ihr, du und das Mariele, seid, der tät eine Sünde vor dem Herrgott, wenn er wie ein Geizhals alles nur für sich haben wollte. Liebhaben macht nit ärmer, das macht reicher. Der arme Mensch wird es dir und dem Mariele einmal auf dem Sterbebette danken, wenn seine letzte Zeit auch seine schönste war.«

Ernst und nachdenklich sah Rudolf über den schwach bewegten Teich hin.

»Bist nit böse?« fragte die Mutter.

»Nein, Mutter,« bekannte er freudig. »Kannst den beiden von mir erzählen, aber sag dem Mariele ja nit, daß ich schon was gelernt hätte.«

»Doch, Rudolf, du hast schon etwas gelernt.«

»Mir ist nit danach. Wenn ich darüber nachdenke, dann meine ich, ich komme als derselbe Lehrjunge wieder, als der ich fortgelaufen bin.«

Da lachte Minna Korn herzlich. »Rudolf, der Lehrjunge lernt zuerst sein Handwerkszeug gebrauchen, und das kannst du schon ganz gut. — Komm, ich bin ausgeruht, wir wollen doch noch ein bißchen unter die Leute gehn. Ich will mir ja auch ein neues Kleid kaufen.«

Aufgeräumt und innerlich erleichtert, schritt sie neben dem Sohne her, plauderte, scherzte, erzählte vom Weizen auf den Angeräckern, von dem armen Ender, der letzte Woche wieder ein Schwein dem Schinder hatte geben müssen, von der Berteles-Mutter, die den Mut nicht aufbringen könne, wirklich zu glauben, daß ihr Mariele einmal Hohlöfnerin werden solle.

So kamen sie mitten hinein in das Häusermeer, und der Zufall fügte es, daß sie durch die Straße gehen wollten, in der die Wernersche Bank lag.

Da hatte sich ein Menschenhaufe gesammelt, aus dem sich dann und wann einer wild gegen das eiserne Tor stemmte, durch das das Grundstück von der Straße abgeschlossen ward. Jetzt erst erwachte Rudolf völlig.

»Das ist die Bank,« erläuterte er leise der Mutter.

»Und was wollen die vielen Leute?«

»Die haben ihr Geld verloren.«

»Die sehen doch alle nit aus, als hätten sie Geld zu verlieren.« Die Hohlöfnerin ließ die Augen prüfend über die erregten Menschen gehen. »Das sind doch alles kleine Leute.«

Ein Schrei brandete aus der Menge auf. Mit geiferndem Munde redeten sie aufeinander ein, ballten die Fäuste, fluchten. Dazwischen einzelne, die an dem eisernen Zaune lehnten, das Gesicht zwischen zwei Stäbe preßten und mit verzweifelten Augen hinüber zu der schweren verschlossenen Tür starrten. Kein Wort des Mitleids mit dem Toten, wilde Anklagen gegen ihn und den Schwiegervater, der ihm nicht geholfen.

»Hat der Mann nit zwei Kinder gehabt?« wandte sich die Hohlöfnerin ernst fragend an einen, der in ihrer Nähe stand. Im Handumdrehen hatte sich um die beiden Schönbacher ein Knäuel gebildet.

Die Fäuste fuchtelten der Bäuerin vor dem Gesicht. »Was gehn uns die Kinder an? Für die sorgt der Alte.«

»Aber sie haben doch ihren Vater verloren,« wandte die Hohlöfnerin ein.

»Und wir unser Geld!« Eine Speichelflocke flog ihr aus geiferndem Munde auf das Kleid.

»Warum habt ihr's ihm gegeben?«

»Weil er uns die hohen Zinsen versprochen hat!«

Furchtlos stand die Frau vor den Eifernden. »Die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke und viele schädliche und törichte Lüste.«

Sie sahen die entschlossene, ernste Frau betroffen an. Das Wort wirkte wie ein kalter Strahl, aber das Wasser war auf glühendes Eisen gefallen. Es zischte brodelnd auf. Fäuste ballten sich gegen die Frau. Da nahm Rudolf ihren Arm. »Komm, Mutter. — Platz, ihr Leute. Wir haben nit hierher gewollt. Mit der Bank haben wir nix zu tun. Wir hatten uns verlaufen.«

Er drängte etliche beiseite und führte die Mutter in eine Seitenstraße.

Da stand die Bäuerin und sah ihm ernst in das Gesicht. »Rudolf, jetzt hab ich ihnen nit sagen können, daß die Frau und die Kinder mehr verloren haben als sie. Warum hast du das gemacht?«

»Weil wir nit in Schönbach sind, wo jeder Mensch die Hohlöfnerin ästimiert.«

»Ich hätt' mich nit gefürchtet.«

»Laß gut sein, Mutter. Helfen kannst du nit. Warum willst du dich grob behandeln lassen?«

»Etlichen hätte ich doch helfen können. Sie haben Geld verloren. Jetzt wollen sie auch noch ihren Verstand einbüßen.«

»Komm, Mutter, du wolltest dir ein neues Kleid kaufen.«

»Ich denke nit dran, Rudolf, hab mehr als genug Kleider daheim.«

»So. Dann wollen wir Grete Frieders abholen. Es wird sachte Zeit.«

»Du, die Frau ist meine Art. Wenn du nit das Mariele hättest, dann — — —«

»Müßte ich Grete Frieders heiraten?« Rudolf lachte. »Die wäre — zu gescheit für mich.«

Da lächelte auch die Mutter. »Woher hat sie das eigentlich?«

Der Sohn zuckte die Schultern. »Das ist in der Stadt halt so. Wer lernen will, kann das. Grete Frieders ist ledigerweise immer mit anderen jungen Mädeln an den Sonnabenden und Sonntagen hinaus auf das Land gelaufen. Sie sind nit zum Tanzen gegangen. Einen Jugendverein haben sie es genannt, und was die eine nit gewußt hat, das hat die andere gewußt.«

»So hat also eine die andere nit schlechter gemacht, wie gewöhnlich, sondern besser.«

»Kann wohl sein, Mutter.«

»Paßt das nit auch aufs Dorf?«

»Ich weiß nit. — Da sind wir bei Günthers. Grete Frieders muß gleich kommen.« —

Als die Hohlöfnerin am anderen Tage wieder zurückfuhr, sah Rudolf dem Zuge lange nach.

Grete Frieders, die neben ihm stand, nahm ihn am Arm. »Kommen Sie, Rudolf. Denselben Weg fahren Sie auch noch einmal.«

»Ja, Weihnachten das erste Mal, aber da komme ich wieder.«

»Wollen's abwarten.«

»Ich komme wieder!«

Grete Frieders lächelte. »Sie sind ein Dickkopf, Rudolf.«

»Das hab ich von meinem Vater.«

»Haben Sie die Stadt noch nicht satt?«

»Nein. Ich werde sie auch nit satt kriegen.«

»Das ist recht, und ich will mir derweile überlegen, wie Sie die Winterabende so hinbringen können, daß Sie etwas davon haben.«

»Damit bin ich einverstanden.«