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Der Hohlofenbauer

Chapter 9: 8.
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About This Book

A rural community portrait centers on Marie Berteles (Mariele), a lively, hardworking young woman admired across her village, and the budding attachment between her and the Hohlofenbauer's son. The narrative traces everyday rhythms—seasonal customs, churchgoing, field and stable work—and the informal gossip, teasing and tender care of neighbors and family. Scenes emphasize parental attention and gentle rivalry, the practicalities of household labor, and small-town etiquette. Through intimate domestic moments and communal rituals, the work observes how affection, social expectation and generational perspectives shape courtship and village life.

8.

Der Sommer verging. Heinrich Korn ward äußerlich wieder der alte. Er ging dann und wann in das Wirtshaus und plauderte, aber er neckte selten. Innerlich war der Mann in Not.

Seine Frau sah es mit tiefer Sorge. Sie war es nun, die kaum eine Gelegenheit zu heiterem Scherz vorübergehen ließ, und sie hatte sich das Mariele als Bundesgenossen geworben.

»Daß nur der Vater nit ins Sinnieren kommt,« hatte sie ihr gesagt. »Lieber noch eine Dummheit, Mariele, als das Sinnieren. Tu, was du kannst, daß er lacht. Der Vater muß mit Lachen säen und ernten und mit frohem Gesicht aufstehen und sich niederlegen. Der Herrgott hat ihn zum Frohsein geschaffen. Nur wenn er das ist, geht ihm die Arbeit von der Hand und gedeiht ihm, was er anfängt. Mariele, der Mann stirbt uns, wenn er nit wieder lachen lernt.«

Heinrich Korn lachte, aber es kam nicht aus dem Herzen herauf und hatte zumeist einen grimmigen Unterton. Seine Frau hatte nach ihrer Rückkehr aus der Stadt in dem Bericht, den sie ihrem Mann erstattet, klug alles vermeiden wollen, das ihn hätte belasten können, aber er hatte mit dem Herzen gehört und die feinen Schwingungen des anderen verstanden. Und wer brächte es fertig, jeden Fehler zu vermeiden, wenn das Herz vor sich selber auf der Lauer ist? Der Selbstmord des Bankiers, der Besuch bei Grete Frieders, das Zusammentreffen mit dem erregten Menschenhaufen vor der Bank, es waren Angelegenheiten gewesen, mit denen der Hohlöfner fertig wurde, ob er auch keine von ihnen mit einem Kopfschütteln abtat.

Als aber die Frau in der Absicht, ihren Sohn zu erhöhen und zu zeigen, wie weit er schon war, erzählte, daß Rudolf gesagt, er werde als derselbe Lehrling wiederkommen, als der er gegangen sei, während er doch in Wirklichkeit bereits sein Rüstzeug viel besser gebrauchen gelernt, als er meine, da hatte der Mann wohl das eine gehört, nicht aber das andere. Und das machte ihm Not. Rudolf glaubt als derselbe Lehrling wiederzukommen, als der er gegangen ist? O weh! Er irrt. Als er ging, vertraute er sich selber. Wenn er wiederkommt, wird er das Selbstvertrauen verloren haben. Er kommt nicht als derselbe, er kommt als ein Ärmerer. Diese Armut wächst herauf aus bitteren Enttäuschungen. Die tun weh, machen schlaflose Nächte, lähmen die Kräfte. Alles kann der Mensch verlieren, aber das Vertrauen zu sich selber darf er nicht verlieren. Was soll aus ihm werden? Er sieht alles unter einem grauen Schleier. Wehe dem Bauern, der bei der Saat an kommenden Hagelschlag denkt. Der Sämann ist verloren, dem in dem Augenblicke, da ihm die Körner aus der Hand sinken, Hoffen nicht zum Glauben ward. Das Feld kann nur helle Bauernaugen brauchen. Rudolf hat sie gehabt, die weit auslangenden Augen, die in die Tiefe sehen, in der sich die Wurzeln nähren, und in die Höhe, aus der der Segen strömt. Schreibt der Bauer nicht dem Herrgott unmittelbar in die Hand? Das kann nur mit festen Fingern geschehen. Zitternde Finger schreiben eine krause Schrift, und die kann weder der Herrgott noch der Mensch lesen.

Heinrich Korn ward das Wort vom innerlich müden Lehrling nicht los. Hundert Ursachen fand er, zu sagen: »Er muß wieder her.« Lauter äußere Gründe. Sie könnten nicht allein mit der Ernte fertig werden; wer sollte im Herbste ackern und das neue Saatbeet herrichten? Die eine Ursache, die ihn wie ein verhaltener Schrei bedrückte: »Die Stadt nimmt mir in meinem Jungen den Bauern!« verschwieg er, und seine kluge Frau brachte es nicht fertig, sie als Unterton zu hören.

Wohl ahnte sie Sorge, aber sie erachtete sie nicht als so groß, daß sie in ihr die Düsterkeit gerechtfertigt zu sehen vermocht hätte, die in stillen Stunden auf dem Manne lastete. Rudolf schrieb seltener als früher, aber seine Briefe waren zuversichtlich. Der Bauer las nicht, was auf den Zeilen stand, er las zwischen ihnen, und — er übertrieb.

Seine Frau redete ihm zu, in die Stadt zu fahren, und, wenn er dem Sohne eine ganz besondere Freude machen wolle, das Mariele mitzunehmen.

Heinrich Korn polterte in gemachtem Zorn dagegen: »Das könnte dem Ausreißer so passen, daß ihm sein alter Vater nachläuft! Und das Mädel mitnehmen? Du bist nit gescheit, Mutter! Ich bin der letzte, der dem Dorfe den Hanswurst macht!«

Und doch zog es den Mann zu dem Sohne, dem er in die Augen sehen wollte. Aber er fürchtete sich. Herrgott, wenn Rudolf, der, war er auch stets langsam und bedächtig gewesen, doch Leben und Arbeit immer mit festen Händen angefaßt hatte, als ein müder Mann vor ihm stand, dem die Bitterkeit allen Geschmack auf der Zunge verdarb! Er würde nichts sagen, aber, ein Angeklagter, würde der Hohlöfner vor seinem Richter stehen.

Heinrich Korn übertrieb. Was war zu machen? Er übersteigerte immer. — — —

Heiß durchmaß der Juli den ihm bestimmten Weg, heißer trat ihn der August an. Stiller ward es auf den reifenden Äckern, zu denen herüber die Berge grüßten. Die Halme wurden gelb, die Ähren schwer. »Morgen wollen wir anfangen zu schneiden,« sagte der Hohlöfner ernst.

»Es steht eine gute Ernte draußen, Vater. Der Herrgott hat uns auch dies Jahr nit verlassen.«

Eine gute Ernte? Der Hohlöfner wußte es lange und hätte in jedem anderen ähnlichen Jahre lachend gesagt: »Ja, sie verlassen uns beide nit, der Herrgott und der gute Mist.« Heuer sprach er stirnrunzelnd: »Da kann man noch gar nix sagen. Erst muß die Ernte in der Scheune sein, und dann muß man sehen, was sie beim Dreschen gibt.«

Am selben Abend stand die Bäuerin vor Marie Berteles. »Mariele, halt beide Hände über den Vater!«

»Korns Mutter,« sagte das Mariele traurig, »das tu ich, sosehr ich kann, aber — er zupft mich nit ein einzigmal mehr an den Zöpfen.«

Es wurde im ganzen eine unfrohe Ernte. Meist hieß der Bauer das Mariele auf den Wagen steigen und laden. Das Mädchen hatte wahrlich flinke Hände, und der Wille, dem künftigen Schwiegervater Freude zu machen, erhöhte ihre Arbeitslust. Sie war nie so fleißig gewesen, aber sie tat dem Hohlöfner nicht genug. Er gabelte wie wild. Als ob jeder Handgriff unter einem heißen Zorn geschähe, spießte er die Garben auf und warf sie auf den Wagen. Sie flogen wie Bälle, und Mariele Berteles hatte nur zwei Hände.

Da schrie sie der Bauer an: »Ihr habt nit arbeiten gelernt. Zimperlich seid ihr. Geh herunter vom Wagen. Ich hole die alte Norle (Leonore), die kann's besser als du.«

Die Tränen in des Mädchens Augen wollte er so wenig sehen wie das, daß ihr Gesicht allmählich seine frische Farbe verlor. Der bittende Blick aus Mädchenaugen machte ihm wohl Not, aber er erschlug sie mit seiner größeren.

Die hätte helfen können und die gesehen hätte, wo und wie zu helfen war, die Bäuerin, war nicht mit auf dem Felde.

Es ging auf das Ende der Ernte zu. Die Leute vom Hohlofenhofe waren am Hafer. Selten war der so lang und schwer gewesen. Der Abend kam, das letzte Fuder war für heute geladen, das Mariele ließ sich am Wagenseil herab und — sank mit einem leisen Wehschrei auf die Stoppeln.

Heinrich Korn hatte eben die Pferde herumlenken wollen. Nun sprang er herzu, weil die Magd aufschrie: »Jesus, das Mariele!« Sie warf sich über das Mädchen, rüttelte es, bat: »Mach doch die Augen auf, Mariele!« Das Mädchen lag bleich und still wie eine Gestorbene.

»Was ist?« fragte der Hohlöfner rauh.

»Sie ist weggeblieben.« Und grollend setzte die Magd hinzu: »Ihr habt zuviel von ihr verlangt. Gerade als wenn sie ein Stück Vieh wäre.«

»Was — hab — ich?« Es kam fremd und verwundert aus des Mannes Munde.

Da belferte die Magd los: »Ihr habt das freilich nit sehen wollen, wie sie von Kräften gekommen ist. Gegabelt habt ihr, daß sie zehn Hände hätte haben müssen.«

Da fuhr der Bauer auf. »Halt das Maul!« Und zu dem Knechte: »Fahr zu. Wir kommen nach.«

Er hob das Mädchen auf und bettete es auf die zur Seite liegenden Hafergarben. Dann neigte er sich über sie. Die Ohnmacht war tief und lang. »Mariele,« rief der Bauer leise und nahm ihre kalte Hand. »Mariele.« Sie regte sich nicht. Jetzt riß er ihre Hand an sich und suchte den Puls. Er fand ihn nicht. Da drückte er den Kopf auf die junge Brust. Er hörte den Herzschlag nicht. Tot? Ein Herzschlag infolge Überarbeitung? »Mariele!« schrie der Bauer auf, daß es weit über die Felder schallte. Sein eigener Herzschlag setzte jetzt aus und raste hernach. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Mariele!« Da holte sie tief Atem, schlug die Augen auf, sah den Bauer an und lächelte.

»Gott sei Dank!« stöhnte der Mann aus tiefer Brust. »Was war denn das jetzt, Mariele?«

»Ich weiß auch nit.«

»War das schon öfter?«

»Nein. Heute das erstemal.«

Sie erhob sich, taumelte noch ein wenig und lächelte doch dabei. Da nahm der Mann sie in seine Arme und drückte sie an die Brust. »Mariele, hast eine schwere Zeit gehabt. Ich — will's gutmachen.«

Und das Mädchen, in dessen Augen die Tränen selten waren, drückte das Gesicht fest an des Hohlöfners breite Brust und weinte.

Unbeholfen strich ihr der Mann über die feinen Haare. »Mußt nit, Mariele, mußt nit. — Kannst du gehn oder soll ich dich tragen?«

Da löste sie sich aus dem Mannesarm, sah dem Bauern mit rührendem Lächeln in das Gesicht: »Tragen? Ich kann laufen. Es ist mir wieder gut.« Sie drängte ihre Hand in die des Bauern. »Nit böse sein, gelt? Ich habe nix dafür gekonnt.«

Sie gingen miteinander heim. Der Hohlöfner litt es nicht, daß das Mädchen mit auf den Hof ging, um beim Abladen zu helfen. Er brachte sie bis an das Häuschen der Mutter und drückte ihr die Hand. »Hast dir ein ordentlich Erntegeschenk verdient. Gute Nacht, Mariele.«

Das kleine Erlebnis war dem Bauern gut. Von dem Tage an sah er nicht mehr nur in sich hinein, sondern auch wieder um sich her. Und siehe, es war viel da, sich zu freuen. Wenn er jetzt auf den abgeernteten Feldern hinter dem Pfluge schritt, die Griffe festhielt, daß die Arme schütterten, und die Pferde leise schnauften, dann ließ er den Blick über die Wälder im Osten gehen, suchte und fand seinen Sohn und sah allmählich einen vor sich, dessen Gesicht wohl harte Linien hatte, dessen Augen aber nicht müde und stumpf waren, sondern in festem Willen aufleuchteten.

Die Bäuerin merkte die Veränderung und machte das Mariele darauf aufmerksam. »Der Vater wird wieder anders.«

»Ja, aber er zupft noch nit.«

»Kommt auch wieder, Mariele.«

Und es kam.

Kartoffeln und Rüben waren geerntet, die Kirmes war vorüber, über dem Lande lag alle Tage ein feiner Nebelhauch. Auch der letzte Schlehdornstrauch besann sich darauf, daß er seine Blätter dem Herbste opfern müsse, und ließ sie langsam aus den Händen gleiten.

Da holten die Schönbacher ihre Dreschmaschine aus dem Maschinenhause. Anton Dreier säuberte den Kessel vom Staube, prüfte die Ventile, ölte und sagte: »Nun kann's losgehn. Jetzt wollen wir mal wieder Speck ansetzen.« Er freute sich darauf, daß er nun acht Wochen lang werde jeden Tag Klöße und Schweinefleisch essen können, obwohl er wußte, daß es auch in diesem Jahr so gehen werde, daß er nach vier Wochen um ein Erbsengericht zum Mittag bitten werde.

Hopp, der Kessel klapperte und klirrte über die Schwelle. Danach kam die Maschine, die Emil Eckart nachgesehen hatte, und dann fand sich auch Ernst Wichmann ein, der an der Maschine der Ersatzmann war. Nun war alles beieinander, Kessel, Maschine und Menschen.

Rumpelnd fuhren des Hohlöfners Pferde den Kessel in Adolf Wiegands Hof, der in diesem Jahre zuerst dran war. Es war schon höllisch kalt. Jeden Morgen lag dicker Reif auf dem Grase. Aber es war doch im ganzen Dorfe, als ginge es auf eine Festzeit zu.

Dreschen war ein Fest! Die Nachbarn halfen einander aus. Der schickte seinen Knecht, der die Magd, der andere Sohn oder Tochter. Dieser oder jener kam auch selber. —

Die Nacht lag auf dem Lande, die gefrorenen Gräser klirrten und brachen bei jedem Schritte, da schürte Anton Dreier das Feuer unter dem Kessel, stellte die große Wanne zur Seite, in der der Sauger lag, paffte aus der kurzen Pfeife und plauderte mit dem Hausherrn. Er war ein bewanderter Mann, der Heizer, wußte, was von der Kohle und von jener zu halten war, kannte sich aus unter den Leuten im Dorfe und in den Nachbarorten und hatte mehr als eine Heirat gestiftet.

Gemächlich schritt er einher, legte den breiten Riemen auf, der vom Kessel zur Maschine führte, schlug einen Keil fester, guckte auf die Uhr, beäugte den Druckmesser und zog die Pfeife. Huiii, heulte es über das Dorf, schlug sich durch den Nebel und zerbarst am Waldrande. Huiii! Wohl fünf Minuten lang. Der Pfiff hatte die Wirkung eines elektrischen Schlages. Alle Nasen hoben sich witternd in die Luft. Den Kindern, die zur Schule gingen, ward der Weg sauer, die Knechte, die heute Säcke tragen mußten, spuckten zum erstenmal in die Hände und erprobten, ob sich auch die Muskeln ordentlich spannten, die Mädchen suchten nach den Kopftüchern, und selbst den alten Weibern, die Spreu abtragen mußten, kribbelte es in den Fingern.

Eine reichliche halbe Stunde später der zweite Pfiff. Anton Dreier hatte schon guten Druck auf dem Kessel und goß eben noch einen Schnaps in die Kehle, um auch innerlich auf Druck zu kommen. Nachher im Laufe des Tages trank er nur noch, um den massenhaft umherfliegenden Staub hinabzuspülen. Der Staub aber war zähe. Wenn der Abend kam, mußte der Mann ordentlich Klöße und Schweinefleisch vorlegen und das aufstoßende Fett hinabtrinken. —

Endlich kam der dritte Pfiff. Ganz kurz und befehlend: Habt acht, es geht los! Alles war auf dem Posten. Anton Dreier drehte das Ventil auf, zisch, zisch machten die Kolben, surre, surre sangen die Räder.

Und surre, surre sangen sie den ganzen Tag bis in die sinkende Nacht, und das Jungvolk sang mit, wenn es nicht vor Lachen kreischte; denn die Maschinenmänner machten Witze, die mehr Staub aufwirbelten als die Maschine. Es war harte Arbeit, und Hand mußte in Hand greifen, aber es war doch eine festliche Zeit. Und es war eine Zeit, in der die Erwartung in aller Augen stand; denn das Jahr hat nur eine Ernte, und das kommende Jahr liegt in den Ähren des vergangenen beschlossen. Die Garben zureichen, wissen am Gewicht, welcher Art der Bauer ist, dem sie die Frucht ausdreschen, und der Mann auf der Maschine läßt es langsam sickern, wenn ihm die schweren Halme durch die Hände gleiten, und läßt es rauschen und regnen, wenn er leichte Ware zwischen den Fingern hat.

Wartend aber stehen die Sackträger hinter der Maschine, haken an, heben ab. »Schlecht,« sagen sie bei dem einen und schlagen die Arme übereinander, und: »Sackerlot!« bei dem anderen und wuchten die hundertdreißig Pfund auf die Schulter. Auf dem Getreideboden aber steht der Bauer und hat die Kreide in der Hand. Bei jedem Sacke, der abgetragen wird, macht er einen Strich, und wenn eine Fruchtart ausgedroschen ist, dann überfliegt er zählend die Striche. Sein Gesicht ist bekümmert, wenn es ihrer weniger sind, als er erwartet, es ist zufrieden, wenn er seine Rechnung findet, und es geht lachend in die Breite, wenn er seine Erwartungen übertroffen sieht.

Einerlei wie der Tag war. Was fragt das Jungvolk danach? Der Abend kommt in jedem Falle, und der ist das Wichtigste am ganzen Tage.

Die alten Frauen, die Spreu abgetragen haben, sitzen beieinander und plaudern von denen, die den Kranz trugen und ihn nicht verdienten, und wissen, wer auf die Freit geht und wie die Geldsäcke zueinander passen. Dann reden sie von denen, die aus dem Dorfe gingen und die hereinkamen, dann von den Preisen für die Ferkel und die fetten Schweine. Dazwischen trinken sie Punsch, bis die Augen glühen und die Gesichter glänzen.

Bei der Gelegenheit kommen auch des Hohlöfners Rudolf und das Mariele dran, und — es ist eine Schande. Eine Schande ist es! Was denn? Daß der Rudolf in die Stadt ging, oder daß er das Mariele freien will, oder daß der Alte fünftausend Taler verlangt? Es ist eben eine Schande, aber — — — der Hohlöfner ist der Hohlöfner!

Die Bauern sitzen am Tische und karten, und wenn Christian Lorenz 50 Pfennige verloren hat, dann läßt er die Pfeife ausgehen, weil es sonst zu teuer wird.

Das Jungvolk aber fragt nach dem allem nicht, das wartet auf Wilhelm Hercher, der den Ziehbalg spielt. Nun ist er da, nun quäkt die Harmonika, die Füße, die den Tag emsig hin und her gesprungen sind, schleifen im Takte über die Dielen, daß die Splitter fliegen, und die Hände, die heute die schweren Säcke auf den Rücken geschwungen haben, halten die Mädel fest, daß denen vor Lust der Atem vergeht.

So acht Wochen lang Haus bei Haus. Und das sollte kein Spaß sein? Draußen aber brauen die Nebel, die Bäume tropfen, und um die Ecke lugt Weihnachten.

Eines Tages, es ist gegen Ende November, kommt die Hohlöfnerin in das Berteles-Häuschen. »Berteles-Mutter, wir wollen übermorgen dreschen. Ich brauche das Mariele. Wir müssen backen.«

»Freilich kann sie dir helfen.« Dabei klopft die Alte den Flachs auf der Breche. Das Spinnrad fängt in seiner Ecke beinahe von selber an zu schnurren.

Sie braten, backen und kochen auf dem Hohlofenhofe, und der Bauer geht mit einem Gesicht ab und zu, auf dem Ernst und Heiterkeit streiten. Sosehr er sich Mühe gibt, er ist innerlich noch nicht wieder der alte, aber er spürt, daß es darauf zugeht. Heute früh hat er gepfiffen, und nur weil der dumme Knecht sagte, das hätte er lange nicht gehört, war der Bauer still gewesen. Hätte der Knecht den Mund gehalten, hätte der Bauer noch länger gepfiffen. Und noch ein anderes fiel ihm auf. Wenn das Mariele an ihm vorüberging, zuckte es ihm in den Fingern, sie an den Zöpfen zu zupfen. Er überwand sich aber. Das Mariele blieb ungezupft.

Die Zeit der Vorbereitungen war vorüber, die Dreschmaschine stand auf dem Hohlofenhofe. Anton Dreier hatte zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male gepfiffen. Die Maschine surrte. Emil Eckart kriegte die ersten Garben. »Langsam!« brüllte er in die Scheune hinauf. Er konnte es nur tröpfeln lassen. »Sackerlot!« sagten die Sackträger und verausgabten im Laufe des Tages die Spucke literweise. Der Hohlöfner aber stand am Balken und machte Striche. »Dunnerlichting,« sagte er nach etlichen Stunden, »seid ihr denn mit dem Korn noch nit fertig?«

»Noch lange nit!«

Da ward sein Gesicht ganz blank vor Freude.

Als er zu dem kurzen Mittagbrot hinabging, lief ihm das Mariele in den Weg. Da konnte er wahrhaftig nicht anders, da mußte er — zupfen.

Die sah ihm lachend in die Augen.

»Er zupft wieder,« sagte der Mann frohmütig.

Und: »Gott sei Dank, daß er wieder zupft,« das Mariele und lief rasch wieder in die Küche.

Da stand die Bäuerin und arbeitete mit heißem Gesicht.

»Er zupft wieder,« rief ihr das Mariele schelmisch zu.

Und: »Laß ihn zupfen,« quittierte die Hohlöfnerin, lichte, erlöste Freude in den Augen.

Einen ganzen Tag und vom anderen drei Viertel surrte die Maschine auf dem Hohlofenhofe, und Heinrich Korn wußte zuletzt weiter nichts zu sagen als: »Das ist noch gar nit dagewesen! Ja, unser Herrgott und der gute Mist!« Wie oft er in der Zeit gezupft, das wußte weder er noch das Mariele. Nur seine Frau hatte ihn einmal verwiesen: »Mach's nit gleich gar zu arg, Vater.«

Am Abend des ersten Tages aber war es auf dem Hofe bügelhoch gegangen.

Minna Korn saß unter dem Häuflein der Alten und Christel Müller hatte es gewagt, zu fragen: »Wird's denn nun was, Minna?«

»Warum soll's denn nit werden?« hatte die Bäuerin dagegen gefragt und ihr harmlos in das Gesicht gesehen.

»Tja, wir haben doch gehört — — — Sie soll doch fünftausend Taler mitbringen.«

Und Minna Korn ganz ernsthaft: »Ist das etwa zuviel verlangt, wenn sie auf den Hohlofenhof kommt?«

»Gar nit, nein, aber — — —« Und das Aber hatte hundert a gehabt.

Es tat den alten Frauen unendlich wohl, daß die Bäuerin so leutselig und so offenherzig war. »Sie hat das natürlich noch nit ganz beieinander, aber sie hat viel mehr, als man gewußt hat.«

»Was du nit sagst! Man darf wohl nit wissen, wieviel?«

»Nein, Christel, das darf man nit. Aber das darfst du wissen, daß sie übers Jahr auf dem Hofe ist, und dann wird alles in der Ordnung zugegangen sein.«

Inzwischen quäkte die Ziehharmonika lustig drauflos, und die Paare wirbelten, daß es eine Art hatte.

Der Hohlöfner saß neben den Kartenspielern, und der alte Humor war springlebendig in ihm. Er hetzte da und stachelte dort und lachte aus vollem Halse, wenn ihm einer auf den Leim gegangen war und die Pfennige aus der Westentasche kramen mußte.

Bei einer solchen Gelegenheit ward Christian Lorenz teufelswild, keifte auf den Bauer los und sagte, er möge sich mit seiner Scheinheiligkeit zu dem jungen Pack scheren, er, Christian Lorenz, habe das grüne As nehmen wollen, und das hätte den Stich gemacht. Der Hohlöfner habe auf dem Eichel-Alten bestanden, und nun hätte man den Dreck.

Heinrich Korn schlug ihm lachend auf die Schulter. »Ich geh zu den jungen Leuten. Du bist mir zu grob, Christian.«

Eben spielte Wilhelm Hercher einen Walzer. Da ging der Hohlöfner breitbeinig auf das Mariele zu.

»Komm, Mariele, wir müssen einen miteinander machen.«

Hercher zerrte den Ziehbalg, daß er doppelt laut aufschrie, Korn umfaßte das Mariele und drehte es so zierlich und behutsam, als tanze er mit einer Prinzessin. Rundherum aber stand das Jungvolk, juchzte und klatschte nach dem Takte in die Hände. Kein ander Paar tanzte. Des Hohlöfners Augen aber blitzten. Er drehte weiter, lachte nicht und hatte doch ein strahlendes Gesicht.

Das Mariele noch an der Hand, stand er im Kreise, sah rundum und sagte: »Denkt ihr etwa nit, ihr Schafsköpfe?«

Sie wußten nicht, was sie »nit denken sollten«, aber sie lachten aus vollem Halse.

Einer der Sackträger ging auf den Bauern zu und wies ihm seine Hände. »So sehen sie aus! Und das hat einen Extralohn verdient.«

Der Bauer aber lachte ihn aus. »Das sollen Bauernhände sein? So hat sie die alte Norle auch.«

Er war es auch, der vorschlug, dem Rudolf eine Karte zu schreiben. Es geschah, jedes malte seinen Namen darauf, der Hohlöfner hatte wieder einmal auf der ganzen Linie gesiegt. Und sein Weib hatte ihm getreulicher geholfen, als er wußte; denn nicht das ist die Hauptsache, was die Männer denken und sagen, sondern das, was sich die alten Weiber zutuscheln. Und die sagten heute abend, daß — die Hohlofenleute ein rechtes Gotteswerk täten. —

Die Maschine war wieder vom Hofe gefahren worden. Heinrich Korn stand auf seinem Getreideboden und ließ die Augen auf den Haufen ruhn. Von denen ging sein Blick auf die Kreidestriche auf dem Balken. Er zählte sie durch und schüttelte den Kopf. Eine solche Ernte hatte der Hohlofenhof nie gehabt. Der armen Bertelessin aber war die Ernte verhagelt. Der und auch dem Ender.

Nicht der Dank gegen Gott zog den Bauern auf die Knie. Den hatte er schon am Erntefest mit einem Zehnmarkschein in den Klingelbeutel abgemacht. Und doch war es himmelweit von Rechnen und Berechnen entfernt, als der Bauer niederkniete und die Hände ganz tief in den goldenen Weizen grub. Es war — Gottesdienst. So langte er tief hinein in des Herrgotts Herz, und ob es sich auch nicht formte, ja nicht einmal in den Bereich des Sagbaren hereinragte, der Bauer griff andachtsvoll die goldenen Sonnenstrahlen, die das Jahr über gefunkelt, ließ sich den fruchtbaren Regen über die Hände rieseln, trank die heiligen Kräfte Himmels und der Erde in sich hinein, als er, ernst verklärten Gesichts, die Arme bis über die Ellenbogen in die Weizenkörner grub. Er liebkoste die Frucht, liebkoste in ihr seine Scholle und sah von unten herauf demütig dem Herrgott in die Augen. Gottesdienst auf dem Getreideboden!

Der Hohlöfner richtete sich auf, rüttelte sich wach und schritt hinab. Drunten langte er nach der Zeitung und studierte die Getreidepreise. Sie waren gut. Da beschloß er, zu verkaufen. Noch nicht alles, o nein, aber so viel, daß er — — — Das brauchte er niemand zu sagen.

»Mutter,« rief er der eintretenden Bäuerin zu, »das Getreide steht nit schlecht. Ich denke, wir fahren morgen ein Fuder in die Stadt.«

»Ist das nit ein bissel zu früh, Vater?«

»Ich denke nit.«

»Hast du denn dem Mariele überhaupt schon ein Erntegeschenk gemacht?«

»Das geht mich nix an, ist deine Sache.«

»Bring Geld, dann wollen wir wieder drüber reden.«

»Nit zu bunt, Mutter,« drohte der Bauer lächelnd.

»Nein, bloß, was es austrägt,« quittierte die Frau mit heller Stimme.

Heinrich Korn fuhr zwei volle Wagen in die Stadt. Als er am Abend das Geld auf den Tisch zählte, langte seine Frau nach einem Hundertmarkschein. Der Hohlöfner legte seine Hand auf die zugreifenden Finger.

»Da wird nix draus, Mutter.«

»Aber Vater, es ist doch für das Mariele!«

»Es ist zu viel. Du machst mich bankerott.«

»Sieht ganz danach aus.« Die Frau zog den Schein unter den nachgebenden Fingern hervor. »Laß dich's nit dauern, Vater. Kommt ja doch alles wieder auf den Hof. Ist bloß geliehenes Geld.«

»Dunnerlichting,« der Hohlöfner runzelte die Stirn, aber die Schelmerei saß ihm behaglich in den Augenwinkeln, »so habe ich das nit gemeint.«

»Aber ich! — Brauchst nit auf mich zu warten. Ich geh bloß in das Berteles-Häusel.«

»Wie ist denn das überhaupt mit den Leuten? Ich denke, sie haben soviel wie nix geerntet?«

»Ist schon abgemacht, Vater. Gute Nacht.«

Draußen war die Frau, und der Bauer schlug lachend auf den Tisch. »Wenn die Weiber zwei zusammenbringen wollen, dann ist eine wie die andere. Ei, ei.«

Er raffte das Geld zusammen und stieg die Treppe hinauf. Sorgfältig steckte er es in die Ledertasche, die in seiner Truhe lag, griff dann in das Bettstroh und verleibte etliches dem Strumpfe ein, auf dem er fest und ruhig schlief, als seine Frau leise in die Kammer trat. Sie betrachtete den Schlafenden einen Augenblick und lächelte wehmütig. Du lieber, närrischer Mann!

Am anderen Morgen ging der Hohlöfner nach dem zum Schlagen bestimmten Waldstück. Da begegnete ihm Ender, der Waldstreu holen wollte. Er ließ den Kopf tief hängen. Der Hohlofenbauer redete ihn an und fragte nach der Ernte. Mürrisch entgegnete Ender, daß sie so ausgefallen sei, wie sie nach dem Hagelschlag habe ausfallen müssen.

»Bist schlecht daran,« bestätigte ihm Korn.

Dazu schwieg Ender, so daß der Hohlöfner fragen mußte: »Ist denn sonst noch etwas? Du tust so niedergeschlagen.«

»Mein Paul ist krank.«

»Dein Paul? Was ist denn mit ihm?«

»Der Doktor sagt, es wäre eine Lungenentzündung.«

»Herrgott,« entfuhr es dem Hohlöfner, »immer was Neues, aber nix Gescheites. — Halt den Kopf hoch, Ender. Das kommt auch wieder anders.«

»Bei mir nit.« Der geschlagene Mann trottete weiter.

Die Freude, unter der er aus seinem Hause gegangen, war dem Hohlofenbauern verhagelt. Er kam in seinen Wald, ging von Stamm zu Stamm, schaute prüfend von unten bis in die Wipfel und beschloß, von seinem Vorhaben abzustehn. Sosehr er sich darauf gefreut, dem Ziele wieder ein Stück näherkommen zu können, die Sorge um sich und seine Leute trat vor dem nachbarlichen Mitleid zurück. Wenn mich der Ender angeht, helf ich ihm, beschloß er. Ihm selber Hilfe anzubieten, das ging zu weit, und Heinrich Korn empfand nicht, daß er mit seinem Gutmeinen eigentlich auf halbem Wege stehenblieb. Er kehrte heim, und der erste Schnee sickerte.

Die Tage gingen. Still und kahl standen die Bäume in den Gärten und an den Straßen, und in den Astwinkeln ballte sich der Schnee. Das ganze Land lag da in weißer Reinheit. Hungrige Krähen schweiften über die Fluren, aber sie wagten sich noch nicht in die Höfe. Anders die Goldammern und Haubenlerchen. Wenn der Bauer den Tauben das Futter streute, waren sie da, und wenn die Bäuerin die Hühner fütterte, holten sie sich ihr Teil. Man freute sich ihrer, und man freute sich der Meisen, die in den Gärten die Zweige absuchten.

Winter ist stille, aber nicht tote Zeit auf dem Dorfe. Der Hohlöfner schritt jetzt gern, die Flinte in der Hand, über die Felder, Hasen zu schießen, saß dann und wann an den Abenden mit den Nachbarn zusammen und hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. Er plauderte auch zuweilen von seinem Sohne, der jetzt in der Gießerei war. Das war durchaus in der Ordnung. Den Zufall wußte der Bauer als planmäßige Entwicklung zu deuten. Es hätte gar nicht anders kommen dürfen.

Auf dem Hohlofenhofe fand sich jetzt öfters ein Gast ein, den die Bäuerin jedesmal gern willkommen hieß. Sie hatte den jungen Lehrer eines Tages einfach auf der Dorfstraße angeredet und ihn gefragt, was er denn an den langen Winterabenden mache.

»Ich lese,« war die Antwort gewesen.

Darüber hatte sich Minna Korn entrüstet. »Immerzu lesen? Das verdirbt die Augen und tut Ihnen auch sonst nit gut. Sie müssen mehr unter die Leute gehn.«

»Wohin soll ich denn gehen? In das Wirtshaus?«

»Dann und wann ist's nit verkehrt, aber warum wollen Sie nit auch zu uns kommen? Da ist weiter niemand als mein Mann und ich und das Mariele, aber die kommt nit immer.«

»Wenn ich kommen darf, dann tue ich's gern.«

»So müssen Sie nit sagen. Kommen dürfen! Mein Mann weiß so manchmal nit, was er machen soll.«

Da saß denn der junge Mensch am Tische des Hohlöfners. Heinrich Korn saß ihm gegenüber, die Bäuerin und das Mariele spannen, und die Räder schnurrten lustig.

Die Männer führten keine tiefgründigen Gespräche, aber der Bauer ließ, wenn er merkte, daß der junge Lehrer zu husten begann, gern die Pfeife ausgehn und entbehrte nichts dabei. Sie plauderten von der Stadt, aus der der Lehrer kam und in der Rudolf war, und es mochte wohl die tiefe, lange Stille sein, die den jungen Menschen erwartete, daß er die feinen Untertöne des Lebens deutlicher vernahm und sein Urteil weiser und ruhiger war, als es die Jahre rechtfertigten.

Schon nach wenigen Abenden hatten sie den Weg gefunden, auf dem gemeinsam zu gehen ihnen Herzensbedürfnis war. Zwischen ihnen lag ein Brief, den Rudolf geschrieben. Er hatte von dem Ernst und der Vielgestaltigkeit der Arbeit berichtet und dankbar Grete Frieders genannt, die ihn dahin und dorthin wies, zu hören und zu sehen.

»Wenn er wiederkommt,« sagte der Hohlöfner stolz, »wird er das Dorf schon durcheinanderrütteln.«

»Hoffentlich versucht er das nicht,« entgegnete Lehrer Siebert.

»Warum nit? Dazu ist er fortgegangen, und wir haben vielzuviel faule Köpfe. Denen tut es not, daß sie munter gemacht werden.«

»Wenn er wiederkommt,« sagte der Lehrer leise, »gehe ich.«

»Dummes Zeug,« wehrte der Bauer. »Das ist keine Art, mit fünfundzwanzig Jahren vom Sterben zu reden.«

Siebert lächelte. »Also reden wir nicht mehr davon. — Aber mit Ihrem Sohne würde ich gern einmal sprechen.«

»Dazu ist bald Gelegenheit. Er kommt zu Weihnachten, aber Sie dürfen ihn mir nit kopfscheu machen.«

»Das werde ich nicht tun, und wenn ich ihn recht beurteile, wird er, was ich ihm sagen möchte, selber wissen.«

»Was wollen Sie ihm sagen?«

»Daß er vorsichtig sein soll, hier wie dort. In der Stadt schlagen sie ihm die Knochen entzwei und — — —« Der Hohlöfner lachte. »Dazu gehören zwei, einer, der schlägt, und einer, der sich schlagen läßt. Und Rudolf müßte nit mein Junge sein, wenn er nit auf eine Backpfeife zwei setzte.«

Lehrer Siebert lächelte. »Wie denken Sie sich eigentlich die Art, in der er in der Stadt Einfluß auf die Leute gewinnt?«

»Wie ich mir das denke? Er soll auf den Tisch hauen und ihnen sagen, wieviel hundertmal ein Schwein gefüttert werden muß, ehe es drei Zentner wiegt.«

»Gut. Und?«

»Und wie unser Tag fünfzehn und achtzehn Arbeitsstunden hat.«

»Hm. Dabei muß er schon vorsichtig sein.«

»Und wie eins auf das andre angewiesen ist.«

»Das ist wieder richtig.«

»Und daß sie sich nit verhetzen lassen sollen.«

»Dann schlagen sie ihm die Knochen entzwei. — Herr Korn, so, wie Sie sich das denken, täte Rudolf weder sich noch der Stadt noch dem Dorfe einen Dienst. Ein Saal voller Menschen ist nicht die Stätte der Vernunft. Wollte er in der Stadt mit seiner Weisheit an das Rednerpult treten und über die Köpfe das Gegenteil dessen donnern, was die Leute hören wollen und was als Zündstoff unter ihnen liegt, dann würden ihn hundert Fäuste zugleich hinauswerfen. Und wollte er es auf dem Dorfe tun, dann würde ihn niemand mehr für einen Bauer ästimieren. So geht das nicht. Ein kluges, mäßiges Wort ist angebracht und läßt die Leute aufhorchen. Die Gebärde des Reformators aber ist überall am falschen Platze. Ich sehe nicht mehr als Ergebnis der Lehrzeit Ihres Sohnes, als daß der einzelne wieder den einzelnen gewinnt. Von dem einzelnen aus muß die Sache langsam wachsen. Tropfen geben den fruchtbaren Regen. Wenn es regnet, als wenn Mulden ausgeschüttet würden, dringt nichts in die Erde. Wir kriegen nur Hochwasser. Wenn es aber leise und langsam sickert und rauscht, dringt jeder Tropfen ein, die Felder trinken sich satt, die Halme und die Ähren wachsen, und kein Bach wird zum Unhold. So muß die Arbeit hüben und drüben getan werden, und es ist schon viel gewonnen, wenn der gute Wille da ist, einander zu verstehen und gerecht zu werden. — Das wollte ich Ihrem Sohne sagen, aber es wird nicht nötig sein. Er hat seine kluge Freundin in der Stadt, und er wird selber genug gesehen und gehört haben.«

Der Hohlofenbauer sah den jungen Mann nachdenklich an. »Hm, das ist freilich anders, als ich mir das gedacht hatte.«

»Bei dir soll es im Sturmschritt gehen, Vater,« sagte die Bäuerin vom Spinnrade her.

»Wenn auch das nit grade, aber das andere ist gar zu langsam.«

»Dafür gründlich,« entgegnete der Lehrer.

»Dunnerlichting,« der Hohlöfner schnaufte, »darüber sterben wir ab.«

»Und die nach uns auch noch, und noch eine Reihe von Geschlechtern,« kam es eindringlich aus Lehrer Sieberts Munde.

»Dann hätte Rudolf überhaupt nit in die Stadt zu gehen brauchen.«

Der Bauer war so befangen in den ernsten Erwägungen, daß er abermals die Ursache vergaß und Dichtung ihm zur Wahrheit ward.

Die Bäuerin lächelte und nickte ihrem Manne vielsagend zu.

Lehrer Siebert aber beruhigte den Bauern. »Herr Korn, der Gewinn wird größer sein, als Sie meinen. Ich wollte nur, das Beispiel bliebe nicht ohne Nachahmung, und zwar von beiden Seiten her. — Nun will ich heimgehen. Morgen bringe ich die Dorfchronik mit, ein andermal wollen wir von dem Werden des Bauernstandes reden, und dann kommt der Arbeiter dran.«

»Herr Lehrer,« rief der Hohlofenbauer, »können da nit auch ein paar andere Männer dazu kommen?«

»Ich kann den Rauch nicht gut vertragen,« wehrte Siebert verlegen ab.

»Es wird auch nit geraucht. Dafür will ich sorgen.«

So saßen denn an den kommenden Abenden fünf, sechs Männer um den Tisch des Hohlofenhofes, hörten, tauschten ihre Meinungen aus und waren wie Ackerfelder, in die hinein eine treue Hand Samen wirft.

Lehrer Siebert konnte meist nicht lange sprechen. Die Männer hielten beide Hände über ihn, und wenn sie heimgingen, knurrten sie: »Es ist ein Jammer. Gerade wo wir ihn so gut brauchen könnten, da muß er ein Sterbling sein.« —

Immer tiefer sank das Land in Winterruhe und Winterschnee. Es kamen lichte Sonntage, an denen der Schnee glitzerte und leuchtete, und es kamen Nebeltage, an denen die behäbigen Häuser dastanden wie Großmütter, unter deren dicker Pelzhaube hervor ein gutes Gesicht lächelt. Weihnachten schritt langsam über den Berg daher. Es nahte in Filzschuhen, aber sie hörten doch alle seinen Schritt, die Alten und die Jungen.

In gespannter Erwartung zählte der Hohlofenbauer die Tage. Je öfter die Männer untereinander zusammenkamen, desto lauter fragte der Mann in sich hinein: »Wie wird dein Sohn wiederkehren?«

Der Heilige Abend war da. Es schneite in großen Flocken. Langsam gingen des Tages Stunden, und Minna Korn beobachtete lächelnd, wie unruhig ihr Mann durch das Haus ging.

Gegen drei fuhr er in das Städtchen. Es war viel zu früh, der Zug traf erst um fünf ein, aber es litt den Bauern nicht mehr daheim. So sagte er, er habe noch etliches zu besorgen, und fuhr los.

Unterwegs knurrte er ein Dunnerlichting nach dem andern. Daß er die Dummheit im Wirtshaus gemacht, daß er den Sohn in die Stadt gelassen, daß er ihn jetzt selber vom Bahnhof abholte! Dunnerlichting! Er hatte vor lauter innerer Unrast nicht Auge und Ohr für des Winters wundervolle Heimlichkeiten, nicht dafür, daß Weihnachten auf jedem Ackerrain hockte, und selbst jede armselige Meise ein: Stille Nacht, heilige Nacht, — sang.

Es hörte auf zu schneien. Langsam trotteten die Pferde durch den weichen Schnee, die Schellen klingelten, der Schlitten knarrte, und, als ob eine frohe Mutterhand das verhüllende Tuch vom Gabentisch gezogen hätte, lag das Land da in seiner weihnachtlichen Weiße und seiner frommen Ruhe.

Heinrich Korn stellte die Gäule für eine Stunde in den Wirtshausstall, schlenderte durch das Städtchen, fuhr einem ärmlich gekleideten Krauskopf, der sich das Näschen am Schaufenster platt drückte, über die Haare und sagte: »Junge, nun kommt das Christkind.«

»Nee,« antwortete der Kleine, »wir wohnen ganz hinten am Bach in der Ecke drin. Da, hat der Vater gesagt, findet's nicht hin, und — da will ich drauf warten.«

»Das ist verkehrt, Junge. Sehn läßt sich das Christkind nit.«

»Och! Auch nicht da am Markte?«

»Nein. Überhaupt nit.« Er nahm den Jungen an der Hand. »Aber was das Christkind gebracht hat, kann man sehen.«

»Vater sagt, bis zu uns langt das Zeug nicht. Da wollte ich — — —«

»Ihm unterwegs was abnehmen? Ist nit schlecht gedacht.«

Kling, machte die Ladentür. Wer hätte im Städtchen den Hohlofenbauern nicht kennen sollen? Der Kaufmann kam ihm mit ausgestreckter Hand entgegen, Korn blinzelte ihm zu.

»Wohin gehört der Kleine?«

»Das ist ja Albin Schmidt vom Graben.«

»So.« Der Bauer langte nach einer Kleinigkeit und gab die dem Jungen. »Da. Nun lauf heim. Vielleicht langt's bei dem Christkind heute abend doch noch bis zu euch.«

Und der Hohlofenbauer, der oft genug am Weihnachtstage in der Stadt gewesen war, oft genug arme Kinder gesehen und nie den Menschenfreund in sich entdeckt hatte, spielte den Weihnachtsmann. Er griff nicht allzu tief in die Tasche, aber er griff hinein, und als er draußen war, sahen sich der Kaufmann und seine Frau verwundert an. Was war mit dem Hohlofenbauern?

Ja, was war mit ihm? Er stand auf dem Bahnsteige, und — hatte Herzklopfen, bis der Zug herankeuchte. Da ward er ruhiger und machte ein zorniges Gesicht.

Rudolf sah ihn schon von weitem. Freundlich ernst ging er auf ihn zu.

»'n Abend, Vater. Du bist selber gekommen?«

»Nit. Ich hatte noch beim Lorenz was zu bezahlen. Es hat gerade so gepaßt.«

»Ihr habt viel Schnee.«

»Es langt.«

Die Pferde standen an dem Bahnhofsgebäude. Rudolf ging darauf zu, stellte seine Handtasche unter den Sitz, streichelte die Tiere, langte nach den Zügeln und stieg ein.

»Komm, Vater.«

Da kletterte der Vater hinter ihm drein. Rudolf zuckte an den Zügeln, die Pferde zogen an. Solange sie durch die Stadt fuhren, ließ Rudolf die Gäule rascher laufen. Den Berg hinan liefen die Tiere von selber langsamer, aber auch auf der Höhe hielt er sie zurück, wenn sie traben wollten.

»Da hätte ich ja die alten Kühe vorspannen können,« sagte der Bauer knurrend.

»Wäre mir auch recht gewesen, Vater.«

»Hm. Scheinst an der Stadt nit viel Schönes zu finden.«

»Viel zu viel. So viel, daß man gar nit alles mitnehmen kann, aber — — — Da hat ja der Günther den alten Birnbaum weggemacht!«

»Die Holzbirnen waren nix wert.«

»Aber der Baum! Nach dem haben wir uns schon als Kinder gerichtet, wenn wir in die Pfarrstunde gingen. — Sackerlot, der Handmann hat ordentlich Mist aufgepflastert. — Wie sind denn die Karpfen in dem Jahr gewachsen?«

Hundert kurze, knappe Fragen, nicht ein Hauch von Zärtlichkeit und nicht ein Wort von der Stadt.

Heinrich Korn aber ließ die Augen auf Rudolfs Gesicht ruhn. Er war anders. Das Träumerische mindestens war weg. Nun kam es nur darauf an, ob die Veränderung ein Fortschritt war.

Die Mutter nahm den Sohn in die Arme. »Daß du wieder da bist!«

»Ja, Mutter, auf zwei Tage.« Rudolf führte sie an der Hand in die Stube. Ein Jagdhund kam ihm entgegengesprungen, er streichelte ihn. Im Vorbeigehn reichte er dem Knechte und den Mägden die Hand mit einem munteren Worte, zog in der Stube die Jacke aus, fuhr in die Filzschuhe und setzte sich hinter den Tisch.

»Gesund seid ihr, ich bin's auch. Das ist die Hauptsache. Grete Frieders läßt euch schön grüßen.«

»Rudolf,« die Mutter wies auf seine Hand, auf der eine Wunde am Verheilen war, »was hast du denn da gemacht?«

»Ach, das ist nit viel. Faules Fleisch, das übrig war.«

»Hast nit viel Fleisch auf dem Leibe.«

Der Sohn lachte. Es war ein starkes, frisches Lachen.

»Für mich langt's.« Er dehnte die Arme, stand mit kurzem Rucke auf. »Vater, ich will einmal auf den Getreideboden geh'n. Brauchst keine Angst zu haben, ich nehme die Stallaterne.«

»Ich gehe mit.«

»Laß mich allein gehn. Ich — habe doch alles gesät.«

Er stieg die Treppe hinauf, ging von Haufen zu Haufen, nahm von jedem eine Handvoll und prüfte die Körner. Schon hatte er sich gewandt, zurückzukehren. Da nahm ihm einer die Laterne aus der Hand. Es war einer, den niemand sah, auch der alte Hohlöfner nicht, der beobachtend auf der Bodentreppe stand. Ruckweise ging Rudolf Korn in die Knie, beugte sich langsam vornüber und legte sich still mitten in den Weizen hinein, lag einen Augenblick, ward rot im Gesicht, schämte sich vor sich selber, stand auf, nahm die Wurfschaufel und ebnete den Haufen wieder. Als er herabstieg, schnappte hinter dem alten Hohlofenbauer leise die Kammertür ins Schloß, und als sich Vater und Sohn hernach beim Abendbrot gegenübersaßen, waren des Bauern Augen so hell wie Christbaumkerzen, seine Stimme war so voll wie eine Glocke und sein Atem so frei wie Frühlingswind. Der Herrenmantel war ihm von den Schultern geglitten, der Vater zum Freunde des Sohnes geworden.

»Nun erzähle was von der Stadt, Rudolf,« drängte er. »Man ist doch neugierig.«

»Was soll ich erzählen, Vater? Ich weiß nit, wo ich anfangen und wie ich's sagen soll.«

»Dann scheint nit viel herauszuspringen,« wußte der Vater.

»Oder so viel, daß man's eben nit sagen kann.«

Der Hohlofenbauer berichtete nun seinerseits von den Abenden mit dem jungen Lehrer. Rudolf hörte bedächtig zu. Er warf aber kaum ein Wort ein. Da kam der Bauer allmählich ins Stocken. Rudolf sah ihn an. »Das ist gut und schön, Vater, daß ihr euch das anhört, und wenn ich wieder daheim bin, werde ich auch manches erzählen können, aber —,« er schüttelte den Kopf, »nein, es ist nit zu sagen.« Seine Augen gingen in die Ferne. »Gestern abend hat's auch bei uns geschneit. Ich mag das gern und bin allein aus der Stadt hinausgegangen. Da habe ich halt eine halbe Stunde gestanden, und dann bin ich wieder heimgegangen.«

»Und?« Der Vater neigte sich ihm entgegen.

»Ich habe gedacht: Jetzt stehe ich gerade da, wo Richard Frieders erschlagen ward. Da arbeitet jetzt ein anderer. Und vielleicht fällt gerade wieder ein Stein. Und fällt er nit heute, so fällt er ein andermal. Und fällt er nit da, so fällt er woanders, heute oder morgen oder übers Jahr. Deswegen aber arbeiten in der Grube doch zwölfhundert Menschen. Bei uns arbeiten sechshundert. Alles arbeitet, arbeitet, und wenn der Mensch nit arbeitet, hat ihn etwas anderes beim Wickel. Er kommt nit mehr zu sich selber. Und weil er nit bei sich selber ist, weiß er nix mit sich anzufangen. So will er gar nit mehr bei sich sein, hört sich nit mehr und sieht sich nit mehr. — Aber manchmal wacht er auf, und da ist das Elend da, und er will heraus. Es ist nit wahr, daß sie den Hals nit voll kriegen können. Die ihn nit voll kriegen, werden überhaupt nit satt, und wenn ihnen heute einer die Hände voll Geld stopft, sind sie morgen leer. Mit denen ist nix mehr anzufangen. Die andern aber wollen nit Geld, sie wollen sich selber und können doch nit zu sich finden. Es ist zu viel Lärm in der Stadt, der nit nötig wäre. Aber der Lärm muß sein, daß man das Schreien nit hört.«

»Jesus, Rudolf,« rief die Mutter erschrocken.

Der Sohn lächelte sie freundlich an. »Ist nit so gefährlich, wie es aussieht, Mutter. Den meisten ist es recht so. Und es fehlt ihnen nix, und sie möchten es nit anders haben. Aber ich seh halt immer unsere Felder und Wiesen vor mir und denke: Was würde der Mensch, der jetzt auf Gott und die Welt schimpft, sagen, wenn er statt der Kammer im Hinterhaus nur ein Häusel wie das Berteles-Häusel hätte? — Und hätte er das nit, wenn er wenigstens eine Stube hätte, in der er daheim wäre. Es sind zu viele, die nit mehr daheim sind. Vater, es kommt alles darauf an, ob einer noch was will, und ob er weiß, wo er aufhören muß mit dem Wollen. Nit anfangen, nein, aufhören. — Als ich allein auf dem Felde stand, da habe ich die Stadt lauter gehört als auf der Hauptstraße. Ich will nit sagen, daß ich Erbarmen mit ihr gehabt hätte. Sie braucht kein Erbarmen. Achtung habe ich vor ihr gehabt und habe denken müssen: Laßt die heraus, die heraus wollen, und denen, die hinein wollen, denen zeigt zuerst die Hinterhäuser und die Krankensäle, die Grube und die Eisengießerei. Wenn sie das vertragen können, dann können sie auch die Schaufenster vertragen.« Rudolf Korn holte tief Atem. »Das habe ich alles gar nit sagen wollen, ist auch noch lange nit das richtige, aber ihr wolltet halt mein Gesicht sehen. Da habt ihr es.«

Er schwieg, sah vor sich hin, und der Vater vermochte die Augen nicht zu lösen von der hageren Hand mit der verheilenden Wunde.

Als er die Augen hob und sie in die des Sohnes senkte, lachte der ihn an. »Vater, so eine Ernte weiß ich nit, so alt wie ich bin. Es ist ein Staat.« Wieder reckte er die Arme. »Wenn ich erst wieder hinter dem Pfluge gehe!« Und tief ernst: »Vater, und wenn ich hundertmal mit euch und dem Lehrer zusammengesessen und hundert Bücher gelesen hätte, es wäre nix, gar nix gegen vier Wochen vor dem Schmelzofen. Wie ich jetzt auf die Erde horchen werde!« Er langte über den Tisch und nahm des Vaters Hand. »Vater, du hättest gar nix Gescheiteres machen können als — — —«

»Die Dummheit,« setzte der Hohlöfner rasch hinzu. Es schwang in der Tiefe ein ganz feiner, wehmütiger Ton, aber wie voller Orgelklang brach ihm die Freude aus den Augen, als Bauernhand die Bauernhand drückte.

Rudolf stand auf. »Ich will zum Mariele.«

Die Mutter stellte sich ihm in den Weg. »Nix da! Du bleibst daheim. Das Mariele kommt und bringt die Mutter mit. Du mußt nit denken, daß der Vater Verstecken gespielt hätte. Was, Vater? Rudolf weiß ja gar nit, daß du schon lange wieder zupfst.«

»So,« sagte Rudolf lachend, »dann ist's ja in Ordnung.«

Der Vater aber war ein wenig verlegen. »Noch nit ganz, Rudolf, aber das ist wahr, Verstecken spiele ich nit, und mit dem anderen werden wir auch fertig werden.«

Kurz hernach saßen sie auf dem Hohlofenhofe unter dem brennenden Baum. Mutter Berteles und das Mariele waren da, die Hohlöfnerin hatte auch den jungen Lehrer gebeten, und Rudolf begegnete ihm mit schöner Herzlichkeit.

Schweigend aber lehnte der Hohlofenbauer in der Sofaecke, bis wohin das Kerzenlicht nicht reichte. Er beobachtete seinen Sohn und das Mariele, und die erfühlte Verantwortung machte ihn still; er beobachtete den blassen, hageren, jungen Lehrer, und die Wehmut feuchtete ihm die Augen. Keinem schien es aufzufallen, daß der allzeit muntere Mann schweigend in der Ecke saß.

Da trat Rudolf heran und setzte sich neben ihn. Die Gespräche unter dem Baume waren in ein Lied hinübergemündet, da sagte der Sohn, nur dem Vater vernehmlich: »Vater, bleib ja der alte Hohlöfner! Es wäre ein Jammer, wenn du anders würdest!«

Das war, einem raschen Herzensgebot folgend, gesagt, aber es war doch unerhört. Rudolf hätte es früher nie über die Lippen gebracht, der Vater es nicht vertragen.

Es rumorte in dem Bauern, aber es war nicht ein Fünklein Zorn dabei, Verlegenheit, Fremdheit und doch eine befreiende Freude.

Das Lied unter dem Baume war zu Ende, da kam es aus der Sofaecke her: »Ihr singt doch heute abend auf dem Turme mit?«

»Freilich,« entgegnete Rudolf und sah nach der Uhr. »Wo kommen sie denn heute abend zusammen, Mariele?«

»Bei Widuwilds Albert.«

»Dann gehen wir in einer Stunde hin.«

Korns Mutter brachte derweile Punsch und Kuchen, die Lichter am Baume wurden gelöscht, und nur der Hohlöfner sah, mit welch tiefer innerer Bewegung Lehrer Siebert eine Flamme langsam zwischen den Fingern zerdrückte.

Es war kurz vor zwölf, da gingen Rudolf und das Mariele zu Widuwilds, um nachher mit den übrigen Burschen und Mädeln auf den Turm zu steigen und von da herab die alten Weihnachtslieder zu singen.

Heinrich Korn saß neben dem jungen Lehrer und fragte ihn: »Was meinen Sie, hat er etwas gelernt?«

»Ja,« antwortete der hell, »ich habe zwar noch kein Wort über die Stadt mit ihm gesprochen, aber ich sehe, daß er ein Bauer geblieben ist. Der wird nicht mit ungeschickten Händen zwischen das fahren wollen, was hier in Jahrhunderten natürlich geworden ist.«

Dazu nickte der Hohlöfner.

Die kleine Glocke hub an zu läuten. Der Bauer stand auf. »Mutter, das muß ich draußen hören.«

»Aber zieh dir wenigstens eine Jacke über, Vater. Es ist kalt.«

Korn lachte über das ganze Gesicht. »Wo denn, Mutter? Da drin ist's nit bloß warm, da ist's heiß.«

Dabei schlug er auf seine Brust.

Mitten auf der Dorfstraße stand der Hohlöfner. Da trippelte eines heran und stellte sich neben ihn. Es war die alte, unverheiratet gebliebene Leonore Seidel, einst die kunstfertige Dorfschneiderin, heute die gern gesehene Flickfrau. Sie reichte dem Hohlöfner nicht einmal bis an die Schultern. Allezeit zierlich und feingliedrig, war sie, nun sie im fünfundsiebzigsten Lebensjahre stand, vollends zu einem schmalen Schatten geworden.

Ihre zitternde, kleine Hand wie ein Kind in die breite, gesunde des Hohlöfners drängend, sagte sie mit feiner, schwingender Stimme: »Und ich kann nit mit auf den Turm! Es geht nit mehr.«

Leonore Seidel war einst weit und breit um ihrer schönen Stimme willen bekannt gewesen. Die war wohl noch fein und herzlich geblieben, aber sie war gegenüber den Stimmen der starken Jugend wie ein sturmverwehtes silbernes Glöcklein. Dabei war Leonore noch immer der Meinung, sie allein halte den Chor auf dem Turm. Und auch der härteste Bursche wagte nicht, den schönen Wahn der Alten zu zerstören. Noch letzte Weihnachten war sie die Treppe zum Turm auf allen Vieren hinaufgekrochen, hatte auf einmal mitten in der singenden Schar gestanden und mitgesungen. Dann, als das Lied zu Ende, hatte sie erklärt: »Ihr kommt nit nauf ohne mich.« Keiner hatte gelacht. Die Dorfjugend, die sonst wahrhaftig nicht von Feinfühligkeit belastet ist, hatte das natürliche Taktgefühl, die Alte in die Mitte zu nehmen, damit sie der Winterwind nicht schädige, und ihr wohlzutun mit einem: »Komm, Norle, jetzt wird's gleich besser gehen.«

Nun stand das Norle neben dem breiten Hohlöfner, zitterte vor Erregung am ganzen Leibe und sagte mit zuckenden Lippen: »Ich bin neugierig.«

Da schallte es vom Turme hernieder: »O du fröhliche, o du selige.«

Norles Erregung ward zum Schüttelfrost: »Sie kommen nit nauf, sie kommen nit nauf!«

Der Hohlöfner lachte. »Es geht nit ohne dich, Norle. Du mußt mit auf den Turm.«

Und weinerlich klang es neben ihm: »Ich kann doch nit.«

»Versuchen wir's halt zu zweien, wenn's allein nit geht,« sprach der Hohlöfner, nahm das alte Weiblein, ho hopp, auf den Arm und trug es der Kirche zu.

Sie war federleicht, aber sie wehrte ab: »Nit, Hohlöfner, nit. Ich bin zu schwer.«

»Hast schon dein Gewicht,« bestätigte der Mann lachend, »aber ich schaff's doch.«

Schämig den Kopf an seiner Schulter bergend und sich dabei doch unendlich geborgen fühlend, sprach das alte Jüngferlein im Hinansteigen: »Aber an der letzten Stufe stellst du mich nieder. Wenn das die Leute sähen, tät ich mich ja zu Tode schämen.«

»Freilich, freilich.«

Der Bauer stand an der Türluke, die jungen Leute sangen eben: »Stille Nacht, heilige Nacht,« da fiel hinter ihnen ein liebes, zartes Stimmchen ein, Burschen und Mädel sahen einander lächelnd an; der Kreis öffnete sich, windgeschützt stand das Norle in der Runde und sagte, als das Lied zu Ende war, selbstbewußt und vorwurfsvoll: »Ihr kommt ja nit nauf.« Dabei strahlte ihr ganzes Gesicht vor Freude. Sie sang das sechzigste Mal in der Weihnachtsnacht vom Turm der Dorfkirche.

Rudolf und das Mariele aber leiteten sie, als Geläut und Gesang vorüber waren, die Treppe hinab. Zum Danke nahm Norle unter der Kirchentür des Marieles Hand. »Ich habe heute auf deine Stimme aufgepaßt, Mariele. Du hast den richtigen Ton. Wenn ich einmal nit mehr bin, dann mußt du mein Amt übernehmen. Die anderen kommen ja nit nauf, und wem's der Herrgott gegeben hat, der muß das auch anwenden. Magst du auch so lange mitsingen wie ich.«

Sie trippelte davon. Auf der Dorfstraße aber stand noch immer, breitbeinig und fest, der alte Hohlöfner. Norle ging auf ihn zu. »Hab schönen Dank, Hohlöfner, aber, gelt, du sagst keinem Menschen nix. Ich — tät mich schämen. Hast du mich auch herausgehört?«

»Aber freilich Norle, gleich wie du anfingst zu singen, habe ich gedacht: Jetzt wird's richtig. Vorher hat mir was gefehlt.«

»Gelt,« zwitscherte es jubelnd neben ihm, »aber — still sein, nix sagen.«

»Keinem Menschen, Norle. Gute Nacht.«

Strahlenden Gesichts kehrte Heinrich Korn auf seinen Hof zurück.

Am andern Tage führte er den Sohn durch die ganze Wirtschaft, als müsse er ihm in Stall, Scheune, Keller und Gewölbe zeigen, daß er gut hausgehalten. Der Worte, die fielen, waren nur wenige, aber es gingen starke, frohe Brücken von Herz zu Herz.

Und auf denen begegneten sich die zwei auch, als sie sich hernach am Tische gegenübersaßen. Da erzählte Rudolf von seiner Arbeit. Nur von ihr ohne alle Erwägungen über Stadt und Land. Und er erzählte von dem alten Herrn, der als Schlossergeselle in die Stadt gekommen war und heute zu den ersten Industriellen gehörte. Mit ihm verband den Sohn des Hohlöfners mehr als nur die Arbeit. Der kluge Mann, der die harten Notwendigkeiten des Lebens durchaus bejahte, hatte sich über Enttäuschungen und rosige Hoffnungen längst hinausgekämpft. Ihn konnte nichts mehr enttäuschen, höchstens daß ihn Dankbarkeit noch überraschte. Er sprach dann und wann ein Wort mit Rudolf, aber er war vorsichtig, weil er wußte, daß er seinem Arbeiter durch persönliche wärmere Teilnahme eher Ungelegenheit als Gewinn gebracht hätte. Einmal hatte er gesagt: »Wenn Sie sich daran genügen lassen, zu lernen und ganz langsam von unten her zu bauen, sich nicht auf den Weltverbesserer hinausspielen, dann sind Sie auf dem richtigen Wege, und wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich in dieselbe Kerbe schlagen. Auf dem Wege ist wirklich etwas anzufangen, und zwar einzig auf dem Wege. Einander bei der Arbeit kennenlernen, im übrigen das Maul halten. Wenn es Reden und Bücher schafften, gäbe es schon lange keine Gegensätze mehr zwischen Stadt und Land.«

»Rudolf,« sagte der Vater ernst, »so redet auch Lehrer Siebert, aber damit ist halt auch noch nix getan. Wenn etwas herauskommen soll, dann muß man sich klarwerden über das, was zu tun ist, und darüber wollen wir uns nix vormachen: Die Stadt nimmt uns die Leute weg, vollends gar diejenigen, die wir zur Arbeit im Stalle brauchen. Ich bin dir gut dafür, daß, wenn ich einen Inspektor suche, sich hundert melden. Wenn ich aber eine Saumagd brauche, da kann ich den Hof verinserieren und kriege keine.«

Rudolf lächelte. »Ganz so schlimm ist's nit, Vater, aber etwas Wahres ist schon an dem, was du sagst. — Grete Frieders hat früher einem Verein junger Leute angehört, in dem es ganz vernünftig zugeht. Ich bin auch schon dreimal dort gewesen, und einmal sagte einer, es käme eine Zeit, in der die Leute ebenso aus der Stadt hinausziehen würden, wie sie jetzt hineindrängen. Vielleicht hat er recht. Ich glaub's nit, aber ich kann da halt noch nit viel mitreden. Was ich mir denken könnte, wäre, daß es unter den Bauern gang und gäbe würde, ein Jahr lang in die Stadt zu gehen. Nit mit vollem Geldbeutel, sondern als Arbeiter. Das dürfen aber nur Kerle sein, die ganz feste Bauern sind. Nit zu jung, sondern über die Zeit hinaus, in der sie den Schürzen nachlaufen. Und in der Stadt sollten vernünftige Herren solche Arbeiter, die das Herz auf dem richtigen Fleck haben und nit kommen, um den Bauern aus seinem Boden zu reißen, ein Jahr lang auf das Land gehen lassen, auch als Arbeiter. Es können von beiden Seiten her nur taktfeste Leute in Frage kommen, und selbst dann wird's nit immer ganz glatt gehn. Das wäre, was ich weiß. Im übrigen soll man das Land nit zur Stadt und die Stadt nit zum Lande machen wollen. Wir haben gewonnen, wenn sie hüben und drüben begreifen, daß es nit gegeneinander, sondern nur miteinander geht. Heute redet jeder wie der Blinde von der Farbe.«

Der alte Hohlöfner wiegte den Kopf hin und her. »Rudolf, ich weiß nit, ich weiß nit! Wäre es nit besser, es ginge jeder seinen Weg?«

»Das sollen sie, Vater, aber es soll eins den andern neben sich gehen lassen und nit tun, der eine, als wäre der Bauer ein Mistfink, und der andere, als gäbe es in der Stadt bloß Faulenzer. — Laß, Vater, wir wollen aufhören. Brauchst keine Angst zu haben, daß, wenn ich wiederkomme, ich den Hof nit festhalte. Ich will ihn fester halten als früher.«

Am Nachmittag nötigte der alte Hohlöfner seinen Sohn, mit ihm in das Wirtshaus zu gehn. Sie saßen in behaglicher Runde, die Schönbacher Männer, und drückten Rudolf herzlich die Hand.

Widuwilds Vater sah ihn von unten her an: »Bist du noch nit fertig mit der Schule?«

»Noch lange nit. Ich halte mein Jahr aus.«

»Du bist ja wohl ganz und gar nit gescheit. Ich mache schon drei Kreuze, wenn ich aus dem Städtle gehe. Eine Stadt hat mir gefallen, und das war Paris.«

»Wirst viel davon gesehen haben,« warf der alte Hohlofenbauer ein. Da erzählte Widuwilds Vater Kraut und Rüben durcheinander, setzte den Kölner Dom nach Paris und baute den Triumphbogen in Berlin auf, berichtete, daß er sich mit seinen Quartierleuten ausgezeichnet verstanden und daß ihm Mademoiselle Claire die Backen gestreichelt habe: Mon cochon, was soviel heiße, wie: Mein lieber Kleiner; denn er sei dazumal ein kleiner Kerl gewesen.

Die Reden gingen hin und her. Heinrich Korn hielt sich still, aber er beobachtete seinen Sohn noch schärfer, als ihn der Schmied beobachtete. Ehe es sich Rudolf versah, war er in das Gespräch hineingerissen. Er war der alte geblieben in seiner Sachlichkeit, aber er war ein Neuer geworden in der Wärme und Lebendigkeit, mit der er seine Sache vertrat. Ohne auch nur im geringsten ein Besserwisser zu sein, war er doch ein beredter Anwalt der entwurzelten Menschen, die so aus sich und dem Leben hinausgeworfen worden waren, daß sie sich selbst ein Nichts bedeuteten. Dabei beschönigte er nicht und machte nicht Gesindel zu harmlosen Kindern.

Mißtrauisch richtete sich manches Auge auf ihn, als er auch das Dorf und seine Leute unter die Lupe nahm. »Was wollen wir denn hören? Daß es uns schlecht geht und daß es besser werden muß. Wer uns sagt, daß wir gute Leute sind, der ist uns recht. Wer aber einmal zwei Köpfe zusammenschlagen will: Vertragt euch! der ist uns schon nit willkommen. Muß das sein, daß Feindschaften zwanzig Jahre dauern, weil dem einen seine Hühner dem andern eine Haferecke abgefressen haben?«

Er legte seine Hände flach auf den Tisch. »Ihr werdet nit sagen können, daß das keine Arbeitshände wären. Eure sind auch nit viel besser, aber wenn sie auch rissig und blutig werden, dann könnt ihr doch sagen, ich habe für mich geschafft.«

Der alte Großindustrielle Schmidt marschierte vor den Schönbacher Bauern auf, klein, grau, bedürfnislos, eisern und doch menschlich, und der Schuß im stillen Zimmer des Bankiers hallte in der Wirtsstube wider.

Rudolf Korn verstummte oft und schlug die Augen nieder. Dann aber ging ihm das Herz doch wieder durch, und der Mund floß über. Und wie ein aus der Tiefe rauschender Quell brach die Heimatliebe heraus. »Leute, wenn ich in die Grube fuhr und es wurde immer finsterer, dann dachte ich an den Anger. Hüben unsere Felder, drüben Nachbar Döring seine, und jeden Tag war die Saat ein Stück weiter. — Das brauche ich euch nit zu sagen, das wißt ihr selber.«

»Erzähl nur weiter,« drängte der Schmied. »Wir wissen's nit.«

Und wieder begann er stockend: »Im Schmelzofen sind soundsoviel hundert Grad Hitze — — —«

Beklommene Atemzüge in der Runde, aus tiefer Brust dann und wann ein: »Man soll den Leuten doch nit Unrecht tun.«

Eine Frage: »Hast du denn denen da drin auch so von uns erzählt?«

»Ja, und nit einmal bloß.«

»Und was haben sie gesagt?«

»Dasselbe, was ihr sagt: Man soll den Leuten doch nit Unrecht tun.«

Längst war der alte Hohlöfner aufgestanden. Keiner hatte es beachtet, daß er ging, keinem fiel es auf, daß er erst nach einer Weile wiederkam. Der Wirt hatte gerade die Lampe angebrannt, da war er hinausgegangen. Ihr Schein vermochte sich kaum noch durch den Tabaksrauch zu quälen, da kehrte er zurück und rieb sich die Hände.

Er hatte den Gesprächen eine Weile zugehört und war immer aufmerksamer geworden. Sein eigen Fleisch und Blut war ihm eine so frohe Offenbarung, daß der Mann sich jubelnd kopfüber in dankbare Fröhlichkeit stürzte. Aber fröhlich sein und nicht einen lustigen Streich machen?

Blitzartig dachte der Hohlöfner an seinen Sparstrumpf. Er lag wohlverwahrt im Bettstroh und wartete darauf, aus seinem Schlafe gerissen zu werden.

Flink wie ein junger Bursche war der Bauer auf seinem Hofe und sprang die Treppe hinauf. Heraus den Strumpf, in die Tasche damit und die Treppe hinab.

Dunnerlichting, drunten stand sein Weib und nahm in ihrer Breite die ganze Treppe ein.

»Nanu, Vater, was soll denn das heißen?«

»Das soll heißen, daß du mir wieder einmal kein Schnupftuch in die Tasche gesteckt hast.«

Er schob sie beiseite. »Mach Platz, der Rudolf erzählt.«

Draußen war er. Minna Korn aber stieg die Treppe hinauf; denn jetzt war sicher wieder die ganze Wäsche durcheinandergewühlt. Aber siehe da, kein Stückchen angerührt. Es herrschte eine Ordnung, die, wenn der Bauer wirklich über den Schrank gekommen, ganz unbegreiflich war. Und dort! Da war doch in dem Bett gewühlt?!

Minna Korn stieg die Treppe hinab und schüttelte den Kopf. Ob der Vater nicht wieder eine Dummheit vorhat? Laß ihn seine Dummheiten machen. So nur ist er wieder der Hohlöfner.

Heinrich Korn schritt im Dunkeln die Straße hinab, und der schwere Strumpf schlug ihm hart gegen das Bein. Es war alles vorbereitet für einen lustigen Streich. Auf dem Strumpfe stand, aus ausgeschnittenen großen Zeitungsbuchstaben zusammengesetzt und aufgeklebt: Fürs Heiratzgut.

Aber wie den Strumpf anbringen? Der Hohlöfner wußte es auch jetzt nicht, aber er wußte, daß er seinem Jungen danken mußte, und vertraute seinem guten Stern.

Es war ein bitterkalter, stiller Winterabend. In den meisten Stuben waren die Fenster dick gefroren, obwohl das Feuer den ganzen Tag nicht ausging. Der und jener kam, dick eingemummelt, die Straße daher, zog die Schultern ein und hastete weiter. Keiner hielt den rasch dahinschreitenden Hohlöfner auf.

Der lief das Dorf hinab, bog hinüber zum Berteles-Häuschen, schwankte einen Augenblick, ob er lieber von dem Streiche abstehn oder ihn ausführen sollte, stand am Hause der Witwe Berteles und dachte: Dunnerlichting, das paßt! Die Fenster sind ja so dick wie die Bretter, da sieht mich niemand.