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Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler

Chapter 31: Sechstes Kapitel. Fiedler und Student.
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About This Book

This collection presents a series of short fairy tales framed by a roaming young narrator, ranging from playful, comic fables to a single, more melancholic tale of longing. The pieces mix pastoral description, music and song, and whimsical incidents with gentle moral reflection; characters include personified virtues, curious youths, and capricious folk encounters. Tone shifts between lighthearted humor and quiet sadness, and the stories vary in form and mood before closing with a brief epilogue that reflects on memory, innocence, and the pleasures of imagination.

Vielgeliebte Undula,
Theuerste discipula!
Zeit ist's, daß ich dich verlass',
Nicht mehr hab' ich ferias.
Doch zum Abschied drückte dir
Auf die linke Ecke hier
Seinen allerschönsten Kuß
Theophilus Sutorius.

Ihr könnt denken, Fedelint, wie sehr ich betrübt war; aber ich verzieh ihm, denn er hatte bei mir ausgelernt und hatte mich den Werth einer höheren wissenschaftlichen Ausbildung so hoch schätzen gelehrt, daß ich es ihm nicht verdenken konnte, wenn er Jemand suchte, der ihm über die neuesten Systeme der Kunst zu küssen Aufschluß geben könnte. Denn wir armen Geschöpfe leben gar zu einsam, um je andere Weisheit zu lernen, als die sich von Mutter zu Tochter fortpflanzt. Ich kehrte also traurig in die Tiefe zurück und lebte ganz im Andenken an den Verlornen; aber von der Zeit an ließ ich mich Undula nennen und trug griechische Kleider. Da erfuhr ich vor einigen Jahren, er habe ein Buch geschrieben, worin er unser ganzes Leben und Treiben klärlich schildert und alle Geheimnisse, die ich ihm anvertraut hatte, bekannt macht. Da verwandelte sich meine Liebe zu ihm in einen glühenden Haß. Zwar hat zum Glück noch kein Mensch an sein Buch geglaubt; es kam ihnen allzu wunderbar vor, wie wahr es auch ist. Aber die Treulosigkeit ist doch dieselbe. – Dabei vergoß Undula einige Thränen, die von den schönen Perlemuttermuscheln aufgefangen wurden, und sich sogleich in Perlen verwandelten.

Ja, fuhr Fedelint auf, das alte Kameel! Und wißt Ihr denn, schöne Weinende, daß er neulich ein Buch geschrieben hat »Ueber die Nixe Undula« und daß Ihr als eine allegorisch-phantastisch-etymologische Mythe aufzufassen seid? – Ach, seufzte Undula, der Schändliche! Und doch schleicht er hier beständig herum in seinem großblumigen Schlafrock mit der langen Pfeife und in Pantoffeln und ruft nach mir. Denn er möchte Funzifudelchen gern haben und das halbe Reich, und das Buch hat er nur geschrieben, um die Andern irre zu führen. Ich bin schon seit Monden nicht heraufgetaucht und habe das Lied nicht gesungen. Aber heut kam mich eine unwiderstehliche Lust an, den Mondschein zu schaun, und da es schon so weit nach Mitternacht war, glaubt' ich, ich hätte von Sutorius nichts mehr zu befürchten. Da habt Ihr mich denn belauscht, und weil Euer Schlafrock ganz eben so aussieht, wie der des Sutorius, hab' ich wahrhaftig geglaubt, den Verhaßten zu sehen, und Euch die Hörnlein angezaubert, um ihn klassisch zu bestrafen. So wißt Ihr nun, wie Alles gekommen ist.


Sechstes Kapitel.
Fiedler und Student.

Nachdem die Nixe ihre Geschichte beendet hatte, folgte eine kleine Stille. Dann sagte Fedelint und betrachtete traurig seine Mütze, die nun nicht mehr passen wollte: Liebes, schönes Fräulein! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Das Lied kenne ich nun wohl, wodurch ich Funzifudelchen gewinne; aber mit dem Kopfputz wird sie mich doch nimmermehr lieb haben. – Närrchen! lachte die Nixe, das ist das Wenigste. Ja freilich habt Ihr ein bischen Mühsal davon, denn Ihr müßt Euch die Hörner ablaufen; aber ich sag' Euch gut dafür, daß Ihr in der nächsten Mitternacht vor dem Glas-Pavillon steht und dabei, wenn Euch der Kopf friert, wie sonst die Mütze aufhaben werdet. Das müßt Ihr aber so anstellen. Seht Ihr wohl? da hinter den Bäumen, wo die lichte Stelle ist, dämmert schon der Morgen; sobald es Tag wird, macht Euch auf und streift durch den Wald und seht dabei fleißig nach Eurer Taschenuhr. Denn alle Stunde müßt Ihr die Hörnlein gegen einen Eichstamm stupfen; dann werden sie kleiner. Abends aber, sobald der Mond herauf ist, wird Euch ein braunes Reh begegnen, das noch kein Geweih hat. Eure Hörnlein sind dann schon ganz kurz, kaum eines Daumens stark. Wenn Ihr das Reh seht und sein Rufen hört, sprecht folgenden Vers:

Rehlein schlank und Rehlein braun,
Von der allerschönsten Fraun,
Undula der Wassernix,
Bring' ich zu dir Gruß und Knix.
Und sie läßt dir freundlich sagen,
Dies Geweihlein sollst du tragen.
Nimm's und hab noch tausend Dank,
Rehlein braun und Rehlein schlank!

Dann fühlt nach Eurem Kopf, und Ihr werdet der Bürde los und ledig sein. Wißt Ihr aber? wenn Ihr mir was Liebes thun wollt, dieweil ich Euch zu Funzifudelchen verholfen habe, so werft dem Professor Sutorius am hellen Tage die Fenster ein. Und nun Adieu!

Sie steckte Fedelint noch die Taschen seines Schlafrocks mit den beaux-restes der Mahlzeit voll, Alles fein säuberlich in große Blätter gewickelt, und nahm dann Abschied. Einige Geschichtschreiber meinen, die Nix habe ihn noch zu guter Letzt im Küssen examinirt, und er habe ganz glänzend bestanden. Wir können das nicht verbürgen; so viel aber steht fest, daß er zu sich selbst sagte, wie er durch den dämmernden Wald dahinschritt: Es ist doch zuweilen gut, wenn man getrennt ist von seiner Braut und die eine verwunschene Prinzessin ist, daß sie nicht alles sehn kann, was man thut.

Im Wald aber wachten alle Vögel auf und fingen an zu zwitschern und nahmen Besuch an von den Sonnenblitzen, die zu ihnen in die Nestchen kamen. Es war Alles übermüthig und vergnügt, und die Zweige der jungen Buchen konnten es nicht lassen, Fedelint zu necken und ihm das Gesicht zu streicheln, daß er manchmal ganz bitterböse wurde. Dann aber lachte er sich selbst aus und ging die verschlungenen Wege weiter, die Taschenuhr in der Hand, und richtig alle Stunden stupfte er die Hörnlein an einen Eichstamm und sagte bei sich: Mach' ich's doch gerade so gut wie die kleinen Zicklein, und mein Geweih ist erst von gestern! Dabei sang er sich beständig das Lied der Nixe Undula vor, um es nicht zu vergessen. Ei der schändliche Sutorius! brummte er auch mitunter. Ich habe es gleich gemerkt, es mußte so was passirt sein; denn wenn er im Colleg über die Nixa maritima sprach, war er ganz ruhig; nur bei der Nixa aquosa, wozu er die Wildbachnixen zählte, verwirrte er sich jedes Mal. Ja, ja, das war das böse Gewissen! – Und dann riß Fedelint immer ganz ärgerlich eine Knospe oder eine Blume ab, und murmelte so was wie: Pfui, der alte Sünder!

Wie es um Mittag war und er Schlag zwölf Uhr seine Hörnlein abgewetzt hatte, und sie waren schon ganz zierlich und klein, kam er an eine kühle schattige Stelle, wo ein kleiner Brunn rieselte, mit Epheu und Immergrün überrankt. Ei, da willst du Halt machen und essen, sagte er zu sich selbst; denn beim Mittag und Vesper durfte er ruhn, hatte ihm Undula gesagt; sonst mußte er fortwährend laufen, um sich die Hörner abzulaufen. Setzte sich also ganz lustig ins hohe grüne Gras, packte seine Taschen aus und fing an drauf los zu essen. Kaum hatte er eine kleine Weile gegessen, da klang's fern durch den Wald, wie eine Geige, und Einer sang dazu. Zum Kuckuk! dachte Fedelint, ich könnte Stein und Bein schwören, daß das mein Bruder ist. Gerade so machte er das staccato und die Doppelgriffe. – Indem fing die Geige eine neue Melodie an, und ein schöner Tenor sang dazu:

Auf freier, frischer Straßen
Da wandr' ich lustig hin.
Mich freut gar aus der Maßen,
Daß ich ein Fiedler bin.
Hol' ich mein' Fiedel vor,
Da spitzt der Wald sein Ohr;
Die Vöglein in den Zweigen
Die zwitschern mit im Chor.
Am Abend in den Schenken,
Wann klingt die Fiedel mein,
Da thut sich Alles schwenken;
Der Wirth der schenkt mir ein.
Gar stattlich ist sein Bauch;
Sonst dreht' er sich wohl auch.
Die Zeche steht im Schornstein;
Da löscht sie aus der Rauch.
Will mich ein Harm beschleichen,
Ich weiß wohl, was ich thu';
Ein Liedlein thu' ich streichen
Und sing' mir eins dazu.
Gleich hat der flinke Takt
Die Beine mir gepackt;
Ich muß dazu auch tanzen,
Und fort ist, was mich zwackt.

Das Lied war kaum zu Ende, so trat der Musikant aus den Bäumen hervor und stand vor Fedelint. Beide sahen sich groß an. Bruder, schrie endlich Fedelint, was hast du für einen hübschen Bart gekriegt! – Bruder, schrie der Andere halb erschrocken, was hast du für abscheuliche Hörnlein! – Ach stoß dich nicht dran! sagte Fedelint wieder, ich hab' sie mir bald abgelaufen. Er schloß den verwunderten Bruder ans Herz, und nachdem sie sich fröhlich geküßt hatten, zog der Student den Fiedler ins Gras nieder, nöthigte ihn mitzuessen und erzählte ihm seine ganze Geschichte. Und wo bist du denn herumgewesen, Franz? schloß er. Da kamen nun bunte, wunderseltsame Historien zum Vorschein. Zu allerletzt war Franz an eines Königs Hof gewesen, hatte sich sterblich in die Prinzessin verliebt und ihr mit seiner Musik auch das Herz gestohlen. Sie waren nun schon ganz glücklich und hatten sich verabredet, Franz solle am folgenden Tage Visite beim alten König machen und um die Hand seiner Tochter sich bewerben; da bekam der Premier-Minister Wind davon und ließ in einer schönen Nacht Franz aufheben und mit zwei Gendarmen über die Grenze bringen. Ach! seufzte Franz und sah die zwei schönen Sardellen auf dem Brödchen, das er eben in der Hand hielt, mit feuchtem Blick an – wie soll ich sie je vergessen?

Junge, rief Fedelint, nimmermehr sollst du sie vergessen! Siehst du wohl? wenn ich Funzifudelchen und das halbe Reich habe, bist du geborner Prinz von Geblüt; da wird der Alte schon klein beigeben.

Juchhe! schrie Franz, aß geschwind die Sardellen auf, that einen prächtigen Luftsprung und fiedelte drauf los, daß es nur so jubelte, und er und Fedelint tanzten und sangen dabei:

Will mich ein Harm beschleichen,
Ich weiß wohl, was ich thu';
Ein Liedlein thu' ich streichen
Und sing' mir eins dazu.
Gleich hat der flinke Takt
Die Beine mir gepackt;
Ich muß dazu auch tanzen,
Und fort ist, was mich zwackt.

Hör' auf, Franz! schrie Fedelint, mir geht der Athem aus. – Der aber strich noch eine Weile fort; dann schloß er mit einem langen, köstlichen Triller und sagte: Hör', Fedelint, du mußt mir das Lied der Nixe vorsingen. Wenn du heut um Mitternacht die Serenade bringst, geh' ich mit und begleite dich auf der Geige; das wird sich besser machen, als wenn du mit deinem dünnen Bariton allein dich hören lässest. – Bravo! sagte Fedelint. Aber erst will ich meine Hörnlein an den Stamm da stupfen, es ist wahrhaftig schon fünf Minuten über Ein Uhr. Und damit butzte er den Kopf an die Eiche, unter der sie gespeis't hatten, daß Franz vor Lachen sich die Seiten hielt. Dann fing Fedelint an und sang Undula's Lied, und Franz strich die Fiedel dazu, und ich wollte selbst, ich wäre dabei gewesen.


Siebentes Kapitel.
Wie Fedelint an den Unrechten kommt.

Sie waren nun den ganzen Tag im Forst herumgeirrt, und Fedelints Hörnlein hatten mehr und mehr abgenommen, daß er sie schon hätte mit den braunen Locken bedecken können. Da ging der volle Mond in großem Glanze am Horizonte auf, und sie sahen von einem Hügel, den sie erklimmten, das zauberhafte Schauspiel seelensvergnügt mit an. Jetzt ist die rechte Zeit! jauchzte Fedelint; still, Franz! war dir's nicht auch, als hörtest du da geradezu das Reh rufen? – Ja, sagte Franz, es rief was; aber ob's von einem Reh war, will ich nicht beschwören. – Indem hatte der stürmische Fedelint den Bruder schon mit fortgezogen. Siehst du? Siehst du? der braune Fleck da? raunte er ihm zu. – Ja ja, erwiederte Franz, ein brauner Fleck ist's; aber ob's ein Reh ist, will ich nicht beschwören. Fedelint aber hörte nicht, sondern stand schon steif und fest da, räusperte sich und hob mit lauter Stimme an:

Rehlein schlank und Rehlein braun,
Von der allerschönsten Fraun,
Undula der Wassernix,
Bring' ich zu dir Gruß und Knix.
Und sie läßt dir freundlich sagen,
Dies Geweihlein sollst du tragen.
Nimm's und hab' noch tausend Dank,
Rehlein braun und Rehlein schlank!

Ach Herr Jesus, Herr Jesus, mein Kopf! schrie da auf einmal ein Mensch. – Horch, Fedelint, sprach Franz, da hast du einmal was Dummes gemacht! Dacht' ich's doch gleich. – Sie schlüpften eilig durch die Sträucher und zu dem Orte hin, von wo die Stimme erschollen war, und da sahn sie die Bescherung. Der alte verrückte Kapellmeister lief wie unsinnig in seinem braunen Schlafrock zwischen den Bäumen herum, faßte sich jammernd und wehklagend nach dem Kopf, wo richtig Fedelints Hörnlein saßen, und auf dem Platz, wo er gesessen hatte, lag der große dicke Bassistenkönig, der Waldteufel mit dem Bilde Muffels des Ersten auf der Brust. In demselben Augenblick trat das Reh, dem das Geweih bestimmt gewesen, aus den Schatten hervor, sah sich die Gesellschaft verlegen an und nahm dann hastig Reißaus ins Dickicht hinein.

Aber lieber alter verrückter Kapellmeister! wie kommt Ihr denn hierher? rief Fedelint. Und was in aller Welt habt Ihr mit dem Waldteufel vorgehabt? – Der Alte sah sie Beide mit starrem Blick an. Plötzlich sprang er wie unsinnig auf den Waldteufel los, faßte ihn und rief: Wollt Ihr mir noch hinter mein Geheimniß kommen, wie Ihr mir den Schabernack mit den Hörnern angethan habt? Ihr Teufelssakkermenter! – Und damit rannte er so eilig fort, daß ihm der braune Schlafrock wie eine Fahne nachwehte und die Beiden versteinert dastanden.

Ein alter Jägersmann trat schlau lächelnd zu ihnen. Mit dem ist's nicht richtig, Ihr Herren, fing er an. Denkt nur! gestern Nacht, ich hatte eben meine Büchse in die Ecke gestellt, und will mich hinlegen und schlafen, da geschieht plötzlich ein gewaltiges Brausen durch die Luft, daß mir altem Jäger ordentlich bange wird, und wie ich den Kopf aus meiner Hütte stecke, sehe ich ein ganz Heer von Waldteufeln herangeflogen kommen, und hinterdrein jagt das kleine dürre Männchen, das Ihr eben gesehen habt, und schreit, was es nur kann: Halt' doch still, Nixe! halt' doch still! Wirklich kriegt er den einen zu fassen, stolpert aber über eine Baumwurzel und fällt längelangs zur Erde. Wie er sich wieder aufgerappelt hatte, waren die andern alle verschwunden; der eine Waldteufel aber lag ganz zerknittert neben ihm. Im Nu hatte er ihn in der Hand und rief jubelnd: Hab' ich dich endlich! Hab' ich dich! Dann setzte er sich auf einen gefällten Baumstamm und besah ihn von hinten und vorn. Ganz verstimmt! brummte er ärgerlich, bog die Pappe wieder gerade, zog so ein Ding wie eine Gabel aus der Tasche, hielt sie vors Ohr und drehte dann den Waldteufel. Es ist wirklich Fis dur geworden, sagte er vor sich hin. Das wird Mühe kosten, ihn wieder auf C moll zu bringen! – Und nun saß er die ganze Nacht und den ganzen vergangenen Tag auf demselben Fleck, machte die Roßhaare bald kürzer, bald länger und hielt immer von Zeit zu Zeit die Gabel vors Ohr, die ganz wunderlich klang. Mich dauerte der arme Mensch; ich trat am Ende zu ihm und brachte ihm ein Stück Brod und einen Käse. Er sah erschrocken auf, versteckte den Waldteufel rasch, nahm aber die Speisen kopfnickend an, ohne ein Wort zu sprechen. Sobald ich fort war und er aufgegessen hatte, was ich ihm brachte, fing er wieder von vorn an zu spielen und die Gabel vors Ohr zu halten, und das hat er getrieben, bis Ihr kamt. Wißt Ihr mir vielleicht zu sagen, wer er ist, meine Herren?

Es ist der alte verrückte Kapellmeister aus der Stadt, sagte Fedelint. Weiß der liebe Himmel, was er wieder für Schrullen im Kopf hat! Aber wollt Ihr wohl so gut sein, Herr Jäger, uns nach der Stadt zu weisen? – Von Herzen gern, sagte der Jäger; ich will ohnedies sehen, ob noch ein Laden offen ist, um mir etwas Pulver zu kaufen.

Und so schritten die Drei in wechselnden Gesprächen durch die monddämmerigen Laubgänge der Stadt zu.


Achtes Kapitel.
Wie das Märchen von Fedelint und Funzifudelchen ein fröhliches Ende nimmt.

Im Glas-Pavillon sah's in dieser Nacht wie alle Nächte aus. Funzifudelchen hatte französische Stunde und mußte aus dem Charles XII. übersetzen, den ihr der Lehrer vorlas. Der alte König saß mit seinem lieben Rapudänzelchen dabei und hörte zu, obgleich sie Beide eigentlich kein Französisch verstanden. Sie thaten aber doch so, denn es war Mode, und der König stieß alle Augenblicke seine Gemahlin an und sagte: Hör', wie unser Kind viel weiß! es geht ja wie Wasser. – Der Lehrer zupfte dann an den Vatermördern, machte ein wichtiges Gesicht und sagte: Es mag auch wohl am Lehrer liegen, Majestät. Bei jedem Andern hätte Fräulein Prinzessin Tochter Königliche Hoheit nicht so viel gelernt, trotz ihrer qualités excellentes; aber meine Verdienste um die französische Sprache sind von der Pariser Akademie – –

Schnurrurrurrurrrrrrr … ging es unten auf der Straße los. Ah mon Dieu! rief Funzifudelchen, welch ein gräulicher Lärm! Der König stürzte zum Fenster und sah draußen den alten verrückten Kapellmeister stehn und mit wahrem Feuereifer den großen Waldteufel schwingen. Der Mond beleuchtete gerade die Hörnlein, die aus dem langen weißen Haar hervorschauten; aber das dürre Figürchen stak in einem feierlichen schwarzen Anzug, um den Hals war eine schlohweiße Binde geknüpft, und ein großmächtiger Blumenstrauß saß im Knopfloch, als ging's zur Hochzeit. Indem der König eben nach seiner Börse griff, um dem alten Musikanten einen Groschen hinabzuwerfen und ihn fortzuschicken, kam schon die Wache und nahm den alten verrückten Kapellmeister trotz alles Sträubens und Schreiens: es wäre das Lied der Nixe Undula, und ganz richtig nach C moll gestimmt! mit sich fort.

Daß man doch nie vor Störungen sicher ist! sagte Muffel der Erste ganz ärgerlich und setzte sich wieder. Bitte, Herr Beaumarchais, fahren Sie fort. – Die Prinzessin war ein wenig unruhig und zerstreut. Da klang's vom nahen Kirchthurm Mitternacht, und unter dem Fenster fing eine wunderliebliche Melodie an; eine Geige spielte einige reizende Passagen, dann sang ein zarter Bariton folgendes Lied:

Dein Herzlein mild,
Du liebes Bild,
Das ist noch nicht erglommen;
Und drinnen ruht
Verträumte Glut,
Wird bald zu Tage kommen.
Es hat die Nacht
Einen Thau gebracht
Den Blumen all im Walde,
Und Morgens drauf
Da blüht's zuhauf
Und duftet durch die Halde.
Die Liebe sacht
Hat über Nacht
Dir Thau ins Herz gegossen,
Und Morgens dann,
Man sieht dir's an,
Das Knösplein ist erschlossen!

Ach Himmel! rief die Prinzessin, was ist das? Ich sehe! Ich sehe! Ach Herr Beaumarchais, was haben Sie für große Vatermörder! Ach lieber Vater, liebe Mutter! – Und damit fiel sie den erstaunten Eltern um den Hals und hätte beinah auch Herrn Beaumarchais umarmt. Der aber machte einen respektvollen Diener und sagte: Entschuldigen Sie, Königliche Hoheit! das wäre ein Verstoß gegen die Regel der französischen Etiquette. Muffel der Erste aber und Rapudanzia fielen wechselsweise sich und Funzifudelchen in die Arme und lachten und weinten. Da klopfte es an die Thür. Herein! Herein! riefen Alle miteinander, und da ging die Thür auf und Fedelint trat ein. Ach, schrie Funzifudelchen ganz laut, was für ein schöner Mensch! – und darauf wurde sie ganz roth und schwieg stille. Der König aber trat zu Fedelint und sagte: Junger Mann, seid Ihr der Sänger? Und als Fedelint in wortlosem Entzücken dastand, trat geschwind Einer mit einer Fiedel hinter der Thür hervor und sagte: Ja, Majestät, das ist er, und mein Bruder auch, und ich schmeichle mir nun geborner Prinz von Geblüt zu werden. – Donnerwetter, das sollt Ihr! sagte der König, umarmte erst Fedelint und dann Franz, führte darauf den noch immer stummen Studenten seiner Tochter zu und sagte: Da habt Ihr Euch, Kinderchen!

Meine Feder vermag die nun folgenden Stunden nicht würdig zu schildern. Was aber weiter sich zugetragen, wird Jeder aus der Weltgeschichte schon wissen, in der König Fedelint und König Franz eine so bedeutende Rolle spielen. Nur einige Detail-Notizen sollen gegeben werden, die ungerechter Weise von den Historiographen nicht angeführt worden sind.

Daß Fedelint keinen seiner alten Freunde vergaß, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Der alte verrückte Kapellmeister verstarb noch in selbiger Nacht; sonst hätte sich der junge König seiner gewiß ganz besonders angenommen. Vor allen Dingen bezahlte dieser seine Schulden, und zwar doppelt und dreifach, und gab allen Studenten in seinem Reich, als seinen ehemaligen Genossen, einen famosen Wein-Commerce und sechs Monate Ferien. Seine alte Wirthin aber, die Schneidersfrau, wurde zur Hof-Thee-Köchin ernannt und bekam ein ganz unglaublich hohes Gehalt, denn sie hatte dem weiland Studenten viel Gutes erwiesen.

Allen Nachtwächtern und Pedellen, die ihn so oft ins Carcer gebracht hatten, verzieh Fedelint aufrichtig, versprach ihnen sogar Beförderung und schenkte Jedem einen Fedelintd'or. Einem aber konnte er nicht verzeihen, und das war der Professor Theophilus Sutorius. Bei der Hochzeit ließ er vor dem Stadtthor ein großes Schauspiel vorstellen, und dem mußten bei Strafe alle Bürger ohne Ausnahme beiwohnen. Als es nun eben recht im Gange war, verließ Fedelint die Loge, ging in die menschenleere Stadt zurück und warf dem Professor alle Fensterscheiben ein, und zwar mit harten Thalern, damit er sie wieder machen lassen könne. Der letzte Thaler aber war in einen Zettel gewickelt, darauf stand:

Weil du Undula betrogst
Und die ganze Welt belogst,
Hast du's selbst auf dem Gewissen,
Sind die Fenster dir zerschmissen.
Bessre dich und kehr noch um!
Sonst nimmt Fedelint es krumm.
Dieses droh' ich dir zum Schluß,
Theophilus Sutorius!

Ob der Professor sich diesen schönen Vers wirklich zu Herzen genommen hat, weiß ich nicht zu sagen. Fedelint aber und Funzifudelchen lebten in einer sehr glücklichen Ehe; und wenn ja einmal eine kleine Verstimmung eintrat, schrieb Fedelint ein Billet an seinen Bruder, dessen Königreich dem seinen benachbart war, und der ließ anspannen und fuhr mit seiner Gemahlin herüber. Wenn er dann da war, ging er zu den schmollenden Eheleutchen, zog die Fiedel hervor und spielte und sang:

Will mich ein Harm beschleichen,
Ich weiß wohl, was ich thu';
Ein Liedlein thu' ich streichen,
Und sing' mir eins dazu.
Gleich hat der flinke Takt
Die Beine mir gepackt;
Ich muß dazu auch tanzen,
Und fort ist, was mich zwackt.

Und da fingen Fedelint und Funzifudelchen auch an zu tanzen und tanzten einander in die Arme, und dann war Alles vorbei, und diese Geschichte auch.