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Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk cover

Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk

Chapter 21: 17. Es wird Licht.
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About This Book

A narrator evokes a bygone rural world, sketching village life, a bustling market day, and the crafts and trades that mark communal routines. Amid these scenes he follows a modest, devout man whose steady piety, teaching, and daily labors quietly serve neighbors and pupils. The account traces how small acts of care and faith shape relationships, sustain local traditions, and leave practical and spiritual legacies. It closes with the community's remembrance of his death and the enduring influence of his example on subsequent generations.

»Eins bitt' ich von dem lieben Gott,
Das bleibt mein täglich Beten,
Dass er mir geb' in Freund' und Noth
Ein Herz, vor ihn zu treten.
Ich nehm' es Alles dankbar hin,
Was mein Gott mir will geben,
Ich preis' ihn mit vergnügtem Sinn
Für Hab' und Gut und Leben.
Doch nehm' er's hin, wenn's ihm gefällt,
Ich will es freudig missen,
Ich weiß ja, daß in dieser Welt
Wir Alles lassen müssen.
Doch jenes Herz, das treu dich liebt,
Das deines Sohns sich freuet,
Das sich im Glauben dir ergibt,
Sich täglich neu dir weihet;
Dieß Herz, o Vater, wollest du
Mir jetzt aus Gnaden schenken,
Dann hab' ich Frieden, hab' ich Ruh'
Will Andres nicht bedenken.
Ein solches Herz wird nimmer ganz
Aus deiner Gnade weichen,
Selbst aus der Sünd' mit hellem Glanz
Wird neu heraus es steigen.
Und solch' ein Herz gib mir, o Gott,
Hilf, Jesu, mir's erwerben!
Was willst du, Welt, mit Noth und Spott?
Eins bleibt mir, selig Sterben

Es war im Herbste desselben Jahres, als eines Tages der Schreinerkaspar, oder wie er eigentlich hieß, der Kaspar Greb von Harbach, dessen Bekanntschaft wir früher schon machten, auf den Veitsberg kam. Das that er von Zeit zu Zeit, ward aber immer weniger gern im Schulhaus gesehen, weil er ein unruhiger Geist und ein schlechter Haushalter geworden war, und sich überhaupt keines guten Gerüchtes erfreute. Der Schulmeister hatte gethan, was er konnte, seinen Hausfreund auf dem rechten Wege zu erhalten; aber der Schreinerkaspar gehörte eben zu jenem Menschenschlag, die sich selbst gerne mit allerlei hochtrabenden Namen benennen, und auf ihren Verstand viel einbilden, eigentlich aber nichts sind, als Tagdiebe. Schon vor Jahren hatte er sein Schreinerhandwerk aufgegeben, und war in der Gegend umhergezogen, die Uhren der Bauern zu repariren. Durch Nachdenken und Uebung hatte er sich viele mechanische Kenntnisse erworben, und benutzte dieselben zur Bildung von verschiedenen Kunstwerken; aber weil er über solcher Düftelei Handwerk und Ackerbau versäumte, so gerieth er mit Weib und Kind in die drückendste Armuth. Das kümmerte ihn indessen nicht, und änderte nichts in seiner Lebensweise, er machte nach wie vor Uhren, und ließ Weib und Kind im Elend und in der Bettelei. Auf seinen Streifereien in die Nähe und Ferne war er mit andern Gleichgesinnten zusammengetroffen, und es hatte keine große Mühe gemacht, ihn in eine Schatzgräberbande hinein zu ziehen. Man gab ihm Bücher zu lesen, wie wir sie früher geschildert haben, und seine lebhafte Einbildungskraft entzündete sich dermaßen, daß er in jedem alten Gemäuer und in jeder Kirche einen vergrabenen Schatz witterte. Da er in diesen Büchern auch geheimnißvolle Andeutungen über den Einfluß der Gestirne auf das Heben der Schätze fand, so richtete er sein Augenmerk auch auf den Kalendermann, und hoffte zuversichtlich, auch den für seine Pläne zu gewinnen.

So kramte er denn in's Lange und Breite seine ganze Weisheit vor dem Schulmeister aus, und fragte namentlich, was er von den Astralgeistern halte, und welche Zauberformeln und Sprüchlein er kenne, um diese Geister sich zu Dienst zu machen.

»Kaspar«, sagte der Schulmeister, »eure Rede verstehe ich nicht, weiß überhaupt nicht, wie solch' faules Geschwätz aus dem Munde eines Christenmenschen kommen kann. Mein geringes Wissen beschränkt sich nur auf das, was ich über den Gang und Lauf der Gestirne von andern Sternkundigen gelernt, und durch eigne Beobachtung und Berechnung mir angemerkt habe. Darnach sind Sonne, Mond und Sterne Lichter an der Beste des Himmels oder Werke des großen Baumeisters, die da scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage. Da sie das sind, so regieren sie wohl die Welt, die wir bewohnen, sind auch wohl dienstbare Geister, gemacht zum Dienst um Deren willen, die ererben sollen die Seligkeit, da sie uns Gott kennen und seine große Oekonomie bewundern lehren, und uns verlangend machen nach dem Licht, das droben ist, in das nicht eingehen kann irgend etwas Unreines und Beflecktes. Aber von euren Stern- und Astralgeistern weiß ich nichts, denn es steht davon nichts in heiliger Schrift.«

»Ihr habt Recht«, sagte der Kaspar darauf, »aber wisset ihr denn nicht, daß es neben der Weisheit, die in heil. Schrift steht, noch eine andere gibt, die den Patriarchen und Propheten und Aposteln und vielen Weisen der Vorzeit ist insgeheim mitgetheilt worden, und die sich so von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt hat, gleichsam auch als ein heilig Wort neben dem geschriebenen? Diese Weisheit aber ist nicht Jedermanns Ding, sondern nur der Auserwählten und insonders Begnadigten, die da lehret einschauen in die Tiefen und Abgründe aller Dinge, die im Himmel und auf Erden sind, und mittelst des wahren Schlüssels aufschließen alle Schätze in der Höhe und in der Tiefe.«

»Hört, Kaspar«, sprach der Schulmeister mit tiefem Ernst, »jetzt verstehe ich euch, aber jetzt warne ich euch auch, wohl vor euch zu sehen, daß euch der Stein der Weisen, den ihr suchet, nicht zum Stein des Anstoßes werde. Ihr treibet Fürwitz mit dem heiligen Bibelbuch. Wohl weiß ich, daß es dort im Hiob heißt: »Ach, daß Gott mit dir redete, und thäte deine Lippen auf und zeigte dir die heimliche Weisheit;« wohl kenne ich das Sprüchlein aus David's Bußpsalm: »Du lässest mich wissen die heimliche Weisheit;« aber solche heimliche Weisheit ist nichts anders, als was der Geist Gottes einem Jeden gibt, der darum bittet, nämlich immer tiefere Erkenntniß von Gottes väterlichem Rath, daß in keinem Andern Heil sei, denn in Christo Jesu. Der ist und bleibt der wahre Stein der Weisen, und daran hebt, so lange ihr lebt. Denn diese Weisheit, die von oben kommt, die ist am ersten keusch, darnach gelinde, lässet ihr sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte.

»Alles ganz gut, was ihr da sagt, Schulmeister«, hub der Schreinerkaspar wieder an, »aber widerspricht eurem Worte nicht die Erfahrung? Diese heimliche Weisheit, die ihr verwerft, hat doch schon Wunderdinge gethan. Sie hat Etliche zur glücklichen Auffindung des Lebenselixirs gebracht, daß sie ihr Leben in's Unglaubliche verlängert haben; sie hat Etliche das Goldmachen gelehrt, daß sie so reich geworden sind, wie Keiner vor ihnen; sie hat den Weg gezeigt, wie Etliche manch' schönen vergrabenen Schatz zu Tage gebracht haben, der sie Zeitlebens von aller Sorge bewahrte.«

»Alles nichts als Wind und Aufschneiderei«, sagte trocken der Schulmeister, »womit Einer den Andern betrügt, ihm sein Geld aus der Tasche lockt, und hinten drein in's Fäustchen lacht. Sagt selbst, Kaspar, was ist bei allen Schatzgräbereien, die wir bis jetzt erlebt, herausgekommen? Wie ist's denen dort im Gartenhäuschen bei Gießen ergangen? Man hat sie am Morgen mit umgedrehten Hälsen gefunden. Was hat der Dreher Müller in seiner Schachtel gefunden, statt des Goldmännleins, das sie ihm hineinzuzaubern versprochen? So wahr ich lebe, nichts als eine todte stinkende Ratte! Was haben die Schälke dem dummen Pachter dort in der Wetterau, der schier eine Meste weißer Sommerkälber einfangen ließ, damit sie sich bei ihm in Ducaten verwandelten, was, sage ich, haben sie ihm zurückgelassen? Einen leeren Beutel und ein bös Gewissen, und Hunger und Kummer im Hause.«

»Je nachdem man's angreift«, antwortete der Kaspar; »wer den Gaul am Schwanz aufzäumt, der kann auch hierbei nicht fortkommen. Man muß nur die Sache recht anzugreifen wissen. Und, mein' ich denn, unsere Herrn Kameraden verstehen das Ding; sie sind nicht alle auf den Kopf gefallen. Wir haben sogar Etliche darunter, vor denen ihr, Herr Schulmeister, den Hut abthun müßtet; verstehe das also, daß sie, gleich wie ihr, Wissenschaft haben von Allem droben am Himmel und hier unten auf Erden.«

»Das glaub' ich gern«, sagte Justus heiter lächelnd, »daß sie mehr wissen als ich, denn mein Wissen blähet mich nicht; aber kennen möchte ich wohl den Hauptinhalt ihrer Wissenschaft, wäre es auch nur, um zu lernen, was mir noch fehlt.« »Nun mit einem Stücklein davon«, war des Kaspars Antwort, »kann ich euch wohl dienen. Kennt ihr die Geister der sieben Planeten?« »Nein«, war Justus Antwort; »die Planeten kenne ich, aber ihre Geister nicht.«

»Dann kann ich ihre Namen euch auch nicht nennen«, sagte der Schreinerkaspar, »wenigstens heute nicht, denn der Tag ist nicht günstig. Wisset nur vor der Hand, daß diese Geister es sind, die alle Witterung in der Luft wirken und zu der Geburt aller mineralischen, vegetabilischen und animalischen Essentien ihre Kräfte geben. Daher muß man mit solchen himmlischen Intelligenten in geheime Kundschaft treten, und beobachten, welcher Planet über irgend eine Kraft sein Dominium habe. Wenn ich nun weiß, welcher Planet regieret, so muß ich mich mit seinem Geist heimlich besprechen, welches geschieht, wenn ich mein Sinnen und Verlangen auf ihn richte. Dann theilt sich mir des Planeten Geist mit, welches sich kund thut durch ein Getön wie mit einer Schellen. Hörst du das, dann mußt du ein Glöcklein bei dir haben, damit du könnest die Losung geben, daß du zu hören bereit bist. Hiernächst wird dich bald eine Exstasis überfallen, in welcher dir Alles gegeben wird, was du begehrest: Weisheit, Schätze, Güter. Das Glöcklein muß aber gar magisch bereitet werden. Auf seinem Schwengel muß stehen: Adonai, auf seiner Rundung: Tetragrammaton und auf seiner Handhabe: Jesus. Außerdem weiß ich noch Manches, aber erstlich darf ich's euch, als einem Uneingeweihten, nicht sagen, und dann versteht ihr's auch jetzt noch nicht, thut wenigstens so. Könnt ich euch für uns gewinnen, Schulmeister, ich weiß nicht, was ich euch zu Lieb' thäte; ihr wäret ganz unser Mann.«

»Wollt ihr mir was zu Lieb' thun, Kaspar«, sprach der Schulmeister, »so laßt's für heute genug sein mit dieser unnützen Rede. Mein Gewissen beißt mich schon, daß ich diesem gotteslästerlichen Gerede mein Ohr geliehen habe. Geht doch heim, Kaspar, und nehmt wieder Hammer und Säge, und arbeitet für Weib und Kind, die bereits auf der Bettelfahrt begriffen sind. Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm genügen, und im Schweiße des Angesichtes sein Brod isset; wer aber der Narren Geselle ist, und nach Schätzen sucht, der wird Unglück haben.«

»Schulmeister«, antwortete der Schreinerkaspar mit großer Heiterkeit, »stellt euch nicht so zimpferlich, wie ihr thut. Euren Unglauben nehme ich euch nicht übel, denn gerade so war es bei mir ehemals; aber ihr gerade solltet am wenigsten gegen das Schatzgraben etwas einwenden, da euch, wie ich weiß, die Güter dieser Welt eben so Noth thun, denn mir. Faßt einmal Muth und gesellt euch zu uns; gelingt, was wir eben vorhaben, dann sind wir Alle versorgt auf Zeit Lebens, und ihr mit, wenn ihr von der Compagnie seid.«

»Hab' ich euch je geklagt, Kaspar«, war des Schulmeisters Antwort, »daß es mir übel gehe, und je gewünscht, reich zu werden? So lange mir mein Gott einen genügsamen Sinn läßt, worum ich ihn täglich anflehe, bin ich reich genug, und werde auch lernen, die Ungeduld des Fleisches zu überwinden und mich der Trübsal zu rühmen. Wie ich es aber anfange, und meine Dorothe mit mir, um in der Genügsamkeit mich zu üben, davon, Kaspar, hört ein Pröbchen. Neulich komme ich just dazu, wie Dorothe die Hühner füttert, und bemerke eins darunter, das gewaltig gluckst, ja schier kräht wie ein Hahn. Dorothe, sag' ich und deute auf das Thier: Wenn das Huhn fängt an zu krähen, magst du ihm den Hals umdrehen. Dazu kann Rath werden, sagt' sie, zudem hat das Huhn ausgelegt, und übermorgen ist Sonntag. Wie ich nun Sonntags aus der Kirche komme, da fällt mir auch das Huhn wieder ein, und die Suppe, die davon gekocht werden sollte, (ich hatte auch wohl früher schon etliche Male daran gedacht,) und sagte schmunzelnd zu mir selbst: »Justus, heute issest du Hühnersuppe und ein Stücklein Fleisch darein«, und der Mund begann mir zu wässern. Wie wir nun sitzen, und Dorothe die Teller füllt, da kommt eitel Mehlsuppe zum Vorschein. Nun, denk' ich, das Huhn kommt noch nach, etwa gebraten oder gekocht, und tröstete mich. Aber statt des Huhns kommt ein Eierkuchen. Da sah ich Dorothe an, und sie verstand meinen Blick und lächelte und sagte: Ich habe das Huhn um zehn Albus verkauft und dafür dieß und das in's Haus geschafft, das fehlte; versuch's einmal, Lieber, ob's auch so thut! Und ich lachte und Dorothe mit und die Kinder auch, und hat uns unser Mittagsbrod gar trefflich geschmeckt. Da hab' ich abermals gelernt, was der Apostel sagt: »Lasset euch begnügen mit dem, das da ist.«


15. Die Tiefe.

Einige Wochen nach dieser Unterredung, die dem Justus manches Bedenken verursachte, besuchte er am Nachmittag einen kranken Freund in Reinhardshain. Das trauliche Gespräch that dem Kranken wohl, und er bat den Schulmeister, als der mit der Nacht wieder heim wollte, noch um ein Stündchen, und als das verflossen war, noch um ein zweites, und der Wächter blies bereits die zehnte Stunde, als er Hut und Stock ergriff, dem Kranken die Hand reichte, und in Gottes Namen hinaus schritt in die Nacht. Die Nacht war dunkel, aber der Himmel frei von Wolken, und des Weges wohl kundig, beschaute sich der Kalendermann die Sterne am Himmel mit allerlei gottseligen Gedanken und ernsten Ueberlegungen. So schritt er den Weg hinauf zum Wirberg.

Es hat aber auf dem Wirberg früher ein Kloster gestanden, von Nonnen bewohnt, die zur Zeit, als Luther mit der Predigt des Evangeliums auftrat, keines guten Gerüchtes sich erfreuten. Denn es ging auf dem Wirberg gar ärgerlich zu, und die Klosterfrauen trieben allerlei Kurzweil, die sich schlecht mit ihrem Stande vertrug. Da machte der Landgraf von Hessen, mit Namen Philipp, kurzen Proceß mit ihnen, trieb die Nonnen aus dem Kloster, und ließ des Klosters Güter und Gefälle zu guten Zwecken verwenden. Jetzt steht nur noch die Kirche und das Pfarrhaus mit der Wohnung des Glöckners dort oben, und sonntäglich rufen die Glocken vom Wirberg die Bewohner der Dörfer im Thale zum evangelischen Gottesdienst.

Nun sieht man noch heute in der Nähe der Kirche eine Höhle im Berge, von außen einem Keller nicht unähnlich, denn man steigt auf vielen Stufen hinab in die Tiefe. Ein Born klaren Wassers hemmt hier den Schritt, an dem die Bewohner ihren Trunk holen. So ist's nicht immer gewesen; denn in der Höhle war ehemals trockner Grund, und sie führte hinab in's Thal, ja, wie die Sage erzählt, sogar bis nach dem entfernten Grünberg. Daß es da unten nicht geheuer ist, versteht sich, daß aber da unten auch die Nonnen ihre Schätze, ihre goldenen und silbernen Abendmahlsgefäße vergraben hätten, als sie das Kloster verlassen mußten, das war von jeher im Munde des Volks eine ausgemachte Sache. Kein Wunder, daß die Höhle oft von Schatzgräbern besucht wurde, und die drinnen gewesen waren, die erzählten Andern, da unten sei es nun und nimmermehr geheuer, denn man höre allerlei sonderbare Töne, gleichsam das Stöhnen der Geister, die die Schätze bewachten, und wer die zu citiren verstünde, dem wäre geholfen.

Als Justus an dieser Höhle vorbeiging, und zufällig einen Blick hineinwarf, drang der Schein eines Lichtes aus der Tiefe zu ihm herauf. Betroffen ging er weiter; schämte sich aber bald seiner Angst, kehrte zurück, und blickte wiederholt in die Tiefe. Jetzt drang der Ton einer Menschenstimme an sein Ohr, und das bewog ihn, genauer hinab zu sehen. Nach einigen Minuten wagte er sich sogar in die Oeffnung, und schritt leise einige Tritte hinab. Das Gewölbe war von mehreren Laternen erhellt. Um einen Kreis von Männern, die mit dem Gesichte nach dem Mittelpunkt gekehrt waren und mit gesenktem Haupte da standen, ging Einer mit einem irdenen Rauchfaß umher, und erfüllte mit einem übelriechenden Dampf das ganze Gewölbe. In der Mitte des Kreises stand ein Mann, mit einem weißen Hemde über den Kleidern und einer Kappe von Papier auf dem Haupte, vornen weiß, hinten schwarz, mit sonderbaren Figuren bemalt. Um ihn her war ein Kreis gelegt von weißem Papier, wieder mit Figuren bemalt, und der Mann in der Mitte hatte eine Wünschelruthe von Messing in seiner Hand, drehte sich bald da- bald dorthin, und murmelte allerlei Zaubersprüchlein vor sich hin, die von den andern wiederholt wurden. Plötzlich schwieg Alles, das Rauchwerk dampfte stärker, und mit lauter Stimme rief der Beschwörer, indem er die Ruthe auf der Spitze seines Mittelfingers in's Gleichgewicht brachte: »Ich Johannes beschwöre dich Ruthe bei allen denen über dich gesprochenen Worten Adonai, Agla, Tetragrammaton, daß du mir richtig antwortest, durch deinen vorwärts ziehenden Ruthenschlag, wo der verborgene Schatz liegt. Und dich allerheiligsten Engel und Fürsten Ariel des Elements der Erden, bitte und beschwöre ich, daß du diese meine Ruthe führest und leitest, durch Adonai, Agla, Tetragrammaton,; dieses sollt ihr helfen all' ihr heilige Chöre der Engel durch den Engel aller Engel Jesum — Christum, in Nomine Patris † et Fili † et Spiritus Sancti † Amen.«

Erstaunt über diese Gotteslästerung, und heftig erschreckt, wollte Justus sich eben schweigend zurückziehen, als er sich plötzlich von hinten am Kragen gefaßt und niedergeworfen fühlte. Im Nu füllte sich das ganze Gewölbe mit Strickreitern, Amtsdienern und Bauern. Die Leuchten erloschen, und Freund und Feind wälzten sich in buntem Knäul auf einem Haufen umher. Da und dort entwischte Einer; und als man Lichter herbeibrachte, so hatte Mancher statt eines Schatzgräbers einen von der Wache erfaßt und aus dem Gewölbe geschleppt. Der den Justus gefaßt hatte, leuchtete ihm in's Gesicht, — es war der Rathhausdiener von Grünberg, — und rief: »Dachte ich's doch, Schulmeister, daß ihr auch unter den sauberen Vögeln wäret. Hab' euch längst auf dem Strich gehabt, und es den Herrn vom Rath versprochen, den Justus krieg ich gewiß auch einmal, wo er sich's am wenigsten versieht. Kalendermänner und Schatzgräber sind allezeit Gebrüder und des Teufels Diener.«

Der erschrockene Mann mochte seine Unschuld betheuern, wie er wollte, mochte der Seinen Angst, wenn er nicht heim komme, noch so lebhaft schildern, es half Alles nichts. Man schleppte ihn mit nach Grünberg, und steckte ihn mit den Schatzgräbern in den Thurm.

Schon mit dem frühsten Morgen erschien Dorothe vor dem Amtmann, und kurz nach ihr der treue Hausfreund Elias Büttner. Beide gaben sich alle Mühe, den Richter von der Unschuld des Gefangenen zu überzeugen, baten wenigstens um seine Freilassung, damit ihm der Schimpf erspart werde, aber es half nichts; die kurze Antwort lautete: »Mitgefangen, mitgehangen.« Das war ein schlechter Trost. Und was die Sache noch verschlimmerte, war, daß die Schatzgräber aus purer Bosheit den Justus als Einen von Ihresgleichen angaben, und sich an seinem Schmerze labten. Dazu war der Kranke, den Justus an jenem Unglücksabend besucht hatte, gestorben, und die Seinen waren über den Trauerfall so bestürzt, daß sie sich in ihren Aussagen widersprachen; kurz, der redliche Justus, der alles Schatzgräberwesen verachtete, und alle Gemeinschaft mit diesen Leuten vermied, saß jetzt als Mitgenosse im Gefängniß, und hatte kein Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Denn was er auch vorbrachte, sich zu rechtfertigen, da hieß es immer: Er habe schon lange in bösem Verdachte gestanden, als treibe er Teufelswerk, denn er trage den Namen »Kalendermann« nicht umsonst.

Daheim war Herzeleid ohne Gränzen; und so oft auch Dorothe den Ihren Trost einsprach, und sie auf Hiob's Wort hinwies: »Der Unschuldige wird vom Herrn errettet werden«, so bedurfte sie des Trostes doch selber, denn sie sah kein Ende dieser langen, schmählichen Gefangenschaft. Da war eines Morgens Selma verschwunden. Mutter und Geschwister meinten, sie sei nach Grünberg gegangen, den Vater zu besuchen, wie sie oft that, und ihm Trost in sein unverdientes Gefängniß zu bringen. Als aber der Abend kam, und das Mädchen nicht heimkehrte, da gesellte sich eine neue Angst zu der alten. Doch am folgenden Abend, als man zu Nacht läutete, kam sie wieder und mit ihr der Vater. Aber wer beschreibt die Rührung Aller, als Justus sein Pflegkind an der Hand nahm und also sprach: sehet hier meinen Engel und Retter! Dieß Kind hat, vertrauend auf den starken Gott, der einen Daniel von der Löwen Rachen schützen kann, mich befreit durch nichts, als durch das Wort der Wahrheit aus Kindesmund. So hab' denn Dank, du mein Kind, für dein Wort zur rechten Stunde; du hast reichlich vergolten, was ich an dir gethan. Uns alle aber lasset Gott danken auch für diese Anfechtung, und ihn bitten, daß er sie uns helfe vollführen, denn noch ist der Böse geschäftig, Unkraut zu streuen.«

Und so war es wirklich. Denn gerade Selma's fromme That der Kindesliebe hatte die Sache des Schulmeisters nur verschlimmert. Auf die Freiwerdung des Vaters hatte das gute Kind es abgesehen, und die erlangte es auch, aber es hatte dem bittersten Feinde der Aeltern, dem Gerst, die neue Noth der Familie geklagt, und der baute darauf einen neuen teuflischen Plan. Wie Selma an jenem Morgen, wo sie heimlich das Aelternhaus verlassen hatte, um für ihren Vater zu bitten, an der Mauer des Kirchhofs, der vor Gießen liegt, hinging, da trat das Bild ihrer mütterlichen Freundin, der alten Lindin, lebhaft vor ihre Seele, und sie wünschte ihr Grab zu sehen, um auf ihm sich Stärke für ihren sauren Gang zu erbeten. Der Todtengräber grub an der Mauer ein neues Grab, und gab dem Mägdlein auf seine Frage nach dem Grab der Mutter Lindin freundlichen Bescheid. »Seht dort«, sprach er, »dort, wo die Aeste der Linde über die Mauer herüberhängen, liegt die Alte. Gott hab' sie selig. Das war ein Weib nach dem Herzen Gottes, beides bei Alt und Jung wohl gelitten. Ich bin nun schier 36 Jahre Todtengräber hier in der Stadt; und wenn sie Einen nach dem Andern hier herausbringen, dann überdenk' ich so dieß und das aus ihrem Leben, denn es denkt mir schon lange, und vor allem an das Sprüchlein denk' ich: »Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.« Als sie die alte Lindin heraustrugen, da konnt' ich nichts bedenken, als dieses: »Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser Ende.« — Du weinst, mein Töchterlein? Nun weine immerhin, solch' Thränen sind köstliche Perlen auf ihrem Grab. Hast du sie gekannt wie ich, und ihre Liebe erfahren, wie ich und die Meinen, dann weißt du, daß der alte Kramer die Wahrheit sagt. — Doch komm' mit; meine Arbeit ist für jetzt hier gethan, und ich muß den Kirchhof schließen. Willst du zur Stadt, so gehen wir ein Weilchen mit einander, und reden noch ein Wörtlein von der alten Lindin.«

Das thaten sie denn, und bis sie zum Thore der Stadt kamen, wußte auch der alte Kramer den Kummer im Hause des Schulmeisters, und versprach dem Mädchen seine Hülfe. Er führte sie zu Diesem und Jenem, von dem er sich eine Hülfe für den Schulmeister versprach; und ehe Mittag ward, konnte Selma schon mit einem Schreiben nach Grünberg aufbrechen, in welchem dem Amtmann bedeutet ward, den Gefangenen bis auf weiteren Befehl frei zu geben. — Aber der alte Kramer hatte sie auch zu dem Rath Gerst geführt, und dieser, der mit der Untersuchung nichts zu thun hatte, und wahrscheinlich auch sobald nichts von ihr erfahren hätte, gab die schönsten Vertröstungen mit dem Munde, im Herzen aber erwog er böse Tücke.

Was in aller Welt scheint einfacher, als die Untersuchungssache gegen den Kalendermann! rufst du wohl aus, lieber Leser. Aber bedenke, unsere Geschichte spielt vor etwa 100 Jahren und das Rechtsverfahren war damals nicht so geregelt, wie heut zu Tage, und das sogenannte Menschliche hatte oft einen solchen Einfluß auf die Richter, daß noch viel einfachere Sachen verwickelt, und noch viel Unschuldigere, denn unser Justus, für Schuldige gehalten wurden. Denn was gegen ihn sprach, das war die Meinung Vieler, die hinter dem Namen Kalendermann etwas Absonderliches suchten; und dann war er mit den Schatzgräbern gegriffen worden, und diese legten manch' falsch Zeugniß gegen ihn ab. Man verfuhr mit großer Strenge gegen die ganze Bande, unter welcher viele Ausländer sich befanden; die aber aus der nächsten Nähe, auf welche es hauptsächlich abgesehen war, der Schreinerkaspar und der Herr Fleischhauer, waren entflohen.

Unser Justus war nun zwar frei, aber fast jeden Tag ward er zum Verhör vorgeladen, und der Amtmann that nichts, um ihm diese sauren Wege zu erleichtern, und ging ihn oft so hart und grausam an, daß er oft fast die Geduld in diesen ungerechten Verhören verlor. Ueber sein ganzes früheres Leben wurden ihm Fragen vorgelegt, manche so verfänglich, daß man offenbar sah, es sei auf seinen Fall abgesehen. Niemand kannte sein früheres Leben nach allen seinen Einzelheiten, als der Gerst, nur von ihm konnten die Aufhetzungen herrühren. Aus zuverlässiger Quelle erfuhr sogar der gequälte Mann, daß der Gerst mehrere Reisen nach Grünberg unternommen habe, um den Amtmann völlig zum ungerechten Urtheil zu stimmen.

Da war denn Trauer im Hause des Schulmeisters, aber doch eine andere, als sie in solchem Falle in den Häusern Vieler zu sein pflegt. Sein Glaube glich nicht dem Haus auf Sand gebaut, das jeder Windstoß des Schicksals zertrümmern konnte, sondern er war auf Felsen gegründet, und mit ihm überwand er die Furcht vor der Zukunft. Was aus ihm und den Seinen werden sollte, wenn man ihn von Amt und Brod triebe, das bedachte er nicht mit menschlicher Sorge, das befahl er dem treuen Gott, dem er von ganzem Herzen diente. Täglich betete er mit den Seinen seinen Lieblingspsalm: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln«, und es gab Stunden, wo in der schwerbedrängten Familie eine Glaubensfreude herrschte, die sie früher in besseren Tagen nicht gekannt hatten.

Doch die Noth ging damit nicht zu Ende, sie stieg vielmehr von Tag zu Tage. Es kamen eine Menge Beschuldigungen zum Vorschein über die Art seines Schulunterrichts, über die Behandlung der Kinder, ja sogar über seine Rechtgläubigkeit. Das meiste Gewicht legte der Untersuchungsrichter auf die Beschuldigung, daß der Schulmeister mehrmals unter der Predigt den Gottesdienst verlassen und im Universitätswäldchen nach Holzfrevlern gespäht habe. Mußte diese Beschuldigung nicht furchtbar für einen Mann von des Justus frommem Sinn sein! Und doch schienen gerade in diesem Punkte seine Neider recht zu haben. Ja, der Schulmeister war wirklich mehrmals unter der Predigt aus der Kirche weggegangen; aber nicht um seines Dienstes als Universitätsförster zu warten, sondern um daheim nach seinem kranken Weibe zu sehen. Dorothe lag an schwerer Krankheit darnieder, und die Angst um sein geliebtes Weib hatte ihn zweimal seiner Pflicht vergessen lassen und ihn heimgetrieben, ehe die Predigt vollendet war. Immer hatte er sich vorgenommen, sein Unrecht, das ihn in ruhiger Zeit bitter schmerzte, seinem Pfarrer zu gestehen, aber andere Sorgen hatten den Vorsatz wieder verdrängt, und jetzt wurde ihm diese That der Liebe zum Verbrechen gemacht. Keine Betheurung half, und der Gerst schürte das Feuer seines Verderbens, daß es in lichten Flammen über der unglücklichen Familie zusammen zu schlagen drohte.

Eines Tages als der Druck der Trübsal wieder einmal recht fühlbar wurde im Hause des Schulmeisters, als Krankheit und Mangel drinnen herrschte, und man in jedem Eintretenden einen Unglücksboten fürchtete; da trat Heinrich vor seinen Vater hin und sprach also: »So manchmal hab' ich bisher euch und die Mutter gebeten, ihr möchtet mich ziehen lassen, daß ich draußen mein Brod mir suche, das im Aelternhause gar zu knapp ist. Ihr kennt mich wohl, Vater, und wisset, daß ich nicht hinaus möchte, auf daß ich eurer Zucht los würde, sondern lernen möchte ich, was mir noch fehlt, in welchem Dienst und Beruf es auch sei, und mein Brod mir selbst erwerben. Allen euren Gründen und Vertröstungen habe ich mich bis dahin schweigend unterworfen, aber die Noth wächst in unserm Hause von Tag zu Tage, und ich schäme mich, irgend einem Menschen in's Angesicht zu sehen; es ist mir, als dächte Jeder, der mich ansieht: Es ist des Schulmeisters Heinrich doch alt genug, sein Brod sich zu verdienen, was sitzt er daheim und gehet müßig! Müßig bin ich nun zwar nicht gegangen, sondern habe euch im Haus und in der Schule nach meiner Kraft gedient; auch so Vieles von euch gelernt, das ich endlich einmal zu Markt bringen möchte. Hier bringe ich's zu nichts. Der Schreiberdienst in Gießen ist mir wieder genommen worden, obgleich ich ohne Klagen trug, was zu tragen war, und es scheint fast, als habe die ganze Welt sich gegen uns verschworen, und helfe mit, unser Grab zu graben. Laßt mich weg, Vater, laßt mich weg; vielleicht gibt der liebe Gott mir die Gnade, euch von draußen her helfen zu können.«

»Heinrich«, sprach der Schulmeister tief bewegt, »seit wir dich haben, war es allezeit mein Vorsatz, dir das Leben leichter zu machen, als deines Vaters Leben gewesen ist. Aber ich sehe wohl, ohne die Wander- und Wartezeit bringt's heut zu Tag kein Sohn zu etwas, nicht einmal zu einem ehrlichen Stück Brod. Geh' denn hinein zu der Mutter, und gibt die ihren Segen zu deinem Vorhaben, so nimm in Gottes Namen dein Reisebündel auf den Rücken und ziehe aus. Aber Kind, mach' die Mutter nicht weich, sie leidet ohnehin mehr als wir Alle.«

Heinrich blieb lange am Krankenbett der Mutter. Was die Mutter mit dem Sohne gesprochen, wie sie geweint mit einander, und mit einander gebetet, das hat Niemand gehört, denn der Herzenskündiger im Himmel. Aber es muß einen Frieden geben, der über aller Menschen Vernunft ist; denn als Heinrich in seine Dachkammer ging, sein Bündel zu schnüren, da lag Dorothe still betend auf ihrem Lager, und Heinrich war gefaßter, denn die Schwestern, gefaßter selbst als der Vater.

»Hier, Heinrich«, sprach der Schulmeister, »ist dein Zehrgeld für den heutigen Tag, für Morgen muß der schon sorgen, der die jungen Raben nähret. Da nimm auch, daß du den rechten Versorger nicht vergissest, das Gebetbüchlein mit, das ich schon lange für dich abgeschrieben habe, wenn du uns einst verlassen müßtest. Wie es da drinnen steht, so hab' ich und mein Haus bis dahin dem Herrn gedienet, diene du ihm auch also, daß wir in einer Zunge und in einem Geiste zum Vater treten. Sei und bleib' in der Furcht Gottes, die der Weisheit Anfang ist. Fleuch die Lüste der Jugend, und schaffe mit deinen eignen Händen. Laufe denn mit Geduld in den Kampf, der dir verordnet ist, und wisse, es wird Keiner gekrönt, er kämpfe dann recht. Der rechte Kampf gibt die rechte Krone, und die sei dein und unser köstlich Gut, wenn wir uns wiedersehen. Der Gott deiner Väter, der niemals einen Justus verlassen hat, der segne und behüte deinen Aus- und Eingang um Christi willen. Amen.«

Wie nun die Schwestern, die Eine dieß, die Andere das noch in's Reisebündel hineingeschoben hatten, wie sie Alle unter viel Weinen am Halse des Bruders gehangen hatten; da kam auch der Schulmeister noch einmal herein und sagte: »Heinrich, nimm auch die Geige mit dir. Als Spielmann sollst du nicht durch die Welt reisen, denn das ist ein leicht verdient Stück Brod und gedeiht nicht. Aber wie David des Saul bösen Geist mit Saitenspiel dämpfte, so kann deine Geige in der Zeit der Noth manches Menschenherz weicher machen zur Liebe gegen dich.«


Eine Stunde vom Veitsberg, hart am Wege, der nach Gießen führt, liegt ein hoher, schlanker Berg, die Nonne geheißen. Von da aus übersieht man die ganze Gegend auf weit und breit. Lieblich ist der Ort und schattig durch hohe Kiefern. Diese Höhe bestieg Heinrich. Unter den herabhängenden Aesten sitzend, nahm er aus der Tasche das Haus-Betbüchlein seines Vaters und schlug das Reisegebet auf. O wie ward ihm so wohl dabei! Es waren seines guten Vaters Worte, die er las, es war seines Gottes Wort, das ihm Trost in die Seele goß. Wie fest prägten sich die Worte seiner Seele ein: »Ich bitte Dich, erhalte mich bei Deinem Wort, daß ich nicht abweiche vom rechten Wege des ewigen Lebens. Führe mich auf den Steig Deiner Gebote und behüte mich vor unrechtem Glauben.« Wie herzlich ward sein Vertrauen durch die Worte des Gebetes: »Du wollest auch Deine heiligen Engel mir zugeben, ihnen Befehl thun, daß sie mich hüten auf allen meinen Wegen; daß sie mich führen auf rechte Straße, auch mich gesund und frisch wieder anheim zu den Meinigen bringen.«

Neu gestärkt erhob sich der Jüngling. Nun noch ein Blick auf die liebe Heimath, und dann hinaus auf die Wanderschaft!


16. Die Rache.

»Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
Halt' ihm getreulich still!
Fahr' hin, du Welt, mit deinem Spott!
Mich tröstet Gottes Will'.
Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
Mein Auge, weine nicht!
Ich weiß, daß hell durch Nacht und Noth
Vom Himmel kommt mein Licht.
Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
Sei treu und halte aus!
Es führt durch Spott und Noth und Tod
Dein Gott dich gut hinaus!«

»So denk' ich jetzt und so sing' ich jetzt, Bruder Büttner«, sprach in seinem Lehnstuhl sitzend der Schulmeister an einem Samstag Abend zu seinem Hausfreunde. »Draußen liegt der Schnee, wie er seit Menschengedenken nicht gelegen hat, und das Wild wird von den Wölfen bis in die Dörfer hinein gejagt, kurz es ist ein Winter sonder Gleichen. Und ein Winter sonder Gleichen ist auch in meinem Leben. Ich merk', es geht bald ganz mit mir bergab. Aus der Tiefe rufe ich darum zum Herrn und bestelle täglich mein Haus, damit ich ziehen könne, wenn's scheiden heißt. Mein Heinrich ist auf die Wandrung hinaus, die Mädchen sind in Dienst gegangen, so bin ich denn mit meiner Dorothe wieder allein, und nur die Selma hab' ich nicht von mir wollen lassen, die soll nicht dienen, sondern in meinem Kreuz mich trösten. Denkt aber nicht, Büttner, daß mir graue vor dem, das kommen soll. Ich bin in meinem Gott fröhlich, wie nie. Seit Monden wollt' mir kein Lied aus der Kehle, heute aber hab' ich wieder gesungen, und je mehr ich sang, desto getroster ward ich.«

»Recht so, Schulmeister«, sprach der Büttner, »ganz so, wie's dort heißt im Psalm: »Ich will dem Herrn singen mein Leben lang.« Hat auch wahrlich mit euch keine Noth. Ein gut Gewissen und ein fester Glaube, wer die zwei Stücke noch hat, was kümmert sich der um der Neider List und Tücke. Und sollt's ja zum Aeußersten kommen, und ihr von Amt und Brod getrieben werden, so wird's auch Rath werden. Dazu kam ich just heute Abend herauf, um euch einen Trost zu bringen, wenn ihr sein bedürfen solltet. Gestern und heute habe ich meine Oberstube gefegt und gescheuert, und gut eingeschlachtet hab' ich auch um Christtag hin, und was sonst noch Noth thut im Haus, einen herzlichen Willkomm und ein heiter Angesicht, — das Alles, Schulmeister, findet ihr bei mir. So lang' ich lebe und der liebe Gott das Feld segnet, sollt ihr nicht Noth bei mir leiden. Und nicht wahr, ihr schlagt's nicht aus? Gebt die Hand, Schulmeister, laßt mich euer Freund in der Noth werden!«

»Büttner«, sprach der Schulmeister, indem er eine Thräne im Auge zerdrückte, »Freund in der Noth seid ihr längst gewesen. Es ist Mancher von mir abgefallen, seit man mich verfolgt, und weicht mir scheu aus, gleichsam als fürchte er, durch mich in üblen Geruch zu kommen. Ihr aber habt gethan nach Sirach's Wort: »Bleibe treu deinem Freunde in seiner Armuth.« Das vergelt' euch Gott! Ja, Büttner, ihr liebet treuer, denn ein Bruder, und liebet mit der rechten Liebe, warum soll ich des Bruders Hand verschmähen! Ja, ich komme zu euch, wenn ich von hier fort muß, aber nur auf so lange, bis Gott weiter hilft.

»Denn Weg' hat er allerwegen,
An Mitteln fehlt's ihm nicht.«

Es war Sonntag Morgen. Der Schnee wirbelte in dicken Flocken zur Erde nieder, und verhüllte die ganze Natur in graue Dämmerung. Der Schulmeister vom Veitsberg hatte eben von den Seinen Abschied genommen, um den Dienst seines kranken Amtsbruders in Queckborn für diesen Sonntag zu versehen. In seinen Reisekleidern, einen langen Stock in den Händen, ging er erst in seine Kirche, zog die Glocke zum ersten Kirchenzeichen und schritt dann, des Weges wohl kundig, hinab in's Thal. Wer heute über Feld wollte, der mußte auch des Weges kundig sein. Denn von einer Bahn war in dem tiefen Schnee keine Rede; bei jedem Fußtritt brach man in die Schneemasse ein. Doch das Ziel ward von unserem Justus bald erreicht, der Dienst ward gethan, und am Krankenbette seines Amtsbruders sitzend, ward manches trauliche Wort geredet, von Zeit und Weltbegebenheiten, von des Freundes langer Krankheit und von Gottes wunderbaren Wegen.

»Sprecht nicht, Herr Bruder«, sagte Justus, »von eurem Kreuz, als sei es so unerhört, und von Wenigen also erlebt. Wohl ist's hart, daß ihr nunmehr schon in den dritten Monat hinein müsset das Bett hüten; glaub's auch wohl, daß euch manchmal der Muth sinkt, und euer Gebet zum Seufzer wird: Ach Herr, wie lange! Kann mir denken, wie es einem Hausvater sein muß, wenn er die Kindlein ansieht, noch so zart und klein, und dabei denken muß, wer wird sie nähren und kleiden und ihnen Obdach geben und sie zur Gottesfurcht auferziehen, wenn des Versorgers Aug' im Tode bricht? Ach, wir Schulmeister jetziger Zeit sind gar übel daran! Einen Sold zum Leben und Sterben zu wenig, Sorg' und Mühe Jahr aus, Jahr ein, und in steter Angst, daß man uns den Abschied gebe, ohne Urtheil und Pension! Ist's ein Wunder, daß wir alle so gedrückt einher gehen, und uns oft so winterlich und kalt zu Sinne ist. Aber, lieber Bruder, wie es dort heißt im Lied: »Je größer Kreuz, je süßer Glaube«, so darf auch von uns das beste Theil nicht genommen werden, sonst sind wir zwiefach arm und verlassen. Christi Wort: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, soll uns sein die Inschrift auf unserer Fahne, darauf wir wie der Soldat hoffend schauen, ob's auch donnert und blitzt um uns her im Kampf, und die Wunden der zeitlichen Trübsal wehe thun. Ihr steht dem Grabe nah' ob eures Leibes Schwachheit, mir haben böse Zungen auch ein Grab gegraben, und vielleicht muß ich hinab, und Niemand weiß, wie unrecht mir geschiehet, als mein Gott im Himmel. »Sollte aber Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen?« Ja, sag' ich und sag' abermals ja, und rufe mit Hiob: »Bis daß mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner Frömmigkeit!« Denn es steht geschrieben: »Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott!«

Da brach ein Sonnenstrahl durch die grauen Winterwolken und fiel auf's Bett des Kranken und über sein Angesicht ging der Friede Gottes.


Der Rückweg nach dem Veitsberg war eben so mühsam, als der Weg am Morgen. Obgleich das Schneegestöber nachgelassen hatte, war doch die Spur vom Morgen gänzlich verwischt, und wieder mußte Justus den Weg brechen; denn bei diesem Wetter mochte kein Fußgänger hinaus. So war er an jene Stelle im Walde gekommen, wo der Fußpfad von Queckborn nach Veitsberg die Grünberger Landstraße durchschneidet. Jetzt führt dort eine bequeme Chaussee, aber der damalige Weg ging bald über Hügel weg, bald durch Hohlwege hindurch. Einen solchen Hohlweg durchschnitt auch der Fußpfad.

Eben war Justus in denselben eingetreten, und arbeitete sich rüstig durch den Schnee, als das Wiehern eines Pferdes an sein Ohr drang. Dieser Ton, der einzige Laut in der erstorbenen Natur, machte ihn stutzig; er stand stille und horchte, und hörte deutlich nicht weit von der Stelle wo er stand, auch das Rasseln einer Kette. Er rief laut ein »Ho!« »Ho!« in den Wald hinein, aber keine menschliche Stimme gab ihm Antwort, sondern das Wiehern und Kettenrasseln wiederholte sich. Ein Unglück vermuthend arbeitete sich der Schulmeister auf den Rand des Hohlweges, und erblickte zu seinem Schrecken eine Chaise, die mit nach oben gekehrten Rädern tief im Schnee steckte, während die Pferde mit der abgebrochenen Deichsel sich so in's Dickicht des Waldes verschlungen hatten, daß alle ihre Anstrengungen, sich frei zu machen, umsonst waren. Nicht fern von den Pferden lag der Kutscher, halb vergraben im Schnee, ein Stück von dem Zügel noch in den Händen, wie es schien ohne alle Spur von Leben. Mühsam schaffte Justus mit den Händen den Schnee von den Seiten der Chaise weg, um einen Blick in das Innere thun zu können; und nicht lange, so faßte er die kalte Hand eines Mannes, der halb in, halb außer der Chaise lag, so als habe er im Fallen des Wagens herausspringen wollen. Sein Gesicht war jämmerlich verschunden und blutig, aber seiner Kleidung nach schien er ein Mann von Stand und Vermögen zu sein. Auch er gab, wie der Kutscher, kein Lebenszeichen von sich.

Was sollte der Schulmeister beginnen! Der Tag war schon weit vorgerückt; alle Dörfer rings umher lagen eine starke halbe Stunde entfernt, und doch mußte schnelle Hülfe geschafft werden; denn der Zustand der Beschädigten war gar kläglich, und die Gefahr von Wölfen seit einigen Wochen sehr groß. Eilig verließ er daher die Stätte des Jammers, und mit starken Schritten eilte er dem Veitsberg zu. Nicht lange, so sah man unter seiner Anführung alle Männer von Veitsberg und Saasen mit Laternen und Hebstangen der Stelle zueilen, wo die Verunglückten lagen. Die Verwundeten wurden auf Bahren gelegt, die man in der Eile aus jungen Bäumen gemacht hatte; die Pferde wurden ausgeschirrt, aber den Wagen mußte man liegen lassen, wo er lag, denn es war keine Möglichkeit vorhanden, ihn über die Feldwege in Sicherheit zu bringen, zumal jetzt am Abend. So langte denn der Zug am Dorfe an, wo die Frauen und Kinder fragend und bedauernd den Ankommenden entgegen gingen.

»Wohin mit den Verunglückten?« hieß es da. »Den hier auf der vordersten Bahre nehm' ich in mein Haus auf«, war des Justus schnelle Antwort, »und ich will für den Fuhrmann Sorge tragen«, sprach der Elias Büttner, »nehmt ihr, Nachbar Kurz, die Pferde in euren Stall, bei euch sind sie am beßten aufgehoben.«

Das war eine unruhige Nacht für die beiden Dörflein Veitsberg und Saasen. Da gingen Wenige zur Ruhe. Denn Etliche liefen hin und her nach Doctor und Feldscherer und Arzneimitteln, und die Andern standen um die Verwundeten her, und bedauerten sie und halfen waschen und verbinden und Belebungsversuche machen. Die beiden Beschädigten waren zum Glücke nicht todt, aber schwer beschädigt waren sie beide, namentlich der Herr, den Justus aufgenommen und in sein eigenes Bette gelegt hatte. Der schien besonders am Kopfe beschädigt zu sein, denn die Betäubung wollte nicht weichen, trotz aller Mittel, die man anwandte. Anders war es mit dem Kutscher. Nachdem sein zerbrochenes Bein eingerichtet war, gab er Auskunft über die Reise und über den Unfall, der sie betroffen, über seinen und seines Herrn Namen und empfahl seine Pferde und sein Fuhrwerk seinen Rettern gar dringend, denn er war ein guter Knecht.

Am Morgen nach dieser unruhigen Nacht ging der Schulmeister hinab gen Saasen, nach dem kranken Knecht zu sehen, und den Namen seines Gastes zu erforschen. Die Nachricht, die er da erhielt, machte einen furchtbar-schrecklichen Eindruck auf ihn, und man sah ihn blaß werden und schweigend sich entfernen. Wie er eintrat in seine Stube, so stand Dorothe am Bette des Kranken, und flößte mit einem Löffelchen dem halb Bewußtlosen eine stärkende Suppe ein, und der Kranke lag da mit geschlossenen Augen, und nahm die Stärkung an wie ein Kind, das sich sein noch nicht bewußt ist. Justus trat schweigend an das Bette; lange haftete sein Auge am entstellten Angesichte des Kranken. Dann sprach er leise zu Dorothe: »Weißt du, Liebe, wen wir herbergen, wer unser Lager einnimmt, und wem du eben die Erquickung reichst? Es ist unser Todfeind, es ist der Gerst; Gott hat ihn in unsere Hand gegeben. Was wollen wir thun, Dorothe, wollen wir uns freuen des Falls unseres Feindes, und unser Herz froh sein lassen über sein Unglück? oder wollen wir thun nach dem Wort: »Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brod, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser?«

Dorothe sprach nichts, nur ein leises Zittern ihrer Hand verrieth die Bewegung ihres Herzens; Thräne auf Thräne fiel herab auf's Angesicht des Kranken, und sie hörte nicht auf, dem Schwachen die Stärkung zu reichen. Als sie vollendet hatte, da faltete sie schweigend ihre Hände; ihr Herz betete, und dem Todfeind war verziehen. Und ihre Hände pflegten sein, und ihr Auge wachte über ihm bei Tag und bei Nacht, und von ihr empfing er Speise und Labung.

So gingen drei Tage hin. Am dritten des Morgens stand Dorothe wieder am Bette des Kranken, und reichte ihm eine Stärkung; da schlug er zum ersten Male die Augen auf, seufzte tief, als erwache er aus schwerem Traum, blickte forschend in's Angesicht seiner Wärterin, und fragte in leisem Tone: »Wo bin ich?« »Im Schulhaus zum Veitsberg«, war Dorothe's Antwort. »Und wer seid ihr, gute Frau, die ihr mich so sorgsam pfleget? In lichten Augenblicken meiner Krankheit habe ich euch allezeit helfend und theilnehmend an meinem Bette gesehen. Auch Thränen waren manchmal in euren Augen; ihr müßt es recht wohl mit mir meinen; sagt mir, wer seid ihr?« »Ich bin Dorothe, des Schulmeisters Justus Eheweib«, gab sie ruhig zur Antwort.

Auf dieß Wort schloß sich schnell das Auge des Kranken; mit einer raschen Bewegung faßte er sein Haupt, ließ eben so schnell die Hand wieder sinken, warf einen ängstlich-scheuen Blick auf seine Pflegerin, und stöhnte dann aus dem tiefsten Herzen. Der Anblick dieses inneren Kampfes war zu fürchterlich und Dorothe entfernte sich schnell aus der Stube.

Während dieses ganzen Tages hörte man den Kranken oft seufzen; schweigend und mit niedergeschlagenen Augen nahm er alle Pflege an. Am nächsten Morgen aber schien sein Herz gebrochen zu sein; er rief den Justus und sein Weib an sein Lager; er that ein laut Bekenntniß seines Unrechts; er legte Geständnisse ab, die ihn als Dieb und Ehrenräuber brandmarkten; er erzählte, wie er die Familienpapiere von Dorothe's Mutter mit List an sich gebracht, und um eine bedeutende Summe den unrechten Erben verkauft habe; er schilderte die Schleichwege, auf denen er dem Schulmeister Ehre und Brod geraubt; ja er gestand sogar, daß die Reise nach Grünberg, die so üblen Ausgang gehabt, von ihm nur unternommen worden sei, um den Richter durch allerlei falsche Vorspiegelungen zu einem ungerechten Urtheil zu bestimmen, fügte aber hinzu, daß ihm das nicht gelungen sei, sondern daß des Schulmeisters Sache gut stehe, und seine Unschuld bald völlig erkannt werden würde. »Daß ihr nach Allem, was ihr von mir habt erdulden müssen«, sprach er dann, »noch so gut gegen mich gehandelt, das möcht' ich in seiner Möglichkeit begreifen, aber ich kann's nicht; ich muß wohl zu schlecht dazu sein. Ich fühle eure Liebe und doch verstehe ich sie nicht; aber Eins begreife ich, und das steht fest bei mir, ich will mein Unrecht wieder gut machen, soweit ich kann, und euch euren Liebesdienst reichlich vergelten.«

»Denkt nicht an uns, Herr Rath«, sprach ernst der Schulmeister, »auch nicht daran, wie ihr uns lohnen wollt für alles angethane Leid, denkt vielmehr daran, wie ihr nach allem Geschehenen mit eurem Herrgott stehet, und wie ihr ihm Dank schuldig seid für seine gnädige Hülfe in der Stunde der Noth.«

Darauf gab der Gerst keine Antwort. Denn sein Ohr hatte den Klang des Namens Gottes längst verlernt, und in seinem Herzen hatte das Wort Gottes keine Stätte mehr. Es glich dem Wege, dem hartbetretenen, davon die Vögel den guten Samen aufgefressen.

So gingen einige Tage hin. In dem körperlichen Befinden des Gerst ging keine große Veränderung vor sich, denn die Beschädigungen am Kopfe waren nicht ungefährlich, und ließen ein langes Krankenlager fürchten. Aber auch sein geistiges Befinden besserte sich nicht. Nachdem er einmal ein oberflächliches Bekenntniß seiner Sünden gegen den Schulmeister und sein Haus abgelegt hatte, fiel er wieder in seine alte Herzenshärtigkeit, war äußerst reizbar, ungenügsam und launig, und man sah so recht deutlich, wie das körperliche Leiden sein Gewissen noch mehr verstockte. Es war darum nur Freude im Hause des Justus, als Etliche seiner Freunde ihn sorgsam einpackten und nach Gießen brachten, wo er sich in seiner gewohnten Umgebung eine baldige Wiederherstellung versprach.

Kaum war er weg, so erfolgte auch das Urtheil über die Schatzgräber und über ihren Mitbeschuldigten, den Kalendermann. Justus ward völlig freigesprochen; aber für alle ausgestandenen Mühen, für alle gehabte Kränkungen gab man ihm keine Entschädigung. Dessen bedurfte es auch bei Justus nicht. »Mein Trost ist der«, sprach er, »daß ich ein gut Gewissen habe und befleißige mich, reinen Wandel zu führen bei Allen.«

Den Schatzgräbern aber erging es übel; sie wurden theilweise zu langem Gefängniß verurtheilt, auch der Schreinerkaspar, den man später eingefangen hatte. Nur der Fleischhauer war und blieb verschwunden, und von Obrigkeitswegen ward Beschlag auf sein Häuschen gelegt, und auf Alles, was sich drinnen fand. Da kam denn manches merkwürdige Stück zu Tage, Werkzeuge, deren Gebrauch Niemand verstand, und Inschriften, die Niemand enträthseln konnte.

Noch vor zwanzig Jahren waren diese, damals den Schatzgräbern abgenommenen Gerätschaften: der Erdspiegel und die Wünschelruthe, der papierene Zauberkreis und der Stab des Beschwörers, auch etliche der Zaubersiegel, die die Gehülfen getragen, noch vorhanden, und ich hab' sie selber wiederholt beschaut, und meine Betrachtungen darüber gemacht.

Noch ist die Zeit der Schatzgräberei nicht vorüber, trotz Aufklärung und Eisenbahnen, und wem eine Heerde vertraut ist, der wache; denn während die Leute schlafen, kommt noch derselbe alte Feind und säet Unkraut unter den Waizen.

Und abermals, nach einem Winter voll trüber Erfahrungen, kehrte der Frühling als willkommener Gast auf dem Veitsberg ein. Aber so friedlich es auch in den Herzen der Bewohner des Schulhauses aussah, so stille ward er doch begrüßt. Heinrich in unbekannter Ferne, die Töchter im Dienst bei fremden Leuten, Dorothe gebeugt von Krankheit, und der Schulmeister zurückgezogener und ernster, denn je. Wenn dann Selma allein und mit ihrer Handarbeit beschäftigt am kleinen Fenster saß; wenn sie herabsah in's Thal, wo sich im warmen Frühlingswetter Menschen und Thiere eines neuen Daseins freuten; wenn sie hinübersah in die blauen, waldigen Berge, wer kann's dem Mägdlein verargen, daß dann allerlei Gedanken an Vater und Mutter, an die ferne Heimath und an ihr künftiges Lebensloos in ihr aufstiegen! Es gibt ein Heimweh, das fühlen Blumen und Vögel in der Fremde, zumal wenn der Frühling wieder kommt; sollte nicht ein Menschenherz viel mehr davon leiden? Ja, wir leiden Alle daran und die Jugend am meisten, denn sie sucht nach. O, daß sie immer recht suchte, und im Suchen den rechten Führer und die rechte Heimath nicht aus dem Auge verlöre! —

Mit den ersten Tagen des Frühlings gelangte auch die Nachricht auf den Veitsberg von dem Tode des Gerst. Die Wunden hatten nicht heilen wollen und bewirkten einen langsamen und schmerzhaften Tod. Man erzählte viel von seinem Ende, wie schmerzhaft und wie herzzerreißend das gewesen sei; wie die Geister seiner Sünden in schreckhaften Gestalten an seinem Lager gestanden, und wie er sich mit all' seinem erwucherten Gelde keine treue Pflege in seinen Leidensstunden und kein fröhlich Ende habe erkaufen können. Oft, so erzählte man, habe er den Vorsatz gefaßt, den Schulmeister vom Veitsberg noch einmal zu sich zu bescheiden, und wiederholt habe er geäußert, Justus sei der einzige Mensch auf Erden, dem er wünsche, daß es ihm wohl gehe.

Im Hause des Justus ward nichts von dem Todten gesprochen, kein Wort des Tadels oder der Freude über sein Ende, sondern Justus sprach, als er die Kunde von seinem Abscheiden erhielt: »Gedenke seiner, Herr, nach deiner Barmherzigkeit.« So schien auch hier sein Andenken für immer erloschen. Aber es ward bald neu aufgefrischt. Von mehreren Seiten ward dem Justus gemeldet, wie man in Erfahrung gebracht, so habe der Rath Gerst die Dorothe Justus, geborne Kunz, mit einer bedeutenden Summe in seinem Testamente bedacht; und so um die Heuerndte hin geschah eine förmliche Aufforderung an Dorothe von Seiten des Sachwalters des Verstorbenen, der Eröffnung des Testaments beizuwohnen.

Als Stellvertreter seines Weibes erschien Justus am bestimmten Tage in der Wohnung des Verstorbenen. Lachende Erben, größtenteils arme Leute, waren aus der Ferne gekommen, und sahen gespannt dem entscheidenden Augenblick entgegen. Auch Leute aus der Stadt, die mit dem Gerst in Verkehr gestanden, oder in seinen Diensten gewesen waren, hatten sich eingefunden. Zuletzt drängte sich noch ein Weib herein, blaß und in ärmlicher Kleidung. Sie führte ein Kind an der Hand, und eins trug sie auf dem Arm. Man wußte nicht, wo sie herkam, noch welche Ansprüche sie an den Verstorbenen habe.

Das Testament wurde den Anwesenden als unverletzt gezeigt und dann geöffnet. Es war von neuem Datum, und von dem Verstorbenen an die Stelle eines ältern gesetzt worden, das damit seine Gültigkeit verloren hatte. Die Verwandten waren in demselben mit kleinen Summen bedacht, und an ihren Gesichtern sah man deutlich die Täuschung. Auch seine Dienstboten, namentlich der Knecht, der ihm zuletzt gedient und jenen Unfall mit ihm erlitten hatte, erhielt einen anständigen Jahrgehalt. Alles Uebrige, eine sehr bedeutende Summe, war zwischen Justus Ehefrau und einem gewissen Felix Fleck, Sohn von Johannes Fleck, den Keiner der Anwesenden kannte, getheilt.

Wer der Felix Fleck gewesen sei, darüber hat man nie etwas Zuverlässiges erfahren. Viele hielten ihn für einen natürlichen Sohn des Verstorbenen. Der Felix Fleck kam und nahm, da seine Papiere in Ordnung waren, später die Erbschaft ohne Widerrede in Empfang.

Das Testament war verlesen, und Stille herrschte im Gemach; Jeder gab sich seinen Betrachtungen hin; Keiner schien ganz befriedigt. Da trat mit tiefer Blässe auf dem Angesicht das Weib mit den beiden Kindern vor den Tisch des Richters, wollte reden, aber die Zunge versagte ihr den Dienst. Unter großer Anstrengung fragte sie endlich den Richter, ob kein Nachtrag zum Testamente vorhanden sei? Als das verneint wurde, bedeckte sie mit beiden Händen das Angesicht, und weinte laut und rief: »Kann auch ein Mensch so grausam sein, daß er sein eigen Fleisch und Blut vergesse und verläugne! Doch, was klag' ich, und wer erbarmt sich mein! Kommt, meine Kinder, ihr sollt nicht wissen, wer euer Vater war!«

Damit wollte sie zur Thüre hinaus. Aber Justus faßte sie freundlich bei der Hand, trat zum Tische des Richters, und sprach mit lauter Stimme: »Das Geld, das nach dem Willen des Rath Gerst meiner Frau, Dorothea, gebornen Kunz, vermacht ward, gehört von Gott und Rechtswegen ihr. Warum? das wußte der Verstorbene und ich weiß es auch, aber Niemand soll's erfahren. Ehe ich herging, gab mir mein Weib Vollmacht, mit der Erbschaft zu thun, was ich für recht erkennen würde; »in meine Hände«, sprach sie, »soll kein Pfennig kommen von diesem Gelde, denn es ist unrein durch Blut und Thränen.« Hier steht des Gerst Weib, und da sind seine Kinder; nehmt denn, Herr Richter, Folgendes von mir zu Protokoll: »Ich Jakob Konrad Justus, Schulmeister zum Veitsberg, erkläre kraft und in Vollmacht meines Eheweibes, Dorothea, geborener Kunz, daß ich auf die Erbschaft des Rath Gerst zu Gunsten seiner natürlichen Kinder verzichte. So wahr mir Gott helfe!« »Und hier meine Unterschrift.« —

Da lief ein Murmeln des Beifalls durch die Versammlung, und das Weib fiel auf ihre Knie und pries Gott mit lauter Stimme. Und wie sich Justus leise aus der Stube entfernen wollte, da erhob sich ein Advokat, der dem Richter zur Seite gesessen hatte, ging ihm nach, und drückte ihm die Hand; und von dem Tage an wurden Beide die innigsten Freunde. Und der Advokat war mein Großvater, und ist nun schon an sechsundsechzig Jahre todt. In seinen Händen war ein Theil der Papiere des Kalendermanns, und von ihm stammen die Erzählungen, die ich, in diesen bunten Strauß gebunden, dir, mein lieber Leser, reiche. Mein Großvater pflegte zu sagen, so oft er von ihm sprach: »Arm wird der Justus bleiben bis an sein selig Ende; und doch ist er der glücklichste Mensch, den ich kenne; er ist reich in Gott.«

Noch eine freudige Ueberraschung war heute dem Justus vorbehalten, ehe er heimging. Wie er in ein Gäßlein einbog, kam ihm sein alter Freund, der Corporal Scheuermann, entgegen; aber nicht mehr die kräftige Soldatengestalt von ehemals; das Gesicht war hager, das Haar gebleicht und der Nacken gekrümmt. »Es ist vorüber mit meinem Dienst«, sprach er, als er dem Schulmeister kräftig die Hand geschüttelt hatte, »ich fühl's, es ist vorüber hier unten, und der liebe Gott wird mich bald in ein ander Regiment versetzen. Da wart' ich denn täglich auf meinen Abschied, und gibt mir mein gnädiger Herr noch ein Geringes an Gnadengehalt dazu, so ist Alles erfüllt, was ich wünsche. Doch ja, ich wünsche noch Eins, Herr Justus, und hab' bisher oft daran gedacht; könnt ihr mir nicht ein Plätzchen gönnen auf eurem Veitsberg? So lang ich einen Justus hatte, mit dem ich reden konnte, war mein Herz allezeit guter Dinge; jetzt, wo ich alt bin, möcht' ich das Labsal nicht entbehren. Hat Dorothe den alten Scheuermann noch lieb, wie er sie lieb hat, so wird sie ihm ja ein Plätzchen am Ofen gönnen, bis man ihn zur Ruhe legt. Sagt ja, Herr Justus! Es will Abend werden und mein Tag hat sich geneigt, und ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein. Aber ich möchte, daß ich unter Gottes Wort einschliefe, und fromme Hände mir die Augen zudrückten. Da hab' ich freilich meine Verwandten im Vogelsberg, aber die herzen mich nicht. Die sehen lüstern nach dem Wenigen, das ich noch habe, und gönnen mir das Bischen Leben nicht.«

»So langer Rede hätte es nicht bedurft, Scheuermann«, sprach herzlich der Schulmeister; »kommt nur, sobald ihr den Abschied habt; Haus und Brod wollen wir mit euch theilen, und ein traulich Wort und ein freundlich Gesicht soll euch nicht fehlen.«

Da wischte sich der alte Corporal die Augen, und mit herzlichem Händedruck schieden die alten Freunde.


17. Es wird Licht.

So war wieder ein Herbst gekommen. Die Erndte von Acker und Baum war eingethan und der Gallmarkt, dieß liebe Fest für Grünberg und seine Umgebung rings umher, war abgehalten und die Vögel rüsteten sich zum Flug in wärmere Länder.

Der Corporal Scheuermann war mit ehrenvollem Abschied und mit einem kleinen Gnadengehalt zur Ruhe gesetzt worden. Jetzt zog er ein auf dem Veitsberg, und mit ihm die Erinnerung an die alte Zeit, trotz ihrer Sorgen und Mühen von ihm nur »die gute alte Zeit« genannt. Da saßen sie denn zusammen, die alten Freunde; da ward das traute Dämmerstündchen mit mancher alten Erinnerung ausgefüllt, da ward manch' alt Histörchen wieder aufgewärmt, das aus des Corporals Munde allezeit mit »es war in den dreißiger Jahren« begann, und von dem Justus und den Seinen mit großer Geduld angehört. Und einen willigen Hörer fand Justus für seine Sternwissenschaft und Kalenderkunst in dem Alten. Er schaute mit ihm hinauf zu den Sternen, den ewigen Zeugen der Macht und Freundlichkeit Gottes; er ließ sich die Bahnen der einzelnen Himmelskörper beschreiben, und staunte darob; er sprach mit voll Glauben und Hoffnung, wenn des Heilands Spruch bedacht ward: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen«, und Schauer der Nähe Gottes und Zeugnisse seines Geistes gab's genug im stillen Schulhaus zum Veitsberg.

Einst an einem Abend saßen sie auch so traulich zusammen; da trat ein Nachbar ein, bot freundlich einen guten Abend und sagte: »Schulmeister, heute krieg' ich gewiß ein freundlich Gesicht von euch, denn ich bringe einen Brief, der sonder Zweifel von eurem Heinrich kommt, und den ihr gern auslösen werdet, so theuer er auch ist. Der Postreiter gab ihn mir heute in Grünberg, und ich hab' ihn mit dreißig Albus müssen loskaufen.«

»Ja, ein Brief von Heinrich«, rief der Schulmeister aus, als er die Aufschrift las: »Gott Lob, so lebt er noch. Und wie schwer und wie groß ist der Brief, da muß viel drinnen stehen. Bleibt, Nachbar, ihr sollt auch erfahren, was Heinrich schreibt, und mögt, so es euch gefällt, die Abendsuppe mit uns essen.«

Und der Brief ward geöffnet, und die Zeit der Abendsuppe kam und ging vorüber, und der Wächter rief die Mitternachtsstunde ab, und noch saßen sie zusammen, der Schulmeister und sein Weib, der Corporal und der Nachbar und Selma, denn die ging der Brief besonders an; sie saßen da, ergriffen und weinend, von Hoffnung und Furcht erfüllt, und Eins nach dem Andern fragte, und fragte wieder, und gab Rath; denn der Brief war ein schöner, ernster Brief.

»Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt!« rief der Schulmeister tief gerührt. »Wie doch dem Vater- und Mutterherzen ein solch' Wort aus Kindesmund so wohl thut! Glaub' dir's, du treue Kindesseele, daß dein Herz daheim ist bei Vater und Mutter, und daß du täglich betest für der Schwestern Wohl! Glaub' dir's, daß du einen Sparpfennig sammelst für uns daheim, zu vergelten die Wohlthat! Und Selma du, was sagst du zu dem, das der Brief erzählt? Dir gibt er Hoffnung, Vater und Mutter wieder zu finden, freust du dich darüber?« Aber Selma antwortete nicht; ihr war zum Sterben wehe. Alles, was seit Jahren in ihr gelegen von Furcht und Hoffnung, was sie oft gewaltsam zurückgedrängt, wonach sie sich gesehnt und wovor sie sich doch gefürchtet, das war nun mit einem Male ihr nahe getreten, und es brachte nicht Freude, nein, neuen Schmerz.

Aber was stand denn in dem Briefe? — Aus einer Stadt am Rhein, wo er Arbeit und Brod gefunden, hatte Heinrich zum letzten Male geschrieben; das war um Ostern hin gewesen. Da hatte er erzählt, wie ihn der liebe Gott bis dahin gut geführt; wie er überall gute Menschen gefunden, und wenig Hunger bis dahin gelitten; wie er sich etwas Geld gespart, um damit nach Holland zu reisen, und den Onkel aufzusuchen, und über Selma's Aeltern sich zu erkundigen.

Es war aber Holland damals, was jetzt Amerika ist, das Land der Hoffnung für Jeden, dem es daheim nicht gefiel, und der sein Glück in der Fremde suchen wollte. Denn reich war damals Holland noch; es hatte viel Schiffe auf dem Meere gehen, und brauchte viel fremde Hände, und die ihm dienten, die bezahlte es gut, und hatte namentlich die Deutschen gerne als Soldaten und Handlungsdiener und Dienstboten. Nach diesem Holland stand auch Heinrich's Sinn. In diesem Lande war ja der Pathe und hatte es gut dort; von diesem Lande, seinem Reichthum, seiner Sauberkeit, seinen Schiffen und Kanälen hatte der Vater ihm so viel erzählt, und in diesem Lande sollten auch die Aeltern Selma's wohnen, und zwar in der Stadt Delft, die er sich genau gemerkt hatte, sowie nicht minder den Namen von Selma's Vater. Einzelne Andeutungen hatte zwar immer nur Justus davon gegeben, und liebte es um Selma's willen nicht, viel darüber zu reden; aber dem aufmerksamen Knaben war das Wenige nicht entgangen, und er beschloß, es zu nützen. Auch hatte er in seinem letzten Briefe keinen Hehl daraus gemacht, und Selma war damals schon nachdenklich darüber geworden. Was sie aber jetzt hörte, wie mußte sie das ergreifen!

Heinrich war geraden Weges nach Delft gereist, hatte sich dort erkundigt nach dem Kaufmann van der Bruck, und sein Haus sich bezeichnen lassen. Er war hineingegangen und hatte gefragt, ob man keinen Menschen seines Alters und seiner Geschicklichkeit brauchen könne, und war in die Schreibstube gewiesen worden zum obersten Buchhalter. Der war ein altes, dürres Männchen, mit schneeweißem Haar, und einer großen Brille auf der Nase, und saß gesondert von den übrigen Schreibern, hinter einem Gitterverschlag auf erhöhtem Sitze, von wo er die ganze Stube übersehen konnte. Heinrich trug in gebrochenem Holländisch, denn er war der Sprache noch nicht mächtig, sein Gesuch vor. Der Buchhalter warf einen schnellen Blick auf ihn, und schrieb dann weiter. Etwa nach einer Viertelstunde, die unserm Heinrich lang wie ein Tag vorkam, drehte er sich langsam um, betrachtete den Jüngling von oben bis unten, und sagte dann in gutem Deutsch: »Man wünscht bei van der Bruck in Dienste zu treten?«

»Ja!«

»Hat man sich schon anderswo im Handel umgesehen?«

»Nein!«

»Hat man Testimonia aufzuweisen?«

»Nein!«

»Als was wünscht man denn bei van der Bruck placirt zu werden?«

»Wozu eure Edlen mich brauchen können.«

»Ist er nicht zu stolz, im Packhaus zu dienen, bis er seine Qualifikation zu etwas Anderem gezeigt hat?«

»Von Herzen gern!«

»So zeig' er seine Hände her! — Nun thu' er seine Brust auf, daß ich sein Hemd beschauen kann! — Heb' er einmal dort den Geldsack auf, und trag' er ihn auf den Schultern bis dort zu jenem Pulte.«

Heinrich that wie ihm befohlen wurde, und stand bald wieder vor dem Buchhalter. Der sah ihn noch einmal von oben bis unten an, und sagte dann: »Er ist von jetzt an Aufseher im Packhaus von van der Bruck, und erhält wöchentlich vier holländische Gulden und freie Kost bis auf Weiteres.« »Friedrich«, so rief er einem der Schreiber zu, »man führe diesen Burschen in's Packhaus, und weise ihn in seine Geschäfte ein!«

So war Heinrich Aufseher im Packhaus. Er hatte die Waaren, die ankamen und abgeholt wurden, in Empfang zu nehmen und abzugeben und in die Lagerbücher einzutragen, und über die Waaren zu wachen.

Nach vier Wochen kam der Buchhalter, der sonst schweigend an ihm vorbeigegangen war, auf ihn zu und sagte: »Man ist zufrieden mit ihm; er bekommt von heut an wöchentlich sechs Gulden.«

Nach Verlauf von abermals vier Wochen kam der Buchhalter in's Gewölbe, und hatte eine Schiefertafel in seiner Hand. »Da«, sagte er, »wenn man sich auf's Rechnen versteht, so löse man dieß Exempel.« Heinrich löste es mit großer Schnelligkeit, denn auf die edle Rechenkunst hatte sein Vater viel Fleiß gewendet. »Man löse diese schwerere Aufgabe«, sagte der Buchhalter, und hielt abermals die Tafel hin. »Das hat er gut gemacht«, sprach ernst der Buchhalter, als er die Aufgabe geprüft hatte. »Nun schreib er in zehen Minuten einen Brief nach Amsterdam an das Handlungshaus Heeren und Comp., und zeig' er an, daß die verlangten Waaren abgegangen seien.« Mit der Uhr in der Hand stand der Buchhalter neben dem Jüngling; nahm dann den Brief in Empfang, durchsah ihn und sagte: »Man gehe hinein, und setze sich rechter Hand an den ersten Pult; man ist von heute an Schreiber mit unbestimmtem Gehalt.«

So war denn Heinrich Schreiber im Hause des Herrn van der Bruck zu Delft; aber dem eigentlichen Zweck seines Hierseins war er in zwei Monaten um keinen Schritt näher gekommen. Seinen Herrn hatte er noch mit keinem Auge gesehen; der wohnte in einem Hause, das im Hintergrunde eines großen Gartens lag, der das Kaufhaus nebst den dazu gehörigen Gewölben und Speichern von der Herrnwohnung schied. Der Buchhalter holte Morgens die Befehle bei dem »alten Herrn«, wie er genannt wurde, und von einem jungen Herrn war durchaus keine Rede. Auch war jede Stunde im Tag so eingeteilt und mußte so benutzt werden, daß zu Fragen und Erkundigungen wenig Zeit übrig blieb. Schweigend verrichteten alle Hausgenossen ihre Arbeit; Ordnung wurde in Allem, im Schlafen, im Ruhen, in der Arbeit, wie in der Erholung gehalten, strenge Ordnung, und wer sich dieser nicht unterwerfen wollte, der ward seines Dienstes entlassen. Dem Buchhalter zu Gefallen leben, war nicht leicht.

Doch Einer war im Hause, von dem Heinrich sich Aufschluß versprach über alle Fragen, die ihm je länger je mehr das Herz beschwerten; das war der alte Kammerdiener seines Herrn, ein Deutscher von Geburt, mit Namen Siegmund. Der Mann hatte ein so Zutrauen erweckendes Ansehen, und grüßte unsern Heinrich so freundlich, wenn er ihm begegnete, und hatte selbst schon einmal ein kurzes, aber herzliches Gespräch mit ihm geführt.

Einst an einem Sonntag Morgen traf Heinrich den Alten, wie er mit einem Gebetbuch in der Hand in einer Hütte des großen Gartens saß. Der Jüngling wollte sich schweigend zurückziehen, aber der Alte winkte ihm, und sie redeten mit einander wie Landsleute thun, von Vaterland und vom Glauben der Väter, und der Alte gewann den Heinrich lieb, und lud ihn zu sich auf den Abend in seine Stube im Herrnhaus.

Wie erstaunte Heinrich, als er am Abend in die Nähe desselben kam. Das Haus lag mitten in einem Meere von Blumen, auf zierlichen Ländchen mit Buxbaum eingefaßt, und mit wunderbarer Kunst gepflanzt. Das Auge konnte sich nicht satt sehen an der Farbenpracht der Tulpen, und die Luft war rings erfüllt von dem Wohlgeruch der Hyacinthen. Das Wasser eines Springbrunnens fiel in verschiedenen Strahlen in einen Teich, aus Marmor gehauen, in welchem Goldfischchen schwammen; und über den Rand des Teiches bogen sich wieder Blumen herab, gleich als wollten sie sich in dem klaren Wasser beschauen. Das Gebüsch zu beiden Seiten der Blumenbeete war mit einem Drahtgitter umzogen und überbaut, und Vögel aller Art, zum Theil aus fremden Ländern, mit buntem, glänzendem Gefieder, trieben da ihr Wesen, und erfüllten die Luft mit ihren Gesängen.

Hoch erstaunt über all' diese Pracht, die er bis dahin noch nicht gekannt hatte, trat Heinrich in's Stübchen des Alten. Das war nett und freundlich, und von einer Reinlichkeit, als hauste nicht ein alter Junggeselle, sondern ein Mägdlein drinnen. »Wie muß unser Herr sich so glücklich fühlen«, sprach Heinrich, »daß er dieß Alles sein nennen kann! Solche Pracht habe ich nicht für möglich gehalten!« »Ja reich ist unser Herr«, gab Siegmund zur Antwort, »reicher als man weiß und glaubt, aber glücklich ist er eben nicht. Es gilt auch hier, was dort geschrieben steht: »Es ist Mancher arm bei großem Gut, und Mancher reich in seiner Armuth.« »Aber was fehlt ihm denn, und warum ist er nicht glücklich?« fragte neugierig Heinrich. »Seid, wie ich, erst einmal ein Viertel Jahrhundert in einem und demselben Hause, mein Sohn«, sprach der Alte, »dann seht ihr, wo eure Herrschaft der Schuh drückt; aber dann lernt ihr auch schweigen, und eurer Herrschaft schwache Seiten vor Fremden verbergen.«

»Ich will euch kein Geheimniß ablocken, Vater Siegmund«, sagte bescheiden Heinrich, »sondern ich suchte eure Bekanntschaft, um euch selbst eins zu vertrauen. Hört denn!«

»Es mögen etwa sechszehen Jahre sein, da kam in der Herbstzeit, am selben Tage, als wir unser Lenchen begruben, das jüngste von uns Kindern, mein Onkel Heinrich Justus, der in Delft bei einem Kaufmann mit Namen van der Bruck als Jäger in Diensten stand, mit einem Kinde auf den Veitsberg, das er für das eheliche Kind seines jungen Herrn, eines van der Bruck, ausgab, und bat meine Aeltern, sich des Mägdleins anzunehmen, bis die Aeltern es wieder holen würden. Und das Kind hieß Selma. Meine Aeltern nahmen es auf, und mein Onkel versprach, bald zu schreiben. Aber alle Nachricht blieb von ihm und den Aeltern des Kindes aus; und obgleich mein Vater wiederholt hierher schrieb, so haben wir doch nichts wieder gehört. Sagt, könnt ihr mir Aufschluß geben über diese Sache, und ist Selma's Vater ein Sohn unseres Herrn?«

Auf dem Angesicht des Alten hatten bei dieser Rede Blässe und Röthe schnell gewechselt; er war aufgestanden, und hatte dem Jüngling starr und schweigend in's Angesicht gesehen. Dann ging er zur Thüre, sah sich ängstlich draußen um, verschloß sie dann vorsichtig, trat wieder vor Heinrich hin und fragte in leisem Tone:

»Also lebt das Kind noch, und ist ein Mägdlein, und ist daheim bei euch?«

»Es ist mit uns auferzogen worden«, gab Heinrich zur Antwort, »und Vater und Mutter haben keinen Unterschied unter uns gemacht; Selma ist wie das Kind vom Hause gewesen, und hat erst am Tage ihrer Confirmation erfahren, daß sie aus der Fremde zu uns gebracht worden sei.«

»Dann ist es Zeit«, sprach vor sich hin der Alte; »nun darf nicht mehr geschwiegen werden. Wisset, ich wollte das Schicksal des Hauses, dem ich diene, vor euch, einem Neuling, verbergen, aber ich kann nicht mehr. Euch sendet der liebe Gott zur Rettung mehrerer Menschen. Seht, es ist ein böses, heimliches Schicksal, das auf diesem Hause ruht; fast möcht' ich sagen, ein Fluch. Denn so reich man hier im Hause ist an Geld, so arm ist man an Herzensfrieden. Ich glaube, mein Herr hat nie gewußt, was Friede sei, denn so lange ich ihn kenne, ist er in sich gekehrt, mürrisch und unfreundlich. Fast scheint mir's, als habe er nie einen Menschen geliebt, was Wunder, wenn er nie ist wieder geliebt worden. Seinen einzigen Sohn, den Vater des Mädchens, hat er gut erziehen lassen, aber lieb hat er ihn wohl nie gehabt, und eben so wenig des Kindes Mutter, die frühe gestorben ist. Dem Sohn soll es immer ein Fürchterliches gewesen sein, vor dem Vater zu erscheinen. Und doch war Lewin ein Kind guter Art, und hätte gerne seinen Vater lieb gehabt, denn sein Herz war gar weich und treu, wenn ihn sein Vater nicht immer durch seine Härte von sich gestoßen hätte. Lewin liebte ein Mädchen, arm aber unbescholten, und wünschte es zu ehelichen; er vertraute sich dem Buchhalter und bat den, ein gutes Wort bei dem Vater einzulegen. Aber da war er an den Unrechten gekommen; der Mann hat schlecht an dem Sohne seines Herrn gehandelt. Dem war eine solche Heirath wie ein Schandfleck für das reiche Haus van der Bruck. Er rieth, den Sohn auf Reisen zu schicken. Da ließ sich Lewin heimlich mit seiner Geliebten trauen, und euer Oheim war dabei behülflich. Der Vater erfuhr Alles; ich vermuthe, durch Spionen, die er ihm nachschickte. Lewin ward zurückgerufen, mit den gröbsten Drohungen empfangen, und fast mit Gewalt, unter Androhung von Enterbung und Fluch, auf ein Schiff gebracht, das nach Batavia unter Segel ging. Dem Patron des Schiffes ward mit aller Strenge verboten, irgend Jemand mit dem jungen van der Bruck reisen zu lassen. Aber was vermag die Liebe eines Weibes nicht! Mora mischte sich, als Schiffsjunge verkleidet, unter die Matrosen; das Schiff fuhr ab, und der Capitain gab sich nach langem Zögern und Schelten zufrieden, als ihm Lewin den Beweis lieferte, Mora sei sein ehelich angetrautes Ehegemahl. Auch euer Onkel wollte auf demselben Schiffe mit hinüber, ward aber ergriffen und zurückgebracht. Später soll er auf einem andern Schiffe seiner Herrschaft nachgereist sein; was aber aus ihm geworden, das weiß Niemand. Nach Batavia scheint er nicht gekommen zu sein, wenn man Alles, was sich später begab, zusammenhält. Denn nun beginnt erst die Sache recht schwarz und böse zu werden.«