Auf, müdes Herz und werde Licht!
Du seufzest hier in deinen Banden,
Und deine Sonne scheinet nicht.
Sieh' auf das Lamm, das dort mit Freuden
Dich wird vor seinem Stuhle weiden;
Wirf hin die Last und eil' ihm zu!
Bald ist der schwere Kampf vollendet,
Bald, bald der saure Lauf geendet,
Dann gehst du ein zu deiner Ruh'! —
6. Die Wartezeit.
Tritt einmal im Geist mit mir an's Ufer des Meeres, mein lieber Leser. Von leichten Wellen gekräuselt, liegt tiefblau und prächtig das Meer; blau und wolkenlos wölbt sich der Himmel drüber hin, und unten in der Tiefe Spielen die Fische, und drüber in der Luft schweben die Vögel des Himmels, Alles voll Leben und Lebensfreude. Und am Ufer liegt ein Schifflein; bunt bemalt ist sein Rumpf, ein glänzendes Schild trägt seine Vorderseite; ein Weib ist es, das auf einen Anker sich lehnt, das ist des Schiffes Sinnbild und Name: »die Hoffnung.« Lustig spielt der Wind mit den leichten bunten Fahnen, die von den Masten herabwehen, und durch Segel und Tauwerk rauscht es in sanfter, heimlicher Weise. Auf dem Schiffe treibt sich ein lustig Völkchen umher; Auswandrer sind es, die von Osten kommen und nach Westen reisen, weil sie dort ihr Glück finden wollen. Sie haben die Heimath verlassen, den trauten Ort der Kindheit; froh und zuversichtlich sind sie vom Aelternhaus geschieden; sie haben ihm nicht viel Thränen nachgeweint. Warum auch? Fluren, auf denen ein ewiger Frühling herrscht, Bäume, die Blüthen und Früchte zugleich tragen, Früchte der Erde, so süß und labend, Vögel unter dem Himmel, bunt von Farben, und Gottes liebe Sonne Jahr aus, Jahr ein, und immer glänzend und immer warm. Und dabei das Herz so frisch und froh, der Wille so fest, die Hoffnung so stark. Fahr' hin, Schifflein, fahr' hin! Wind und Wellen werden dich schonen, aber du trägst das Verderben in dir selbst. Unten am Bild der Hoffnung, das du trägst, ist eine kleine Oeffnung geblieben. In die ist ein Wurm gedrungen, und ist gewachsen, und hat sich vermehrt, und der Wurm hat das Schifflein angefressen, und es ist mürbe geworden und drohet zu versinken. Verstummt ist die Lust seiner Bewohner; ihr Reigen ist verwandelt in eine Klage. Nach der Heimath blicken sie zurück, klagend und weinend.
Fragst du, mein Leser, wo das Meer ist? Es ist das menschliche Leben. Was das Schifflein ist, das bunt und geschmückt ausfährt? Es ist das Menschenherz. Wo das ferne Land liegt, nach dem des Schiffleins Lauf gerichtet ist? Es ist der Traum, den die Jugend träumt von einem Paradiese, das doch hier unten nicht mehr wohnt. Wer der Wurm ist, der sich in's Schifflein eingebohrt hat? Das ist der Feind, der da kommt, wenn die Leute schlafen und säet Unkraut unter den Waizen, und geht davon. Den Feind nehmen wir Alle mit aus der Kindheit in's Jugendalter. Bald ist's die Sünde, die sich eingebohrt hat in's Herz, dem Wurme gleich; bald ist's der Frühfrost der Sorge, der schon die junge Saat unserer Kindheit gedrückt hat; bald ist's auch die Bosheit der Menschen, die mit allen Waffen der List und des Trugs gegen ein Menschenherz kämpfet, das hoffend ausgehet, das Plätzchen zu suchen, wo es unter dem Frieden Gottes ruhen könnte.
So voll Freude und Hoffnung ging der junge Justus und seine Dorothe in's Leben hinein. Sie hatten sich ja lieb, mehr glaubten sie nicht, daß zum Leben gehöre; sie waren beide fromm und gottergeben, warum sollten sie vom lieben Gott nicht das Beste hoffen!
So war ein Jahr vorübergegangen. Auf dem Grabe der Mutter blühten schon Blumen, und die Wangen der Dorothe glühten von den ersten Rosen der Jugend, und Mutter Kunigunde gewann sie täglich lieber. Denn wie sie schön war von Angesicht, so war sie gut von Herzen, und was sie that, das that sie mit Lust, also daß die Aeltern den Konrad glücklich priesen, und seine Freunde ihn um diesen Schatz beneideten. Aber es war ein Wurm in's Lebensschifflein der jungen Brautleute gerathen, an den sie nicht gedacht hatten, und das war der Neid und die Rachsucht des Advokaten Gerst. Der Mensch wußte nicht, was es heißt: mit den Fröhlichen sich freuen, was es heißt: vergeben und vergessen. Er hatte nicht vergeben, daß ihn die Mutter der Dorothe von sich gewiesen; hatte nicht vergessen, daß das Mägdlein vielleicht doch sein geworden wäre, wenn Konrad ihm nicht zuvorgekommen. Und er schwur, daß er sich an Beiden rächen wollte und hat den Schwur treulich gehalten, und ist zum Wurm geworden, der die Jugendblüthe zweier guten Menschen zerstörte.
Auf dem Grabe der Mutter nahm Konrad Abschied von seiner Dorothe; er wollte als Gehülfe zu einem alten Pfarrer gehen, um so baldige Ansprüche auf eine Stelle haben zu können. Und wie er schied, so sagte er: »Geh' der Mutter rüstig zur Hand, Dorothe, will's Gott, so halten wir bald Hochzeit, und dann ist alles Leid, das du bis dahin gehabt hast, vergessen, und wir wollen täglich dem Herrn danken, daß er uns so wunderbarlich zusammengeführt, und mit unserm Haus ihm dienen, wie es sein Wille ist.« Und Dorothe lächelte unter Thränen und bat um einen baldigen Brief.
Der Brief kam bald, und es kam noch mancher, und ging wieder ein Jahr hin; aber die Aussicht zu Amt und Brod war nicht näher gerückt. Der alte Pfarrer, bei dem Konrad gestanden, war gestorben, und man meinte, der Gehülfe müsse den Dienst kriegen. Doch wie die Zeit der Entscheidung kam, da kam ein Andrer in's Amt, ein Vetter des Gerst, und rühmte sich laut, wie der Vetter sich's viel habe kosten lassen an Zeit und Mühe und Geld, den verhaßten Justus um seine Hoffnung zu betrügen. —
Dem Herrn die Rache anheimgebend, der da recht richtet, zog Konrad weiter und ward Informator bei Einem vom Adel, der ihm versprach, ihm eine seiner Pfarrstellen zu geben, wenn er zwei Jahre bei ihm aushielte. Die zwei Jahre waren ein saures Stück Brod; jeder Tag hatte seine eigne Plage. In dem Haus des Edelmanns galt es als Grundsatz: Nur wer vom Adel ist, der ist was werth und zu achten, alles Andere ist bürgerlich Pack, mit dem darf man schalten und walten, wie man will. So waren denn die Junker trotzig und vorlaut, und der Herr Papa lachte dazu; und die Junker hatten mehr Freude am Fischfang und Vogelstellen, am Reiten und Jagen, denn an ihren Büchern, und der Herr Papa hieß das gut und meinte, das viele Wissen mache den Kopf schwer, und er habe auch nicht viel gelernt und sei doch ein Mann von Kopf geworden. Doch die zwei Jahre gingen unter Geduld und Hoffnung hin und auch das versprochene Amt that sich auf; aber damit auch das Anerbieten, die Kammerzofe der gnädigen Frau zu ehelichen, die auch längst ein ähnliches Versprechen erhalten hatte.
Da nahm Konrad seinen Wanderstab, schüttelte den Staub von seinen Füßen und ging weiter. Gebrochen war sein Muth nicht, denn die Welt war ja weit und das Herz war warm von Glaube und Liebe, und die liebe Heimath nicht fern, und in der Heimath treue, gutmeinende Herzen. Wie er heimkam und dem Vater seine vereitelten Hoffnungen berichtete, da sagte der: »Laß den Muth nicht sinken, Konrad, zu meiner Zeit war es mit dem Laufen um Amt und Brod noch schlimmer, denn jetzt. Wen der liebe Gott warten läßt, dem hat er etwas Besseres noch aufbehalten. Mir ist's auch also ergangen, und ich hab' doch mein gut Theil empfangen, und meine Kunigunde dazu. Nur hinaus und versucht. Der Mann muß sein Amt sich erlauern, wie der Jäger das Wild.
Wie es will der Weidmannsspruch.
Also that Konrad, und erwarb sich, wohin er kam, viel Liebe. So hatte er wieder ein Jahr einer lateinischen Schule in einem Städtchen vorgestanden, und der Magistrat glaubte die Stelle in keine besseren Hände legen zu können, denn in die seinen. Er ward dem Landesherrn vorgeschlagen, und er erwartete täglich seine Bestallung. Statt deren aber kam vom Consistorium ein Schreiben des Inhalts: »Man habe in Erfahrung gebracht, daß der Justus, den man als ein tüchtiges Subject vorgeschlagen, keines guten Rufes genieße; wie er denn da und dort, wo er bisher gedient, kein gutes Gerücht hinter sich gelassen.« Da war es aus mit der Gunst, die man ihm bisher erwiesen hatte; Niemand grüßte ihn auf der Straße, Niemand wollte seine Kinder ihm zum Unterricht anvertrauen, und Konrad mochte hoch und theuer seine Unschuld versichern, und auf seine Zeugnisse sich berufen; man zuckte die Achseln und meinte, das Consistorium müsse das besser wissen. Wie nun Justus das Consistorium selbst um Aufschluß anging, da hieß es: »Es sei schon schlimm, wenn ein solch' Gerede über einen Candidaten im Schwange gehe, er solle nunmehr durch seine Aufführung beweisen, daß die Leute auf ihn gelogen hätten.« Das hatte Konrad nicht erwartet. Mit einem Male durchschaute er die ganze Bosheit seines alten Feindes, des Gerst, und beschloß, diesen selbst zur Rede zu stellen. Aber wo fand er ihn? In einem Amte, das er durch seine Schleichwege sich erbeutet, und das so einflußreich und hoch war, daß der bescheidene Candidat es nicht wagen durfte, ihm mit Fragen und Vorwürfen zu nahen. »Als ich solche Schelmerei und Tücke wahrnahm«, schreibt er in seinem Tagebuch, »und ich schier gestrauchelt mit meinen Füßen, weil es mich verdroß auf die Ruhmredigen, da ich sahe, daß es den Gottlosen so wohl ging, da hab' ich Assaph's Psalm, der da ist der 73te, vielmal gelesen, daß ich ihn fast auswendig gekannt, und mich sonderlich getröstet an dem Wort: »Ich dachte ihm nach, daß ich es begreifen möchte; aber es war mir zu schwer, bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes und merkte auf ihr Ende.« »Laß' mich denn, Herr, mein Gott, bleiben an dir, und halt' mich bei meiner rechten Hand. Leit' mich nach deinem Rath und nimm mich endlich mit Ehren an! Amen.«
Den 13. Februari. »Hab' ich doch nimmer geglaubt, daß so viel Bosheit auf der Welt sei, und daß es so weh' thue, gehaßt zu werden ohne Ursache. Ich bin weggegangen aus meinem Lande und von meiner Freundschaft; denn ich bin wie der Prophet ein Spott meinem Volk und täglich ihr Liedlein. Soll ich warten, bis man mich gehen heißet, und mich bedeutet, daß ich daheim kein Amt finden werde, so will ich lieber selber in die Fremde gehen. Was mein Gott will, gescheh' allzeit! Ist ein sauer Brod, das ich in der Fremde essen muß. Daheim wär's süßer, und würde mir gern von Vater und Mutter gereicht, noch manches Jahr; aber wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Thu' denn, was deines Amtes ist; Zwanzig Thaler und ein Weniges an Kleidung ist ein geringer Lohn für Einen, der von Morgen bis Abend muß informiren. Geb' der liebe Gott nur seine Kraft, daß Alles mög' zu seinem Dienst geschehen.«
Den 3. Martii. »Ist doch ein sauer Amt, das ein Schulmeister hat; man sollt' ihn doppelter Ehre werth halten um seines Amtes willen. Gestern war ein harter Tag. Hatte den Jüngsten knien lassen, weil er Narretheidinge getrieben; ist der Herr Principal hereingekommen während der Pönitenz, und hat mich mit Worten hart angefahren. Ist auch die Frau hinten drein gekommen ob des Lärms, den der Herr gemacht, und hat mir gedroht, sie wolle mir die Suppen versalzen, daß ich daran denken solle. Habe mich exkusiret aus aller Macht; hat aber nichts gefruchtet, sondern haben den Jüngsten mitgenommen und ihm einen Pfefferkuchen gegeben, mit dem er wieder herein gekommen und es getrieben, wie vorher. »Wer seiner Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn.« Sprüchwörter Salomonis 13, 24.
Den 11. Septembris. »Wie doch das Menschenherz ein trotzig und verzagt Ding ist.« Mein Herr glaubt nicht an Jesum, daß er der Christ sei, auch nicht, daß wir Alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhle Christi, und hat zu verschiedenen Malen die Gelegenheit vom Zaun gebrochen, mit mir zu disputiren. Ich hab' kräftiglich Zeugniß gegeben von der Hoffnung, die in mir ist, und aus göttlichem Wort manchen Spieß und Nagel nach seinem Herzen gerichtet, aber das Wort sähet nicht in ihm. Will mich manchmal schier bedünken, als wenn etliche Menschenherzen des Glaubens nicht ein Fünklein in sich hätten. Doch der Herr weiß seine Zeit. Nun liegt der starke Geist, wie er sich selbsten gerne tituliret, auf seinem Schmerzenslager und stöhnt, daß es zum Herzbrechen ist, und flucht auch mitunter gar fürchterlich, aber an Gott, der das Kreuz schickt, will er nicht denken. »Wir rühmen uns der Trübsal, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringet.« Röm. 5, 3.
Den 24. Septembris. »Richtet nicht vor der Zeit«, das Sprüchlein muß dich meistern, Justus! Hast wieder des Herrn Macht bezweiflen und seines Worts vergessen wollen: »Meine Zeit ist noch nicht hie, eure Zeit aber ist allezeit.« Mein Herr hat mich zu sprechen begehrt außer der Zeit, wo ich ihm die Aufwartung gethan; und als ich zu ihm eingetreten, da hat er mich an sein Bett sitzen lassen, und mich fleißig aus Gottes Wort examiniret. Wie ich denn freudig Zeugniß gegeben von der Hoffnung, die in mir ist, auch die Gnade Gottes laut gerühmt, die sich unser wider Verdienst und Würdigkeit erbarmet, und die Vergebung der Sünden noch heut' anbeut Allen, die Gottes Zorn fürchten; da hat mein Herr das Wort ein rechtes Trostwort und Labsal geheißen, und mich ersucht, ihm etliche Kapitel aus heiliger Schrift zu lesen. Darauf hab' ich am ersten den sechsten Psalm gebetet: »Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm &c.« Zum andern, so hab' ich den 51. Psalm vorgenommen, und wie ich kommen bin an den 12. Vers: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gieb mir einen neuen, gewissen Geist; verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heil. Geist nicht von mir«, — da ist mein Herr gewesen, so bußfertig wie David war, da der Prophet Nathan zu ihm kam, und hat unter viel Weinen und Seufzen einmal über das andere Mal gerufen: »Herr, nimm deinen heil. Geist nicht von mir!« Mich selber aber hab' ich gedemüthiget vor dem Herrn ob solch' großer Gnade, die er mir erwiesen, sein Wort zur Buße predigen dürfen, und ist mir gewesen denselbigen ganzen Tag, wie ich meine, daß es Paulo muß gewesen sein, da er sprach: »Ich ward entzückt bis in den dritten Himmel. Hilf nur, Herr, mein Gott, daß ich nicht Andern predige und selbst verwerflich werde!« (1. Korinther 9, 27.)
Den 30. Novembris. »Mein Herr ist durch Gottes Gnade wieder gesund und ein neuer Mensch geworden. O wie ist doch wahr Pauli Wort: »Ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu worden.« (2. Kor. 5, 17.)
»Mein Herr hat eine große Liebe zu mir gefaßt, also daß ich nicht mehr als ein Fremdling im Haus bin, sondern schier als ein lieber Freund. Er will auch, daß ich im Land Sachsen bleiben soll und hat mich Einem von Adel recommandiret, der eine Pfarre zu besetzen hat. »Was mein Gott will, gescheh' allzeit!« Die Erd' ist überall des Herrn, und man kann im fremden Land' auch ein frommer und getreuer Knecht sein. Aber auf Menschenwort und Trost bau' ich nicht viel, seit ich weiß, daß solch' Trauen eitel ist.«
Den 1. Januari. »Wie gedacht, so geschehn! War schon mit einem Bein' im neuen Amt, hat auch meine Dorothe schon getröstet mit einem süßen Hoffnungswörtlein; da ist ein Andrer gekommen und hat erlangt, wonach mein Sinn stand. Ob wohl noch zuviel Eitelkeit und Hoffahrt in meinem Herzen sein mag, weßhalb der liebe Gott mich warten lässet? »Nun, Herr, so zeige mir deinen Weg, daß ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem Einigen, daß ich deinen Namen fürchte!«
Ein Jahr später. »Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, wie meine Väter alle.« (Psalm 39, 13.) Es muß wieder geschieden sein; will einmal wieder mein Glück daheim versuchen. Vater und Mutter mahnen gar dringend an die Rückkehr. Sie meinen, es sollt' mir jetzt daheim auch gelingen und meine Wartezeit nach Gottes Willen zu Ende gehen. Aber das Scheiden thut auch weh', sonderlich wenn man eins geworden ist, einmüthig und einhellig.«
Du treuer Menschenrather!
Auf dein Wort zieh' ich aus,
Auf unbekannten Straßen
Wollst du mich nicht verlassen,
So bin ich überall zu Haus.
Und heuchlerischen Freunden,
Gieb mir die Engel zu;
Geleit' all' meine Werke,
Sei Morgens meine Stärke,
Und dann am Abend meine Ruh'.
Auf der Reise. »Also hab' ich gebetet, ehe ich mein Bündel schnürte und den Wanderstab in die Hand nahm. Der treue Gott hat mein Gebet erhört. Wie ich an die hessische Gränze kommen bin, hab' ich Herberg' genommen in einem Flecken, allda zu rasten. Wäre gerne weiter gegangen, als ich kaum den Reisesack abgelegt. Denn in der Herberg' ging's toll her. Kaiserliche Werber lagen da; die hatten gute Geschäfte gemacht, und tranken den Rekruten vollends den Verband weg. Und die Rekruten waren schier wie toll; Einer sang den Prinz Eugenius und schrie dabei wie besessen; ein Anderer soff und heulte dabei, daß einem weh' zu Herzen ward, und ein Dritter raufte sich mit den Dirnen. Die nicht mehr brüllen und saufen konnten, die hatte man wie die Schlachtschweine unter einen Schoppen gelegt, und dabei standen schnurrbärtige Grenadiere und hüteten ihrer. Wie ich mir den Heidengräuel etwas angesehen und des Sprüchleins eingedenk worden: »Besser allein, denn in böser Gemein«, da wollt' ich wieder meines Weges gehen, obgleich der Abend nahe war. Wie ich mich umwenden will, so kommt ein freundlicher Herr auf mich zugegangen, faßt mich bei der Hand und sagt: »Monsieur scheint auch keinen Gefallen zu haben an solch' unfläthigem Saufen. Theile in dem Stück ganz Monsieurs Meinung. Beliebt's demselben, ein wenig hereinzutreten und einen freundlichen Rath zu halten, so wird Monsieur mich sehr verbinden!« »Das Wort gefiel mir sehr, sintemal meine Füße vom langen Gehen wund geworden waren, und ich trat mit dem Herrn in ein sauber Zimmerlein. Dort hielten wir selbander angenehmen Rath, bis es dunkel ward und erzählten uns unser Lebensschicksal. Und des Fremden Leben war gar wunderbar. Jetzt, so sagt' er, war er auf einer langen Reise, und könnte just einen Secretär und Gesellschafter brauchen, wie ich sei; ich solle mit ihm ziehen. Der Vorschlag leuchtete mir schnell ein; aber ich bedung mir Ueberlegung aus bis zum andern Tag. Da ließ der Herr Wein kommen, denn wir hatten bisher einen Krug Bier mit einander geleert, und ward immer redsprächiger, also daß auch mir das Herz auf die Zungen kam. Da rückte der Fremde mir näher und rief: »Besinnt euch nicht lange mehr, jetzt kennt ihr mich, sagt ja und wir sind Handels einig; da nehmt zum Voraus etwas Reisegeld und schlagt ein.« Wußte nicht, wie mir geschah und hielt die Brabanter, die er in meine Hand gelegt, in den Fingern und sah ihm ihn's Auge. Indem klopft's draußen und es erschien Einer in der Thüre, der ein Diener des Herrn zu sein schien und rief ihn hinaus. Wie ich noch auf die Thaler blicke, so kommt aus einem Kämmerlein zur Seiten ein Mägdlein heraus, noch sehr jung an Jahren und sagt in leisem Tone: »Herr, ist euch euer Leben lieb, so werft das Blutgeld auf die Erde und macht euch auf und davon, sonst geht es euch wie den Rekruten drüben im Hof. Der Hauptmann ist ein Erzschelm und betrügt euch wie die Andern.« — »Wie ich das Wort gehört, da hab' ich das Fenster aufgerissen, das nach dem Garten hinsah, hab' schnell mein Bündel hinabgeworfen, und bin hinabgesprungen, wohl an 10 Fuß hoch. Und gleich als wär' der böse Feind hinter mir, bin ich dem Walde zugeeilt, den ich heute erst durchwandert hatte, und hab' nicht eher mit Laufen eingehalten, bis der Wald dichter ward.«
»So hat mich abermal mein treuer Gott wunderbarlich erhalten und hat mir seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten.« (Daniel 6, 22.) Aber der treue Gott hat noch mehr an mir gethan damals, als ich den Werbern entging, wofür ich ihm Dank sagen will all' mein Leben lang; denn er hat mich dazumalen ein Sprüchlein aus seinem heil. Wort erkennen lassen, das ich bis dahin nicht ganz verstanden, und das Sprüchlein steht Psalm 19. Vers 2. und heißt: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.« »Wie der Wald dichter um mich ward, bin ich langsam und fürsichtig gegangen, und habe mit meinem Reisestock den Grund vor mir geprüfet; denn es war so finster, als in einem Sack um mich her, und nur manchmal schien ein Sternlein durch die Büsche, gleich als wollt' es sagen: »Geh' nur getrost, Justus; ob du schon wandelet im finsteren Thal, so fürchte doch kein Unglück, denn ich, dein Hirte, bin bei dir.« (Psalm 23, 4.)
»Wie ich wohl eine Stunde im Dickicht herumgetastet, so ist der Wald lichter geworden, und ein Pfädlein hat sich durch die Bäume geschlängelt, und dem Pfädlein bin ich nachgegangen. Da ist mir bald ein Licht in's Auge gedrungen; und wie ich dem Schein nachging, so hab' ich bald vor einem Kohlenmeiler gestanden, neben dem ein lustig Feuer brannte und ein Mann stand, der mit einer Schaufel Erde auf den Meiler warf, wo die Lohe durchbrechen wollte. Da hab' ich den Mann freundlich gegrüßt, und ihm gesagt, daß ich ein Fremdling sei, der des Weges verfehlet, und wie ich ihn bäte, mir aus christlicher Lieb' die rechte Straße zu weisen. Da hat der Köhler meinen Gruß mit einem »schönen Dank« erwiedert und gesagt: »Ihr seid nicht der Erste, der verirrt zu mir kommt, und werdet auch nicht der Letzte sein, denn der Wald ist tief und die Wege gerade nicht leicht einzuhalten. Aber vergebt, wenn ich euch in dieser Nacht nicht geleiten kann; ihr seht wohl, mein Meiler bricht aus und ich darf ihn keine halbe Stunde allein lassen. Verdrießt's euch nicht, so bleibt bei mir bis zum Morgen; dann soll weiter Rath werden. Geht einstweilen dort in die Hütte und ruht euch aus; aber bückt den Kopf, wenn ihr hineintretet; eines Köhlers Häuslein ist eben nicht für hohe Herrn, sondern für Solche, die sich gern vor Gott und Menschen bücken.«
»Da kroch ich hinein in die Hütte und setzte mich auf das Mooslager des Köhlers, und mein Bündel legt' ich neben mich, nicht ohne daß ich für mich hin betete: »Das walt Gott der Vater, der Sohn und der heil. Geist.« »Wie ich ein Weniges geruht, so kommt der Köhler auch herein, steckt einen großen Kienspahn in eine eiserne Gabel und stößt die Gabel vor dem Eingang in die Erde. »So«, sagt' er, »nun haben wir Licht und können uns in's Angesicht sehen wie zwei Christenmenschen. In meinem seht ihr, trotz Kohlenstaub und Ruß, daß ich ein alter Mann bin, und in eurem lese ich, daß ihr jung seid und müde, und wie steht es mit dem Appetit? Ekelt euch nicht vor eines Köhlers rauher Kost, so seid mein Gast, bis euch morgen ein besserer Tisch gedeckt ist.« »Und von einem Bänklein herab holte der Köhler ein großes schwarzes Brod, schnitt zwei gewaltige Stücke ab und legte jedes auf einen hölzernen Teller, und oben drauf ein Stück gekochten Speckes. Und wie er von dem Bänklein auch zwei Messer herabgeholt, und eins mit dem andern gesäubert hatte; da nahm er die Ledermütze zwischen seine gefaltenen Hände und betete mit tiefer Stimme: »Aller Augen warten auf dich, Herr, und du giebst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit; du thust deine Hand auf und erfüllest Alles, was lebet, mit Wohlgefallen! Amen.« »Und wie ich auch »Amen!« gesagt, da aß der Köhler sein Abendbrod und ich mit ihm, und hat mir lange kein Abendbrod so gut geschmeckt. Wie er damit zu Ende war, griff er hinter sich, und langte einen Wasserkrug von Stein hervor, deckte ihn auf und that einen herzhaften Zug. Dann schüttete er ein Weniges ab, reichte mir den Krug und sprach: »Trinkt, guter Freund, ein Schelm gibt's besser, als er's hat; im Wald wächst kein ander Getränk; aber das Wasser aus dem Heiligenbörnlein ist dafür auch ein sonderlich und vornehm Wasser, und schmeckt frisch und süß, und hat viel Kranken schon geholfen.« Da trank ich auch nach Herzenslust; und wie ich den Krug geschlossen, da nahm der Köhler wieder die Ledermütze ab und sprach: »Nun, unser Gott, wir danken dir, und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit!«
»Wie es mir da so wohl ward um's Herz, das kann ich gar nicht sagen; es war mir, als wenn ich den Köhler schon lange gekannt und plötzlich wiedergefunden hätte. So macht das Wort Gottes die Menschen zu Freunden, daß sie sich erkennen und lieb haben; und war doch nichts geschehen, denn daß wir mitsammen gebetet und das Brod gebrochen hatten. Da ward es mir, als müßt' ich dem Köhler sagen, was mich zu ihm geführt habe, und ich that es und sagte ihm auch Dieß und Das aus meinem Leben: was ich gelitten und worüber ich mich gefreut, und was ich von der Zukunft hoffe und fürchte. Da lächelte der Alte und sprach: »Das ist nur das alte Lied, das schon Sirach sang: Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden, die unser aller Mutter ist. Da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zulegt der Tod. So ist es mir ergangen, so wird es auch euch ergehen und euren Kindern und Enkeln nach euch. Man meint, eine Zeit müsse der andern ablernen, wie man's besser machen und dem Schicksal in der Welt das Feld abgewinnen, und seine Schneide stumpf machen könne. Aber es muß wohl so sein sollen, weil unser lieber Gott die Jungen immer wieder von vorne anfangen und in den Schranken laufen lässet. Was euch bis dahin betroffen hat, das vergleich' ich dem Wind, der in der Frühlingszeit, wenn die Saat schon grünt und die Lerche schon singt, mit den Bäumlein umspringet, als wollte er sie schier zerzausen. Da gilt aber auch: »Du machest deine Engel zu Winden, und deine Diener zu Feuerflammen;« denn lauter Engel und Diener Gottes sind die Schicksalsstürme in der Jugend. Die machen, daß das Bäumlein hübsch seine Wurzeln hinabtreibt und stehen lernt auf seinen eignen Füßen, wenn der Winter des Lebens kommt, und mit ihm noch mehr Tage, von denen wir sagen: »Sie gefallen uns nicht.« Auch glaubt mir das, mein junger Herr, ich sag's aus eigner Erfahrung, der Mensch macht sich darum in seiner Jugend so viel Herzeleid, weil er immer Eins ganz fest im Sinne hat, und meint, es geschähe ihm ein gewaltig Unrecht, daß der liebe Gott ein Anderes mit ihm will. So läuft denn Einer wie ein Schaf, das die Drehkrankheit hat, immer auf einem Fleck umher, oder rennt wie ein Gaul, der den Koller hat, gerade hinaus, bis er sich den Kopf zerstößt. Ihr wollt mit Gewalt ein Pfarrer werden, und ich dachte, als ich euer Alter hatte, ich müßte ein Schulmeister werden. Ja, Herr, seht mich an, wie ihr wollt, ich, der Köhler Martin Ebert von Blankenau, wollt' ein Schulmeister werden, und ging Jahre lang umher und haderte mit Gott und mit der Welt, daß es nicht nach meinem Kopf gehen wollte. Damals sagte unser Nachbar, der alte Hufschmied Nagel, Gott hab' ihn selig! »Martin«, sagt' er zu mir, »wart' doch unsers lieben Gottes Zeit erst ab, ob er dich brauchen kann als Schulmeister und geh' erst mit deinem Vater hinaus und lerne Kohlen brennen. Wie du es jetzt treibst, so lernst du beides nicht, weder die Schulmeisterei, noch das Kohlenbrennen.« »Und ich hing damals über solche Rede das Maul und stand am Meiler meines Vaters wie ein Blödsinniger. Da nahm mich mein großer Meister im Himmel in seine Lehre hinein, und gab mir die Lection, daran ich noch lerne, und so lange lernen will, bis er mich in seine himmlische Werkstatt abholt. Mein Vater starb und meine Mutter stand als ein schwaches Weib mitten unter sieben unversorgten Kindern. Herr, damals lernt' ich Kohlenbrennen und das vierte Gebot thun: »Du sollst Vater und Mutter ehren,« lernt aber damit auch die Verheißung kennen: »Auf daß dir's wohl gehe.« Und von da an ist mir's wohl gegangen; im Schweiße meines Angesichtes hab' ich mein Brod gegessen, aber ich habe auch geschmeckt und gesehen, wie freundlich der Herr ist und wie wahr sein Wort: »Denen, die mich lieben und meine Gebote halten, thue ich wohl bis in's tausende Glied.« Geht hin in unser Ort, dort stehen sieben Häuser, alle blank von außen und rein von innen; in den sieben Häusern wohnen des seligen Haneberts sieben Kinder, und haben sich gemehrt zum Erstaunen, und ist eine schöne, feine Sippschaft. Wenn dem Vetter Martin das Essen soll hinausgetragen werden zum Meiler, dann solltet ihr hören, was ein Reißen um das Körbchen ist, und wie die Jungen mit den Alten hadern um den Liebesdienst! Und ich selber hier an meinem Meiler, den ich nur Samstags verlasse, um zur Kirche zu gehen, hab' nichts verlernt von Allem, was ich als Junge gewußt, sondern hab' noch mehr dazu gelernt, und mein Wissen blähet mich nicht, sondern demüthigt mich nur. Hier steht meine Weisheit, hier im Bibelbuch, das ich aufschlage, wenn ich allein bin und mein Meiler Ruhe hält. Und wenn's Abend wird, dann hat der liebe Gott ein ander Buch vor mir ausgeschlagen, den Himmel mit seinen Sternen, und hat mich auch gelehrt, ein Stücklein dieser heil. Schrift zu lesen. Höret, wie das zuging!«
»Wie ich ein Kohlenbrenner ward, da wußte ich von der Sternwissenschaft nur, was ich darüber aus der heil. Schrift gelernt hatte, namentlich aus dem Buche Hiob, wo es heißt: »Er versiegelt die Sterne«, und »die Sterne sind nicht rein vor seinen Augen«, und »kannst du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden?« Wie ich dann so manche Nacht hier saß, und die Welt um mich her schwarz und todt wie ein Grab lag, so sah ich um so lieber zum Himmel hinauf, von dem man hier oben ein ziemlich Stück übersehen kann. Anfangs trieb ich mit meinen Gedanken allerlei Fürwitz und die Sterne mußten dabei mithelfen, nachher aber sah ich mir sie an, wie sie zu einander stunden, auch wie einer den andern in der Klarheit übertraf; auch wie sie nicht stille Bünden, sondern zu bestimmten Stunden hier, zu andern wieder dort sichtbar wurden. Dann sah ich auch, wie Etliche in einer Art von Kameradschaft standen, so daß sie ihre Figur behielten und selbander ihre Reise am Himmel machten. Dann nahm ich mir ein Papier und stach mir mit einer Nadel die Sternfiguren so hinein, wie ich dachte, daß sie zusammengehören möchten; und wenn ich nach Haus kam, dann malte ich mir die Sternlein aus und verband sie durch Striche mit einander, und gab ihnen auch Namen, denn ich dachte, ich sei der erste Sterngucker, der sich die Mühe nähme, des Herrn Werke zu bewundern. Diese Sternkärtlein zeigt ich einmal dem Nachbar Nagel, der in allerlei Künsten erfahren war, und fragte ihn unter viel Stottern, denn ich schämte mich, was er davon halte? »Martin«, sagte der, »du bringst deine Nachtwachen recht im Dienst des Herrn zu, denn wer die Werke Gottes achtet, der hat eitel Lust an ihnen, und kannst noch einmal ein Kalendermann werden.« »Das wäre!« sagt' ich, »muß denn der Kalendermann auch ein Sterngucker sein?« »Allemal«, sagt' er, »woher wüßt' er denn sonst Frühlingsanfang und die andern Zeiten, wozu den Neumond und die Finsternisse, die noch kommen sollen, voraus? Und heißt es nicht im ersten Buch Mosis, im ersten Kapitel: »Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Veste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre!« »Da du so fleißig nach den Sternen siehst, so mußt du sie besser kennen lernen, und er gab mir aus seinen Büchern, deren er viele hatte, ein Büchlein aus dem vorigen Jahrhundert, das hieß: »Der edelen Sternwissenschaft fürnehmste Stücke.« O Herr, wie ich das Buch verschlang, das kann ich euch gar nicht sagen; ich glaub' sogar, ich hab's zu Zeiten geküßt. Nach und nach lernte ich das ganze Buch verstehen, einige lateinische Brocken abgerechnet, die hin und wieder vorkamen, und die hat mir auf meine Bitte später der Herr Pfarrer verdolmetscht. Stand aber nicht sonderlich viel in dem Latein, und hätt' nach meiner Meinung auch deutsch können geschrieben werden. Aus dem Buch lernte ich auch den Kalender berechnen und Sonnenuhren machen, wie ihr deren, wenn es jetzt Tag wäre, an vielen Bäumen rings umher sehen könntet. Seitdem hab' ich, durch guter Leute Hülfe, noch manches Buch über die edle Sternwissenschaft gelesen, und habe nie darüber mein Kohlbrennen versäumt, sondern bin immer mit um so herzlicherem Eifer an meine Tagsarbeit gegangen, weil ich dabei gute Gedanken in meinem Kopf gehabt. Habt ihr euch je mit der Sternwissenschaft und mit dem Kalender abgegeben, Herr, dann fahrt fort, also zu thun; und habt ihr's nicht gethan, so thut es auf eines alten Mannes Rath. In der Welt ist viel Traurigkeit, und wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir; da hilft die Sternwissenschaft gar sonderlich, daß unser Wandel sei im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi. Doch jetzt laßt uns in Gottes Namen schlafen, und haltet einem alten Mann die Redsprächigkeit zu Gute. Mitternacht ist vorbei, das seh' ich an den Sternen hier über uns, sonderlich am Wagen. Also schlaft wohl und der Herr, der treue Wächter Israel's, geb' euch gute Ruh' und fromme Träume.«
»O Herr, mein Gott, hab' Dank für diese Nacht! In ihr hab' ich viel Ruhe funden und bin erwacht wie ein Kindlein, das in seiner Mutter Aug' sieht, wenn's die Aeuglein aufthut.«
»Wie ich mich erhob, so brannte schon das Wachtfeuer wieder, und der Köhler stand wieder mit der Schaufel in der Hand am Meiler, und die Vögel sangen ihr Morgenlied, und die Sonne zeigte dem Meiler gegenüber auf einer schöngemalten Uhr die fünfte Stunde des Morgens.«
»Gott zum Morgengruß, mein Schlafkamerad«, rief fröhlich der Köhler; »beliebt's euch, so laßt uns singen mit den Vögeln um die Wett':
Die Nacht ist hin,
Die Sonn' ist aufgegangen!«
Und wir sangen mit einander das Lied. Dann rief der Köhler mit einem Pfiff auf dem Finger seine Ziege herbei; die gab willig ihre Milch zum Morgentrank, und wir gingen selbander durch den Wald. Nach einer halben Stunde ward der Wald licht; noch einige Schritte, und man sah in ein Thal hinab, durch das ein Flüßchen ging und in dem mehrere Dörfer lagen. »Dort, Herr«, sagte der Köhler, »liegt Blankenau; geht nur immer hier dem Pfad nach auf den weißen Thurm zu. Und nun geb' der Herr euch das Geleit' heim in's Vaterhaus und auf eure ganze Lebensreise! Vor Gottes Thron sehen wir uns zunächst wohl wieder. Laßt uns halten, was wir haben, daß uns Niemand die Krone raube.« »Amen!« sagt' ich, und wir drückten uns die Hände und schieden. Und wie ich fürbaß ging, so sprach ich: »Das war ein Stiller im Land, und sein Wort hat mich stille gemacht und hat mich gelehret David's Wort verstehen: »Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.« Pf. 62, 2.
7. Scheiden von der Heimath.
Wer je in der Fremde war, und ist zurückgekehrt zur lieben Heimath, der denket gewiß noch in späteren Jahren, wie sonderbar es ihm damals um's Herz war. Wie alte Bekannte grüßten ihn aus der Ferne die Berge der Heimath, wie liebe Freunde nickten die Bäume ihm zu. Das Bächlein unter den Erlenbüschen schien ihn mit seinem Murmeln zu grüßen, und der Kirchthurm drüben, mit dem goldenen Hahn auf seiner Spitze, der allen Kinderspielen zugesehen, wie gut schien der den Jüngling noch zu kennen! Aber wer ist auch je zurückgekehrt in's Aelternhaus nach langer Trennung, ohne daß ihm in der Nähe desselben das Herz nicht schwerer geworden wäre! Berg und Baum und Thurm stehen noch, wird aber Alles in dem Aelternhaus selber noch auf dem alten Flecke stehen? Vater und Mutter waren alte Leute schon, als das Reisebündel geschnürt ward, und Brüder und Schwestern sind ja auch wie die Blumen des Grases, ein Hauch und man kennet ihre Stätte nicht mehr.
Solche Gedanken bewegten auch das Herz des Konrad Justus, als er aus der Ferne das Jägerhaus erblickte, und unwillkührlich blieb er stehen und legte die Hand auf sein klopfendes Herz und befahl Gott seinen Eingang. Ja Gott hat in's Christenherz eine Ahnung vom künftigen Leid gelegt, nicht um es zu quälen, sondern um uns, die wir eine kleine Zeit leiden, vollzubereiten, zu stärken, zu kräftigen, zu gründen.
Freundlich wedelnd und an ihm hinaufspringend begrüßten ihn im Hofe die treuen Hunde, und rüstig schritt er zur Hausthüre hinein. Es war stille auf der Hausflur und stille in der Küche; ringsher Alles in der gewohnten Ordnung, aber Niemand ließ sich sehen. Er öffnete die Stubenthüre, aber auch hier sah er Niemand. Die Schlafkammer der Aeltern stand offen; er trat hinein und sah Vater und Mutter bleich und krank im Bette liegen, und vor ihnen stand Dorothe, nicht mehr das blühende Mägdlein von ehemals, sondern leidend und krank, und reichte den Kranken einen kühlenden Trank. »Willkommen, Konrad«, riefen die Aeltern, »du kommst eben zu rechter Zeit in's Klagehaus, um den Segen deiner Aeltern dir zu holen. Des Herrn Hand liegt schwer auf uns; wir sind allesammt krank; ein böses Fieber hat uns bis an den Tod gebracht. Dorothe hält sich unter Mühe noch aufrecht und droben liegt dein Bruder, der von der Wanderschaft heimgekehrt ist, an gleicher Krankheit.« »Ach Gott«, rief Konrad unter lautem Weinen, »sehe ich euch also wieder! Muß ich dazu heimkehren, um euch dem Tode nahe zu finden.«
»Weine nicht, Konrad«, sprach die Försterin, »wir Alten haben unser Tagwerk hier unten vollbracht und ein neues beginnt droben beim lieben Gott. Sorge du jetzt nur, daß dein Herz auf unser Scheiden gefaßt sei, und weise die Mägde und die Burschen an, daß das Haus nicht Noth leide, während wir es nicht überwachen können. Dann schicke deine Dorothe hinauf in ihre Kammer, sie bedarf der Ruhe; das Fieber rüttelt sie wie uns, und sie will es nicht an sich kommen lassen.«
So stand denn Konrad in seinem Aelternhaus als einziger Gesunder unter Kranken; aber sein Herz verzagte nicht, und er pries täglich Gott, daß er ihm seine Kraft erhalten, und ihn berufen habe, Vater und Mutter in ihrer Schwachheit zu pflegen, und den Geschwistern Trost und Stärkung an ihr Krankenlager zu bringen.
Doch ein harter Augenblick stand ihm noch bevor. Eins wie sie im Leben gewesen, waren auch die alten Förstersleute eins im Tode; der Herr rief sie in einer Stunde ab, und ließ sie ruhen in einem Grabe. Unter Gebet für ihr Seelenheil und für ihre Kinder schieden sie. Ohne Sang und Klang, aber von viel weinenden Freunden begleitet, wurden sie auf dem Kirchhof zu Braubach bestattet, und der Pfarrer, der ihr Grab einsegnete, rief ihnen die Worte der Schrift nach: »Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach!« Und alles Volk, das dastand und zuhörte, sprach: »Amen!« Der Gerechten Gedächtniß bleibet im Segen.
Unter den Leidtragenden war auch der Grenadier von der Marksburg gewesen, den wir damals kennen gelernt, als Konrad die Dorothe und ihre Mutter rettete, und der Soldat weinte wie ein Kind, und wollte sich nicht trösten lassen, denn im Förster war ihm ein guter Freund gestorben. Seit jenem Tage, wo Dorothe das Jägerhaus betreten hatte, kam auch der Grenadier öfter dorthin, und ob ihn gleich Niemand einlud, so sah man ihn doch gerne, und hatte sich an sein Kommen und Gehen so gewöhnt, daß er fast zu den Hausfreunden gerechnet wurde. Der Grenadier Scheuermann, denn so hieß er, war eine alte deutsche Soldatennatur, wie man sie jetzt gar nicht mehr findet. Von frommen Aeltern aus einem Dörfchen des Vogelsberges ausgegangen, war er gezwungen Soldat geworden, hatte aber sein Handwerk, wie er es nannte, lieb gewonnen, und begehrte nichts anders zu werden, denn Soldat. In fünfundzwanzigjährigem Dienst hatte er es noch nicht weiter gebracht, denn zum Corporal, ob er gleich ein Muster von Ordnung im Dienst, und, wie seine Officiere sagten, ein sehr tapferer Soldat im Kriege war. Selbst ohne Weib und Kind, hielt er das Familienleben sehr hoch, war gern bei friedfertigen Eheleuten, und liebte die Kinder so sehr, daß sie ihn, wo er war, schnell kannten und freundlich grüßten. Dabei war der Corporal gläubig, wie der Hauptmann von Kapernaum, und nach dem Heil begierig, wie Cornelius, und wer mit ihm redete von Gottes Wort, dem war er Freund und ging für ihn durch ein Feuer, wie das Sprüchwort sagt. Das war es, was ihn nach dem Jägerhaus zog und was ihn festhalten ließ an den treuen guten Menschen, die dort wohnten. Wußte er dem alten Förster oder seiner Hausfrau einen Dienst zu thun, oder gar der Jungfer Dorothe, die sein Augapfel war, so war Keiner froher, als der Scheuermann. Wie dann die bösen Tage in's Haus des Försters kamen, da ließ er sich Urlaub geben, und wich nicht aus dem Jägerhaus, und kam Wochen lang in kein Bette, und war die Dienstfertigkeit und Freundlichkeit selbst. War es ein Wunder, daß die treue Seele am Grabe der Förstersleute weinte und sich nicht wollte trösten lassen! Wenige kannten dich, du guter Soldat, und dein treues Herz; aber wie dort der Geist Gottes zu Cornelius sprach: »Dein Gebet ist erhöret und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott«, so ist auch deiner Treue droben im Himmel gedacht worden. Gehe ein zu deines Herrn Freude! —
Zurückgekehrt von der Aeltern Grab, lastete eine neue Sorge auf Konrad's Herz. Er wollte seinem Bruder, der noch krank lag und für sich selber nicht sorgen konnte, den Dienst des Vaters verschaffen, damit der liebe Ort der Heimath der Familie erhalten bliebe. Er schrieb Briefe auf Briefe an alle Gönner und Freunde seines Vaters; er warb bei der Landesbehörde um die Stelle, und der Corporal Scheuermann that manchen Gang um Gunst und Fürsprache, wie es damals noch mehr geschehen mußte, denn heut' zu Tage. Von einem solchen kam der Soldat einst in trüber Stimmung zurück. Er war dem Gerst begegnet, den man jetzt den Herrn Rath nannte, und der hatte ihm zugerufen: »Scheuermann, ich weiß, was euer Gehen und Laufen bedeuten will, geht nur heim und schonet eure Beine, so lange der Gerst lebt, kommt kein Justus wieder als Förster in's Jägerhaus und auch kein Justus in's Pfarramt. Das sagt den Söhnen des alten Försters und der Jungfer Dorothe richtet auch meinen schönen Gruß aus, wenn es euch gefällt.« Da hatte der Corporal nicht Ansehen der Person geachtet, sondern war dem Gerst mit Worten und Werken so zu Leibe gegangen, daß der Corporal einige Tage bei halber Kost auf dem Gefängnißthurm hatte sitzen müssen. Als er wieder frei war, erzählte er es dem Konrad, und tiefe Trauer ergriff darob das Herz des Jünglings. »Also meine Prüfungszeit soll noch nicht vorübergehen«, rief er, »nun Herr, dein Wille geschehe! Euch aber, Scheuermann, bitte ich, behaltet das böse Wort des Gerst für euch und theilt es dem Heinrich und der Dorothe nicht mit; es ist genug, daß ich allein davon leide. So meint's wohl der Apostel, wenn er sagt: Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie träget der Schwachen Gebrechlichkeit.« —
Auch kam der Tag der Entscheidung bald. Kaum hatten Heinrich und Dorothe sich einigermaßen von ihrer Krankheit erholt, so erschien ein fremder Förster und wünschte Besitz von Amt und Haus zu nehmen. Die Brüder suchten nicht das Unrecht eines Andern an dem Fremdling, als an einem Broddieb, zu rächen, wie denn überhaupt ihr Herz keine Rache kannte. Sie hießen den Fremden willkommen, ja Heinrich sprach sogar: »Es ist mir lieb, Konrad, daß dein Bemühen zu meinen Gunsten nicht geglückt ist; es gefällt mir nicht in der Heimath; ich gehe lieber wieder nach Holland, wo ich einen guten Dienst gefunden habe, und auch einst, wenn es Gott gefällt, meine Heimath finden will. Und meinst du es wohl mit dir, so gehe auch von hier weg; es ist selten, daß man die Söhne um der Väter willen lieb hat und hochhält. Undank ist der Welt Lohn. Aber eine Bitte habe ich an dich, ehe wir scheiden, die mußt du mir erfüllen, um der Liebe willen, die du zu mir hast. Laß' Dorothe mit uns theilen, als wäre sie unsere Schwester. Sie hat Jahre lang den Aeltern gedient, und ist von ihnen als eine Tochter gehalten worden, soll sie jetzt leer ausgehen! Sie ist ein schwaches Mägdlein und steht einsam in der Welt, und wer weiß, wie lange es noch dauert, bis sie in dein Haus eingehen kann als dein Weib.« —
Da griff Konrad in seine Tasche und reichte dem Bruder ein Papier, und dann bedeckte er mit den Händen sein Angesicht und weinte laut. Das Papier war von des Försters Hand geschrieben, kurz vor seinem Ende, und in demselben bat er die Söhne, um der Liebe willen, die sie zu ihm gehabt, Dorothe als ihre Schwester zu betrachten und ihr Erbgut mit ihr zu theilen. Und sie riefen die Schwester und zeigten ihr des Vaters Testament und theilten mit ihr das Gut. — »Siehe, wie fein und lieblich ist es, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Wie der köstliche Balsam ist, der vom Haupt Aaron's herabfließt — wie der Thau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zion.
Denn daselbst verheißt der Herr Segen und Leben immer und ewiglich.« —
Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus gehörte nicht zu denen seines Standes in damaliger Zeit, die ihr Gut mehrten mit fremdem Gut und sich durch Geschenke und Gaben verblenden ließen, ein Aug' im Dienst zuzudrücken. Nur ein guter Wohlstand war im Hause, nicht ein trüglicher Reichthum, von dem man nicht gewußt hätte, wie er hineingekommen wäre.
Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus war ein guter Haushalter und hielt streng auf Ordnung im Großen wie im Kleinen; so waren denn seine Bücher und Rechnungen so klar und verständlich, daß keine Advokaten und Proceßkrämer sie zu entwirren brauchten, um im Trüben selbst nach Herzenslust zu fischen.
Wenn ich also theilen sehe unter Geschwistern, und der Hader und die Mißgunst sitzt dabei zu Rathe, so mein' ich immer, das Gut, das sie theilen, muß kein ehrlich Gut sein, weil es schon jetzt nicht mehr bei den Erben bleiben will, sondern hinaus möchte unter die bösen Rathgeber.
Das Gut des Försters Justus war bald getheilt, denn die Liebe saß dabei zu Gericht, nicht mit verbundenem Aug', wie die Göttin Gerechtigkeit, sondern mit dem klaren, offnen Aug' der Treue.
Aber Scheiden und Meiden thut weh, am wehesten, wenn Vater und Mutter todt sind, und die Kinder den trauten Ort der Kindheit, das Aelternhaus, verlassen müssen, um Jedes für sich eine neue Heimath zu suchen. Und die Heimath ist oft so leicht nicht gefunden. So ward auch denen dort im Jägerhaus der Abschied gar schwer; denn nach drei verschiedenen Richtungen wandten sich ihre Wege. Heinrich ging nach Holland, Dorothe zu einer braven Familie im Nassauischen, wo man sie lieb hatte, und wo sie nur dem Namen nach diente, der That nach aber wie das Kind vom Hause war; und Konrad Justus, wohin ging der? Die Seinen wußten es während mehrere Jahre nicht; er suchte eine Heimath und ein Stück Brod.
So waren sieben Jahre hingegangen. Da saß an einem Novemberabend ein Mann in mittleren Jahren an einem kleinen Tischchen, das just, weil es kalt war, in die Nähe des Ofens gerückt war, und las und schrieb. Die Stube war klein und niedrig; zwei Fenster mit alten runden Scheiben erhellten sie nothdürftig am Tage, und an jenem Abend warf eine kleine Oellampe ihren matten Schimmer auf das kleine Tischchen und auf das blasse, aber geistreiche Angesicht des Mannes, der fleißig in seinen Büchern las. Nicht fern vom Ofen stand ein Bette, und an der Seite, der Thüre gegenüber, war ein langer Tisch mit Kreuzbeinen aufgestellt, vor welchem und hinter welchem Bänke zum Sitzen standen, wie man sie in den Schulen hat. Die obere Seite des Tisches stand etwas von der Wand ab, und dorthin schien der Großvaterstuhl zu gehören, der jetzt dem Ofen näher geschoben war, und in dem der Mann saß. In der Ecke, der Thüre zunächst, stand, an die Wand gelehnt, eine Harfe mit etlichen Notenblättern zwischen den Saiten, und an der langen Wand hin ging ein sogenannter Kambank, auf welchem eine schöne Reihe Bücher stand. Das Häuschen, in dem der Gelehrte wohnte, stand in der Stadt Gießen im Lande Hessen und stieß mit seiner Vorderseite in ein enges Gäßchen, der Tiefeweg genannt, während die hintere Seite, von der wir hier reden, die Aussicht in ein dumpfes Gärtchen hatte, hinter welchem sich der Wall erhob; denn Gießen war damals noch eine Festung. Es war eine Todtenstille in dem Stübchen des Mannes, nur unterbrochen durch das leise Umschlagen eines Blattes, oder durch das dumpfe Knarren der Feder in der Hand des Schreibenden. Da klopfte, es mochte wohl acht Uhr am Abend sein, eine Hand leise an die Thüre des Stübchens, und auf ein lautes Herein! des Mannes, öffnete sich die Thüre, und ein altes Mütterchen, angekleidet wie die unbemittelten Bürgerinnen der damaligen Zeit, mit einem weiten Mutzen von Bieber, dessen Schöße wie Klappen über den Rock von gleichem Tuch herabfielen, und ein gesteiftes Häubchen auf dem Kopf trat zur Thüre herein, machte einen anständigen Knicks, und sagte mit einer klaren Stimme, indem es die hellen und lebhaften Augen auf den Dasitzenden richtete: »Ist es erlangt, Herr Justus, so kehr' ich heute Abend ein wenig bei euch ein. Es ist mir drunten in meinem Stübchen etwas unheimlich geworden, weil die Nachbarin, die Annelore, mir heute nicht Gesellschaft leisten konnte. Mein Wollrad soll euch nicht incommodiren, ich hab's just frisch geschmiert, und euch dazu hier etwas mitgebracht, wofür ich wohl auch ein freundlich Gesicht bekomme, Aepfel, wie sie nur auf dem Nahrungsberg wachsen können, einen Ranau, einen wahren Prinzenapfel, und hier noch Borstorfer dabei, die einem mit ihren rothen Bäcklein anlachen.« Und die Alte stellte den irdenen Teller mit den Aepfeln auf das Arbeitstischchen.
»Eure Aepfel sind willkommen und ihr dabei, Mutter Lindin«, sagte der Candidat Justus, denn dieser war der Mann in dem Stübchen. »Fürchtet auch nicht, daß euer Wollrad mich störe; ich mache gerne Feierabend, und plaudere mit euch ein Stündchen und drüber. Und so macht's euch denn bequem und setzt euch, oder nehmt hier meinen Lehnstuhl, den ihr euch ohnedieß schon in euren alten Tagen entzogen habt; von Rechtswegen solltet ihr ihn behalten.« »Behüte, Herr Justus«, sprach abwehrend die Alte, »Ehre, dem die Ehre gebührt; ihr sitzt leider Gottes mehr wie ich und braucht ein Polster, euch am Abend für euer sauer Tagewerk auszuruhen. Mein Alter hatte oft ein Sprüchwort im Munde, das hieß: »Lehrerbrod, sauer Brod«, und geb' ihm Recht, seit ich euch um euer täglich Brod also schanzen sehe. Wenn mir's nachginge, ich hätte längst was Anders aus euch gemacht.«
Der Justus rütschte verlegen auf seinem Stuhle hin und her, und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte er: »Sagt, Frau Lindin, wie geht es denn der Kranken, zu der ihr heute Morgen gerufen wurdet, ist sie besser, oder hat sie der liebe Gott zu sich genommen?«
»Die Schuckin meint ihr, Herr Justus, des Daniel Schucks am Burggraben Ehefrau? Die ist sanft und selig im Herrn entschlafen. Sie war ziemlich von meinem Alter, und hat wie ich Manches in der Kreuzschule gelernt, und wir haben uns oft einander getröstet und uns versprochen im letzten Stündlein uns beizustehen. Das hab' ich denn nach des Herrn Rath thun müssen, und hab's gethan ohne Heulen und Greinen. »Was hilft's, Frau Schuckin«, sagt' ich zu ihr, »wenn ich euer Herz durch Klagen schwer mache, laßt uns vielmehr mitsammen uns freuen, daß ihr bald ausgespannt werdet und zum Herrn kommt!« »Und wie ich ihr dann das Kopfkissen zurecht gelegt, und zu beten anhub: »Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid«, da sprach sie mit einer Stimme, die aus dem tiefsten Herzen kam: »Darin will ich vor Gott bestehen, wenn ich zum Himmel werd' eingehen.« Und dann ist sie entschlafen, und hat mir droben Quartier gemacht, und wie sie gestorben ist, so will ich auch sterben;