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Der Klausenhof: Roman cover

Der Klausenhof: Roman

Chapter 22: Einundzwanzigstes Kapitel
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About This Book

A mountain farming family confronts the arrival of wealthy outsiders who buy forest land and build villas, disrupting long-standing isolation and local land expectations. Generational tensions arise as a deliberate, slow-to-act patriarch resists change while his children respond with loyalty, embarrassment, and sharper feelings of ownership and loss. The narrative portrays daily homestead life—work, sibling relations, local labor—and follows conflicts over property, social difference, and authority. Episodes of community administration and seasonal hardships, including drought, frame themes of tradition versus modernity and the emotional costs that economic and environmental change impose on rural families.

Fünfzehntes Kapitel

Ein Töpfchen allerfeinsten Honig, aufgespart und aufgehoben den ganzen Sommer für Therese. Und als Maria ihn jetzt sorgfältig verpackte, fragte sie:

»Irgendetwas auszurichten, Mutter?«

»Ja ... einen schönen Gruß ... und, warte, Maria ...,« die Bäuerin zögerte und wollte nicht heraus mit der Sprache, »... schau dich ein wenig um bei ihr ... Du weißt schon, was ich meine.«

»Ja.«

»... Hauptsächlich unter dem Vieh. Und frag sie auch über die Ernten.«

»Ja.«

»Aufrichtig gesagt, es würde mich groß wundern, wenn wirklich alles gut bei ihr ginge.«

Maria hüllte sich in ein warmes, dunkles Tuch.

»Also Gott befohlen, Mutter.«

»Gott befohlen ... und vergiß den Gruß nicht.«

»Werde ihn besorgen.«

Sie drückte die Tür ins Schloß und schritt leise fröstelnd über den Hof. Ob Stephan sich nicht zeigte? ... Aber nein, er war nirgends zu sehen ... Sie lächelte zornig, und eine trotzige Falte grub sich zwischen ihre Brauen. Ohne Gruß und ohne Wort ließ er sie fort am Weihnachtstag ...

Ohne umzuschauen eilte sie den schmalen Pfad hinab, der durch die Wiesen abwärts führte, und mäßigte erst ihren Lauf, als sie weit unten ein tannenstarrender Wald aufnahm. Gott sei Dank! Die weiten Wiesen zwischen ihr und dem Hof, zwischen ihr und Stephan, das gab ein wunderbares Gefühl der Freie ... Aber mitten in diesen Gedanken blieb sie stehen und drückte, jäh aufschluchzend, die Hände vors Gesicht. Daß es so weit kommen konnte ... so weit.

Und während sie wieder weiterschritt, begann sie plötzlich zu reden, als ob Stephan neben ihr ginge:

»Wir waren böse schon als Kinder. Ja böse, denn unsere Liebe war ein Unrecht. Weißt du noch, wie oft Therese weinte, weil wir sie nie mitspielen lassen wollten? Wir spielten immer Graf und Gräfin, und einmal sagten wir Therese, sie sei zu häßlich für ein so feines Spiel. Weißt du das noch? Seitdem hat sie uns nie wieder geplagt und lief dann immer mit dem Vater ins Feld. Und als wir größer wurden und den weiten Weg nach Kampenn in die Schule mußten, ließen wir Therese immer hinter uns laufen, weil sie damals arg stotterte und wir uns schämten, daß sie unsere Schwester war ... und jetzt sind wir zwei so elend geworden ...«

Es hatte zu schneien begonnen. Erst in feinen, weißen Pünktchen, dann immer dichter und dichter, bis große Flocken niedersanken und wie weiche Lippen Marias Wangen streiften. Und während sie das Tuch fester um die Schultern zog, sagte sie:

»Aber es ist auch ein Glück dabei, daß wir so gemeinsam leiden ...«

Plötzlich erschrak sie, und so heftig erschrak sie, daß sie mit den Händen nach dem Stamm eines Baumes griff, um nicht umzusinken. Gegen den Schnee und den Wind kämpfend, kam gebückt und schwerfällig, in einen groben Lodenrock gehüllt, ein alter Mann daher. Auf seinem Kragen leuchtete ein Stückchen rotes Tuch, um seinen Leib trug er eine breite, schwarze Ledertasche, und in den bepelzten Händen hielt er Briefe. Wirkliche Briefe, und er kam den Weg zum Klausenhof.

Maria mußte sich Gewalt antun, um nicht laut herauszuschluchzen in ungestümer Seligkeit. Und weil sie totsicher war, daß der Mann ihretwegen heraufgekommen war, blieb sie stehen und sagte:

»Ihr braucht nicht weiterzugehen. Ich kann es Euch abnehmen.«

Der Briefträger freute sich, daß er den Weg ersparen könnte, und suchte eilig unter den Briefen. Dann zog er ein weißes Kärtchen hervor und reichte es ihr mit zittrigen Händen. Hastig dankend nahm sie es in Empfang und ging rasch grüßend weiter. Als sie weit genug war, daß der Alte sie nicht mehr sehen konnte, blieb sie stehen und drehte das Kärtchen um. Dann aber fuhr ein Beben durch ihren Leib, und sie wurde blaß. Die Schrift auf der Karte war keine Männerschrift, wie sie erwartet hatte, sondern eine feine Mädchenschrift, und die Adresse war ganz deutlich: »Herrn Stephan Klausen.«

Also nicht für sie ... und sie blieb noch immer stehen und haderte mit dem Schicksal in wilder Verblendung. Soll sie ihm die Karte geben? ... soll sie sie ihm geben? ... wie kommt er dazu, daß er so glücklich wird? ... soll sie sie ihm geben? ...

Gleich aber erkannte sie ihr Unrecht und schämte sich ihrer neuen Bösartigkeit ... O, gewiß wird sie sie ihm geben ... als allerschönste Weihnachtsfreude wird sie sie ihm geben ...

Und mit zartester Behutsamkeit schob sie die Karte in die schweren Falten ihres Kleides.

– – – Therese hatte keine Ahnung gehabt, daß Maria kommen werde, und wurde purpurrot, als die Schwester plötzlich in die Stube trat.

»O, Maria!«

In echter Freude stieß sie die Worte hervor, nahm ihr das Tuch von den Schultern, schüttelte den Schnee daraus und zwang Maria in den weichsten Stuhl beim Feuer. Dann brachte sie wärmenden Tee, weiches, lockeres Brot und erkundigte sich mit überstürzenden Fragen nach der Mutter, nach Stephan und nach dem Gesinde.

Aber immer vermied sie Marias Augen, und eine feine, mädchenhafte Röte kam und ging auf ihren Wangen. Sie schämte sich vor Maria ihres Zustandes, und Maria, die nichts davon gewußt hatte, war freudig und peinlich überrascht. Und während sie beim Feuer saß, auf Theresens Reden lauschte und wohltuend die Behaglichkeit empfand, die aus jedem Ding und Winkel strömte, drängte sich ihr auf: »Therese ist glücklich.«

Ja, Therese war glücklich. Davon zeugten die traulich gerückten Möbel, die schützenden Decken und Deckchen, die schneeigen Spitzengardinen und die leuchtenden Blumen dahinter ... Blumen gedeihen nicht gern neben Sorgen.

Ja, Therese war glücklich. Das sang der Vogel im Bauer, das sang das Feuer im Herd, das sangen Theresens Augen, das klang aus jedem Wort. Und ein Triumph war dahinter, ein Triumph über das Böse, das ihr gedroht hatte ...

Gegen Mittag kam überschneit und durchgefroren ihr Mann nach Hause, und nun sah Maria erst, wie glücklich Therese war. Sah, wie süß die Sorge tat, die er um sie, die sie um ihn bezeigte, sah, wie die beiden sich verstanden, durchdrangen und ergänzten, sah, daß Therese im Herzen dieses schlichten Mannes eine Heimat hatte, einen Königinnensitz, und in ihrem abgemarterten Gehirn sprangen wirre, sehnsüchtige Gedanken auf.

»Zugehörigkeit! für den Mann zum Stamm ...

Für das Weib zum Mann ... Zugehörigkeit! ...«

Und plötzlich sprang sie vom Stuhle auf und wollte heim.

Aber dagegen wehrte sich Therese energisch.

»Was fällt dir ein? Du bist ja gerade gekommen.«

Sie goß ihr frischen Tee ein, und als ihr Mann hinausging, bog sie sich vertraulich über sie:

»Ich muß dich auch noch etwas ganz Besonderes fragen. Sag, wirst du denn nicht auch endlich daran denken?«

»Warum ich?«

»Ich meine wegen Stephan.«

Maria umschloß heimlich die Karte in ihrer Tasche.

»Was hat das mit Stephan zu tun?«

Nun wurde Therese sehr ernst.

»Alles. Weil er nicht heiraten kann, solange du zu Hause bist.«

»Warum nicht?«

»Weil das immer so war, die Mädchen heiraten, und dann erst bringt der Bauer die junge Frau, denn eine junge Frau und Schwestern, das täte nie gut.«

Maria umschloß die Karte fester.

»Du meinst, man könnte sich nicht vertragen?«

»Ja, eine neue Frau bringt neue Dinge, schafft manches ab und führt manches ein. Und sie hat das Recht dazu, denn der Hof ist jetzt ihr Hof. Dort ist ihr Heim, dort gehört sie hin.«

»So meinst du, ich gehöre nicht mehr hin?«

Darauf wurde die nüchterne, praktische Therese böse.

»Das ist ein Unsinn. Solange du dort bist, gehörst du hin, denn Stephan wird nicht heiraten, solange du zu Hause bist ... und jetzt komm mit in die Ställe, es ist eine Freude, wie das Viehzeug gedeiht.«

So gingen sie zusammen in die Ställe, wo sie auch Theresens Mann fanden. Er war mit einem jungen Stier beschäftigt, der seine Kette gelockert hatte und störrisch daran riß. Mit echtem Bauernstolz machte der Hausherr Maria auf die gutgehaltenen Tiere aufmerksam und erwähnte immer wieder, daß Therese und nur Therese alles Lob gehöre, denn es sei im ganzen Land keine Bäuerin umsichtiger und unermüdlicher als Therese. Das ganze Haus war ein Loblied auf Therese.

Maria aber gab jetzt nicht mehr nach und drängte heim.

»Es ist heute Weihnachtstag,« sagte sie, »und du wirst auch noch manches zu richten haben.«

Da blickte Therese auf ihren Mann und sagte:

»Dieses Jahr wollen wir nichts tun, aber nächstes ...«

Maria ergriff ihre Hand und drückte sie leise:

»Ich wünsche dir alles Glück, Therese ... und wenn du jemand brauchst, schicke hinauf zu uns.«

Therese nickte wortlos. Irgendwo weit hinten saß plötzlich ein Schatten, eine Sorge ... Irgendwo weit hinten ...

»Grüß die Mutter,« sagte sie endlich, »und Stephan, und die Leute.«

Sechzehntes Kapitel

Maria ging. Die linke Hand um das Tuch geklammert, die Rechte fest und schützend auf der Kleidertasche, so hastete sie heimwärts und achtete die Schönheit der schneeschweren Wälder nicht, deren Bäume sich wie weiße Kirchentürme mit unendlich feinen Schnörkeln in die reine Höhe bauten.

Einmal blieb sie stehen und sah prüfend um sich.

Ging sie denn recht? ... Aber ja. Dort oben begann ja schon der endlose Besitz der Klausen, und noch weiter oben, sie konnte ihn noch nicht sehen, aber sie wußte es, lag der Hof.

Und die Worte, die ihr seit dem Abschied mit Therese in den Ohren klangen, klangen noch stärker als vorher:

»Eine neue Frau bringt neue Dinge, schafft manches ab und führt manches ein. Und sie hat das Recht dazu, denn der Hof ist jetzt ihr Hof, ihr Heim, dort gehört sie hin.«

Wie arm war sie plötzlich geworden. Sie, die Tochter eines freien Bauern, die selten noch auf fremden Boden trat, groß und stolz geworden im Bewußtsein, daß der ganze Berg und noch ein gutes Stück darunter und hinüber Gut und Erbgut der Klausen sei, zusammen mit dem Hof da oben, der immer ihre Heimat war. Und jetzt plötzlich gehörte sie nimmer hin, hatte kein Recht auf den Stuhl beim Rocken, hatte kein Recht auf den Platz beim Herd ... und der Traum, der frohe Kindertraum, daß sie und Stephan einmal allein da oben walten würden ... und der andere Traum, der erste, süße Mädchentraum, daß sie einem Weidmann in sein grünes Häuschen folgt ... und der letzte Traum, so grausam bitter, und doch süßer als irgend etwas in der Welt, daß ein Fremder, ein namenloser Fremder, der ihr nichts gibt, nichts verspricht, sie einmal küssen wird ... wo waren diese Träume alle? ...

Wo waren sie ...?

Fort! ... wie er fort ist ... wie seine Augen, seine Hände fort sind ... Fort! alles fort, und nur sie ist da und geht einsam und heimkrank durch den öden Schnee ...

Und plötzlich blieb sie wieder stehen und drückte ihre zitternden Hände an die fiebernde Stirn ... Wie? wenn sie gar nicht da hinauf ginge ... wenn sie anderswo hinginge ... gleichviel wohin ... nur nicht da hinauf, wo sie doch keine Freude brachte, denn die Mutter hatte Stephan, und Stephan hatte ... sie dachte an ein blondes Mädchen, das sie im Sommer öfters neben Stephan über die Wiesen wandeln sah, und dachte an die Karte in ihrer Tasche ... Langsam, zögernd, nahm sie sie heraus und übersah sie noch einmal im rasch fallenden Licht des Abend. Schräg über das weiße Papier stand in Gold gedruckt der Weihnachtswunsch, und unten in der Ecke stand in zierlichen, zögernden Strichen der Name der Senderin ... Und etwas in Maria sagte:

»O ja, du bringst eine Freude, eine gewaltige, erschütternde Freude.« Dann verbarg sie das Kärtchen wieder sorgsam und eilte den letzten, steilen Pfad hinan. Als sie oben war, löste sich eine Gestalt von der Mauer und kam ihr entgegen. Es war Stephan, und Maria begann zu zittern aus Freude und Angst und Verwirrung und hundert anderen Dingen, die sie so schnell nicht zu deuten vermochte. Er hatte da auf sie gewartet, hatte vielleicht den ganzen Tag auf sie gewartet, und sie hatte gehadert, daß sie einsam war ... Die plötzliche Freude verschlug ihr die Rede. Ohne einen Laut gab sie ihm das Kärtchen, ging dann rasch in das Haus und ließ ihn stehen, betäubt wie er stand. In der Stube aber stürzten ihr jäh die Tränen aus den Augen, denn dort drinnen brannte ein Weihnachtsbäumchen, das Stephan und die alte Frau heimlich geputzt hatten. Und Gaben lagen darunter, von der Mutter, von Stephan, einfache süße Dinge, Gaben der Liebe ...

Und dann machte es die Mutter genau wie Therese. Sie nahm Maria das Tuch von den Schultern, drängte sie in den weichsten Stuhl beim Feuer und brachte ihr wärmenden Tee und weiches, lockeres Brot. Nur nicht so frisch und jung lief sie dabei herum wie Therese, sondern ein wenig mühsam, ein wenig atemlos, aber tausendmal so lieb darum ...

Und als alles auf dem Tische stand, Maria es sich wohl schmecken ließ, die Geschenke der Reihe nach streichelte und bewunderte und dabei ihre müden Füße gegen das knisternde Feuer hielt, daß sie die Heimatswärme wohlig durchfuhr, fragte die Bäuerin wie von ungefähr:

»Wo mag nur Stephan sein?«

Und Maria sagte voll heimlichem Stolz:

»Ich glaube, er ist draußen.«

... Ja, Stephan war draußen, war draußen, kühlte sein glühendes Gesicht mit Schnee und schaute hinüber zu der Villa, die unter den schneegebeugten Fichten stand, weißbehangen, bläulichschimmernd, wie ein leibgewordnes Märchen. Und Stephan schwenkte das weiße Weihnachtskärtchen dagegen, schwenkte es in tollem, brausendem Jubel und rief:

»Du leuchtendes Haus! du leuchtendes Glückshaus! du Haus voll Glück! ...«

Siebzehntes Kapitel

Nun konnte das aber nimmer so weitergehen mit dem alten Ratterkasten! Die ganze wackelige Bude mußte niedergerissen werden bis auf den letzten Stein; und ein Haus muß erstehen von solcher Ausdehnung und Schönheit, wie es kein Bauer in Tirol besitzt.

Und gleich mußte damit begonnen werden, daß es bis zum Sommer fertig ist ... bis zum Sommer ... und Stephan warf den Kopf zurück und blähte die Nasenwände wie ein heißblütiges Pferd.

Dann ging er mit großen Schritten um den Hof herum, prüfte mit Genugtuung die alten, rissigen Mauern, rüttelte an Pfählen, die schon lose staken, daß sie ganz einfielen, und richtete soviel Schaden an, als er ungesehen und unauffällig anrichten konnte.

Darauf ging er mit hochgezogenen Augenbrauen in die Stube und redete der Bäuerin zu, sich einmal den Hof anzusehen. Er sei so sehr schadhaft, daß er morgen oder übermorgen einstürzen werde, wenn man nicht schleunigst zum Maurermeister nach Bozen schicke ...

Die Bäuerin ließ ihn ruhig ausreden, aber als er fertig war, sagte sie: »Dich hat der Hochmut gepackt, Stephan. Du meinst, weil du lesen und schreiben kannst, ist der Hof für dich nicht mehr gut. Höre, Stephan ... es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind. Und es gibt Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind, denn die Ehrsamkeit hat nur ein Kleid. Was ich also meine, ist: du bist gescheiter als dein Vater war, aber ehrsamer bist du nicht, und wenn der Hof gut war für deinen Vater, muß er auch gut sein für dich. Darum will ich es nicht haben, Stephan, und so lange ich lebe, kommt kein Stein von dem andern.«

Es nützte nichts. Stephan mochte reden und drängen, so viel er wollte, die sonst so weiche und nachgiebige Frau war unerbittlich. Trotzdem gab er seinen Vorsatz nicht auf und sandte heimlich einen Boten nach Bozen. Der brachte von dem Maurermeister ein Büchlein mit Ansichten und Plänen, und Stephan studierte hinter festverschlossenen Türen darin herum. Aber es dünkte ihm nichts gut genug. Er wollte etwas mit Erkern und Gesimsen, mit Bildern und mit Sprüchen, und so schrieb er ein paar Tage später direkt nach Innsbruck. Merkwürdigerweise aber sandte er den Brief nicht weg, sondern trug ihn Woche um Woche in der Tasche herum.

Jeden Abend nahm er sich vor, ihn morgen zu schicken, und wenn der Morgen kam, tat er es wieder nicht. Tat es nicht, vielleicht weil man ... und das war ihm erst später eingefallen ... ja doch nicht bauen konnte, solange der Boden nicht ausgetrocknet war, vielleicht auch, weil die Mutter zu husten begann und so merkwürdig spitz wurde. Und schließlich hatte sie recht. Es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind. Und Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind ... die waren auch nicht besser da drüben, trotzdem sie ein feines Haus bewohnten ...

Wie Trotz und Wut überkam es ihn, und mit doppelter Zärtlichkeit umgab er die scheidende Mutter. Nein, er wollte nicht mehr daran denken. Eigentlich war es ja auch ein Wahnsinn, daran zu denken. Denn was berechtigte ihn dazu? Ein Kärtchen ... ein einziges weißes Weihnachtskärtchen ... geschickt aus Langeweile, aus Laune, aus Mitleid, oder sonst einem tollen Grund, wie sie nur die Weiber haben ... O, er war in Innsbruck nicht so ganz ohne Erfahrung geblieben ... zum Teufel auch, ihn sollte keine necken! ...

Gleich darauf aber schlug er erschüttert die Hände vors Gesicht. Daß er so etwas denken konnte ... von ihr, die süßer war als erste Sommerblüten, und keuscher war als frischer Firnenschnee ...

Nein! ihresgleichen hatte es in Innsbruck nicht gegeben, gab es nimmer in der Welt! ...

»Margarete.«

Er wollte es laut sagen, um sich das fremde, blonde Mädchen besser zu vergegenwärtigen. Aber der feine, ungewohnte Name brach auf seiner Zunge, und da sagte er halb erschrocken über die Kühnheit, halb glücklich über die Macht, die ihm doch niemand wehren konnte, »Grete«.

... und der frühe Föhn, der vorüberstrich, nahm das Wort von seinen Lippen, trug es in die Wälder, warf es in die Lüfte, daß es tausendfältig wiederklang. »Grete ... Grete.«

Und taumelnd vor Sehnsucht griff Stephan in die Tasche nach der Weihnachtskarte, die er immer bei sich trug. Da spürte er etwas Hartes, etwas Festes, einen Brief. Richtig!

Der mußte fort. Heute noch ... mochte die Mutter weinen.

... Aber die Mutter weinte nicht, denn noch ehe die Antwort kam, fand man sie eines Morgens kalt und steif in ihrem Bett. Da schien es, als ob alle Freude und alle Wärme im Klausenhof mit ihr gestorben sei, und Maria weinte zum erstenmal wieder an Stephans Schulter, und Stephan strich ihr leise übers Haar. Therese wurde verständigt, aber nur der Schwager kam.

Neben Theresens Bett stand seit ein paar Tagen eine sorgsam zugehüllte Wiege, und Therese war noch viel zu schwach, um den steilen Berg heraufzukommen.

Ernst und traurig trugen sie die Klausenbäuerin am dritten Tag zu Grabe. Die Bauern waren aus nah und fern erschienen und schritten im langen Zug hinter dem weinenden Gesinde.

Es war bitter, an einem so schönen Frühlingstag, wo tausend und abertausend grüne Spitzen aus eigenem Grund und Boden drängten, ins Grab gesenkt zu werden. Das empfanden sogar diejenigen, die die Klausenbäuerin vielleicht nur einmal, vielleicht nie gesehen hatten, und des Betens und des Weinens ward kein Ende. Beim Totenmahl, bei Wein und Brot, erholten sich die Gäste dann ein wenig. Aber die Knechte und die Mägde schluchzten weiter, und auch Maria weinte unaufhörlich.

Nur Stephan, jetzt der unumschränkte Herr am Klausenhof, zeigte sich ruhig und gefaßt. Umsichtig ging er von dem einen zum andern, fragte die Männer nach ihren Feldern, die Frauen nach ihren Kindern, und die Leute wunderten sich insgeheim, was für ein lieber, feiner Herr der junge Klausen geworden sei.

Ja fein, denn selbst diese einfachen Gemüter merkten den Abstand zwischen ihm und ihnen. Groß, fremd, blond, wie einer, der gar nicht zu ihnen gehört, sah er aus und war doch wieder so voll Verständnis für alle ihre Sorgen, daß die Scheu vor seiner Vornehmheit unwillkürlich schwand vor seiner Güte.

Ja, gut war er ... und ledig auch ... und in den Jahren auch ...

Und die Bäuerinnen, die schöne Anwesen und ältliche Töchter zu Hause hatten, zerbrachen sich auf dem Heimweg den Kopf, wie es anzustellen wäre ... denn der Klausenhof brauchte jetzt eine Bäuerin, das war klar ...

Achtzehntes Kapitel

Auch Stephan wurde das allmählich klar. Mit jedem neuen Tag spürte er deutlicher und deutlicher, daß das nicht, wie er immer glaubte, seine eigenste Sache, sondern auch Sache des Hofes sei. Allerdings, da war Maria. Tüchtig, pünktlich, umsichtig und fest hinter dem Gesinde wie die Mutter. Aber es war doch nicht dasselbe. Das merkte man da und dort und überall. Mit den Leuten hatte es auch schon einige Male Zwistigkeiten gegeben, und der älteste Knecht, der seit dreißig Jahren auf dem Hofe war, wollte gehen.

»Es sei keine Zucht mehr,« sagte er, »keine Zucht!«

Und nur Marias Zureden hatte ihn gehalten.

Bleich und verstört ging Stephan auf seinem Hof herum und dachte: »Wo fehlt es denn? wo fehlt es denn? ...«

Aber er konnte es nicht ergründen. Im Haus, im Hof, in den Ställen und Scheunen herrschte nach wie vor Segen und Ordnung.

Die Pferde und Zugochsen waren sauber gestriegelt, die Kühe trugen schweres Euter, die Hennen gackerten unverdrossen, und die Bütten beim Brunnen waren schneeweiß gescheuert.

»Wo fehlt es denn? wo fehlt es denn? ...«

Und weil Stephan der Sache auf den Grund kommen wollte, ging er in die Vorratsräume.

Aber auch dort war alles in Ordnung. In der Fruchtkammer standen schwergefüllte Säcke mit Mehl und Getreide. In der Fleischkammer hingen lange Reihen mit Fleisch und Speck. Im Keller drängte sich Faß an Faß mit Wein und Apfelwein.

»Nein, da fehlte nichts.«

Und Stephan ging in das Haus. Die Küche war frisch getüncht, die Geräte an der Wand vollzählig und sauber. Auf dem Herde dampfte es aus Pfannen und Kesseln, und zuoberst auf den warmen, grünen Kacheln lag die Katze und surrte leise. An dem großen Küchentisch aber stand Maria im frischgewaschenen Kattunkleid und richtete Gemüse. Die Uhr zeigte die Mittagsstunde, und der Tisch war gedeckt.

»Nein, da fehlte auch nichts.«

Und Stephan ging in das Zimmer, in das große eheliche Schlafzimmer, das jeder junge Klausen mit dem Hofe übernahm.

Er selbst wäre lieber in seinem Knabenstübchen geblieben, aber der Leute wegen hielt er sich an die Tradition.

Die Fenster waren weit offen, und der frische Frühlingswind fuhr in die Falten der großgeblümten Vorhänge, daß sie aufflatterten und sich wichtig blähten. Und der frische Frühlingswind strich über die uralte Kommode, über den uralten Schrank bis hinüber zu dem uralten Bett ... ja, dort fehlte etwas ... dort fehlte das andere uralte Bett. Es war auch zeitlebens dort gestanden, aber er hatte es gleich am Anfang seiner Herrschaft hinausräumen lassen ... und nun fehlte es ... fehlte ein Bett.

Aber Herrgott, weil ein Bett fehlt, das kann es doch nicht sein!

... Aber es war doch so, und Stephan kniff die Lippen ein, wie er es manchmal tat, wenn er scharf nachdachte, und schaute hinüber zu dem Wald, wo die Lärchen und Fichten den letzten Schnee abwarfen, wie Frauen, die das letzte Kleid abwerfen und frei und froh sich dehnen. Und er sagte:

»Frühling, Frühling, du toller, wahnsinniger Frühling, sei still, ich bin der Klausen. Der Klausen, der ein Bauer ist und ein Fürst sein möchte ... O Frühling, sei still ...!«

Aber der Frühling ward nicht still. Er tobte und schmeichelte, er drohte und streichelte, und in all die tausend Blumenkränze, die er aus dem Boden zog, zeichnete er Gesichter, blasse, feine Mädchengesichter.

Und Stephan haderte mit dem Frühling und haderte mit der Welt. Er wurde ungerecht gegen das Gesinde, scharf gegen Maria und sah und wußte nicht einmal mehr, daß sie auch mit dem Frühling stritt.

Neunzehntes Kapitel

In der Villa Waldfriede wurden eines Tages die grünen Fensterläden aufgestoßen, und ein sorgsam betüchelter Altweiberkopf zeigte sich hinter den Scheiben. Nach einer Weile öffneten sich auch die Fenster, und der Altweiberkopf hob sich vorsichtig heraus. »Herrgottl, war's da oben schön! So schön, nein, nicht zum Sagen. Das viele dürre Holz in den Wäldern, das man zusammenklauben durfte, ohne viel nach jemand zu fragen, und die vielen heilsamen Kräutlein in den Wiesen, die niemand gehörten als dem lieben Herrgott und dem, der sie gerade fand.

Wunderschöne Kräutlein, gegen Husten und Brustweh und Brust- und Kopfgeschwüre und Krampfadern. Ja, wegen den Kräutlein, die man da oben gleich zur Hand hat, ist es ein Gutes, da zu leben. Aber insonsten ...,« und der Altweiberkopf wackelte verdrossen hin und her, »ist das Leben da oben ein' Sünd' und ein Greuel ... Wie die Klausen das aushalten können, jahrein, jahraus ohne Kirchen und Ablässe, und nur alle Sonntag eine heilige Messe unten in Kampenn ... O, das arme Jesulein ...«

Noch immer verdrossen wackelnd zog sich der betüchelte Kopf zurück, und Stephan, der vom Felde aus den Vorgang gesehen hatte, starrte fassungslos auf den leeren, gähnenden Fensterschlund. Schreck und Freude malte sich auf seinem Gesicht, und eine Weile war es, als schwankten seine Knie.

Die alte Kathi, die jeden Sommer zuerst kam, um die Wohnung für die Doktorsleute zu säubern und zu richten, war da. Himmel! so nah war der Sommer ...

Am liebsten hätte er die Hacke fortgeworfen und wäre auf dem Felde auf und ab gestürmt, aber es war möglich, daß die alte Kathi ihn sah, und das war ein böses, klatschsüchtiges Frauenzimmer, vor der man sich in acht nehmen mußte. So arbeitete Stephan weiter und beruhigte sich allgemach. Was war es schließlich und endlich auch Großes? ... Die alte Kathi war da. So ein nichtsnutziges, ränkesüchtiges Frauenzimmer, das schon dreimal unter einen vollen Heuwagen zu liegen kam, ohne Schaden zu nehmen, und deren Maul man wird extra totschlagen müssen, wenn es vielleicht doch einmal mit ihr ans Sterben geht. Und der Anblick dieses zahnlosen Ungeheuers gab ihm diesen tollen, freudigen Schreck ... Ja, was anders war es, als vor ein paar Tagen der Kuckuck rief.

»Kuckuck ... Kuckuck ... Kuckuck.«

Da hatte er ein Gefühl gehabt, als müsse er den ganzen Berg aus den Fugen rücken, und als er spät abends nach Hause ging, hatte er ein übermütiges Lied geschmettert:

»Diandl, woas suachst denn doa,
Hoast woas valoarn?
Liegt eppa dei Jungfernkranz
Drinnen in Koarn?
Juchei! Juchei! Juchei!«

Das konnte man schon verstehen, daß man sich freute, wenn der Kuckuck rief. Aber wegen der Alten ...

Stephan drehte sich so, daß er Waldfriede im Rücken hatte ..., was ging ihn das alles an? Und sogar der Kuckuck! Er bedeutete den Sommer ... nun ja, aber was geht ihn der Sommer an? Er ist der Klausen, ein einfacher Bauer, der keine Zeit und keinen Sinn hat für den Sommer. So etwas ist für Stadtleute. Aber er ist ein Bauer und macht sich nichts aus dem Sommer, denn die heiße Jahreszeit bringt oft Viehseuchen und Waldbrände ... ganz abgesehen von Hagel und Gewittern. Nein, er macht sich nichts aus dem Sommer ...

Und als Stephan jetzt einen Augenblick ausruhte, kroch eine tiefe Röte unter sein blondes, lockiges Haar. Bedächtig nahm er dann die Arbeit wieder auf, und später als gewöhnlich ging er heim. Aber er ging mit strenggefalteten Brauen und geradeaus gerichteten Blicken, wie jemand, der in eine drohende Ferne schaut.

Und ihm voraus tanzten seine Gedanken mit Kuckucksgelächter und Altweibergesichtern. Gewaltsam riß er sich endlich los.

Was war es, das der Altknecht gestern gesagt hatte ...?

Richtig, Holzdiebereien waren vorgekommen, und letzten Sonntag hatten sie in der Almhütte eingebrochen. So etwas durfte nicht wieder geschehen. Aber wie sollte man es verhüten? Der Viehhüter war ein uralter Mann, erprobt und verläßlich, Fahrlässigkeiten gab es da nicht. Fenster oder Türen offen lassen, während er mit dem Vieh war, Gott behüte. Also das Ärgste an der Sache war, daß die Kerle eingedrungen sind, ohne den Riegel beim Fenster oder das Schloß an der Türe anzurühren. Teufelsmäßig sah es aus. Was sollte man dagegen tun? Er wußte es nicht, der Altknecht wußte es auch nicht. Der Vater hätte es wohl gewußt und hätte es ihm wohl auch irgendwie gesagt, wenn noch alles so wäre wie früher. Aber seit einiger Zeit spürte er die Nähe des Vaters nimmer, die er sonst in schweren, ratlosen Fällen immer empfand. Das war vielleicht auch eine Strafe ...

Voll schwerer Sorge sah Stephan in das frühlingsgrüne Land und voll schwerer Sorge auf die Höhe, wo der Klausenhof grau und ehrsam in der Abendsonne stand. Aber ein wenig müde stand er da, wie gedrückt von vielen Sorgen. Stephan dachte jetzt an die Antwort aus Innsbruck, an das Büchlein mit Bauplänen und Kostenüberschlag, das er schon so lange in der Tasche trug. Aber die Mutter hatte recht.

An den Hof durfte man nicht rühren. Alle Klausen, von Adalbert Klausen angefangen bis hinauf zu seinem Vater, würden dagegen sein. Mit erhobenen Händen würden sie dagegen sein, und der Adalbert würde sagen: »Das hab ich nicht gedacht, daß einer aus den Unseren einen Tadel finden könnt. Schaut, der Junge ...«

Und zum unzähligen Male las Stephan den Spruch:

»Wer baut an den Straßen,
Muß jeden reden lassen.
Der eine schaut vor, der andere hinten,
So wird jeder einen Tadel finden.«

Ja, der Hof mußte bleiben, wie er war. Schon des Spruches wegen. Es war ein seltener Spruch. Voll Kraft und Trotz und Verachtung für alles im Tale. Wie der Adalbert zürnen würde, wenn er plötzlich aus dem Grabe käme und den Jungen da sähe. Den Jungen, seinen Erben, den Herrn seines Hofes, und so voll wunderlicher Sehnsucht und aufrührerischer Gedanken ... Aber da kam er schon wieder in dieses fremde Zeug ... Woran hatte er nur gerade gedacht?

Ja, an die Holzdiebereien in den Wäldern und an die Räuberei auf der Alm ... feines Handwerk das! ... aber er, der Klausenbauer, wird es ihnen legen. Und weil der Altknecht gerade im Hof bei den Schweinen stand, rief ihn Stephan und sagte:

»Ich will morgen auf die Alm gehen. Es wäre eine ewige Schande, täten wir das Gesindel nicht aufspüren.«

Zwanzigstes Kapitel

Was war der Tag, was war die Heimat schön!

Mit leuchtenden Augen stieg Stephan aufwärts, immer aufwärts, und die schneebedeckten Berge stiegen mit. Alles versank, alles verschwand, nur die Berge blieben und wurden deutlicher und massiger, je höher er stieg.

»Ihr Schelme ... Ihr alten Schelme!«

Er drohte ihnen mit seinem derben Knotenstock, wie man Kindern droht, und weil er gerade einen schönen Ausblick erreicht hatte, blieb er stehen und sah dem bärenhaften Schlern ihm gegenüber ins trutzige Auge. Dann wanderten seine Blicke nach rechts, weiter und weiter entlang der herrlichen Kette der Dolomitenberge. Entlang dem zierlichen Rosengarten, dem wunderbaren Karersee, dem geheimnisvollen Latemar, und zu ihren Füßen, da und dort in Grün versenkt, klebten Burgen und Klöster und heilige Wallfahrtorte ...

Was war der Tag, was war die Welt so schön!

Voll Glück und Stolz sog er die Heimatluft. Sie roch da oben noch ein wenig nach Schnee, aber die Sonne und der Föhn hatten ihre Arbeit schon getan. Davon zeugten die Blumen. Stephan kniete nieder und strich mit den Händen darüber. Himmel, diese Blumen! Millionen weiße und blaue Blumen ... aber keine Alpenrosen? Nein, noch keine. Knospen? Ja, aber nicht viele. Das wird wieder ein Gesuche geben unter den Fremden, die aus Bozen heraufkommen und den Berg überschwemmen. Eine Million für eine Alpenrose! Und hatte man sie ihnen verraten – denn sie selbst fanden nie die richtigen Plätze –, ruinierten sie die Stöcke und vergaßen dann die schönen Blüten irgendwo. Oft genug hatte er schon so verdorrte Sträuße gefunden. Und Stephan träumte von einem großen Zaun, der um den ganzen Herrgottsgarten wachsen sollte, mit einem Tor in der Mitte, das sich nur öffnete für die Sorgsamen und Guten.

Nach einer Weile aber vergaß Stephan die Berge und die Blumen und besann sich seines Geschäftes. Also eingebrochen hatten sie ... so Spitzbuben, so Haderlumpen! Aber es war gut, daß er einmal heraufkam. Vorigen Sommer wollte er schon immer kommen ... damals nach dem Gewitter ...

Nach drei guten Wegstunden kam er auf die Alm, wo seine Ochsen weideten und das Häuschen stand. Der Viehhüter saß in der Sonne, und als er Stephan kommen sah, stand er auf und humpelte ihm entgegen. Er war ein uralter Mann und erzählte gleich von der Räuberei. Aber er redete so viel verwirrtes Zeug, daß Stephan nicht klug daraus werden konnte.

»Wann sagtest du, daß es eigentlich geschah?«

»Letzten Sonntag, Herr.«

»Vormittag?«

»Es muß schon Vormittag gewesen sein, weil ich noch genau weiß, daß die Pfanne fehlte.«

»Als du kochen wolltest?«

»Ja, Herr. Es war eine starke Pfanne, wir hatten sie bald an dreißig Jahre.«

»Und was hat noch gefehlt?«

»Alles, Herr. Der Löffel war auch fort.«

»Und was noch?«

»Und das Mehl und der Speck.«

»Davon, hast du gesagt, war nimmer viel da.«

»Nein, nimmer viel, aber ...«

»Und wen hast du in Verdacht?«

»Das soll einer wissen, Herr ...!«

Er begann zu weinen.

»Und wie steht's mit den Ochsen?«

Der Michl trocknete seine triefenden Augen.

»Keine Sorg', Herr.«

»Und die Ställe? Ist da alles in Ordnung?«

»Keine Sorg', Herr.«

Sie gingen in die Hütte, und Stephan mußte sich setzen, weil sein Kopf an die Decke stieß. Dann nahm er den Rucksack ab und packte sein Mittagessen aus.

»Du mußt auch mithalten, Michl!«

»Tät ich gern, Herr. Aber es geht nimmer.«

Und er riß mit den beiden Zeigefingern den Mund auseinander, daß man die zahnlosen Kiefern sehen konnte.

»Geht schon lang nimmer, Herr.«

Stephan nickte und kümmerte sich für die nächsten zehn Minuten nicht um den Alten. Herrgott, wie das schmeckte nach so einem Marsch! Und Maria hatte auch so eine Art, die Dinge herzurichten.

Ein kreischendes Geräusch, als drehe sich ein verrosteter Schlüssel in einem verrosteten Schlosse, ließ ihn aufschauen. Da stand der Alte vor einer großen, eisenbeschlagenen Truhe, dem einzig anständigen Möbel im Raume, und versuchte, sie aufzusperren.

»Geht es?« sagte Stephan und hielt einen Augenblick das Fleisch zwischen den blanken Zähnen.

»Ei freilich.«

Dann hob sich der uralte Deckel, und der Michl nahm aus der Truhe eine neue Pfanne, einen hölzernen Löffel und ein Töpfchen mit Ziegenmilch. Dabei erläuterte er:

»Seit der Luderei sperr' ich jetzt alles ein.«

»In die Truhe?«

»Ja, das ist eine feste Truhe.«

»Muß uralt sein.«

»Noch vom Adalbert.«

Stephan hörte plötzlich zu kauen auf.

»Von wem hast du gesagt?«

»Vom Adalbert.«

»Vom Adalbert Klausen?«

»Gewiß auch noch ... drinnen liegt ja noch das Zeug von ihm.«

»Was für ein Zeug?«

»Das weiß ich nicht, Herr ... es war schon drin bei mein' Vater selig.«

Darauf erhob sich Stephan und schaute in die Truhe. Am Boden derselben lagen ein paar weiße, vergilbte Fetzen Papier. Er nahm sie heraus und sah, daß sie beschrieben waren. Als er sie aber umdrehen und lesen wollte, bröckelten sie unter seinen Fingern. Behutsam legte er sie auf den Tisch, und nun sah er, daß es Gedichte waren. Der Schreiber mußte sich endlose Mühe genommen haben, denn die Titel und die einzelnen Strophen waren mit kunstvollen Schnörkeln verziert. Die Schrift selbst aber war einfach, kindlich und ohne Mühe lesbar:

Verwandlung
Was ist geschehen? Ich fass' es nicht.
Zu Tale dränget sich alles Licht,
Zu Tale dränget, was tausend Jahr
Da oben gewöhnt und zu Hause war.
Zu Tale dränget sich Wolk' und Wind,
Zu Tale neigt sich jed' Blumenkind,
Und, was das Wunderlichste von allen,
Selbst die Berge, die möchten fallen,
Möchten nicht mehr in den Himmel hinein,
Möchten nur unten, nur unten sein.
 
Zweite Verwandlung
Alles um mich ist so fremd, so neu,
Tut so seltsam, daß ich scheu
Am eigenen Haus vorübergeh,
Am eigenen Feld vorüberseh,
Weil die Mauern und die Schollen
Plötzlich reden, plötzlich wollen
Eine goldne Brücke sein
In ein goldnes Schloß hinein.
 
Sehnsucht
... und weil alles so seltsam tut,
Bin ich selber so seltsam geworden,
Träume von Kronen, träume von Orden,
Träume von Ketten, träume von Ringen,
Träume von lauter goldenen Dingen ...
Träume von einem weißen Kleide,
Halb aus Spitze und halb aus Seide,
Und von Federn, die wehend ragen,
Wie sie die vürnehmsten Frauen tragen ...

Und unter jedem Gedicht stand »Adalbert«.

Als Stephan alles noch einmal gelesen hatte, deckte er die weißen Fetzen mit den Händen zu und blickte auf den Alten, der beim Herd stand und sein Mus kochte.

»Michl!«

»Ja, Herr.«

»Kannst du lesen?«

Er machte das Zeichen des Kreuzes gegen diese sündhafte Zumutung.

»Herr, ich bin ein gottesfürchtiger Mensch.«

»Wie weißt du dann, daß die Sachen da vom Adalbert stammen?«

»Ganz leicht, Herr. Mein Vater selig hat es mir gesagt, so nebenbei mit der Geschichte.«

»Mit welcher Geschichte?«

»Mit der Geschichte vom Adalbert.«

»Und weißt du die Geschichte noch?«

»Ja, Herr, so etwas vergißt man nimmer. Es war eine sündige Sach'.«

»Was?«

»Das mit der Gräfin, Herr. Sie wohnte irgendwo unten, gegen das Sarntal zu, in einem schönen Schloß ... und jede Nacht ... und das ist gewiß wahr, Herr ... ging der Adalbert um das Schloß herum, und einmal, es war eine grausliche Nacht voll Donner und Blitz, kam sie zu ihm hinunter.«

»Du lügst, Michl!«

»So wahr mir Gott helfe, Herr, in meiner Sterbstund'.«

Stephan wischte sich den Schweiß von der Stirne.

»Weiter!«

»Mehr weiß ich nicht, Herr. Nur daß der Adalbert immer gesungen hat nachher ...«

Und mit grimmigen Blicken holte sich der Michl sein Mus vom Feuer und würgte es schmatzend hinab.

Stephan aber stand auf, hängte seinen Rucksack um, nahm kurzen Abschied und ging.

Aber er ging voll neuer Kraft, voll neuer Trotzäußerung und sah ohne Blinzeln in die Sonne.

»Was war der Tag, was war das Leben schön!«

Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und griff in seine Brusttasche. Dann knisterten die vergilbten Papierfetzen, und Stephan lächelte dazu. Einmal horchte er auf. Irgendwo aus dem Walde her klang das Glöcklein einer Leitkuh, und eine frische Stimme sang:

»Di-ri-da-ram,
Müller und Müllerin,
König und Königin,
So gehörts z'amm.
Di-ri-da-ram,
Di-ri-da-ram.«

Stephan aber dachte an Adalbert, an seine Gräfin, und sang trotzig zurück:

»Wenn der Müller fesch is',
Glei' trau' i' ma z'wetten,
Paßta wia a Prinz
In de zwo goldnan Betten.«

Darauf kicherte es im Walde, aber die Stimme erklang nicht mehr, und nur das Kuhgeläute hörte Stephan noch eine Weile.

Als er gegen Abend an die Villa kam, hatte er ein Gefühl, als wäre er lange fortgewesen, und sein erster Blick galt den Fensterläden. Aber die waren fest verschlossen.

Einundzwanzigstes Kapitel

Um Ostern herum kamen die ersten Turisten.

Einzeln, paarweise, haufenweise erklommen sie den Berg und bedrängten die Bewohner des Klausenhofes mit Fragen nach dem nächsten Gasthaus. Es gab aber auch Naturfreunde unter ihnen, Idealisten, die auf den Titschen, auf die Rotwand wollten oder sogar noch weiter.

Und jedesmal, wenn ein neuer Trupp kam, ruhte Stephan in seiner Arbeit, musterte scharf jeden einzelnen, und Maria tat hinter den weißen Gardinen verborgen dasselbe.

Aber die, die sie erwarteten, kamen nicht, und die Fensterläden an der schönen Villa öffneten sich nicht, den ganzen Sommer nicht. Da wich aller Frohsinn aus Stephans Augen und alle Hoffnung aus Marias Brust.

»Sie kamen nicht ...«

Das war es, woran sie unablässig dachten, was sie unablässig quälte. Aber sie sprachen sich nicht aus darüber und warteten auf den Herbst. Viele Leute kommen ja erst im Herbst. Ja viele ... Und jeden Tag schauten sie auf die Fensterläden. Aber die Fensterläden öffneten sich nicht, auch im Herbst nicht.

Da wurde Stephan wieder bitter und übellaunig, wie er es eine Zeitlang im Frühjahr war, und eines Tages ließ er alle Arbeit stehen, stopfte seinen Rucksack und ging auf die Alm.

Er blieb ein paar Tage oben, kam dann heim, ging aber gleich wieder. Die Knechte schüttelten die Köpfe, aber Maria freute sich, daß sie jetzt allein war mit ihren Gedanken. Und weil die Hoffnung sich in einem Frauenherzen nicht niederringen läßt, ging sie wieder jeden Tag hinaus unter die langen Fänge der Windmühle und schaute den Weg nach Bozen hinab und hinauf. Als sie aber nach einiger Zeit sah, daß der Altknecht sie beobachtete, gab sie das auf. Es fehlte ohnehin schon stark an Respekt, seit Stephan so wunderlich war. Es galt, sich zusammenzunehmen. Und sie nahm sich zusammen und ließ hier und da ein Wort fallen von neuen Gründen, die Stephan weiter oben erstehen wollte, und von einer neuen Almhütte, die er zu bauen gedächte. Ob die Leute das glaubten? ...

So wurde es Winter. Die Ochsen waren wie jedes Jahr seit Allerheiligen herunten, aber Stephan war noch oben, ganz allein auf der tiefverschneiten Alm.

Eines Tages brachte der Altknecht Maria einen Brief. Er gab ihn ihr zugleich mit ein paar anderen Dingen, die er auf seinem Wege über den Hof aufgelesen hatte: einen Blumentopf, der vom Fensterbrett gefallen war, ein Stück rote Schnur, und Maria nahm das alles sorgfältig und hielt noch überdies die kleine Kuhmagd, die zufällig daher kam, mit eingehenden Fragen über die Kühe auf, alles, nur damit der Alte nichts von ihrem Zittern und ihrer Erregung merken sollte. Als sie dann endlich allein war, wollte sie den Brief öffnen, besann sich aber ... nein, nicht jetzt, während der vielen Arbeit ...

Sie kochte das Essen fertig, beteilte die Leute, räumte fort und tat alles wie sonst. Nachmittag fand sie dann wieder keine Zeit, so wartete sie bis abends. Sie wartete, bis der letzte Knecht und die letzte Magd »Gute Nacht« gewünscht hatten, dann legte sie noch Scheite auf das Feuer, stellte die Lampe auf den Tisch und zog die Vorhänge mit doppelter Sorgfalt zu. Danach nahm sie den Brief aus ihrer Jacke, betrachtete ihn von allen Seiten und las die Adresse: »Fräulein Maria Klausen ...«

Ja, er gehörte ihr. Aber sie konnte ihn trotzdem nicht öffnen, und es dauerte lange, bis sie sich dazu überwand. Endlich riß sie den Umschlag auf. Ein paar engbeschriebene Seiten Papier, dazwischen welke Blumen. Mit zitternden Fingern strich sie darüber, und heiße Tränen stürzten in ihre Augen:

»Maria ...

Du wirst nicht böse sein, wenn ich Dich bei Deinem Namen nenne und Du zu Dir sage. Denn oft schon habe ich jetzt während meiner Krankheit Dich bei Deinem Namen genannt, und Du hast mich nur angesehen und leise genickt. Und so deutlich und greifbar bist Du mir vorgeschwebt dabei, daß ich manchmal dachte, es sei unnötig, Dir das zu sagen, was ich Dir nun doch sagen will, weil Du alles weißt. Und wäre es auch nur durch die Hoffnung, mit der Du auf mich wartest. Denn Du wartest auf mich, obgleich es eine tolle, undankbare Sache ist, auf einen, wie ich bin, zu warten ...

Erröte nicht. Du hast Dir nichts vergeben. Deine Liebe ist wie Deine Heimat rein und schön, und kein Mädchen wäre würdiger als Du, daß man es wiederliebte. Das sage ich mir nicht nur heute, das habe ich mir auch damals gesagt, gesagt, wenn ich Dich sah und wenn ich Dich nicht sah, und oft schon flossen mir die Worte auf die Zunge. Aber dann tatest Du mir immer leid, Maria, denn meine Liebe hätte Dich erschreckt ... Einmal hatte ich ein paar Blumen gepflückt, und die wollte ich Dir bringen. Ich traf Dich aber damals gerade nicht, und so schlich ich mich spätabends an Dein Fenster. Ich sah Dich auch. Du tatest noch dieses und jenes, kleine süße Hausfrauendinge, dann decktest Du Dein Bett ab und kämmtest Dein Haar. Ich seh Dich noch so deutlich im halben Schein der Kerze, im Hintergrund Dein aufgeschlagenes, schmales Mädchenbett. Erst wollte ich an Dein Fenster klopfen, dann noch warten ... dann tat ich weder das eine noch das andere, sondern ich ging heim. Und die Blumen nahm ich mit und gab sie Dir auch den nächsten Tag nicht ... gab sie Dir gar nicht. Und das war gut, Maria, denn nicht umsonst gibt ein wilder Mann einem keuschen Mädchen Blumen. Es war aber nicht allein Du und das Mitleid mit Dir, das mich abgehalten hat, es war etwas anderes noch, das damals heftig bei mir mitsprach, und das war Dein Bruder. Wie soll ich Dir jetzt das erklären? Schau, Maria, es gibt Männer, die wie Teufel sind und die einen auch zu Teufeln machen, und es gibt Männer, deren Art uns fortwährend beschämt, deren bloßer Anblick einen wünschen läßt, nie mehr eine Gemeinheit zu begehen ... So wirkte auf mich Dein Bruder. Wir begegneten uns sehr oft, und seine Augen sagten jedesmal:

»Was hast Du mit ihr vor?«

Und da hätte ich ihm jedesmal die Blumen zeigen mögen, die ich noch immer bei mir trug ... als Zeichen ...

Ja, so eingebildet und töricht war ich damals, Maria, daß ich glaubte, ich wäre gut ...

Das ist jetzt alles vorüber, und Du wirst es mir verzeihen.

Auch die Blumen darf ich Dir jetzt geben, und Du darfst sie nehmen, denn wenn Du sie hast, sind sie von einem Toten und fordern keine Gegengabe. Vergib mir das Leid, das ich über Dich gebracht habe, und vergiß nicht, daß Du bei mir warst bis ans Ende.

Hugo von Rotenau.«  

Wieder und wieder las Maria den Brief, und vieles darin konnte sie nicht verstehen. Aber allmählich wurde ihr klar, daß dieser fremde Mann, dessen Namen sie heute zum erstenmal erfuhr und der gestorben war, sie wußte nicht wann und wo, außergewöhnliche Lebensbedürfnisse mit erschütternder Größe verband, und daß er, von niemand verstanden, auch niemand geliebt haben konnte. Aber trotzdem er tot war, wie reich hatte er sie noch im Tode gemacht ... Sie lächelte leidvoll, raffte mit bebenden Händen seinen Brief, seine Blumen zusammen und trug alles in ihre Kammer.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Stephan tat das Unglaubliche und kam auch über die Weihnachtstage nicht herunter. Maria hatte ernste Sorge um ihn und dachte mehr als einmal daran, einen Knecht hinaufzuschicken. Aber dann fürchtete sie wieder, daß Stephan es als Spionage ansehen könnte und es übel nehmen würde. Sie hatte in der letzten Zeit Angst vor ihm bekommen, weil er oft bei ganz unbedeutenden Anlässen in der bittersten Weise aufgefahren war. Nein, man durfte ihn nicht reizen, er war der Herr ...

Der Altknecht aber war erbittert und ergrimmt über den jungen Klausen und machte ein Ende.

»Er wolle nicht mit ansehen, wie der alte Hof zugrunde ginge. Er nicht ...«

Das sagte er Maria frei heraus und ließ sich dieses Mal nicht halten. Sie versuchte es auch nicht. Mochte er in Gottes Namen gehen. Es gab andere Knechte. Dieses ewige Gezänke brachte das Ansehen des Hofes herab. Gott sei Dank, die Klausen bekommen Leute soviel sie wollen ... Freilich, der Vater täte sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß der Altknecht geht. So ein braver, fleißiger, treuer Mensch ...

Aber sie blieb doch fest während der ganzen Kündigungszeit und ließ ihn gehen. Um Neujahr herum kam der neue. Der machte große Augen, als er hörte, daß der Bauer auf der Alm sei.

Jetzt, um die Zeit ...? Aber er sagte nichts und arbeitete fleißig.

Maria fiel ein, daß sie nun einen Grund hätte, um Stephan einen Zettel zu schicken. Ungefähr so:

»Der Altknecht ist fort und der neue Knecht noch nicht eingearbeitet. Vielleicht wäre es gut, wenn Du kämest.«

Sie schrieb es sogar nieder, dann aber zerriß sie das Papier wieder. Nein, lieber nicht. Wenn er da war, fing der alte Zustand wieder an. Beisammen sitzen die ganzen Abende und nichts reden. Oder lügen ... Freilich war es mit ihr jetzt anders. Sie quälte nichts mehr. In ihrem Herzen war es still und licht. Aber es ihm sagen? Nein! ... oder ihm den Brief zeigen? Nie! ...

Sie war zu Ende gekommen, er wird auch zu Ende kommen.

So etwas muß jeder allein ausringen, helfen kann da niemand. Und vielleicht wird er eher fertig damit, da oben in der reinen Höhe. Währenddem half sie ihm da unten. Ja, sie konnte ihm ein wenig helfen. Den Hof konnte sie für ihn verwalten während der bösen Zeit, damit er ihn in alter Ordnung findet, wenn er wiederkommt. Denn er wird wiederkommen. Vielleicht früher, vielleicht später, aber er wird wiederkommen ...

Und Maria schob die brennende Sorge um die Zukunft weit zurück und versah ihr Amt mit doppeltem Eifer. Es galt, da zu sein, dort zu sein und überall zu sein. Das Gesinde hatte seit dem Abgang des alten Knechtes stark nachgelassen, und der neue Knecht war fleißig, aber er trank. Das war eine böse Sache.

Einmal stellte sie ihn zur Rede, aber anstatt grob zu werden, was sie als doppelten Anlaß zur Kündigung erwartet hatte, fing er zu weinen an und versicherte, es nie wieder zu tun. So behielt sie ihn weiter, aber sie lebte in beständiger Unruhe, daß irgend etwas passieren könnte. Ein Streit vielleicht. Wenn die Leute den Wein in sich haben, fahren sie herum wie Teufel und sind gleich zur Hand mit dem Messer.

Und Stephan kam nicht.

Dafür aber kam eines Tages Nachricht von Therese.

Auf schmutzigem Papier eigentümlich bedrückende Worte:

»Wenn möglich, komme. Es geht nicht gut.«

Maria war überrascht und erschrocken. Sie nahm den Boten in die Küche, setzte ihm Brot und Wein vor, wollte ihn nach dem Vieh ausfragen und getraute sich doch nicht. Endlich schämte sie sich ihrer Feigheit und sagte tapfer:

»Da hat's wohl im Stall ein Unglück gegeben ...?«

Aber der Bote aß und trank, schüttelte den struppigen Kopf und meinte, er wisse von nichts. Darauf fühlte sich Maria ein wenig erleichtert und schrieb an Therese, daß sie ja gerne kommen würde, aber Stephan sei nicht da, und sie könne den Hof unmöglich allein lassen. Wenn aber etwas Dringendes sei, wolle sie trotzdem kommen. Damit schickte sie den Boten zurück und wartete voll Bangigkeit auf die Antwort. Sie wartete drei Tage, und da kam derselbe Bote wieder. Er gab Maria einen Fetzen mit Bleistift beschmiert:

»Komme trotzdem!«

Da wußte Maria, daß irgend etwas geschehen sein mußte, und sie sandte Nachricht, daß sie kommen würde. Hastig traf sie ihre Vorbereitungen und dachte auch daran, um Stephan zu schicken. Aber sie tat es doch nicht. Bis jemand oben ist, dachte sie, und Stephan unten, vergeht beinahe ein Tag, und bis dahin bin ich auch wieder da. Aber gerade als sie in ihr großes, dunkles Tuch gehüllt über den Hof schritt, kam Stephan daher. Im ersten Augenblick konnte sie es nicht glauben, aber dann flog sie ihm mit einem erlösten Aufschrei entgegen.

»Stephan!«

Und weil der Hof leer war, schlang sie den Arm um ihn und schluchzte leise. Da nahm er sie wie ein Kind in die Arme und trug sie zurück in die Stube.

»Wo wolltest du denn hin, Maria?«

Sie fühlte sofort, daß er wieder der Alte war, und weil sie erst jetzt sah, wie müde und zerquält sein armes, liebes Antlitz war, quoll ein heißes Mitleid mit seinem Kummer in ihr auf. Sie drückte wie früher seine Hände an ihre Wangen und setzte sich zu ihm.

»Ich bin so froh, daß du da bist, Stephan. Es ist so viel Neues. Aber jetzt kann ich es dir nicht sagen ... nur die Hauptsache: Ich muß zu Therese.«

»Jetzt gleich?«

»Ja, jetzt gleich.«

Sie zeigte ihm den Zettel, und einen Augenblick sahen sie sich stumm in die Augen. Dann sagte er:

»Soll ich dir nicht jemand mitschicken, Maria?«

Er war voll Sorge, voll Zärtlichkeit. Aber Maria wollte niemand, und trotzdem es ihr schwer wurde, Stephan gerade jetzt zu verlassen, machte sie sich auf den Weg. Bei der Türe aber drehte sie sich wieder um und kam zu Stephan zurück. Es war offenbar, daß sie noch etwas sagen wollte, aber es dauerte lange, bis sie die richtigen Worte fand. Endlich aber wußte sie es, und schon wieder zur Türe gewendet, sagte sie:

»Zeig dich den Leuten, Stephan ...«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der starke Schneefall hatte in den Wäldern großen Schaden angerichtet. Haufenweise lagen schwere Äste aufeinander, und selbst ausgewachsene Bäume waren hier und da entzweigebrochen. Was sich aber gehalten hatte, stand mit an den Leib gepreßten Zweigen, so schwer hing der beeiste Schnee an ihnen. Maria hatte Mühe, durchzukommen, doch sie beachtete die Hindernisse und Beschwerlichkeiten des Weges nicht. In ihrem Herzen war klare Freude.

Vor nicht viel länger als einem Jahr hatte sie denselben Weg gemacht, und sie dachte daran, wie bitter damals alles für sie schien. Wie sie, von Zorn und Weh verblendet, da an derselben Stelle stand, Stephans Kärtchen wägend in der Hand, ungewiß, ob sie ihm die arme Freude gönnen sollte ... denn eine arme Freude war es, dieses Zeichen einer Lebenden, jeder Laune, jedem Wechsel untertan. Eine arme Freude im Vergleich zu ihrem Glück, das von einem Toten kam, nicht zu deuteln, nicht zu ändern, und von keiner Macht der Welt zu widerrufen. Ja, sie war sehr glücklich ...

Plötzlich schämte sie sich, denn sie dachte an Therese.

Wie sie das auch vergessen konnte ... was mag nur geschehen sein? Hoffentlich kein Unglück ... aber es war schon möglich, jetzt mit den Schneebrüchen. Vielleicht war ihrem Mann etwas geschehen ... vielleicht hatte eine stürzende Lawine den Hof eingerissen ...

»Herrgott!«

Von einer tollen Angst erfüllt, lief sie vorwärts, und als sie endlich den Hof vor sich sah, der ganz und unversehrt auf seinem Platze stand, erfaßte sie eine solche Angst, daß ihr die Knie zitterten. Also doch ein Unglück mit Theresens Mann ...

Sie dachte an ihren Vater, den sie leblos und blutüberströmt gebracht hatten, und blieb vor dem Tore stehen, weil sie sich fürchtete einzutreten. Therese aber mußte sie vom Fenster aus gesehen haben, denn sie kam heraus und sagte:

»Gott sei Dank!«

Dann wollte sie die Schwester in die Stube ziehen, aber Maria blieb stehen und fragte:

»Ist etwas passiert mit deinem Mann?«

Therese wehrte schluchzend.

»Nicht mit meinem Mann ... O nein ... der ist auf der Wallfahrt schon seit drei Tagen.«

»Auf der Wallfahrt, sagst du?«

»Ja ... er meint, daß man ihn vielleicht doch gesund beten kann.«

»Wen?«

»Den Buben.«

An das Kind hatte Maria nicht gedacht. Etwas erleichtert folgte sie Therese in die Stube. Neben den zwei großen Betten stand ein kleines Bett, und Maria blickte traurig und neugierig auf das blasse, abgezehrte Kindergesicht. Dann versuchte sie, Therese zu trösten.

»Er sieht doch gar nicht so krank aus. Warum glaubst du, daß er stirbt?«

Aber Therese schüttelte weinend mit dem Kopfe.

»Du weißt nicht, was ich schon mitgemacht habe. Gleich am Anfang ... ich lag sechs Tage in Schmerzen, und als er dann endlich da war, glaubte kein Mensch, daß er am Leben bleiben wird. Wie ein alter Mann sah er aus und wollte nicht trinken. Aber ich habe ihn doch ganz langsam weitergebracht, und eine Zeitlang glaubte sogar der Doktor, daß er davonkommen wird. Aber dann kam der Husten ... schon über ein Vierteljahr jetzt ... Ein furchtbarer Husten. Er wird ganz blau dabei und bricht Blut. Und so oft der Anfall vorbei ist, wundert sich der Doktor, daß er noch lebt. Aber er sagt, es kann jeden Tag sein ...«

Sie schluchzte aufs neue. Maria hatte aufmerksam zugehört.

»Was ist das für ein Husten, Maria?«

»Das weiß niemand. Auch der Doktor nicht. Er sagt, er findet ihn nicht in seinem Buch, und es sieht beinahe aus ...«

Maria streichelte ihre Hand.

»Wie sieht es aus?«

Darauf nahm Therese einen Anlauf und sagte scheu:

»... als ob er verhext wäre ...«

Sie zitterten beide, als es ausgesprochen war, und schwiegen lange.

Plötzlich fuhr Therese auf. Der Kleine hatte sich gerührt, hatte seine knöchernen, wachsgelben Händchen in die Höhe gestreckt, zu Fäustchen geballt und an das Gesicht gedrückt. Dann begann die kleine Brust zu keuchen und zu würgen. Da riß ihn Therese aus dem Bettchen, und nun folgte ein so gräßlicher Hustenanfall, daß Maria ihre Hände in ihre Haare grub und sich abwandte, weil sie nicht mit ansehen konnte, wie der kleine Körper geschnellt wurde, und wie Schaum und Schleim und Blut aus dem Mündlein floß. Noch lange, nachdem es vorüber war, wagte Maria sich nicht umzudrehen, und als sie endlich wieder hinschaute, lag der Kleine im Bettchen, und die Mutter beugte sich qualvoll über ihn. Plötzlich schrie sie laut auf.

»Er stirbt! O heilige Jungfrau, er stirbt!«

Dann warf sie sich neben dem Bett auf den Boden, und Maria stand, von Grauen geschüttelt, daneben. Der Kleine schluckte und verdrehte die Augen.

»Die Kerzen!« wimmerte Therese, »... die geweihten Kerzen ...!«

Aufs Geratewohl stürzte Maria an den Schrank und wühlte unter den weißen, saubergefalteten Linnen. Endlich fand sie die Kerzen, entzündete sie mit stark zitternden Händen, und der gelbe Schein der Wachslichte leuchtete feierlich durch den Raum. Aber während Maria die Kerzen entzündete, hatte sie einen Gedanken.

»Mußte denn der Kleine sterben?«

Sie stand eine Weile mit gesenktem Kopf und dachte nach.

»Höre, Therese!« sie glitt auf den Boden neben die Weinende und rüttelte sie an den Schultern, »... steh auf und gib acht auf den Kleinen. Er darf nicht sterben ... hörst du, Therese? ... drei Stunden mußt du schaun, daß er lebt ...«

Therese hob verständnislos die tränengefüllten Augen.

»Was meinst du?«

Maria hüllte sich schon in ihr Umhangtuch.

»Ich geh zur Geisler Toni. O ... du weißt nicht, wie ich sie bitten werde. Auf den Knien werde ich sie bitten, daß sie den Fluch zurücknimmt ...«

Da senkte die stolze Therese tief gedemütigt den Kopf und flehte:

»Ja, bitte sie ... und sage ihr, der Hof und alles, was wir haben, gehört ihr, wenn sie es tut ...«

Maria nickte hastig, warf noch einen Blick auf den Kleinen, der noch immer so eigenartig schluckte, und stand dann draußen in der frostklaren Luft.

»Drei Stunden,« murmelte sie, »drei Stunden ...« und sie hob die Röcke hoch, um besser laufen zu können, denn laufen mußte sie, wenn sie in drei Stunden dort sein wollte. Die Geisler-Hütte stand irgendwo dort drüben ... als Kind war sie oft daran vorbeigekommen, wenn sie nach Kampenn in die Schule ging ... ja, irgendwo dort drüben mußte sie sein ...

Atemlos, immer nur das Kind vor Augen, hastete Maria talwärts. Sie glitt oft aus und versank bis zu den Knien im Schnee, aber sie war verschneite Wege gewohnt und lief unverdrossen weiter.

Nach einiger Zeit aber wurden ihr die Röcke schwer und begannen unter ihren Füßen zu klirren. Das waren die Ränder, die, vom Schnee feucht geworden, zu Eis erstarrten. Und weil sie nicht nur schwer waren, sondern auch bei jedem Schritt schmerzhaft um ihre Beine schlugen, blieb sie stehen, um einen Augenblick auszuruhen.

Da merkte sie nun, daß sie schon lange gelaufen sein mußte. Erstens, weil ihre Knie vor Frost und Müdigkeit zitterten, und zweitens, weil es schon dunkel war. Dunkel ... und sie hatte die Laterne vergessen.

»Barmherziger Gott!«

Sie krampfte die Finger ineinander und stand unschlüssig da. Zurückgehen ...? Unmöglich! Wer weiß, wie lange das Kind noch lebt ... Jede Minute war kostbar ... aber dann, was tun? In der Dunkelheit weitergehen? ... Ja, es war das einzige. Vielleicht kam sie bei einem Haus vorbei, oder vielleicht kam der Mond ...

Sie raffte die klirrenden Röcke zusammen, bog die beeisten Zweige zurück und drang weiter in den weglosen Wald. Dabei dachte sie:

»Nach dem Wald muß eine große Wiese kommen, und jenseits der Wiese muß es sein. Sie werden auch, trotzdem sie arme Leute sind, ein Lämpchen brennen, und das Licht muß man schon von weitem sehen.«

Mit neuer Kraft strebte sie vorwärts. Aber der Wald nahm kein Ende. Unaufhörlich schlugen ihr die beeisten Zweige ins Gesicht, und die eine Hand, die sie tastend von sich streckte, griff Bäume, immer Bäume. Dazu wurden ihr die Röcke unerträglich schwer.

Das Licht ...! Mein Gott! wo war das Licht ...?!

Sie riß die Augen weit auf und versuchte, durch das Dunkel zu dringen. Und da sprangen Lichter auf, rote, tanzende Lichter, und ein Schwindel fuhr in ihren Kopf, und wie kalte Hände griff etwas an ihr Herz ...

Da ließ sie ihre Röcke los und taumelte.

»Das Kind ... das Kind ... Herr, hilf ...!«

Und er half. Ein Licht, ein wirkliches Licht tauchte auf, kam näher und näher, und Maria sah, daß es eine Laterne war, die ein Mann trug. Sie sah nur immer auf das Licht, nicht auf den Mann, darum erkannte sie ihn erst, als er ganz nahe war. Da schluchzte sie auf, und der Mann stellte die Laterne erschrocken in den Schnee.

»Maria!« sagte er. Dann hob er sie behutsam in die Höhe, stützte sie mit seinen jungen, starken Armen, und die Wärme seines Leibes durchströmte sie. Eine Weile gab sie sich dem wohltuenden Gefühle hin, dann aber erinnerte sie sich an alles, was geschehen war, und sie löste sich aus seinen Armen. Er gab sie sofort frei, hielt sie aber noch an den Händen und sah ihr besorgt in das Gesicht.

Sie aber wandte die Augen fort und sagte hastig:

»Ich danke Euch, Josef ... aber ich muß noch weiter. Könntet Ihr mir wohl Eure Laterne borgen?«

Er hob sie augenblicklich aus dem Schnee und reichte sie ihr.

»Wohin wollt Ihr, Maria?«

»Zur Geisler Toni.«

»Da seid Ihr aber nicht recht. Gerade entgegengesetzt wohnt sie. Wenn Ihr wollt, werde ich mit Euch kommen. Ich kenne einen ganz kurzen Weg.«