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Der kleine Dämon

Chapter 11: X
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About This Book

A petty, embittered provincial man nurses jealousies, ambitions, and paranoid fantasies while entangling himself in local gossip, romantic entanglements, and petty schemes. Through close psychological observation and satirical depiction of town life, the narrative exposes hypocrisy, vanity, and spiritual emptiness; grotesque and symbolic details intensify a mood of decay and malignity. Episodes alternate dark comedy with sinister undertones as the protagonist's resentments produce manipulation, obsessions about status and marriage, and escalating moral deterioration. The work blends realist social portraiture with hallucinatory imagery to trace the corrosive effects of small cruelties on both an individual and communal level.

VIII

Kaum war Peredonoff gegangen, um Billard zu spielen, da fuhr auch schon Warwara zur Gruschina. Lange überlegten sie und beschlossen endlich, die Sache wieder gut zu machen, durch einen zweiten Brief. Warwara wußte, daß die Gruschina Bekannte in Petersburg hatte. Durch deren Vermittlung konnte es nicht schwer fallen, einen am Ort gefälschten Brief hin- und wieder zurückzubefördern.

Die Gruschina wollte genau so, wie das erstemal, die Sache nicht übernehmen. Aber sie stellte sich nur so.

„Liebste Warwara Dmitriewna,“ sagte sie, „schon dieser erste Brief lastet schwer auf meinem Gewissen und ich fürchte mich sehr. Wenn ich den Schutzmann in der Nähe meines Hauses sehe, so zittre ich am ganzen Leibe, wie wenn er es auf mich abgesehen hätte und mich ins Gefängnis abführen wollte!“

Eine geschlagene Stunde suchte Warwara sie zu überreden, versprach ihr Geschenke und gab ihr ein wenig Geld im voraus. Endlich gab die Gruschina nach. Man beschloß folgendes zu tun: zunächst würde Warwara erzählen, daß sie eine Antwort an die Fürstin geschickt hätte, um ihr zu danken. Dann sollte nach einigen Tagen ein Brief kommen, welcher wieder nur angeblich von der Fürstin stammte. In diesem Briefe würde es noch deutlicher ausgesprochen sein, daß einige Stellen vakant wären, daß man sich schon jetzt für Peredonoff verwenden wolle, wenn er sich nur schnell zur Trauung entschließen würde. Diesen Brief sollte die Gruschina schreiben, genau so, wie den ersten, man würde ihn kouvertieren, eine Siebenkopekenmarke daraufkleben und ihn in einen zweiten Umschlag stecken, welcher an die Freundin der Gruschina in Petersburg adressiert war. Diese hatte dann weiter nichts zu tun, als ihn in einen Briefkasten zu werfen.

Jetzt gingen die Gruschina und Warwara in eine kleine Papierhandlung ganz am Ende der Stadt und kauften schmale Briefumschläge und farbiges Postpapier. Vorsichtshalber bestand die Gruschina darauf, daß ein Papier genommen wurde, welches nur noch in einigen Exemplaren vorhanden war und man kaufte den ganzen Vorrat. Die schmalen Kouverts hatte man gewählt, um den gefälschten Brief leichter in einen andern Umschlag schieben zu können.

Als sie wieder zu Hause waren bei der Gruschina, verfaßten sie den Brief. Dieser war nach zwei Tagen fertig abgeschrieben und wurde nun parfümiert. Die nachgebliebenen Umschläge und Briefbogen verbrannten sie, um alle Beweisstücke aus der Welt zu schaffen.

Die Gruschina schrieb ihrer Freundin, an welchem Tage sie den Brief in den Postkasten zu werfen hatte, — er sollte an einem Sonntage ankommen: der Postbote würde ihn dann in Peredonoffs Gegenwart abgeben und das wäre ein Beweis mehr für die Echtheit des Briefes.

Am Dienstag bemühte sich Peredonoff, recht früh vom Gymnasium fortzukommen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: es war die letzte Stunde in jener Klasse, deren Tür auf den Korridor hinausführte, ganz nahe von der Stelle, wo die Uhr hing. Dort hielt sich der Pedell auf, ein braver Reserveunteroffizier, welcher zu bestimmten Zeiten zu läuten hatte. Peredonoff schickte ihn ins Lehrerzimmer nach dem Klassenjournal und stellte die Uhr um eine Viertelstunde vor — niemand hatte es bemerkt.

Zu Hause bestellte Peredonoff sein Frühstück ab und sagte, daß er erst spät zu Mittag kommen würde, er hätte einen wichtigen Gang vor.

„Man wirft mir Steine in den Weg, ich muß sie forträumen,“ sagte er böse und dachte dabei an die vermeintlichen Intrigen seiner Feinde.

Er zog seinen nur wenig benutzten Frack an, er war ihm zu eng geworden und drückte: denn sein Körper hatte an Umfang zugenommen, während der Frack ein wenig eingeschrumpft war. Daß er keinen Orden im Knopfloch hatte, ärgerte ihn. Die andern wurden dekoriert, — sogar Falastoff von der Volksschule, — nur ihn hatte man übergangen. Das war alles die Mache des Direktors: nicht ein einziges Mal hatte er ihn vorgeschlagen. Freilich in der Rangliste rückte er auf, das konnte der Direktor nicht verhindern, aber was hat man von einem Rang, den kein Mensch sieht. Wenn die neue Uniform eingeführt sein wird, erst dann würde man es sehen können. Es war doch gut, daß die Achselstücke daran den Rang bezeichnen sollten, aber nicht das Verdienst. Das ist von Wichtigkeit: Achselstücke wie bei einem General mit einem Stern darauf. Jedermann auf der Straße wird sehen können, daß er Staatsrat ist.

„Ich muß mir bald die neue Uniform bestellen,“ dachte Peredonoff.

Erst unterwegs dachte er darüber nach, wen er zuerst besuchen solle.

Am wichtigsten schien ihm für seine Lage der Landrat und der Staatsanwalt zu sein. Mit ihnen hätte er beginnen sollen. Oder sollte er zum Adelsmarschall. Aber gerade diese drei als erste aufzusuchen, schien ihm sehr gewagt. Der Adelsmarschall Weriga — ein General, der binnen kurzem Statthalter werden wollte und der Landrat und Staatsanwalt — diese unangenehmen Repräsentanten von Polizei und Gericht.

„Zuerst will ich die kleineren Beamten aufsuchen“, dachte Peredonoff, „und mich in ihre Art finden, schon dort werde ich sehen können, was man von mir hält, wie man über mich redet.“ So beschloß er denn, den Bürgermeister als ersten zu besuchen. Wiewohl jener nur Kaufmann war und bloß eine Kreisschule besucht hatte, so kam er doch überall hin und alle kamen zu ihm; außerdem genoß er in der Stadt ein großes Ansehen und hatte in anderen Städten und sogar in der Residenz recht vornehme Bekannte.

Entschlossen richtete Peredonoff seine Schritte zum Hause des Bürgermeisters.

Das Wetter war trübe. Die Blätter fielen müde und kraftlos von den Bäumen. Peredonoff war etwas aufgeregt.

Im Hause des Bürgermeisters roch es nach frischgewachsten Dielen und noch, kaum bemerkbar, nach etwas anderem, etwas Süßem, Eßbarem. Alles im Haus war still und traurig. Die Kinder, ein Gymnasiast und ein Backfisch („Ich halte ihnen eine Gouvernante,“ pflegte der Vater zu sagen) verhielten sich ruhig in ihren Zimmern. Dort war es gemütlich, hell und fröhlich, die Fenster gingen in den Garten, die Möbel waren sehr bequem, außerdem die verschiedensten Spiele im Zimmer und draußen.

Im oberen Stock waren die Empfangszimmer. Da war alles vornehm und kalt. Die Mahagonimöbel schienen ins Riesenhafte vergrößerte Puppenmöbel zu sein. Gewöhnlichen Sterblichen boten sie eine äußerst unbequeme Sitzgelegenheit, versuchte man nämlich, sich recht bequem zu setzen, so war es nicht anders, als ließe man sich auf einen Stein fallen. Der melancholische Hausherr hingegen saß auf seinem gewohnten Stuhl und schien sich sehr wohlzufühlen.

Der Archimandrit — ein häufiger Gast im Hause des Bürgermeisters — pflegte diese Sessel und Sofas „Seelenretter“ zu nennen. Hierauf entgegnete das Stadthaupt:

„Weibische Verweichlichung, wie Sie das in anderen Häusern finden werden, dulde ich nicht: da sitzt man auf Sprungfedern, alles gibt nach unter der Last des Körpers, wie kann das gesund sein! Im übrigen sind auch die Aerzte gegen zu weiches Sitzen.“

Jakob Anikiewitsch Skutschaeff, das Stadthaupt, begrüßte Peredonoff auf der Schwelle seines Empfangszimmers. Er war groß, wohlbeleibt und hatte kurzgeschorenes, schwarzes Haar; er verstand es, würdig, doch gleichzeitig liebenswürdig zu sein und verhielt sich herablassend zu Leuten mit geringem Einkommen.

Nachdem Peredonoff sich einigermaßen zurechtgesetzt und auf die einleitenden Begrüßungsworte geziemend geantwortet hatte, sagte er:

„Ich komme in einer dringlichen Angelegenheit zu Ihnen.“

„Ich will mit Vergnügen mein Möglichstes tun. Womit kann ich dienen?“ erkundigte sich der Hausherr.

In seinen schlauen, schwarzen Augen war ein leises Mißtrauen zu sehen. Er dachte, Peredonoff sei gekommen, um ihn um Geld zu bitten und er beschloß, ihm in keinem Fall mehr als 150 Rubel zu leihen. Eine ganze Reihe von Beamten waren Skutschaeff größere und kleinere Summen schuldig. Skutschaeff forderte niemals ausstehendes Geld zurück, verweigerte aber säumigen Schuldnern jedes weitere Darlehen. Das erstemal gab er immer gerne, je nach den Vermögensverhältnissen des Bittstellers und nach dem Bestande seiner eigenen Kasse.

Peredonoff sagte: „Jakob Anikiewitsch, Sie sind Bürgermeister und somit der eigentliche Repräsentant unserer Stadt; in diesem Sinne habe ich mit Ihnen zu sprechen.“

Skutschaeff setzte eine erhabene Miene auf und machte eine leichte Verbeugung.

„Ueber mich werden in der Stadt unglaubliche und einfach erlogene Klatschgeschichten verbreitet,“ sagte Peredonoff mürrisch.

„Fremde Mäuler kann man nicht stopfen,“ sagte der Hausherr, „und dann, was haben die alten Basen in unsern Gefilden anderes zu tun, als ihre Zunge zu rühren.“

„Es wird erzählt, daß ich nicht in die Kirche gehe und das ist gelogen,“ fuhr Peredonoff fort, „denn ich gehe regelmäßig zur Kirche. Zum Eliasfest mußte ich zu Hause bleiben, weil ich Bauchschmerzen hatte.“

„Es stimmt,“ bestätigte der Hausherr, „dafür kann ich stehen, habe ich Sie doch selber des öfteren im Gottesdienst gesehen. Im übrigen bin ich nicht oft in Ihrer Kirche. Ich fahre meist ins Kloster. Das ist so eine Familiensitte bei uns.“

„Auch sonst klatscht man allerlei,“ sagte Peredonoff, „z. B. soll ich meinen Schülern unanständige Geschichten erzählen. Das ist Lüge. Es kommt ja vor, daß man in der Stunde mal einen Scherz macht, um den Unterricht zu beleben. Ihr eigner Sohn ist ja mein Schüler. Hat er Ihnen etwa derartiges erzählt?“

„Es stimmt,“ sagte Skutschaeff, „sowas hat er mir nie erzählt. Die Bengel sind zwar sehr schlau, — was ihnen nicht paßt, erzählen sie auch nicht. Freilich mein Sohn, steckt noch ganz in den Kinderschuhen, aus purer Dummheit hätte er was erzählt, aber etwas Derartiges habe ich nie von ihm gehört.“

„Nun sehen Sie, in den älteren Klassen wissen sie sowieso schon alles,“ sagte Peredonoff, „aber selbst dort nehme ich kein unflätiges Wort in den Mund.“

„Das versteht sich,“ antwortete Skutschaeff, „das Gymnasium ist kein Jahrmarkt.“

„Bei uns sind die Leute aber so,“ klagte Peredonoff, „was nie gewesen ist, verbreiten sie, als sei es wirklich geschehen. Aus diesem Grunde bin ich zu Ihnen gekommen, — Sie sind der Bürgermeister.“

Skutschaeff fühlte sich sehr geschmeichelt, daß man sich an ihn wandte. Er begriff nicht recht, warum ihm das alles erzählt wurde und was er dabei tun konnte, tat aber aus politischen Gründen so, als sei ihm alles vollständig klar.

„Und dann ist da noch eine andere Geschichte,“ fuhr Peredonoff fort, „es wird mir verdacht, daß ich mit Warwara zusammenlebe, sie sei gar nicht verwandt mit mir, sondern einfach meine Geliebte. Bei Gott, sie ist meine Kusine, allerdings im vierten Grade; die darf man heiraten und ich werde sie heiraten.“

„So, so, unbedingt,“ sagte Skutschaeff, „die Hochzeit macht allem Klatsch ein Ende.“

„Früher konnte ich nicht,“ sagte Peredonoff, „es war ganz unmöglich; sonst hätte ich mich schon trauen lassen. Sicherlich.“

Skutschaeff machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte mit seinem weißen, dicken Finger auf die dunkle Tischdecke und sagte:

„Ich glaube Ihnen. Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, ist es ein ganz ander Ding. Jetzt glaube ich Ihnen. Denn auch ich muß gestehen, es berührte so merkwürdig, wie Sie da mit Ihrer Freundin, um mich so auszudrücken, zusammen hausten. Dann muß man noch in Betracht ziehen, daß die Kinder ein schlaues Volk sind; alles Schlechte begreifen sie sofort und nehmen es an. Das Gute muß ihnen beigebracht werden, während das Schlechte ihnen von selbst anfliegt. Und darum sage ich, berührte mich Ihr Verhältnis merkwürdig. Und doch andererseits was geht es mich an! Ein jeder kehre vor seiner Tür. Ich weiß es wohl zu schätzen, daß Sie sich zu mir herbemüht haben, denn ich bin ein schlichter Mann und habe nur eine Kreisschule besucht. Immerhin genießt man einiges Ansehen in der Gesellschaft, bin ich doch heuer zum drittenmal Bürgermeister geworden und mein Urteil wird nicht gering geschätzt in den besseren Kreisen unserer Stadt.“

Skutschaeff redete darauf los und seine Gedanken verwirrten sich. Es schien ihm, als wolle sein eigener Redeschwall kein Ende nehmen. Da brach er kurz ab und dachte betrübt:

„Es ist so, als füllte man eine leere Flasche aus einem leeren Faß. Es ist eine Plage mit diesen gelehrten Herren,“ dachte er, „absolut nicht zu begreifen, was sie eigentlich wollen. Was in den Büchern steht, ist ihnen sonnenklar, stecken sie aber mal die Nase an die Luft, so wissen sie nicht ein und aus und bringen noch andere Leute in die Tinte.“

Mißvergnügt ob dieses Nichtverstehens stierte er Peredonoff an; seine sonst lebhaften Augen blickten trübe und sein Körper schien wie von einer Last zusammengedrückt. Er war nicht mehr der rührige, energische Mann von früher, sondern ein blöde gewordener Greis.

Auch Peredonoff war still geworden, als hätten ihn die Worte des Hausherrn verwirrt, dann zwinkerte er mit den Augen, was merkwürdig trübselig aussah, und meinte:

„Sie sind Bürgermeister, also können Sie doch sagen, daß das alles erlogen ist.“

„Das heißt, was meinen Sie eigentlich?“ fragte Skutschaeff vorsichtig.

„Eben dieses,“ erklärte Peredonoff, „wenn zum Beispiel gegen mich Anzeige erstattet wird, daß ich nicht zur Kirche gehe oder so was, und man sich gegebenenfalls bei Ihnen danach erkundigt.“

„Das läßt sich machen,“ sagte der Bürgermeister, „da können Sie sich unbedingt auf mich verlassen. Gegebenenfalls werde ich für Sie einstehen, und warum sollte man für einen Ehrenmann nicht einstehen. Wir können Ihnen zum Beispiel — wenn es nötig sein sollte — eine Ehrenadresse von der Stadtverwaltung übermitteln. Das geht alles. Oder wir verschaffen Ihnen den Titel eines Ehrenbürgers beispielsweise, — warum denn nicht, wenn es Ihnen nützt; alles das können wir.“

„Ich kann mich also auf Sie verlassen,“ sagte Peredonoff dumpf, als habe er auf eine peinliche Frage zu antworten, „es ist nämlich wegen des Direktors, der schadet mir, wo er nur kann.“

„Was Sie nicht sagen!“ ereiferte sich Skutschaeff und wackelte mitleidig mit dem Kopf, „das ist ja nicht möglich, da hat man Sie bei ihm verdächtigt. Es scheint jedoch, daß Nikolai Wassiljewitsch ein äußerst gewissenhafter Herr ist; ohne Grund wird er keinem was zuleide tun. Das sehe ich doch an meinem Sohne. Er ist ein strenger, aber gewissenhafter Mann. Er wird nie ein Auge zudrücken und bevorzugt niemanden; mit einem Wort: er ist sehr gewissenhaft. Es ist garnicht anders möglich, man hat Sie bei ihm angeschwärzt. Was haben Sie denn für Differenzen?“

„Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung,“ erklärte Peredonoff, „außerdem beneiden mich die Kollegen im Gymnasium. Alle wollen im Dienst aufrücken. Nun hat die Fürstin Woltschanskaja versprochen, gerade mir eine Inspektorstelle zu verschaffen. Und darum all der Haß und Neid.“

„So, so,“ sagte Skutschaeff zurückhaltend, „übrigens ist es nicht gut, bei trockener Kehle zu plaudern. Wollen wir ein wenig frühstücken und ein Schnäpschen dazu trinken?“

Skutschaeff drückte den Knopf der elektrischen Glocke.

„Famose Einrichtung das,“ sagte er zu Peredonoff, „Sie sollten einen andern Beruf wählen.“

Indessen erschien das Dienstmädchen, eine grobknöchige, massive Person. Skutschaeff bestellte bei ihr einen Imbiß und starken Kaffee. Sie lächelte verlegen und ging. Ihre Schritte schienen merkwürdig leicht im Verhältnis zu ihrer Körperfülle.

„Einen anderen Beruf,“ wandte sich Skutschaeff wieder an Peredonoff. „Beispielsweise der geistliche Stand. Wenn ich es mir recht überlege, so müßten Sie einen ganz vortrefflichen, ernstdenkenden Priester abgeben. Dazu könnte ich Ihnen leicht verhelfen. Ich habe nämlich gute Bekannte in der höheren Geistlichkeit.“

Skutschaeff nannte die Namen einiger Bischöfe und kirchlicher Würdenträger.

„Nein, ich will nicht Priester werden,“ antwortete Peredonoff, „mir ist der Weihrauch zuwider. Mir wird übel davon und der Kopf schmerzt.“

„In diesem Fall könnte man zur Polizeikarriere raten. Es ist lohnend,“ riet Skutschaeff, „werden Sie doch Landkommissar. Darf man erfahren, welchen Rang Sie bekleiden?“

„Ich bin Staatsrat!“ sagte Peredonoff mit Würde.

„Was nicht gar!“ rief Skutschaeff aus, „sagen Sie doch bitte, so weit kann es ein Lehrer bringen! Und nur weil er die Kinder erzieht? Ja, die Wissenschaft hat was zu bedeuten. Uebrigens gibt es ja viele, welche der Wissenschaft feind sind, und doch, es ist unmöglich, ohne Bildung vorwärtszukommen. Zwar habe ich nur eine Kreisschule besucht, aber ich bestehe darauf, daß mein Sohn in die Universität kommt. Es ist eine bekannte Tatsache, wie schwer die Jungen im Gymnasium vorwärtskommen; mit der Peitsche wollen sie getrieben sein, nachher geht es ganz von selber. Wissen Sie, ich prügle ihn niemals, ist er aber träge oder hat sonst irgend etwas auf dem Kerbholz, so fasse ich ihn an den Schultern und führe ihn ans Fenster, — von dort sieht man die Birken in unserem Garten. Dann frage ich nur: siehst du, was dort wächst? Ich sehe, Papachen, — sagt er — ich will’s nicht wieder tun. Und in der Tat, das hilft, der Junge nimmt sich zusammen, als hätte er wirklich eine Tracht Prügel bekommen. O diese Kinder, diese Kinder!“ seufzte Skutschaeff und schloß damit seine Rede.

Peredonoff saß bei Skutschaeff gute zwei Stunden. Nach Erörterung der geschäftlichen Angelegenheiten wurde ein gründliches Frühstück eingenommen.

Skutschaeff machte die Honneurs mit nachdrücklicher Würde, als handle es sich um etwas sehr Wichtiges und das gehörte zu seinem Wesen. Ueberall suchte er schlaue Nebengedanken anzubringen. Der Glühwein wurde in großen Kaffeetassen serviert, als wäre es Kaffee und der Hausherr nannte ihn einen kleinen Mokka. Die Schnapsgläser waren ohne Fuß, er hatte ihn fortschleifen lassen, damit man die Gläser nicht hinstellen konnte.

„Das bedeutet: bei mir muß alles auf den Zug geleert werden,“ erklärte er.

Noch ein Gast kam: der Kaufmann Tischkoff, ein kleines, graues Männchen. Er war sehr munter und launig, trug einen langen Rock und merkwürdige Stiefel, die großen Flaschen nicht unähnlich sahen. Er trank sehr viel Schnaps, wußte auf jeden Unsinn gleich einen Reim und schien sehr zufrieden mit sich zu sein.

Peredonoff schien es endlich angebracht, aufzubrechen; er verabschiedete sich.

„Warum so eilig?“ sagte der Hausherr, „bleiben Sie noch ein wenig.“

„Wenn Sie bei uns bleiben, helfen Sie die Zeit vertreiben,“ sagte Tischkoff.

„Nein, ich muß gehen“, antwortete Peredonoff geschäftig.

„Er muß gehn, seine Schwester zu sehn,“ sagte Tischkoff und zwinkerte mit den Augen.

„Ich habe zu tun,“ sagte Peredonoff.

„Hat jemand viel zu tun, so kann er billig ruhn,“ entgegnete Tischkoff ohne zu zögern.

Skutschaeff begleitete Peredonoff ins Vorhaus. Zum Abschiede umarmten und küßten sie sich. Peredonoff war sehr zufrieden mit diesem Besuch.

„Der Bürgermeister hält meine Kante,“ dachte er und fühlte sich viel sicherer.

 

Skutschaeff kehrte zu Tischkoff zurück und sagte:

„Es wird viel geklatscht über den Mann.“

„Klatscht man über den Mann, so ist es, weil er was kann,“ reimte Tischkoff und flott füllte er sein Schnapsglas mit Englisch-Bitter.

Es war klar, daß es ihm auf den Sinn der Rede nicht ankam, er griff die Worte nur auf, um sie zu reimen.

„Er ist ein anständiger Kerl und auch im Trinken nicht faul,“ fuhr Skutschaeff fort und füllte sein Glas ohne auf Tischkoffs Reimerei zu achten.

„Ist er im Trinken nicht faul, so hat er ein wackres Maul,“ rief Tischkoff fröhlich und leerte sein Glas auf einen Zug.

„Daß er sich die Mamsell da aushält, will nichts besagen!“ meinte Skutschaeff.

„Die schmutzige Mamsell bringt Flöhe ins Bettgestell,“ antwortete Tischkoff.

„Wer vor Gott nicht sündigt, sündigt auch vor dem Kaiser nicht.“

„Sündig sind unsere Triebe, wir schätzen die freie Liebe.“

„Er will seine Sünde gutmachen und sich trauen lassen.“

„Läßt man sich vom Pfaffen trauen, prügelt man hernach die Frauen.“

Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die ihn nichts angingen. Er wäre schon längst allen langweilig geworden, doch hatte man sich an ihn gewöhnt und beachtete sein Geschwätz garnicht; ab und zu kam es vor, daß man ihn einem fremden Gast sozusagen vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhörte oder nicht; es war ihm einfach unmöglich, die Worte anderer nicht in seinen Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pünktlichkeit eines aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstäten Bewegungen beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, daß man es nicht mit einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon längst gestorben war oder überhaupt nicht gelebt hatte, und in der ganzen Welt nichts sehen und hören konnte als klingende tote Worte.

IX

Am nächsten Tage besuchte Peredonoff den Staatsanwalt Awinowitzkji.

Das Wetter war noch immer trübe. Der Wind wehte in heftigen Stößen und wirbelte große Staubmassen durch die Straßen. Es dämmerte, und es war so, als käme das matte, durch einen dichten Wolkenschleier abgetönte Tageslicht gar nicht von der Sonne her. Die Straßen waren wie tot, nichts rührte sich und man konnte glauben, daß die baufälligen Häuser ganz ohne Sinn und nutzlos daständen, so hoffnungslos verfallen waren sie und so schüchtern erzählten sie vom bettelhaften, traurigen Leben innerhalb ihrer Mauern. Ab und zu sah man Leute gehen, — sie gingen ganz langsam, als hätten sie kein Ziel vor sich, als wären sie kaum imstande eine dumpfe Müdigkeit zu überwinden, welche nur nach bleiernem Schlaf verlangte. Nur die Kinder, diese ewigen, lebendigen Gefäße göttlicher Freude auf Erden, waren lebhaft und spielten und tummelten sich. Aber auch sie waren mitunter von einer traurigen Trägheit befallen, und ein wesenloses, graues Gespenst schien sie mit furchtbaren Augen anzustarren und aus ihren Gesichtern die Freude zu nehmen. Durch die öden Straßen, vorbei an den verfallenen Häusern ging Peredonoff. Der Himmel schien verschwunden, die Erde unrein und unfruchtbar, und eine unklare, bange Furcht begleitete seine Schritte. Er konnte im Ewigen keinen Frieden finden, keine Freude am Irdischen, denn er wußte die Welt nur mit seinen halberstorbenen Augen zu betrachten, wie ein Dämon, welcher sich in grauenhafter Einsamkeit am Entsetzen und an der Trauer zu Tode quält.

Seine Gefühle waren stumpf geworden und sein Leben ein verlöschendes, glimmendes Feuer. Alles, was ihm zum Bewußtsein kam, wandelte sich in unkeusche, niedrige Sinnlichkeit. An den Dingen, die ihn umgaben, bemerkte er nur das Unregelmäßige und daran hatte er seine Freude. Wenn er an einem geraden, saubern Straßenpfosten vorbeiging, so bekam er Lust, ihn zu beschmutzen oder ihn schiefzustellen. Er lachte vor Vergnügen, wenn man in seiner Gegenwart etwas verunreinigte. Die sauber gekleideten Gymnasiasten verachtete er und behandelte sie schlecht. Er pflegte sie abgeleckte Hunde zu nennen. Die Unordentlichen waren ihm eher verständlich. Er hatte keine Beschäftigung, welche er besonders liebte und für keinen Menschen eine tiefere Zuneigung, daher kam es, daß die Natur nur einseitig auf sein Gefühlsleben wirken konnte; sie knechtete ihn. Aehnlich verhielt er sich zu den Menschen, mit denen er verkehrte. Besonders zu den Fremden oder wenig Bekannten, denen er so ohne weiteres nicht grob begegnen durfte. Glücklich sein bedeutete für ihn nichts tun, sich ganz zurückziehen und den Leib mästen. — Und jetzt muß ich, ob ich will oder nicht, so dachte er, herumlaufen und Erklärungen abgeben. Wie langweilig das ist! Wie unangenehm! Und wenn man doch wenigstens dort, wohin er ging, Zoten erzählen könnte, aber nicht einmal das war möglich.

Das Haus des Staatsanwaltes schürte und kräftigte Peredonoffs dumpfe, quälende Angst. Und in der Tat — das Haus sah böse und drohend aus. Das spitze Dach hing düster über den Fenstern, welche dicht über dem Boden angebracht waren. Der Bretterbeschlag des Hauses und das Dach hatten einmal fröhliche, helle Farben gehabt, jetzt war der Anstrich von Wetter und Wind düster und grau geworden. Die Pforte war massig und unverhältnismäßig groß, sie überragte das Haus, als sollte sie ein Bollwerk gegen feindliche Angriffe sein und war immer fest verriegelt. Eine klirrende eiserne Kette diente als Schloß und ein wütender Hund im Hofe bellte rauh und abgerissen jeden Vorübergehenden an. Rings um das Haus waren unbebaute Plätze, Gemüsegärten und weiterhin einige elende Hütten. Das Haus selbst lag an einem sehr großen sechseckigen, ungepflasterten und mit allerhand Unkraut bewachsenen Platze. Dicht vor dem Hause stand ein Laternenpfahl, der einzige auf dem ganzen Platze.

Peredonoff stieg langsam und widerwillig die vier rohgezimmerten Stufen zum Hausflur empor, der mit einem zweiseitig abfallenden Bretterdach gedeckt war, und faßte einen schwarz angelaufenen Messinggriff. Dicht über ihm schrillte anhaltend die Glocke. Dann hörte man schleichende Schritte. Irgend jemand schlich auf Zehenspitzen ganz leise an die Tür und blieb da stehen. Er spähte wohl durch irgend eine von außen nicht sichtbare Spalte. Jetzt wurde am Schloß gerasselt, die Tür tat sich auf und auf der Schwelle stand ein schwarzhaariges, mürrisches Weib mit argwöhnisch lauernden Augen.

„Was wünschen Sie?“ fragte sie.

Peredonoff antwortete, er hätte ein Anliegen an Alexander Alexejewitsch. Das Weib ließ ihn eintreten. Als er die Schwelle überschritt, murmelte er schnell eine Beschwörungsformel. Es war gut, daß er sich damit beeilt hatte, denn kaum hatte er seinen Ueberzieher abgelegt, da hörte man schon im Gastzimmer die scharfe, wütende Stimme Awinowitzkjis. Die Stimme des Staatsanwalts wirkte immer erschütternd, — anders redete er überhaupt nicht. So schrie er auch jetzt schon aus dem Empfangszimmer mit seiner bösen, scheltenden Stimme einige Begrüßungsworte — er freue sich sehr, daß Peredonoff ihn endlich mit seinem Besuche beehre.

Alexander Alexejewitsch Awinowitzkji war ein düsterer Mensch, als hätte er schon von Natur aus eine besondere Veranlagung zum Richten und Anklagen. Obwohl sein Körper von einer ans Wunderbare grenzenden Widerstandskraft war, — Awinowitzkji pflegte im Flusse von einem Eisgang bis zum andern zu baden, — schien er doch schmächtig zu sein. Ein sehr dichter, bläulich-schwarzer Bart mochte diesen Eindruck noch erhöhen. War der Staatsanwalt auch nicht gerade gefürchtet, so fühlte man sich doch in seiner Gegenwart befangen. Das hing damit zusammen, daß er unermüdlich irgend jemanden beschuldigte oder mit Sibirien und Zwangsarbeit drohte.

„Ich habe mit Ihnen zu sprechen,“ sagte Peredonoff verlegen.

„Eine Selbstanklage? Haben Sie gemordet? ein Haus angesteckt? die Post beraubt?“ schrie Awinowitzkji böse und ließ Peredonoff in den Saal eintreten. „Oder sind Sie das Opfer eines Verbrechens. Das ist mehr als möglich in unserer Stadt. Unsere Stadt ist ein gemeines Nest, die Polizei darin aber noch gemeiner. Ich wundere mich nur, daß hier auf dem Platz vor meinem Hause keine Leichen umherliegen. Ich bitte, setzen Sie sich! Also was führt Sie zu mir? Sind Sie ein Verbrecher oder das Opfer eines Verbrechens?“

„Nein,“ sagte Peredonoff, „ich habe nichts Derartiges auf dem Gewissen. Der Direktor würde sich wohl freuen, mir was nachsagen zu können, aber ich habe nichts verschuldet.“

„Sie kommen also mit keiner Anklage?“ fragte Awinowitzkji.

„Nein, keineswegs,“ murmelte Peredonoff ängstlich.

„Nun, wenn es nichts Derartiges ist,“ sagte der Staatsanwalt mit geradezu wütender Betonung der einzelnen Worte, „so kann ich Ihnen wohl einen kleinen Imbiß anbieten.“

Er nahm die Tischglocke und schellte. Niemand kam. Awinowitzkji packte die Glocke mit beiden Händen und läutete wie ein Unsinniger, dann warf er die Glocke auf den Boden, trampelte mit den Füßen und brüllte dazu mit wütender Stimme:

„Malanja, Malanja! Rindvieh! Teufel! Bestie!“

Man hörte jemand langsam herankommen; der Sohn Awinowitzkjis, ein Gymnasiast, trat ein. Es war ein kräftiger, schwarzhaariger Junge von etwa 13 Jahren. Sein Auftreten machte einen sichern und selbständigen Eindruck. Er verbeugte sich leicht vor Peredonoff, hob die Glocke auf, stellte sie auf den Tisch und erst dann sagte er ruhig:

„Malanja ist im Gemüsegarten.“

Awinowitzkji beruhigte sich sofort. Er blickte seinen Sohn zärtlich an, was eigentlich garnicht zu seinem bärtigen, bösen Gesicht passen wollte, und sagte:

„Sei so gut, liebes Kind, lauf zu ihr und bestell einen kleinen Imbiß.“

Der Knabe ging fort, ohne sich zu beeilen. Der Vater blickte ihm nach. Ein stolzes, freudiges Lächeln spielte um seine Lippen. Erst als der Junge über die Schwelle ging, verdüsterte sich Awinowitzkjis Gesicht wieder, und er brüllte mit fürchterlicher Stimme, so daß Peredonoff zusammenfuhr:

„Schneller!“

Der Junge begann zu laufen. Man hörte, wie er die Türen aufriß und hinter sich zuschlug. Der Vater horchte und lächelte freudig mit seinen dicken roten Lippen, dann begann er zu reden und seine Stimme klang hart und böse:

„Mein Erbprinz. Strammer Junge, was? Wie weit wird er’s bringen, he? Was meinen Sie? Ein Dummkopf kann er sein, aber niemals ein Feigling, ein Lappen, ein Schurke — niemals.“

„Ja, was denn,“ murmelte Peredonoff.

„Die Leute unserer Zeit sind ein Zerrbild auf das menschliche Geschlecht,“ tobte Awinowitzkji, „Gesundsein halten sie für eine Gemeinheit. Ein Deutscher hat das Unterhemd erfunden. Diesen Deutschen würde ich nach Sibirien verbannen. Wenn ich mir das vorstelle, mein Wladimir im Unterhemd! Den ganzen Sommer über läuft er im Dorf barfuß und da soll er ein Unterhemd tragen! Er bringt es fertig, aus dem Schwitzbad nackt im härtesten Winter ins Freie zu laufen, sich im Schnee zu wälzen, und der soll ein Unterhemd tragen! Hundert Stockschläge sollte man jenem Deutschen aufzählen.“ — Von diesem Deutschen, der das Unterhemd erfunden hatte, lenkte Awinowitzkji auf andere Verbrecher ab.

„Die Todesstrafe, mein Bester, ist keine Barbarei,“ schrie er. „Die Wissenschaft hat nachgewiesen, daß es Leute gibt, welche als Verbrecher geboren werden. Damit, lieber Freund, ist alles gesagt. Man muß sie vertilgen, aber nicht auf Staatskosten erhalten. Zum Beispiel so ein Verbrecher! Fürs ganze Leben ist ihm ein warmer Winkel im Zuchthaus gesichert! Er hat gemordet, Häuser angesteckt, genotzüchtigt, — nun muß der steuerzahlende Bürger für den Unterhalt dieses Schurken sorgen! Keine Rede, es ist viel gerechter, ihn zu hängen und außerdem ist es billiger.“

 

Der runde Tisch im Speisezimmer war gedeckt. Auf dem weißen, roteingekanteten Tischtuch standen einige Teller mit fetten Würsten und anderen gesalzenen, geräucherten und marinierten Gerichten; dann waren da eine Reihe von Flaschen und Karaffen von verschiedener Größe und Form, gefüllt mit allerhand Schnäpsen und Likören. Alles das war ganz nach Peredonoffs Geschmack, und sogar eine gewisse Unordnung in der ganzen Einrichtung behagte ihm.

Der Hausherr fuhr in seinen Anklagen fort. An das Essen anknüpfend, gedachte er vernichtend der Kolonialwarenhändler und redete dann, Gott weiß warum, über die Erbfolge.

„Die Erbfolge ist eine ausgezeichnete Einrichtung!“ schrie er darauf los. „Den Bauern zum Herrn machen ist dumm, lächerlich, unsittlich und sinnlos! Das Land liegt brach, die Städte füllen sich mit Geldgierigen; Mißernten, Flegelhaftigkeit und Selbstmorde sind die Folge, — gefällt Ihnen das etwa? Unterrichten Sie den Bauer, wieviel Sie wollen, nur lassen Sie ihn nicht im Stande aufrücken. Die Landbevölkerung verliert sonst ihre besten Leute und wird immer ein niederträchtiges Pack bleiben, während der Adel andererseits durch den Zufluß dieser unkultivierten Elemente leidet. Im Dorfe taugte so ein Bauer mehr als die andern, den Adel hingegen erniedrigt er zu etwas Grobem, Unritterlichem, Unvornehmem. In erster Linie lebt er für den Erwerb, für seine alltäglichen Leibesinteressen. Jawohl, mein Lieber, die Kasten waren eine weise Einrichtung.“

„Ja,“ sagte Peredonoff böse, „auch unser Direktor ermöglicht jedem Lümmel den Eintritt in das Gymnasium. Wir haben sogar einfache Bauern, gar nicht zu reden von der Unmenge von Bürgerlichen.“

„Das hört sich ja nett an!“ rief der Hausherr.

„Es gibt so eine Bestimmung, daß man nicht jeden beliebigen aufnehmen soll; er tut doch was er will,“ klagte Peredonoff, „fast ohne Ausnahme nimmt er jeden auf. ‚Das Leben bei uns in der Stadt,‘ sagt er, ‚ist billig, und wir haben sowieso wenig Schüler.‘ Was ist denn dabei, daß es wenig sind. Es wäre besser, wenn es noch weniger wären. Mit der Korrektur der Hefte wird man sowieso nicht fertig. Kein vernünftiges Buch kann man lesen. Und die Jungen wenden wie mit Absicht die knifflichsten Worte an, — immerwährend muß ich im orthographischen Wörterbuch nachschlagen.“

„Trinken Sie einen Schnaps,“ schlug Awinowitzkji vor, „was wollen Sie eigentlich mit mir besprechen?“

„Ich habe Feinde,“ murmelte Peredonoff und betrachtete traurig sein Gläschen mit dem gelben Schnaps, statt es auszutrinken.

„Das Schwein hier hatte keine Feinde,“ antwortete Awinowitzkji, „doch ist es geschlachtet worden. Greifen Sie zu, es war ein vortreffliches Schwein.“

Peredonoff langte sich ein Stück Schinken und sagte:

„Ueber mich werden allerlei Gerüchte in Umlauf gesetzt.“

„Das kennen wir, was Klatschgeschichten anlangt, gibt es keine schlimmere Stadt!“ rief der Hausherr aufgebracht. „Eine nette Stadt das! Man kann ja tun was man will, gleich grunzen es alle Schweine.“

„Die Fürstin Woltschanskaja hat versprochen, mir eine Inspektorstelle zu verschaffen, und hier setzt der Klatsch ein. Das kann mir doch schaden. Und alles aus purem Neid. So auch der Direktor, er hält keine Disziplin im Gymnasium, — die Schüler von auswärts, welche in Pensionen leben, rauchen, trinken, laufen jeder Schürze nach, und die Kinder unserer Stadt sind um nichts besser. Er selbst ist schuld an dieser Zuchtlosigkeit, aber er macht mich verantwortlich dafür. Es ist möglich, daß man mich bei ihm angeschwärzt hat. Aber wenn diese Klatschgeschichten weitere Verbreitung finden, wenn sie der Fürstin zu Ohren kommen!“

Peredonoff teilte in langer, verworrener Rede seine Befürchtungen mit. Awinowitzkji hörte zu und rief manchmal wütend dazwischen:

„Halunken sind sie! — Schufte! Idioten!“

„Ich bin wirklich nicht Nihilist,“ sagte Peredonoff, „es wäre doch komisch. Ich habe eine Dienstmütze mit der Kokarde, nur pflege ich sie nicht immer zu tragen, — aber er trägt bisweilen auch einen Hut. Daß das Porträt Mizkewizschs bei mir hängt, ist begründet durch meine Vorliebe für seine Verse, nicht aber für seine revolutionäre Tätigkeit. Außerdem habe ich sein Journal, die Glocke, gar nicht gelesen.“

„Sie haben gründlich vorbeigehauen,“ sagte Awinowitzkji rücksichtslos, „Herzen war der Herausgeber der Glocke, nicht Mizkewizsch.“

„Das ist wieder was anderes,“ sagte Peredonoff, „Mizkewizsch hat auch eine Glocke herausgegeben.“

„Ich weiß es nicht. Sie müssen es drucken lassen. Eine wissenschaftliche Entdeckung. Sie werden berühmt werden.“

„Das darf man nicht drucken,“ sagte Peredonoff ärgerlich, „und ich darf keine verbotenen Bücher lesen. Außerdem lese ich sie auch nicht. Ich bin Patriot!“

Nach endlosen Beschwerden, in denen Peredonoff sein Herz ausschüttete, begriff Awinowitzkji so viel, daß irgend jemand bestrebt sein müsse, Peredonoff auszunützen, und zu diesem Zweck allerhand Gerüchte über ihn verbreitete, um ihn dadurch einzuschüchtern und so den Boden allmählich für einen Erpressungsversuch vorzubereiten. Daß diese Gerüchte ihm, dem Staatsanwalt, noch nicht zu Ohren gekommen waren, erklärte er sich daraus, daß der Erpresser äußerst geschickt nur in Peredonoffs nächstem Bekanntenkreise zu wirken wußte, — denn er bezweckte ja nur, Peredonoff allein auszubeuten. Awinowitzkji fragte:

„Haben Sie Verdacht auf jemanden?“

Peredonoff dachte nach. Ganz zufällig fiel ihm die Gruschina ein; dunkel erinnerte er sich an jenes kürzlich geführte Gespräch, welches er mit der Drohung abbrach, er werde sie denunzieren. Daß er eigentlich der Gruschina gedroht hatte, verwirrte sich in ihm zu einer düstern Vorstellung von Denunziation im allgemeinen. Sollte er jemanden angeben, oder sollte er selber angegeben werden, — das war ihm nicht klar, und er machte auch gar keine Anstrengung, sich genauer daran zu erinnern, — so viel stand fest: die Gruschina war ihm feind. Schlimm genug war es, daß sie dabei gewesen war, als er den Pissareff versteckt hatte. Jetzt mußte er ihn wo anders hintun.

Peredonoff sagte:

„Es gibt hier eine gewisse Frau Gruschina.“

„Ich weiß, ein erstklassiges Luder,“ entschied Awinowitzkji kurz.

„Immerwährend kommt sie zu uns,“ klagte Peredonoff, „überall schnüffelt sie. Sie ist geizig und will alles haben. Vielleicht möchte sie Geld von mir dafür, daß sie mich nicht angibt wegen des Pissareff. Oder vielleicht will sie mich heiraten. Ich will ihr aber nichts zahlen, und ich habe eine andere Braut; mag sie immerhin denunzieren, ich bin unschuldig. Es ist nur unangenehm, wenn daraus eine Geschichte entstehen sollte, denn das könnte mir bei der Ernennung schaden.“

„Sie ist eine bekannte Gaunerin,“ sagte der Staatsanwalt. „Sie fing hier an gewerbsmäßig zu wahrsagen und es gab Dumme genug, welche zu ihr gingen. Da sagte ich der Polizei, sie möchte ihr das Handwerk legen. Dieses eine Mal waren sie ausnahmsweise klug und befolgten meinen Rat.“

„Sie wahrsagt auch jetzt noch,“ sagte Peredonoff, „noch neulich hat sie mir Karten ausgelegt, sie redete von einem weiten Weg und von einem Kronsbrief.“

„Sie weiß genau, wem sie was sagt. Warten Sie nur, jetzt knüpft sie die Schlingen und wird später Geld fordern. Kommen Sie dann direkt zu mir. Ich werde ihr hundert aufzählen lassen,“ schloß Awinowitzkji mit seiner beliebten Redensart. Doch durfte man dies nicht wörtlich nehmen; dieser Ausdruck bedeutete nur: einen scharfen Verweis erteilen.

So versprach Awinowitzkji Peredonoff beizustehen; dennoch war dieser, als er vom Staatsanwalt fortging, von einem dumpfen Angstgefühl beherrscht, welches durch die lauten drohenden Reden Awinowitzkjis nur bestärkt worden war.

 

Nun machte Peredonoff täglich vor dem Mittagessen eine Visite, — mehr als eine konnte er wegen der ausführlichen Erklärungen, die er jedesmal geben mußte, nicht erledigen. Am Abend ging er in der Regel Billard spielen.

Wie immer pflegte er den einladenden Handbewegungen der Werschina zu folgen, und wie immer mußte er anhören, wie Rutiloff seine Schwestern lobte. Zu Hause suchte ihn Warwara zu bereden, die Trauung zu beschleunigen, — aber er konnte keinen festen Entschluß fassen.

Natürlich, so dachte er manchmal, wäre es vorteilhaft, Warwara zu heiraten, — wie aber, wenn mich die Fürstin plötzlich im Stich läßt? In der Stadt, dachte er, wird man dann auf meine Kosten lachen, — und dieses Bedenken hielt ihn vom entscheidenden Schritt zurück.

Der Neid seiner Kollegen, welcher eher in seiner Einbildung als tatsächlich vorhanden war, die Intrigen irgend eines Unbekannten und der Umstand, daß ihm die unverheirateten Frauen nachstellten, alles das gestaltete sein Leben traurig und kummervoll; und auch das Wetter war ganz danach: mehrere Tage hindurch war es trübe, kalt und regnerisch. Peredonoff fühlte, wie mißlich sich sein Leben gestaltete, — aber dann dachte er an den in Aussicht stehenden Inspektorposten und damit mußte sich alles zum besten wenden.

X

Am Donnerstag machte Peredonoff beim Adelsmarschall seine Aufwartung. Das Haus des Adelsmarschalls erinnerte an eine vornehme Villa in den Villenkolonien von Petersburg, welche Sommer und Winter bewohnt werden konnte. Die Einrichtung des Hauses war nicht gerade luxuriös, doch schienen manche Gegenstände allzu neu und ein wenig überflüssig zu sein.

Alexander Michailowitsch Weriga erwartete Peredonoff in seinem Kabinett. Er tat so als beeilte er sich, seinem Gast entgegenzugehen und als wäre er bloß durch einen Zufall daran verhindert worden.

Weriga hielt sich ungeheuer stramm, selbst wenn man in Betracht zog, daß er ausgedienter Kavallerieoffizier war. Es wurde ihm nachgesagt, daß er ein Korsett trage. Sein glattrasiertes Gesicht war gleichmäßig gerötet, als hätte er es geschminkt. Sein Haar war ganz kurz geschoren, — ein bequemes Mittel, um den Effekt der Glatze zu mildern. Die Augen waren grau, liebenswürdig und kalt. Im Verkehr war er gegen alle äußerst zuvorkommend, in seinen Ansichten streng und entschieden. Allen seinen Bewegungen merkte man den gewesenen Soldaten an und außerdem kleine Hinweise darauf, daß er Gouverneur zu werden beabsichtigte.

Peredonoff saß ihm gegenüber am eichengeschnitzten Schreibtisch und berichtete:

„Ueber mich werden allerhand Gerüchte in Umlauf gesetzt, daher wende ich mich als Edelmann an Sie. Man erzählt über mich Dinge, Exzellenz, welche absolut unwahr sind.“

„Ich habe nichts Derartiges gehört,“ antwortete Weriga und liebenswürdig-erwartungsvoll lächelnd, richtete er seine grauen, aufmerksamen Augen auf Peredonoff.

Peredonoff sah geflissentlich in eine Ecke und redete:

„Ich bin niemals Sozialist gewesen, und wenn es gelegentlich vorkam, daß ich ein Wort zuviel gesagt habe, so ist es zur Genüge damit entschuldigt, daß ein jeder junge Mensch mal über die Stränge schlägt. Jetzt habe ich nicht einmal Gedanken in dieser Richtung.“

„Sie waren also sehr liberal?“ fragte Weriga mit einem liebenswürdigen Lächeln, „nicht wahr, auch Sie wünschten eine Konstitution. Wir alle wollten, als wir jung waren, die Konstitution. Darf ich Ihnen anbieten?“

Weriga schob Peredonoff ein Zigarrenkästchen hin. Peredonoff war zu schüchtern, um „Ja“ zu sagen und dankte; Weriga steckte sich eine Zigarre an.

„Natürlich, Exzellenz,“ gestand Peredonoff, „hatte auch ich als Student meine Gedanken, aber schon damals war es mir um eine andere Konstitution als im üblichen Sinne des Wortes zu tun.“

„Nämlich?“ fragte Weriga mit einem Anflug von Unzufriedenheit im Tone.

„Es sollte eine Konstitution sein, aber ohne Parlament,“ erklärte Peredonoff, „im Parlament zanken sie sich doch nur.“

Werigas graue Augen leuchteten in stillem Entzücken.

„Eine Konstitution ohne Parlament!“ sagte er sinnend. „Wissen Sie, das ist praktisch!“

„Aber auch das ist lange her,“ sagte Peredonoff, „jetzt wünsche ich nichts Derartiges.“

Erwartungsvoll blickte er Weriga an. Weriga blies eine dünne Rauchwolke durch die Lippen, schwieg eine Zeitlang und sagte dann gemessen:

„Sie sind Pädagoge, nun habe ich in meiner Stellung auch mit den Schulen unseres Bezirkes zu tun. Welchen Schulen geben Sie von Ihrem Standpunkte aus den Vorzug: den Kirchenschulen oder den sogenannten Bezirksschulen?“

Weriga strich die Asche von der Zigarre und fixierte Peredonoff liebenswürdig, doch fast allzu aufmerksam. Peredonoff wurde verlegen, stierte in die Ecke und sagte:

„Die Bezirksschulen müssen stramm gehalten werden.“

„Ja, ja, strammer,“ sagte Weriga abwartend.

Und er blickte auf seine glimmende Zigarre, so als bereite er sich vor, einer langen Erörterung zuzuhören.

„Die Lehrer dort sind Nihilisten,“ sagte Peredonoff, „und die Lehrerinnen glauben nicht an Gott. Sie schnauben sich sogar in der Kirche.“

Weriga blickte schnell auf und sagte lächelnd:

„Na wissen Sie, ab und zu ist das notwendig.“

„Ja, aber manche trompeten geradezu, so daß alle Sänger lachen,“ meinte Peredonoff böse. „Das tut sie mit Absicht. Diese Skobotschkina ist so eine Person, läuft in einer roten Bluse herum. Manchmal trägt sie sogar einen Sarafan.“[8]

„Das ist freilich nicht schön,“ sagte Weriga. „Doch tut sie es eher aus Mangel an Erziehung. Ich erinnere mich gut an diese Lehrerin. Sie hat absolut keine Manieren, ist aber eine tüchtige Lehrkraft. In jedem Fall ist das, was Sie sagen, nicht schön von ihr. Man muß es ihr zu wissen geben.“

„Dort in den Schulen geht es sehr frei zu,“ fuhr Peredonoff fort, „ohne jede Zucht. Gestraft wird überhaupt nicht und Bauernkinder kann man nicht nach demselben Muster erziehen wie die Adeligen. Geprügelt müssen sie werden.“

Weriga blickte ruhig auf Peredonoff, dann, als käme ihm die Taktlosigkeit dieser Bemerkung erst jetzt zum Bewußtsein, senkte er seinen Blick und sagte kalt, fast im Tonfall eines Gouverneurs:

„Es muß gesagt werden, daß ich an Schülern der Distriktsschulen vortreffliche Eigenschaften bemerkt habe. Es steht über allem Zweifel, daß die weitaus größere Zahl außerordentlich fleißig und gewissenhaft ist. Natürlich kommen, wie überall, Vergehen vor und infolge der Unbildung des Milieus kann es geschehen, daß diese Vergehen recht grob zum Ausdruck kommen, um so mehr als in der Landbevölkerung Rußlands das Gefühl für Pflicht, Ehre und Achtung fremden Eigentums nur wenig entwickelt ist. Die Schule hat die Pflicht, solche Vergehen streng zu bestrafen. Wenn alle Mittel einer inneren Einwirkung erschöpft erscheinen, oder wenn das Vergehen besonders groß ist, so wäre es natürlich geboten, um das betreffende Kind nicht ganz verwildern zu lassen, zu den allerstrengsten Maßnahmen zu greifen. Dieses hat aber auf alle Kinder Bezug, auch auf die von Adel. Im allgemeinen stimme ich mit Ihnen darin überein, daß die Erziehung in den genannten Schulen viel zu wünschen übrig läßt. Madame Steven hat in ihrem — à propos sehr interessanten Buch — Sie kennen es doch? ...“

„Nein, Exzellenz,“ sagte Peredonoff verlegen, „ich fand noch keine Zeit dazu. Ich habe soviel im Gymnasium zu tun. Aber ich werde es lesen.“

„Nun, das ist nicht so dringend notwendig,“ sagte Weriga liebenswürdig lächelnd, als erteile er Peredonoff die Erlaubnis, das Buch nicht zu lesen. „Also, besagte Frau Steven erzählt sehr entrüstet, wie zwei ihrer Schüler, junge Leute von 17 Jahren, vom Bezirksgericht zu körperlicher Züchtigung verurteilt wurden. Stolz seien sie, diese Jungen, und — beachten Sie wohl — wir alle hätten uns gequält, solange diese schmähliche Strafe über sie verhängt gewesen sei. Später wurde dann das Urteil abgeändert. Ich kann nur sagen, anstelle der Frau Steven hätte ich mich geschämt, diese Geschichte in ganz Rußland zu verbreiten: stellen Sie sich nur vor, man hatte diese Jungen verurteilt, weil sie Aepfel gestohlen hatten. Bemerken Sie recht: für einen Diebstahl! Da schreibt sie noch, es wären ihre besten Schüler gewesen. Aber Aepfel können sie stehlen! Wirklich, eine vortreffliche Erziehung! Man sollte doch lieber gleich eingestehen, daß man das Eigentumsrecht nicht anerkennt.“

Erregt erhob sich Weriga und machte einige Schritte, aber er faßte sich gleich wieder und setzte sich.

„Sollte ich Inspektor der Volksschule werden, so will ich andere Saiten aufziehen,“ sagte Peredonoff.

„Haben Sie etwas in Aussicht?“ fragte Weriga.

„Ja, die Fürstin Woltschanskaja versprach mir ihre Protektion.“

Weriga machte ein liebenswürdiges Gesicht.

„Es wird mir angenehm sein, Ihnen Glück wünschen zu dürfen. Ich zweifle nicht daran, daß Sie die Sache vortrefflich leiten werden.“

„Nun wird in der Stadt über mich allerhand verbreitet, Exzellenz, — es ist nicht ausgeschlossen, daß das Bezirksamt davon Kenntnis bekommen könnte; das würde meine Ernennung verhindern und tatsächlich bin ich unschuldig.“

„Haben Sie jemand in Verdacht, der diese Gerüchte aufgebracht hat?“ fragte Weriga.

Peredonoff wurde ganz verlegen und murmelte:

„Wen sollte ich in Verdacht haben? Ich weiß keinen. Man redet nur so. Eigentlich kam ich zu Ihnen, weil diese Gerüchte mir im Dienst schaden können.“

Weriga überlegte, daß es ihm gleich sein könne, von wem das Gerede ausginge: er war ja noch nicht Gouverneur. Er nahm nunmehr wieder die Rolle des Adelsmarschalls auf und hielt eine Rede, die Peredonoff ängstlich und niedergeschlagen anhörte:

„Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Ihre Schritte zu mir lenkte, um meine Vermittlung (Weriga wollte sagen „Schutz“, aber er enthielt sich dieses Ausdrucks) zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Anspruch zu nehmen, der Gesellschaft, in welcher, Ihren Informationen zufolge, Ihnen nicht wohlwollende Gerüchte laut geworden sind. Von diesen Gerüchten ist mir nichts zu Ohren gekommen und es muß Ihnen tröstlich sein, daß die Verleumdungen über Sie nicht gewagt haben aus der Hefe der städtischen Gesellschaft emporzudringen und ihr Dasein — um mich so auszudrücken — in niedriger Verborgenheit führen. Es ist mir eine Genugtuung, daß Sie, — wiewohl Sie berufsmäßig im Dienste stehen, — dennoch gleichzeitig auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung so hoch einschätzen, und die Würde des Ihnen anvertrauten Amtes als Erzieher der Jugend, eines von jenen, deren geheiligter Fürsorge wir, die Eltern, unser kostbarstes Gut anvertrauen: unsere Kinder, die Erben unseres Namens und unseres Standes. Als Beamter haben Sie Ihren Vorgesetzten in Gestalt Ihres hochzuverehrenden Direktors, als Glied der Gesellschaft und als Edelmann haben Sie das vollste Recht, auf die Anteilnahme des Adelsmarschalls zu rechnen, in allen Fragen, welche Ihre Ehre und sowohl Ihr menschliches, wie gleicherweise Ihr Standesbewußtsein berühren.“

Während des folgenden Teiles seiner Rede stand Weriga auf und während er sich mit den Fingern seiner rechten Hand fest auf den Rand des Schreibtisches stützte, blickte er Peredonoff mit einem nichtssagend-liebenswürdigen und aufmerksamen Gesichtsausdruck an, wie man etwa eine größere Volksmenge betrachtet, wenn man vor ihr eine wohlwollende Rede als Vorgesetzter halten muß. Auch Peredonoff war aufgestanden. Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und blickte verdrießlich auf den Teppich zu den Füßen des Hausherrn. Weriga sprach:

„Ich weiß es auch darum zu schätzen, daß Sie sich an mich gewandt haben, weil es bei den Angehörigen des vornehmen Standes besonders angebracht erscheint, daß sie stets und in jeder Lage in erster Linie dessen eingedenk sind, daß sie von Adel sind, daß sie diese ihre Zugehörigkeit zum bezeichneten Stande hochhalten, nicht nur in bezug auf die damit verbundenen Rechte, sondern auch im Hinblick auf die sich hieraus ergebenden Pflichten und auf die Ehre des Edelmannes. Der Adel in Rußland steht, wie Ihnen natürlich bekannt ist, vorwiegend im Staatsdienst. Streng genommen müßten alle staatlichen Aemter, mit Ausnahme der ganz unwichtigen und niedrigen, in den Händen des Adels vereinigt sein. Der Umstand, daß Leute verschiedenen Standes in kaiserlichen Diensten stehen, ist mit Ursache für eine so unerwünschte Erscheinung wie jene, welche gegenwärtig Ihre Ruhe trübte. Verleumdung und Klatscherei sind die Waffen gesinnungsloser Leute, welche nicht in edlen, ritterlichen Traditionen erzogen wurden. Und ich hoffe, daß das allgemeine Urteil klar und unzweideutig zu Ihren Gunsten entscheiden wird, auch bitte ich Sie, sich völlig auf meinen ungeteilten Beistand in dieser Angelegenheit verlassen zu wollen.“

„Meinen ergebensten Dank, hohe Exzellenz,“ sagte Peredonoff, „so darf ich denn auf Ihren Beistand rechnen.“

Weriga lächelte liebenswürdig, blieb aber stehen und deutete damit an, daß die Unterredung beendet sei. Nach seiner langen Rede fühlte er plötzlich, daß sie garnicht am Platz gewesen wäre und daß Peredonoff nichts weiter als ein ängstlicher Streber nach guten Stellen war, ein Streber, der Schutz suchend über jede Schwelle stolpert. Er entließ ihn mit kalter Gleichgültigkeit, die er diesem Menschen gegenüber wegen seines unordentlichen Lebenswandels immer empfunden hatte.

Ein Diener half Peredonoff in seinen Ueberzieher. In irgend einem Zimmer wurde Klavier gespielt. Peredonoff dachte bei sich, daß das Leben in diesem Hause vornehm sei: stolze Leute, die sich hoch einschätzten. „Er will es zum Gouverneur bringen,“ dachte Peredonoff mit ehrfürchtiger und neidischer Bewunderung.

Auf der Treppe traf er die von einem Spaziergang heimkehrenden zwei Söhnchen des Adelsmarschalls mit ihrem Hauslehrer. Peredonoff betrachtete sie mit stumpfer Neugierde.

Wie sauber sie sind, dachte er, sogar in den Ohren kein Schmutzfleckchen. Und munter sind sie, dabei gut geschult und wie auf Draht gezogen. Vielleicht, dachte er, werden sie niemals geprügelt.

Und Peredonoff sah ihnen böse nach, während sie geschwind die Treppe hinaufstiegen und fröhlich plauderten. Auch das verwunderte Peredonoff, daß der Hauslehrer sie wie seinesgleichen behandelte; er drohte nicht und schrie sie nicht an.

 

Als Peredonoff nach Hause kam, saß Warwara im Gastzimmer und las ein Buch. Das kam selten vor. Sie blätterte in einem Kochbuch, das einzige, was sie mitunter in die Hand nahm. Das Buch war alt, abgegriffen und hatte einen schwarzen Einband. Der schwarze Einband fiel Peredonoff in die Augen und verstimmte ihn.

„Was liest du da?“ fragte er böse.

„Was? Als ob du nicht weißt was, — das Kochbuch,“ antwortete Warwara. „Ich habe keine Zeit, mich mit Albernheiten abzugeben.“

„Warum liest du im Kochbuch?“ fragte Peredonoff entsetzt.

„Was heißt — warum? Ich will kochen, für dich natürlich, du mäkelst ja immer,“ sagte Warwara und lächelte stolz und selbstbewußt.

„Aus diesem schwarzen Buch will ich nichts essen!“ erklärte Peredonoff bestimmt, riß das Buch aus Warwaras Händen und trug es ins Schlafzimmer.

Ein schwarzes Buch! Danach wird gekocht! dachte er mit Entsetzen, das fehlt noch gerade, daß man mich ganz offenkundig mit dem schwarzen Buch behext! Dieses fürchterliche Buch muß vernichtet werden, dachte er, ohne auf Warwaras wütendes Gezeter zu achten.

 

Am Freitag ging Peredonoff zum Vorsitzenden des Kreisamtes.

Hier im Hause wurde nachdrücklich betont, daß man schlicht und recht leben und zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten müsse. Eine ganze Reihe von Gegenständen diente dazu, eine Art von ländlicher Einfalt zu betonen: so hatte ein Sessel eine Lehne in Form eines Krummholzes und kleine Beile als Armstützen, ein Tintenfaß war in ein Hufeisen hineingespannt, ein imitierter Bauernschuh aus Porzellan diente als Aschenbecher. Im Saale standen auf Tischen, Fensterbänken, sogar auf dem Fußboden eine Reihe von kleinen Maßen, welche mit verschiedenen Getreideproben gefüllt waren, und hie und da lagen Klumpen von grobem Bauernbrot, die an Torfstücke erinnerten. Im Gastzimmer konnte man Zeitungen und Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen sehen. Im Arbeitszimmer standen riesige Bücherschränke, gefüllt mit nationalökonomischen Werken und Abhandlungen über die Schulfrage. Auf dem Schreibtisch lagen Papiere, gedruckte Rechenschaftsberichte, Pappschachteln mit Karten verschiedener Größe. Alles war staubig und kein einziges Bild hing an den Wänden. Dem Hausherrn Iwan Stepanowitsch Kiriloff konnte man anmerken, wie er bemüht war, einerseits liebenswürdig — europäisch liebenswürdig — zu erscheinen, ohne doch andererseits seiner Würde als Vorsitzender des Kreises etwas zu vergeben. Er war ein Original voller Widersprüche, gleichsam wie aus zwei Hälften zusammengelötet. Seine ganze Einrichtung zeugte davon, daß er viel und vernünftig arbeitete. Sah man ihn selber, so konnte man glauben, daß er seine Tätigkeit im Kreisamt mehr als Sport und nur vorübergehend betriebe, während seine eigentlichen Interessen weitab davon lägen, in irgend einer Richtung, wohin er mitunter seine lebhaften, doch teilnahmlosen bleifarbigen Augen richtete. Es war so, als hätte jemand seine lebendige Seele in einen länglichen Kasten gesperrt und gegen eine seelenlose, doch nervöse, arbeitsame Unruhe eingetauscht.

Er war klein von Wuchs, mager und jugendlich, so jugendlich und rosig, daß man ihn mitunter für einen Knaben halten konnte, der einen falschen Bart trug und sich mit ziemlichem Geschick wie ein Erwachsener zu betragen verstand. Seine Bewegungen waren charakteristisch und rasch. Wenn er sich mit jemandem begrüßte, machte er flinke Verbeugungen und viele Kratzfüße, und glitt geschwind einher auf den Sohlen seiner tadellosen Halbschuhe. Seinen Anzug hätte man ein Kostümchen nennen können: ein graues Jackettchen, ein nicht gestärktes Vorhemdchen aus Batist mit einem Liegekragen, eine blaue, zur Schleife gebundene Krawatte, enganliegende Beinkleiderchen und perlgraue Strümpfchen. Auch seine gemessen-höfliche Art und Weise zu reden war nicht immer gleich: er unterhält sich voll Würde und mit einmal spielt ein kindliches Lächeln um sein Gesicht, oder eine ungelenke, knabenhafte Bewegung erinnerte an sein Doppelwesen, dann nach einem Augenblick ist er wieder ruhig und zurückhaltend höflich.

Seine Frau machte einen stillen, maßvollen Eindruck und schien älter als er zu sein. Einigemal während Peredonoffs Anwesenheit ging sie durch das Arbeitszimmer und zog bei ihrem Manne Erkundigungen über verschiedene Angelegenheiten aus dem Bezirksamt ein. Ihr Hausstand war nicht gerade geordnet, — immerfort kamen Leute in Geschäften und immerfort wurde Tee getrunken. Auch Peredonoff wurde gleich nach seiner Ankunft lauwarmer Tee und Weißbrot auf einem Teller gereicht.

Schon vor ihm war ein anderer Gast gekommen. Peredonoff kannte ihn, — aber schließlich wen kannte man in diesem Städtchen nicht! Man verkehrte mit jedermann, es sei denn, daß man sich mit diesem oder jenem verzankt hätte.

Es war der Bezirksarzt Georg Sjemenowitsch Trepetoff, ein kleiner Mann — er war noch kleiner als Kiriloff — mit einem finnigen, unbedeutenden Vogelgesicht. Er trug eine dunkle Brille und blickte immer auf den Fußboden oder zur Seite, als falle es ihm schwer sein Gegenüber anzusehen. Er war ungeheuer ehrlich und gab keine Kopeke für wohltätige Zwecke aus. Alle kaiserlichen Beamten verachtete er aus tiefstem Herzen: kaum daß er ihnen bei etwaiger Begegnung die Hand reichte, am Gespräch beteiligte er sich in solchen Fällen prinzipiell nicht. Dafür galt er für einen hellen Kopf — wie auch Kiriloff —, wiewohl er nur wenig wußte und als Arzt untüchtig war.

Er hatte sich vorgenommen, sein Leben so einfach als möglich zu gestalten; — zu diesem Zweck studierte er die Gepflogenheiten der Bauern sich zu schnauben oder den Kopf zu kratzen und mit dem Handrücken den Mund zu wischen, im stillen ahmte er diese Sitten nach, — die endgültige Vereinfachung seines Lebens verschob er aber immer auf den nächsten Sommer.

Auch hier wiederholte Peredonoff die ihm seit den letzten Tagen geläufig gewordenen Klagen über den städtischen Klatsch und jene Neider, welche seine Beförderung zum Inspektor verhindern wollten. Kiriloff fühlte sich im ersten Augenblick geschmeichelt, daß Peredonoff sich an ihn wandte. Er sagte:

„Ja, nun sehen Sie, welcherart unsere Provinzgesellschaft ist. Ich habe immer gesagt, die einzige Rettung für denkende Menschen ist, sich fest zusammenzuschließen, — und es freut mich, daß Sie zur selben Erkenntnis gekommen sind.“

Trepetoff grunzte böse. Kiriloff sah ihn ängstlich an. Trepetoff sagte verächtlich: „Denkende Menschen!“ und grunzte wieder. Dann — nach einem kurzen Schweigen — sprach er mit hoher, gekränkter Stimme:

„Ich wußte nicht, daß denkende Menschen Anhänger des Klassensystems sein können.“

„Aber Georgi Sjemenowitsch,“ sagte Kiriloff unsicher, „Sie ziehen nicht in Betracht, daß es nicht immer vom Menschen selber abhängt, welchen Beruf er wählt.“

Trepetoff grunzte verächtlich, wodurch er den liebenswürdigen Kiriloff ganz aus der Fassung brachte und hüllte sich in unnahbares Schweigen.

Kiriloff wandte sich an Peredonoff. Als dieser aber von einem Inspektorposten zu reden begann, wurde er unruhig. Es schien ihm, als ziele Peredonoff darauf ab, Inspektor seines Bezirkes zu werden. Im Bezirksamt aber reifte der Plan, einen eigenen Schulinspektor zu kreieren, welcher vom ganzen Bezirk gewählt und vom Ministerium der Volksaufklärung bestätigt werden sollte.

In diesem Falle wäre Inspektor Bogdanoff, der bereits drei Schulbezirken vorstand, in eine der benachbarten Städte übergesiedelt und die Leitung der Schulen dieses Bezirkes wäre einem neuen Inspektor anvertraut worden. Zu diesem Amte hatte man schon den Vorsteher des Lehrerseminars der ganz nahe gelegenen Stadt Safat ausersehen.

„Ich habe glücklich eine Protektion,“ redete Peredonoff, „nun sucht mir der Direktor den Weg zu verlegen und die andern auch. Alles Mögliche verbreiten sie über mich. Im Falle man bei Ihnen Erkundigungen einziehen sollte, bitte ich Sie, im Auge zu haben, daß diese Gerüchte Lügen sind und ich bitte auch, diesen Lügen keinen Glauben zu schenken.“

Kiriloff antwortete rasch:

„Ich habe wirklich keine Zeit, Ardalljon Borisowitsch, mich mit den Klatschgeschichten der Stadt zu befassen; ich habe so viel zu tun, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Würde mir meine Frau nicht helfen, so könnte ich die Arbeit einfach nicht bewältigen. Ich komme nirgends hin, sehe niemanden und höre nichts. Doch bin ich fest davon überzeugt, daß all das, was über Sie geredet wird, — ich habe, wie gesagt, nichts Derartiges gehört —, daß das elender Klatsch ist. Die Besetzung des in Frage stehenden Postens hängt indes nicht von mir ab.“

„Man wird sich bei Ihnen erkundigen,“ sagte Peredonoff.

Kiriloff blickte ihn verwundert an und sagte:

„Natürlich wird man sich bei mir erkundigen. Die Sache ist aber die, daß wir ....“

In diesem Augenblick kam Frau Kiriloff herein und sagte:

„Bitte auf einen Augenblick!“ Kiriloff ging zu ihr ins Zimmer. Sie flüsterte besorgt:

„Ich glaube, es ist besser, diesem Subjekt nichts davon zu sagen, daß wir Krassilnikoff wünschen. Dieser Kerl kommt mir verdächtig vor, er wird noch Geschichten machen.“

„Glaubst du?“ flüsterte Kiriloff eilig. „Es könnte sein. Fatale Sache!“

Er griff mit den Händen an den Kopf. Seine Frau sah ihn besorgt-teilnehmend an und sagte:

„Es ist vielleicht besser, ihm überhaupt nichts zu sagen, — als wäre gar keine Stelle vakant.“

„Ja, ja, du hast recht,“ flüsterte Kiriloff, „es ist so peinlich, aber ich muß hin.“

Er lief ins Gastzimmer zurück, machte ununterbrochen Kratzfüße und überhäufte Peredonoff mit Liebenswürdigkeiten.

„Im Falle also, wenn .....“ begann Peredonoff.

„Seien Sie ganz unbesorgt, ich will es mir merken,“ sagte Kiriloff schnell; „außerdem ist diese Frage noch nicht endgültig entschieden.“

Peredonoff begriff garnicht, um welche Frage es sich eigentlich handelte und fühlte sich sehr beunruhigt, Kiriloff fuhr aber fort:

„Unsere Schulen sollen ein festes Netz bilden. Aus Petersburg haben wir uns einen Spezialisten kommen lassen. Den ganzen Sommer über haben wir gearbeitet. 900 Rubel hat es uns gekostet. Es muß alles zum Landtag vorbereitet werden. Die Arbeit ist sehr sorgfältig ausgeführt, — alle Entfernungen sind berechnet, alle Schulfragen sind berücksichtigt worden.“

Und Kiriloff erzählte lang und breit vom Schulnetz, d. h. von der Einteilung des Distrikts in so kleine Bezirke mit einer Volksschule in jedem, daß die Entfernung vom Dorf zur Schule immer nur eine geringe war. Peredonoff begriff nichts, und seine düsteren Gedanken verfingen sich in den Wortmaschen des Kiriloffschen Redenetzes, welches dieser gewandt vor ihm ausbreitete.

Endlich verabschiedete sich Peredonoff und ging hoffnungslos und traurig von dannen. In diesem Hause, dachte er, will man mich nicht begreifen, nicht einmal anhören. Der Hausherr redet von unverständlichen Sachen. Trepetoff grunzt böse und die Hausfrau geht und kommt, ohne mir die geringste Beachtung zu schenken. Merkwürdige Leute leben in diesem Hause! dachte Peredonoff. Ein verlorener Tag!