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Der kleine Dämon

Chapter 13: XII
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About This Book

A petty, embittered provincial man nurses jealousies, ambitions, and paranoid fantasies while entangling himself in local gossip, romantic entanglements, and petty schemes. Through close psychological observation and satirical depiction of town life, the narrative exposes hypocrisy, vanity, and spiritual emptiness; grotesque and symbolic details intensify a mood of decay and malignity. Episodes alternate dark comedy with sinister undertones as the protagonist's resentments produce manipulation, obsessions about status and marriage, and escalating moral deterioration. The work blends realist social portraiture with hallucinatory imagery to trace the corrosive effects of small cruelties on both an individual and communal level.

XI

Am Sonnabend wollte Peredonoff den Chef der Landpolizei aufsuchen. Zwar hat er nicht soviel zu bedeuten, wie der Adelsmarschall, dachte Peredonoff; aber er kann einem eher schaden als die anderen und doch wieder — wenn er nur will — einem beistehen mit seinen Aussagen bei der vorgesetzten Behörde. Die Polizei ist eine wichtige Einrichtung.

Peredonoff nahm aus einer Hutschachtel seine Dienstmütze. Er beschloß, fortan nur diese Mütze zu tragen. Der Direktor kann es sich erlauben mit einem Hut herumzugehen, er ist bei den Vorgesetzten gut angeschrieben, er aber — Peredonoff — muß sich seine Beförderung zum Inspektor erst erwerben; es ist nicht gut, sich nur auf die Protektion zu verlassen, man muß auch bestrebt sein, allerorts im besten Lichte zu erscheinen. Schon seit einigen Tagen, noch bevor er angefangen hatte, die Honoratioren zu besuchen, hatte er daran gedacht, aber wieder war ihm, rein zufällig, der alte Hut unter die Hände geraten. Jetzt ergriff er Gegenmaßregeln: er schleuderte den Hut auf den Ofen, — so war es ausgeschlossen, daß er ihn wieder aufsetzte.

Warwara war ausgegangen. Klawdja, das Dienstmädchen, wusch die Fußböden in den Empfangszimmern. Peredonoff ging in die Küche, um sich die Hände zu waschen. Auf dem Tisch lag eine blaue Papierdüte, aus der einige Rosinen herausgefallen waren. Es war ein Pfund Rosinen gekauft worden, um sie in das Teebrot einzubacken. Peredonoff fing an, die schmutzigen, nicht gereinigten Rosinen zu essen und verschlang schnell und gierig das ganze Pfund. Er war vor dem Tisch stehen geblieben und schielte nach der Tür um von Klawdja nicht ertappt zu werden. Dann rollte er die Papierdüte sorgfältig zusammen, brachte sie unter dem Rock in das Vorzimmer und steckte sie in eine seiner Manteltaschen, um sie später auf der Straße fortzuwerfen, und so alle Spuren zu vertilgen. Er ging. Sehr bald vermißte Klawdja die Rosinen, erschrak, suchte sie überall und fand sie nicht. Warwara kam nach Hause, hörte von den verschwundenen Rosinen und machte Klawdja die heftigsten Vorwürfe: es stand ihr fest, daß das Mädchen die Rosinen aufgegessen hatte.

 

Auf der Straße war es windig und kein Mensch war zu sehen. Einige Wolken verdeckten die Sonne. Die Pfützen begannen zu trocknen. Der Himmel leuchtete in matten Farben. Aber Peredonoff war traurig.

Unterwegs ging er beim Schneider an. Vorgestern hatte er bei ihm eine neue Uniform bestellt. Er sollte sich mit der Arbeit beeilen.

Als Peredonoff an der Kirche vorbeiging, nahm er die Mütze ab und bekreuzigte sich dreimal. Das machte er so augenfällig als möglich, damit alle Vorübergehenden sehen sollten, wie der künftige Inspektor an der Kirche vorbeiging. Früher hatte er das nie getan, jetzt empfand er es als Notwendigkeit. Vielleicht geht ein Spion hinter ihm her oder irgend jemand steht an der Straßenecke oder hinter einem Baum und beobachtet ihn.

Der Chef der Landpolizei wohnte am andern Ende der Stadt. Vor der Pforte, die weit aufgetan war, stand ein Schutzmann; das war eine Begegnung, die Peredonoff seit den letzten Tagen mit Angst erfüllte. Auf dem Hofe hielten sich einige Bauern auf; auch sie sahen ungewöhnlich aus, sie waren so merkwürdig still und schweigsam. Der Hof war schmutzig. Einige mit Bastgeweben verdeckte Bauernwagen standen umher. Auch im dunklen Vorhaus stand ein Schutzmann, ein kleiner, schmächtiger Mensch, der pflichtbewußt und betrübt aussah. Er stand regungslos da und hielt ein Buch in schwarzem Ledereinband unter dem Arm. Ein zerzaustes Mädchen kam barfuß aus einem Nebenzimmer gelaufen, half Peredonoff aus seinem Ueberzieher und führte ihn dann ins Besuchszimmer, wobei sie immerfort wiederholte:

„Bitte treten Sie ein. Sjemön Grigorjewitsch wird gleich kommen.“

Das Empfangszimmer war sehr niedrig. Peredonoff fühlte sich bedrückt. Die Möbel waren dicht an die Wände gerückt. Der Fußboden war mit schlichten Hanfmatten bedeckt. Rechts und links hinter den Wänden hörte man Geflüster und verschiedene Geräusche. An der Tür standen blasse Frauen und skrophulöse Kinder, sie hatten gierige, blanke Augen. Manchmal konnte man einige Worte der geflüsterten Unterhaltung verstehen:

„Hast du gebracht ...“

„Wohin soll ich’s tragen?“

„Wohin befehlen Sie, daß ich es hinlege?“

„Von Sidor Petrowitsch Jermoschkin.“

Der Polizeichef kam. Er knöpfte an seinem Uniformrock und lächelte süßlich.

„Verzeihen Sie, daß ich auf mich warten ließ,“ sagte er und umfaßte Peredonoffs Rechte mit seinen mächtigen Fäusten, „ich hatte einige Geschäfte zu erledigen. So ist unser Dienst, da gibt’s kein Aufschieben.“

Sjemön Grigorjewitsch Mintschukoff war ein großer, starkknochiger, schwarzhaariger Mann; er hatte eine unbedeutende Glatze, hielt sich ein wenig krumm; und die Hände hingen ihm herunter, wie zwei Bretter. Er lächelte oft und machte dabei ein Gesicht, als hätte er etwas Verbotenes, doch Schmackhaftes gegessen, das er just verdaute. Seine Lippen waren sehr rot und schwulstig, seine Nase massiv, sein Gesichtsausdruck sinnlich und aufmerksam, aber dumm.

Die ganze Umgebung hier machte Peredonoff befangen. Er murmelte unzusammenhängende Worte, saß in seinem Sessel und war bemüht, seine Mütze so zu drehen, daß der Polizeichef die Kokarde daran bemerken mußte. Mintschukoff saß kerzengrade ihm gegenüber an der andern Seite des Tisches, er lächelte süßlich, und seine riesigen Hände glitten langsam über die Kniee, schlossen sich und öffneten sich wieder.

„Man schwatzt Gott weiß welchen Unsinn,“ sagte Peredonoff, „nichts Derartiges ist vorgekommen. Ich selber könnte denunzieren. Ich habe nichts auf dem Gewissen, aber von ihnen wüßte ich Dinge zu berichten. Ich will nur nicht. Hinter dem Rücken wird man verleumdet und ins Gesicht lachen sie einem. Sie werden zugeben, daß das bei meiner Stellung äußerst peinlich ist. Ich habe Protektionen, da wirft man mir Steine in den Weg. Man beobachtet mich durchaus überflüssiger Weise, man verliert Zeit dabei und belästigt mich. Wohin ich nicht gehe, die ganze Stadt spricht davon. Ich hoffe sehr, daß Sie im Falle einer Anfrage auf meiner Seite stehen werden.“

„Aber gewiß, das ist doch natürlich, mit dem größten Vergnügen will ich das,“ sagte Mintschukoff und streckte seine Fäuste vor; „wir in der Polizei müssen das doch am besten wissen, ob Grund zu Verdächtigungen vorliegt oder nicht.“

„Mir kann es natürlich Wurst sein,“ sagte Peredonoff böse, „mögen sie schwatzen, ich fürchte nur, daß es mir im Dienst schaden könnte. Die Leute sind schlau. Achten Sie nicht darauf, was man so redet, zum Beispiel der Rutiloff. Was kann man wissen, er gräbt vielleicht einen Gang unter die Sparbank. Das wäre doch ein Frevel sondergleichen.“

Mintschukoff dachte zuerst, Peredonoff wäre betrunken und schwatze einfach Unsinn. Nach einigem Anhören begriff er jedoch, daß Peredonoff irgend jemanden anklage, der ihn verleumdet hätte, und Gegenmaßregeln zu ergreifen bittet.

„Grünschnäbel sind sie,“ fuhr Peredonoff fort, dabei dachte er an Wolodin, „und halten große Stücke von sich. Andern stellen sie nach und haben die schmutzigsten Geschichten auf dem Gewissen. Man sagt wohl, Jugend kennt keine Tugend. Manche sind auch Angestellte der Polizei und tun doch genau dasselbe.“

Und er redete lange von den dummen, grünen Jungen, scheute sich aber, Wolodins Namen zu nennen. Die bei der Polizei Angestellten hatte er aber erwähnt, um Mintschukoff damit anzudeuten, daß er auch von ihnen Ungünstiges berichten könne. Mintschukoff verstand das so, als rede Peredonoff von zwei jungen Polizeibeamten, von denen er wußte, daß sie jungen Mädchen den Hof machten. Die Verlegenheit und die Angst Peredonoffs wirkten unwillkürlich ansteckend auf Mintschukoff.

„Ich will die Sache in die Hand nehmen,“ sagte er besorgt, dachte einen Augenblick nach und lächelte dann wieder süßlich. „Da hab ich zwei junge Beamte, sie sind noch ganz grün. Glauben Sie mir auf Ehre und Gewissen, den einen stellt seine Mama noch in den Winkel.“

Peredonoff lachte abgerissen.

 

Inzwischen war Warwara bei der Gruschina gewesen. Da erfuhr sie eine sensationelle Neuigkeit.

„Liebste Warwara Dmitriewna,“ begann die Gruschina eifrig, als Warwara kaum über die Schwelle ihres Hauses getreten war, „ich habe eine Neuigkeit für Sie, — Sie werden starr sein.“

„Was für eine Neuigkeit?“ fragte Warwara schmunzelnd.

„Nein, denken Sie nur, was für elende Geschöpfe auf der Welt herumlaufen! Was die sich für Sachen ausdenken, um ihr Ziel zu erreichen.“

„Ja, worum handelt es sich denn?“

„Na, warten Sie, ich will es erzählen.“

Die schlaue Gruschina bewirtete indes Warwara zuvor mit Kaffee, dann trieb sie ihre Kinder auf die Straße hinaus. Die Aelteste war eigensinnig und wollte nicht gehen.

„Du verdammtes Luder!“ schrie die Gruschina.

„Selbst Luder!“ antwortete das freche Göhr und stampfte mit den Füßen.

Die Gruschina packte das Mädchen an den Haaren, zerrte es auf den Hof und verschloß die Haustür.

„Ein eigensinniges Balg,“ beklagte sie sich, „es ist ein Elend mit diesen Kindern. Ich kann mit ihnen nicht fertig werden. Einen Vater müßten sie haben.“

„Heiraten Sie, dann ist auch der Vater da,“ meinte Warwara.

„Gott weiß, liebste Warwara Dmitriewna, wen man da auf den Hals bekommt. Er wird die Kinder noch mißhandeln.“

Das Mädchen war inzwischen auf die Straße gelaufen und warf von dort aus eine Handvoll Sand auf die Mutter, deren Haar und Kleider ganz beschmutzt wurden. Die Gruschina steckte ihren Kopf zum Fenster hinaus und schrie:

„Wart du nur, Satansbalg, Prügel sollst du kriegen. Komm nur nach Hause. Ich will dich lehren, verdammtes Luder.“

„Selbst Luder! Böses Vieh!“ schrie das Mädchen auf der Straße, hüpfte auf einem Bein und drohte der Mutter mit ihren kleinen, schmutzigen Fäusten.

Die Gruschina schrie sie an:

„Wart du nur!“ und schloß das Fenster. Dann setzte sie sich ruhig hin, als wäre nichts geschehen und sagte:

„Ach richtig, ich wollte Ihnen eine Neuigkeit erzählen. Ich habe es total vergessen. Beunruhigen Sie sich nicht, teuerste Freundin, es wird nichts aus der Geschichte.“

„Ja, was denn eigentlich?“ fragte Warwara erschreckt, und die Kaffeetasse klirrte in ihrer Hand.

„Wissen Sie, im Gymnasium wurde in die fünfte Klasse ein Schüler aufgenommen, Pjilnikoff mit Namen. Er soll aus Ruban stammen, und man sagt, seine Tante hätte in unserem Kreis ein Gut gekauft.“

„Das weiß ich,“ sagte Warwara, „ich habe ihn gesehen. Er kam mit der Tante zu uns. Er ist so geschniegelt und sieht wie ein Mädchen aus, und wird immerwährend rot.“

„Liebste Warwara Dmitriewna, das ist es ja gerade, wie sollte er nicht wie ein Mädchen aussehen, — es ist ja ein verkleidetes Fräulein!“

„Nein, was Sie sagen!“ rief Warwara.

„Das ist mit Absicht so eingefädelt, um Ardalljon Borisowitsch einzufangen,“ sprach die Gruschina eilig, mit den Händen fuchtelnd und froh erregt, daß sie eine so wichtige Neuigkeit weitergeben konnte. „Wissen Sie, dieses Fräulein hat einen Vetter, ein Waisenkind; der war tatsächlich Schüler in Ruban. Die Mutter des Fräuleins nun ließ ihn aus der Schule austreten und dem Fräulein wurden seine Papiere gegeben, um in unser Gymnasium eintreten zu können. Ist es nicht verdächtig, daß man ihn zu einer Frau in Pension gegeben hat, wo keine andern Schüler sind? Da lebt er so schön für sich, und man dachte wohl, daß die Sache nicht herauskommen wird.“

„Und wie haben Sie es erfahren?“ fragte Warwara ungläubig.

„Liebste Warwara Dmitriewna, alle Welt spricht davon. Plötzlich wurde Verdacht geschöpft: alle Jungen betragen sich wie Jungen, dieser ist so still, schleicht einher, wie ein nasses Huhn. Und sieht man erst sein Gesicht an, ein fixer Bengel scheint es zu sein, so rosig, so vollbrüstig. Er ist so bescheiden, seine Kameraden haben es schon bemerkt, kaum sagt man ihm ein Wort, so wird er rot. Das ist auch sein Spitzname: Mädchen. Sie wollen sich über ihn nur lustig machen und wissen gar nicht, daß es wirklich so ist. Und stellen Sie sich vor, wie schlau sie vorgingen: nicht einmal die Pensionsmutter weiß etwas.“

„Woher haben Sie es denn?“ wiederholte Warwara.

„Liebste Warwara Dmitriewna, was erfahr ich nicht alles! Ich kenne doch jedermann. Das wissen doch alle, daß dort im Hause ein Junge lebt, der ebenso alt ist, wie dieser. Warum sind sie nicht zusammen ins Gymnasium eingetreten? Man sagt, er sei den Sommer über krank gewesen, müsse sich ein Jahr erholen und wird dann wieder zur Schule kommen. Aber das ist alles Unsinn, — das ist ja gerade der bewußte Gymnasiast. Und andrerseits ist bekannt, daß dort ein junges Mädchen war. Man erzählt, sie habe geheiratet und sei jetzt im Kaukasus. Das ist wieder eine Lüge, sie ist überhaupt nicht fortgefahren, sondern lebt hier als Knabe verkleidet.“

„Mir ist die Berechnung dabei unklar!“ meinte Warwara.

„Wie, was für eine Berechnung!“ sagte die Gruschina lebhaft, „einen von den Lehrern wollen sie einfangen, es gibt doch Junggesellen genug darunter, oder sonst irgend einen andern. Als Knabe kann sie die einzelnen in ihren Privatwohnungen besuchen und weiß Gott was alles tun.“

Warwara sagte erschreckt:

„Ein abgelecktes Mädel!“

„Und wie noch!“ pflichtete die Gruschina bei, „schön wie ein Bild. Nur jetzt im Anfang tut sie so schüchtern; das wird sich geben mit der Zeit; sie wird alle in der Stadt hier umgarnen. Und, stellen Sie sich vor, wie schlau sie sind: kaum hatte ich von der Sache Wind gekriegt, versuchte ich sofort mit seiner — soll heißen mit ihrer — Pensionsmutter zu sprechen; man weiß ja schon gar nicht, wie man sich ausdrücken soll.“

„Pfui Deibel — Gott verzeih mir — welche Gemeinheit!“ sagte Warwara.

„Zur Vesper ging ich in die Kirche, sie ist nämlich sehr fromm. Olga Wassiljewna — sag ich — warum haben Sie denn heuer nur einen Pensionär? Da kommen Sie doch nicht auf Ihre Kosten — sage ich. Sie antwortet: wozu brauche ich mehr. Es ist so eine Wirtschaft mit mehreren. Ich sage darauf: aber Sie haben doch früher immer zwei, drei Jungen gehabt. Darauf sie — stellen Sie sich nur vor, liebste Warwara Dmitriewna — ja, sagt sie, sie hätten schon so eine Vereinbarung getroffen, daß Saschenka allein bei ihr leben solle. Sie sind nicht arm — sagt sie —, haben etwas mehr gezahlt; sie fürchten nämlich, daß er mit andern Jungen zusammen verwildern würde. Wie finden Sie das?“

„So ein Pack!“ sagte Warwara aufgebracht. „Haben Sie ihr denn gesagt, daß er ein Mädchen ist?“

„Ich sagte ihr also —, passen Sie nur auf — sage ich — Olga Wassiljewna, daß man Ihnen kein Mädchen für einen Knaben unterschiebt.“

„Und was sagte sie?“

„O, sie dachte, daß ich nur scherze und lachte. Dann sagte ich eindringlicher, — liebste Olga Wassiljewna, sag ich, wissen Sie auch, daß es tatsächlich ein Mädchen sein soll. Aber sie glaubt nicht, — Unsinn — sagt sie — wie soll das ein Mädchen sein; ich bin doch Gott sei Dank nicht blind, sagt sie.“

Diese Geschichte beunruhigte Warwara. Sie war der festen Ueberzeugung, daß es sich so verhielte und daß man ihr ihren Geliebten wegpaschen wolle. Sie hielt es für dringend notwendig, das verkleidete Fräulein so schnell als möglich zu entlarven. Lange berieten sie, wie sich das wohl am besten machen ließe, kamen aber vorläufig zu keinem Entschluß.

 

Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen Rosinen endgültig Warwaras Laune.

Als Peredonoff kam, erzählte sie ihm eilig und aufgeregt, daß Klawdja ein Pfund Rosinen gestohlen hätte, es aber nicht gestehen wolle.

„Und sie versucht sich noch herauszureden,“ sagte Warwara gereizt; „vielleicht sagt sie, hat der Herr die Rosinen aufgegessen. Du seiest aus irgend einem Grunde in die Küche gegangen, während sie die Dielen scheuerte, und habest dich dort ungewöhnlich lange aufgehalten.“

„Durchaus nicht lange,“ sagte Peredonoff böse; „ich wusch mir nur die Hände und habe die Rosinen nicht einmal gesehen.“

„Klawdjuschka, Klawdjuschka!“ schrie Warwara, „der Herr sagt, daß er die Rosinen überhaupt nicht gesehen hat, — also hattest du sie schon früher irgendwohin versteckt.“

Klawdjas vom Weinen gerötetes Gesicht erschien in der Türspalte.

„Ich habe Ihre Rosinen nicht genommen,“ schrie sie weinend; „ich werde andere kaufen, aber genommen habe ich sie nicht.“

„Kauf nur, kauf nur!“ rief Warwara böse, „ich habe keine Lust, dich mit Rosinen zu füttern.“

Peredonoff fing an zu lachen und rief:

„Djuschka hat ein Pfund Rosinen geklommen.“

„Man tut mir unrecht!“ schrie Klawdja und schlug die Tür zu.

Beim Essen konnte Warwara nicht umhin, die Geschichte von Pjilnikoff zu erzählen. Sie überlegte garnicht, ob es ihr schaden oder nützen könnte, wie Peredonoff die Sache aufnehmen würde, sondern redete einfach aus Bosheit.

Peredonoff war bemüht, sich Pjilnikoffs Erscheinung zu vergegenwärtigen, konnte sich aber nicht recht an ihn erinnern. Er hatte bisher diesem neuen Schüler nur geringe Aufmerksamkeit zugewandt und verachtete ihn, weil er stets sauber gekleidet und in den Stunden aufmerksam war, auch lernte er gut und war dem Alter nach der jüngste in der fünften Klasse. Warwaras Erzählung rief in ihm eine häßliche Neugierde wach. Unkeusche Gedanken regten sich in seinem langsam arbeitenden Hirn ...

Ich werde zur Vesper in die Kirche gehen, dachte er, und mir dies verkleidete Mädchen ansehen.

Plötzlich kam Klawdja hereingelaufen, warf triumphierend die zusammengefaltete blaue Papierdüte auf den Tisch und rief:

„Sie haben mich beschuldigt, ich hätte die Rosinen gegessen. Und das hier? Ich brauche Ihre Rosinen garnicht!“

Peredonoff erriet sofort, worum es sich handelte; er hatte ganz vergessen, die Düte auf der Straße fortzuwerfen, und Klawdja hatte sie jetzt in seiner Manteltasche gefunden.

„Teufel auch!“ entfuhr es seinen Lippen.

„Was soll das, woher kommt das?“ fragte Warwara.

„Das habe ich in des Herrn Manteltasche gefunden,“ antwortete Klawdja schadenfroh. „Er selber hat die Rosinen gegessen und lenkt den Verdacht auf mich. Man weiß doch, daß der Herr zu naschen liebt, aber warum wälzt er die Schuld auf andere, wenn er selber ...“

„Jetzt hör aber auf,“ sagte Peredonoff ärgerlich. „Warum lügst du so? Du hast mir die Düte in die Tasche gesteckt, ich habe nichts genommen.“

„Wie sollte ich sie Ihnen in die Tasche stecken, da sei Gott vor!“ sagte Klawdja verwirrt.

„Wie durftest du fremde Taschen untersuchen?“ fuhr Warwara auf. „Du suchtest da wohl nach Geld?“

„Ich untersuche garnicht fremde Taschen,“ sagte Klawdja grob. „Ich wollte den Mantel bürsten, weil er ganz beschmutzt war.“

„Und was hattest du in der Tasche zu suchen?“

„Die Düte ist von selber herausgefallen, ich habe nicht in den Taschen gesucht,“ rechtfertigte sich Klawdja.

„Du lügst, Djuschka,“ sagte Peredonoff.

„Ich heiße nicht Djuschka, was habt Ihr Euch über mich lustig zu machen!“ schrie Klawdja. „Der Teufel hol Euch! Ich werde die Rosinen kaufen, dann könnt Ihr daran ersticken! Selbst freßt Ihr sie auf, und ich muß sie ersetzen. Und ich werde sie ersetzen, — Ihr habt, scheint’s, kein Gewissen und keine Ehre im Leibe, und sowas nennt sich Herrschaft!“

Klawdja ging weinend und schimpfend in die Küche. Peredonoff lachte abgerissen und sagte:

„Die ist mal wütend.“

„Laß sie nur kaufen,“ sagte Warwara; „wenn man ihnen durch die Finger sieht, fressen einen diese verhungerten Bestien kapp und kahl.“

Und noch lange nachher wurde Klawdja damit geneckt, daß sie ein ganzes Pfund Rosinen aufgegessen hätte. Das Geld dafür wurde ihr vom Lohne abgezogen und allen Gästen die Geschichte als Kuriosum erzählt.

Der Kater, als hätte ihn das Geschrei angelockt, kam längs den Wänden aus der Küche herangeschlichen, setzte sich zu Peredonoffs Füßen und starrte ihn mit bösen, gierigen Augen an. Peredonoff bückte sich, um ihn zu fangen. Der Kater fauchte wütend, zerkratzte Peredonoffs Hand und verkroch sich unter den Schrank. Von dort schielte er hervor, und seine länglich-grünen Pupillen funkelten.

Wie ein Gespenst, dachte Peredonoff mit Grauen.

Warwara dachte die ganze Zeit über an Pjilnikoff und sagte:

„Du solltest doch lieber am Abend ab und zu deine Schüler, die in Pensionen leben, besuchen, statt Billard zu spielen. Sie wissen genau, daß die Lehrer nur selten kommen, und der Inspektor kommt manches Jahr überhaupt nicht; was Wunder, wenn sie allerhand Unfug treiben, Kartenspielen und Rauchen. Geh doch z. B. zu diesem verkleideten Mädchen. Aber erst wenn es spät ist und sie voraussichtlich zu Bett geht; du kannst sie dann entlarven.“

Peredonoff überlegte sich die Sache und lachte laut auf.

Warwara ist ein schlaues Weib, dachte er, von ihr kann man lernen.

XII

Zur Vesper ging Peredonoff in die Kirche des Gymnasiums. Er stand hinter den Schülern und beobachtete aufmerksam wie sie sich betrugen. Einige — so schien es ihm, — schwatzten, pufften einander, lachten, flüsterten und kicherten. Er merkte sich ihre Namen. Doch waren ihrer so viele, daß es ihm etwas schwer fiel, alle Namen zu behalten, und er ärgerte sich über sich selber, daß er nicht daran gedacht hatte eine Bleifeder und Papier von Hause mitzunehmen, um die Schuldigen zu notieren. Ihm tat es weh, daß die Schüler sich so schlecht betrugen und daß niemand dieses zu beachten schien, obgleich der Direktor und der Inspektor mit ihren Frauen und Kindern in der Kirche waren.

In Wirklichkeit verhielten sich die Gymnasiasten still und bescheiden, — manche bekreuzigten sich gedankenlos, — sie dachten vielleicht an Dinge, welche der Kirche fernliegen, — andere wieder beteten andächtig. Ganz selten kam es vor, daß einer seinem Nachbar etwas zuflüsterte, zwei, drei Worte nur, fast ohne den Kopf zu wenden, — und jener antwortete dann ebenso kurz und leise, oder machte nur eine kleine Bewegung, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln oder lächelte. Diese kleinen Unregelmäßigkeiten, die vom Gehilfen des aufsichthabenden Lehrers gar nicht bemerkt wurden, gestalteten sich in Peredonoffs erregter, doch stumpfer Auffassung zu Exzessen gröbster Natur. Auch wenn Peredonoff innerlich ruhig war, verstand er nicht — wie übrigens alle groben Menschen — scheinbar unbedeutende Ereignisse richtig zu werten: entweder übersah er sie vollständig, oder er maß ihnen eine viel zu große Bedeutung bei. Jetzt aber, wo Furcht und Erwartung ihn heftig erregten, gehorchte ihm sein Gefühl noch weniger und ganz allmählich wandelte sich ihm die Wirklichkeit zu einem Wahngebilde feindlicher und böser Erscheinungsformen.

Aber auch früher, — was bedeutete ihm sein ganzer Beruf? Doch nicht mehr als eine umständliche Vorrichtung möglichst viel Papier vollzuschreiben und mit gelangweilter Stimme Dinge vorzutragen, die vielleicht einmal das Anrecht darauf gehabt hatten, lebendig genannt zu werden.

Während seiner ganzen pädagogischen Tätigkeit hatte es Peredonoff in der Tat nie erfaßt, — und er hatte auch nie daran gedacht, — daß auch die Schüler Menschen sind, genau solche Menschen, wie die Erwachsenen. Nur jene Gymnasiasten, denen schon der Bart keimte und die nach geschlechtlichem Verkehr verlangten, erkannte er als gleichberechtigt an.

Nachdem er die hinteren Reihen beobachtet hatte und viele traurige Eindrücke gesammelt hatte, ging er ein wenig vor. Da stand rechts ganz am Ende einer Reihe Sascha Pjilnikoff, er betete andächtig und kniete oft nieder. Peredonoff beobachtete ihn genau, und besondere Freude bereitete es ihm, wenn Sascha auf den Knieen lag, als wäre er bestraft, und auf die glänzenden Altartüren schaute mit einem sorgenvollen, bittenden Ausdruck im Gesicht mit flehenden, traurigen Augen, die von langen, tiefschwarzen Wimpern beschattet waren. Er war bräunlich und schön gewachsen, — dieses konnte man besonders dann sehen, wen er so ruhig und grade kniete, als wüßte er, daß ihn jemand scharf beobachtete. Seine Brust war hoch und breit und Peredonoff glaubte mit Sicherheit annehmen zu können, daß Pjilnikoff ein Mädchen sei.

Nun beschloß Peredonoff endgültig, heute noch nach der Vesper in die Pension zu gehen, wo Pjilnikoff lebte.

 

Man ging aus der Kirche. Den Leuten fiel es auf, daß Peredonoff nicht wie sonst einen Hut, sondern seine Dienstmütze mit der Kokarde trug. Rutiloff fragte lachend:

„Warum renommierst du neuerdings mit der Kokarde, Ardalljon Borisowitsch? Da kann man sehn, wie ein Mensch die Beförderung zum Inspektor erstrebt.“

„Müssen die Soldaten jetzt vor Ihnen Front machen?“ fragte Valerie mit geheuchelter Einfalt.

„Was für Dummheiten!“ sagte Peredonoff böse.

„Du begreifst auch gar nichts,“ sagte Darja, „doch nicht die Soldaten! — Die Schüler werden jetzt Ardalljon Borisowitsch viel höher achten als früher.“

Ludmilla lachte. Peredonoff beeilte sich, von ihnen Abschied zu nehmen, um ihren boshaften Bemerkungen zu entfliehen.

Um Pjilnikoff aufzusuchen, war es noch zu früh und nach Hause wollte er nicht. Peredonoff ging durch die dunklen Straßen und überlegte, wo er noch etwa eine Stunde zubringen könne. Es gab so viele Häuser, in manchen brannte Licht, und aus den geöffneten Fenstern hörte man hie und da Stimmen. Die heimkehrenden Kirchgänger gingen durch die Straßen und man hörte, wie Pforten und Türen aufgetan und wieder zugeschlagen wurden. Ueberall lebten fremde, feindlich gesinnte Leute, und manche von ihnen brüteten vielleicht gerade über einem Anschlag gegen ihn — den Lehrer Peredonoff.

Vielleicht wunderte sich dieser oder jener bereits darüber, daß Peredonoff zu so später Stunde allein durch die Straßen ging und wohin er ging. Es schien Peredonoff, als würde er von jemand, der hinter ihm herschliche, beobachtet. Ihm wurde unheimlich. Er beschleunigte seine Schritte und ging ziellos weiter.

Er dachte daran, daß wohl in jedem Hause so mancher gestorben war. Und alle, die in diesen alten Häusern an die fünfzig Jahre gelebt hatten, sie alle waren gestorben. An einige von den Verstorbenen konnte er sich noch erinnern.

Wenn ein Mensch stirbt, so sollte man sein Haus gleich verbrennen, dachte Peredonoff traurig, sonst ist es zu unheimlich.

Olga Wassiljewna Kokowkina, bei der der Gymnasiast Sascha Pjilnikoff in Pension lebte, war die verwitwete Frau eines Rentmeisters. Ihr Mann hatte ihr eine Pension und ein kleines Haus hinterlassen; das Haus war ihr zu groß, und so vermietete sie zwei bis drei Zimmer. Sie liebte es, besonders Gymnasiasten als Pensionäre zu haben, und es hatte sich so gefügt, daß immer nette und bescheidene Jungen, die fleißig arbeiteten und den Gymnasialkursus auch absolvierten, bei ihr gewohnt hatten. In den andern Schülerpensionen war es meist anders; da lebten oft junge Leute, die von einem Gymnasium ins andere geschickt wurden und daher über eine nur mittelmäßige Bildung verfügten.

Olga Wassiljewna war eine ältere Dame; sie hielt sich sehr gerade, war groß von Wuchs und mager, hatte ein freundliches Gesicht, bemühte sich aber, es in strenge Falten zu legen. Sascha Pjilnikoff war ein netter, wohlerzogener Junge. Die beiden saßen am Teetisch. Heute war die Reihe an Sascha den Saft zu liefern, den er von zu Hause mitgebracht hatte und den man zum Tee zu essen pflegte. Daher fühlte er sich gewissermaßen als Gastgeber, bewirtete eifrig Olga Wassiljewna, und seine schwarzen Augen blitzten dabei vor Freude.

Es läutete, — und gleich darauf erschien Peredonoff im Speisezimmer. Die Kokowkina war erstaunt über den späten Besuch.

„Ja, ich wollte mir mal unsern Jungen ansehn,“ sagte er, „wie er hier lebt, was er treibt.“

Die Kokowkina bot Peredonoff ein Glas Tee an; er lehnte ab, denn es war ihm darum zu tun, den Jungen unter vier Augen zu sprechen und darum wünschte er im stillen, daß man mit dem Teetrinken bald zu Ende käme. Endlich war es so weit; man ging in Saschas Zimmer, aber die Kokowkina blieb und redete ohne Ende. Peredonoff fixierte Sascha, und der schwieg trotzig.

Nichts wird herauskommen bei diesem Besuch, dachte Peredonoff ärgerlich.

Die Magd bat die Kokowkina, für einen Augenblick herauszukommen. Sie ging. Sascha blickte ihr traurig nach. Seine Augen wurden matt und die langen Wimpern schienen das ganze Gesicht zu beschatten. Die Gegenwart dieses vergrämten Menschen war ihm äußerst peinlich. Peredonoff setzte sich neben ihn, legte den Arm ungeschickt um seine Schultern und ohne den Gesichtsausdruck zu verändern, fragte er:

„Nun Sascha, haben Sie heute brav gebetet?“

Sascha blickte verschämt und ängstlich auf Peredonoff, wurde rot und schwieg.

„Warum antworten Sie denn nicht?“ erkundigte sich Peredonoff.

„Ja!“ sagte Sascha nach langer Pause.

„Sieh mal an, was für rote Backen du hast,“ sagte Peredonoff. „Du bist ein Mädchen, gesteh es nur? So ein Schlingel!“

„Ich bin kein Mädchen,“ sagte Sascha und ärgerte sich über sein bisheriges trotziges Schweigen. Mit klingender Stimme fragte er: „Worin sollte ich einem Mädchen ähnlich sehn? Ihre Gymnasiasten sind schuld daran und necken mich so, weil ich nicht gemeine Worte in den Mund nehmen will: aber ich werde auf keinen Fall nachgeben und habe auch gar keinen Grund, Schweinereien zu reden, und außerdem gehört das nicht zu meinen Gewohnheiten.“

„Die Mama bestraft dich dann?“ fragte Peredonoff.

„Ich habe keine Mama,“ sagte Sascha, „meine Mama ist schon lange tot; ich habe eine Tante.“

„Na also die Tante wird dich bestrafen?“

„Natürlich wird sie mich bestrafen, wenn ich Schweinereien rede. Das ist doch nicht gut!“

„Woher soll es aber die Tante erfahren?“

„Ich will ja selber nicht,“ sagte Sascha ruhig, „die Tante kann es weiß Gott woher erfahren. Ich könnte mich zum Beispiel versprechen.“

„Welche Kameraden von Ihnen gebrauchen unanständige Worte?“ fragte Peredonoff.

Sascha wurde wieder rot und schwieg.

„Na — sagen Sie’s doch,“ bestand Peredonoff auf seinem Wunsch, „Sie sind verpflichtet, es mir mitzuteilen, da gibt es kein Verheimlichen.“

„Ach — niemand,“ sagte Sascha verlegen.

„Aber Sie haben sich doch eben noch beklagt!“

„Ich habe mich nicht beklagt.“

„Ja — wie können Sie das nur leugnen,“ sagte Peredonoff böse.

Sascha fühlte, daß er elend in die Falle gegangen war. Er sagte:

„Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich von einigen Kameraden Mädchen genannt werde. Aber klatschen will ich nicht.“

„Oho, warum denn nicht?“ fragte Peredonoff wütend.

„Es ist nicht anständig,“ sagte Sascha und lächelte gezwungen.

„Warten Sie nur, ich werde mit dem Direktor sprechen und dann wird man Sie zum Reden zwingen,“ sagte Peredonoff schadenfroh.

Sascha blickte auf Peredonoff und seine Augen funkelten zornig.

„Nein, bitte Ardalljon Borisowitsch, tun Sie das nicht,“ bat er.

Seine Stimme klang abgerissen und hart, so daß man heraushören konnte, wie schwer ihm das Bitten wurde und daß er lieber freche, drohende Worte gerufen hätte.

„Nein, ich werde es sagen. Dann werden Sie mal sehen, was das heißt, Schweinereien zu verheimlichen. Sie hätten sofort klagen sollen. Warten Sie nur, es wird Ihnen schlimm gehen.“

Sascha war aufgestanden und spielte ganz eingeschüchtert an seinem Gürtel. Die Kokowkina erschien.

„Ein wohlerzogenes Kind haben Sie da!“ sagte Peredonoff böse, „nichts zu sagen!“

Die Kokowkina erschrak. Eilig ging sie zu Sascha, setzte sich neben ihn (denn wenn sie erregt war, zitterten ihre Beine) und fragte ängstlich:

„Hat er was Schlimmes getan, Ardalljon Borisowitsch?“

„Fragen Sie ihn doch selber,“ sagte Peredonoff mit verhaltener Wut.

„Ja, was gibt es denn, Saschenjka, was hast du getan?“ fragte die Kokowkina und berührte Saschas Ellbogen.

„Ich weiß nicht,“ sagte Sascha und weinte.

„Was ist dir nur, was gibt es denn, warum weinst du?“ fragte die Kokowkina.

Sie legte ihre Hand auf des Knaben Schulter, zog ihn an sich und bemerkte gar nicht, daß ihm das unbequem war. Er war stehen geblieben, hielt das Taschentuch vor die Augen und schluchzte. Peredonoff erklärte:

„Man lehrt ihn im Gymnasium Schweinereien zu reden und er will nicht sagen, wer das tut. Er darf das nicht verheimlichen. Sonst lernt er doch selber alle Gemeinheiten und wird die andern in Schutz nehmen.“

„Aber Saschenjka, Kind, wie konntest du nur! Darf man denn das? Schämst du dich garnicht!“ sagte die Kokowkina verwirrt und ließ den Jungen los.

„Ich habe nichts Schlimmes getan,“ schluchzte Sascha, „dafür neckt man mich grade, daß ich niemals häßliche Worte sage.“

„Wer tut denn das?“ wiederholte Peredonoff seine Frage.

„Niemand tut das,“ rief Sascha verzweifelt.

„Sehen Sie, wie er lügt!“ sagte Peredonoff; „er muß gründlich bestraft werden. Er muß sagen, wer der Schuldige ist, sonst kommt die ganze Schule in Verruf und uns sind die Hände gebunden.“

„Verzeihen Sie ihm doch, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte die Kokowkina; „er kann doch seine Kameraden nicht angeben? Denken Sie nur, wie sehr man ihm das verübeln würde.“

„Er ist dazu verpflichtet,“ sagte Peredonoff böse, „nur so läßt sich was dagegen tun, nur so können wir die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.“

„Die Jungen werden ihn verprügeln,“ sagte die Kokowkina unsicher.

„Sie werden es nicht wagen. Wenn er feige ist, dann mag er es mir im Vertrauen sagen.“

„Lieber Junge, sag’s ihm im Vertrauen. Niemand wird erfahren, daß du es gesagt hast.“

Sascha schwieg und weinte. Die Kokowkina zog ihn an sich, umarmte ihn und flüsterte ihm lange etwas ins Ohr. Er schüttelte nur den Kopf.

„Er will nicht,“ sagte die Kokowkina.

„Ruten muß er kriegen, dann wird er schon wollen,“ sagte Peredonoff zornig, „bringen Sie mir eine Rute. Ich will ihn zwingen zu reden.“

„Aber wofür denn!“ rief Sascha.

Die Kokowkina stand auf und umarmte ihn.

„Jetzt hast du genug geheult,“ sagte sie freundlich, aber ernst, „niemand tut dir was zuleide.“

„Wie Sie wünschen,“ sagte Peredonoff, „in diesem Fall muß ich mit dem Direktor sprechen. Ich wollte die Sache unter uns abmachen, und es wäre für ihn vorteilhafter gewesen. Ihr Saschenjka ist wohl auch mit allen Hunden gehetzt. Wir wissen noch nicht, warum er eigentlich ‚Mädchen‘ genannt wird, — vielleicht hat es seinen ganz besonderen Grund. Vielleicht ist er es, der das Laster ins Gymnasium bringt.“

Peredonoff verließ das Zimmer und die Kokowkina begleitete ihn hinaus. Sie sagte vorwurfsvoll:

„Wie können Sie nur den Jungen mit solchen Sachen in Verlegenheit bringen. Es ist nur gut, daß er Ihre Worte gar nicht begreift.“

„Adieu, adieu,“ sagte Peredonoff böse, „ich werde mit dem Direktor sprechen. Der Sache muß man auf den Grund kommen.“

Er ging. Die Kokowkina kehrte zurück, um Sascha zu trösten. Er saß traurig am Fenster und sah auf den Sternenhimmel. Seine schwarzen Augen blickten schon wieder ruhig, doch seltsam traurig. Die Kokowkina streichelte seinen Kopf ohne ein Wort zu sagen.

„Ich bin selbst schuld daran,“ sagte er, „ich habe mich verschwatzt, und er hält jetzt fest daran. Er ist so grob. Kein einziger Schüler liebt ihn.“

 

Am darauffolgenden Tage bezogen Peredonoff und Warwara endlich ihre neue Wohnung. Die Jerschowa stand an der Pforte und schimpfte nach Kräften auf Warwara, und diese suchte ihr in nichts nachzustehen. Peredonoff hielt sich hinter dem Möbelwagen versteckt.

In der neuen Wohnung mußte ein Priester gleich beim Einzug ein feierliches Gebet verrichten. Denn Peredonoff hielt es für unerläßlich, seinen strengen Glaubensstandpunkt auch nach außen hin zu zeigen. Während der feierlichen Handlung wurde mit Weihrauch geräuchert, und der schwere Geruch versetzte Peredonoff in eine bedrückte, fast feierliche Stimmung.

Etwas sehr Merkwürdiges beunruhigte ihn nicht wenig. Von irgendwoher kam plötzlich ein eigenartiges, ganz unbestimmbares graues Tierchen gelaufen, ein gespenstisches, flinkes Tierchen. Es schien zu grinsen, zitterte und drehte sich immerfort um Peredonoff herum. Wenn er die Hand danach ausstrecken wollte, glitt es geschwind hinter die Tür oder unter einen Schrank und dann war es gleich wieder da, dieses graue, wesenlose, gespenstische Geschöpf und zitterte und machte Männchen.

Als die feierliche Handlung ihrem Ende entgegenging, besann sich Peredonoff und flüsterte eifrig Beschwörungsformeln. Das unheimliche Tier aber zirpte ganz leise, leise, rollte sich zusammen und verschwand hinter der Tür. Peredonoff atmete erleichtert auf.

Wie gut, wenn es für immer verschwunden wäre. Aber vielleicht lebt es ganz in dieser Wohnung, irgendwo unter dem Fußboden und dann wird es wiederkommen und wird ihn quälen. Peredonoff schauerte.

Warum gibt es diese dämonischen Wesen? dachte er.

Als das Gebet zu Ende war, und als die Gäste sich schon verabschiedet hatten, mußte Peredonoff immer noch daran denken, wo das gespenstische Tier sich versteckt haben könnte. Warwara war zur Gruschina gegangen; da machte sich Peredonoff auf die Suche und durchwühlte alle ihre Sachen.

Vielleicht hat Warwara es in die Tasche gesteckt und mitgenommen? dachte er, viel Platz braucht es nicht. Es kriecht in die Tasche und wird dort warten, bis seine Zeit gekommen ist.

Besonders eins von Warwaras Kleidern erregte seine Aufmerksamkeit. Es war ganz mit Spitzen und Bändern benäht und förmlich dazu geschaffen, um etwas darin zu verbergen. Peredonoff betrachtete es lange und untersuchte es, dann schnitt und riß er mit Hilfe eines Messers die Tasche heraus und warf sie in den Ofen, und dann zerschnitt und zerfetzte er das Kleid in lauter kleine Stücke. Dumpfe, absonderliche Gedanken marterten ihn und eine hoffnungslose Verzweiflung zerriß sein Herz.

Warwara kehrte bald zurück. Peredonoff machte sich noch mit den Kleiderfetzen zu schaffen. Sie dachte, er sei betrunken und schimpfte ihn. Peredonoff hörte lange zu, endlich sagte er:

„Was bellst du, Bestie! Du versteckst vielleicht einen Teufel in deiner Tasche, und ich muß wissen, was hier vorgeht.“

Warwara schäumte. Peredonoff war mit dieser Wirkung zufrieden; er suchte eilig nach seiner Mütze und ging ins Gasthaus Billard spielen. Warwara lief ihm ins Vorhaus nach und während Peredonoff seinen Mantel anzog, schrie sie:

„Du selber trägst einen Teufel in deiner Tasche! Ich habe überhaupt keine Teufel. Woher sollte ich ihn nehmen; etwa aus Holland unter Nachnahme verschreiben!“

 

Der recht jugendliche Beamte Tscherepin — just derselbe, von dem die Werschina erzählt hatte, unter welch merkwürdigen Begleiterscheinungen er durch die Fenster ihres Hauses gelauert hatte, — machte der Werschina den Hof, seit sie Witwe geworden war. Sie war nicht abgeneigt, ein zweites Mal zu heiraten, doch erschien ihr Tscherepin zu unbedeutend. Tscherepin war infolgedessen sehr aufgebracht. Er ging mit Freuden auf Wolodins Vorschlag ein die Pforte am Hause der Werschina mit Teer zu beschmieren.

Er war einverstanden, aber hinterher kamen die Bedenken. Wie, wenn man ihn ertappte! Das wäre peinlich, er gehörte doch immerhin zum Beamtenstande. Er beschloß, andere Personen mit dieser Angelegenheit zu betrauen. So kam es, daß er zwei Halbwüchslinge zweifelhaften Rufes mit je 25 Kopeken bestach und bei gutem Erfolg ihnen eine Gratifikation von je 15 Kopeken zusicherte; — in einer dunklen Nacht war die Sache geschehen.

Hätte jemand im Hause der Werschina nach Mitternacht ein Fenster geöffnet, so hätte er hören können, wie Leute barfuß über das Pflaster liefen, wie sie ganz leise flüsterten — und dann ein merkwürdig weiches Geräusch, als würde der Zaun einer Reinigung unterzogen; dann ein leises Klirren, dieselben Füße laufen eilig davon, immer schneller, immer schneller, in der Ferne ein unterdrücktes Lachen und lautes Hundegebell.

Aber niemand hatte ein Fenster geöffnet. Und am Morgen ... Die Pforte, der Gartenzaun, die Umfriedung des Hofes, alles war mit gelblichbraunem Pech besudelt. An der Pforte standen, ebenfalls mit Pech geschrieben, unanständige Worte. Alle Vorübergehenden staunten und lachten; die Neuigkeit verbreitete sich schnell, und viele Neugierige strömten herbei.

Die Werschina ging erregt im Garten auf und ab, rauchte, lächelte noch schiefer als sonst und brummte böse. Martha kam garnicht zum Vorschein, blieb im Hause und weinte. Marie, die Magd, war bemüht, das Pech abzuwaschen und zankte mit den neugierigen, spottenden Leuten, die gekommen waren das seltsame Schauspiel zu betrachten.

 

Noch am selben Tage hatte Tscherepin Wolodin die Namen der Täter genannt. Wolodin hatte es sofort Peredonoff weitererzählt. Sie beide kannten die Jungen, die schon wegen ihrer Streiche berüchtigt waren.

Als Peredonoff zum Billardspiel ging, suchte er unterwegs die Werschina auf. Es war ein trüber Tag. Die Werschina und Martha saßen im Salon.

„Man hat Ihre Pforte mit Pech besudelt —“ begann Peredonoff.

Martha wurde rot. Die Werschina erzählte hastig, wie sie am Morgen aufgestanden wären und bemerkt hätten, daß die Leute über ihren Zaun lachten, und wie Marie dann das Pech abgescheuert hätte. Peredonoff sagte:

„Ich weiß, wer es gemacht hat.“

Die Werschina blickte ihn an und verstand nicht.

„Woher wissen Sie das?“ fragte sie.

„Ich habe so meine Quellen.“

„Wer ist es denn, sagen Sie doch,“ fragte Martha erregt.

Sie sah ganz häßlich aus, denn ihre Augenlider waren vom vielen Weinen rot und geschwollen. Peredonoff antwortete:

„Schön, ich will es sagen, darum bin ich auch hergekommen. Diese Halunken müssen exemplarisch gezüchtigt werden. Sie müssen mir nur versprechen, daß Sie keinem verraten werden, wer Ihnen die Namen genannt hat.“

„Ja, warum denn eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?“ fragte die Werschina erstaunt.

Peredonoff schwieg bedeutungsvoll, dann sagte er wie zur Erklärung:

„Es sind solche Schufte, daß sie mir den Hals umdrehen würden, wenn sie hören sollten, daß ich sie angegeben habe.“

Die Werschina versprach zu schweigen.

„Und Sie dürfen auch nicht sagen, daß Sie es von mir haben,“ wandte er sich an Martha.

„Gut, gut, ich werde schweigen,“ rief Martha schnell; denn es lag ihr daran, die Namen der Uebeltäter zu erfahren. Es schien ihr, daß man sie zu einer schimpflichen, harten Strafe verurteilen mußte.

„Nein, schwören Sie lieber,“ sagte Peredonoff vorsorglich.

„Also, bei Gott, ich werde keinem ein Wort sagen!“ beteuerte Martha, „sagen Sie nur schneller wer es war.“

Hinter der Tür aber horchte Wladja. Er war froh, daß er nicht ins Gastzimmer gegangen war: man hätte ihn sonst zum Stillschweigen verpflichtet, so konnte er es aber jedermann weitererzählen. Und er lächelte vor Freude, daß sich ihm hier eine Gelegenheit bot an Peredonoff Rache zu nehmen.

„Etwa um ein Uhr nachts ging ich gestern durch Ihre Straße nach Hause,“ erzählte Peredonoff; „plötzlich höre ich, jemand macht sich an Ihrer Pforte zu schaffen. Erst dachte ich, es wären Diebe. Was soll ich anfangen! Aber schon höre ich, wie sie fortlaufen und gerade auf mich los. Ich drückte mich an die Wand, daß sie mich nicht bemerken konnten. Aber ich habe sie erkannt. Der eine hatte einen Maurerpinsel, der andere einen Eimer. Es waren berüchtigte Schurken, die Söhne des Schlossers Ardejeff. Während sie vorbeilaufen, höre ich, wie der eine zum andern sagt: ‚Die Nacht war nicht umsonst. 55 Kopeken haben wir verdient.‘ Schon wollte ich einen packen, aber ich fürchtete mich, weil sie mir die Fratze mit Pech besudelt hätten, und außerdem hatte ich neue Kleider an.“

 

Kaum war Peredonoff gegangen, so begab sich die Werschina zum Polizeichef, um zu klagen.

Der Polizeichef Mintschukoff schickte einen Schutzmann nach Ardejeff und dessen Söhnen.

Die Jungen traten keck herein; sie dachten, daß man sie wegen früherer Streiche zur Rechenschaft ziehen wolle. Der alte Ardejeff hingegen war von vornherein davon überzeugt, daß seine Söhne wieder irgend eine Schweinerei begangen hatten. Der Polizeichef erzählte Ardejeff, was seinen Söhnen zur Last gelegt wurde. Ardejeff murmelte:

„Ich kann mit den Jungen nicht fertig werden. Tun Sie mit ihnen, was Ihnen recht erscheint; ich habe meine Fäuste an ihnen lahmgeschlagen.“

„Wir sind ganz unschuldig,“ sagte der ältere, Nil mit Namen, ein zerzauster rothaariger Bursche.

„Alles wälzt man auf uns, wenn so was passiert,“ sagte der jüngere weinerlich, er hieß Ilja, war auch zerzaust, aber blond; „einmal haben wir was Schlimmes getan und da wird alles auf uns geschoben.“

Mintschukoff lächelte süßlich, schüttelte den Kopf und sagte:

„Gesteht lieber!“

„Keine Spur,“ sagte Nil grob.

„Keine Spur? Wer hat euch denn 55 Kopeken für die Arbeit gegeben, he?“

Das verwirrte die Jungen. Daran erkannte Mintschukoff, daß sie die Schuldigen waren, und er sagte der Werschina:

„Natürlich sind sie es gewesen!“

Aber die Jungen leugneten auch jetzt noch. Man schleppte sie in eine Kammer und gab ihnen eine Tracht Prügel. Da gestanden sie. Aber den Namen des Auftraggebers wollten sie nicht verraten.

„Wir selber haben es uns ausgedacht.“

Man prügelte sie umschichtig, mit Muße; schließlich sagten sie, Tscherepin hätte sie bestochen. Dann überantwortete man sie ihrem Vater.

Der Polizeichef sagte zur Werschina:

„Nun haben wir sie gezüchtigt, soll heißen: der Vater hat sie gezüchtigt, und Sie wissen nun, wer Sie beleidigt hat.“

„Das laß ich dem Tscherepin nicht durchgehen,“ sagte die Werschina; „ich werde ihn verklagen.“

„Dazu kann ich nicht raten,“ sagte Mintschukoff bescheiden, „lassen Sie die Sache auf sich beruhen.“

„Nein,“ rief die Werschina, „diese Gemeinheit darf nicht ungestraft bleiben. Auf keinen Fall!“

„Vor allen Dingen haben wir keine Indizien,“ sagte der Polizeichef ruhig.

„Wie nicht! Die Jungen haben doch gestanden.“

„Das ist ganz einerlei. Vor dem Richter werden sie leugnen, und dort wird man sie nicht prügeln.“

„Wie können sie leugnen? Die Schutzleute waren doch Zeugen,“ sagte die Werschina schon etwas weniger sicher.

„Was sind das für Zeugen! Wenn man einem Menschen das Fell über die Ohren zieht, so gesteht er alles, auch Dinge, die er nie getan hat. Es sind natürlich Halunken, und man hat sie streng bestraft; durch das Gericht werden Sie aber sicher keine Genugtuung erhalten.“

Mintschukoff lächelte süß und blickte die Werschina ruhig an.

So ging sie denn höchst unzufrieden davon, kam aber nach einigem Nachdenken zum gleichen Resultat, daß es nämlich sehr gewagt wäre Tscherepin zu verklagen, und daß dadurch nur überflüssiges Gerede und ein großer Skandal entstehen würden.