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Der kleine Dämon

Chapter 16: XV
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About This Book

A petty, embittered provincial man nurses jealousies, ambitions, and paranoid fantasies while entangling himself in local gossip, romantic entanglements, and petty schemes. Through close psychological observation and satirical depiction of town life, the narrative exposes hypocrisy, vanity, and spiritual emptiness; grotesque and symbolic details intensify a mood of decay and malignity. Episodes alternate dark comedy with sinister undertones as the protagonist's resentments produce manipulation, obsessions about status and marriage, and escalating moral deterioration. The work blends realist social portraiture with hallucinatory imagery to trace the corrosive effects of small cruelties on both an individual and communal level.

XIII

Am Abend erschien Peredonoff beim Direktor in dringender Angelegenheit.

Der Direktor Nikolai Wassiljewitsch Chripatsch hatte eine ganze Reihe von Prinzipien, die außerordentlich bequem in sein Leben paßten. Darum fielen sie ihm auch keineswegs zur Last. Im Dienst erfüllte er mit Würde alle Vorschriften, die das Gesetz fordert, oder die die vorgesetzte Behörde diktierte, oder die vom allgemein gültigen, gemäßigten Liberalismus verlangt werden. So kam es, daß Eltern, Schüler und Vorgesetzte gleicherweise mit ihm zufrieden waren. Zweifelhafte Fälle, Unsicherheit, Hin- und Herschwanken kannte er nicht; wozu auch? man kann sich doch stets entweder an Bestimmungen des pädagogischen Konseils oder an Vorschriften der vorgesetzten Behörde halten. Ebenso regelmäßig und ruhig war er im persönlichen Verkehr. Schon seine äußere Erscheinung zeugte von Energie und Wohlwollen: er war nicht groß, untersetzt, lebhaft, hatte kluge Augen und redete selbstbewußt und sicher; kurz, er war ein Mensch, der sich seine Stellung selber geschaffen hatte und nicht abgeneigt war, im Leben noch weiterzukommen. In seinem Schreibzimmer standen sehr viele Bücher auf den Bücherbrettern; aus einigen fertigte er Auszüge an. Hatte er eine hinreichende Menge von Auszügen gesammelt, so ordnete er sie und schrieb alles mit eigenen Worten nieder. Das war dann ein Lehrbuch, es wurde gedruckt und verkauft; zwar nicht in übermäßig vielen Auflagen, aber immer noch recht günstig. Manchmal schrieb er gelehrte Abhandlungen über im Ausland erschienene Bücher. Diese Abhandlungen kamen in Fachzeitschriften zum Abdruck, waren allgemein geschätzt, aber durchaus überflüssig.

Er hatte viele Kinder, und jedes von ihnen, ob nun Knabe oder Mädchen, verfügte über irgend ein Talent: das eine schrieb Verse, ein anderes zeichnete, wieder ein anderes machte erstaunliche Fortschritte in der Musik.

Peredonoff sagte gereizt:

„Sehen Sie, Nikolai Wassiljewitsch, Sie belieben mich stets anzugreifen. Es ist möglich, daß man mich bei Ihnen verleumdet, ich habe aber garnichts auf dem Gewissen.“

„Entschuldigen Sie,“ unterbrach ihn der Direktor, „ich verstehe nicht, von was für Verleumdungen Sie zu reden belieben. Als Leiter des mir anvertrauten Gymnasiums pflege ich meine eigenen Beobachtungen zu machen, und ich hoffe doch annehmen zu dürfen, daß meine praktische Erfahrung ausreicht, um gerecht schätzen zu können, was ich höre und sehe, und das um so mehr, als ich aus Prinzip gewissenhaft und aufmerksam meinen Pflichten nachzukommen bestrebt bin,“ sprach Chripatsch schnell und deutlich, und seine Stimme klang trocken und klar, fast wie das Geräusch von Blechstangen, die gebrochen werden. „Was aber meine persönliche Ansicht über Ihre Leistungsfähigkeit betrifft, so kann ich nur wieder konstatieren, daß Sie Ihren dienstlichen Verpflichtungen nur mangelhaft nachkommen.“

„Ja,“ sagte Peredonoff verdrießlich, „Sie haben sich’s mal in den Kopf gesetzt, daß ich nichts tauge; und ich sorge mich Tag und Nacht um das Gymnasium.“

Chripatsch blickte erstaunt und fragend auf Peredonoff.

„Sie bemerken zum Beispiel nicht,“ fuhr Peredonoff fort, „daß sich ein großer Skandal im Gymnasium vorbereitet, — und keiner bemerkt das; ich allein bin der Sache auf die Spur gekommen.“

„Was für ein Skandal?“ fragte Chripatsch mit trocknem Spott und ging im Schreibzimmer auf und ab. „Das irritiert mich, obgleich ich, offen gestanden, nicht an die Möglichkeit eines Skandals in unserem Gymnasium glaube.“

„Sie wissen zum Beispiel nicht, wen Sie alles neu aufgenommen haben,“ sagte Peredonoff so schadenfroh, daß Chripatsch stehen blieb und ihn aufmerksam betrachtete.

„Die Neuaufgenommenen kenne ich alle,“ sagte er trocken. „Diejenigen, welche in die erste Klasse aufgenommen wurden, sind von keinem andern Gymnasium relegiert worden und der einzige Schüler, der in die fünfte Klasse kam, hat so vorzügliche Zeugnisse und Empfehlungen mitgebracht, daß eine gegenteilige Ansicht von vornherein ausgeschlossen erscheint.“

„Wohl, man hätte ihn bloß nicht zu uns, sondern in eine andere Anstalt geben sollen,“ sagte Peredonoff böse und scheinbar widerwillig.

„Ich bitte um eine Erklärung, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte Chripatsch. „Ich hoffe, daß Sie damit nicht sagen wollen, daß Pjilnikoff in eine Korrektionsanstalt für minderjährige Verbrecher gehört.“

„Nein; man sollte vielmehr dies Geschöpf in ein Pensionat stecken, wo die alten Sprachen nicht gelehrt werden,“ sagte Peredonoff zornig und seine Augen funkelten böse.

Chripatsch steckte die Hände in die Taschen seines Hausrockes und blickte in grenzenlosem Erstaunen auf Peredonoff.

„Was für ein Pensionat?“ fragte er. „Wissen Sie denn nicht, welche Institute man so nennt? Und wenn Sie es wissen, wie dürfen Sie es wagen, eine so unziemliche Zusammenstellung vorzunehmen!“

Chripatsch war ganz rot geworden und seine Stimme klang noch trockner und härter als gewöhnlich. Sonst pflegten diese Anzeichen eines nahenden Zornesausbruches Peredonoff einzuschüchtern. Heute machte er sich nichts daraus.

„Sie glauben immer noch, daß es ein Knabe ist,“ sagte er und zwinkerte spöttisch mit den Augen, „es ist aber kein Knabe, sondern ein Mädchen, noch dazu was für eins.“

Chripatsch lachte kurz auf. Sein Lachen war hell und deutlich und klang gezwungen, aber er lachte immer so.

„Ha-ha-ha!“ stieß er deutlich hervor, hörte auf zu lachen, setzte sich in den Lehnstuhl und warf den Kopf zurück, als könne er die Lachlust nicht bezwingen. „Verehrtester Ardalljon Borisowitsch, in der Tat, Sie setzen mich in Erstaunen. Ha-ha-ha! Seien Sie bitte so liebenswürdig und teilen Sie mir mit, was Sie auf diese Vermutung gebracht hat, wenn nicht etwa Ihre Voraussetzungen, die dieses Resultat gezeitigt haben, ein Privatgeheimnis sind! Ha-ha-ha!“

Peredonoff erzählte alles, was er von Warwara gehört hatte und berichtete auch gleich von den schlimmen Eigenschaften der Kokowkina. Chripatsch hörte ihm zu und stieß bisweilen sein trocknes, deutliches Lachen hervor.

„Ihre Phantasie ist mit Ihnen durchgegangen, bester Ardalljon Borisowitsch,“ sagte er, stand auf und klopfte Peredonoff auf die Schulter, „viele meiner geschätzten Kollegen haben Kinder, ich selber habe Kinder, wir sind, gottlob! keine Säuglinge mehr und da glauben Sie wirklich, daß wir ein verkleidetes Mädchen für einen Jungen halten könnten?“

„Nun verhalten Sie sich so zu der Sache. Wenn aber was dahinter steckt, wer wird die Verantwortung tragen?“ fragte Peredonoff.

„Ha-ha-ha!“ lachte Chripatsch, „was für Folgen befürchten Sie denn?“

„Das Gymnasium wird zu einer Lasterhöhle,“ sagte Peredonoff.

Chripatsch wurde ernst und sagte:

„Sie gehen zu weit. Alles was Sie zu berichten wußten, gibt mir nicht die geringste Veranlassung Ihren Verdacht zu teilen.“

 

Noch am selben Abend machte Peredonoff einen eiligen Rundgang bei allen seinen Kollegen, angefangen vom Inspektor bis hinab zu den Gehilfen der Klassenordinarien und erzählte überall, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes Mädchen. Alle lachten und glaubten ihm nicht; bei vielen regte sich aber doch ein leiser Zweifel, als er gegangen war. Die Frauen der Lehrer glaubten alle fast ohne Ausnahme daran.

Am nächsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule, daß Peredonoff vielleicht doch recht haben könnte. Offen sprachen sie es nicht aus, aber sie wußten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und beschränkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen fürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen hätte, zu widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, daß die Sache sich so verhielt. Viele hätten auch gerne die Ansicht des Direktors gehört, — er aber verließ heute, ganz gegen seine Gewohnheit, seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Verspätung in die einzige Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fünf Minuten und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrüßt zu haben.

Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer — ein Priester — und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an über Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und herzlich, daß diese drei plötzlich ganz fest davon überzeugt waren, daß alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes Thema über, erzählte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte über sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschätzten Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren müssen. Dann sagte er in ganz harmlosem Ton, daß die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg gesteigert hätte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff unterrichtet und seine Schüler hätten ungewöhnlich laut und oft gelacht. Dann lachte Chripatsch und sagte:

„In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu unterrichten, und stellen Sie sich vor, — ständig lachen seine Jungen. Man sollte meinen, daß Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist, und doch erregt er immer die größte Heiterkeit.“

Und hier brach Chripatsch plötzlich ab, ging wieder auf ein anderes Thema über und verhinderte so, daß man ihm auf seine letzte Aeußerung über Peredonoff etwas antwortete.

Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht hätte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervös. Aber er konnte sich nicht enthalten durchaus überflüssige, unpassende Geschichten zu erzählen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lärm machen zu können, — und Peredonoffs Witze begrüßten sie immer mit schallendem Gelächter.

Vor Schluß der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem Flußufer lag. Der Garten war groß und schattig. Besonders die kleinen Gymnasiasten liebten ihn sehr. Während der Zwischenstunden tummelten sie sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie fürchteten, diesem oder jenem könnte was zustoßen. Chripatsch aber verlangte, daß die Jungen während der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die Erwähnung dieses Umstandes besonders schön in den Rechenschaftsberichten ausnahm.

Chripatsch kehrte durch den Gang zurück. An der geöffneten Tür des Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden Gang, daß er Kopfweh hatte.

Die fünfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des örtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schüler und fragte:

„Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mühe? Ermüden sie nicht?“

Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele, denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militärischem Drill und konnten ihn ja auch nicht haben. Wären es Kadetten gewesen, so hätte er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber über diese kraftlose Bande lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der über die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lächelte er verbindlich, blickte den Direktor liebenswürdig und fröhlich an, und sagte:

„O ja, stramme Jungens!“

Der Direktor machte einige Schritte längs der Reihe, dann kehrte er wieder zum Ausgang zurück, blieb plötzlich stehen und fragte, als fiele es ihm just ein:

„Sind Sie mit unserem neueingetretenen Schüler auch zufrieden? Nimmt er sich zusammen? Wird er leicht müde?“ fragte er nachlässig und mißgestimmt, und griff mit der Hand an die Stirn.

Der Unterleutnant hielt eine kleine Abwechslung für angebracht, außerdem überlegte er, daß es sich um einen fremden Eindringling handle und sagte:

„Er ist ein wenig schlapp und wird rasch müde.“

Der Direktor hörte aber garnicht mehr, was er sagte und entfernte sich aus dem Saal.

Die frische Luft hatte Chripatsch scheinbar nicht wohlgetan. Nach einer halben Stunde kehrte er zurück, stand etwa eine halbe Minute an der Tür und betrat wieder den Saal. Man turnte an den Geräten. Zwei oder drei Schüler waren eben nicht beschäftigt, sie hatten das Kommen des Direktors nicht bemerkt und lehnten an der Wand, indem sie den Umstand ausnutzten, daß der Unterleutnant gerade in eine andere Richtung sah. Chripatsch trat auf sie zu:

„Aber Pjilnikoff,“ sagte er, „warum lehnen Sie so nachlässig an der Wand?“

Sascha wurde ganz rot, stellte sich stramm hin und schwieg.

„Wenn es Sie so anstrengt, dann ist es vielleicht besser, wenn Sie überhaupt nicht turnen,“ fragte Chripatsch streng.

„Ich bitte um Entschuldigung, ich bin garnicht müde!“ sagte Sascha erschreckt.

„Eins von beiden,“ fuhr Chripatsch fort, „entweder Sie bleiben überhaupt von den Turnstunden fort, oder ... Uebrigens kommen Sie doch nach Schluß der Stunden in mein Arbeitszimmer.“

Er entfernte sich eilig, und Sascha stand verlegen und erschreckt da.

„Hereingefallen,“ sagten ihm die Kameraden, „er wird dir bis zum Abend die Leviten lesen.“

Chripatsch liebte es, Verweise in längerer Unterredung zu erteilen, und die Gymnasiasten fürchteten nichts so sehr als diese Aufforderung ins Arbeitszimmer.

Nach Schluß der Stunden ging Sascha schüchtern zum Direktor. Chripatsch empfing ihn sofort. Er trat schnell vor Sascha, er rollte förmlich auf seinen kurzen Beinen, setzte sich dicht neben ihn, blickte ihn prüfend an und fragte:

„Sagen Sie doch, Pjilnikoff, ermüdet Sie der Turnunterricht wirklich? Sie sehen eigentlich gesund und kräftig aus, aber der Schein pflegt bisweilen zu trügen. Sind Sie vielleicht krank? Vielleicht ist es nicht gut, daß Sie turnen?“

„Nein, Herr Direktor,“ antwortete Sascha — und er wurde ganz rot und verlegen, „ich bin vollständig gesund.“

„Aber auch Alexei Alexejewitsch beklagte sich,“ entgegnete Chripatsch, „daß Sie eine schlappe Figur machen und schnell müde werden, und ich selber habe heute während der Turnstunde bemerkt, daß Sie matt aussahen. Sollte ich mich versehen haben?“

Sascha wußte nicht, wohin er sehen sollte vor dem durchdringenden Blick des Direktors. Er stammelte verlegen:

„Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr ... ich war nur etwas faul. Ich bin wirklich ganz gesund. Ich werde versuchen eifriger zu turnen.“

Plötzlich, ihm selber ganz unerwartet, fing er an zu weinen.

„Sehen Sie,“ sagte Chripatsch, „Sie sind doch übermüdet: Sie weinen, als hätte ich Ihnen einen schlimmen Vorwurf gemacht. Beruhigen Sie sich doch!“

Er legte seine Hand auf Saschas Schulter und sagte:

„Ich habe Sie nicht gerufen, um Ihnen einen Verweis zu erteilen, sondern um die Sache aufzuklären .... Aber setzen Sie sich doch, ich sehe, Sie sind sehr müde.“

Sascha trocknete eilig mit dem Taschentuch seine Tränen und sagte schnell:

„Ich bin wirklich nicht müde.“

„Setzen Sie sich, setzen Sie sich,“ wiederholte Chripatsch und schob ihm einen Stuhl hin.

„Aber wirklich, ich bin nicht müde, Herr Direktor,“ beteuerte Sascha.

Chripatsch faßte ihn an den Schultern, drückte ihn auf den Stuhl, setzte sich ihm gegenüber und sagte:

„Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wäre möglich, daß Sie sich über Ihren eigenen Gesundheitszustand täuschen: Sie sind in jeder Hinsicht ein strebsamer und tüchtiger Schüler, und ich kann es vollkommen begreifen, daß Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen. Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich mich gar nicht wohl fühle. Er kann dann gleich auch Sie gründlich untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete er mit Sascha über die jüngst verflossenen Sommerferien.

Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte über Politik und städtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfügte nicht gerade über hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu seinen Patienten, zog Diät und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor und so kam es, daß er einigen Erfolg hatte.

Sascha mußte sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu Fuß, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, während Chripatsch sich davon überzeugte, daß Sascha jedenfalls kein Mädchen sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese ärztliche Untersuchung für angebracht, denn im Falle einer Anfrage der Schulbehörde hätte der Arzt ohne weitere Umstände ein entsprechendes Zeugnis ausstellen können.

Chripatsch entließ Sascha mit einigen freundlichen Worten:

„Nun wissen wir, daß Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.“

 

Peredonoff zweifelte nicht daran, daß seine Entdeckung des verkleideten Mädchens die Aufmerksamkeit der Schulbehörde auf ihn lenken und ihm außer der Rangerhöhung auch einen Orden einbringen würde. Diese Hoffnung spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schüler zu achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trübe und regnerisch, nur spärlich wurde das Billard besucht, — und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sämtliche Schülerpensionen der Stadt zu inspizieren, ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten. Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien besuchte: er ging hin, klagte über den mißratenen Sohn, der bekommt Prügel, — und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, — er hatte erzählt, daß Joseph während des Gottesdienstes in der Kirche Unfug treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er glaubte, daß sie ihre Kinder in Schutz nehmen würden, suchte er überhaupt nicht auf; auch fürchtete er, sie könnten sich bei der Schulbehörde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schüler in dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: räsonierte, traf Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, daß die Pensionäre unter den Schülern, die sich als selbständige, junge Leute fühlten, ihm einfach grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prügelte auf seinen Wunsch ihren Pensionär, den kleinen Wladimir Bultjakoff, gehörig durch.

In den Unterrichtsstunden der nächstfolgenden Tage pflegte Peredonoff dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die unglücklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrücktes, scheues Wesen.

XIV

Das Gerücht, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes Mädchen, eilte auf Windesflügeln durch die Stadt. Die Rutiloffsche Familie erfuhr ganz zuerst davon. Ludmilla — sie war sehr neugierig — bemühte sich, jede Neuigkeit mit eigenen Augen zu sehen. Eine brennende Neugierde plagte sie Pjilnikoff kennen zu lernen. Es war unbedingt notwendig, sie mußte diesen verkleideten Schelm sehen. Mit der Kokowkina war sie bekannt. Eines schönen Abends sagte sie zu den Schwestern:

„Ich gehe mir das Fräulein ansehen!“

„Alles mußt du begaffen!“ rief Darja böse.

„Sie hat sich schön gemacht,“ bemerkte Valerie und lachte verhalten.

Es ärgerte die beiden anderen, daß sie nicht auf diesen Gedanken gekommen waren: zu dritt konnten sie unmöglich hin. Ludmilla hatte sich feiner angekleidet als sonst, — warum eigentlich, wußte sie selber nicht. Uebrigens hatte sie es gern, hübsche Kleider zu tragen und war in dieser Beziehung freimütiger als die Schwestern: die Arme ließ sie bloß, hatte einen tieferen Halsausschnitt, ihr Rock war kürzer, ihr Schuhwerk eleganter, die fleischfarbenen Strümpfe dünner und durchsichtiger. Zu Hause ging sie mit Vorliebe im Unterrock herum, trug ihre Schuhe über den bloßen Füßen, — und sowohl ihr Hemd als ihr Unterrock waren fast zu elegant.

Draußen war es kalt und windig, welke Blätter schwammen in allen Pfützen. Ludmilla ging schnell und spürte die Kälte kaum trotz ihres leichten Mantels.

Die Kokowkina und Sascha tranken Tee. Ludmilla musterte sie mit blitzenden Augen, — aber da gab es wenig zu sehen, sie saßen hübsch bescheiden am Tisch, tranken ihren Tee, aßen Weißbrot dazu und plauderten. Ludmilla küßte die Kokowkina und sagte:

„Ich komme in einer besonderen Angelegenheit zu Ihnen, liebste Olga Wassiljewna. Aber davon später. Erst möchte ich etwas Tee trinken um mich zu erwärmen. O — was sitzt denn da für ein Jüngling!“

Sascha errötete und machte eine ungeschickte Verbeugung; die Kokowkina stellte ihn vor. Ludmilla setzte sich an den Tisch und erzählte lebhaft einige Neuigkeiten. In der Stadt wurde sie gerade deswegen geschätzt, denn sie wußte alles und verstand nett und bescheiden zu erzählen. Die Kokowkina saß fast immer zu Hause, freute sich daher über diesen Besuch und machte die liebenswürdige Wirtin. Ludmilla plauderte lustig, lachte, sprang auf, um diesen oder jenen nachzumachen, und streifte dabei Sascha. Sie sagte:

„Sie müssen es doch einsam haben, liebste Freundin, immer nur zu Hause sitzen mit diesem kleinen Gymnasiasten. Besuchen Sie uns doch einmal.“

„O, das kann ich nicht,“ antwortete die Kokowkina; „ich bin viel zu alt, um Besuche zu machen.“

„Es handelt sich doch nicht um einen feierlichen Besuch,“ sagte Ludmilla zärtlich; „kommen Sie und bleiben Sie ein wenig, ganz wie zu Hause, das ist alles. Dieser Jüngling hier ist ja Gott sei Dank den Windeln entwachsen.“

Sascha machte ein gekränktes Gesicht und wurde rot.

„So ein Bengel!“ neckte Ludmilla und stieß ihn ein wenig in die Seite; „warum unterhalten Sie mich garnicht?“

„Er ist noch jung,“ sagte die Kokowkina, „und sehr schüchtern.“

Ludmilla sah sie an und lächelte:

„Ich bin auch verlegen,“ sagte sie.

Sascha lachte und sagte einfach:

„Was nicht gar, sind Sie verlegen?“ Ludmilla lachte aus vollem Halse. Ihr Lachen klang stets wie süße, leidenschaftliche Freude. Wenn sie lachte, wurde sie immer rot, ihre Augen blickten schelmisch und fast schuldbewußt und vermieden es, irgend einen aus der Gesellschaft anzusehen. Sascha verlor ein wenig die Fassung, dann rechtfertigte er sich:

„Nein doch, ich wollte damit nur sagen, daß Sie so fröhlich sind und nicht bescheiden, ich meine nicht, daß Sie unbescheiden sind.“

Aber er fühlte, daß sich das in Worten nicht so leicht wie etwa in einem Brief ausdrücken ließ, und das verwirrte ihn. Er wurde rot.

„Was er mir für Ungezogenheiten sagt!“ rief Ludmilla — und lachte, und wurde rot, „das ist doch wirklich allerliebst!“

„Sie haben meinen Sascha ganz verlegen gemacht,“ sagte die Kokowkina und blickte sowohl Sascha als Ludmilla freundlich an.

Ludmilla machte eine katzenartig wiegende Bewegung und streichelte Saschas Haar. Er lachte trotzig und hell, stieß ihre Hand leicht zurück und lief in sein Zimmer.

„Liebste Freundin, wissen Sie nicht einen Mann für mich?“ sagte Ludmilla ohne jeden Uebergang.

„Ich bin doch keine Kupplerin!“ antwortete die Kokowkina; aber man konnte an ihrem Gesicht sehen, daß sie mit größtem Vergnügen eine Heirat vermittelt hätte.

„Ja, was tut denn das?“ entgegnete Ludmilla, „bin ich etwa keine schöne Braut? Sie brauchen sich garnicht zu schämen, mich zu verheiraten.“

Ludmilla stemmte die Hände in die Seiten und tanzte vergnügt vor der Hausfrau.

„Gehen Sie zu!“ sagte die Kokowkina, „ein rechter Windbeutel sind Sie!“

Ludmilla lachte und sagte:

„Und wenn es nur vor lauter Langeweile wäre, suchen Sie mir einen Mann!“

„Was für einen wollen Sie denn haben?“ fragte die Kokowkina und lächelte.

„Er muß brünett sein, liebste Freundin, unbedingt muß er brünett sein,“ sagte sie schnell, „tief brünett. So tief wie ein Teich. Da haben Sie gleich eine Vorlage: — wie Ihr Pensionär, er muß ebenso schwarze Augenbrauen haben und ebensolche Augen, sein Haar muß bläulichschwarz sein und seine Wimpern ganz dicht, ganz dunkelschwarze Wimpern. Er ist ein hübscher, ein sehr, sehr hübscher Junge! Sehen Sie, — verschaffen Sie mir so einen.“

Bald darauf verabschiedete sich Ludmilla. Es wurde schon dunkel. Sascha begleitete sie.

„Aber nur bis zur Droschke!“ bat Ludmilla mit weicher Stimme und blickte Sascha zärtlich an. Er wurde rot und verlegen.

Auf der Straße wurde Ludmilla wieder lustig und begann den Jungen auszufragen:

„Sind Sie auch hübsch fleißig? Lesen Sie auch bisweilen?“

„Das tue ich wohl,“ antwortete Sascha, „weil ich sehr gerne lese.“

„Andersens Märchen?“

„Ueberhaupt keine Märchen, sondern allerlei andere Bücher. Ich liebe die Weltgeschichte und Gedichte.“

„Also Gedichte! Wer ist denn Ihr Lieblingsdichter?“ fragte Ludmilla streng.

„Natürlich Nadson,“ sagte Sascha aus tiefster Ueberzeugung, als wäre eine andere Antwort überhaupt nicht möglich gewesen.

„So, so!“ sagte Ludmilla aufmunternd. „Ich liebe auch Nadson, aber nur am Morgen, am Abend lieb’ ich es, mich schön zu machen. Und was ist Ihre liebste Beschäftigung?“

Sascha blickte sie freundlich an, plötzlich kamen Tränen in seine Augen, und er sagte ganz leise:

„Ich liebe so sehr zärtlich zu sein!“

„So ein zartes Pflänzchen,“ sagte Ludmilla und umfaßte seine Schultern, „er will zärtlich sein! Lieben Sie auch zu baden?“

Sascha lachte auf. Ludmilla forschte weiter:

„In warmem Wasser?“

„Ganz einerlei — in warmem und in kaltem,“ sagte der Junge verschämt.

„Und was für eine Seife lieben Sie?“

„Glyzerinseife.“

„Essen Sie gerne Weintrauben?“

Sascha lachte:

„Wie komisch Sie sind. Das sind doch ganz verschiedene Sachen und Sie fragen so, als wäre eins so gut wie das andere. Ich laß mich nicht so leicht hinters Licht führen.“

„Was hätte ich auch davon!“ sagte Ludmilla lächelnd.

„Ich weiß schon, daß Sie es lieben, einen zu necken.“

„Woher wissen Sie das?“

„Alle sagen es,“ meinte Sascha.

„Sieh mal an, Sie lieben also zu klatschen!“ sagte Ludmilla streng.

Sascha wurde rot.

„Da ist schon eine Droschke! — Droschke!“ rief sie laut.

„Droschke!“ rief auch Sascha.

Die Droschke holperte über das Pflaster und fuhr vor. Ludmilla nannte ihre Adresse. Der Kutscher dachte nach und verlangte 40 Kopeken. Ludmilla sagte:

„Wo denken Sie hin! Es ist doch ganz nah. Sie scheinen den Weg nicht zu kennen.“

„Wieviel wollen Sie geben?“ fragte der Kutscher.

„Just die Hälfte. Wählen Sie welche Sie wollen!“

Sascha lachte.

„Ein lustiges Fräulein!“ sagte der Kutscher und grinste, „legen Sie noch einen Fünfer zu.“

„Danke für die Begleitung, lieber Junge,“ sagte Ludmilla, drückte fest Saschas Hand und setzte sich in die Droschke.

Sascha lief nach Hause und dachte fröhlich an das fröhliche Mädchen.

Ludmilla kam sehr vergnügt nach Hause, sie lächelte und schien an etwas Lustiges zu denken. Die Schwestern erwarteten sie. Sie saßen im Speisezimmer an dem runden Tisch, über dem eine Hängelampe brannte. Auf dem weißen Tischtuch blinkte eine braune Flasche Sherry-Brandy aus Kopenhagen und hell glänzte ihr mit süßer Flüssigkeit behafteter Hals. Rings um die Flasche standen Teller mit Aepfeln, Nüssen und türkischer Marmelade.

Darja hatte einen kleinen Strich; ihr Gesicht war gerötet, ihr Haar zerzaust und sie war nur halb angekleidet. Sie sang sehr laut. Ludmilla hörte schon von weitem den vorletzten Vers des bekannten Liedchens:

Wo blieb die Flöte, wo das Kleid?

Die Lippen sind zum Kuß bereit.

Scham weicht der Furcht, Furcht weicht der Scham —

Das Hirtenmädchen schluchzt vor Gram:

Vergiß, was du gesehn!

Auch Larissa saß am Tisch, — vornehm und ruhig-freundlich, sie aß einen Apfel, den sie zuvor mit einem Fruchtmesser in Scheiben geschnitten hatte. Sie lachte:

„Nun, hast du sie gesehen,“ fragte sie.

Darja hörte auf zu singen und sah Ludmilla an. Valerie stützte ihren Kopf auf den Arm, steckte den kleinen Finger vor, neigte den Kopf und versuchte Larissas Lächeln nachzuahmen. Es gelang ihr schlecht, denn sie war schmächtig, subtil, und ihr Lächeln war unruhig. Ludmilla goß sich roten Kirschlikör in ein Gläschen und sagte:

„Dummheiten! Ein echter Bengel wie er sein muß, und er ist sehr sympathisch. Tief brünett, blitzende Augen, dabei unschuldig wie ein neugebornes Kind.“

Und plötzlich lachte sie hell auf. Die Schwestern sahen sie an, und dann lachten alle.

„Ach, es lohnt sich ja gar nicht zu sprechen, das ist so eine von Peredonoffs Verrücktheiten,“ sagte Darja, winkte mit der Hand und dachte dann eine Weile nach. Sie hatte ihre Arme auf den Tisch gestützt und hielt den Kopf gesenkt. „Wollen wir singen,“ sagte sie und begann mit durchdringender Stimme zu singen.

Aus ihrem Geschrei klang eine dumpfe, erzwungene Begeisterung. Hätte man einen Toten unter der Bedingung zum Leben erweckt, daß er immer nur singen dürfe, so hätte er ein ähnliches Geheul angestimmt. Die Schwestern waren schon längst an diese Art Musik gewöhnt; wenn Darja nicht mehr nüchtern war, sang sie immer so, und manchmal fielen die Schwestern ein und schrien mit Absicht recht laut und durchdringend.

„Die ist ins Heulen reingekommen!“ sagte Ludmilla spöttisch.

Nicht etwa, daß es ihr mißfiel, vielmehr wollte sie ihre Erlebnisse erzählen, und die Schwestern sollten zuhören. Darja unterbrach ihren Gesang und schrie sie an:

„Was geht es dich an, ich stör’ dich nicht.“

Und dann sang sie weiter gerade von derselben Stelle an, wo sie stehen geblieben war. Larissa sagte freundlich:

„Laß sie doch singen.“

„Meine wilden Leidenschaften

Finden nirgends ihre Ruh’ —“

sang Darja in den höchsten Lagen, wobei sie die Töne dehnte und hinauszog, wie etwa die gewöhnlichen Bänkelsänger es zu tun pflegen, um recht viel Rührung ins Lied zu legen. Es kam ungefähr so heraus:

Mei—ei—n—e—e wi——i—ild—e—en Lei—ei—ei—d—e—e—en—sch—a—a—ft—e—en.

Bei dieser Art zu singen wurden jene Silben ganz besonders betont, auf denen von Rechts wegen kein Ton lag. Die Wirkung war jedenfalls eine hervorragende: eine tödliche Schwermut hätte jeden uneingeweihten Zuhörer befallen.

O Schwermut, die du über Feld und Wald und über die gewaltige heimatliche Ebene einherziehst! O Schwermut, die du tausendfach im wilden Echo der Berge widerhallst, die du in matter, glühender Flamme das lebendige Lied in ein sinnbetörendes Seufzen wandelst! O tödliche Schwermut! O ihr geliebten, alten, russischen Gesänge! werdet auch ihr dahinsterben? ...

Plötzlich sprang Darja auf, stemmte die Hände in die Seiten und schmetterte ein fröhliches Tanzliedchen aus voller Kehle. Dazu tanzte sie und klatschte in die Hände:

„Geh, du Ritter, in den Wind, —

Ich bin eines Räubers Kind.

Bist so fein und säuberlich,

Geb dir einen Messerstich.

Brauche keinen stolzen Herrn —

Hab ein armes Blut so gern.“

Darja sang und tanzte, und ihre Augen starrten unbeweglich und schienen, wie der tote Mond, rings um sie Kreise zu ziehen. Ludmilla lachte aus vollem Hals, aber es war ihr unendlich schwer ums Herz, und sie zitterte vor Aufregung. War es verhaltene Freude oder die Wirkung des starken und süßen Likörs? Valerie lachte leise, — ihr Lachen klang gläsern —, und blickte neidisch auf die Schwestern: auch sie wäre gern lustig gewesen, und es war ihr doch gar nicht lustig zumute, — sie dachte, das sei so, weil sie die Jüngste, ein Nesthäkchen, ein Nachzügler sei, und darum wäre sie schwächlich und unglücklich. Und sie lachte so als müßte sie gleich weinen.

Larissa sah sie an und zwinkerte ihr zu, und da wurde Valerie plötzlich fröhlich und guter Dinge. Larissa stand auf, drehte die Schultern und im Nu drehten sich die vier Schwestern in tollem Wirbel bewußtloser Freude, plötzlich von toller, ausgelassener Lust ergriffen, und Darja sang dazu ein Tanzlied nach dem andern, eins dreister und frecher als das andere. Die Schwestern waren jung und schön — und ihre Stimmen klangen wild und hell; — die Hexen eines verzauberten Berges hätten ihre Freude an diesem Reigen gehabt.

 

Die ganze Nacht über hatte Ludmilla heiße, sinnliche Träume.

Bald träumte sie, sie läge in einem stark überheizten Zimmer, ihre Bettdecke gleitet auf den Fußboden und ihr fieberheißer Körper liegt nackt da, — und eine gleißende, ungeheure Schlange kriecht in das Gemach, kommt näher, näher, gleitet längs dem Holz in ihr Bett und umwindet ihre nackten, wunderschönen Beine ...

Dann wieder träumte sie von einem See; — und es war eine schwüle Sommernacht, schwarze Gewitterwolken krochen erdrückend langsam über den Himmel, — und sie lag nackt am Ufer des Sees und hatte einen glatten, goldnen Stirnreif im Haar. Es roch nach warmem, stehendem Wasser, nach Tang und stark duftendem Heu; und auf dem dunklen, unheimlich ruhigen Wasserspiegel schwamm majestätisch ein weißer, gewaltiger, königlich schöner Schwan. Er schlug das Wasser mit den Flügeln, zischte laut, kam heran und umfaßte sie, — es war so süß, so unsagbar wunderlich und tief ...

Und die Schlange und der Schwan, beide beugten ihre Gesichter über das ihre, und es war Saschas Gesicht, aber so bleich, so bleich mit seinen dunklen traurigen Augen, und die schwarzen Wimpern verdeckten eifersüchtig die Schönheit seines wunderbaren Blicks und sanken tief und schwer herab. Ihr schauderte ...

Dann träumte Ludmilla von einem prachtvollen Palast mit erdrückend niedrigen Gewölben, — starke, schöne nackte Männer drängten sich in den Hallen, aber herrlicher als sie alle war Sascha. Sie saß hoch auf einem Thron, und die nackten Männer kamen der Reihe nach und schlugen einander mit scharfen Peitschen. Und als man Sascha vor den Thron legte mit dem Kopf zu ihr gekehrt und als man ihn hart schlug, da lachte er hell und weinte, — und sie lachte auch, wie man manchmal im Traume lacht, wenn das Herz unruhig schlägt, — dann lacht man lange, ohne Aufhören, und es ist das Lachen des Selbstvergessens und des Todes ...

Als Ludmilla am Morgen nach diesen Träumen erwachte, fühlte sie, daß sie leidenschaftlich in Sascha verliebt war. Ein unbezwingliches Verlangen ergriff sie, zu ihm zu gehen, aber der Gedanke ihn in Kleidern zu sehen, war ihr unerträglich. Wie dumm, daß die Knaben nicht nackt herumlaufen! Wenigstens barfuß, wie die Gassenbuben im Sommer! Ludmilla sah sie gerne und nur deswegen, weil sie barfuß waren und weil auch ihre Beine manchmal bis hoch hinauf entblößt waren.

„Als wäre es eine Schande, einen Körper zu haben —,“ dachte sie, „daß sogar die Knaben ihn verdecken müssen.“

XV

Wolodin gab regelmäßig seinen Unterricht im Hause des Fräulein Adamenko. Seine Hoffnungen, das Fräulein würde ihn gelegentlich zum Kaffee einladen, verwirklichten sich nicht. Er wurde stets gleich nach seiner Ankunft in die Stube geleitet, die für den Unterricht im Tischlern hergerichtet worden war. Mischa hatte eine Schürze um und wartete in der Regel, an der Hobelbank stehend, auf seinen Lehrer, nachdem er alles für die Stunde Erforderliche in Ordnung gebracht hatte. Er tat gehorsam alles, was Wolodin von ihm verlangte, aber er war nie recht bei der Sache. Um weniger arbeiten zu müssen, versuchte er bisweilen mit Wolodin zu plaudern. Aber Wolodin ging nicht darauf ein, denn er wollte gewissenhaft sein. Er sagte:

„Wollen wir mal erst zwei Stunden arbeiten, dann bleibt uns noch Zeit genug zum Plaudern. Dann — soviel Sie wollen, jetzt — an die Arbeit: die Arbeit steht an erster Stelle.“

Mischa seufzte ein wenig und arbeitete. Wenn aber die Stunde um war, so hatte er keine Lust mehr zu plaudern und schützte Schulaufgaben vor.

Bisweilen kam auch Nadeschda Wassiljewna in den Unterricht, um zu sehen ob Mischa fleißig war. Mischa bemerkte, daß Wolodin dann eher geneigt war, Gespräche zu führen, und zog daraus die entsprechenden Schlüsse. Wenn aber Nadeschda Wassiljewna bemerkte, daß Mischa nichts tat, sagte sie sofort:

„Mischa, sei nicht faul!“

Dann ging sie gleich und sagte im Vorübergehen zu Wolodin:

„Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe. Er ist nicht abgeneigt, sich bisweilen gehen zu lassen, wenn man ihm nicht auf die Finger sieht.“

Dieses Benehmen von seiten Nadeschda Wassiljewnas berührte Wolodin zunächst peinlich. Dann aber tröstete er sich damit, daß es ihr unbequem sein mußte, ihn zum Kaffee aufzufordern, weil daraus Klatschgeschichten hätten entstehen können. Ferner, überlegte er, brauchte sie überhaupt nicht zum Unterricht zu kommen, weil sie aber kam, so war das ein Zeichen dafür, daß sie ihn nicht gerade ungern sah. Auch den Umstand erklärte Wolodin zu seinen Gunsten, daß Nadeschda Wassiljewna sofort damit einverstanden war, daß er ihrem Bruder Stunden geben sollte, und außerdem hatte sie sich mit seinen Gehaltsansprüchen gleich einverstanden erklärt. Peredonoff und Warwara ihrerseits unterstützten ihn in diesen Vermutungen.

„Es ist doch klar, daß sie in dich verliebt ist,“ sagte Peredonoff.

„Und wo könnte sie einen besseren Bräutigam finden,“ ergänzte Warwara.

Wolodin machte ein bescheidenes Gesicht und freute sich über seine Erfolge.

Eines schönen Tages meinte Peredonoff:

„Du gehst auf Freiersfüßen einher und hast eine schäbige Krawatte umgebunden.“

„Ich bin noch nicht verlobt,“ antwortete Wolodin überlegen, innerlich aber zitterte er vor freudiger Erwartung; „ich kann mir eine neue Krawatte kaufen.“

„Eine im Jugendstil,“ rief Peredonoff, „man muß sehen können, daß du es mit der Liebe hast.“

„Eine rote Krawatte,“ sagte Warwara, „recht bauschig muß sie sein und eine Nadel dazu. Es gibt schon ganz billige Krawattennadeln, mit Steinen, — fein wird das sein.“

Peredonoff dachte, daß Wolodin vielleicht kein Geld zu solchen Ausgaben hätte. Oder er wird sparen wollen und einen schlichten, schwarzen Schlips kaufen. Das wäre dumm, dachte Peredonoff, die Adamenko ist ein vornehmes Frauenzimmer; wenn er mit einer lumpigen Krawatte um sie anhalten geht, so wird sie sich gekränkt fühlen und ihm einen Korb geben.

Peredonoff sagte:

„Warum eine billige kaufen? Du hast neulich im Spiel einiges von mir gewonnen. Wieviel bin ich dir noch schuldig, einen Rubel vierzig Kopeken?“

„Mit den vierzig Kopeken hat es seine Richtigkeit,“ sagte Wolodin grinsend, „nur waren es zwei Rubel und nicht einer.“

Peredonoff wußte genau, daß es zwei Rubel waren, es wäre ihm aber angenehmer gewesen, nur einen zu zahlen. Er sagte:

„Du lügst, woher zwei Rubel?“

„Warwara Dmitriewna kann es bezeugen,“ beteuerte Wolodin.

Warwara sagte kichernd:

„Zahl nur, Ardalljon Borisowitsch, was du verspielt hast, — ich erinnere mich genau, es waren rund zwei Rubel und vierzig Kopeken.“

Peredonoff dachte, daß Warwara jetzt für Wolodin eintrete, also — meinte er — steht sie schon auf seiner Seite. Er wurde verdrießlich, nahm aus seinem Geldbeutel das Geld und sagte:

„Ist schon recht, meinetwegen zwei vierzig, ich will nicht streiten. Du bist ein armer Teufel, Pawluschka, da — nimm!“

Wolodin nahm das Geld, zählte es nach, machte dann ein gekränktes Gesicht, beugte seinen runden Kopf, streckte die Unterlippe vor und sagte mit blökender, zitternder Stimme:

„Sie, Ardalljon Borisowitsch, waren mir etwas schuldig, also haben Sie auch zu zahlen; daß ich aber arm bin, gehört garnicht hierher. Ich habe bisher noch keinen um ein Stück Brot gebeten, und Sie wissen, daß nur der Teufel arm ist, denn er ißt kein Brot; weil ich aber Brot esse, sogar mit Butter darauf, so bin ich auch nicht arm.“

Dabei beruhigte er sich, wurde rot vor Vergnügen, daß er so gelungen geantwortet hatte, und lachte, die Lippen vorschiebend.

Endlich beschlossen Peredonoff und Wolodin, den Heiratsantrag zu stellen. Sie hatten sich so vornehm als möglich angezogen und sahen feierlicher und dümmer als gewöhnlich aus. Peredonoff trug eine weiße Halsbinde, Wolodin eine bunte, rot mit grünen Streifen. Peredonoff überlegte so:

„Ich halte für dich an, meine Stellung ist also die solidere, die Gelegenheit ist äußerst festlich, so muß ich denn eine weiße Binde tragen; du bist der Bräutigam, also mußt du flammende Gefühle zur Schau tragen.“

Gezwungen feierlich nahmen Peredonoff und Wolodin im Empfangszimmer von Fräulein Adamenko Platz. Peredonoff saß auf dem Sofa, Wolodin in einem Lehnstuhl. Nadeschda Wassiljewna betrachtete erstaunt ihre Gäste. Die Gäste aber plauderten über das Wetter, über die neuesten Neuigkeiten und machten dabei ein Gesicht wie etwa Leute, die in einer kitzlichen Angelegenheit gekommen sind und nicht recht wissen, wie anzufangen. Endlich räusperte sich Peredonoff, machte ein ernstes Gesicht und sagte:

„Nadeschda Wassiljewna, wir haben ein Anliegen.“

„Ein Anliegen,“ sagte auch Wolodin, machte ein bedeutendes Gesicht und streckte die Lippen vor.

„Es handelt sich um ihn,“ sagte Peredonoff und zeigte mit dem Daumen auf Wolodin.

„Um mich,“ bestätigte Wolodin und wies ebenfalls mit dem Daumen auf die eigene Brust.

Nadeschda Wassiljewna lächelte.

„Wenn ich bitten darf,“ sagte sie.

„Ich werde für ihn sprechen,“ erklärte Peredonoff, „er ist bescheiden und kann keinen rechten Entschluß fassen. Aber er ist ein würdiger Mensch, er trinkt nicht, er ist herzensgut. Zwar bekommt er nur ein geringes Gehalt, aber das ist egal. Es handelt sich darum, wer was braucht; der eine braucht Geld, der andere einen Menschen. Warum schweigst du denn,“ wandte er sich an Wolodin, „sag doch etwas.“

Wolodin neigte den Kopf und stieß mit zitternder Stimme hervor, geradeso wie ein Schaf blökt:

„Gewiß, mein Gehalt ist nur gering. Aber zum Sattessen wird es immer noch langen. Gewiß, ich habe nicht studiert, bin aber so glücklich, daß ich jedem nur das gleiche Los wünschen kann, und etwas Schlechtes weiß ich mir nicht nachzusagen, — übrigens, da mag jeder selbst urteilen. Was mich anlangt, ich bin mit mir zufrieden.“

Er machte eine Handbewegung, beugte die Stirn, als hätte er die Absicht zuzustoßen und schwieg still.

„Also, das ist es,“ sagte Peredonoff, „er ist ein junger Mann und soll nicht als Hagestolz leben. Er soll heiraten. Der Verheiratete hat es immer besser.“

„Wenn man mit der Frau harmoniert, so gibt es nichts besseres,“ bestätigte Wolodin.

„Und auch Sie sind unverheiratet,“ fuhr Peredonoff fort. „Auch Sie müssen heiraten.“

Hinter der Tür hörte man ein leises Geräusch, kurze verhaltene Laute, — als seufze oder lache da jemand und als hielte er sich die Hand vor den Mund. Nadeschda Wassiljewna blickte streng auf die Tür und sagte kalt:

„Sie sind wirklich zu besorgt um mich,“ mit einer verletzenden Betonung des Wortes „zu“.

„Sie brauchen keinen reichen Mann,“ sagte Peredonoff, „Sie haben ja Geld genug. Sie brauchen einen, der Sie lieb hat und in allen Dingen Ihnen zu Gefallen ist. Außerdem kennen Sie ihn und müßten ihn verstehen. Sie sind ihm nicht gleichgültig, er Ihnen vielleicht auch nicht. So steht also die Sache: ich bringe Ihnen den Kaufmann, Sie haben die Ware, soll heißen: Sie selber sind die Ware.“

Nadeschda Wassiljewna wurde rot und biß sich auf die Lippen, um nicht laut auflachen zu müssen. Hinter der Tür hörte man wieder dieselben Töne. Wolodin hielt die Augen bescheiden gesenkt. Es schien ihm, daß alles nach Wunsch ginge.

„Was für eine Ware?“ fragte Nadeschda Wassiljewna vorsichtig, „verzeihen Sie, ich verstehe Sie nicht recht.“

„Wie, Sie verstehen nicht!“ sagte Peredonoff ungläubig. „Nun, ich will es geradeheraus sagen: Pawel Wassiljewitsch bittet Sie um Hand und Herz. Und auch ich bitte für ihn.“

Hinter der Tür fiel etwas zu Boden und kugelte sich prustend und stöhnend. Nadeschda Wassiljewna, ganz rot vor verhaltenem Lachen, blickte ihre Gäste an. Wolodins Antrag schien ihr komisch und frech zugleich.

„Ja,“ sagte auch Wolodin, „Nadeschda Wassiljewna, ich bitte Sie um Hand und Herz.“

Er wurde rot, erhob sich, machte einen energischen Kratzfuß auf dem Teppich, verbeugte sich und setzte sich. Dann stand er wieder auf, legte die Hand aufs Herz und sagte, das Fräulein schmachtend anblickend:

„Gestatten Sie, Nadeschda Wassiljewna, daß ich eine Erklärung abgebe. Da ich Sie sogar sehr liebe, so kann ich mir gar nicht denken, daß Sie diesen Gefühlen nicht entgegenkommen sollten.“

Er stürzte einen Schritt vor, warf sich auf die Knie und küßte ihre Hand.

„Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Ich schwöre!“ rief er, hob eine Hand gen Himmel und schlug dann aus vollem Arm gegen seine Brust, daß es laut knallte.

„Aber ich bitte Sie! Stehen Sie doch auf!“ sagte Nadeschda Wassiljewna verlegen; „was soll das?“

Wolodin stand auf und kehrte mit gekränktem Gesicht auf seinen Platz zurück. Dort angelangt, preßte er beide Hände gegen die Brust und rief:

„Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Bis zum Grabe bin ich mit ganzer Seele der Ihre!“

„Entschuldigen Sie,“ sagte Nadeschda Wassiljewna, „aber ich kann wirklich nicht. Ich habe meinen Bruder zu erziehen, hören Sie nur, wie er da hinter der Tür weint.“

„Ja, die Erziehung des Bruders scheint mir keineswegs ein Hinderungsgrund zu sein,“ erklärte Wolodin und streckte in gekränktem Stolz seine Unterlippe vor.

„Nein, in jedem Fall hat er da mitzureden,“ sagte Nadeschda Wassiljewna und stand eilig auf, „ich will ihn fragen. Bitte warten Sie einen Augenblick.“

Sie lief flink aus dem Empfangszimmer, und ihr hellgelbes Kleid rauschte. Sie packte Mischa, der hinter der Tür stand, an der Schulter, lief mit ihm bis zu seinem Schlafzimmer, blieb dort vom Lauf und vom verhaltenen Lachen schwer atmend an der Tür stehen und sagte mit abgerissener Stimme:

„Ist es denn ganz umsonst, wenn man dich bittet, nicht zu horchen. Ist es wirklich nötig, zu den allerstrengsten Maßregeln zu greifen!“

Mischa hatte ihre Taille umfaßt, preßte seinen Kopf in ihr Kleid und lachte und schüttelte sich vor Lachen und vor Anstrengung, es zu unterdrücken. Die Schwester schob den Jungen in sein Zimmer, setzte sich auf einen Stuhl neben der Tür und lachte.

„Hast du gehört, was er sich da ausgedacht hat, dein Pawel Wassiljewitsch,“ fragte sie; „komm mit mir ins Gastzimmer und untersteh dich zu lachen! Ich werde dich in ihrer Gegenwart fragen, und du darfst nicht ‚Ja‘ sagen. Hast du verstanden?“

„Ha—ha—ha,“ machte Mischa und nahm einen Zipfel seines Taschentuchs in den Mund, um nicht lachen zu müssen, aber es half nur wenig.

„Halt dein Taschentuch vor die Augen, wenn du lachen mußt,“ riet die Schwester und führte ihn an der Schulter ins Gastzimmer.

Dort drückte sie ihn in einen Sessel und setzte sich auf einen Stuhl dicht neben ihn. Wolodin machte ein gekränktes Gesicht und saß da mit gesenkter Stirn, just wie ein Schaf.

„Sehen Sie,“ sagte Nadeschda Wassiljewna und zeigte auf ihren Bruder, „der arme Junge! Ich konnte kaum seine Tränen stillen. Ich vertrete bei ihm Mutterstatt, und nun glaubt er, ich würde ihn verlassen.“

Mischa bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Sein ganzer Körper bebte. Um sein Lachen zu verbergen, heulte er darauf los:

„Hu—hu—hu!“

Nadeschda Wassiljewna umarmte ihn, kniff ihn unbemerkt in den Arm und sagte:

„Wein doch nicht, Brüderchen, wein nicht so!“

Der unerwartete Schmerz trieb Mischa Tränen in die Augen. Er ließ das Tuch fallen und blickte seine Schwester böse an.

„Wie, wenn der Junge wütend wird,“ dachte Peredonoff, „und plötzlich beißt. Man sagt, der menschliche Speichel ist giftig.“

Er rückte näher zu Wolodin, um im Falle drohender Gefahr sich hinter ihm verstecken zu können. Nadeschda Wassiljewna sagte zum Bruder:

„Pawel Wassiljewitsch hat um meine Hand gebeten.“

„Um Hand und Herz,“ verbesserte Peredonoff.

„Und Herz —“ wiederholte Wolodin leise, aber mit Würde.

Mischa benützte wieder das Taschentuch, und vor Lachen schluchzend sagte er:

„Nein, du sollst ihn nicht heiraten; was soll denn aus mir werden?“

Wolodin sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:

„Es wundert mich, Nadeschda Wassiljewna, daß Sie Ihren kleinen Bruder um Erlaubnis bitten, er ist doch sozusagen noch ein unmündiges Kind. Und wäre er auch erwachsen, so könnten Sie auch in diesem Fall sich selbständig entscheiden. Der Umstand aber, Nadeschda Wassiljewna, daß Sie ihn sogar jetzt um Erlaubnis bitten, verwundert mich nicht nur, sondern setzt mich auch in Erstaunen.“

„Das ist doch geradezu komisch, so einen Bengel um Erlaubnis zu bitten,“ sagte Peredonoff verdrießlich.

„Wen sollte ich sonst bitten? Der Tante ist es gleichgültig; ihn muß ich aber erst noch erziehen, wie sollte ich Sie also heiraten können? Sie könnten ihn zum Beispiel zu streng behandeln. Nicht wahr, Mischa, du fürchtest dich doch vor diesem harten Mann?“

„Nein,“ sagte Mischa und schielte mit einem Auge aus dem Taschentuch hervor, „ich fürchte mich gar nicht vor ihm. Er darf mir nichts tun. Ich fürchte nur, daß Pawel Wassiljewitsch mich zu sehr verwöhnen wird und dir auch nicht erlauben wird, mich in den Winkel zu stellen.“

„Glauben Sie mir, Nadeschda Wassiljewna,“ sagte Wolodin und legte die Hand ans Herz, „ich werde ihn nicht verwöhnen. Ich denke so: einen Jungen soll man überhaupt nicht verwöhnen! Ist er satt und sauber gekleidet, so genügt das. Von Verwöhnen keine Spur. Ich kann ihn doch auch in den Winkel stellen und würde nicht daran denken, ihn zu verwöhnen. Ich kann noch mehr. Sie sind gewissermaßen eine Jungfrau, d. h. ein Fräulein, da ist es Ihnen naturgemäß unbequem, ich kann aber auch mitunter das Stöcklein zu Hilfe nehmen.“

„Jetzt wollen mich beide in den Winkel stellen,“ sagte Mischa weinerlich und benutzte wieder sein Taschentuch. „Seid Ihr so! und noch dazu mit dem Stöckchen! nein, das paßt mir gar nicht. Nein, nein, du darfst ihn nicht heiraten.“

„Da hören Sie es doch, ich kann beim besten Willen nicht,“ sagte Nadeschda Wassiljewna.

„Ihr Vorgehen kommt mir äußerst merkwürdig vor,“ sagte Wolodin, „ich komme Ihnen mit ganzem Herzen entgegen, ich kann wohl sagen, mit flammendem Herzen und Sie belieben so nebenbei Ihres Bruders wegen „nein“ zu sagen. Sie tun es Ihres Bruders wegen, eine andere der Schwester wegen, eine dritte gar weil sie einen Neffen hat und dann, Gott weiß, welcher Verwandten wegen, und so wird keine einzige heiraten wollen, auf diese Weise wird das Menschengeschlecht ganz aussterben.“

„Deswegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Pawel Wassiljewitsch,“ sagte Nadeschda Wassiljewna, „bisher hat noch keine derartige Gefahr für die Welt bestanden. Ich will nun mal nicht ohne Mischas Zustimmung heiraten, und wie Sie bereits gehört haben, ist er nicht einverstanden. Es ist auch einigermaßen begreiflich, versprechen Sie ihm doch gleich mit den ersten Worten Prügel. Da könnten Sie mich am Ende auch schlagen!“

„Aber ich bitte Sie, Nadeschda Wassiljewna,“ rief Wolodin verzweiflungsvoll, „unmöglich glauben Sie, daß ich mir solche Roheiten werde zuschulden kommen lassen.“

Nadeschda Wassiljewna lächelte.

„Ich selbst habe keinerlei Bedürfnisse zu heiraten,“ sagte sie.

„Vielleicht werden Sie ins Kloster gehn?“ fragte Wolodin mit gekränkter Stimme.

„Oder in Tolstois Sekte und Mist führen,“ verbesserte Peredonoff.

„Warum sollte ich irgendwohin gehen?“ sagte Nadeschda Wassiljewna streng und erhob sich, „ich hab es hier sehr gut.“

Auch Wolodin war aufgestanden, streckte seine Lippen weit vor und sagte:

„Da nun Mischa aus seinen Gefühlen zu mir keinen Hehl gemacht hat, da ferner Sie — wie es zutage liegt — ihn um Erlaubnis bitten, so kommt es folgerichtig heraus, daß ich die Stunden bei Ihnen im Hause aufgeben muß, denn wie soll ich Unterricht erteilen, wenn sich mein Schüler so zu mir verhält!“

„Nein, warum denn?“ entgegnete Nadeschda Wassiljewna, „das ist wieder eine Sache für sich.“

Peredonoff dachte, es wäre vielleicht doch noch möglich das Fräulein umzustimmen und sie würde schließlich ihr Jawort geben. Er sagte finster:

„Nadeschda Wassiljewna, überlegen Sie sich die Sache. Man kann nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Er ist ein guter Mensch, er ist mein Freund!“

„Nein,“ sagte Nadeschda Wassiljewna, „da gibt’s nichts weiter zu bedenken! Ich danke Pawel Wassiljewitsch für den ehrenvollen Antrag, kann ihn aber nicht annehmen.“

Peredonoff blickte böse auf Wolodin und stand auf. Er dachte: „Wolodin ist doch ein rechter Esel: er hat es nicht einmal verstanden, ein Fräulein in sich verliebt zu machen.“

Wolodin stand neben seinem Sessel mit gesenktem Kopf. Er fragte vorwurfsvoll:

„So ist es also wirklich aus, Nadeschda Wassiljewna? O weh! Und wenn es sich so verhält,“ — er machte eine Handbewegung — „dann wünsche ich Ihnen alles Gute. Das ist nun einmal mein trauriges Los. Ein Jüngling liebte eine Jungfrau, aber sie wollte ihn nicht. Gott weiß es! Nichts zu machen, ich werde weinen, und die Sache ist abgetan.“

„Einen tüchtigen Menschen wollen Sie nicht heiraten, und wer weiß, auf wen Sie hereinfallen werden,“ sagte Peredonoff belehrend.

„O weh,“ rief Wolodin noch einmal und wollte zur Tür gehen. Dann besann er sich eines andern, beschloß großmütig zu sein und kehrte zurück, um dem Fräulein zum Abschied die Hand zu reichen, ja selbst den Unglücksstifter Mischa bedachte er mit einem versöhnlichen Händedruck.

 

Auf der Straße brummte Peredonoff böse. Wolodin räsonierte ununterbrochen mit gekränkter, blökender Stimme.

„Warum hast du die Stunden aufgegeben?“ brummte Peredonoff. „Du bist wohl zu reich!“

„Ich habe doch nur gesagt, daß, wenn es sich so verhielte, ich zurücktreten müsse, und darauf hat sie geantwortet, daß das nicht nötig wäre. Da ich nun meinerseits nicht widersprochen habe, so kommt es heraus, daß sie mich gebeten hat zu bleiben. Und jetzt hängt es von mir allein ab; will ich, so kann ich „Nein“ sagen, will ich, so kann ich bleiben.“

„Unsinn „Nein“ zu sagen,“ sagte Peredonoff, „geh hin und mach so als wäre nichts gewesen.“

„Mag er wenigstens hier einen Vorteil haben,“ dachte Peredonoff, „er hat dann weniger Grund mich zu beneiden.“

Peredonoff war das Herz sehr schwer.

Wolodin schien ihm nicht recht geheuer, er mußte ihn auf Schritt und Tritt beobachten, daß er sich nicht mit Warwara zusammentäte. Dann war es auch nicht ausgeschlossen, daß die Adamenko sich über ihn geärgert hatte wegen seiner Vermittelung. Sie hatte Verwandte in Petersburg, denen könnte sie schreiben, und das hätte ihm vielleicht geschadet.

Und auch das Wetter war unfreundlich. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, Krähen flatterten unruhig und schrieen so häßlich. Grade über Peredonoffs Kopf flogen sie und schrieen, als wollten sie ihn ärgern und ihm noch schlimmeres Unglück prophezeien. Peredonoff wickelte einen Schal um den Hals und dachte, daß es bei solchem Wetter leicht wäre sich zu erkälten.

„Was sind das für Blumen, Pawluschka?“ fragte er und zeigte dabei auf kleine, gelbe Blümchen, die hinter dem Zaun in einem Garten wuchsen.

„Das sind Eisenhütchen, Ardascha,“ antwortete Wolodin traurig.

Peredonoff fiel es ein, daß in seinem Garten sehr viele solcher Blumen wuchsen. So einen schrecklichen Namen hatten sie! Vielleicht sind sie giftig! Warwara wird eine Handvoll nehmen, sie als Tee aufkochen, um ihn damit zu vergiften, d. h. erst dann zu vergiften, wenn seine Ernennung bereits erfolgt ist, um dann mit Wolodin auf und davon zu gehen. Vielleicht hatten die beiden das schon längst verabredet. Woher sollte Wolodin sonst wissen, wie diese Blumen hießen.

Wolodin aber sagte:

„Gott mag sie richten! Warum hat sie mich beleidigt? Sie wartet wahrscheinlich auf einen Aristokraten und überlegt gar nicht, daß es auch unter den Aristokraten schlimme Leute gibt; sie wird einen heiraten, der sie unglücklich machen wird, und ein schlichter braver Mensch hätte sie so glücklich machen können. Ich werde in die Kirche gehen und eine Kerze für ihr Seelenheil stiften und für sie beten: füge es, Vater im Himmel, daß sie einen Trunkenbold heiratet, der sie prügelt, der bankerott macht und sie dann sitzen läßt. Dann wird sie sich meiner erinnern, aber es wird zu spät sein. Sie wird sich die Tränen aus den Augen reiben und sagen: dumm war ich, dem Pawel Wassiljewitsch einen Korb zu geben, er war ein prächtiger Mensch.“

Seine eignen Worte rührten ihn; er mußte weinen und trocknete mit dem Handrücken die Tränen, die aus seinen vorstehenden, schafigen Augen quollen.

„Schlag ihr in der Nacht die Fensterscheiben ein!“ riet Peredonoff.

„Ach nein, Gott sei mit ihr,“ sagte Wolodin traurig, „man könnte mich ertappen. Und dieser Satansbengel Gott erbarme dich, was habe ich ihm getan, daß er mir so den Weg vertritt. Habe ich mir nicht alle erdenkliche Mühe mit ihm gegeben, und er — Sie haben es ja selber erlebt — macht solche Sachen. Was ist das für eine Kreatur, was soll aus ihm werden, erbarmen Sie sich, sagen Sie doch?“

„Ja,“ sagte Peredonoff böse, „nicht einmal mit diesem Bengel konntest du fertig werden. Schöner Freier das!“

„Warum denn nicht,“ antwortete Wolodin, „natürlich ein Freier. Ich finde schon eine andre Braut. Sie soll nicht glauben, daß ich um sie trauern werde.“

„Ja, ein Freier,“ neckte Peredonoff, „noch dazu mit einer Krawatte. Wieviel Körbe hast du denn schon auf dem Buckel, Freier du!“

„Bin ich der Freier, so bist du der Brautwerber,“ sagte Wolodin überlegen, „du selber machtest mir ja Hoffnungen, aber die Braut hast du mir nicht verschafft; schöner Brautwerber das!“

So neckten sie sich gegenseitig; jeder versuchte dem anderen zuvorzukommen und gab sich den Anschein, als handle es sich um die wichtigste Sache von der Welt.

 

Nadeschda Wassiljewna hatte die Gäste hinausbegleitet und kehrte ins Gastzimmer zurück. Mischa wälzte sich auf dem Sofa und lachte. Die Schwester packte ihn an den Schultern, zog ihn an sich und sagte:

„Hast du ganz vergessen, daß es verboten ist zu horchen?“

Sie hob die Hände, um die kleinen Finger aneinanderzulegen, dann lachte sie laut auf, und die Finger fuhren wieder auseinander. Mischa stürzte auf sie zu, sie umfaßten sich und lachten sehr lange.

„Aber doch,“ sagte sie, „fürs Horchen mußt du in den Winkel.“

„Ach nein,“ sagte Mischa, „du mußt mir noch danken, weil ich dich von diesem Bewerber befreit habe.“

„Und wer hat wen noch befreit? Hörtest du nicht, wie jemand sich vornahm, dich mit dem Stöckchen zu schlagen! Marsch in den Winkel!“

„Nein, dann will ich schon lieber hier stehen,“ sagte Mischa.

Er stellte sich vor der Schwester auf die Knie und legte seinen Kopf auf ihren Schoß. Sie streichelte ihn und kitzelte ihn ein wenig. Mischa lachte und rutschte auf den Knien hin und her. Plötzlich rückte die Schwester weit fort und setzte sich aufs Sofa. Mischa blieb allein. Einige Zeit blieb er ruhig auf den Knien stehen und sah seine Schwester fragend an. Sie machte es sich bequem, nahm vom Bücherbrett ein Buch, als wolle sie lesen, und schielte auf den Bruder.

„Ich bin schon müde,“ sagte er kläglich.

„O, ich halte dich nicht, du hast dich von selber hingestellt,“ antwortete die Schwester und lächelte ihn an über den Rand des Buches.

„Du hast mich doch bestraft, verzeih bitte,“ sagte Mischa.

„Habe ich dir denn gesagt, daß du auf den Knien stehn sollst?“ sagte Nadeschda Wassiljewna und machte so, als wäre es ihr ganz gleichgültig, „was bettelst du denn in einem fort?“

„Ich werde nicht aufstehn, bevor du nicht verziehen hast.“

Nadeschda Wassiljewna lachte, legte das Buch zur Seite und zog Mischa an den Schultern zu sich heran. Er schrie auf und warf sich ihr entgegen, umarmte sie und rief:

„Pawluschkas Braut!“