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Der kleine Dämon

Chapter 18: XVII
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About This Book

A petty, embittered provincial man nurses jealousies, ambitions, and paranoid fantasies while entangling himself in local gossip, romantic entanglements, and petty schemes. Through close psychological observation and satirical depiction of town life, the narrative exposes hypocrisy, vanity, and spiritual emptiness; grotesque and symbolic details intensify a mood of decay and malignity. Episodes alternate dark comedy with sinister undertones as the protagonist's resentments produce manipulation, obsessions about status and marriage, and escalating moral deterioration. The work blends realist social portraiture with hallucinatory imagery to trace the corrosive effects of small cruelties on both an individual and communal level.

XVI

Ludmillas Gedanken waren immer bei dem schwarzäugigen Knaben. Sie redete oft mit Verwandten und Bekannten über ihn, — manchmal zur unrechten Zeit. Fast in jeder Nacht träumte sie von ihm; sie sah ihn zuweilen wie er wirklich im Leben war — bescheiden und schüchtern, öfter jedoch in einer märchenhaften, phantastischen Umgebung. Von diesen Träumen pflegte sie zu erzählen, und bald kam es so weit, daß die Schwestern jeden Morgen fragten, wie Sascha ihr in der vergangenen Nacht im Traume erschienen wäre.

Ihre Gedanken waren immer bei ihm.

Am Sonntag bat Ludmilla ihre Schwestern, sie möchten die Kokowkina aus der Kirche abholen und recht lange aufhalten. Sie wollte mit Sascha allein sein, und ging darum nicht zur Kirche. „Sagt ihr, ich hätte mich verschlafen,“ trug sie den Schwestern auf.

Diese lachten über den Streich, waren aber natürlich mit allem einverstanden. Sie vertrugen sich überhaupt gut. Es konnte ihnen nur gelegen kommen, wenn Ludmilla sich mit dem Jungen abgab, denn so blieben die wirklichen Freier ihnen allein.

Sie taten, wie sie versprochen hatten, — und baten die Kokowkina nach dem Gottesdienst zu sich.

Unterdessen hatte sich Ludmilla ganz angekleidet. Sie trug ein hübsches, fröhliches Kleidchen und hatte sich mit angenehmem, weichem Flieder parfumiert. In die eine Tasche steckte sie ein noch nicht angebrochenes Odeurfläschchen, in die andere einen kleinen Zerstäuber; dann stellte sie sich hinter den Vorhang an ein Fenster im Salon, um von hier zu beobachten, ob die Kokowkina auch wirklich käme. Schon früher hatte sie beschlossen Odeur mitzunehmen, um den Gymnasiasten zu parfumieren; er sollte nicht immer nach ekligem Latein und nach Tinte und nach der Schule überhaupt riechen. Ludmilla liebte Parfums. Sie verschrieb sie sich aus Petersburg und brauchte sie oft und gerne. Sie liebte duftende Blumen. Ihr Zimmer strömte immer irgend einen Wohlgeruch aus; entweder roch es nach Blumen, oder nach Odeurs, oder nach Fichtenzweigen und frischem Birkengrün.

Da kamen die Schwestern und die Kokowkina mit ihnen.

Fröhlich lief Ludmilla zur Küche hinaus, durch den Gemüsegarten, durch das Pförtchen und von dort weiter durch ein Nebengäßchen, — um von der Kokowkina nicht gesehen zu werden. Sie lächelte schelmisch, während sie eilig zum Hause der Kokowkina ging und fuchtelte vergnügt mit ihrem weißen Sonnenschirm. Sie war froh über das schöne, warme Herbstwetter, und es schien, als verbreite sich ihre Fröhlichkeit überall wohin sie kam.

Das Dienstmädchen der Kokowkina öffnete ihr die Tür und meldete, die gnädige Frau wäre nicht zu Hause. Ludmilla lachte laut und scherzte mit dem rotbackigen Ding.

„Vielleicht ist es gar nicht wahr,“ sagte sie, „vielleicht versteckt sich die gnädige Frau vor mir.“

„Hi, hi, warum sollte sie sich verstecken!“ grinste das Mädchen, „gehen Sie doch ins Wohnzimmer und schauen Sie nach, wenn Sie mir nicht glauben.“

Ludmilla blickte in den Salon und rief schelmisch:

„Gibt’s hier überhaupt eine lebendige Seele? He, Gymnasiast!“

Sascha kam aus seiner Stube und freute sich, als er Ludmilla sah; und Ludmillas fröhliche Augen machten ihn noch vergnügter.

„Wo ist denn Olga Wassiljewna?“ fragte sie.

„Sie ist nicht zu Hause,“ sagte er, „sie ist noch nicht heimgekommen. Wahrscheinlich ist sie nach der Kirche zu Besuch gegangen. Ich bin erst vor kurzem zurück, — aber sie ist noch nicht da.“

Ludmilla tat so, als wäre sie sehr erstaunt. Sie fuchtelte mit ihrem Sonnenschirm und sagte überrascht:

„Wie kommt denn das? Alle sind doch schon zurück aus der Kirche. Sonst sitzt sie immer zu Hause, und plötzlich ist sie nicht da. Wahrscheinlich machen Sie so viel Lärm, mein Jüngling, daß sie es zu Hause nicht mehr aushält.“

Sascha schwieg und lächelte. Er freute sich über Ludmillas Stimme und über ihr helles Lachen. Er überlegte, wie er es am geschicktesten anstellen sollte, um sie nach Hause zu begleiten, oder sie zu veranlassen, noch einige wenige Minuten zu bleiben.

Aber Ludmilla dachte nicht daran fortzugehen. Sie blickte Sascha schelmisch an und sagte:

„Warum fordern Sie mich nicht auf, Platz zu nehmen, Sie liebenswürdiger junger Mann Sie? Ich bin ganz müde geworden. Darf ich mich ein Augenblickchen erholen?“

Lachend ging sie in den Salon, und ihre lebhaften, zärtlichen Augen schienen zu bitten. Sascha wurde verlegen und ganz rot vor Freude, — sie wollte bleiben!

„Wollen Sie, ich werde Sie bespritzen,“ fragte Ludmilla rasch, „wollen Sie?“

„Oho,“ sagte Sascha, „sind Sie so! Sie wollen spritzen; warum so grausam?“

Ludmilla lachte laut auf und lehnte sich in den Sessel.

„Bespritzen!“ rief sie, „der dumme Junge! er hat mich falsch verstanden. Ich will Sie doch nicht mit Wasser bespritzen, sondern mit Parfum.“

Sascha sagte komisch:

„O! mit Parfum! Ja warum denn?“

Ludmilla nahm aus ihrer Tasche den Zerstäuber; sie ließ das dunkelrote, goldverzierte Fläschchen vor Saschas Augen blitzen und sagte:

„Sehen Sie, ich habe mir einen neuen Zerstäuber gekauft.“

Dann nahm sie aus der anderen Tasche ein großes Flakon mit einer bunten Etikette, Pariser Parfum Poa-Rosa von Herlaine. Sascha fragte:

„Ihre Taschen sind aber tief!“

Ludmilla antwortete fröhlich:

„Na, mehr dürfen Sie nicht erwarten. Leckereien habe ich nicht mitgebracht.“

„Leckereien,“ wiederholte Sascha neckend.

Neugierig sah er zu, wie Ludmilla die Flasche öffnete, und fragte:

„Wie gießt man das ohne Trichter herein?“

Ludmilla sagte fröhlich:

„Den Trichter müssen Sie mir geben.“

„Ich habe doch keinen,“ sagte er verlegen.

„Ganz wie Sie wollen, aber den Trichter werden Sie mir doch geben,“ sagte Ludmilla eigensinnig.

„Ich könnte einen aus der Küche holen, der riecht aber nach Petroleum,“ sagte Sascha.

Ludmilla lachte herzlich.

„Ach Sie unpraktischer Junge! Geben Sie mir einen Flick Papier, wenn Ihnen das Papier nicht leid tut, — dann haben wir einen Trichter.“

„O in der Tat!“ rief Sascha fröhlich, „man kann ja einen Trichter aus Papier drehen. Ich will’s gleich holen.“

Sascha lief in seine Stube.

„Darf es aus einem Heft sein,“ rief er von dort.

„Ganz egal,“ antwortete Ludmilla fröhlich. „meinetwegen aus einem Buch, z. B. aus der lateinischen Grammatik; mir würde es nicht leid tun.“

Sascha lachte und rief:

„Nein, nein — lieber aus einem Heft.“

Er fand ein noch unbenutztes Heft, riß die mittlere Seite aus und wollte schnell wieder in den Salon laufen, — aber Ludmilla stand schon auf der Schwelle.

„Darf man eintreten, Herr Gastgeber?“ fragte sie schelmisch.

„Aber bitte, ich bin sehr erfreut!“ rief Sascha fröhlich.

Ludmilla setzte sich an den Tisch, drehte einen Trichter aus dem Papier und goß das Parfum mit besorgt geschäftiger Miene aus dem Flakon in den Zerstäuber. Der Papiertrichter war an den Stellen, wo ihn die Flüssigkeit berührt hatte, ganz dunkel geworden. Nur langsam floß die Flüssigkeit durch den Trichter. Ein warmer, süßer Rosenduft gemischt mit scharfem Spiritusgeruch verbreitete sich durch das Zimmer.

Ludmilla hatte die Hälfte des Flakons in den Zerstäuber gegossen und sagte:

„So, es wird langen.“

Dann schraubte sie den Zerstäuber zu, knüllte das feuchte Papier zusammen und rieb es zwischen den Handflächen.

„Riech doch,“ sagte sie zu Sascha und hielt ihm die Handfläche vor die Nase.

Sascha bückte sich, schloß die Augen und roch. Ludmilla lachte, schlug ihn leicht mit der Handfläche auf den Mund und ließ die Hand auf seinen Lippen liegen. Sascha wurde rot und küßte ihre warme, duftende Handfläche, sie zärtlich mit bebenden Lippen berührend. Ludmilla seufzte auf; ihr liebliches Gesichtchen wurde für einen Augenblick verlangend-hingebend, dann nahm es wieder den ihm gewohnten Ausdruck glücklicher Freude an.

„Jetzt paß aber auf, wie ich dich bespritzen werde,“ sagte sie und drückte den Gummiball.

Ein duftender Staub flog auf, er verteilte und verbreitete sich in der Luft und benetzte Saschas Kleider. Sascha lachte und drehte sich gehorsam, wenn Ludmilla ihn stieß.

„Riecht’s gut,“ fragte sie.

„Sehr angenehm,“ antwortete er fröhlich. „Wie nennt man dieses Parfum?“

„So ein Junge! Nimm doch die Flasche und lies,“ neckte sie ihn.

Sascha las die Etikette und sagte:

„Darum, ich dachte schon, weil es so stark nach Rosenöl roch.“

„Oel!“ sagte Ludmilla vorwurfsvoll und schlug ihn leicht auf die Schulter.

Sascha lachte und steckte seine Zungenspitze vor.

Ludmilla war aufgestanden und wühlte in Saschas Büchern und Heften.

„Darf man sehen?“ fragte sie.

„Aber gewiß,“ sagte er.

„Zeig doch, wo sind deine Nullen und Einer.“[9]

Sascha antwortete gekränkt:

„So was habe ich bisher überhaupt nicht gehabt.“

„Na, das lügst du wohl,“ sagte Ludmilla bestimmt, „das ist einmal euer Schicksal Einer zu haben. Du hast sie versteckt, gesteh’s!“

Sascha lächelte und schwieg.

„Latein und Griechisch ist wohl was sehr Langweiliges,“ sagte Ludmilla.

„Nicht sonderlich,“ antwortete er; aber es war ihm anzumerken, daß ihn schon allein das Gespräch über Schulangelegenheiten langweilte.

„Es ist so langweilig zu ochsen,“ gestand er, „macht nichts, ich habe ein gutes Gedächtnis. Aber Rechenaufgaben zu lösen liebe ich.“

„Komm morgen nach dem Mittag zu mir,“ sagte Ludmilla.

„Danke, ich werde kommen,“ sagte Sascha errötend.

Es war ihm sehr angenehm, von Ludmilla eingeladen worden zu sein.

„Weißt du auch, wo ich wohne? Willst du kommen,“ fragte Ludmilla.

„Ich weiß. Schon recht, ich werde kommen,“ sagte er fröhlich.

„Aber komm bestimmt,“ wiederholte Ludmilla streng, „ich werde dich erwarten, hörst du?“

„Aber wenn ich zu viele Schulaufgaben haben sollte?“ sagte Sascha, mehr aus Gewissenhaftigkeit, als daß er tatsächlich um der Aufgaben willen nicht gekommen wäre.

„Ach, Dummheiten, komm nur,“ drängte Ludmilla, „man wird dir nicht das Fell über die Ohren ziehen.“

„Aber warum soll ich kommen?“ fragte Sascha lächelnd.

„Einfach darum. Du kommst. Ich habe dir einiges zu erzählen und zu zeigen,“ sagte Ludmilla, hüpfte und sang dazu, zupfte an ihrem Röckchen und spreizte ihre rosigen Fingerchen, „komm du mein Lieber, mein Goldner, mein Süßer.“

Sascha lachte.

„Erzählen Sie schon heute,“ bat er.

„Heute geht es nicht. Wie könnte ich heute erzählen? Dann wirst du morgen nicht kommen und sagen, du hättest keinen Grund gehabt, um zu kommen.“

„Also gut, ich werde bestimmt kommen, wenn man mir erlaubt.“

„Das fehlte noch! Natürlich wird man erlauben! Man hält dich doch nicht an der Kette.“

Als Ludmilla sich verabschiedete, küßte sie Sascha auf die Stirn und hob ihre Hand an seine Lippen, so daß er sie küssen mußte. Und es war ihm angenehm, die weiße, feine Hand noch einmal küssen zu dürfen, — und doch schämte er sich. Wie sollte man da nicht rot werden.

Als Ludmilla fortging, lächelte sie zärtlich und schelmisch. Sie kehrte sich einigemal um.

Wie lieb sie ist! dachte er.

Sascha war allein.

Sie ist so schnell gegangen! dachte er. Plötzlich hatte sie sich aufgemacht, und, kaum gedacht, ist sie schon fort. Wäre sie noch ein Augenblickchen geblieben! — dachte er und schämte sich, daß er es vergessen hatte, sie zu begleiten.

Könnte ich noch ein wenig mit ihr gehen, dachte er. Soll ich sie einholen? Vielleicht ist sie schon weit fort? Wenn ich schnell laufe, hole ich sie noch ein.

Vielleicht wird sie mich auslachen? dachte er. Oder vielleicht werde ich sie stören.

So konnte er sich nicht entschließen, ihr nachzulaufen. Ihm war es traurig zumute. Auf seinen Lippen lag noch die zärtliche Berührung ihrer Hand und auf seiner Stirn brannte ihr Kuß.

Sie küßt so süß, kam es ihm in den Sinn, wie ein liebes Schwesterchen!

Seine Wangen brannten. Er schämte sich und doch war ihm so leicht. Unklare Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf.

Wäre sie doch meine Schwester, träumte er, könnte ich zu ihr hin, sie umarmen, ihr ein liebes Wort sagen, sie rufen: Millachen, liebste! oder sie sonst mit einem besonderen Namen rufen, — z. B. Buba oder Heuschrecke. Und sie würde darauf antworten. O — wäre das schön!

Aber sie ist mir nur eine Fremde, dachte er traurig, sie ist sehr lieb, aber doch fremd. Sie kam und ging, und denkt gewiß nicht mehr an mich. Nur ein süßer Duft von Flieder und Rosen erinnert an sie und die Berührung der Lippen von zwei zärtlichen Küssen; — das Herz zittert, wenn ich daran denke, und schenkt mir einen schönen Traum, schön wie Aphrodite den Wellen entstieg.

 

Bald darauf kam die Kokowkina heim.

„Wonach riecht es so stark?“ sagte sie.

Sascha wurde rot.

„Millachen war hier,“ sagte er. „Sie waren aber nicht zu Hause; da blieb sie ein wenig, parfumierte mich und ging wieder fort.“

„Was für Zärtlichkeiten!“ sagte die Alte verwundert, „‚Millachen‘ zu sagen!“

Sascha lachte verlegen und lief davon. Die Kokowkina aber dachte bei sich, die Rutiloffschen Mädchen wären ganz besonders liebenswürdige junge Damen, alt und jung verständen sie zu bezaubern.

 

Gleich am Morgen des nächsten Tages freute sich Sascha beim Gedanken daran, ausgehen zu dürfen. Ungeduldig wartete er auf das Mittagessen. Nach dem Essen bat er ganz rot vor Verlegenheit, bis sieben Uhr zu Rutiloffs gehen zu dürfen. Die Kokowkina war erstaunt, ließ ihn aber gehen.

Sascha lief fröhlich davon. Er hatte sich sorgfältig gekämmt und sogar Pomade in die Haare getan. Er freute sich sehr und war ein wenig aufgeregt, als hätte er etwas Bedeutungsvolles, doch Schönes vor. Besonders angenehm war ihm der Gedanke daß er gleich bei der Begrüßung Ludmillas Hand küssen würde und sie ihn auf die Stirn; und dann, wenn er wieder nach Hause müßte, würden sie sich wieder küssen. Es ließ sich so wunderbar von Ludmillas feinen, schlanken Händen träumen.

Alle drei Schwestern begrüßten Sascha schon im Vorhause. Sie pflegten gerne am Fenster zu sitzen und auf die Straße zu sehen. So kam es, daß sie ihn schon von weitem kommen sahen. In stürmischer Fröhlichkeit umringten ihn die drei lustigen, eleganten, laut durcheinandersprechenden Damen, — und er fühlte sich gleich wohl in ihrer Mitte.

„Da ist er ja — der geheimnisvolle, junge Mann!“ rief Ludmilla fröhlich.

Sascha küßte ihr die Hand; er tat es sehr gewandt und mit sichtlichem Vergnügen. Gleich in eins küßte er auch den beiden andern Schwestern die Hand, — er konnte sie doch nicht übergehen, — und fand, daß auch dieses nicht unangenehm wäre, um so mehr, als ihn alle drei auf die Wange küßten; — Darja tat es laut und gleichmütig, als hätte sie ein Brett vor sich; Valerie küßte zart, — sie hatte die Augen gesenkt — es waren schlaue Aeuglein, — kicherte verschämt und berührte kaum mit ihren durstigen, fröhlichen Lippen die Wange, — ihr Kuß schwebte nieder wie eine zarte, duftige Apfelblüte; — Ludmilla küßte ihn glücklich, fröhlich und fest auf die Wange.

„Das ist mein Gast,“ erklärte sie mit Bestimmtheit und führte Sascha in ihr Zimmer.

Darja ärgerte sich darüber.

„Ist es dein Gast, so küß ihn auch allein,“ rief sie böse. „Hast da einen schönen Schatz gefunden! Keiner macht ihn dir streitig.“

Valerie sagte nichts, sie lächelte nur, — was konnte es für ein Vergnügen sein sich mit einem dummen Jungen zu unterhalten! Er konnte ja nichts begreifen?

Ludmillas Zimmer war geräumig, hell und freundlich. Vor den zwei großen Fenstern, die auf den Garten hinausgingen, waren nur leichte, gelbe Tüllvorhänge. Im Zimmer duftete es süß. Alle Gegenstände waren elegant und hell. Die Stühle und Sessel waren von einem goldgelben, von einem weißen Muster kaum sichtbar durchwirkten Stoffe bezogen. Ueberall standen Flakons mit Odeur oder wohlriechendem Wasser, kleine Kristallschälchen und Körbchen, Fächer und einige russische und französische Bücher.

„Heute Nacht habe ich von dir geträumt,“ erzählte Ludmilla lachend, „ich sah dich im Fluß bei der Stadtbrücke schwimmen; ich selber saß auf der Brücke und angelte dich.“

„Und sperrten mich dann in ein Glas?“ neckte Sascha.

„Warum in ein Glas?“

„Wohin denn sonst?“

„Wohin? Ich zauste dich gründlich an den Ohren und warf dich wieder zurück in den Fluß.“

Und Ludmilla lachte hell auf.

So sind Sie also!“ sagte Sascha. „Und was wollten Sie mir heute erzählen?“

Ludmilla lachte nur und sagte nichts.

„Sie haben mich also betrogen,“ erriet er, „und außerdem versprachen Sie, mir etwas zu zeigen,“ sagte er vorwurfsvoll.

„Ich werde dir zeigen! Willst du was essen?“ fragte sie.

„Ich komme eben vom Mittag,“ sagte er. „So betrügen Sie einen!“

„Ich hab’ es gerade nötig, dich zu betrügen. Aber du riechst ja nach Pomade?“ fragte sie plötzlich.

Sascha wurde rot.

„Ich kann Pomade nicht leiden!“ sagte Ludmilla geärgert. „So was Weibisches!“

Sie strich mit der Hand über sein Haar und gab ihm dann mit der fettigen Handfläche einen kleinen Klaps auf die Backe.

„Das darfst du nie wieder tun!“ sagte sie.

Sascha wurde verlegen.

„Gut, ich will’s nicht wieder tun,“ sagte er, „Sie sind furchtbar streng und parfumieren sich doch selber!“

„Zwischen Parfum und Pomade ist eben ein großer Unterschied, dummer Junge! Es ist doch gar nicht zu vergleichen,“ sagte Ludmilla belehrend, „ich habe nie Pomade gebraucht. Warum soll ich mir die Haare verkleben! Parfum ist doch ganz was anderes. Komm, ich werde dich parfumieren. Willst du? Mit etwas Flieder, — willst du?“

„Ich will,“ sagte Sascha und lächelte.

Es war ihm angenehm zu denken, wie die Kokowkina staunen würde, wenn er wieder parfumiert nach Hause kommen würde.

„Wer will?“ fragte Ludmilla noch einmal, nahm den Flakon mit Flieder in die Hand und blickte Sascha halb fragend und schelmisch an.

„Ich will,“ wiederholte Sascha.

„Will? Will, well — bell? Du bellst also?“ neckte Ludmilla.

Beide lachten fröhlich.

„Fürchtest du dich noch vor dem Spritzen?“ fragte Ludmilla, „weißt du noch, wie du gestern Angst hattest?“

„Ich hatte gewiß keine Angst,“ verteidigte sich Sascha eifrig.

Ludmilla lachte und neckte den Jungen. Dann parfumierte sie ihn mit Flieder. Sascha bedankte sich und küßte ihr die Hand.

„Außerdem laß dir die Haare schneiden!“ sagte Ludmilla streng, „was soll diese Lockenperücke! Willst du die Pferde auf der Straße scheu machen?“

„Schon gut; ich will sie mir schneiden lassen,“ erklärte Sascha, „aber warum sind Sie so entsetzlich streng? Ich habe ja noch ganz kurze Haare, kaum einen halben Zoll lang, und sogar der Inspektor hat mir noch nichts darüber gesagt.“

„Ich liebe es, wenn junge Leute ihre Haare kurz tragen; merk dir das,“ sagte Ludmilla wichtig und drohte mit dem Finger; „ich bin nicht dein Inspektor, und mir muß gehorcht werden.“

 

Von diesem Tage an kam Ludmilla oft zur Kokowkina, um Sascha zu sehen. Besonders in der ersten Zeit bemühte sie sich, nur dann zu kommen, wenn die Kokowkina nicht zu Hause war. Manchmal wußte sie es besonders schlau einzurichten — und lockte die alte Frau von Hause fort.

Einmal sagte ihr Darja:

„Wie bist du doch feige! Bist bange vor einer alten Frau. Geh doch hin, wenn sie zu Hause ist und nimm ihn mit zu einem Spaziergang.“

Ludmilla merkte sich den Rat, — und ging nun hin, wann es ihr paßte. War die Kokowkina zu Hause, so plauderte sie ein wenig mit ihr und ging dann mit Sascha spazieren, — in solchen Fällen pflegte sie ihn jedoch nur für kurze Zeit in Anspruch zu nehmen.

Ludmilla und Sascha wurden bald gute Freunde, — allein ihre Freundschaft war unruhiger, wenn auch zärtlicher Natur. Ohne sich dessen bewußt zu werden, weckte Ludmilla in Sascha frühreifes und unklares Verlangen und Begehren.

Es kam oft vor, daß Sascha Ludmillas Hände küßte, — ihre schmalen, schönen Hände, die von einer zarten, elastischen Haut umspannt waren, durch deren blaßrosa Gewirke weitverzweigte blaue Aederchen schimmerten. Und dann höher hinauf. Es war so leicht ihren graziösen, schlanken Arm zu küssen, man brauchte ja nur die breiten Aermel bis zum Ellenbogen hinaufzustreifen.

Mitunter erzählte Sascha der Kokowkina nicht, wenn Ludmilla dagewesen war. Er log zwar nicht, — aber er verschwieg es. Und wie hätte er auch lügen sollen, — das Dienstmädchen hätte plaudern können. Es wurde ihm nicht leicht, von Ludmillas Besuchen zu schweigen: ihr helles Lachen klang immer in seinen Ohren. Er wollte von ihr sprechen. Und doch, — es war so unbequem.

Auch mit den andern Schwestern wurde Sascha bald gut Freund. Er küßte ihnen allen die Hand und rief sie sogar bei ihren Kosenamen: Daschenka, Millachen, Vallichen.

XVII

Ludmilla traf Sascha eines Nachmittags auf der Straße. Sie sagte:

„Morgen hat die älteste Tochter des Direktors Geburtstag, — wird deine Pflegemutter hingehen?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Sascha.

Und schon regte sich die freudige Hoffnung in seinem Herzen, vielleicht war es weniger Hoffnung als Wunsch, daß die Kokowkina ausgehen und Ludmilla gerade dann kommen würde, um mit ihm allein zu sein ...

Am Abend erinnerte er die Kokowkina an den Geburtstag.

„Fast hätte ich es vergessen,“ sagte die Kokowkina. „Ich werde hingehen. Es ist ein sehr liebes Mädchen.“

Und gerade, wie Sascha aus der Schule heimkam, machte sich die Kokowkina auf den Weg. Er freute sich beim Gedanken, daß er diesmal mit geholfen hatte, die Kokowkina zu entfernen. Und er war fest davon überzeugt, daß Ludmilla Zeit finden würde zu kommen.

So war es auch; — Ludmilla kam. Sie küßte ihn auf die Wange und reichte ihm ihre Hand zum Kusse. Sie lachte fröhlich, und er wurde rot. Ludmillas Kleider dufteten heute nach Rosa-Iris, ein schwerer, süßer Blumenduft: die sinnbetörende, lüsterne Iris — gelöst in zart duftenden Rosen.

Ludmilla hatte eine schmale in Seidenpapier gewickelte Schachtel mitgebracht. Durch das Papier schimmerte eine gelbe Reklamezeichnung. Sie setzte sich, legte die Schachtel auf ihre Knie und blickte Sascha schelmisch an.

„Magst du Datteln?“ fragte sie.

„Furchtbar,“ sagte Sascha und machte eine komische Grimasse.

„So, dann werde ich dich bewirten,“ sagte sie wichtig.

Sie öffnete die Schachtel.

„Iß!“ befahl sie.

Sie selber nahm eine Frucht nach der anderen aus der Schachtel und steckte sie Sascha in den Mund; und jedesmal mußte er ihr die Hand küssen. Sascha sagte:

„Aber meine Lippen sind ganz klebrig.“

„Das tut nichts, küß nur immer zu,“ antwortete Ludmilla fröhlich, „es kränkt mich nicht.“

„Dann küß ich doch lieber mit einem Mal,“ sagte Sascha und lachte.

Schon streckte er seine Hand nach den Früchten.

„Du wirst mich betrügen,“ rief Ludmilla, klappte rasch die Schachtel zu und gab ihm einen Klaps auf die Finger.

„Ach nein, ich bin ganz ehrlich, ich werde gewiß nicht betrügen,“ beteuerte Sascha.

„Ich glaub’ es nicht, ich glaub’ es nicht,“ wiederholte Ludmilla.

„Dann darf ich im voraus küssen,“ schlug er vor.

„Das geht eher,“ sagte Ludmilla fröhlich, „küß nur.“

Sie reichte Sascha ihre Hand. Er ergriff ihre schlanken Finger, küßte sie einmal und fragte, ohne die Hand loszulassen, schlau lächelnd:

„Werden Sie mich auch nicht betrügen, Millachen?“

„Bin ich denn eine unehrliche Person,“ sagte Ludmilla fröhlich, „ich werde dich nicht betrügen, küß nur zu! — unbedenklich.“

Sascha beugte sich über ihre Hand und küßte sie eifrig; gleichmäßig bedeckte er ihre ganze Handfläche mit Küssen, wobei er seine Lippen weit offen hielt, und es war ihm angenehm, sich einmal sattküssen zu dürfen. Aufmerksam zählte Ludmilla die Küsse. Beim zehnten sagte sie:

„Es ist gewiß unbequem im Stehen zu küssen; du muß dich bücken.“

„Dann will ich es mir bequemer machen,“ sagte er.

Er kniete nieder und fuhr ebenso eifrig in seiner Beschäftigung fort.

Sascha liebte zu naschen. Es hatte ihm sehr gefallen, daß Ludmilla ihm was mitgebracht hatte. Dafür liebte er sie noch inniger.

Ludmilla hatte Sascha mit sinnerregendem, süßem Odeur parfumiert. Dieser Duft setzte ihn in Erstaunen. Er war so eigen, aufregend, dunkel und doch hell, wie ein goldiges, frühes, sündiges Morgenrot hinter einer fahlen Dämmerung. Sascha sagte:

„Der Duft ist so merkwürdig!“

„Gieß dir mal auf die Hand davon,“ riet Ludmilla.

Sie reichte ihm ein häßliches, vierkantiges, grobgeschliffenes Fläschchen. Sascha sah sich die Farbe an, — es war eine grell-gelbe, lebhafte Flüssigkeit. Eine grobe, häßliche Etikette mit französischer Aufschrift, aus der Fabrik von Puiver. Sascha nahm den flachen Glasstöpsel, zog ihn heraus und roch. Dann tat er so wie er es bei Ludmilla gesehen hatte, — er legte die Handfläche fest auf die Oeffnung des Fläschchens, kehrte es geschwind um und stellte es dann wieder mit dem Boden nach unten beiseite; dann verrieb er die wenigen Tropfen der Flüssigkeit auf der Handfläche und roch daran, — der Spiritus war bald verflogen, nur der reine Duft war geblieben. Ludmilla blickte auf ihn in gespannter, erregter Erwartung. Sascha sagte unsicher:

„Es riecht ein wenig nach verzuckerten Wanzen!“

„Lüg doch nicht, ich bitte,“ sagte Ludmilla ärgerlich.

Auch sie schüttete sich einige Tropfen auf die Hand und roch daran. Sascha wiederholte:

„Wirklich, es riecht nach Wanzen.“

Ludmilla brauste zornig auf; ihr traten die Tränen in die Augen, — gab Sascha einen Schlag ins Gesicht und rief:

„Du unverschämter Bengel! Da, nimm das für die Wanzen.“

„Gut getroffen!“ sagte Sascha, lachte und küßte ihre Hand. „Was hat Sie so gekränkt, liebstes Millachen? Wonach riecht es denn, Ihrer Meinung nach.“

Ueber den Schlag ärgerte er sich nicht, — er war ganz bezaubert von ihrem Wesen.

„Wonach?“ fragte Ludmilla und faßte ihn am Ohrläppchen, „das will ich dir gleich sagen wonach, erst will ich dich gründlich am Ohr zausen.“

„O weh, o weh, Millachen, Liebste, ich werde nie mehr!“ flehte Sascha und krümmte sich vor Schmerz.

Ludmilla ließ das stark gerötete Ohr los, zog den Jungen zärtlich heran, nahm ihn auf den Schoß und sagte:

„Merk auf, — im Zyklamen lebt ein dreifacher Hauch, — das arme Blümlein duftet nach süßer Ambrosia, — das ist für die fleißigen Bienen. Du weißt doch, man nennt’s auch Schweinsbrod.“

„Schweinsbrod,“ wiederholte Sascha und lachte, „wie komisch!“

„Lach nicht, Wildfang,“ sagte Ludmilla, packte ihn am andern Ohr und fuhr fort: „Süße Ambrosia, über ihr summen die Bienen; — das ist des Blümleins Freude. Dann riecht es ganz zart nach Vanille; das ist aber nicht für die Bienen, sondern es ist für solche Dinge, die wir erträumen. Dies ist sein Wunsch: eine Blume und das Gold der Sonne über ihr. Und der dritte Hauch ist dieser: es ist der zärtliche, süße Duft des Körpers. Er ist für jene da, welche lieben, und dieses ist seine Liebe: das arme Blümlein in der glühenden Hitze des Mittags. Biene, Sonne und Glut, — verstehst du mich, Liebster?“

Sascha nickte schweigend. Sein ganzes Gesicht flammte, und die langen, dunkeln Wimpern zitterten. Ludmilla blickte träumend in die Ferne, ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie fuhr fort:

„Das zarte und sonnige Zyklamen erfreut uns; es erregt in uns ein Verlangen, welches süß ist und davor wir erschrecken; es macht unser Blut flammend. Begreif es wohl, mein Sonnenprinz, es ist so tief, und süß, und weh; es ist, daß man weinen möchte. Begreifst du das? So ist dieses Blümlein.“

Und ihre Lippen neigten sich zu einem langen Kuß auf Saschas Mund.

 

Ludmilla blickte nachdenklich vor sich hin. Plötzlich zuckte ein schelmisches Lächeln um ihre Lippen. Ganz leise stieß sie Sascha fort und fragte:

„Liebst du rote Rosen?“

Sascha seufzte tief, öffnete die Augen, lächelte und flüsterte:

„Ja, ich liebe sie.“

„Die großen, roten?“ fragte Ludmilla.

„Alle liebe ich, die großen und kleinen,“ sagte er keck und sprang mit einer geschickten knabenhaften Bewegung von ihrem Schoß.

„Wirklich auch die roten?“ fragte Ludmilla zärtlich, und ihre helle Stimme zitterte vor verhaltenem Lachen.

„Ja, ich liebe sie,“ sagte er rasch.

Ludmilla lachte und wurde rot.

„Du liebst also die roten; du liebst Ruten, — o du dummer Junge; schade nur, daß niemand da ist, der dich verprügeln könnte,“ rief sie.

Beide lachten und wurden rot.

Diese notwendigerweise noch harmlosen Gefühlswallungen waren Ludmillas ganze Freude in ihrer Freundschaft zu Sascha. Sie erregten, — und waren doch so ganz anders als die groben und widerlichen Annäherungsversuche der Männer ...

 

Sie stritten, wer von ihnen der Stärkere wäre. Ludmilla sagte:

„Meinetwegen bist du der Stärkere. Es kommt aber nur darauf an, wer gewandter ist.“

„Ich bin auch gewandt,“ renommierte Sascha.

„Ach geh, du und gewandt!“ neckte Ludmilla.

Lange stritten sie noch. Endlich schlug Ludmilla vor:

„Wollen wir ringen!“

Sascha lachte und sagte selbstgefällig:

„Sie können nicht mit mir fertig werden!“

Ludmilla kitzelte ihn.

„Sind Sie so!“ rief er lachend, machte sich mit einem Ruck frei und faßte sie um die Hüften.

So kam es zu einer Balgerei. Ludmilla merkte sofort, daß Sascha stärker war. Mit Kraft allein konnte sie nicht gegen ihn aufkommen, daher wartete sie auf einen günstigen Augenblick und stellte ihm ein Bein, — er stürzte und zog Ludmilla im Fallen nach sich. Doch Ludmilla wußte sich geschickt zu befreien und drückte ihn zu Boden. Sascha rief verzweifelt:

„Das ist unehrlich!“

Aber Ludmilla kniete auf seiner Brust und drückte ihn mit den Händen zu Boden. Sascha suchte mit Gewalt freizukommen, doch Ludmilla kitzelte ihn wieder. Beide lachten unbändig. Vor lauter Lachen mußte sie ihn schließlich loslassen und blieb auf dem Boden liegen. Sascha sprang auf. Er war ganz rot geworden und sehr enttäuscht.

„Nixe!“ rief er.

Und die Nixe lag auf dem Boden und lachte aus vollem Halse.

 

Ludmilla nahm Sascha zu sich auf den Schoß. Das Ringen hatte sie erschöpft, jetzt blickten sie einander fröhlich in die Augen und lächelten.

„Ich bin zu schwer für Sie,“ sagte Sascha, „ich werde Ihre Knie plattdrücken, lassen Sie mich lieber neben Ihnen sitzen.“

„Das macht nichts, bleib nur,“ antwortete Ludmilla sanft, „du hast doch selber gesagt, daß du es liebtest zärtlich zu sein.“

Sie streichelte seine Stirn. Er schmiegte sich dicht an sie. Sie sagte:

„Du bist sehr hübsch.“

Sascha wurde rot und lachte.

„Was nicht gar!“ sagte er.

Dieses Gespräch über die Schönheit in Anwendung auf ihn selber verwirrte ihn; er hatte noch nie darüber nachgedacht, ob die Menschen ihn für hübsch oder für häßlich hielten.

Ludmilla kniff ihn in die Wange. Sascha lächelte. Auf der Wange war ein roter Fleck geblieben. Das sah hübsch aus. Ludmilla kniff auch die andere Backe. Sascha wehrte sich nicht. Er nahm nur ihre Hand, küßte sie und sagte:

„Kneifen Sie nicht mehr, es schmerzt doch, und auch Ihre Fingerchen werden hart werden.“

„Ach, es schmerzt ja gar nicht,“ sagte Ludmilla gedehnt, „seit wann schneidest du denn Komplimente?“

„Ich habe keine Zeit mehr, ich muß noch lernen. Seien Sie noch ein wenig lieb zu mir. Das wird mir Glück bringen, und ich werde im Griechischen die Note Fünf erhalten.“

„Du willst mich wohl forthaben!“ sagte Ludmilla.

Sie nahm seine Hand und streifte den Aermel seiner Jacke über den Ellenbogen hinauf.

„Wollen Sie mich schlagen?“ fragte Sascha verlegen und errötete schuldbewußt.

Aber Ludmilla war ganz in Betrachtung des Armes versunken; sie drehte ihn hin und her.

„Du hast sehr schöne Arme,“ sagte sie laut und fröhlich und küßte den Arm.

Sascha wurde ganz rot. Er wollte den Arm fortreißen, aber Ludmilla hielt ihn sehr fest und küßte ihn noch einigemale. Sascha wurde ganz still, und ein merkwürdiger Ausdruck legte sich um seine halblächelnden, purpurnen Lippen, — und eine Blässe flog über seine von dichten Wimpern beschatteten, glühenden Wangen.

Sie verabschiedete sich. Sascha hatte Ludmilla bis zum Gartenpförtchen begleitet. Er wäre auch weiter gegangen, aber sie erlaubte es nicht. Er blieb am Pförtchen stehen und sagte:

„Liebste, komm öfter zu mir, und bring mir was recht Schönes, Süßes mit.“

Dieses erste „Du“ aus seinem Munde klang Ludmilla wie ein zartes Liebesgeständnis. Sie umarmte ihn stürmisch, sie küßte ihn und lief davon. Sascha blieb wie betäubt stehen.

 

Sascha hatte versprochen zu kommen. Die verabredete Stunde war schon längst vorüber, — er kam nicht. Ludmilla wartete ungeduldig, sehnsüchtig — bange. Immer wieder lief sie ans Fenster, wenn sie draußen Schritte hörte. Die Schwestern lachten sie aus. Sie antwortete gereizt und erregt:

„Laßt mich in Frieden!“

Und dann machte sie ihnen die heftigsten Vorwürfe, weil sie lachten. Jetzt war es klar, — Sascha würde nicht kommen. Sie weinte vor Kummer und Enttäuschung.

„O weh, o weh, o der Kummer!“ neckte sie Darja.

Ludmilla flüsterte schluchzend, — und vergaß vor lauter Gram sich darüber zu ärgern, daß man sie neckte:

„Die alte, eklige Schachtel hält ihn fest; sie bindet ihn an ihre Röcke, damit er fleißig lernt.“

Darja sagte mitfühlend:

„Und er ist auch dumm genug und weiß sich nicht freizumachen.“

„Mit einem Baby sich einzulassen,“ murmelte Valerie verächtlich.

Beide Schwestern verhielten sich teilnehmend zu Ludmillas Kummer, obgleich sie sie neckten. Sie liebten alle einander, wenn auch nicht herzlich, so doch zärtlich: eine oberflächliche, teilnehmende Liebe! Darja sagte:

„Laß doch das Weinen; wegen eines grünen Jungen verdirbt man sich nicht die Augen. Es ist doch wirklich beinah, als steckte der Satan hinter dem Bengel.“

„Wer ist der Satan?“ rief Ludmilla heftig und wurde dunkelrot vor Zorn.

„Liebes Kind,“ antwortete Darja gelassen, „was hilft’s, daß du jung bist, nur ...“

Darja ließ den Satz unbeendet und pfiff schrill durch die Zähne.

„Unsinn!“ sagte Ludmilla und ihre Stimme hatte einen merkwürdig metallenen Klang.

Ein eigentümlich hartes Lächeln huschte trotz der Tränen über ihr Gesicht; ein Lächeln ähnlich einem grell auffahrenden Strahl der untergehenden Sonne durch letzte, müde Regenschauer.

Darja fragte empfindlich:

„Sag mir bitte, was ist an ihm interessant?“

Ludmilla antwortete nachdenklich und gemessen, — und dasselbe wunderliche Lächeln spielte um ihr Gesicht:

„Er ist schön! Und dann schlummert vieles in ihm, was noch nicht verausgabt ist!“

„Gott, wie billig!“ sagte Darja spöttisch. „Das dürfte bei allen Jungen zutreffen.“

„Es ist nicht billig,“ antwortete Ludmilla gereizt, „es gibt auch gemeine Jungen.“

„Ist er vielleicht rein?“ fragte Valerie; das Wort „rein“ sagte sie nachlässig und verächtlich.

„Du verstehst viel davon!“ rief Ludmilla heftig, aber sie faßte sich gleich und sagte leise und verträumt:

„Er ist unschuldig!“

„Was nicht gar!“ sagte Darja höhnisch.

„Er ist im schönsten Alter,“ sagte Ludmilla, „zwischen vierzehn und fünfzehn. Noch kann er gar nichts und versteht auch nichts, aber er ahnt alles, wirklich alles. Außerdem hat er keinen scheußlichen Bart.“

„Auch ein Vergnügen!“ sagte Valerie verächtlich die Achseln zuckend.

Sie wurde traurig. Sie kam sich selber schwach, klein und zerbrechlich vor, und beneidete die Schwestern, — Darja wegen ihres fröhlichen Lachens, und Ludmilla wegen ihres Kummers. Ludmilla sagte:

„Ihr wollt nicht begreifen! Ich liebe ihn nicht so, wie ihr es glaubt. Es ist besser einen Knaben zu lieben als sich in eine gemeine, bärtige Fratze zu vergaffen. Ich liebe ihn unschuldig. Ich will nichts von ihm.“

„Wenn du nichts von ihm willst, so laß ihn doch in Gottes Namen laufen!“ antwortete Darja grob.

Ludmilla wurde rot und etwas wie Schuldbewußtsein grub schwere Falten in ihre Stirn. Darja taten ihre Worte leid. Sie trat auf Ludmilla zu, umarmte sie und sagte:

„Sei nicht böse! wir wollten dich nicht kränken.“

Ludmilla brach in Tränen aus, schmiegte sich an Darjas Schulter und sagte traurig:

„Ich weiß, daß ich nichts zu erhoffen habe. Er soll nur lieb zu mir sein, ganz klein wenig lieb.“

„Wozu der Kummer!“ sagte Darja hart, ging in die Mitte des Zimmers, stemmte die Arme in die Seiten und sang laut: