WeRead Powered by ReaderPub
Der kleine Dämon cover

Der kleine Dämon

Chapter 22: XXI
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A petty, embittered provincial man nurses jealousies, ambitions, and paranoid fantasies while entangling himself in local gossip, romantic entanglements, and petty schemes. Through close psychological observation and satirical depiction of town life, the narrative exposes hypocrisy, vanity, and spiritual emptiness; grotesque and symbolic details intensify a mood of decay and malignity. Episodes alternate dark comedy with sinister undertones as the protagonist's resentments produce manipulation, obsessions about status and marriage, and escalating moral deterioration. The work blends realist social portraiture with hallucinatory imagery to trace the corrosive effects of small cruelties on both an individual and communal level.

XX

Am Abend ging Peredonoff in den Klub; man hatte ihn zu einer Kartenpartie gebeten. Auch der Notar Gudajewskji war gekommen, derselbe über dessen Sohn Peredonoff noch vor wenigen Tagen eine scharfe Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatte. Peredonoff erschrak, als er ihn sah. Gudajewskji verhielt sich aber ganz still und Peredonoff beruhigte sich wieder.

Man spielte lange und trank viel. Es war schon spät in der Nacht, als Gudajewskji plötzlich auf Peredonoff zustürzte, ihn ohne weitere Erklärung einigemal ins Gesicht schlug und ihm dabei die Brille zerschlug. Dann entfernte er sich ebenso plötzlich und verließ das Lokal. Peredonoff leistete nicht den geringsten Widerstand, stellte sich betrunken, ließ sich zu Boden fallen und schnarchte. Man rüttelte ihn auf und brachte ihn nach Hause.

Tags darauf sprach man in der ganzen Stadt von der Affäre.

Am selben Abend hatte Warwara endlich eine günstige Gelegenheit gefunden, um von Peredonoff den ersten gefälschten Brief zu entwenden. Die Gruschina hatte es als unbedingt erforderlich verlangt, damit bei einem etwaigen Vergleich der beiden Briefe keine Unterschiede zu finden wären. Sonst pflegte Peredonoff diesen Brief bei sich zu tragen, — heute aber hatte er ihn ganz zufällig vergessen: als er sich umkleidete, hatte er ihn aus der Rocktasche genommen und ihn unter ein Lehrbuch auf die Lade gelegt. Da war er liegen geblieben.

Warwara verbrannte ihn dann in Gegenwart der Gruschina.

Als Peredonoff spät in der Nacht heimkehrte, und als Warwara die zerbrochene Brille bemerkte, sagte er ihr, die Gläser wären von selber geplatzt. Sie glaubte es, und meinte die böse Zunge Wolodins wäre schuld daran. Auch Peredonoff glaubte an die böse Zunge Wolodins.

Uebrigens hörte Warwara schon tags darauf von der Gruschina alle Einzelheiten über die Prügelei im Klub.

Als Peredonoff sich am Morgen ankleidete, fiel ihm der Brief ein, er konnte ihn nirgends finden, und erschrak heftig. In wilder Aufregung schrie er:

„Warwara, wo ist der Brief?“

Warwara verlor die Fassung.

„Was für ein Brief?“ fragte sie und blickte Peredonoff erschreckt und böse an.

„Von der Fürstin!“ schrie Peredonoff.

Warwara hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln. Sie lächelte gemein und sagte:

„Woher soll ich es wissen. Du hast ihn wohl in den Papierkorb geworfen und Klawdja wird ihn verbrannt haben. Such ihn doch selber. Vielleicht steckt er irgendwo.“

Peredonoff ging in trübster Stimmung in das Gymnasium. Die Unannehmlichkeiten von gestern Abend fielen ihm ein. Dann dachte er an Kramarenko: wie durfte sich dieser unverschämte Bengel unterstehen, ihn einen Schweinehund zu nennen. Das bedeutete mit andern Worten: der Schüler hat keinen Respekt vor ihm — dem Lehrer. Vielleicht hatte der Junge etwas Schlimmes über ihn in Erfahrung gebracht. Vielleicht wollte er ihn angeben.

Während des Unterrichts starrte ihn Kramarenko unentwegt an und lächelte. Das erregte Peredonoff noch mehr.

Nach der dritten Stunde wurde er zum Direktor gebeten. Ihm ahnte nichts Gutes, aber er ging.

Von allen Seiten waren bei Chripatsch Klagen eingelaufen. Noch heute morgen hatte man ihm von den Ereignissen des gestrigen Abends im Klub erzählt. Dann war gestern nach dem Unterricht der Schüler Wolodja Bultjakoff zu ihm gekommen, um sich über Peredonoff zu beschweren: auf Peredonoffs Angaben hin hätte ihn seine Pensionsmutter bestraft. Nun fürchtete der Junge einen zweiten Besuch Peredonoffs mit ähnlichen Folgen und hatte sich rasch entschlossen an den Direktor gewandt.

Mit seiner trocknen, scharfen Stimme machte Chripatsch Peredonoff Mitteilung von den Gerüchten, die zu ihm gedrungen waren, „es sind zuverlässige Quellen,“ fügte er hinzu, nämlich, daß Peredonoff die Schüler in ihren Wohnungen aufsuche und deren Eltern und Erziehern durchaus unzuverlässige Angaben mache über Betragen und Fortschritte der Kinder und außerdem verlange, man solle den Jungen züchtigen. Hieraus ergeben sich dann mitunter die unangenehmsten Konflikte mit den Eltern, wie z. B. gestern abend im Klub mit dem Notar Gudajewskji.

Peredonoff hörte wütend und doch geängstigt zu. Jetzt schwieg Chripatsch.

„Nun, was ist denn dabei,“ sagte Peredonoff böse, „er geht mit den Fäusten drauf los; ist das etwa schicklich? Er hatte nicht das geringste Recht dazu, mir in die Fratze zu fahren. Er geht nie in die Kirche, glaubt an einen Affen und will den Sohn zur selben Sekte bekehren. Man muß ihn denunzieren, — er ist Sozialist.“

Chripatsch blickte aufmerksam auf Peredonoff und sagte eindringlich:

„Das geht uns absolut nichts an; auch verstehe ich durchaus nicht, was Sie eigentlich mit der originellen Bezeichnung „an einen Affen glauben“ zu meinen belieben. Ich glaube, man täte gut daran, die Religionsgeschichte mit neu erfundenen Kultusformen nicht zu bereichern. Bezüglich der Ihnen widerfahrenen Kränkung aber würde ich es für ratsam erachten, die Sache vors Gericht zu bringen. Im übrigen täten Sie vielleicht gut daran, — Ihre Stellung in unserm Gymnasium aufzugeben. Das wäre der beste Ausweg, — sowohl in Ihrem eigenen Interesse als in dem des Gymnasiums.“

„Ich will Inspektor werden,“ entgegnete Peredonoff böse.

„Bis zu jenem Zeitpunkte aber,“ fuhr Chripatsch fort, „haben Sie Ihre merkwürdigen Spaziergänge einzustellen. Sie müssen doch zugeben, daß ein solches Betragen einem Pädagogen nicht geziemt, außerdem aber die Autorität der Lehrer bei den Schülern untergräbt. In die Schülerwohnungen gehn, um die Jungen zu prügeln, — das ...“

Chripatsch beendete den Satz nicht. Er zuckte nur mit den Schultern.

„Was ist denn dabei?“ entgegnete Peredonoff wiederum, „ich tue es doch zu ihrem Besten.“

„Ich bitte, wir wollen nicht streiten,“ unterbrach ihn Chripatsch schroff, „ich verlange von Ihnen ein für allemal, daß solche Sachen sich nicht wiederholen.“

Peredonoff blickte den Direktor böse an.

Man hatte beschlossen, heute abend den Umzug in die neue Wohnung festlich zu feiern. Alle Bekannten waren geladen. Peredonoff ging durch die Zimmer und sah nach, ob alles in Ordnung war, vor allem aber, ob nirgend Dinge wären, deretwegen man ihn hätte denunzieren können.

„Es scheint, alles ist in Ordnung,“ dachte er: „verbotene Bücher sind nicht zu sehen, die Lampen vor den Heiligenbildern brennen, die Kaiserbilder hängen am Ehrenplatze an der Wand.“

Plötzlich fiel es ihm ein, daß das Porträt Mizkewizschs an der Wand hing.

Da hätte ich schön hereinfallen können, dachte er erschreckt, nahm das Bild herunter und trug es ins Klosett. Dort vertauschte er es gegen das Porträt Puschkins, welches nun wieder in das Eßzimmer aufrückte.

Puschkin war immerhin hoffähig, dachte er, während er das Bild am Nagel befestigte.

Dann fiel es ihm ein, daß man am Abend Karten spielen würde, und er beschloß, die Karten zu besehen. Er nahm ein Spiel zur Hand, das nur einmal benutzt worden war und blätterte es durch, als suche er nach etwas. Die Gesichter der Bilder gefielen ihm nicht: sie hatten so merkwürdige Augen.

In der letzten Zeit war es ihm beim Spielen aufgefallen, daß die Karten so schmunzelten, wie Warwara es zu tun pflegte. Sogar irgend eine nichtswürdige Pik-sechs sah so unverschämt drein und watschelte unanständig daher.

Peredonoff nahm alle Karten, so wie sie gerade lagen, und stach den Bildern mit einer spitzen Schere die Augen aus, sie sollten nicht mehr so starren. Erst tat er es mit den vorhandenen alten Spielen, dann öffnete er zu gleichem Zwecke die noch nicht benutzten Spiele. Diese Arbeit verrichtete er ängstlich umherspähend, als fürchte er von jemand ertappt zu werden.

Zu seinem Glück hatte Warwara in der Küche zu tun und ließ sich im Wohnzimmer nicht blicken, — wie hätte sie auch eine solche Menge von Speisen unbeaufsichtigt lassen können: Klawdja hätte es sofort ausgenutzt. Wenn sie etwas im Eßzimmer brauchte, so schickte sie Klawdja. Jedesmal wenn das Mädchen eintrat, zuckte Peredonoff zusammen, versteckte die Schere in seiner Tasche und tat, als wäre er eifrig dabei, eine Patience zu legen.

Während nun Peredonoff auf diese Weise bemüht war, die Könige und Damen ihres Sehvermögens zu berauben, drohte ihm von ganz anderer Seite ein peinliches Ereignis.

Jenen Hut, den er seinerzeit in der alten Wohnung auf den Ofen geworfen hatte, um ihn ein für allemal loszusein, — hatte die Jerschowa gefunden. Sie kam zur Ueberzeugung, daß man den Hut mit Absicht dagelassen hatte: ihre früheren Mieter haßten sie, und da ist es doch sehr wahrscheinlich, dachte die Jerschowa, daß jene, um sich zu rächen, etwas in den Hut hineingehext haben, was zur Folge haben konnte, daß sich keine Mieter für die leerstehende Wohnung mehr fänden. Aergerlich und geängstigt brachte sie den Hut zu einem Weibe, welches im Rufe der Zauberei stand.

Diese betrachtete den Hut von allen Seiten, murmelte geheimnisvolle, düstere Worte, spuckte kräftig und sagte:

„Sie haben dir Uebles getan, so sollst du ihnen auch Uebles antun. Ein mächtiger Zauberer hat gehext, aber ich bin schlauer, — und will seine Kraft zähmen, daß er sich krümmen soll.“

Dann besprach sie lange den Hut und nachdem sie ein schönes Geldgeschenk von der Jerschowa erhalten hatte, befahl sie ihr, den Hut dem ersten rothaarigen Jungen, den sie treffen würde, mit der Weisung zu übergeben, ihn in Peredonoffs Wohnung abzuliefern und dann ohne sich umzusehn davonzulaufen.

Es traf sich so, daß der erste rothaarige Junge, den die Jerschowa traf, einer der beiden Schlossersöhne war, die etwas gegen Peredonoff im Schilde führten, weil er sie seinerzeit angegeben hatte. Der Junge erhielt einen Fünfer und machte sich ein Vergnügen daraus, dem Auftrage nicht nur gewissenhaft nachzukommen, sondern auch zum Ueberflusse unterwegs den Hut gehörig vollzuspucken. Im dunklen Vorhause bei Peredonoff traf er Warwara; er steckte ihr den Hut zu und lief so geschwind davon, daß sie ihn nicht erkennen konnte.

Während nun Peredonoff gerade dem letzten Buben die Augen ausstach, trat Warwara erstaunt und erschreckt ins Zimmer, und sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:

„Ardalljon Borisowitsch, sieh nur, was ich habe!“

Peredonoff blickte auf und das Wort erstarb ihm auf den Lippen. Denselben Hut, den er glaubte für immer losgeworden zu sein, sah er in Warwaras Händen, — bestaubt, verknüllt und in einem Zustande, der seine frühere Herrlichkeit nur ahnen ließ. Starr vor Entsetzen konnte er nur stammeln:

„Woher? woher?“

Warwara erzählte mit zitternder Stimme, wie sie den Hut von einem flinken Jungen erhalten hatte, der plötzlich vor ihr aufgetaucht war, um dann ebenso plötzlich zu verschwinden. Sie sagte:

„Das kann nur von der Jerschowa stammen. Sie hat den Hut besprechen lassen. Bestimmt!“

Peredonoff murmelte unverständliche Worte und seine Zähne schlugen hörbar aneinander. Die trübsten Befürchtungen und Vorahnungen quälten ihn. Traurig stand er auf und das kleine, graue gespenstische Tierchen lief flink hin und her, hin und her, und kicherte.

 

Die Gäste waren frühzeitig gekommen. Sie hatten viele Kuchen, Aepfel und Birnen mitgebracht.[10] Warwara empfing alles freudestrahlend, und nur um der guten Sitte zu genügen, sagte sie ein Mal ums andere:

„Aber ich bitte! Warum haben Sie sich so bemüht?“

Schien es ihr aber, als hätte dieser oder jener etwas Billiges oder Schlechtes gebracht, so ärgerte sie sich. Auch gefiel es ihr nicht, wenn zwei Gäste ein und dasselbe brachten.

Ohne viel Zeit zu verlieren, setzte man sich an die Kartentische. Man spielte an beiden Tischen das Pochspiel.

„Was ist denn das!“ rief die Gruschina, „mein König ist blind.“

„Und auch meine Dame ist geblendet,“ sagte die Prepolowenskaja und betrachtete aufmerksam ihre Karten, „und der Bube auch.“

Nun machten sich alle daran, ihre Karten zu untersuchen. Prepolowenskji sagte:

„Also darum schien es mir die ganze Zeit so, als wären die Karten rauh. Ich fühle und denke — hat der Kerl aber ein rauhes Hemd an, und nun kommt es heraus, daß es von diesen Löchern ist. Da hat er nun tatsächlich ein rauhes Hemd an.“

Alles lachte; nur Peredonoff blieb finster. Warwara sagte schmunzelnd:

„Sie wissen doch, — Ardalljon Borisowitsch hat immer so merkwürdige Einfälle!“

„Warum hast du es getan?“ fragte Rutiloff laut lachend.

„Wozu brauchen sie Augen?“ sagte Peredonoff bedrückt, „sie sollen nicht sehen.“

Alle lachten, nur Peredonoff blieb traurig und schweigsam. Es schien ihm, als schmunzelten und zwinkerten die geblendeten Bilder aus ihren Löchern, die sie statt der Augen hatten.

„Vielleicht,“ dachte er, „sehen sie jetzt mit den Nasenlöchern.“

Auch heute war ihm das Glück nicht hold, und die Gesichter der Könige, Damen und Buben schienen ihn höhnisch und böse anzustarren; die Pik-Dame knirschte sogar mit den Zähnen; wahrscheinlich war sie ungehalten darüber, daß er sie geblendet hatte.

Und als Peredonoff einmal vollständig verloren hatte, packte er das ganze Spiel und zerriß es wütend in lauter kleine Fetzen. Die Gäste wälzten sich vor Lachen. Warwara sagte schmunzelnd:

„So ist er immer; wenn er getrunken hat, wird er absonderlich.“

„Mit anderen Worten: wenn er besoffen ist?“ sagte die Prepolowenskaja giftig, „hören Sie nur, Ardalljon Borisowitsch, was Ihr Schwesterchen von Ihnen sagt.“

Warwara wurde rot und antwortete gereizt:

„Das ist Wortklauberei!“

Die Prepolowenskaja lächelte und schwieg.

Man nahm ein neues Spiel und spielte weiter. Plötzlich ertönte ein lautes Krachen, — eine Fensterscheibe sprang klirrend und ein Stein schlug hart vor Peredonoff zu Boden.

Unter dem Fenster hörte man leises Flüstern, Lachen und dann Schritte, die sich eilig entfernten. Alle sprangen erregt von ihren Plätzen; die Frauen kreischten, — wie sie es gewöhnlich immer in solchen Fällen zu tun pflegen. Man hob den Stein auf, betrachtete ihn sorgfältig und ängstlich, keiner aber wagte es, ans Fenster zu gehen; — erst schickte man Klawdja auf die Straße und als sie mitgeteilt hatte, daß kein Mensch zu sehen wäre, begaben sich alle ans Fenster und besahen die zerschlagene Scheibe. Wolodin sprach die Vermutung aus, ein Gymnasiast hätte den Stein geworfen. Das schien allen wahrscheinlich zu sein und man blickte Peredonoff bedeutungsvoll an. Peredonoff machte ein mürrisches Gesicht und brummte in den Bart. Die Gäste sprachen dann darüber, wie ungezogen und verwildert die Kinder von heute wären.

Die eigentlichen Schuldigen waren natürlich nicht Gymnasiasten, sondern die Söhne des Schlossers.

„Der Direktor hat sie dazu angestiftet,“ erklärte Peredonoff plötzlich, „er sucht ewig nach Händeln und weiß gar nicht mehr, was er sich ausdenken soll, um mir was anzuhaben.“

„Das hast du dir wunderbar ausgedacht,“ rief Rutiloff laut lachend.

Alle lachten, aber die Gruschina sagte:

„Ja, was denken Sie denn; er ist ein so boshafter und schlechter Mensch, daß man ihm alles zutrauen kann. Natürlich tut er es nicht selber, aber so beiläufig, durch seine Söhne z. B. gibt er einen kleinen Wink ...“

„Und daß er adelig ist, besagt noch nichts,“ blökte Wolodin dazwischen, „gerade von den Adeligen lassen sich solche Stückchen erwarten.“

Manche von den Gästen hielten das nicht für unmöglich, — und hörten auf zu lachen.

„Du hast Unglück mit Glas, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte Rutiloff, „bald wird dir die Brille zerschlagen, bald ein Fenster zertrümmert.“

Dieser Witz hatte einen neuen Heiterkeitsausbruch zur Folge.

„Scherben bedeuten Glück,“ sagte die Prepolowenskaja verhalten lächelnd.

 

Als Peredonoff und Warwara zu Bett gingen, glaubte er, daß sie gegen ihn etwas im Schilde führe; er nahm alle Gabeln und Messer und versteckte sie unter dem Bett. Er lallte schon halb im Schlafe:

„Ich kenne dich; du willst mich heiraten und mich denunzieren, um mich dann los zu sein. Dann wirst du eine Pension erhalten und mich wird man in der Festungsmühle zu Brei zermahlen.“

In der Nacht träumte er unruhig. Lautlos neckten ihn fürchterliche Gestalten, — es waren lauter Könige und Buben, und sie schwangen drohend ihre Keulen. Sie flüsterten und suchten sich vor ihm zu verstecken. Ganz leise krochen sie unter sein Kopfkissen.

Aber dann wurden sie kühner und kamen wieder hervor. In unzähligen Mengen liefen sie immer rings um ihn herum und sprangen vom Bett auf das Kopfkissen, vom Kopfkissen auf den Boden und dann wieder aufs Bett. Sie zischelten und neckten ihn, schnitten entsetzliche, unheimliche Fratzen und verzogen den garstigen Mund zu widerlichem Grinsen. Peredonoff sah, daß sie alle nur klein und schmächtig waren; sie konnten ihn nicht töten; aber sie machten sich über ihn lustig, und ihr Erscheinen bedeutete Unglück. Darum fürchtete er sich und murmelte einige unzusammenhängende Sätze aus Beschwörungsformeln, die er als Kind beim Spielen gelernt hatte; dann fuchtelte er mit den Händen, um sie zu vertreiben, er schrie sie an mit heiserer, befehlender Stimme.

Davon erwachte Warwara und fragte ärgerlich:

„Warum brüllst du so; du läßt mich nicht schlafen?“

„Die Pikdame hat ein Zwillichtuch um und läßt nicht ab von mir,“ flüsterte er.

Warwara stand brummig auf und gab ihm einige Tropfen zur Beruhigung.

 

Im Lokalanzeiger des Städtchens erschien ein Aufsatz des Inhaltes, daß Madame K... die kleinen Gymnasiasten, die bei ihr in Pension lebten, Söhne aus den besten Adelsfamilien des Landes, zu schlagen pflege. Der Notar Gudajewskji trug diese Nachricht grollend von Haus zu Haus.

Dann tauchten auch andere, geradezu unglaubliche Gerüchte über das städtische Gymnasium auf: man erzählte von einem jungen Fräulein, das sich als Schüler verkleidet hätte, — und ganz allmählich kam es so weit, daß Pjilnikoff und Ludmilla zusammen genannt wurden.

Sascha wurde von seinen Kameraden damit geneckt; er machte sich nicht viel daraus, dann verteidigte er Ludmilla mit Eifer und versicherte, nie wäre etwas Derartiges vorgefallen, wie man ihr und ihm nachsagte.

Einerseits hatte das zur Folge, daß er sich schämte, Ludmilla zu besuchen, andererseits zog es ihn um so stärker hin: ein merkwürdiges Gefühl brennender Scham und höchster Lust erregte ihn, und erfüllte alle seine Gedanken mit verschwommenen, leidenschaftlichen Vorstellungen.

XXI

Peredonoff und Warwara aßen zu Mittag. Es war ein Sonntag. Jemand kam ins Vorhaus. Warwara schlich an die Tür und guckte durchs Schlüsselloch. Ganz leise kehrte sie wieder auf ihren Platz und flüsterte:

„Der Briefträger. Man muß ihm einen Schnaps geben; er hat wieder einen Brief.“

Peredonoff nickte schweigend, — wahrhaftig — um ein Gläschen Schnaps sollte es ihm nicht leid tun. Warwara rief:

„Kommen Sie herein, Briefträger!“

Er kam ins Eßzimmer, wühlte in seiner Tasche und tat so, als suchte er nach einem Brief. Warwara goß Schnaps in ein großes Glas und schnitt ein Stück von der Pastete ab. Der Briefträger schielte gierig danach. Peredonoff überlegte unterdessen, wem dieser Mensch so außerordentlich ähnlich sähe. Endlich fiel es ihm ein, — es war ja derselbe rothaarige, finnige Kerl, der ihm neulich noch über den Weg gelaufen war.

„Eine schlechte Vorbedeutung,“ dachte Peredonoff. Er ballte die Faust in der Tasche und drohte dem Briefträger heimlich.

Dieser hatte unterdessen den Brief gefunden und gab ihn Warwara.

„Für Sie,“ sagte er ehrerbietig, dankte für den Schnaps, leerte das Glas auf einen Zug, räusperte sich, nahm das Stück Pastete und ging.

Warwara drehte den Brief in ihren Händen und reichte ihn dann ungeöffnet Peredonoff.

„Lies; ich glaube, er ist wieder von der Fürstin,“ sagte sie schmunzelnd, „sie ist ins Schreiben reingekommen. Würde sie dir lieber eine Stelle verschaffen, statt zu schreiben.“

Peredonoffs Hände zitterten. Er zerriß den Umschlag und überflog den Brief. Dann sprang er auf und brüllte:

„Hurra! Drei Stellen sind vakant, ich brauche nur zu wählen. Hurra, Warwara, wir haben das Spiel gewonnen!“

Er tanzte und drehte sich ausgelassen im Zimmer. Sein Gesicht war rot, seine Augen blickten stumpfsinnig, und es schien, als drehe sich da eine merkwürdig große, aufgezogene Puppe. Warwara schmunzelte und sah ihm zu. Er rief:

„Nun kann’s losgehen, — wir machen Hochzeit!“

Er packte Warwara an den Schultern, drehte sich mit ihr um den Tisch herum und stampfte.

„Den Russischen!“ rief er.

Warwara stemmte die Arme in die Seiten und segelte los. Peredonoff hockte nieder und tanzte vor ihr her.

Wolodin trat ein und blökte fröhlich:

„Der Herr Inspektor in spe beliebt sich im Nationaltanze zu versuchen.“

„Tanz, Pawluschka!“ rief Peredonoff.

Klawdja stand an der Tür und sah zu. Wolodin rief laut lachend:

„Tanz, Klawdjuschka! Alle sollen tanzen! Der Herr Inspektor will unterhalten sein!“

Klawdja bewegte kokett die Schultern und quiekte laut. Wolodin tanzte flott vor ihr her, — bald hockte er nieder, drehte sich, bald sprang er auf und klatschte in die Hände. Besonders fein gelang es ihm, die Knie vorzuwerfen und unter dem Knie in die Hände zu klatschen. Der Fußboden dröhnte unter seinen Absätzen. Klawdja freute sich einen so geschickten Tänzer zu haben.

Man war müde geworden und setzte sich an den Tisch, während Klawdja fröhlich lachend in die Küche lief. Man trank Schnaps und Bier, zerschlug Gläser und Flaschen, schrie, lachte, küßte und umarmte einander. Dann liefen Peredonoff und Wolodin in den Sommergarten, — Peredonoff wollte mit seinem Briefe prahlen.

Im Billardzimmer waren einige bekannte Herren. Peredonoff zeigte ihnen den Brief. Ohne Zweifel — der Brief machte großen Eindruck. Man besah ihn voller Ehrfurcht. Rutiloff wurde blaß, murmelte etwas und spie aus.

„Ich war dabei, als ihn der Briefträger brachte!“ sagte Peredonoff. „Ich selber habe ihn geöffnet. Ein Betrug ist also ganz ausgeschlossen.“

In stummer Ehrfurcht sahen ihn die Freunde an. Ein Brief von der Fürstin!

Aus dem Sommergarten ging Peredonoff zur Werschina. Er ging gleichmäßig und schnell, schlenkerte mit den Armen und brummte vor sich hin; sein Gesicht war ganz ausdruckslos, — so ausdruckslos wie das einer Puppe, — nur in seinen Augen glimmte ein gieriges, halberloschenes Feuer.

 

Der Tag war heiß und klar. Martha saß in der Laube und strickte an einem Strumpf. Unklare, gottesfürchtige Gedanken bewegten sie. Zuerst mußte sie an ihre Sünden denken, dann aber richtete sich ihr Sinn auf erfreulichere Dinge, und sie gedachte der Tugenden; ihre Gedanken wurden traumhaft, nahmen Gestalt an, und in dem Maße, als die Möglichkeit sie in Worte zu fassen abnahm, nahmen sie an klaren, plastischen Linien im Traumgebilde zu. Die Tugenden erschienen ihr als große, weißgekleidete Puppen, die schön und glänzend waren, und ihr Belohnungen versprachen. In den Händen hielten sie klappernde Schlüsselbünde; sie waren mit Brauttüchern bekleidet.

Eine dieser Gestalten war besonders auffallend und glich den andern nur wenig. Sie versprach nichts, blickte vorwurfsvoll, und ihre Lippen bewegten sich, als stießen sie lautlose Drohungen aus; es schien, daß, wenn sie ein Wort aussprechen würde, etwas Schreckliches geschehen müßte. Martha erriet, daß diese Gestalt das Gewissen war. Diese merkwürdige, unheimliche Besucherin war ganz in Schwarz gekleidet, hatte schwarze Augen, schwarzes Haar, — und nun begann sie zu sprechen, — schnell, abgerissen, deutlich. Sie wurde der Werschina immer ähnlicher. Martha gab sich einen Ruck, antwortete irgend etwas auf die an sie gerichtete Frage, antwortete noch ganz im Halbschlaf — und wieder umfingen sie Träume.

War es nun das Gewissen oder die Werschina, die ihr gegenüber saß und schnell, deutlich, aber doch unverständlich erzählte und an etwas merkwürdig Duftendem rauchte, — dieses entschlossene, ruhige Wesen, das zu erwarten schien, daß alles nach ihrem Willen geschähe? Martha versuchte, ihr gerade in die Augen zu blicken, konnte es aber nicht, — und jene lächelte eigentümlich, murmelte, und ihre Augen liefen hin und her und schienen entfernte, unbekannte Dinge zu suchen, vor denen Martha Angst hatte.

Eine laute Unterhaltung weckte sie.

In der Laube stand Peredonoff und begrüßte sich laut mit der Werschina. Martha blickte erschrocken auf. Ihr Herz klopfte, die Augen wollten nicht recht aufgehen, und ihre Gedanken verwirrten sich. Wo war das Gewissen geblieben? Oder war es nicht da? Hatte es überhaupt nicht da zu sein?

„Sie haben sozusagen geschlummert,“ sagte ihr Peredonoff, „Sie haben aus vollen Nüstern geschnarcht. Sie sind eine Schnarre.“

Martha verstand diesen Kalauer nicht, lächelte aber, denn sie hatte an dem Lächeln der Werschina gemerkt, daß von etwas gesprochen wurde, was komisch sein sollte.

„Man müßte Sie Lotte nennen und nicht Martha,“ fuhr Peredonoff fort.

„Warum denn?“ fragte Martha.

„Weil Sie so ‚laut‘ schnarchen.“

Peredonoff setzte sich auf die Bank neben Martha und sagte:

„Ich weiß eine Neuigkeit, etwas sehr Wichtiges.“

„Was für eine Neuigkeit? Wir werden uns freuen, näheres darüber zu erfahren,“ sagte die Werschina, und Martha beneidete sie im stillen um die vielen Worte, die sie gefunden hatte, um die einfache Frage: was denn? zu verkleiden.

„Raten Sie,“ sagte Peredonoff düster, triumphierend.

„Wie soll ich es erraten,“ antwortete die Werschina. „Sagen Sie es einfach, und wir werden Ihre Neuigkeit wissen.“

Peredonoff war es unangenehm, daß man nicht raten wollte. Er schwieg und saß stumpf und schwerfällig da, in ungeschickter Haltung, und blickte starr vor sich nieder. Die Werschina rauchte und lächelte schief, dabei bleckte sie ihre gelben Zähne.

„Warum sollten wir Ihre Neuigkeit erraten,“ sagte sie nach kurzem Stillschweigen, „ich werde Ihnen lieber aus den Karten wahrsagen. Martha, holen Sie geschwind die Karten.“

Martha erhob sich, aber Peredonoff hielt sie böse zurück.

„Bleiben Sie sitzen. Es ist nicht nötig. Ich will nicht. Wahrsagen Sie sich selber und lassen Sie mich in Ruh’. Auf Ihren Leisten werden Sie mich doch nicht umschlagen. Na — ich werde Ihnen eine Sache zeigen! Sie werden die Mäuler aufsperren.“

Peredonoff nahm rasch aus seiner Rocktasche seine Brieftasche, holte Brief und Umschlag hervor und zeigte beides der Werschina ohne es aus der Hand zu geben.

„Sehen Sie,“ sagte er, „hier ist das Kuvert. Und das ist der Brief.“

Er entfaltete den Brief und las ihn langsam vor. Aus seinen Augen blickte eine stumpfsinnige Freude befriedigter Bosheit. Die Werschina schäumte. Bis zum letzten Augenblick hatte sie nicht an die Geschichte mit der Fürstin geglaubt, und nun mußte sie einsehen, daß Marthas Angelegenheit endgültig verspielt war. Sie lächelte schief und gezwungen und sagte:

„Nun, — es ist Ihr Glück.“

Martha saß da, mit einem erstaunten, erschreckten Ausdruck im Gesicht und lächelte fassungslos.

„Hab’ ich’s gewonnen?“ sagte Peredonoff schadenfroh. „Sie hielten mich für einen Idioten, nun erweist es sich, daß ich der Klügere war. Sie redeten z. B. vom Kuvert, — da ist es. Nein, nein — die Sache hat ihre Richtigkeit.“

Er klopfte mit der Faust auf den Tisch, nicht zu stark und nicht laut, — und seine Bewegung und der Klang seiner Worte waren so merkwürdig gleichgültig, als wäre er ein Fremder — und ganz teilnahmlos für seine eigenen Angelegenheiten.

Die Werschina und Martha wechselten spöttisch-verlegene Blicke.

„Was sehen Sie einander so an!“ sagte Peredonoff grob, „da gibt es nichts zu sehn: es ist alles in Ordnung, ich heirate Warwara. Viele junge Dämchen haben mir nachgestellt.“

Die Werschina schickte Martha nach Zigaretten, — und Martha war froh, daß sie fort konnte. Als sie über die Kieswege lief, die mit buntem, herbstlichen Laub bedeckt waren, wurde ihr froh und leicht ums Herz. In der Nähe des Hauses traf sie Wladja, der barfuß ging, — da wurde sie noch fröhlicher und vergnügter.

„Er heiratet Warwara, jetzt ist es sicher,“ sagte sie lebhaft mit gedämpfter Stimme und zog den Bruder in den Flur des Hauses.

Peredonoff aber, ohne auf Marthas Rückkehr zu warten, verabschiedete sich plötzlich.

„Ich habe keine Zeit,“ sagte er, „ich muß heiraten, und nicht etwa Bastschuhe flechten.“

Die Werschina forderte ihn nicht einmal auf, zu bleiben und verabschiedete sich sehr kühl. Sie war außerordentlich aufgebracht: immerhin war doch bis zuletzt ein Schimmer von Hoffnung geblieben, daß Peredonoff Martha nehmen würde. In dem Falle hätte sie Murin geheiratet. Nun gab es aber nichts mehr zu hoffen.

Martha mußte es büßen! An diesem Tage weinte sie viel.

 

Als Peredonoff aus dem Garten trat, wollte er sich eine Zigarette anstecken. Plötzlich sah er einen Schutzmann, — der stand an einer Straßenecke und knackte Sonnenblumensamen. Peredonoff wurde traurig.

„Wieder so ein Spitzel,“ dachte er, „die suchen nur, wo sie einem am Zeuge flicken können.“

Er wagte es nicht, die Zigarette anzustecken, trat an den Schutzmann heran und fragte schüchtern:

„Herr Schutzmann, wenn ich fragen darf — ist das Rauchen hier erlaubt?“

Der Schutzmann grüßte mit der Hand an der Mütze und erkundigte sich zuvorkommend:

„Das heißt, Euer Hochwohlgeboren, wie meinen Sie das?“

„Ein Zigarettchen,“ erklärte Peredonoff, „ich meine: ist es erlaubt, ein Zigarettchen zu rauchen?“

„Diesbezüglich haben wir keinerlei Vorschriften,“ antwortete der Schutzmann ausweichend.

„Wirklich nicht?“ fragte Peredonoff eindringlich und seine Stimme klang traurig.

„Nein, Euer Hochwohlgeboren. Soll heißen, es ist nicht befohlen, Herrschaften, welche rauchen, aufzuhalten, und daß eine diesbezügliche Vorschrift erlassen wäre, ist mir unbekannt.“

„Falls dem so ist, laß ich es lieber bleiben,“ sagte Peredonoff unterwürfig. „Ich bin durchaus politisch unverdächtig. Ich werfe sogar die Zigarette fort. Ich bin nämlich Staatsrat.“

Peredonoff zerknitterte die Zigarette, warf sie fort und in der Befürchtung, er hätte vielleicht doch ein überflüssiges Wort gesagt, ging er schnell nach Hause. Der Schutzmann blickte ihm kopfschüttelnd nach, endlich kam er zu der Ueberzeugung, der Herr hätte wohl eins über den Durst getrunken; dabei beruhigte er sich und knackte wieder friedlich an seinen Sonnenblumensamen.

„Die Straße hat sich auf den Kopf gestellt,“ murmelte Peredonoff.

Die Straße führte bergan auf einen kleinen Hügel, dann senkte sie sich wieder und diese Biegung der Straße zwischen zwei kleinen Hütten zeichnete sich scharf ab vom blauen, traurigen Abendhimmel. Es war ein Armeleuteviertel, das in sich versunken schien, traurig und ganz ohne Hoffnung.

Die Aeste der Bäume hingen tief über die Zäune, drohend und spöttisch. An einem Kreuzweg stand ein Ziegenbock und stierte stumpf auf Peredonoff.

Plötzlich erschallte hinter einer Straßenecke Wolodins meckerndes Gelächter, er trat vor, um Peredonoff zu begrüßen. Dieser blickte ihn düster an und dachte an den Bock, der eben noch da gestanden und plötzlich verschwunden war.

„Natürlich verwandelt sich Wolodin in einen Bock,“ dachte er. — „Woher sonst die Aehnlichkeit, und außerdem kann man nicht unterscheiden, ob er meckert oder lacht.“

Diese Gedanken beschäftigten ihn so sehr, daß er gar nicht darauf hörte, was Wolodin erzählte.

„Warum schlägst du aus, Pawluschka,“ fragte er traurig.

Wolodin wies die Zähne, meckerte und antwortete:

„Ich schlage keineswegs aus, Ardalljon Borisowitsch, vielmehr begrüßte ich Sie mit einem Handschlag. Vielleicht ist es in Ihrer Heimat üblich, mit den Händen auszuschlagen, bei mir zu Hause indes tut man das nur mit den Füßen; aber die Menschen tun es nicht, sondern mit Verlaub zu bemerken, nur die Pferdchen.“

„Du stößt vielleicht mit Hörnern,“ brummte Peredonoff.

Wolodin fühlte sich gekränkt und sagte mit zitternder Stimme:

„Noch sind mir keine Hörner gewachsen, Ardalljon Borisowitsch; aber es ist möglich, daß Ihnen früher als mir Hörner wachsen werden.“

„Du hast eine lange Zunge und schwatzt immer drauf los,“ sagte Peredonoff böse.

„Wenn Sie das zu meinen belieben, Ardalljon Borisowitsch,“ entgegnete Wolodin eifrig, „so kann ich auch schweigen.“

Er trug eine gekränkte Miene zur Schau und warf die Lippe auf: trotzdem blieb er an Peredonoffs Seite, denn er hatte noch nicht zu Mittag gespeist und rechnete darauf, sich bei Peredonoff sattessen zu können: man hatte ihn nämlich am Morgen, in der ersten Freude über den Brief, eingeladen.

Zu Hause wurde Peredonoff mit einer wichtigen Neuigkeit erwartet. Schon im Vorhause merkte man, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war, — denn in den Zimmern hörte man ein Hin und Her und erschreckte Ausrufe. Peredonoff glaubte, das Essen wäre noch nicht gerichtet: man hätte ihn kommen sehn, wäre erschrocken über die Verzögerung und beeilte sich nun. Es berührte ihn angenehm, daß man sich vor ihm fürchtete. Es erwies sich aber, daß etwas anderes geschehen war. Warwara kam in das Vorhaus gelaufen und schrie:

„Der Kater ist wieder da!“

Vor lauter Schrecken hatte sie Wolodin nicht gleich bemerkt. Sie war wie gewöhnlich unordentlich gekleidet: — eine fleckige Bluse über einem grauen, unsauberen Rock, breitgetretene Pantoffeln an den bloßen Füßen; das Haar zerzaust und schlecht gekämmt. Aufgeregt erzählte sie:

„Oh diese Irischka! Aus purer Bosheit hat sie das getan. Wieder kam irgend ein Knabe gelaufen und warf den Kater mitten ins Zimmer, und der Kater hat Schellen am Schwanz, — die bimmeln und lärmen. Jetzt ist er unter dem Sofa und will nicht heraus.“

Peredonoff zitterte.

„Was soll man da tun?“ fragte er.

„Helfen Sie, Pawel Wassiljewitsch,“ bat Warwara, „stochern Sie ihn unter dem Sofa heraus.“

„Wird besorgt, wird besorgt,“ kicherte Wolodin und ging in den Saal.

Der Kater wurde irgendwie hervorgezerrt und man nahm ihm die Schellen vom Schwanz. Peredonoff suchte nach Kletten und machte sich daran den Kater damit zu bewerfen. Dieser fauchte wütend und lief in die Küche.

Peredonoff war müde geworden von der Spielerei mit dem Kater und setzte sich in den Sessel, wie er es gewöhnlich zu tun pflegte: die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt, die Hände gefaltet, die Beine übereinander geschlagen, das Gesicht verdrießlich und unbeweglich.

Den zweiten Brief der Fürstin bewahrte Peredonoff mit größerer Sorgfalt als den ersten: er trug ihn stets bei sich im Portefeuille, zeigte ihn aber jedermann und setzte dann eine geheimnisvolle Miene auf. Er achtete scharf darauf, daß keiner ihm den Brief entwenden konnte, gab ihn niemandem in die Hand und verwahrte ihn, wenn er ihn gezeigt hatte, sorgfältig in seinem Portefeuille, das er in eine Seitentasche seines Rockes steckte, den er dann fest zuknöpfte. Dabei blickte er streng und von oben herab auf die Leute, mit denen er sprach.

„Warum trägst du ihn immer bei dir?“ fragte Rutiloff zuweilen lachend.

„Für alle Fälle,“ erklärte Peredonoff finster, „wer kennt sich aus! Ihr stehlt ihn noch.“

„Du tust genau so, als lebten wir in Sibirien,“ sagte Rutiloff, lachte und klopfte Peredonoff auf die Schulter.

Peredonoff aber bewahrte seine durch nichts zu störende, hochmütige Ruhe. Ueberhaupt war er in der letzten Zeit aufgeblasener als gewöhnlich. Oft prahlte er:

„Nun werde ich Inspektor. Ihr könnt hier versauern; ich aber werde zwei Bezirke unter mir haben. Vielleicht auch drei. Oho!“

Er war fest davon überzeugt, daß er in kürzester Zeit die neue Stelle antreten würde. Dem Lehrer Falastoff hatte er mehr als einmal versprochen:

„Ich werde dich schon herausreißen, Freund!“

Das hatte zur Folge, daß der Lehrer Falastoff mit außerordentlicher Ehrerbietung zu Peredonoff aufblickte.

XXII

Peredonoff ging sehr oft zur Kirche. Er stellte sich auf einen sichtbaren Platz und bekreuzigte sich entweder viel öfter, als notwendig war, oder er stand ganz steif da und blickte stumpf vor sich hin. Manchmal schien es ihm, als versteckten sich Spione hinter den Säulen: von dort guckten sie vor und bemühten sich, ihn zum Lachen zu bringen. Er aber widerstand der Versuchung.

Das Lachen, — das leise Lachen, Gekicher und Geflüster der Rutiloffschen Mädchen klang Peredonoff in den Ohren, es wuchs manchmal ganz unglaublich an, als lachten diese hinterlistigen Mädchen dicht vor seinen Ohren, um auch ihn zum Lachen zu bringen, — ihn so zu vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand Peredonoff.

Zuweilen erschien ihm das graue gespenstische Tierchen; er sah, wie es aus dem Weihrauch hervorschoß; seine kleinen Aeuglein blitzten in Flammen, und mit einem leisen Pfeifen schoß es durch die Luft, dann aber glitt es zu Boden und tummelte sich zu Füßen der Kirchenbesucher, machte sich über Peredonoff lustig und quälte ihn unablässig. Natürlich wollte es Peredonoff einen Schreck einjagen, damit er noch vor Schluß des Gottesdienstes die Kirche verlassen sollte. Er aber erriet diese hinterlistigen Absichten, und widerstand auch dieser Versuchung.

Die gottesdienstlichen Verrichtungen, — die nicht etwa allein dem Wortlaut nach oder durch die Zeremonien, sondern durch ihren tiefen, innerlichen Gehalt auf so viele Leute wirken, — waren Peredonoff ganz unverständlich. Darum fürchtete er sie. Der aufsteigende Weihrauch erschreckte ihn, — er sah nur die rätselhaften Rauchgebilde.

„Warum schwenkt er das Rauchfaß?“ — dachte er.

Die Gewänder der Geistlichen hielt er für grobe, lästig-bunte Lappen, und wenn er auf den reichgeschmückten Priester blickte, so ärgerte er sich, und ihn kam die Lust an, das Meßgewand zu zerreißen, die heiligen Gefäße zu zerschlagen. Die wirklichen Gebräuche und Mysterien schienen ihm böse Zauberei zu sein, zu dem Zwecke erfunden, das einfache Volk zu betören, zu knechten.

„Er hat die Hostie in den Wein gebrockt,“ — dachte er böse über den Priester, — „ein billiges Weinchen, sie betrügen das Volk, um mehr Geld für ihre Amtshandlungen herauszuschlagen.“

Das ewige Mysterium der Verwandlung gewöhnlichen Weines und Brotes zu einer Kraft, welche die Fesseln des Todes bricht, war ihm für immer verschlossen. Eine wandelnde Leiche! Eine unsinnige Verquickung seines Unglaubens an einen lebendigen Gott und an den Sohn mit seinem Glauben an die Zauberei!

Man ging aus der Kirche. Der Dorfschullehrer Matschigin, ein einfältiger, junger Mann, stand neben einigen jungen Mädchen, lächelte und plauderte flott. Peredonoff überlegte, daß es unpassend wäre, wie sich dieser junge Mann in Gegenwart des künftigen Inspektors gehen ließe. Matschigin trug einen Strohhut. Aber Peredonoff erinnerte sich, ihn einmal im Sommer vor der Stadt gesehen zu haben, und damals hatte er eine Dienstmütze mit der Kokarde getragen. Peredonoff beschloß, dies zur Anzeige zu bringen. Die Gelegenheit war günstig, denn auch der Inspektor Bogdanoff war anwesend. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte:

„Ihr Matschigin da trägt eine Dienstmütze mit der Kokarde. Er will den Herren spielen.“

Bogdanoff erschrak, zitterte und sein graues Bärtchen erbebte.

„Das darf er nicht, er hat kein Recht es zu tun,“ sagte er bekümmert und zwinkerte mit den roten Aeuglein.

„Freilich hat er kein Recht dazu, und doch tut er’s,“ beklagte sich Peredonoff. „Man muß sie stramm halten, ich hab es Ihnen längst gesagt. Jeder klotzfüßige Bauer könnte sonst die Kokarde anlegen, und was sollte dabei herauskommen.“

Bogdanoff, dem Peredonoff schon früher einen Schreck eingejagt hatte, kam ganz aus der Fassung.

„Wie untersteht er sich nur!“ sagte er weinerlich. „Ich werde ihn sofort zitieren, sofort, und werde es ihm auf das Strengste verbieten.“

Er verabschiedete sich von Peredonoff und lief eingeschüchtert nach Hause.

Wolodin ging neben Peredonoff und sagte mit vorwurfsvoll meckernder Stimme:

„Er trägt eine Kokarde. Hat man schon so was gehört! Als ob er einen Rang hätte! Es ist unerhört!“

„Auch du darfst keine Kokarde tragen,“ sagte Peredonoff.

„Wenn ich es nicht darf, so tu ich es auch nicht,“ entgegnete Wolodin. „Das heißt, zuweilen trage auch ich die Kokarde, aber ich weiß doch, wo und wann ich es tue. Wenn ich zum Beispiel vor die Stadt gehe, so lege ich sie an. Mir macht es Vergnügen, und niemand kann es verbieten. Treffe ich aber ein Bäuerlein, so steh ich hoch in seiner Achtung.“

„Die Kokarde paßt nicht zu deiner Schnauze,“ sagte Peredonoff. „Außerdem pack dich bitte: du hast mich mit deinen Hufen ganz bestaubt.“

Wolodin schwieg gekränkt, blieb aber an Peredonoffs Seite. Dieser sagte besorgt:

„Auch die Rutiloffschen Göhren müßte man angeben. Die kommen nur in die Kirche, um zu schwatzen und zu lachen. Sie schminken sich, staffieren sich aus und gehen hin. Dabei stehlen sie Weihrauchwacholder und fabrizieren daraus ihre Parfums, — es riecht immer so verdächtig von ihnen.“

„Nein! Ist es möglich!“ sagte Wolodin, schüttelte den Kopf und glotzte stumpf vor sich hin.

Ueber die Erde glitt der Schatten einer Wolke und Peredonoff fürchtete sich. In den Staubwolken, im Winde huschte das graue, gespenstische Tierchen. Wenn sich das Gras vor dem Winde bewegte, glaubte Peredonoff das Tierchen liefe da durch, dann biß es ihn und verschwand wieder.

„Warum wächst das Gras auf den Straßen?“ dachte er. „Das ist Unordnung. Man muß es ausjäten.“

Der Ast eines Baumes bewegte sich, krümmte sich, wurde schwarz, krächzte und flog auf. Peredonoff fuhr zusammen. Er schrie wild auf und lief nach Hause. Wolodin folgte ihm ängstlich. Seine Augen quollen vor und blickten stier. Mit der einen Hand hielt er den steifen Hut, mit der andern fuchtelte er mit seinem Stöckchen.

 

Noch am selben Tage ließ Bogdanoff Matschigin kommen. Bevor Matschigin in das Haus des Inspektors trat, blieb er auf der Straße stehen, den Rücken zur Sonne gekehrt und versuchte mit den fünf Fingern das Haar zu glätten, den eignen Schatten gewissermaßen als Spiegel benutzend.

„Junger Mann, was fällt Ihnen ein? Was tun Sie da für Sachen?“ legte Bogdanoff los.

„Worum handelt es sich, wenn ich fragen darf,“ fragte Matschigin zuvorkommend, drehte den Strohhut zwischen den Fingern und wippte mit dem linken Bein.

Bogdanoff forderte ihn nicht auf Platz zu nehmen, denn er hatte die Absicht, ihn gehörig vorzunehmen.

„Was ist das nur, was ist das nur, junger Mann, Sie tragen eine Kokarde? Wie konnten Sie nur den Diensteid schwören? Was?“ fragte er, sich zu einem strengen Ton zwingend und das graue Bärtchen böse schüttelnd.

Matschigin wurde rot, antwortete aber keck:

„Was ist denn dabei? Habe ich nicht das Recht, es zu tun?“

„Sind Sie denn ein Beamter? Was? Ein Beamter?“ ereiferte sich Bogdanoff. „Ein schöner Beamter — das! Was? Der Abc-Registrator! Was?“

„Es ist das Abzeichen meines Lehrerberufs,“ sagte Matschigin keck und lächelte plötzlich süß, weil ihm die Bedeutung seines Lehrerberufs zum Bewußtsein kam.

„Nehmen Sie ein Stöckchen in die Hand, ein Stöckchen; da haben Sie ein Abzeichen Ihres Berufs,“ riet ihm Bogdanoff und schüttelte mißbilligend den Kopf.

„Aber das geht doch nicht, Sergeji Potapjitsch,“ sagte Matschigin mit gekränkter Stimme, „was ist denn ein Stöckchen! Jedermann kann ein Stöckchen tragen, die Kokarde aber fördert das Prestige.“

„Was für ein Prestige, was? Was meinen Sie eigentlich? Was für ein Prestige?“ wetterte Bogdanoff, „wozu brauchen Sie ein Prestige, was? Sind Sie etwa jemandes Vorgesetzter?“

„Aber ich bitte Sie, Sergeji Potapjitsch,“ bewies Matschigin eindringlich, „bei der Dorfbevölkerung, die doch nur geringe Kultur besitzt, bedeutet das eine unbedingte Zunahme der Hochachtung, — in diesem Jahr grüßten sie alle viel tiefer.“

Matschigin streichelte selbstgefällig sein rothaariges Schnurrbärtchen.

„Es geht nicht, junger Mann, es geht ganz und gar nicht,“ sagte Bogdanoff wehmütig und schüttelte den Kopf.

„Erlauben Sie doch, Sergeji Potapjitsch, ein Lehrer ohne Kokarde ist dasselbe wie der britische Löwe ohne Schwanz,“ versicherte Matschigin; „einfach eine Karikatur.“

„Was tut denn der Schwanz zur Sache? Was? Was soll das mit dem Schwanz? Was?“ redete Bogdanoff aufgeregt. „Die Politik gehört nicht hierher, was! Ist es Ihre Sache, sich um Politik zu kümmern? Was! Um Gotteswillen, junger Mann, tun Sie mir den Gefallen und legen Sie die Kokarde ab. Es geht einfach nicht. Es geht nicht. Gott verhüte es, daß jemand davon erfährt.“

Matschigin zuckte die Schultern, er wollte noch etwas antworten, aber Bogdanoff ließ ihn nicht zu Worte kommen, — denn seiner Ansicht nach war ihm etwas Glänzendes eingefallen.

„Sehen Sie mal, zu mir sind Sie doch ohne Kokarde gekommen, — was! — ohne Kokarde. Sie fühlten also selber, daß es sich nicht schickt.“

Matschigin war um eine Antwort verlegen, fand sich aber schnell und sagte:

„Da wir Dorfschullehrer sind, so bedürfen wir auch eines Privilegiums für das Dorf, in der Stadt zählen wir sowieso zur Intelligenz.“

„Nein, junger Mann, es geht nicht; daß Sie es wissen!“ sagte Bogdanoff ärgerlich. „Es geht nicht, und wenn ich noch einmal davon höre, so sind Sie entlassen.“

 

Die Gruschina veranstaltete von Zeit zu Zeit kleine Abendunterhaltungen für junge Leute. Mit der Zeit hoffte sie sich einen Mann zu angeln. Aus Anstandsrücksichten lud sie auch ihre verheirateten Bekannten ein.

Ein solcher Abend wurde heute veranstaltet und die Gäste waren schon früh erschienen.

Im Gastzimmer der Gruschina hingen einige Bilder an den Wänden, die mit einem undurchsichtigen Mullstoff dicht verhängt waren. Uebrigens waren es keineswegs unanständige Bilder. Wenn die Gruschina mit einem verschlagenen, lüsternen Lächeln die leichten Vorhänge lüftete, konnten die Gäste nackte Weiber bewundern, die zum Ueberfluß noch schlecht gezeichnet waren.

„Was gibt es da zu sehen, — ein verwachsenes Weib,“ sagte Peredonoff verdrießlich.

„Absolut nicht verwachsen,“ verteidigte die Gruschina das Bild, „sie nimmt so eine Stellung ein.“

„Sie ist verwachsen,“ wiederholte Peredonoff. „Außerdem hat sie schielende Augen, ganz so wie Sie.“

„Sie verstehen nichts von der Kunst!“ sagte die Gruschina gekränkt; „es sind ausgezeichnet teure Gemälde. Die Künstler malen das mit Vorliebe.“

Peredonoff lachte laut auf: es war ihm eingefallen, was für einen Rat er Wladja in diesen Tagen gegeben hatte.

„Warum wiehern Sie?“ fragte die Gruschina.

„Der Gymnasiast Nartanowitsch wird seiner Schwester Martha das Kleid ansengen,“ erklärte er, „ich habe es ihm geraten.“

„Warum sollte er es ansengen, er ist doch kein Dummkopf!“ entgegnete die Gruschina.

„Natürlich wird er es tun,“ versicherte Peredonoff nachdrücklich! „Geschwister zanken sich immer untereinander. Als ich jung war, unternahm ich immer irgend etwas gegen meine Schwestern, — die kleineren prügelte ich und den älteren verdarb ich die Kleider.“

„Das ist nicht überall so,“ sagte Rutiloff, „ich zanke mich nie mit meinen Schwestern.“

„Was tust du denn mit ihnen, — du küßt sie wohl?“ fragte Peredonoff.

„Du bist ein Lump und ein Schwein, Ardalljon Borisowitsch. Ich werde dich ohrfeigen,“ sagte Rutiloff sehr ruhig.

„Ich kann solche Scherze nicht leiden,“ antwortete Peredonoff und rückte zur Seite.

„Er bringt es wirklich fertig, mich zu schlagen,“ dachte Peredonoff. „Er hat so ein boshaftes Gesicht.“

„Sie besitzt nur das eine schwarze Kleid,“ fuhr er fort von Martha zu erzählen.

„Die Werschina wird ihr ein neues machen lassen,“ sagte Warwara mit neidischer Bosheit. „Zur Hochzeit wird sie ihr die ganze Aussteuer herrichten. Eine Schönheit, vor der die Pferde scheu werden,“ murmelte sie leise und blickte schadenfroh auf Murin.

„Auch für Sie ist es höchste Zeit, Hochzeit zu machen,“ sagte die Prepolowenskaja. „Worauf warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch?“

Das Ehepaar Prepolowenskaja hatte schon eingesehen, daß Peredonoff nach dem zweiten Brief fest entschlossen war, Warwara zu heiraten. Sie selber aber glaubten an die Echtheit des Briefs und behaupteten, daß sie immer auf Warwaras Seite gestanden hätten. Es hatte für sie keinen Zweck, sich mit Peredonoff zu entzweien, — denn es war vorteilhaft, mit ihm Karten zu spielen. Und Genja, da war nichts zu machen, mußte eben warten, — bis sich ein anderer Freier finden würde.

„Natürlich müssen Sie sich trauen lassen,“ sagte Prepolowenskji, „das ist ein gutes Werk und wird der Fürstin gefallen. Es wird der Fürstin angenehm sein, wenn Sie heiraten, und das wird ihr auch gefallen, sintemal Sie ein gutes Werk verrichten, und dann ist alles in Ordnung. Und — man nehme die Sache wie man will — es ist immer ein gutes Werk und wird der Fürstin gefallen.“

„Ich bin ganz derselben Meinung,“ sagte die Prepolowenskaja.

Prepolowenskji war ins Reden hereingekommen und konnte nicht an sich halten, weil er aber bemerkte, daß alle nach und nach von ihm fortgegangen waren, setzte er sich neben einen jungen Beamten und erklärte ihm dieselbe Sache.

„Ich bin entschlossen, mich trauen zu lassen,“ sagte Peredonoff, „wir wissen nur beide nicht, wie das anzufangen ist. Etwas muß doch geschehen, ich weiß nur nicht was.“

„Da ist nichts besonders dabei,“ sagte die Prepolowenskaja, „wollen Sie, ich und mein Mann werden Ihnen alles einrichten. Sie brauchen sich um gar nichts zu kümmern.“

„Gut,“ sagte Peredonoff, „ich bin einverstanden. Es muß nur alles reichlich und anständig eingerichtet werden. Ums Geld soll es mir nicht leid tun.“

„Seien Sie unbesorgt, Sie werden zufrieden sein,“ sagte die Prepolowenskaja.

Peredonoff fuhr fort, Bedingungen zu stellen:

„Manche Leute kaufen aus Geiz schmale, silbervergoldete Ringe, ich will das aber nicht, es müssen echt goldene sein. Und ich möchte sogar statt der Trauringe Trauarmbänder bestellen, — denn das ist teurer und vornehmer.“

Alle lachten.

„Armbänder gehen nicht,“ sagte die Prepolowenskaja flüchtig lächelnd, „es müssen Ringe sein.“

„Warum denn?“ fragte Peredonoff geärgert.

„Man tut es eben nicht.“

„Man tut es vielleicht doch,“ sagte Peredonoff ungläubig. „Ich werde den Popen fragen. Der muß es besser wissen.“

Rutiloff kicherte und gab den Rat:

„Bestell dir doch Traugürtel, Ardalljon Borisowitsch.“

„So viel Geld habe ich doch nicht,“ antwortete Peredonoff und merkte nicht, daß man sich über ihn lustig machte. „Ich bin kein Bankier. Ich träumte bloß vor einiger Zeit, daß ich in einem Atlasfrack getraut wurde, und wir beide trugen goldene Armbänder. Und hinter uns standen zwei Schuldirektoren, die hielten die Kränze über uns und sangen Halleluja.“

„Ich habe heute auch etwas Interessantes geträumt,“ erklärte Wolodin, „ich weiß nur nicht, was es bedeuten soll. Ich saß auf einem Thron und hatte eine Krone auf dem Kopf, vor mir wuchs aber Gras, und im Grase weideten Lämmer, lauter Lämmer, lauter Lämmer, bäh—bäh—bäh. Und die Lämmer gingen hin und her, schüttelten so mit den Köpfen und machten immerzu: bäh—bäh—bäh.“

Wolodin ging durch die Zimmer, schüttelte den Kopf, warf die Lippen auf und meckerte. Die Gäste lachten. Wolodin setzte sich wieder, blickte alle fromm an, zwinkerte vor Vergnügen mit den Augen und lachte, wie er es immer tat, mit seiner blökenden, schafsähnlichen Stimme.

„Nun, und was weiter?“ fragte die Gruschina und zwinkerte ihren Gästen zu.

„Nun, es waren eben lauter Lämmer, lauter Lämmer, und ich wachte auf,“ schloß Wolodin.

„Ein Schaf hat die Träume eines Schafes,“ brummte Peredonoff, „ein gefundenes Fressen für dich: Hammelkönig.“

„Ich aber hatte einen Traum,“ sagte Warwara mit einem schmutzigen Lächeln auf den Lippen, „der läßt sich in Gegenwart von Herren nicht erzählen; — Ihnen allein will ich ihn erzählen.“

„O, liebste Warwara Dmitriewna, das ist ja ganz mein Fall,“ antwortete die Gruschina, lächelte und zwinkerte allen zu.

„Erzählen Sie ungeniert,“ sagte Rutiloff, „wir sind bescheidne Leute, genau so wie Damen.“

Auch die übrigen, anwesenden Herren bestürmten Warwara und die Gruschina, sie sollten erzählen; die beiden aber sahen einander an, lachten gemein und erzählten nichts.

Man setzte sich an die Kartentische. Rutiloff versicherte allen, daß Peredonoff vortrefflich spiele. Peredonoff selber glaubte es. Aber heute, wie auch sonst immer, verlor er, Rutiloff dagegen gewann. Darüber war er sichtlich erfreut und redete lebhafter als gewöhnlich.

Das graue, gespenstische Tierchen quälte Peredonoff. Es versteckte sich irgendwo ganz in seiner Nähe, guckte zuweilen vor, entweder unter dem Tisch oder hinter dem Rücken eines der Anwesenden und versteckte sich wieder. Es schien, als erwartete es irgend etwas. Es war schrecklich.

Sogar vor den Bildern auf den Karten fürchtete sich Peredonoff. Die Damen immer zu zweit nebeneinander.

Wo ist denn die dritte? — dachte er.

Stumpfsinnig betrachtete er die Pik-Dame und drehte die Karte um, — denn die dritte konnte sich vielleicht hinter dem Hemd versteckt haben.

Rutiloff sagte:

„Ardalljon Borisowitsch guckt seiner Dame hinters Hemd.“

Alle lachten laut.

Zwei ganz junge Polizeibeamte saßen etwas abseits und spielten Schwarzen-Peter. Das Spiel ging rasch vor sich. Der Gewinnende lachte vor Freude und zeigte seinem Partner eine lange Nase. Dieser aber ärgerte sich.

Es roch nach warmen Speisen. Die Gruschina bat ihre Gäste in das Eßzimmer. Alle gingen hinüber, stießen einander und genierten sich. Irgendwie nahm man Platz.

„Essen Sie, meine Herrschaften,“ bewirtete die Gruschina, „essen Sie, meine Freunde, schlagen Sie sich die Bäuchlein voll, bis zum Halse hinauf.“

„Es gereicht der Wirtin zur Ehre, wenn ihre Pirogge gegessen wird,“ rief Murin fröhlich.

Der Anblick der Schnapsflaschen tat ihm wohl; auch freute er sich, daß er im Spiel gewonnen hatte.

Eifriger als alle andern aßen Wolodin und zwei junge Beamte, — sie suchten sich die besten und größten Stücke aus und verschlangen den Kaviar mit wahrem Heißhunger. Die Gruschina lachte gezwungen und sagte:

„Pawel Iwanowitsch ist betrunken und hat doch scharfe Augen. Er läßt das Brot liegen und macht sich an die Pastete.“

Als hätte sie für ihn den Kaviar gekauft! Und unter dem Vorwand, sie müsse die Damen mit diesen schönen Sachen bewirten, stellte sie sie recht weit von ihm fort. Wolodin aber ließ sich die Laune nicht verderben und begnügte sich mit dem, was man ihm gelassen hatte: er hatte sich beeilt, gleich im Anfang recht viel vom Allerbesten zu essen, so daß ihm jetzt alles gleich sein konnte.

Peredonoff blickte auf die Kauenden, und es schien ihm, daß alle über ihn lachten. Warum denn? Worüber denn? Wütend aß er alles, was ihm gerade unter die Finger kam; er aß unappetitlich und gierig.

Nach dem Essen wurde wieder gespielt. Doch bald wurde es Peredonoff langweilig. Er warf die Karten auf den Tisch und sagte:

„Daß euch der Teufel hole! Ich habe kein Glück! Wie langweilig! Warwara, komm, — wir gehen nach Hause.“

Gleichzeitig mit ihm erhoben sich auch die andern.

Im Vorhaus bemerkte Wolodin, daß Peredonoff einen neuen Spazierstock hatte. Er betrachtete ihn grinsend von allen Seiten und fragte:

„Ardascha, warum sind denn die Finger hier zur Faust geballt? Was bedeutet das?“

Peredonoff nahm ihm ärgerlich den Stock aus den Händen, hielt den Griff, der eine aus Ebenholz geschnitzte Faust darstellte, an Wolodins Nase und sagte:

„Du verdientest eine saftige Ohrfeige.“

Wolodin machte ein gekränktes Gesicht.

„Mit Verlaub, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte er, „ich pflege Brot mit Saft zu essen, keineswegs aber Ohrfeigen mit Saft.“

Peredonoff hörte nicht auf ihn, wickelte sich den Schal vorsorglich um den Hals und knöpfte seinen Mantel fest zu. Rutiloff sagte lachend:

„Warum packst du dich so ein, Ardalljon Borisowitsch? Es ist doch warm.“

„Gesundheit geht über alles,“ antwortete Peredonoff.

Auf der Straße war es still; die Straße hatte sich zur Nacht gleichsam niedergelegt und schien ganz leise zu schnarchen. Es war dunkel, feucht und traurig. Am Himmel zogen schwere Wolken. Peredonoff brummte:

„Die Dunkelheit! und wozu?“

Er fürchtete sich nicht, denn er ging mit Warwara und nicht allein.

Bald darauf fing es an zu regnen, ein feiner, rascher, anhaltender Regen. Alles war still geworden, und nur der Regen murmelte irgend etwas, zudringlich und schnell, als verschlucke er sich daran, — undeutliche, traurige und langweilige Sachen.

Peredonoff fühlte in der Natur die Spiegelung seiner eignen Traurigkeit, seiner Furcht, unter der Larve ihrer Feindseligkeit zu ihm, aber für jenes innere Leben der ganzen Natur, das einer äußerlichen Bestimmung nicht unterliegen kann, für jenes Leben, das allein imstande ist, eine tiefe, unantastbare, aufrichtige Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und der Natur herzustellen, für dieses Leben hatte er kein Gefühl. Darum erschien ihm auch die Natur ganz durchdrungen von kleinlichen, menschlichen Gefühlen. Verblendet durch Selbsttäuschungen, durch seine verschlossene Lebensführung, hatte er kein Verständnis für das dionysische, elementare Entzücken, das sich an der Natur berauscht, sie einsaugt. Er war blind und jämmerlich, wie es viele von uns sind.