XXIII
Das Ehepaar Prepolowenskji hatte es auf sich genommen, die Hochzeitsfeierlichkeiten auszurichten. Die Trauung sollte in einem Dorfe stattfinden, das etwa 6 Werst vor der Stadt lag: denn für Warwara mußte es peinlich sein, sich in der Stadt trauen zu lassen, nachdem sie schon so viele Jahre mit Peredonoff zusammengelebt hatte, unter dem Vorwand, sie wäre seine Kousine. Der Tag der Trauung wurde geheim gehalten: die Prepolowenskjis hatten das Gerücht verbreitet, die Trauung würde am Freitag stattfinden; in der Tat aber sollten die beiden am Mittwoch im Laufe des Tages getraut werden. Man hatte das getan, damit die neugierigen Städter nicht hinauskämen. Warwara schärfte es Peredonoff immer wieder ein:
„Versprich dich nicht, Ardalljon Borisowitsch, wegen der Trauung, sonst kommen sie noch und werden die Feier stören.“
Das zu den Feierlichkeiten erforderliche Geld gab Peredonoff nur widerwillig und sich über Warwara lustig machend. Bisweilen holte er seinen Stock, dessen Griff die geballte Faust darstellte und sagte zu Warwara:
„Küß diese Faust, dann sollst du Geld haben. Küßt du sie nicht — so gibt’s kein Geld.“
Warwara küßte die Faust.
„Was ist denn dabei; die Lippen werden davon nicht platzen,“ sagte sie.
Der Termin der Trauung wurde bis kurz vor dem festgesetzten Tage sogar vor den Marschälen geheim gehalten, damit sie davon nicht weiter sprächen. Zuerst wurden Rutiloff und Wolodin gebeten Marschäle zu sein, — beide erklärten sich mit Vergnügen einverstanden. Rutiloff erwartete, eine amüsante Anekdote zu erleben, und Wolodin schmeichelte es außerordentlich, eine so hervorragende Rolle bei einem so wichtigen Ereignis spielen zu dürfen. Dann aber kam Peredonoff der Gedanke — ein Marschal wäre für ihn zu wenig. Er sagte:
„Für dich, Warwara, langt einer; ich aber brauche zwei, einer wäre zu wenig, — denn es ist schwer, über mir die Hochzeitskrone zu halten; ich bin ein großer Mensch.“
So bat Peredonoff noch Falastoff Marschal zu sein. Warwara knurrte:
„Was Teufel soll denn der? Zwei sind schon da.“
„Er trägt eine goldene Brille; so ist es vornehmer,“ sagte Peredonoff.
Am Morgen des Hochzeitstages wusch sich Peredonoff, wie gewöhnlich, mit warmem Wasser, um sich nicht zu erkälten, und dann verlangte er Schminke:
„Ich muß mich jetzt jeden Tag schminken, sonst wird man noch denken, ich wäre hinfällig, und wird mich nicht zum Inspektor ernennen.“
Warwara tat es um ihre Schminke leid, doch mußte sie sie hergeben, — und Peredonoff färbte sich die Backen. Er murmelte:
„Auch Weriga schminkt sich, um jünger auszusehen. Ich kann mich doch nicht mit weißen Backen trauen lassen.“
Hierauf sperrte er sich im Schlafzimmer ein und beschloß — sich zu zeichnen, damit Wolodin sich nicht unterschieben konnte. Auf die Brust, auf den Bauch, auf die Ellenbogen, und sonst auf verschiedene Körperteile schmierte er mit Tinte den Buchstaben „P“.
Man müßte auch Wolodin zeichnen, aber wie soll man das anfangen? Wenn er es bemerkt, wird er es wieder abreiben, dachte Peredonoff bekümmert.
Dann kam ihm der Gedanke, es wäre so übel nicht, wenn er sich ein Korsett anzöge, denn möglicherweise würde man ihn für einen Greis halten, wenn er zufällig gebeugt dastehen würde. Er verlangte von Warwara ein Korsett. Doch erwies sich, daß Warwaras sämtliche Korsetts ihm zu eng waren, — kein einziges ließ sich schließen.
„Man hätte es früher kaufen müssen,“ brummte er ärgerlich. „An nichts denken sie.“
„Welcher Mann trägt denn ein Korsett,“ antwortete Warwara, „keiner tut es.“
„Weriga trägt eins,“ sagte Peredonoff.
„Weriga ist eben ein Greis; aber du, Ardalljon Borisowitsch, bist gottlob ein vollblütiger Mann.“
Peredonoff lächelte selbstgefällig, blickte in den Spiegel und sagte:
„Natürlich, ich werde noch anderthalb Jahrhunderte leben.“
Der Kater nieste unter dem Bett. Warwara sagte lächelnd:
„Auch der Kater niest, das heißt also: es stimmt.“
Doch Peredonoff wurde plötzlich verdrießlich: Er fürchtete sich vor dem Kater, und sein Niesen erschien ihm als eine böse List.
Das fehlte noch, daß er mir etwas vorniest, dachte er und kroch unter das Bett, um den Kater zu verjagen. Dieser miaute wild, schmiegte sich an die Wand und plötzlich schlüpfte er mit einem lauten Miauen unter Peredonoffs Händen durch, aus dem Zimmer hinaus.
„Holländischer Teufel!“ schimpfte Peredonoff böse.
„Das ist er: ein Teufel,“ rief auch Warwara, „er ist ganz verwildert, er läßt sich nicht einmal streicheln, — als wäre der Teufel in ihn gefahren.“
Die Prepolowenskjis hatten schon früh am Morgen die Marschäle benachrichtigt. Gegen zehn Uhr versammelten sich alle bei Peredonoff. Die Gruschina war gekommen und Sophie mit ihrem Mann. Ein Schnaps und Imbiß wurde gereicht. Peredonoff aß nur wenig und überlegte traurig, wie er es anstellen sollte, um sich noch mehr von Wolodin zu unterscheiden.
Er hat sich Locken brennen lassen wie ein Schaf, dachte er gereizt und plötzlich fiel es ihm ein, daß auch er sich auf eine besondere Art frisieren lassen könnte. Er stand auf und sagte:
„Trinkt und eßt, mir soll’s nicht leid tun; ich werde unterdessen zum Friseur gehen und mich spanisch frisieren lassen.“
„Wie ist denn das — spanisch?“ fragte Rutiloff.
„Du wirst ja schon sehen.“
Als Peredonoff gegangen war, sagte Warwara:
„Immer hat er neue Einfälle! Ueberall sieht er Teufel. Er sollte weniger Schnaps trinken, der verfluchte Säufer!“
Die Prepolowenskaja lächelte verschmitzt und sagte:
„Wenn ihr getraut seid, wird Ardalljon Borisowitsch eine Stelle bekommen und dann wird er sich beruhigen.“
Die Gruschina kicherte. Sie amüsierte sich über das Geheimnisvolle dieser Hochzeit und brannte darauf, irgend einen großen Skandal in Szene zu setzen, nur ohne sich selber dabei die Finger zu verbrennen. Unter der Hand hatte sie gestern abend einigen ihrer Freunde Ort und Stunde der Trauung genannt. Und heute in aller Frühe hatte sie den jüngsten Sohn des Schlossers kommen lassen, ihm einen Fünfer gegeben und ihm aufgetragen, am Abend vor der Stadt zu warten, bis die Neuvermählten angefahren kommen würden, um dann in ihren Wagen Schmutz und Papierfetzen zu werfen. Der Schlossersohn war zu allem bereit und schwor, er würde nichts verraten. Die Gruschina aber erinnerte ihn:
„Den Tscherepin habt ihr doch verraten, als man euch Prügel gab.“
„Wir waren halt Esel,“ sagte der Schlossersohn, „aber jetzt könnte man uns aufhängen, ganz egal.“
Und zur Bekräftigung seines Eides aß der Junge ein Häufchen Erde. Dafür gab ihm die Gruschina noch drei Kopeken.
Im Frisiersalon wünschte Peredonoff den Inhaber selber zu sprechen. Es war ein junger Mensch, der vor kurzem die städtische Schule absolviert hatte und oft Bücher aus der Volksbibliothek lieh. Er war gerade dabei, einem Gutsbesitzer, den Peredonoff nicht kannte, das Haar zu schneiden. Als er mit seiner Arbeit fertig war, trat er an Peredonoff heran.
„Laß ihn erst gehen!“ sagte Peredonoff böse.
Der Gutsbesitzer zahlte und ging.
Peredonoff setzte sich vor den Spiegel.
„Haarschneiden und frisieren,“ sagte er. „Ich habe heute eine wichtige Sache vor, eine besonders wichtige, — und darum sollst du mich spanisch frisieren.“
Der Lehrjunge, er stand an der Tür, platzte aus. Der Meister blickte ihn streng an. Er hatte noch nie Gelegenheit gehabt, spanisch zu frisieren und er wußte auch nicht, was eine spanische Friseur sei, ob es die überhaupt gäbe. Wenn der Herr es aber verlangte, so mußte man annehmen, daß er weiß, was er will. Der junge Friseur wollte seine Unbildung nicht verraten. Er sagte höflich:
„Bei Ihrem Haarwuchs, mein Herr, ist das unmöglich.“
„Warum ist es unmöglich?“ fragte Peredonoff beleidigt.
„Ihre Haare haben eine schlechte Nährung,“ erklärte der Friseur.
„Soll ich sie etwa mit Bier begießen?“ brummte Peredonoff.
„Aber, ich bitte Sie, warum denn mit Bier!“ antwortete der Friseur und lächelte liebenswürdig, „Sie müssen es in Betracht ziehen, daß, wenn man sie nur ein wenig schneiden soll und da außerdem sich eine gewisse Solidität auf Ihrem Haupte kund tut, es keineswegs zur spanischen Frisur langen dürfte.“
Peredonoff war ganz niedergeschlagen, daß er nicht spanisch frisiert werden konnte. Er sagte betrübt:
„So schneide mir die Haare wie du willst.“
Vielleicht, dachte er, hat man es dem Friseur gesteckt, daß er mich nicht auf diese besondere Art frisieren soll. Ich hätte zu Hause nicht davon sprechen sollen. Wahrscheinlich war Wolodin, während er würdig und gemessen durch die Straßen gegangen war, als Hammel durch die Hintergäßchen gelaufen, und hatte sich mit dem Friseur „berochen“.
„Befehlen der Herr zu spritzen?“ fragte der Friseur, als er die Haare geschnitten hatte.
„Mit Reseda und recht viel,“ forderte Peredonoff, „hast du mich irgendwie zurechtgestutzt, so mach es wenigstens mit Reseda wieder gut.“
„Ich bitte um Entschuldigung, Reseda führen wir nicht,“ sagte der Friseur verlegen, „aber vielleicht ist Ihnen Opoponax gefällig?“
„Nichts kannst du ordentlich tun,“ sagte Peredonoff traurig, „so spritz denn ganz gleich womit.“
Gereizt kam er nach Hause. Es war ein windiger Tag. Die Pforte wurde vom Winde auf und zu geschlagen, gähnte und lachte. Peredonoff sah das und wurde traurig. Wie sollte man hier durchfahren? Indes, alles machte sich von selbst.
Drei Wagen waren vorgefahren, man mußte sich rasch hineinsetzen und abfahren, sonst hätten die Fuhrwerke Neugierige angelockt, die hätten sich gleich versammelt und wären nachgefahren, um sich die Trauung mit anzusehen. Man setzte sich und fuhr ab: Peredonoff und Warwara, die Prepolowenskjis und Rutiloff, die Gruschina mit den beiden anderen Marschälen.
Auf dem Stadtplatz wirbelte der Staub. Peredonoff hörte Geräusche, gleichsam Axtschläge. Kaum sichtbar erhob sich, wuchs aus dem Staube eine hölzerne Wand. Eine Festung wurde gebaut. Bauern in roten Hemden liefen still und drohend hin und her.
Die Wagen sausten vorüber, — die furchtbare Erscheinung blieb weit zurück und verschwand. Peredonoff sah sich entsetzt um, aber es war nichts mehr zu sehen, — und er konnte sich nicht entschließen, zu jemand von dieser Erscheinung zu sprechen.
Den ganzen Weg über fühlte sich Peredonoff tief bedrückt. Alles starrte ihm feindlich entgegen, überall erhoben sich die drohenden Vorzeichen. Der Himmel umwölkte sich. Der Wind stürmte entgegen und seufzte schwer. Die Bäume wollten keinen Schatten geben, hatten den ganzen Schatten in sich gesogen. Dafür wirbelte der Staub längs der Straße, wie eine lange, durchsichtig-graue Schlange. Die Sonne verkroch sich aus einem unbekannten Grunde hinter den Wolken, — wollte sie etwa heimlich beobachten?
Der Weg schlängelte sich durch hügeliges Land, — unerwartet tauchten hinter den Hügeln Sträucher, Wälder, Felder und Bäche auf. Ueber die Bäche führten dröhnende, hölzerne Brücken.
„Der Vogel Auge flog vorüber,“ sagte Peredonoff verdrießlich und starrte in die blendende, neblige Ferne des Himmels. „Er hat ein Auge und zwei Flügel, und weiter hat er nichts.“
Warwara schmunzelte. Sie glaubte, Peredonoff wäre schon am frühen Morgen betrunken. Aber sie widersprach ihm nicht, sonst — dachte sie, — könnte er sich ärgern und wird sich nicht trauen lassen.
In der Kirche standen, versteckt hinter einer Säule, die vier Schwestern Rutiloff. Peredonoff hatte sie zuerst nicht bemerkt, später aber, schon während der Trauung, als sie ihren Hinterhalt verlassen hatten und vorgetreten waren, sah er sie und erschrak. Sie taten übrigens nichts Schlimmes, verlangten nicht — er hatte das befürchtet, — er solle Warwara fortjagen und eine von ihnen nehmen. Sie lachten nur die ganze Zeit. Und ihr anfangs leises Gelächter wurde immer lauter, klang immer drohender in seine Ohren, wie das Gelächter der wütenden Furien.
Außer zwei, drei alten Weibern, die von irgendwoher gekommen waren, waren keine fremden Leute in der Kirche. Es war gut so, denn Peredonoff betrug sich läppisch und sonderbar. Er gähnte, murmelte vor sich hin, stieß Warwara, beklagte sich, daß es nach Bauern röche, und über den Gestank des Weihrauchs und der Wachslichter.
„Deine Schwestern lachen die ganze Zeit,“ brummte er zu Rutiloff gewandt, „sie durchbohren einem die Leber mit ihrem Gelächter.“
Außerdem beunruhigte ihn das graue, gespenstische Tierchen. Es war schmutzig, ganz bestaubt und versteckte sich immer unter den Gewändern des Priesters.
Der Gruschina und Warwara erschienen die kirchlichen Gebräuche lächerlich. Sie kicherten ununterbrochen. Die biblischen Worte, die Frau müsse ihrem Manne anhangen, gaben ihnen Anlaß zu besondrer Lustigkeit. Auch Rutiloff kicherte, — er hielt es für seine Pflicht immer und überall die Damen zum Lachen zu bringen. Wolodin hingegen betrug sich gemessen und würdig; er bekreuzigte sich und bewahrte im Gesicht einen tiefsinnigen Ausdruck. Die kirchlichen Gebräuche waren für ihn nichts anderes, als Bestimmungen, die erfüllt werden mußten, er glaubte, daß die Erfüllung dieser Bestimmungen eine gewisse innerliche Bequemlichkeit förderte: man geht an Feiertagen zur Kirche, betet, — und ist gerecht; man sündigt, bereut — und ist wiederum gerecht. Wie gut und bequem! Um so bequemer, als man durch nichts verpflichtet war, außerhalb der Kirche sich um kirchliche Angelegenheiten zu kümmern, vielmehr sich an ganz andere, praktische Lebensregeln halten mußte.
Die Trauungszeremonien waren eben beendet, man war noch nicht aus der Kirche heraus, — da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Lärmend drang in die Kirche eine betrunkene Gesellschaft, Murin mit seinen Freunden.
Murin, wie gewöhnlich, zerzaust und schmutzig, umarmte Peredonoff und schrie:
„Bruder! Uns bleibt nichts verborgen. Wir sind doch Freunde, die kein Wasser trennen kann, und du — Kerl — hast uns nichts gesagt.“
Man hörte Ausrufe:
„Der Lump, — er hat uns nicht eingeladen!“
„Jetzt sind wir doch hier!“
„Wir haben es doch erfahren!“
Die Neuangekommenen umarmten und beglückwünschten Peredonoff. Murin sagte:
„Wir haben etwas zu lange gesoffen, sonst hätten wir euch von Anfang an beehrt.“
Peredonoff stierte finster vor sich hin und antwortete nicht auf die Glückwünsche. Wut und Furcht schnürten ihm die Kehle.
Alles spionieren sie aus, dachte er betrübt.
„Ihr solltet euch wenigstens die Stirn bekreuzigen,“ sagte er wütend. „Sonst, — wer mag es wissen, — habt ihr noch böse Hintergedanken.“
Die Gäste bekreuzigten sich, lachten und spotteten gotteslästerlich. Die jungen Beamten taten sich darin ganz besonders hervor. Der Küster verwies es ihnen vorwurfsvoll.
Unter den Gästen befand sich einer mit einem roten Schnurrbart, ein junger Mensch, den Peredonoff nicht einmal kannte. Er erinnerte ganz außerordentlich an einen Kater. Vielleicht hatte sich ihr Kater in diesen Menschen verwandelt? Nicht umsonst prustete dieser junge Mann so auffällig, — er konnte seine tierischen Gewohnheiten nicht lassen.
„Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte Warwara die ungebetenen Gäste böse.
„Gute Leute taten es, junge Frau,“ antwortete Murin, „aber wer es eigentlich war, das haben wir schon vergessen.“
Die Gruschina bewegte sich unruhig hin und her und zwinkerte mit den Augen. Die Gäste lachten nur, verrieten sie aber nicht. Murin sagte:
„Ganz egal, Ardalljon Borisowitsch, wir fahren alle zu dir und du wirst Sekt schmeißen, sei kein Filz. Das geht doch nicht, — Freunde die kein Wasser trennt, — und du wolltest alles so hinterrücks abmachen.“
Als Peredonoffs nach der Trauung aus der Kirche kamen, ging die Sonne unter, und der ganze Himmel stand in Feuer und Gold. Das gefiel Peredonoff nicht. Er murmelte:
„Da hat man Gold draufgepappt, ganze Stücke, daß es beinah herunterfällt. Hat man je so eine Verschwendung gesehen!“
Vor der Stadt erwarteten sie die Schlossersöhne mit einer Bande von Straßenjungen, sie liefen und brüllten. Peredonoff zitterte vor Angst. Warwara schimpfte, spuckte auf die Jungen, drohte ihnen mit der Faust. Die Gäste und Marschäle lachten.
Man kam angefahren. Die ganze Gesellschaft wälzte sich mit lärmendem Johlen und Schreien in die Wohnung Peredonoffs. Man trank erst Sekt, dann Schnaps, und dann setzte man sich an die Karten. Die ganze Nacht durch wurde getrunken. Warwara war betrunken, tanzte und jubelte. Auch Peredonoff triumphierte, — es war ihnen doch nicht gelungen, ihn mit Wolodin zu vertauschen.
Wie immer wurde Warwara von den Gästen zynisch und ohne Achtung behandelt; sie glaubte, es wäre so in der Ordnung.
Nach der Hochzeit änderte sich das häusliche Leben bei Peredonoffs nur wenig. Nur, daß Warwara sicherer und unabhängiger mit ihrem Mann verkehrte. Es schien, als hätte sie nicht mehr den Respekt vor ihm, — doch fürchtete sie ihn aus alter Gewohnheit. Auch Peredonoff schrie sie mitunter an, wie er es von früher gewohnt war, zuweilen prügelte er sie sogar. Aber auch er begann ihre größere Sicherheit ihm gegenüber zu spüren. Das erfüllte ihn mit bittrer Traurigkeit. Es schien ihm, daß, wenn sie ihn nicht mehr so wie früher fürchtete, dies daher käme, daß in ihr der verbrecherische Vorsatz erstarkt war, ihn abzuschütteln, um ihn dann mit Wolodin zu vertauschen.
Man muß auf der Hut sein, dachte er.
Warwara triumphierte. Zusammen mit ihrem Mann, machten sie Besuche bei den Damen der Stadt, sogar bei den weniger Bekannten. Bei dieser Gelegenheit entfaltete sie einen komischen Stolz und sonderbare Ungeschicklichkeit. Ueberall wurde sie empfangen, in vielen Häusern allerdings mit großer Verwunderung.
Für die Besuche hatte sie sich rechtzeitig einen Hut machen lassen bei der tüchtigsten Hutmacherin des Ortes aus der Hauptstadt. Die grellen, großen Blumen, in aufdringlicher Fülle angebracht, entzückten Warwara.
Ihren ersten Besuch machten Peredonoffs bei der Frau des Direktors. Von dort fuhren sie zur Frau des Adelsmarschalls.
Am selben Tage, als Peredonoffs sich anschickten, ihre Besuche zu machen (das war bei Rutiloffs natürlich schon längst bekannt), — machten sich die Schwestern auf den Weg zu Warwara Nikolajewna Chripatsch, einfach aus Neugierde, um zu sehen, wie Warwara sich benehmen würde.
Bald darauf kamen Peredonoffs. Warwara knixte tief vor der Frau Direktor, und ihre Stimme zitterte mehr als gewöhnlich, als sie sagte:
„So sind wir denn gekommen. Ich bitte um Ihre Gunst und Freundschaft.“
„Sehr angenehm,“ sagte die Frau Direktor gezwungen und bat Warwara, auf dem Sofa Platz zu nehmen.
Warwara setzte sich mit sichtlichem Behagen auf den ihr zugewiesenen Platz, breitete ihr rauschendes, grünes Kleid weit aus und begann zu reden, bemüht, ihre Verlegenheit hinter einer übergroßen Herzlichkeit zu verbergen:
„Ich war die ganze Zeit über eine Mamsell, da bin ich nun eine Dame geworden. Wir sind Namensbasen, — Sie heißen Warwara und ich heiße Warwara, — und wir haben nicht miteinander verkehrt. Als Mamsell saß ich meist zu Hause, — aber warum soll man immer hinter dem Ofen hocken. Nun werden ich und Ardalljon Borisowitsch offener leben. Wir bitten, uns die Ehre zu geben, — wir waren bei Ihnen, Sie werden zu uns kommen, der Musjö zum Musjö, die Madame zur Madame.“
„Aber man spricht davon, daß Sie nicht mehr lange hier bleiben werden,“ sagte die Frau Direktor. „Ich ließ mir sagen, daß Ihr Mann versetzt werden wird.“
„Ja, bald wird ein Papier kommen, dann werden wir fahren,“ antwortete Warwara. „Bevor das Papier nicht gekommen ist, müssen wir hierbleiben und uns des Lebens freuen.“
Warwara hoffte selber auf den Inspektorposten. Nach der Trauung hatte sie der Fürstin einen Brief geschrieben. Eine Antwort war noch nicht gekommen. Sie hatte beschlossen zu Neujahr noch einmal zu schreiben.
Ludmilla sagte:
„Wir dachten alle, Ardalljon Borisowitsch, Sie würden das Fräulein Pjilnikoff heiraten.“
„Ach was,“ sagte Peredonoff böse, „wie sollte ich jede beliebige heiraten. Ich brauche Protektionen.“
„Aber immerhin, wie verhält es sich denn mit Mademoiselle Pjilnikoff?“ neckte Ludmilla. „Sie haben ihr doch den Hof gemacht. Hat sie Ihnen einen Korb gegeben?“
„Ich werde sie noch aufs Glatteis führen,“ brummte Peredonoff verdrießlich.
„Das ist die Idée fixe von Ardalljon Borisowitsch,“ sagte der Direktor und lachte trocken.
XXIV
Peredonoffs Kater war ganz verwildert, er fauchte, hörte nicht, wenn man ihn rief, — und war durch nichts anzulocken. Peredonoff fürchtete sich vor ihm. Manchmal murmelte er Beschwörungsformeln.
Aber kann das helfen? dachte er. Der Kater hat eine zu starke Elektrizität im Fell, — das ist eben das Unglück.
Einmal kam er auf den Gedanken, den Kater scheren zu lassen.
Gedacht — getan. Warwara war nicht zu Hause, — sie war zur Gruschina gegangen und hatte sich ein Fläschchen Kirschlikör in die Tasche gesteckt, — so konnte ihn niemand stören. Peredonoff band den Kater an eine Schnur, — aus einem Taschentuch drehte er ein Halsband, — und führte ihn zum Friseur.
Der Kater miaute wild, sprang nach rechts, nach links, stemmte sich entgegen. In seiner Verzweiflung warf er sich einigemal auf Peredonoff, — aber Peredonoff hielt ihn mit seinem Spazierstock fern. Die Gassenjungen liefen in Scharen hinterdrein, schrien und lachten. Die Vorübergehenden blieben stehen. Man steckte die Köpfe zum Fenster hinaus. Peredonoff schleifte den Kater an der Schnur und ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen.
Endlich war er beim Friseur und sagte:
„He, rasieren Sie mal den Kater, aber ganz glatt.“
Die Jungen waren in Haufen vor der Tür stehen geblieben und krümmten sich vor Lachen. Der Friseur war beleidigt und wurde rot. Er sagte, — und seine Stimme zitterte leise:
„Entschuldigen Sie, mein Herr, das ist nicht unseres Amtes. Zudem habe ich nie einen rasierten Kater gesehn. Das wird wohl die neueste Mode sein, die noch nicht bis zu uns gedrungen ist.“
Peredonoff hörte ihm zu in blödem Nichtverstehen. Er rief:
„Charlatan! Sag lieber — ich kann es nicht!“
Dann ging er wieder, den unnatürlich schreienden Kater hinter sich herzerrend. Unterwegs dachte er betrübt, daß überall und immer alle Welt über ihn lache, keiner wolle ihm behilflich sein. Der Kummer schnürte ihm die Brust.
Peredonoff, Wolodin und Rutiloff waren in den „Garten“ gekommen um Billard zu spielen. Der Marqueur berichtete verlegen:
„Heute kann nicht gespielt werden, meine Herren.“
„Und warum nicht?“ fragte Peredonoff gereizt, „wir — sollen nicht spielen dürfen.“
„Es verhält sich nämlich so, ich bitte um Entschuldigung, daß keine Bälle da sind,“ sagte der Marqueur.
„Hast sie durchgebracht, Halunke,“ hörte man hinter der Lette den Buffetier schreien.
Der Marqueur zuckte zusammen und bewegte plötzlich die roten Ohren, gleichsam eine hasenartige Bewegung, und flüsterte:
„Man hat sie gestohlen.“
„Nanu! wer hat sie gestohlen?“
„Unbekannt — wer, —“ meldete der Marqueur. „Es ist kein Mensch da gewesen, und plötzlich sind die Bälle verschwunden.“
Rutiloff kicherte und rief:
„Nette Anekdote — das!“
Wolodin zog ein gekränktes Gesicht und machte dem Marqueur Vorwürfe:
„Wenn man bei Ihnen die Bälle zu stehlen beliebt, Sie aber sich unterdessen irgendwo anders aufzuhalten belieben, die Bälle also sozusagen verschwunden sind, so hätten Sie die Pflicht gehabt, unverzüglich neue Bälle zu beschaffen, damit wir spielen können. Wir kamen und wollten spielen; wenn aber keine Bälle da sind, — womit sollen wir dann spielen?“
„Schwatz nicht, Pawluschka,“ sagte Peredonoff, „einem wird auch ohne dich übel. Such die Bälle, Marqueur! Wir müssen unbedingt spielen; unterdessen bring zwei Pullen Bier.“
Man trank Bier. Es war aber doch langweilig. Die Bälle ließen sich nicht finden. Man schimpfte einander, schalt den Marqueur. Dieser schwieg schuldbewußt.
Im Diebstahl glaubte Peredonoff eine neue feindliche Intrige sehen zu müssen.
Warum? dachte er betrübt und verstand nicht.
Er ging in den Garten und setzte sich auf eine Bank, die dicht am Teiche stand, — hier hatte er noch nie gesessen, — und stierte stumpfsinnig auf das mit Entengrün bezogene Wasser. Wolodin setzte sich neben ihn, teilte seinen Kummer und blickte mit seinen Schafsaugen auf den Teich.
„Warum liegt dieser schmutzige Spiegel hier, Pawluschka?“ fragte Peredonoff und wies mit dem Stock auf den Teich.
Wolodin bleckte die Zähne und sagte:
„Das ist kein Spiegel, Ardascha; das ist ein Teich. Sintemal es eben windstill ist, spiegeln sich in ihm die Bäume; darum sieht es so aus, als läge hier ein Spiegel.“
Peredonoff sah auf. Hinter dem Teich war ein Zaun, der den Garten von der Straße trennte. Peredonoff fragte wieder:
„Warum sitzt der Kater auf dem Zaun?“
Wolodin blickte in dieselbe Richtung und sagte kichernd:
„Er war, er ist nicht mehr.“
Tatsächlich lebte der Kater nur in Peredonoffs Einbildung, — ein Kater mit weitaufgerissenen, grünen Augen, — sein verschlagener, unermüdlicher Feind. Wieder mußte Peredonoff an die Bälle denken.
Wer braucht sie? Hatte das graue, gespenstische Tierchen sie aufgefressen? War es darum heute nirgends zu sehen, — dachte er. — Es hat sich vollgefressen, hat sich irgendwohin gewälzt und schläft jetzt.
Niedergeschlagen schlich Peredonoff nach Hause. Der Abend war im Erlöschen. Ein Wölkchen zog irrend am Himmel, schlich heran, — Wolken gehen so leise, — hielt Umschau. Auf seinen dunklen Rändern spielte ein rätselhafter, tiefer Glanz. Ueber dem Flüßchen, das zwischen Garten und Stadt floß, zitterten die Schatten der Häuser und Gebüsche, sie flüsterten, suchten irgend jemand.
Und auf den Straßen dieser düstren, ewig feindlichen Stadt begegneten nur böse, spöttische Menschen. Alles verband sich zu einer allgemeinen Feindseligkeit gegen Peredonoff, — die Hunde lachten ihn aus, und die Menschen kläfften ihn an.
Die Damen der Stadt erwiderten Warwaras Besuch. Einige waren aus fröhlicher Neugierde schon nach zwei, drei Tagen gekommen, um Warwara in ihrer Häuslichkeit zu sehen. Andere wieder ließen eine Woche und mehr verstreichen. Und manche kamen überhaupt nicht, — so zum Beispiel die Werschina.
Peredonoffs erwarteten täglich mit größter Ungeduld die Gegenbesuche und zählten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten sich ungeheuer auf, — denn wie, — wenn die Chripatschs überhaupt nicht kämen!
Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wütete und schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequälte Stimmung.
Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wären sie erloschen; und manchmal schien es — es wären die Augen eines Toten. Eine sinnlose Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund fürchtete er sich plötzlich vor diesen und jenen Gegenständen. Ihm war der quälende Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er fürchtete sich vor allem Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln.
Vielleicht, — dachte er, — sind sie besprochen und verhext. Man könnte zufällig in ein Messer rennen.
„Wozu hat man Messer?“ sagte er zu Warwara. „Die Chinesen essen doch mit Stäbchen.“
Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, — man begnügte sich mit Kohl und Grütze.
Um sich an Peredonoff für die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu rächen, bekräftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, daß seine Befürchtungen nicht grundlos wären. Sie sagte ihm, er hätte viele Feinde, und wie wäre es auch möglich, daß man ihn nicht beneiden sollte? Mehr als einmal ängstigte sie ihn damit, daß man ihn sicher denunziert und ihn bei den vorgesetzten Behörden und bei der Fürstin angeschwärzt hätte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich fürchtete.
Für Peredonoff schien es festzustehen, daß die Fürstin mit ihm unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild, noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man muß ihr Wohlwollen verdienen; aber wodurch? Durch eine Lüge etwa? Sollte er Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben den Klatsch, — man müßte sich über Warwara etwas Unanständiges ausdenken und der Fürstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine Stelle verschaffen.
Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben, auch fürchtete er sich, an die Fürstin selbst zu schreiben. Und bald vergaß er diesen Einfall.
Die gewöhnlichen Gäste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz billigem Portwein. Für den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira für drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein für etwas außerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur den Gästen und sagte:
„Für den Direktor.“
Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen den Madeira.
„Diese äußerliche Betrachtung mundet nicht,“ sagte Rutiloff kichernd. — „Gib uns lieber davon zu trinken.“
„Was nicht gar!“ antwortete Peredonoff böse. „Was soll ich dann dem Direktor anbieten?“
„Der Direktor wird Schnaps trinken,“ sagte Rutiloff.
„Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; für einen Direktor schickt es sich, Madeira zu trinken,“ sagte Peredonoff nachdrücklich.
„Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt,“ beharrte Rutiloff.
„Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mögen,“ sagte Peredonoff sicher.
„Immerhin, gib nur her,“ drängte Rutiloff.
Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hörte, wie das Schloß am Schränkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder zurückkam, wechselte er das Thema und sprach von der Fürstin. Er sagte verdrießlich:
„Die Fürstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und den Fürsten geködert.“
Rutiloff lachte laut und sagte:
„Seit wann treiben sich Fürsten auf Bazaren herum?“
„Einerlei. Sie hat ihn angelockt,“ sagte Peredonoff.
„Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch,“ widersprach Rutiloff. „Das ist nie vorgekommen. Die Fürstin ist eine angesehene Dame.“
Peredonoff blickte ihn wütend an und dachte: er verteidigt sie; er steckt mit ihr unter einer Decke. Die Fürstin hat ihn behext, wenn sie auch noch so weit von hier fort ist.
Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um und flüsterte:
„In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der Nacht, wenn alles schläft, zieht er seine blaue Uniform an und geht stracks zum Gendarmerieoffizier.“
„Warum denn in Uniform?“ erkundigte sich Wolodin sachlich.
„Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafür wird geprügelt,“ erklärte Peredonoff.
Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flüsterte:
„Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt — es ist ein simpler Kater, — keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man nichts verbergen, er hört und hört alles.“
Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie — schön gekleidet, liebenswürdig, nach süßen Veilchen duftend, — zusammen mit ihrem Manne, angefahren, — für Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel früher erwartet. Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in der Küche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, während Peredonoff die Gäste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst aufgewacht ist.
„Warwara kommt gleich,“ murmelte er, „sie kleidet sich um. Sie kochte gerade. Wir haben ein neues Mädchen, die kann noch nichts, sie ist eine dumme Gans.“
Bald darauf kam Warwara, nachlässig gekleidet; ihr Gesicht war rot und erschreckt. Sie gab den Gästen ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach mit vor Aufregung zitternder Stimme:
„Verzeihen Sie, daß ich warten ließ, — wir wußten nicht, daß Sie an einem Wochentage kommen würden.“
„An Feiertagen fahre ich nur selten aus,“ sagte Madame Chripatsch, „da sind so viele Betrunkene auf den Straßen. Mögen die Dienstboten diesen Tag für sich haben.“
Es entspann sich eine notdürftige Unterhaltung, und die Liebenswürdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich, — wie etwa eine reumütige Sünderin, zu der man freundlich sein muß, an der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige Verhaltungsmaßregeln über Kleidung und Einrichtung, aber nur gesprächsweise.
Warwara gab sich alle Mühe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre roten Hände und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das genierte die Frau Direktor. Sie bemühte sich, noch liebenswürdiger zu sein, aber ein unwillkürlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, daß ein näherer Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im Glauben, sie und die Frau Direktor würden gute Freunde werden.
Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und männlich suchte er das zu verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wäre es nicht gewohnt, um diese Stunde Wein zu trinken. Man redete über die städtischen Neuigkeiten, über den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war aber nur zu deutlich zu merken, daß er und Peredonoff in zwei einander feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten.
Sie blieben nicht lange.
Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind bald gegangen. Sie zog sich um und sagte fröhlich:
„Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wußte ja gar nicht, was ich sprechen sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flüchtig kennt, so weiß man gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.“
Dann fiel es ihr ein, daß die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie:
„Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich müßte eigentlich Französisch kläffen lernen. Auf Französisch kann ich nicht a und b sagen.“
Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann:
„Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist ganz unmöglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr entspricht ihrer sozialen Stellung.“
Chripatsch antwortete:
„Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit Ungeduld, daß er versetzt wird.“
Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, — die Prepolowenskaja war gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, — verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzählte. Zwar hatte sie nicht alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der schlauen Sophie genügte das vollkommen, — wie Schuppen fiel es ihr von den Augen.
Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den stillen Vorwurf.
Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte sie der Werschina von den gefälschten Briefen, — und so ging es wie ein Lauffeuer durch die Stadt.
Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn wegen seiner Leichtgläubigkeit auszulachen. Sie sagte:
„Wie sind Sie doch einfältig, Ardalljon Borisowitsch.“
„Ich bin nicht einfältig,“ antwortete er, „ich bin Kandidat der Universität[11].“
„Nun ja — Kandidat; aber wem es gerade einfällt, der haut Sie übers Ohr.“
„Das tue ich selber, daß ich die Leute übers Ohr haue,“ verteidigte sich Peredonoff.
Die Prepolowenskaja lächelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte nichts verstehen, — wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er, alle Menschen sind mir feind.
Und er drohte hinter ihrem Rücken mit der Faust.
Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen.
Aber die Angst quälte ihn.
Der Prepolowenskaja schien es, als wären diese Andeutungen zu wenig. Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber Peredonoff verstand noch immer nicht.
Einmal schrieb sie ihm:
„Sehen Sie zu, ob jene Fürstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat, nicht hier am Orte lebt.“
Peredonoff glaubte, die Fürstin selber wäre gekommen, um ihn zu beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich Warwara abspenstig machen.
Diese Briefe erschreckten und ärgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu:
„Wo ist die Fürstin? Man sagt, sie wäre hier.“
Warwara, sich rächend für alles Frühere, quälte ihn mit Andeutungen, feigen, bösen Ausreden und Sticheleien. Gemein lächelnd, sagte sie mit falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lügt und auf kein Vertrauen rechnen kann:
„Wie soll ich wissen, wo die Fürstin jetzt lebt.“
„Du lügst! Du weißt es!“ sagte Peredonoff ganz entsetzt.
Er wußte nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem verräterischen Tonfall ihrer Stimme, — und das ängstigte ihn, wie alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete:
„Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, — sie hat mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.“
„Aber vielleicht ist sie wirklich hier?“ fragte Peredonoff eingeschüchtert.
„Vielleicht ist sie wirklich hier,“ ahmte ihn Warwara nach. „Sie hat sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.“
Peredonoff rief:
„Du lügst! sie hat sich nicht in mich vergafft?“
Warwara lachte laut und boshaft.
Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht irgendwo die Fürstin sehen würde. Manchmal schien es ihm, als blickte sie durch die Tür oder zum Fenster herein! — sie beobachtet ihn, horcht auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara.
Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hörte man privaten Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte es nicht, bei der Fürstin selber anzufragen, — denn Warwara erschreckte ihn stets damit, sie wäre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das Gefühl, es würden ihm die größten Unannehmlichkeiten daraus entstehen, wenn er es versuchen würde, an sie zu schreiben. Er wußte zwar nicht, was man ihm antun könnte, wenn die Fürstin ihn verklagen würde, aber gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte:
„Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, — sie tun selber alles, was nötig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, — so wird sie das kränken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre! sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.“
Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er ärgerte sich über die Fürstin. Zuweilen dachte er, daß sie ihn denunziert hätte, um sich ihrer Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert hätte aus lauter Eifersucht: sie war in ihn verliebt, und er hatte Warwara geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir überall folgen und mich so beengen, daß ich keine Luft und kein Licht habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will.
Aus Wut verbreitete er über die Fürstin die unglaublichsten Geschichten. Er erzählte Rutiloff und Wolodin, er wäre früher ihr Liebhaber gewesen, und sie hätte ihm große Summen Geldes gegeben.
„Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen! Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu zahlen. Aber sie hat mich betrogen.“
„Hättest du das angenommen?“ fragte Rutiloff und kicherte.
Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafür antwortete Wolodin für ihn, als verständiger, solider Mann:
„Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr Vergnügen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.“
„Wenn sie noch schön wäre!“ sagte Peredonoff betrübt. „Sie ist aber sommersprossig und hat eine Stülpnase. Das einzige war, daß sie gut zahlte, sonst hätte ich mich nicht einmal entschließen können, dies Luder anzuspucken. Sie muß meine Bitte erfüllen.“
„Du lügst, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte Rutiloff.
„Ich lüge nicht. Etwa das, daß sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich hätte es umsonst getan? Sie ist eifersüchtig auf Warwara, und darum verschafft sie mir nicht die Stelle.“
Peredonoff schämte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, daß die Fürstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein gläubiger Zuhörer und merkte gar nicht, in was für dumme Widersprüche Peredonoff sich verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, daß es ohne Feuer keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der Fürstin gehabt.
„Sie ist älter als der Köter eines Popen,“ sagte Peredonoff zuversichtlich, als wäre es etwas ganz Sachliches; „erzählt es nur keinem weiter, — kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man sieht es ihr auch nicht an, daß sie alt ist. Sie ist aber schon hundert Jahre alt.“
Wolodin schüttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte alles.
Am folgenden Tage nach diesem Gespräch mußte Peredonoff in einer Klasse die Krjiloffsche Fabel „Der Lügner“ lesen lassen. Und einige Tage hintereinander fürchtete er sich über die Brücke zu gehen, — mietete ein Boot und ließ sich hinüberfahren, — die Brücke hätte ja unter ihm einstürzen können. Er erklärte Wolodin:
„Was ich über die Fürstin erzählte, ist wahr. Aber die Brücke könnte es nicht glauben und wird darüber einstürzen.“