XXV
Das Gerücht über die gefälschten Briefe verbreitete sich in der Stadt. Die Gespräche darüber waren für die Bürger unterhaltend und erheiternd. Fast alle lobten Warwara und freuten sich, daß Peredonoff betrogen worden war. Und alle die, welche die Briefe gesehen hatten, versicherten hoch und teuer, sie hätten alles von Anfang an gewußt.
Besonders groß war die Schadenfreude im Hause der Werschina: obwohl Martha Murin heiraten sollte, so war sie doch immerhin von Peredonoff verschmäht worden. Die Werschina hatte eigentlich die Absicht gehabt, Murin für sich zu nehmen, nun mußte sie ihn Martha abtreten; Wladja hatte seine guten Gründe, warum er Peredonoff nicht leiden konnte, und freute sich über dessen Mißgeschick. Obgleich es ihm nicht angenehm war, daß Peredonoff nun doch im Gymnasium blieb, so wurde das Unbehagen darüber bei weitem durch den Umstand aufgewogen, daß Peredonoff so glänzend „hereingelegt“ worden war. Außerdem hatte sich in den letzten Tagen unter den Schülern das Gerücht verbreitet, als hätte der Direktor dem Schulbezirksinspektor mitgeteilt, Peredonoff wäre nicht mehr zurechnungsfähig, als würde bald eine Untersuchung deswegen eingeleitet werden und Peredonoff müßte dann die Schule verlassen.
Wenn Warwara mit ihren Bekannten zusammentraf, so machte man grobe Witze, und gab ihr frech und unverholen zu verstehen, daß man um die Fälschungen wußte. Sie lächelte nur gemein, gab nichts zu, verteidigte sich aber auch nicht.
Andere wieder deuteten der Gruschina an, daß man um ihre Teilhaberschaft an den Fälschungen wußte. Sie erschrak und lief zu Warwara, um ihr Vorwürfe zu machen, weil sie die Sache ausgeplaudert hatte. Warwara sagte schmunzelnd:
„Reden Sie keinen Unsinn. Ich habe zu keinem Menschen davon gesprochen.“
„Woher weiß man es denn?“ fragte die Gruschina heftig. „Ich bin doch nicht so dumm, daß ich es jemandem erzählen werde.“
„Auch ich habe es nirgends erzählt,“ beteuerte Warwara unverschämt.
„Geben Sie mir den Brief zurück,“ verlangte die Gruschina. „Fängt er erst an zu vergleichen, so wird er schon an der Handschrift merken, daß es eine Fälschung ist.“
„Mag er’s doch wissen!“ sagte Warwara ärgerlich. „Was soll ich mich mit dem Esel abgeben.“
Die schielenden Augen der Gruschina blitzten. Sie schrie:
„Sie haben gut reden. Sie sitzen im Trockenen. Mich wird man aber ins Gefängnis sperren. Aber wie Sie wollen, — ich muß den Brief zurückhaben. Es gibt ja auch eine Ehescheidung.“
„Ach, lassen Sie doch!“ antwortete Warwara frech, und stemmte die Arme in die Hüften, „meinetwegen können sie es öffentlich anschlagen; der Brautkranz fällt einem nicht so leicht vom Kopf.“
„O, wenn Sie das glauben!“ schrie die Gruschina, „so ein Gesetz gibt es nicht, daß man auf einen Betrug hin heiraten darf. Wenn Ardalljon Borisowitsch die ganze Sache bei seinen Vorgesetzten anhängig macht, und bis zum Senat geht, so wird die Ehe geschieden.“
Warwara erschrak und sagte:
„Warum regen Sie sich so auf, — ich werde Ihnen den Brief verschaffen. Da gibt es nichts zu fürchten, — ich werde Sie nicht verraten. Bin ich denn so ein Rindvieh? Ich habe doch eine Seele im Leibe.“
„Ach! gehen Sie mit Ihrer Seele!“ sagte die Gruschina grob, „beim Hunde und beim Menschen, es ist ein Dunst. Da gibt’s keine Seele. Solange man lebt, solange ist man.“
Warwara beschloß, den Brief zu stehlen, wenn es auch sehr schwer fiel. Die Gruschina trieb sie zur Eile. Es gab nur eine Hoffnung, — den Brief zu entwenden, wenn Peredonoff betrunken war. Er trank aber viel. Oft kam er angeheitert ins Gymnasium, und führte schamlose Reden, die sogar die allerbösesten Jungen mit Ekel erfüllten.
Einmal kam Peredonoff betrunkener als sonst vom Billard nach Hause: die neuen Bälle waren „begossen“ worden. Von seiner Brieftasche trennte er sich aber nicht; — nachdem er sich nachlässig entkleidet hatte, stopfte er sie unter das Kopfkissen.
Er schlief unruhig, aber fest, und redete im Schlaf, — und das, was er im Traume sagte, handelte von etwas Fürchterlichem, Bedrückendem. Warwara war in tausend Aengsten.
Einerlei, — ermunterte sie sich, — wenn er nur nicht aufwacht.
Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stieß ihn in die Seiten, — er brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf.
Warwara zündete eine Kerze an und stellte sie so, daß das Licht Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern. Das Licht brannte trübe. Die Flamme flackerte. Längs der Wand über das Bett krochen unheimliche Schatten, — kleine, böse Teufel trieben ihr Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des Betrunkenen erfüllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein wirklich gewordener, schwerer Alp.
Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob diese wieder an ihren alten Platz.
Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht finden, erschrak und schrie:
„Wo ist der Brief, Warja?“
Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte:
„Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren. Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit denen du die Nächte durch trinkst.“
Peredonoff dachte, seine Feinde hätten ihm den Brief entwendet; am ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Händen, später wird er sich alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden, und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen.
Peredonoff beschloß sich zu verteidigen. Er stellte alltäglich lange Schriftstücke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die — so schien es ihm — auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese Schriftstücke zu Rubowskji zu bringen.
Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz, in der Nähe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen, wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff dachte aber, keiner hätte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den Kücheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man merkte sofort, daß er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Gruße die Hand geben mußte, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und glaubte, daß keiner etwas bemerken könne. Wenn man ihn fragte, wohin er ging, so log er, — außerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit seinen dummen Ausreden sehr zufrieden.
Er erklärte Rubowskji:
„Es sind Verräter. Sie stellen sich so, als wären sie Freunde; sie wollen einen aber betrügen. Das aber wissen sie nicht, daß ich Dinge von ihnen weiß, die sogar mit Sibirien viel zu gering bestraft wären.“
Rubowskji hörte ihm schweigend zu. Gleich die erste, augenscheinlich ganz sinnlose Denunziation schickte er einfach an den Direktor, und so tat er es mit allen nachfolgenden. Der Direktor schrieb an den Schulbezirk, daß sich am Lehrer Peredonoff Zeichen von geistiger Gestörtheit bemerkbar machten.
Im Hause hörte Peredonoff überall ununterbrochene, fürchterliche, höhnische Geräusche. Traurig sagte er zu Warwara:
„Irgend jemand schleicht da auf den Zehenspitzen, — überall treiben sich bei uns Spione herum. Du verteidigst mich gar nicht, Warjka.“
Warwara konnte diese Phantasien Peredonoffs nicht begreifen. Bald machte sie sich darüber lustig, bald fürchtete sie sich davor. Sie sagte ängstlich und gereizt:
„Deinen betrunkenen Augen erscheint der größte Blödsinn.“
Besonders verdächtig schien Peredonoff die Tür zum Vorhause zu sein. Sie schloß nicht ganz. Eine Ritze zwischen den beiden Türflügeln deutete auf etwas, was sich dahinter verborgen hielt. War das nicht der Coeur-Bube, der da hervorlauerte? Irgend jemandes Auge blitzte, böse und durchdringend.
Der Kater verfolgte mit seinen weit aufgerissenen, grünen Augen jede Bewegung Peredonoffs. Zuweilen zwinkerte er ihm zu, zuweilen miaute er unheimlich. Augenscheinlich hatte er die Absicht, Peredonoff zu überführen, konnte es aber nicht und ärgerte sich darüber. Peredonoff vermied ihn nach Möglichkeit, aber der Kater war nicht fortzukriegen.
Das graue, gespenstische Tierchen lief unter allen Stühlen, in alle Winkel und quiekte. Es war schmutzig, widerwärtig, fürchterlich und stank. Es war doch klar, daß es ihm feindlich gesinnt war; nur um seinetwillen war es gekommen, denn früher war es nie und nirgends zu sehen gewesen. Man hatte es geschaffen, — und besprochen. Nun lebte es da, — ihn zu ängstigen, ihn zu verderben, dieses gespenstische, alles sehende Tier; — es verfolgt ihn, es betrügt ihn, es lacht ihn aus; — bald rollt es über den Boden, bald krallt es sich an einen Fetzen, ein Band, einen Zweig, eine Fahne, eine Wolke, ein Hündchen, in die Staubwirbel auf den Straßen, und überall kriecht und läuft es ihm nach, — ganz zerquält hat es ihn, ganz ermattet mit seinen schaukelnden, unruhigen Bewegungen. Würde ihn nur jemand davon befreien, mit irgend einem Wort, oder mit einem plötzlichen, starken Schlag. Aber er hat keine Freunde; niemand wird ihn retten; er muß selber listig und schlau sein; es vernichten, noch bevor es ihn umgebracht hat.
Peredonoff erfand ein Mittel: er bestrich alle Böden mit Leim, da mußte das graue Tierchen ankleben. Die Schuhsohlen klebten wohl an und Warwaras nachschleppende Kleider, aber das graue, gespenstische Tierchen rollte vergnügt und frei hin und her, und schüttelte sich vor Lachen. Warwara schimpfte böse ...
Peredonoff lebte ganz im Banne der aufdringlichen, schrecklichen Vorstellung, verfolgt zu werden. Er selbst vertiefte sich immer mehr in die Welt seiner unheimlichen Wahnideen. Das zeigte sich auch deutlich an seinem Gesicht: es war eine unbewegliche Larve des Entsetzens.
Am Abend ging er nicht mehr zum Billard. Nach dem Mittagessen schloß er sich im Schlafzimmer ein, verbarrikadierte die Tür mit Stühlen und anderen Gegenständen, bekreuzte sich sehr andächtig, sprach Beschwörungsformeln her, und setzte sich dann an den Tisch, um Denunziationen zu schreiben; er denunzierte jeden, an den er sich gerade zufällig erinnerte. Aber er denunzierte nicht nur Menschen, — auch die Damen des Kartenspiels. Gleich, wenn er mit dem Schreiben zu Ende gekommen war, brachte er das Schriftstück zum Gendarmerieoffizier. Und so verbrachte er einen Abend nach dem andern.
Vor seinen Augen blinkten alle Figuren des Kartenspiels, als lebten sie, — die Könige, die Damen, die Buben. Auch die einfachen Karten lebten. Das waren Menschen mit Knöpfen: Gymnasiasten, Schutzleute. Das Aß — ist ein ganz Dicker, mit vortretendem Bauch, fast nur ein Bauch. Manchmal verwandelten sich die Karten in ihm bekannte Leute. Das Lebendige und diese sonderbaren Ausgeburten seiner Furcht vermengten sich zu einer Vorstellung.
Peredonoff war fest davon überzeugt, daß der Bube hinter der Tür steht und wartet, und daß dieser Bube über dieselbe Kraft und Macht verfügt wie etwa ein Schutzmann, er kann einen abführen in irgend eine fürchterliche Wachtstube. Unter dem Tische sitzt aber das graue, gespenstische Tierchen. Und Peredonoff fürchtete sich, unter den Tisch oder hinter die Tür zu blicken.
Die Achten waren lauter Wildfänge, die Peredonoff neckten, — das waren verwandelte Gymnasiasten. Sie hoben ihre Beine mit merkwürdig leblosen Bewegungen, wie zwei Zirkelhälften, — ihre Beine waren aber mit Haaren bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle der Schwänze wuchsen ihnen Ruten und die Jungen schwangen sie pfeifend hin und her und quiekten durchdringend bei jeder Bewegung. Das graue, gespenstische Tierchen grunzte unter dem Tisch und freute sich über die Lustbarkeit dieser Achten.
Peredonoff dachte wütend daran, daß das graue, gespenstische Tierchen sich nicht unterstehen würde einen Vorgesetzten etwa zu belästigen.
Man wird es nicht hereinlassen, dachte er voll Neid, die Lakaien werden es mit ihren Besen hinaustreiben.
Endlich konnte Peredonoff das böse und gemeine, piepende Gelächter des Tieres nicht mehr ertragen. Er holte ein Beil aus der Küche und zertrümmerte den Tisch, unter dem es saß. Das Tierchen piepte jämmerlich und gereizt, warf sich zur Seite und rollte davon. Peredonoff zitterte.
Es wird beißen, dachte er, schrie auf vor Entsetzen und ließ sich in einen Stuhl fallen. Aber das graue Tierchen war friedlich verschwunden. Nicht für lange ...
Manchmal nahm Peredonoff die Karten, und — mit einem bösen, haßerfüllten Ausdruck im Gesicht, — zerstach er mit seinem Federmesser die Köpfe in den Bildern. Besonders den Damen. Wenn er die Könige zerschnitt, blickte er ängstlich um sich, ob keiner es sähe, der ihn dann eines politischen Verbrechens anklagen könnte. Aber auch diese Maßregeln halfen nur für kurze Zeit. Wenn Gäste kamen, mußten neue Karten gekauft werden und bald fuhren die Spione in die neuen Karten.
Schon begann Peredonoff sich für einen heimlichen Verbrecher zu halten. Er bildete sich ein, daß er von seiner Studentenzeit an unter polizeilicher Aufsicht gestanden habe. Darum, dachte er, verfolgt man mich auch. Das entsetzte ihn und machte ihn hochmütig.
Ein Zugwind bewegte die Tapeten. Sie raschelten leise und bösartig, und leichte Halbschatten glitten über ihr buntes Muster. Da! Hinter der Tapete versteckt sich der Spion! dachte Peredonoff.
Böse Leute, dachte er traurig, nicht umsonst haben sie die Tapeten so lose an die Wand geheftet, damit der flache, geschmeidige und geduldige Bösewicht sich dahinter verbergen kann. Man kennt solche Beispiele von früher her.
Trübe Erinnerungen wurden in ihm lebendig. Irgend jemand versteckte sich hinter der Tapete, irgend jemand wurde erdolcht. War es nun mit einer Pfrieme oder mit einem Dolch?
Peredonoff kaufte sich eine Pfrieme. Als er nach Hause kam, bewegten sich die Tapeten ungleichmäßig, wie aufgeregt, — der Spion fühlte die Gefahr und wollte vielleicht irgendwohin fortkriechen. Ein Schatten flackerte auf, sprang an die Decke und drohte und zuckte dort oben.
Peredonoff kochte vor Wut. Weit ausholend stieß er mit der Pfrieme in die Tapete. Ein Zittern lief durch die Wand; Peredonoff brüllte triumphierend auf und begann zu tanzen, die Pfrieme in der Hand schwingend. Warwara kam herein.
„Warum tanzst du allein, Ardalljon Borisowitsch?“ fragte sie, mit dem gewohnten, stumpfen und gemeinen Lächeln auf den Lippen.
„Ich schlug eine Wanze tot,“ erklärte Peredonoff verdrießlich.
Seine Augen funkelten in wilder Freude. Doch eins war nicht gut: es roch so entsetzlich. Der erstochene Spion faulte und stank hinter der Tapete. Entsetzen und Jubel schüttelten Peredonoff: — er hatte einen Feind erschlagen.
Durch diesen Mord war sein Herz hart, ganz hart geworden. Denn der eingebildete Mord war in Peredonoffs Vorstellung ein wirklich geschehener Mord. Ein sinnloser Schauder hatte ihn gepackt und reifte in ihm die Bereitschaft zum Verbrechen. Und die unbewußte, dunkle, sich in den niedrigsten Instinkten seines Seelenlebens verbergende Vorstellung von einem bevorstehenden Morde, der quälende Drang zum Morde, dieser Zustand seiner ursprünglichen Bosheit, — knechtete seinen frevlerischen Willen. Noch geknechtet, — wie viele Geschlechter trennen uns vom Urvater Kain! — suchte sich dieser Drang Befriedigung im Zerbrechen und Verderben von allerhand Gegenständen, im Zuhauen mit der Axt, im Schneiden mit dem Messer, darin, daß er die Bäume im Garten fällte, damit der Spion nicht hinter ihnen vorgucken konnte. Und an dieser Zerstörungswut freute sich der uralte Dämon, der Geist der vorzeitlichen Verwirrung, das morsche Chaos, während die wilden Augen des wahnsinnigen Menschen ein Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem Entsetzen fürchterlichster Qualen vor dem Tode.
Und immer wiederholten sich dieselben und dieselben Schrecken und quälten ihn.
Warwara machte sich gelegentlich lustig über Peredonoff und schlich an die Tür jenes Zimmers, in dem er saß und redete mit verstellter Stimme. Er bebte vor Furcht, ging leise, leise, um den Feind zu fangen, — und fand Warwara.
„Mit wem flüsterst du?“ fragte er sie bedrückt.
Warwara schmunzelte und sagte:
„Das scheint dir nur so, Ardalljon Borisowitsch!“
„Alles kann mir doch nicht nur scheinen,“ murmelte er traurig, „es gibt doch eine Wahrheit in der Welt.“
Ja! Auch Peredonoff suchte nach dieser Wahrheit, folgend der Gesetzmäßigkeit eines jeden bewußten Lebens, und dieses Suchen quälte ihn. Ihm war es unbewußt, daß er, so wie alle Menschen, nach der Wahrheit verlangte, und darum war seine Unruhe so verworren und düster. Er konnte die Wahrheit für sich nicht finden, und hatte sich verirrt und kam um.
Schon begannen die Bekannten Peredonoff mit der Fälschung zu necken. Mit der in unserer Stadt eigentümlichen Grobheit den Schwachen gegenüber sprach man in seiner Gegenwart von dem Betrug.
Die Prepolowenskaja fragte spöttisch lächelnd:
„Wann werden Sie eigentlich Ihre Inspektorstelle beziehen, Ardalljon Borisowitsch?“
Warwara antwortete der Prepolowenskaja für ihn, mit verhaltener Wut:
„Wenn die Ernennung eintrifft, werden wir fahren.“
Peredonoff wurde durch diese Fragen noch trauriger:
Wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt? dachte er.
Er schmiedete immer neue Pläne zur Abwehr seiner Feinde. Er stahl aus der Küche das Beil und versteckte es unter dem Bett. Er kaufte sich ein schwedisches Messer und trug es stets bei sich in der Tasche. Immer schloß er sich ein. Zur Nacht legte er Schlageisen rings um das Haus, auch in die Zimmer, und sah dann nach, ob sich niemand darin gefangen hatte.
Diese Schlageisen waren natürlich so konstruiert, daß sich nie ein Mensch darin fangen konnte: sie klemmten wohl, hielten aber nicht fest, und man konnte mit ihnen auf und davon gehen. Weder hatte Peredonoff technische Kenntnisse, noch ein rasches Auffassungsvermögen. Als er sich von Morgen zu Morgen davon überzeugte, daß sich niemand gefangen hatte, glaubte er, seine Feinde hätten die Schlageisen verdorben. Und das erschreckte ihn wieder.
Peredonoff beobachtete ganz besonders scharf Wolodin. Oft ging er zu Wolodin, wenn er wußte, daß dieser nicht zu Hause war, — und stöberte bei ihm, ob er ihm nicht irgendwelche wichtigen Papiere gestohlen hätte.
Peredonoff begann zu erraten, was die Fürstin eigentlich wollte, nämlich, daß er ihr wieder seine Liebe zuwenden sollte. Sie war ihm widerlich und ekelhaft.
Hundertfünfzig Jahre ist sie alt, dachte er wütend.
Ja, alt ist sie, dachte er, aber wie mächtig ist sie doch! Und seinem Widerwillen paarte sich das Verführerische. Sie ist nur ganz wenig warm und riecht ein bißchen nach Leichen, — stellte Peredonoff sie sich vor und erstarb in wilden, wollüstigen Schauern.
Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen, und sie wird sich erbarmen. Soll ich ihr einen Brief schreiben?
Und diesmal überlegte Peredonoff nicht lange und verfaßte einen Brief an die Fürstin. Er schrieb:
„Ich liebe Sie, weil Sie kalt und fern sind. Warwara schwitzt; es ist heiß, mit ihr zusammen zu schlafen; es weht von ihr, wie von einem Ofen. Ich wünsche mir eine kalte und ferne Geliebte. Kommen Sie hierher und entsprechen Sie meinen Wünschen.“
Er schickte den Brief ab und bereute es. Was wird da herauskommen? Vielleicht durfte ich nicht schreiben, dachte er, vielleicht mußte ich warten, bis die Fürstin selber kommt.
Dieser Brief war so zufällig geschrieben, wie Peredonoff vieles zufällig tat, — wie ein Toter, der durch äußere Gewalten bewegt wird, aber diese Gewalten gehen nur ungern daran, sich mit ihm abzugeben: — die eine Kraft spielt mit dem Kadaver und überläßt ihn dann einer anderen.
Bald erschien auch das graue, gespenstische Tierchen, — es tummelte sich lange Zeit um Peredonoff, wie auf einem Lasso, und neckte ihn immerzu. Und ganz lautlos war es geworden und lachte nur, am ganzen Körper bebend. Aber es flammte auf in trübgoldnen Funken, — das böse, zudringliche Tier, — es drohte und brannte in unerträglichem Triumphe. Und der Kater bedrohte Peredonoff, er funkelte mit den Augen und miaute unverschämt und drohend.
Worüber freuen sie sich? dachte Peredonoff betrübt und begriff plötzlich: das Ende ist nahe. Die Fürstin ist schon hier, nah, ganz nah.
Vielleicht in diesem Kartenspiel.
Unzweifelhaft, — sie ist es, — die Pik- oder die Coeurdame. Vielleicht versteckt sie sich auch im anderen Spiel oder hinter anderen Karten, und wer sie ist, — man weiß es nicht. Das Unglück wollte es, daß Peredonoff sie nie gesehen hatte. Warwara zu fragen, lohnte nicht, — sie würde doch lügen.
Endlich beschloß Peredonoff, das ganze Spiel zu verbrennen. Mögen sie alle verbrennen. Wenn sie ihm zum Trotz sich in die Karten verkriechen, so sind sie auch allein an allem schuld.
Peredonoff paßte eine Zeit ab, als Warwara nicht zu Hause war, und als der Ofen im Saal geheizt wurde, — und warf die Karten, das ganze Spiel, — in den Ofen.
Sprühend entfalteten sich nie gesehene, blaßrote Blumen, — und brannten, und ihre Ränder verkohlten. Peredonoff blickte voller Entsetzen auf diese flammenden Blumen.
Die Karten krümmten sich, warfen sich, bewegten sich, als wollten sie aus dem Feuer herausspringen. Peredonoff ergriff den Schürhaken und hieb auf die Karten ein. Kleine, grelle Funken sprühten auf, und plötzlich erhob sich mitten aus dem Feuertanz der bösen, blendenden Funken, — die Fürstin, — eine kleine, aschgraue Frau, ganz umschüttet von erstickenden Flammen: sie schrie durchdringend mit ihrem feinen Stimmchen, zischte und spuckte in die Glut.
Peredonoff stürzte zu Boden und brüllte auf vor Entsetzen. Dunkelheit umfing ihn, kitzelte ihn und lachte mit tausend raunenden Stimmen.
XXVI
Sascha war ganz entzückt von Ludmilla, aber irgend etwas hinderte ihn daran, der Kokowkina von ihr zu erzählen. Als schämte er sich.
Manchmal fürchtete er sich vor ihrem Kommen. Sein Herz stand still, und unwillkürlich runzelte er die Brauen, wenn er ihren rosagelben Hut für Augenblicke an seinem Fenster aufleuchten sah. Dennoch erwartete er sie erregt und ungeduldig, und war traurig wenn sie lange nicht gekommen war. Die widersprechendsten Gefühle bewegten ihn, — dunkle, unklare Gefühle, — sie waren sündhaft, denn sie waren frühreif, — und sie waren süß, weil sie sündhaft waren.
Ludmilla war gestern und heute nicht gekommen. Sascha zerquälte sich in Erwartung und hatte schon aufgehört zu hoffen. Da kam sie. Er strahlte; er lief ihr stürmisch entgegen und küßte ihre Hände.
„Wo steckten Sie nur so lange?“ warf er ihr brummig vor, „zwei ganze Tage habe ich Sie nicht gesehen.“
Sie lachte und freute sich. Der süße, matte, würzige Duft japanischer Nelken strömte von ihr aus, als rieselte er aus ihren dunkelblonden Locken.
Ludmilla und Sascha gingen vor die Stadt spazieren. Sie hatten die Kokowkina aufgefordert mitzukommen, — sie wollte nicht.
„Ich alte Frau soll spazieren gehen,“ sagte sie, „mit euch kann ich nicht Schritt halten. Geht allein.“
„Wir werden dumme Streiche machen,“ lachte Ludmilla.
Die Luft war warm, still, erdrückend-zärtlich und erinnerte an Unwiderbringliches. Die Sonne, als wäre sie krank, flammte trübe und purpurn auf dem bleichen, müden Himmel. Welke Blätter lagen starr auf der dunklen Erde, tot ..
Ludmilla und Sascha stiegen abwärts in eine Schlucht. Da war es frisch, kühl, fast feucht, — zärtliche, herbstliche Müdigkeit breitete sich zwischen den schräg abfallenden Hängen.
Ludmilla ging voran. Sie hatte ihr Kleid geschürzt. Man sah ihre kleinen Schuhe und die fleischfarbenen Strümpfe. Sascha blickte zu Boden, um nicht über die Wurzeln zu stolpern, und sah die Strümpfe. Ihm schien es, als hätte sie nur Schuhe an, ohne Strümpfe. Ein heißes Gefühl und Scham wallten in ihm auf. Er wurde über und über rot. Der Kopf schwindelte ihm.
Wie im Versehen hinfallen zu ihren Füßen, dachte er, ihr den Schuh abziehen und das zarte Füßchen küssen.
Als fühlte sie Saschas heiße Blicke und seine ungeduldige Erwartung, kehrte sich Ludmilla lachend zu ihm:
„Du siehst auf meine Strümpfe?“ fragte sie.
„Nein, nur so,“ murmelte er verlegen.
„Ach, ich habe so furchtbar komische Strümpfe,“ sagte Ludmilla lachend, ohne auf ihn zu hören. „Man könnte denken, ich trage meine Schuhe auf dem nackten Fuß, — ganz fleischfarben sind sie. Nicht wahr, die Strümpfe sind sehr komisch?“
Sie kehrte ihr Gesicht zu Sascha und hob ihre Kleider.
„Sind sie komisch?“ fragte sie.
„Nein, sie sind schön,“ sagte Sascha, rot vor Verlegenheit.
Ludmilla heuchelte Erstaunen, sah ihn an und rief:
„Sag doch einer! Wohin der die Schönheit verlegt!“
Sie lachte und ging weiter. Sascha folgte ihr ungeschickt, stolperte allaugenblicklich und wußte nicht wohin vor Verlegenheit.
Sie hatten die Schlucht durchschritten und setzten sich auf einen vom Winde gebrochenen Birkenstamm. Ludmilla sagte:
„Oh wieviel Sand ich in den Schuhen habe; ich kann nicht mehr gehen.“
Sie zog den Schuh ab, klopfte ihn aus und blickte schelmisch auf Sascha.
„Ein schönes Füßchen?“ fragte sie.
Sascha wurde noch röter und wußte gar nicht, was er sagen sollte.
Ludmilla zog den Strumpf vom Fuß.
„Ein weißes Füßchen?“ fragte sie wieder, eigentümlich und schelmisch lächelnd. „Auf die Kniee! Küssen!“ sagte sie streng, und eine bezwingende Härte breitete sich über ihr Gesicht.
Sascha kniete schnell nieder und küßte ihren Fuß.
„Es ist angenehmer ohne Strümpfe,“ sagte Ludmilla, schob die Strümpfe in ihre Tasche und zog die Schuhe auf die bloßen Füße.
Und ihr Gesicht wurde wieder ruhig und fröhlich, als hätte Sascha nicht vor einem Augenblicke noch vor ihr gekniet und ihre nackten Füße geküßt. Sascha fragte:
„Liebste, wirst du dich nicht erkälten?“
Weich und bebend klang seine Stimme. Ludmilla lachte auf.
„Das fehlte noch! Ich bin doch daran gewöhnt; ich bin nicht so verzärtelt.“
Einmal war Ludmilla gegen Abend zur Kokowkina gekommen und bat Sascha:
„Komm zu mir; du mußt mir helfen ein kleines Regal zu befestigen.“
Sascha liebte es, Nägel einzuschlagen und hatte Ludmilla irgendwann versprochen, ihr bei der Einrichtung ihres Zimmers zu helfen. Auch heute war er gleich einverstanden und war froh, einen harmlosen Vorwand zu haben, um zu Ludmilla zu gehen. Und der unschuldige, etwas säuerliche Duft des extra-Mugnet, der von Ludmillas blaßgrünem Kleide wehte, beruhigte ihn.
Für die Arbeit hatte sich Ludmilla hinter dem Bettschirm umgezogen. Nun trat sie vor Sascha in einem kurzen aber sehr eleganten Röckchen, ihre Arme waren bis zu dem Ellenbogen frei, — die Schuhe trug sie an den bloßen Füßen, — parfumiert mit dem süßen, matten, würzigen Dufte japanischer Nelken.
„Oh, wie du elegant bist!“ sagte Sascha.
„Ach was, — elegant!“ sagte Ludmilla und zeigte lächelnd auf ihre Füße, „ich bin doch barfuß,“ sie sprach diese Worte gedehnt, verführerisch, verschämt.
Sascha zuckte nur mit den Schultern und sagte:
„Du bist immer elegant. Also los! An die Arbeit! Wo sind die Nägel?“ fragte er rührig.
„Warte doch ein wenig,“ antwortete Ludmilla, „sitz doch nur ein Augenblickchen neben mir. Es sieht fast aus, als kämest du nur in Geschäften, und als wäre es dir langweilig, mit mir zu sprechen.“
Sascha wurde rot.
„Liebste,“ sagte er weich, „wie lange Sie nur wollen sitze ich neben Ihnen, wenn Sie mich nur nicht fortjagen. Ich habe aber noch meine Schulaufgaben vor.“
Ludmilla seufzte leicht auf und sagte ganz langsam:
„Du wirst immer schöner, Sascha.“
Er wurde sehr rot, lachte und streckte die Zungenspitze vor.
„Was Sie sich ausdenken,“ sagte er. „Ich bin doch kein Fräulein, daß ich schöner werde.“
„Dein Gesicht ist wunderschön. Aber der Körper. Zeig ihn mir, — nur bis zum Gürtel,“ bat Ludmilla zärtlich und umfaßte seine Schultern.
„Was Sie sich ausdenken!“ sagte Sascha verschämt und empfindlich.
„Was ist denn dabei?“ fragte Ludmilla leichthin, „was hast du denn für Geheimnisse?“
„Jemand könnte hereinkommen,“ sagte Sascha.
„Wer denn?“ sagte sie ebenso leicht und sorglos. „Wir verschließen die Tür. Da kann niemand herein.“
Ludmilla lief rasch an die Tür und schob den Riegel vor. Sascha erriet, daß es ihr Ernst war. Kleine Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Er sagte ganz aufgeregt:
„Nein, nein, tun Sie es nicht.“
„Dummchen! warum denn nicht?“ fragte sie dringend.
Sie zog Sascha an sich und knöpfte seine Bluse auf. Sascha wehrte sich und griff nach ihren Händen. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck des Schreckens, — und ein, dem Schreck ähnliches Gefühl der Scham überkam ihn. Und davon wurde er plötzlich ganz schwach. Ludmilla zog die Stirn in Falten und entkleidete ihn entschlossen. Sie schnallte den Gürtel ab und zog ihm irgendwie die Bluse herunter. Sascha wehrte sich immer verzweifelter. Sie drehten sich durch das ganze Zimmer und stolperten über Tische und Stühle. Ein süßer, reizender Duft wehte von Ludmilla, machte Sascha trunken und schwach.
Mit einem geschickten Stoß in die Brust brachte ihn Ludmilla zum Fallen. Er fiel auf das Sofa. Sie hatte sich an das Hemd geklammert, und ein Knopf riß ab. Schnell entblößte sie seine Schulter und wollte den Aermel vom Arm ziehen.
Sich wehrend schlug sie Sascha im Versehen mit der flachen Hand ins Gesicht. Er wollte sie natürlich nicht schlagen, aber der Schlag sauste aus vollem Arm, stark und schallend auf Ludmillas Backe. Ludmilla erbebte, taumelte, sie wurde blutrot, ließ aber nicht los.
„Böser, böser Junge! Du schlägst!“ rief sie atemlos.
Sascha war bestürzt, er ließ die Arme sinken und blickte schuldbewußt auf die weißen Striemen auf Ludmillas Backe; es waren die Spuren seiner Finger. Ludmilla benutzte seine Verwirrung. Schnell zog sie ihm das Hemd von beiden Schultern, daß es bis zu den Ellenbogen herunterglitt. Er kam wieder zur Besinnung, riß sich los, aber dadurch wurde es nur schlimmer, — Ludmilla zog an den Aermeln, und das Hemd fiel bis zum Gürtel herunter. Sascha fühlte die Kälte, und wieder stieg in ihm das unerbittliche Schamgefühl auf, daß ihm der Kopf schwindelte. Er war nackt bis an die Hüften.
Ludmilla hielt ihn fest am Arm; mit der freien Hand streichelte sie seine nackten Schultern und blickte in seine erstarrten, unter den dichten, schwarzen Wimpern merkwürdig flackernden Augen.
Und dann zitterten diese Wimpern, das Gesicht verzog sich zu einer lächerlich-kindischen Grimasse, — und plötzlich weinte und schluchzte er.
„Lassen Sie mich!“ rief er schluchzend. „Sie sind frech!“
„Das Baby klöhnt!“ sagte sie ärgerlich und verlegen und stieß ihn fort.
Sascha kehrte ihr den Rücken und wischte sich mit den Händen die Tränen aus den Augen. Er schämte sich, daß er geweint hatte. Er bemühte sich, an sich zu halten.
Ludmilla blickte heiß auf seinen nackten Rücken.
All die Herrlichkeit in der Welt! dachte sie. Alle diese Schönheit verbergen die Menschen voreinander — warum, warum?
Sascha krümmte verschämt den nackten Rücken, er bemühte sich, das Hemd anzuziehen, aber er verknüllte es nur; es krachte in den Nähten unter seinen zitternden Fingern und es war ihm auf keine Weise möglich, mit den Armen durch die Aermel zu schlüpfen. Dann nahm er die Bluse, — mochte das Hemd einstweilen so bleiben.
„O, Sie fürchten wohl für Ihr Eigentum. Ich werde Ihnen nichts stehlen,“ sagte Ludmilla, und ihre Stimme klang böse vor verhaltenen Tränen.
Heftig schleuderte sie ihm den Gurt zu und kehrte sich zum Fenster. Was sollte sie mit diesem albernen Jungen in seiner grauen Bluse! Eine widerliche Zierpuppe!
Sascha schlüpfte flink in die Bluse, brachte sein Hemd irgendwie in Ordnung und blickte schüchtern, unsicher und verschämt auf Ludmilla. Er sah, daß sie sich mit den Händen die Augen rieb. Leise trat er zu ihr und blickte ihr ins Gesicht. Und die Tränen, die über ihre Wangen rollten, lösten in ihm plötzlich das Gefühl zärtlichen Mitleids und vergifteten ihn. Er schämte sich nicht mehr, und er ärgerte sich nicht.
„Warum weinen Sie, liebste Ludmilla?“ fragte er leise.
Dann fiel ihm sein Schlag ein und er wurde plötzlich rot.
„Ich habe Sie geschlagen. Verzeihen Sie mir. Ich hab’ es nicht mit Absicht getan,“ sagte er bescheiden.
„Dummer Junge! schmilzst du, wenn du mit nackten Schultern dasitzt,“ sagte Ludmilla anklagend. „Du fürchtest dich wohl vor der Leidenschaft! Schönheit und Unschuld werden welken.“
„Warum ist denn das nötig?“ fragte Sascha mit verlegener Miene.
„Warum?“ sagte sie leidenschaftlich. „Ich lieb die Schönheit. Ich bin eine Heidin, eine Sünderin. Im alten Athen hätte ich geboren werden müssen. Ich liebe die Blumen, den Duft, die leuchtenden Gewänder, den nackten Körper. Man sagt, es gäbe eine Seele. Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gesehen. Und was sollte ich damit? Ich möchte sterben wie eine Nixe, möchte hinschwinden wie ein Wölkchen vor der Sonne. Ich liebe den Körper, — den starken, geschmeidigen, nackten Körper, der den Genuß sucht.“
„Auch leiden kann er,“ sagte Sascha leise.
„Auch leiden! Auch das ist gut!“ flüsterte sie heiß. „Süß ist es, Schmerz zu haben — der Körper muß es nur fühlen; sehen muß man das Nackte und die Schönheit des Leibes.“
„Aber man schämt sich doch ohne Kleider!“ sagte Sascha schüchtern.
Ludmilla stürzte vor ihm auf die Knie.
„Lieber, mein Abgott, Knabe — göttlicher!“ flüsterte sie atemlos und bedeckte seine Hände mit Küssen, „für eine Minute, für eine Minute nur laß mich an deinen Schultern mich satt sehen!“
Sascha seufzte auf; er senkte die Augen, wurde rot, und ungelenk zog er die Bluse vom Körper.
Mit fiebernden Händen umschlang ihn Ludmilla und bedeckte mit wilden Küssen seine vor Scham bebenden Schultern.
„Siehst du, — wie gehorsam ich bin!“ sagte er und lächelte gezwungen, wie um durch einen Scherz seine Verlegenheit zu verbergen.
Ludmilla küßte eifrig seine Arme, von den Schultern bis zu den Fingerspitzen, und Sascha — erregt und ganz versunken in wollüstigen, quälenden Gedanken — wehrte ihr nicht. Ihre Küsse waren wie eine heiße Anbetung, als küßten ihre brennenden Lippen nicht einen Knaben, sondern den jugendlichen Gott, in bebender, geheimnisvoller Hingabe an seinen erblühenden Leib.
Hinter der Tür standen aber Darja und Valerie; sie guckten abwechselnd, einander ungeduldig stoßend, durch das Schlüsselloch und erstarben in heißen, wollüstigen Schauern.
„Es ist Zeit, daß ich mich ankleide,“ sagte Sascha endlich.
Ludmilla seufzte, — und mit demselben andächtigen Ausdruck in den Augen zog sie ihm Hemd und Bluse an, und diente ihm ehrfürchtig und vorsichtig.
„So bist du eine Heidin?“ fragte Sascha zweifelnd.
Ludmilla lachte fröhlich.
„Und du?“ fragte sie.
„Das fehlte noch!“ antwortete Sascha fest, „ich kenne den ganzen Katechismus auswendig.“
Ludmilla lachte aus vollem Halse. Sascha blickte sie lächelnd an und fragte:
„Warum gehst du denn in die Kirche?“
Ludmilla hörte auf zu lachen und wurde nachdenklich.
„Ja,“ sagte sie, „man muß doch beten. Etwas beten, etwas weinen, eine Kerze weihen, sich an Vergangenes erinnern. Und ich liebe das alles, — Kerzen, Ampeln, Weihrauch, Meßgewänder, Gesang, — wenn die Sänger gut singen, — die Heiligenbilder in den schönen, mit Bändern geschmückten Einfassungen. Ja, das ist alles so wunderbar. Und dann liebe ich noch ... Ihn ... weißt du .. den Gekreuzigten ...“
Die letzten Worte sagte Ludmilla ganz leise, fast flüsternd; sie wurde rot, als wäre sie schuldig und senkte die Augen.
„Weißt du, manchmal träume ich von ihm — er hängt am Kreuze, auf seinem Körper schimmern kleine Blutstropfen.“
Seit jenem Tage kam es oft vor, daß Ludmilla Sascha in ihrem Zimmer entkleidete. Erst schämte er sich bis zu Tränen, — doch gewöhnte er sich bald daran. Schon blickten seine Augen klar und ruhig, wenn Ludmilla ihm das Hemd herunterstreifte, seine Schultern entblößte, ihn streichelte und auf den Rücken klopfte. Und dann endlich entkleidete er sich selber.
Für Ludmilla war es ein angenehmes Gefühl, ihn halbnackt auf ihren Knien zu haben, ihn zu umarmen und zu küssen.
Sascha war allein zu Hause. Er erinnerte sich an Ludmillas heiße Blicke, wenn sie seinen Körper betrachtete.
Was will sie nur? dachte er.
Und plötzlich stieg ihm das Blut zu Kopf, und das Herz schlug ihm so weh. Dann wurde er ganz ausgelassen und fröhlich. Er warf den Stuhl zur Seite, schlug einige Purzelbäume, warf sich auf den Boden, sprang auf die Möbel, — und tausend sinnlose Bewegungen schleuderten ihn aus einer Ecke des Zimmers in die andere. Sein fröhliches, helles Gelächter schallte durchs ganze Haus.
In dem Augenblick kam die Kokowkina nach Hause; sie hörte den ungewohnten Lärm und trat in Saschas Zimmer. Verständnislos blieb sie auf der Schwelle stehen und schüttelte nur den Kopf.
„Was ist in dich gefahren, Saschenka!“ sagte sie, „toll doch mit deinen Freunden herum, aber nicht allein. Schäm dich, mein Lieber, — du bist kein Kind mehr.“
Sascha stand still, — vor Verlegenheit schienen ihm die Hände zu ersterben, — sie waren so schwer und ungelenk, — aber sein ganzer Körper zitterte vor Erregung.
Einmal kam die Kokowkina gerade dazu, als Ludmilla Sascha mit Bonbons fütterte.
„Sie verwöhnen ihn,“ sagte sie freundlich. „Er liebt sehr zu naschen.“
„Ja, und er schilt mich, — ich wäre ein freches Ding,“ beklagte sich Ludmilla.
„Das darfst du doch nicht, Saschenka,“ tadelte die Kokowkina zärtlich. „Warum schiltst du sie denn?“
„Ja — sie läßt mir keine Ruhe,“ sagte Sascha stockend.
Er blickte Ludmilla böse an und wurde puterrot. Ludmilla lachte laut.
„Klatschbase,“ flüsterte ihr Sascha zu.
„Du sollst nicht schimpfen, Saschenka,“ verwies ihn die Kokowkina. „Man darf nicht grob werden.“
Sascha blickte schelmisch auf Ludmilla und brummte leise:
„Ich tu’s nicht wieder.“
Und jedesmal, wenn Sascha kam, verschloß sich Ludmilla mit ihm in ihrem Zimmer; dann entkleidete sie ihn und steckte ihn in die verschiedensten Trachten. Hinter Lachen und Scherzen verbargen sie ihre süße Scham.
Zuweilen schnürte sie ihn in ihr Korsett und zog ihm ihre Kleider an. Im Dekolletee sahen Saschas nackte, volle, zartgerundeten Arme und seine vollen Schultern sehr schön aus. Er hatte eine gelbliche Haut, aber — was selten vorkommt: sie war gleichmäßig und zart in der Färbung. Ludmillas Röcke, Schuhe und Strümpfe, — alles paßte ihm vorzüglich und stand ihm ausgezeichnet. Wenn er ganz als Dame angekleidet war, setzte er sich gehorsam hin und spielte mit einem Fächer. So sah er tatsächlich einem Mädchen täuschend ähnlich, und er bemühte sich auch, sich dementsprechend zu geben.
Nur eins war lästig — Saschas kurze Haare. Ludmilla wollte ihm keine Perücke aufsetzen oder ihm einen falschen Zopf anstecken, — das kam ihr widerlich vor.
Sie lehrte ihn tiefe Knixe zu machen. Zuerst verbeugte er sich unbeholfen und verlegen. Aber er hatte die natürliche Grazie, wenn sich auch die eckigen, knabenhaften Bewegungen nicht abgewöhnen ließen. Errötend und lachend lernte er fleißig zu knixen und unsinnig zu kokettieren.
Zuweilen nahm Ludmilla seine nackten, schlanken Hände und küßte sie. Sascha duldete es ruhig und blickte lachend auf Ludmilla. Manchmal hielt er ihr die Hände an die Lippen und sagte:
„Küß.“
Aber ihm und ihr gefielen die anderen Trachten besser, die Ludmilla selber für ihn erfunden hatte: im Fischerkostüm mit nackten Beinen, oder barfuß im Chiton eines athenischen Jünglings.
Ludmilla kleidet ihn an und bewundert ihn. Sie selbst wird so blaß und traurig.
Sascha saß auf Ludmillas Bett, spielte mit den Falten des Chitons und baumelte mit den Beinen. Ludmilla stand vor ihm, blickte ihn an und ein glückseliger Ausdruck des Vergessens lag auf ihrem Gesicht.
„Wie dumm du bist!“ sagte Sascha.
„In meiner Dummheit ist so viel Glück!“ flüsterte Ludmilla erbleichend; sie weinte und küßte Saschas Hände.
„Warum weinst du denn?“ fragte er sorglos lächelnd.
„Mein Herz ist erfüllt von Freude. Die sieben Schwerter der Glückseligkeit durchbohrten meine Brust; — wie sollte ich nicht weinen?“
„Du bist ein Dummchen! wirklich ein Dummchen!“ sagte Sascha lachend.
„Und du bist klug!“ sagte Ludmilla plötzlich gereizt; sie trocknete ihre Tränen und seufzte schwer. „Begreif denn, dummer Junge,“ sprach sie mit leiser, überzeugender Stimme, „nur in der Sinnlosigkeit ist Glück und Weisheit.“
„Nun ja!“ sagte Sascha ungläubig.
„Man muß vergessen, sich selber vergessen, dann wirst du alles verstehen,“ flüsterte Ludmilla. „Glaubst du etwa, die weisen Leute brauchten zu denken?“
„Wie denn sonst?“
„Sie wissen. Es ist ihnen gegeben: nur zu sehn brauchen sie und alles ist vor ihnen enthüllt.“
Es war an einem stillen Herbstabend. Nur wenn der Wind durch die Zweige der Bäume strich, hörte man hinter dem Fenster sein leises Rauschen.
Sascha und Ludmilla waren allein. Sie hatte ihm das Fischerkleid mit rosa Seide angezogen; er war barfuß und lag auf einem niedrigen Ruhebett. Sie saß ihm zu Füßen, war selber barfuß und hatte nur ein Hemd an. Sie hatte Saschas Körper und sein Kleid parfumiert, es war ein schwerer, saftiger, fast zerbrechlicher Duft, wie ein regungsloser Geist, der in die Berge und ins fremdblühende Tal gebannt ist.
An ihrem Halse blitzten große, grelle Perlengeschmeide, goldene Filigran-Armbänder klirrten an ihren Händen. Ihr Körper duftete nach Iris, — ein atemraubender, körperlicher, erregender Duft, der träge Träume gebar und gesättigt war von langsam fließenden, verdunstenden Wassern.
Sie zerquälte sich, seufzte schwer, blickte ihm ins dunkle Gesicht und auf seine blau-schwarzen Wimpern und in die nächtigen Augen. Sie legte ihren Kopf auf seine nackten Kniee und ihre hellen Locken glitten über die bräunliche Haut. Sie küßte seinen Körper und der Kopf schwindelte ihr von dem starken, seltenen Duft, der sich mit dem Geruch des jungen Leibes mischte.
Sascha lag da und lächelte mit einem stillen, falschen Lächeln. Ein unklares Verlangen wurde in ihm groß und quälte ihn so süß. Und als Ludmilla seine Kniee und seine Füße küßte, erweckten diese zärtlichen Küsse in ihm quälende, träumerische Gedanken. Er wollte ihr etwas antun, etwas Liebes, oder ihr weh tun; etwas Zartes, oder etwas, davor man sich schämt, — aber er wußte nicht was. Sollte er ihre Füße küssen? Sollte er sie schlagen, viel und stark, mit langen, biegsamen Ruten? Sie sollte lachen vor Freude, oder schreien vor Schmerz.
Und beides, das eine, wie das andere war ihr vielleicht erwünscht, aber es war zu wenig. Was wollte sie denn? Da sind sie nun beide halbnackt, und ihren durch nichts gebundenen Körpern verbindet sich ein Verlangen und eine schützende Scham, — wo liegt nun das Geheimnis des Körpers? Wie bringt man sein Blut und seinen Leib ihren Wünschen und der eigenen Scham zum süßen Opfer?
Aber Ludmilla quälte sich und wand sich zu seinen Füßen, erbleichend unter ihren unmöglichen Wünschen, daß es ihr heiß und kalt wurde. Sie flüsterte voller Leidenschaft:
„Bin ich nicht schön? Sind meine Augen nicht flammend? Sind meine Locken nicht reich? Sei gut! Sei lieb zu mir, reiß die Geschmeide von mir, zerbrich meine Reifen!“
Sascha fürchtete sich, und unmögliche Verlangen marterten und quälten ihn.