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Der kleine Dämon

Chapter 30: XXIX
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About This Book

A petty, embittered provincial man nurses jealousies, ambitions, and paranoid fantasies while entangling himself in local gossip, romantic entanglements, and petty schemes. Through close psychological observation and satirical depiction of town life, the narrative exposes hypocrisy, vanity, and spiritual emptiness; grotesque and symbolic details intensify a mood of decay and malignity. Episodes alternate dark comedy with sinister undertones as the protagonist's resentments produce manipulation, obsessions about status and marriage, and escalating moral deterioration. The work blends realist social portraiture with hallucinatory imagery to trace the corrosive effects of small cruelties on both an individual and communal level.

XXVII

Am frühen Morgen erwachte Peredonoff. Jemand blickte auf ihn aus riesigen, trüben, viereckigen Augen. Vielleicht war es Pjilnikoff. Peredonoff ging ans Fenster und goß Wasser auf das drohende Gespenst.

Alles war verhext und bezaubert. Das wilde gespenstische Tierchen quiekte; Mensch und Vieh blickten ihm drohend und tückisch entgegen. Alles war ihm feindlich; er stand einer gegen alle.

In den Unterrichtsstunden verleumdete er seine Kollegen, den Direktor, die Eltern der Schüler. Die Gymnasiasten hörten ihm mit Mißtrauen zu. Einige niedrig Gesinnte suchten ihm zu schmeicheln und drückten ihm ihre Teilnahme aus. Andere schwiegen trotzig, oder traten heftig für ihre Eltern ein, wenn Peredonoff sie angriff. Für diese Knaben hatte er nur böse, ängstliche Blicke, er umging sie, wo er nur konnte und brummte vor sich hin.

In anderen Stunden wieder unterhielt Peredonoff seine Schüler mit blöden Auseinandersetzungen.

Man hatte die Verse Puschkins gelesen:

„Die Dämmerung ist kühl entglommen,

Der Sense Rauschen ist verhallt;

Der Wolf und seine Wölfin kommen, —

So gierig schleicht sie aus dem Wald.“

„Warten Sie,“ sagte Peredonoff, „das muß man richtig verstehen. Hier haben wir eine Allegorie. Die Wölfe gehn paarweise: der Wolf und die gierige Wölfin. Der Wolf ist satt, sie ist hungrig. Die Frau muß immer nach dem Manne essen. Die Frau muß sich in allem dem Manne unterordnen.“

Pjilnikoff war fröhlich; er lächelte und blickte auf Peredonoff aus seinen trügerisch-reinen, tiefschwarzen Augen. Saschas Gesicht ärgerte und quälte Peredonoff. Der verfluchte Bengel bezauberte ihn mit seinem tückischen Lächeln.

Und ist er überhaupt ein Junge? Vielleicht sind es zwei: Bruder und Schwester, und es ist nicht herauszubringen — wer wo ist. Vielleicht kann er sich auch aus einem Knaben in ein Mädchen verwandeln. Nicht umsonst ist er immer so sauber, — denn um sich zu verwandeln, mußte er sich in allerhand Wässerchen waschen, — anders ging es doch nicht. Außerdem roch er immer nach Parfums.

„Womit haben Sie sich parfumiert, Pjilnikoff?“ fragte Peredonoff, „etwa mit Patschuli?“

Die Jungen lachten. Das kränkte Sascha; er wurde rot und schwieg.

Den einfachen Wunsch, zu gefallen, nicht ekelhaft sein zu wollen, — konnte Peredonoff nicht verstehen. Eine jede derartige Erscheinung, und sei es auch an einem Knaben, hielt er für gefallsüchtige Eitelkeit. Wer sich gut kleidete, der hatte — davon war er überzeugt — nur den einen Wunsch, ihm zu schmeicheln. Aus welchem anderen Grunde hätte er sich gut kleiden sollen? Sauberkeit und gute, elegante Kleidung waren ihm zuwider; Parfums waren für sein Empfinden ein Gestank; jedem Parfum zog er den Geruch eines frisch gedüngten Feldes vor, denn — so glaubte er — das ist der Gesundheit zuträglich. Sich schön kleiden, sich sauber halten, sich waschen, — das alles kostet Zeit, Mühe und Arbeit; und der Gedanke an jede Arbeit erschreckte Peredonoff und langweilte ihn. Wie schön wäre es doch, nichts zu tun! Nur essen, trinken und schlafen — nur das!

 

Saschas Kameraden neckten ihn damit, daß er sich mit Patschuli parfumiert hätte, und daß Ludmilla in ihn verliebt wäre. Er begehrte auf und antwortete heftig, — sie wäre in ihn nicht verliebt; das hätte sich Peredonoff einfach ausgedacht; er — Peredonoff — hätte um Ludmilla angehalten, sie aber habe ihm einen Korb gegeben, — darum wäre er jetzt wütend auf sie und verbreite über sie schlechte Gerüchte. Die Kameraden glaubten ihm, — man kannte doch Peredonoff! — aber sie hörten nicht auf, ihn zu necken; jemanden zu necken ist doch so angenehm.

 

Peredonoff erzählte hartnäckig jedem, der es hören wollte, wie verderbt Pjilnikoff wäre.

„Er hat sich mit Ludmilla eingelassen,“ sagte er. „Sie küssen sich so eifrig, daß sie schon einen Abc-Schützen geboren hat und mit dem anderen schwanger geht.“

Ueber Ludmillas Liebe zu einem Gymnasiasten redete man sehr übertrieben in der Stadt; man wußte darüber höchst alberne und unanständige Einzelheiten zu berichten. Doch niemand wollte es glauben: Peredonoff hatte die Sache zu sehr gepfeffert. Allein die Liebhaber am Necken — und deren gab es viele in unserer Stadt, — sagten Ludmilla:

„Warum haben Sie sich in den Bengel vernarrt? Das ist eine Beleidigung für unsere erwachsenen jungen Leute.“

Ludmilla lachte und sagte:

„Dummheiten!“

Mit frecher Neugierde blickten die Bürger Sascha überall nach.

Die Witwe des Generals Polujanoff, — sie war reich und stammte aus Kaufmannskreisen, — erkundigte sich nach seinem Alter und fand, daß er noch zu jung wäre; aber nach zwei Jahren würde man ihn zu sich bitten können, um zu seiner Erziehung beizutragen.

Zuweilen machte Sascha Ludmilla Vorwürfe, daß man ihn mit ihr neckte. Ja, es kam sogar vor, daß er sie schlug, aber dann lachte Ludmilla hell und fröhlich.

 

Um aber den dummen Klatschereien ein Ende zu machen und um Ludmillas Ruf nach dieser peinlichen Geschichte wiederherzustellen, wirkten sämtliche Rutiloffs und ihre zahlreichen Freunde, Verwandten und Bekannten eifrig gegen Peredonoff und führten den Beweis, daß das alles Ausgeburten der Phantasie eines Irrsinnigen wären. Die maßlosen Handlungen Peredonoffs brachten auch viele dazu, an diese Erklärung zu glauben.

In dieser Zeit wurde auch beim Rektor des Lehrbezirks wiederholt gegen Peredonoff Klage geführt. Vom Lehrbezirk wurde eine Anfrage an Chripatsch gerichtet. Dieser berief sich auf seine früheren Ausführungen und fügte hinzu, daß Peredonoffs längeres Verbleiben am Gymnasium direkt eine Gefahr bedeute, da seine seelische Krankheit deutlich bemerkbare Fortschritte mache.

 

Schon war Peredonoff ganz in der Gewalt seiner wilden Vorstellungen. Allerhand Erscheinungen schlossen ihn von der Welt ab. Seine irrsinnigen stumpfen Augen blickten unstät und blieben an keinem Gegenstande haften, so etwa, als wolle er durch sie durchsehen in die der Wirklichkeit entgegengesetzte Welt, und als suche er nach irgendwelchen Oeffnungen, um durchzusehen.

Wenn er allein war, redete er mit sich selber und stieß ganz sinnlose Drohungen aus:

„Ich werde dich töten! Dich erstechen! Dich einsperren!“

Und Warwara horchte und schmunzelte:

„Aergere dich nur!“ dachte sie schadenfroh.

Sie dachte, es wäre nur Wut; er errät, daß man ihn betrogen hat und ärgert sich. Den Verstand wird er nicht verlieren, — denn ein Dummkopf hat nichts, was er verlieren könnte. Und wenn er auch irrsinnig wird, — was ist dabei! — Der Irrsinn ist eine Unterhaltung für den Dummen.

„Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte Chripatsch einmal, „Sie sehen sehr krank aus.“

„Der Kopf tut mir weh,“ sagte Peredonoff finster.

„Wissen Sie, Verehrtester,“ fuhr der Direktor vorsichtig fort, „ich würde Ihnen doch raten, einstweilen nicht ins Gymnasium zu kommen. Sie sollten sich schonen, Ihren Nerven, die doch scheinbar stark mitgenommen sind, etwas Ruhe gönnen.“

Natürlich, dachte Peredonoff, das ist das allerbeste: nicht mehr ins Gymnasium gehen. Warum war er nicht schon längst auf diesen Gedanken gekommen! Er brauchte sich ja nur krank zu melden, zu Hause zu bleiben und abzuwarten, was werden würde.

„Ja, ja, ich werde nicht kommen, ich bin krank,“ sagte er erfreut zu Chripatsch.

 

Der Direktor hatte unterdessen ein zweites Mal an den Lehrbezirk geschrieben und wartete von Tag zu Tag auf die Ernennung einiger Aerzte zur Untersuchung. Aber die Beamten beeilten sich nicht. Dafür waren es Beamte.

Peredonoff kam nicht ins Gymnasium und schien ebenfalls etwas zu erwarten.

In den letzten Tagen hatte er sich ganz an Wolodin geheftet. Er fürchtete sich, ihn aus den Augen zu lassen, und dachte immer, Wolodin wolle ihm einen Schaden zufügen. Schon am frühen Morgen, wenn er aufwachte, dachte er traurig an Wolodin: Wo ist er jetzt? Was treibt er?

Manchmal erschien ihm Wolodin: Wolken zogen am Himmel, wie eine Lämmerherde, und unter ihnen tummelte sich Wolodin, den steifen Hut auf dem Kopf und lachte meckernd; auch im Rauche, der den Schornsteinen entstieg, war er zuweilen und verzog sich geschwind, alberne Grimassen schneidend und durch die Luft springend.

Wolodin aber dachte und erzählte es stolz, daß Peredonoff ihn sehr lieb hätte und ohne ihn nicht leben könnte.

„Warwara hat ihn betrogen,“ sagte Wolodin, „er sieht aber, daß ich ihm ein treuer Freund bin, darum hält er zu mir.“

Wenn Peredonoff aus dem Hause trat, um Wolodin aufzusuchen, kam ihm dieser schon entgegen, den steifen Hut auf dem Kopf, ein Spazierstöckchen in der Hand, fröhlich springend und lustig meckernd.

„Warum trägst du immer dein Töpfchen auf dem Kopf?“ fragte ihn Peredonoff einmal.

„Warum sollte ich das Töpfchen nicht tragen, Ardalljon Borisowitsch?“ entgegnete Wolodin fröhlich und verständig, bescheiden und anständig. „Die Mütze mit der Kokarde darf ich nicht tragen, und einen Zylinder aufzusetzen überlasse ich als Uebung den Aristokraten; uns steht das nicht an.“

„Du wirst noch in deinem Töpfchen überkochen,“ sagte Peredonoff verdrießlich.

Wolodin kicherte.

Sie gingen in Peredonoffs Wohnung.

„Wieviel Schritte man machen muß,“ sagte Peredonoff ärgerlich.

„Es ist nützlich, Ardalljon Borisowitsch, sich etwas Motion zu machen,“ versuchte Wolodin ihn zu überzeugen, „arbeiten, spazieren gehn, essen, — dann bleibt man gesund.“

„Nun ja,“ entgegnete Peredonoff, „du glaubst wohl, daß die Leute nach zwei bis dreihundert Jahren noch arbeiten werden?“

„Wie denn sonst? Ohne Arbeit gibt es kein Brot. Brot erhält man für Geld und das Geld muß man verdienen.“

„Ich will kein Brot.“

„Dann gibt’s auch keine Semmeln, keine Pastetchen,“ kicherte Wolodin, „und nichts wofür du dir Schnaps kaufen könntest, und du wirst nichts haben um dir ein Likörchen zu brauen.“

„Nein, die Menschen selber werden nicht arbeiten,“ sagte Peredonoff, „Maschinen werden alles tun; man dreht eine Kurbel, wie am Leierkasten, und fertig ... Aber es ist langweilig, lange zu drehen.“

Wolodin wurde nachdenklich, senkte den Kopf und warf die Lippen auf.

„Ja,“ sagte er grüblerisch, „das wird sehr schön sein. Nur werden wir das nicht mehr erleben.“

Peredonoff sah ihn wütend an und knurrte:

„Du wirst es nicht erleben, — ich wohl.“

„Das gebe Gott,“ sagte Wolodin vergnügt, „daß Sie zweihundert Jahre alt werden, und dreihundert auf allen Vieren kriechen.“

Schon antwortete Peredonoff nicht mehr mit einer Beschwörungsformel, — mochte kommen, was wollte. Er würde sie doch alle besiegen; nur die Augen hübsch offen halten und nicht nachgeben!

Zu Hause setzten sie sich an den Tisch und tranken zusammen. Peredonoff begann von der Fürstin zu erzählen.

In Peredonoffs Vorstellung wurde die Fürstin von Tag zu Tag um Jahre älter und fürchterlicher: gelb, runzelig und gebückt; sie hatte Hauer und war sehr böse.

„Sie ist zweihundert Jahre alt,“ sagte Peredonoff und blickte sonderbar traurig vor sich hin. „Und sie will, daß ich mich wieder mit ihr beriechen soll. Vorher wird sie mir keine Stelle verschaffen.“

„Sag doch einer, was die nicht alles will!“ sagte Wolodin kopfschüttelnd. „So ein altes Weib!“

 

Peredonoff phantasierte von Morden. Er sagte zu Wolodin, zornig die Brauen runzelnd:

„Dort hinter der Tapete liegt schon einer versteckt. Den andern werde ich aber unter dem Fußboden vernageln.“

Wolodin fürchtete sich nicht und kicherte.

„Riechst du den Gestank dort hinter der Tapete?“ fragte Peredonoff.

„Nein, ich rieche nichts,“ sagte Wolodin und kicherte und krümmte sich vor Lachen.

„Deine Nase ist verstopft,“ sagte Peredonoff. „Nicht umsonst hast du eine rote Nase. Er verfault dort hinter der Tapete.“

„Die Wanze!“ rief Warwara und lachte auf.

Stumpf und würdig blickte Peredonoff vor sich nieder.

Peredonoff, von Tag zu Tag unzurechnungsfähiger, schrieb Denunziationen gegen die Kartenbilder, gegen das gespenstische Tierchen, gegen den Hammel, — er, der Hammel, wäre ein Usurpator, hätte sich für Wolodin ausgegeben, trachtete nach einem hohen Posten, und wäre doch nur ein simpler Hammel; gegen die Waldschänder, — sie hätten alle Birken ausgerodet, es gäbe keine Birkenquasten mehr fürs Dampfbad, und ohne Ruten wäre es schwer, die Kinder zu erziehen; die Espen hätten sie aber stehen lassen, — und wozu wären die Espen gut?

Wenn Peredonoff auf der Straße Gymnasiasten traf, so erschreckte er die kleineren und brachte die größeren zum Lachen durch unflätige, schamlose Worte. Die größeren liefen ihm scharenweise nach und machten sich aus dem Staube, wenn sie einen der Lehrer kommen sahen, — die kleineren liefen vor ihm davon.

Ueberall sah er Gespenster und Gesichte; seine Halluzinationen entsetzten ihn in dem Maße, daß sich seiner Brust ein tolles, stöhnendes Gewinsel entrang. Das graue, gespenstische Tierchen erschien ihm bald blutbesudelt, bald in lauter Flammen; es schrie und brüllte, und sein Gebrüll dröhnte ihm in rasenden Schmerzen durch den Kopf. Der Kater schwoll an zu einer fürchterlichen Größe; er stampfte mit seinen Absätzen und wurde zu einem rothaarigen, schnauzbärtigen Ungetüm.

XXVIII

Sascha war nach dem Mittagessen fortgegangen und zur festgesetzten Zeit, um sieben Uhr, noch nicht heimgekehrt. Die Kokowkina wurde unruhig: wollte Gott es verhüten, daß er zu dieser verbotenen Stunde einem der Lehrer auf der Straße begegnete. Man würde ihn bestrafen, und ihr wäre das so peinlich. Bei ihr hatten immer bescheidene Jungen gelebt, die sich nie in der Nacht herumgetrieben hatten. Sie machte sich auf die Suche nach ihm. Wo sollte er anders sein, als bei Rutiloffs.

Ludmilla hatte, — als mußte es gerade heute sein, — es vergessen, die Tür zu verriegeln. Die Kokowkina trat ein und was sah sie?

Sascha steht vor dem Spiegel und fächelt sich mit einem Fächer. Ludmilla lacht aus vollem Halse und zupft die Bänder an seinem grellfarbigen Gürtel zurecht.

„Ach du lieber Gott! Dein Wille geschehe!“ rief die Kokowkina entsetzt, „was sind das für Geschichten! Ich bin ganz aus dem Häuschen, suche ihn überall, und er führt hier eine Komödie auf: Schande, Schande — sich in Weiberröcke zu kleiden! Und wie, schämen Sie sich nicht, Ludmilla Platonowna!“

Ludmilla — ganz überrumpelt — wurde im ersten Augenblick verlegen; aber sie faßte sich schnell. Fröhlich lachend umarmte sie die Kokowkina, setzte sie in einen Sessel und erzählte ihr eine rasch erfundene Geschichte:

„Wir haben zu Hause eine kleine Maskerade vor, — ich werde ein Junge sein, und er ein Mädchen, und das wird furchtbar lustig werden.“

Puterrot und erschreckt stand Sascha da, und die Tränen traten ihm in die Augen.

„Was für Dummheiten!“ sagte die Kokowkina ärgerlich, „er muß seine Aufgaben lernen und hat keine Zeit für Maskeraden. Was Sie sich ausdenken! Beliebe dich augenblicklich anzukleiden, Alexander, und marsch — nach Hause.“

Ludmilla lachte fröhlich und hell und umarmte die Kokowkina; die alte Frau dachte, daß das fröhliche Mädchen noch kindisch wie ein Backfisch wäre, und daß Sascha aus Dummheit froh wäre, allen ihren Launen gehorchen zu können. Ludmillas fröhliches Gelächter ließ die ganze Sache so kindisch und harmlos erscheinen, daß man darüber schlimmstenfalls etwas brummen durfte. Und sie schalt und machte ein böses und unzufriedenes Gesicht, — aber ihr Herz war schon wieder ganz ruhig.

Sascha kleidete sich schnell hinter dem Bettschirm um. Die Kokowkina ging mit ihm zusammen heim und schalt den Weg über auf ihn. Er schämte sich sehr, war erschrocken und sagte nichts zu seiner Rechtfertigung. Was wird es erst zu Hause geben? dachte er ängstlich.

Und zu Hause verfuhr die Kokowkina zum erstenmal mit aller Strenge: er mußte sich auf die Knie stellen. Aber schon nach fünf Minuten hatte sie Mitleid mit seinem kläglichen, schuldbewußten Gesicht und er durfte wieder aufstehen.

„So ein Geck! Auf eine Werst riecht man deine Parfums,“ sagte sie brummig.

Sascha machte einen geschickten Kratzfuß und küßte ihr die Hand; die Liebenswürdigkeit des bestraften Knaben rührte sie noch mehr.

 

Unterdessen drohte ein Unwetter über Sascha hereinzubrechen. Warwara und die Gruschina verfaßten einen anonymen Brief und schickten ihn an Chripatsch; sie behaupteten darin, der Gymnasiast Pjilnikoff wäre von Fräulein Rutiloff verführt worden; er brächte ganze Abende bei ihr zu und wäre dem Laster ergeben.

Der Direktor mußte an eine kurz vorher geführte Unterhaltung denken. Vor einigen Tagen hatte jemand auf einer Soirée beim Adelsmarschall die von niemand verstandene Bemerkung hingeworfen, eine junge Dame hätte sich in einen Halbwüchsling verliebt. Man hatte gleich wieder von anderen Dingen gesprochen: in Chripatschs Gegenwart hielt man es, nach dem stillschweigenden Einvernehmen wohlerzogener Leute, für außerordentlich peinlich, dieses Thema zu diskutieren, gab sich den Anschein, als wäre es unbequem, darüber in Gegenwart von Damen zu sprechen, und tat so, als wäre die Sache selber ganz unbedeutend und unglaubwürdig. Chripatsch merkte das natürlich; er war aber nicht so einfältig, um sich bei jemand zu erkundigen. Er war vollständig überzeugt, daß er bald alles erfahren würde, und daß auf diesem oder jenem Wege, immer aber noch rechtzeitig, eine Nachricht ihm zu Ohren kommen würde. Da kam dieser Brief, und das war die erwartete Nachricht.

Chripatsch glaubte keinen Augenblick an die Verderbtheit Pjilnikoffs, oder daß sein Verkehr mit Ludmilla irgendwie die Grenzen des Erlaubten überschritte.

Das alles, — dachte er, — hat seinen Grund in der dummen Erfindung Peredonoffs und wird genährt von der neidischen Bosheit der Gruschina. Dieser Brief aber, — dachte er, — beweist, daß unerwünschte Gerüchte in Umlauf sind; sie könnten doch ein schlechtes Licht auf das Ansehen des ihm anvertrauten Gymnasiums werfen. Darum müssen Maßnahmen getroffen werden.

Vor allem bat er die Kokowkina, ihn aufzusuchen, um mit ihr über die Tatsachen zu sprechen, die diese unerwünschten Gerüchte veranlaßt haben konnten.

Die Kokowkina wußte schon, worum es sich handelte. Man hatte es ihr noch deutlicher zu verstehen gegeben, als dem Direktor. Die Gruschina hatte sie auf der Straße erwartet, ein Gespräch mit ihr angeknüpft und erzählt, Ludmilla hätte Sascha von Grund aus verdorben.

Die Kokowkina war überrascht. Zu Hause überschüttete sie Sascha mit Vorwürfen. Ihr war die ganze Geschichte um so peinlicher, als doch alles sich fast vor ihren Augen abgespielt hatte und weil Sascha mit ihrem Einverständnis zu Rutiloffs ging. Sascha stellte sich so, als verstünde er nichts und fragte:

„Was habe ich denn Schlimmes getan?“

Die Kokowkina kam in Verlegenheit.

„Wie! Was du Schlimmes getan hast? Weißt du es nicht mehr? Ist es lange her, daß ich dich in Weiberröcken getroffen habe? Hast du es vergessen, du Schlingel?“

„Nun, Sie haben mich so getroffen. Ist denn etwas Schlimmes dabei? Dafür haben Sie mich doch schon bestraft! Und was ist denn dabei, — als hätte ich einen gestohlenen Rock angehabt!“

„Sag doch einer, sag doch einer! wie er sich ausredet!“ sagte die Kokowkina fassungslos. „Ich habe dich wohl bestraft, aber scheinbar zu wenig.“

„Dann bestrafen Sie mich mehr,“ sagte Sascha trotzig, mit der Miene eines unschuldig Gekränkten. „Damals verziehen Sie mir, und jetzt ist es zu wenig. Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu verzeihen, — ich hätte den ganzen Abend auf den Knieen gestanden. Warum macht man mir jetzt noch Vorwürfe!“

„Mein Lieber, man redet schon in der ganzen Stadt von dir und deiner Ludmilla,“ sagte die Kokowkina.

„Was wird denn geredet?“ fragte Sascha treuherzig-neugierig.

Die Kokowkina kam wieder in Verlegenheit.

„Was geredet wird, — man weiß doch was! Du weißt es genau, was man über euch sagen kann. Da kommt wenig Gutes dabei heraus. Du treibst Unfug mit deiner Ludmilla, — das redet man.“

„Ich werde nicht mehr Unfug treiben,“ versprach Sascha so ruhig, als unterhielte man sich über das Hasch-hasch-Spiel.

Er machte ein unschuldiges Gesicht, aber es war ihm schwer ums Herz. Er versuchte die Kokowkina auszuhorchen, was denn eigentlich geredet würde, und fürchtete sich, vielleicht grobe Worte hören zu müssen. Was konnte nur über sie beide geredet werden? Die Fenster von Ludmillas Zimmer gingen in den Garten, von der Straße aus konnte man nichts sehen, und außerdem ließ Ludmilla immer die Vorhänge herunter. Und wenn jemand zugesehn hatte, wie hatte er es erzählt? Vielleicht mit peinlichen, rohen Worten? Oder wurde nur davon geredet, daß er oft hinging?

Am darauffolgenden Tage erhielt die Kokowkina die Vorladung zum Direktor. Die alte Frau kam ganz aus der Fassung. Zu Sascha sagte sie kein Wort und machte sich zur festgesetzten Stunde still auf den Weg. Chripatsch machte ihr sehr liebenswürdig und schonend Mitteilung von dem erhaltenen Brief. Sie brach in Tränen aus.

„Beruhigen Sie sich, wir beschuldigen Sie nicht,“ sagte Chripatsch, „wir kennen Sie zu gut. Allerdings werden Sie ihn künftighin strenger beaufsichtigen müssen. Jetzt sagen Sie mir nur bitte, was eigentlich vorgefallen ist.“

Als die Kokowkina vom Direktor nach Hause zurückkehrte, überschüttete sie Sascha mit neuen Vorwürfen.

„Ich werde es der Tante schreiben,“ sagte sie weinend.

„Ich bin unschuldig. Mag die Tante kommen. Ich fürchte mich nicht,“ sagte Sascha und weinte ebenfalls.

Am nächsten Tage ließ der Direktor Sascha zu sich kommen und fragte ihn kalt und streng:

„Ich wünsche zu wissen, mit wem Sie in der Stadt verkehren.“

Sascha blickte den Direktor verlegen, unschuldig und ruhig an.

„Mit wem ich verkehre?“ sagte er, „Olga Wassiljewna weiß es; ich besuche nur meine Kameraden und Rutiloffs.“

„Das ist es eben,“ setzte der Direktor sein Verhör fort, „was treiben Sie bei Rutiloffs?“

„Nichts Besonderes; nur so!“ antwortete Sascha unschuldig, „hauptsächlich lesen wir zusammen. Fräulein Rutiloffs lieben Gedichte sehr. Und ich bin immer um sieben Uhr zu Hause.“

„Vielleicht doch nicht immer?“ fragte Chripatsch und richtete auf Sascha einen Blick, den er durchdringend zu gestalten versuchte.

„Ja, einmal habe ich mich verspätet,“ sagte Sascha mit der ruhigen Offenheit eines harmlosen Knaben, „aber dafür bekam ich Schelte von Olga Wassiljewna; und dann bin ich nie wieder zu spät gekommen.“

Chripatsch mußte schweigen. Saschas ruhige Antworten verblüfften ihn. In jedem Fall mußte er ihn rügen, ihm einen Verweis erteilen, aber wie sollte er es tun und wofür? — ohne den Knaben auf böse Gedanken zu bringen, die er früher (Chripatsch glaubte das) nicht gehabt hatte, — ohne den Knaben zu kränken, — andererseits doch so, daß alles geschah, um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden, die ihm in Zukunft aus diesem Verkehr erwachsen konnten.

Chripatsch überlegte, wie schwer und verantwortungsvoll doch die Pflichten eines Pädagogen wären, besonders, wenn man die Ehre hat, einer Lehranstalt vorzustehen. Ja, schwer und verantwortungsvoll sind die Pflichten eines Pädagogen! Diese banale Ueberlegung beflügelte seine erlahmenden Gedanken. Er begann zu reden, schnell, deutlich und langweilig. Aus dem hundertsten ins tausendste mußte Sascha hören:

„... Ihre erste Pflicht als Schüler, ist — zu arbeiten ... man darf sich nicht geselligen Vergnügungen hingeben, wenn diese auch sehr angenehm und ganz einwandfrei sein sollten ... in jedem Falle muß gesagt werden, daß ein Verkehr mit Altersgenossen für Sie ersprießlicher ist .. Man muß sein eigenes Renommee und das der Schule zu wahren wissen ... Endlich, — ich sage es Ihnen geradeheraus, — habe ich Grund zu der Annahme, daß Ihr Verhältnis zu den jungen Damen den Charakter einer zu großen Freiheit trägt, einer Freiheit, die bei Ihrem Alter unstatthaft ist, und die den allgemein anerkannten Regeln der guten Sitte nicht entspricht.“

Sascha mußte weinen. Es tat ihm so leid, daß man von der lieben Ludmilla denken und reden konnte wie von einer Person, mit der man unanständig und frei verkehren konnte.

„Mein Ehrenwort, es ist nichts Schlimmes vorgefallen,“ beteuerte er, „wir haben nur zusammen gelesen, sind spazieren gegangen, spielten, — nun ja — haben getollt, — und weiter sind gar keine Freiheiten vorgekommen.“

Chripatsch klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die herzlich klingen sollte und traurig klang:

„Hören Sie mal, Pjilnikoff ...“

(Oder sollte er den Knaben Sascha nennen? Das ist zu unförmlich, und eine diesbezügliche Verfügung des Ministers ist noch nicht getroffen!)

„Ich glaube Ihnen, daß nichts Schlimmes vorgefallen ist. Immerhin täten Sie gut daran, Ihre häufigen Besuche einzustellen. Glauben Sie mir, — es wird besser sein. Das sage ich Ihnen nicht nur als Ihr Lehrer und Vorgesetzter, sondern auch als Freund.“

Sascha blieb nichts anderes übrig, als sich zu verbeugen, sich zu bedanken — und zu gehorchen. Zu Ludmilla kam er nur auf fünf oder zehn Minuten gelaufen, — bemühte sich aber doch, sie an jedem Tage aufzusuchen. Es war doch ärgerlich, sie nur so flüchtig sehen zu können, — und seinen Aerger darüber ließ er an Ludmilla selber aus. Es kam oft vor, daß er sie Ludmilka, dumme Gans, Eselin von Siloah nannte, oder daß er sie schlug. Darüber mußte Ludmilla lachen.

 

Durch die Stadt ging das Gerücht, die Schauspieler des Theaters wollten in der Bürgermuße ein Kostümfest veranstalten mit Preisen für die schönsten Kostüme für Herren und Damen. Ueber die Preise waren die übertriebensten Gerüchte in Umlauf. Es wurde erzählt, die Dame würde eine Kuh erhalten, der Herr — ein Fahrrad. Diese Gerüchte erregten die Gemüter. Jeder wünschte sich den Preis: es waren so solide Dinge. Voll Eifer nähte man an den Kostümen. Man gab viel Geld aus und ließ es sich nicht leid sein. Vor den besten Freunden verheimlichte man seine Pläne, damit die „glänzende Idee“ nicht vorweggenommen würde.

Als das gedruckte Programm über das Kostümfest erschien, — riesige Affichen, die an alle Zäune geklebt und jedem angesehenen Bürger ins Haus geschickt wurden, — erwies es sich, daß man weder eine Kuh, noch ein Fahrrad erhalten konnte, sondern die Dame sollte nur einen Fächer, der Herr nur ein Album bekommen. Das enttäuschte und verstimmte alle, die sich zum Kostümfest vorbereitet hatten. Man murrte. Man sagte:

„Es lohnte sich Geld auszugeben!“

„Es ist einfach lächerlich — solche Preise.“

„Man hätte es von Anfang an sagen müssen.“

„Nur bei uns kann man so mit dem Publikum umspringen.“

Trotzdem wurden die Vorbereitungen fortgesetzt: waren die Preise auch miserabel, so war es doch schmeichelhaft, sie zu erhalten.

Darja und Ludmilla nahmen weder zu Anfang noch später ein Interesse an der Preisverteilung. Was sollten sie mit einer Kuh! oder war ein Fächer etwas Besonderes! Und wer würden die Preisrichter sein? Was für einen Geschmack konnten sie — die Richter — entwickeln! Aber beide Schwestern waren entzückt von Ludmillas Einfall, Sascha als Dame auf das Kostümfest mitzunehmen, so die ganze Stadt zu hintergehen und es zu betreiben, daß er den Preis erhielte. Auch Valerie gab sich den Anschein, als wäre sie einverstanden. Eifersüchtig und schwächlich wie ein Kind, ärgerte sie sich: es war Ludmillas Freund, nicht ihrer, — aber sie wagte es nicht, mit den beiden älteren Schwestern Streit anzufangen. Sie sagte nur verächtlich lächelnd:

„Er wird es nicht wagen.“

„Das fehlte noch,“ sagte Darja resolut, „wir werden es so einrichten, daß niemand davon erfährt.“

Und als die Schwestern Sascha ihre Idee mitteilten, und als Ludmilla sagte:

„Wir werden dich als Japanerin verkleiden,“ da sprang und quiekte er vor Vergnügen. Mochte kommen was wollte, — und besonders, wenn keiner davon erfährt, — ihm sollte es recht sein, — wie sollte er nicht einverstanden sein! — das ist doch so furchtbar lustig, — alle hinters Licht zu führen.

Man beschloß auf der Stelle Sascha als Geisha zu verkleiden. Die Schwestern bewahrten ihren Plan als strengstes Geheimnis, — nicht einmal Larissa oder der Bruder wußten darum. Das Geishakostüm schnitt Ludmilla nach einer Etikette auf einem Korylopsisfläschchen zu: ein Kleid aus gelber Seide, auf rotem Atlas gefüttert, sehr lang und weit, wie ein Schlafrock; auf das Kleid stickte sie ein buntes Muster, — große Blumen in sonderbaren Linien.

Auch Schirm und Fächer fertigten die jungen Damen selber an, — der Fächer war aus dünnem, gemustertem japanischem Papier auf Bambusstäbchen gezogen, der Sonnenschirm aus rosa Seide ebenfalls an einem Bambusrohr. An die Füße zogen sie ihm rosa Strümpfe und hölzerne Pantoffelchen auf kleinen Brettern.

Auch die Maske für die Geisha bemalte die Künstlerin Ludmilla: ein gelbliches, aber liebes, schmales Gesichtchen mit einem leichten, starren Lächeln auf den Lippen, schrägliegende Schlitze für die Augen, und ein schmaler, kleiner Mund. Nur die Perücke mußte man sich aus Petersburg kommen lassen, — schwarze, glatt aufgekämmte Haare.

Man brauchte Zeit, um das Kostüm anzuprobieren, und Sascha konnte immer nur für Augenblicke kommen, nicht einmal täglich. Aber alles fand sich: Sascha lief in der Nacht davon, wenn die Kokowkina schlief, durchs Fenster. Alles ging glatt.

 

Auch Warwara rüstete sich zum Kostümfest. Sie kaufte eine Maske, die irgend eine dumme Fratze vorstellte, und um das Kostüm kümmerte sie sich nicht viel, — sie kleidete sich als Köchin, an die Schürze hängte sie sich einen Kochlöffel. Auf den Kopf setzte sie sich ein weißes Häubchen, die Arme ließ sie bis zu den Ellenbogen frei, schminkte sie gründlich — kurz sie war eine Köchin wie vom Herde gekommen, — und ihr Kostüm war fertig. Gibt man ihr den Preis — ihr soll’s recht sein, erhält sie keinen — auch gut.

Die Gruschina hatte beschlossen, sich als Diana zu kostümieren. Warwara mußte lachen und fragte:

„Werden Sie auch ein Halsband tragen?“

„Warum denn ein Halsband?“ fragte die Gruschina erstaunt.

„Aber wie denn,“ erklärte Warwara, „Sie haben doch beschlossen, als Hund zu kommen.“

„Welcher Unsinn!“ antwortete die Gruschina lachend, „doch nicht als Hund, sondern als die Göttin Diana.“

Warwara und die Gruschina kleideten sich zusammen in der Wohnung der Gruschina zum Feste an. Das Kostüm der Gruschina war außerordentlich oberflächlich: kahle Arme und Schultern, kahler Rücken, kahle Brust, die Füße steckten in leichten Pantoffelchen und waren bis zu den Knien bloß; im übrigen trug sie ein leichtes Gewand aus weißer Leinwand mit einem roten Besatz, auf dem nackten Körper, — ein kurzes Röckchen, dafür aber sehr weit und sehr faltig. Warwara sagte schmunzelnd:

„Nackicht!“

Die Gruschina antwortete gemein lächelnd:

„Dafür werden alle Mannsleute mir nachziehen.“

„Wozu denn die vielen Falten?“ fragte Warwara.

„Um darin Süßigkeiten für meine Göhren zu verstauen,“ erklärte die Gruschina.

Alles was die Gruschina so kühn den Blicken freilegte — war schön; — aber welche Widersprüche! Auf der Haut — Flohstiche, grobe Manieren, Worte von unerträglicher Gemeinheit. Auch hier — die in den Staub gezerrte Schönheit des Körpers.

 

Peredonoff glaubte, das ganze Fest fände nur statt, um ihn auf irgend etwas zu ertappen. Dennoch ging er hin, — aber ohne Kostüm, im gewöhnlichen Rock, — um selber zu sehen, was für böse Dinge man gegen ihn vorhätte.

Der Gedanke an das Fest unterhielt Sascha einige Tage. Dann aber regten sich in ihm Bedenken. Wie sollte er von Hause fortkommen? Besonders jetzt, nach all den unangenehmen Geschichten. Wie, wenn man es im Gymnasium erfährt: man würde ihn sofort exmittieren.

Noch neulich hatte zu ihm der Ordinarius, — ein junger Mensch, der so liberal dachte, daß er es nicht über die Lippen brachte, einen Kater einfach Wassjka zu rufen, dafür aber: der Kater Basil sagte, — bedeutungsvoll beim Verteilen der Zensuren bemerkt:

„Sehen Sie zu, Pjilnikoff! Seien Sie mehr bei der Sache.“

„Ich habe keine einzige Zwei,“ hatte Sascha sorglos geantwortet.

Aber der Mut war ihm doch gesunken. Was würde er noch sagen? Nein, nichts, er schwieg, sah ihn nur streng an.

Am Tage des Festes schien es Sascha, daß er nicht den Mut finden würde, hinzugehen. Es war doch schrecklich.

Nur dieses ein, — das fertige Kostüm, das bei Rutiloffs lag, — sollte es wirklich umsonst genäht worden sein? All die Mühe und Arbeit, — sollte sie wirklich umsonst gewesen sein? Ludmilla würde weinen. Nein, man muß gehn.

Nur die in den letzten Wochen erworbene Fertigkeit, Dinge zu verheimlichen, machte es ihm möglich, der Kokowkina seine Aufregung zu verbergen. Zum Glück ging die Alte früh zu Bett. Auch Sascha legte sich früh nieder, — vorsichtshalber entkleidete er sich, legte seine Kleider auf einen Stuhl vor die Tür und stellte seine Stiefel daneben.

Nun blieb noch das Schwerste, — unbemerkt sich aus dem Staube zu machen. Der Weg durchs Fenster war ihm von früher her vertraut, als noch die Anproben stattfanden.

Er zog sich eine helle Sommerbluse an, — sie hing im Kleiderschrank in seinem Zimmer, — leichte Hausschuhe, und vorsichtig kletterte er durch Fenster auf die Straße, nachdem er einen günstigen Augenblick abgewartet hatte; weder Stimmen noch Schritte waren in der Nähe zu hören.

Ein feiner Regen fiel vom Himmel. Auf der Straße war es schmutzig, kalt und finster. Aber Sascha glaubte, alle Welt müßte ihn erkennen. Er warf Mütze und Schuhe wieder durchs Fenster in seine Stube, krempelte sich die Hosen auf und lief in Sprungschritten barfuß über die vom Regen glitschigen, morschen Brettersteige. In der Dunkelheit ist ein Gesicht schwer zu erkennen, besonders das eines Laufenden, und man wird ihn, wenn er jemand treffen sollte, für einen einfachen Jungen halten, den man in einen Laden geschickt hat.

 

Valerie und Ludmilla hatten für sich selber nicht gerade originelle, doch aber farbenfreudige Kostüme angefertigt; Ludmilla war eine Zigeunerin, Valerie eine Spanierin. Ludmilla trug grelle rote Flicken aus Seide und Samt; die schmächtige, zerbrechliche Valerie schwarze Seide und Spitzen; in der Hand hielt sie einen schwarzen Spitzenfächer. Darja hatte für sich nichts Neues genäht, — noch vom vorigen Jahre hatte sie das Kostüm einer Türkin; das legte sie an.

„Es lohnt nicht sich was auszudenken!“ sagte sie entschieden.

Als Sascha angelaufen kam, machten sich alle drei Schwestern daran, ihn herzurichten. Die größte Sorge machte ihm seine Perücke.

„Wenn sie herunterfällt,“ wiederholte er ängstlich.

Man befestigte sie ihm mit Bändern unter dem Kinn ...

XXIX

Das Kostümfest fand in der Bürgermuße statt; das war ein zweistöckiges, ziegelrot gestrichenes, kasernenartiges Steingebäude auf dem Bazarplatz. Gromoff-Tschistoplotskji, Regisseur und Schauspieler am städtischen Theater, war der Veranstalter des Festes.

Vor der Auffahrt, über die ein Kalikodach gespannt war, brannten Lämpchen. Das Volk auf der Straße kritisierte die zum Feste Anfahrenden oder zu Fuß Kommenden meist abfällig; dies war verständlich, denn auf der Straße konnte man von den Kostümen unter den Oberkleidern fast nichts sehn, und man urteilte in der Regel aufs Geratewohl. Die Schutzleute sorgten hinreichend für Ordnung auf der Straße; im Saale befanden sich aber als Gäste der Chef der Landpolizei und der Polizeileutnant.

Jeder Teilnehmer erhielt am Eingang zwei kleine Billette: das eine war rosa und galt dem schönsten Damenkostüm, das andere grüne — dem Herrenkostüm. Diese Billette konnte man den Würdigsten übergeben. Manche erkundigten sich:

„Darf man es für sich selber behalten?“

Anfangs fragte der Kassierer ganz erstaunt:

„Warum für sich selber?“

„Aber wenn ich nun mein Kostüm für das schönste halte,“ antwortete der Festteilnehmer.

Später wunderte sich der Kassierer nicht mehr über diese Fragen, sagte vielmehr mit sarkastischem Lächeln (es war ein spöttischer junger Mann):

„Ganz, wie es Ihnen beliebt. Behalten Sie, wenn Sie wollen, beide für sich.“

Die Säle waren nicht sehr sauber, und ein großer Teil der Anwesenden war schon zu Anfang betrunken.

In den engen Räumen, mit ihren verräucherten Wänden und Decken, brannten schiefe Lüster; sie waren übermäßig groß, schwer und schienen einem die Luft zu nehmen. Die verblichenen Portieren an den Türen sahen so aus, daß es widerlich war, sie zu streifen.

Hier und dort standen die Menschen in Gruppen; man hörte Ausrufe und Gelächter, — es galt jenen, die so kostümiert waren, daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkten.

Der Notar Gudajewskji war als Indianer erschienen; im Haar hatte er Hahnenfedern, seine kupferrote Maske wies grüne, sinnlose Tätowierungen auf; er trug eine Lederjoppe, um die Schultern ein gewürfeltes Plaid und hohe, lederne Stiefel, mit grünen Troddeln. Er fuchtelte mit den Händen, sprang und ging im Turnerschritt, wobei er seine nackten, stark gebogenen Kniee weit vorwarf.

Seine Frau hatte sich als Aehre gekleidet. Sie trug ein buntes Kleid, das aus grünen und gelben Lappen zusammengeflickt war; nach allen Seiten starrte sie von Aehren, die sie überallhin gesteckt hatte. Diese kitzelten und stachen jeden, der ihr in die Nähe kam. Man zupfte und kniff sie. Sie schimpfte wütend:

„Ich werde kratzen!“ quiekte sie.

Ringsherum lachte man.

„Woher hat sie all die Aehren?“ fragte jemand.

„Sie hat im Sommer Vorrat gesammelt,“ antwortete man ihm, „jeden Tag war sie im Felde und hat gemaust.“

Einige bartlose Beamte, — die in die Gudajewskaja verliebt waren und denen darum schon früher mitgeteilt worden war, was sie anhaben würde, — begleiteten sie. Sie sammelten für sie Billette, — fast mit Gewalt, mit Grobheiten. Manchen, die weniger selbständig waren, nahmen sie die Billette einfach aus der Hand.

Aber es gab auch andere kostümierte Damen, die durch ihre Herren Billette für sich sammeln ließen. Andere wieder blickten gierig auf die noch nicht hergegebenen Zettelchen und bettelten darum. Man antwortete ihnen mit Grobheiten.

Eine verzagte Dame, die als „Nacht“ gekleidet war, — sie trug ein blaues Kleid und hatte ein gläsernes Sternchen und einen papierenen Halbmond an der Stirn, — sagte schüchtern zu Murin:

„Geben Sie mir Ihr Billettchen!“

Murin antwortete grob:

„Wer bist du! Dir ein Billett! Ungewaschenes Maul — du!“

Die „Nacht“ brummte böse und ging. Sie wollte zu Hause nur zwei oder drei Billettchen vorzeigen und sagen: seht, — die hat man mir gegeben. Aber bescheidne Hoffnungen sind immer erfolglos.

Die Lehrerin Skobotschkina war als Bärin erschienen, d. h. sie hatte sich einfach ein Bärenfell um die Schultern geworfen, und den Rachen des Bären wie einen Helm auf ihren Kopf über die gewöhnliche Halbmaske gestülpt. Im allgemeinen war das natürlich läppisch; ihrer massiven Struktur aber und ihrer saftigen Stimme stand das wohl an. Die Bärin schritt mit schweren Schritten einher und knurrte durch den ganzen Saal, daß die Flammen in den Kronleuchtern zitterten.

Vielen gefiel das. Sie erhielt nicht wenig Billette. Aber sie verstand es nicht, sie aufzubewahren, und einen findigen Begleiter, wie die andern, hatte sie nicht. Kleine Kaufleute hatten sie betrunken gemacht, aus lauter Mitgefühl für ihre Fähigkeit das Gebaren eines Bären so gut nachzuahmen. Man schrie:

„Seht nur, die Bärin säuft Schnaps.“

Die Skobotschkina konnte sich nicht entschließen, den Schnaps dankend abzulehnen. Sie glaubte eine Bärin müsse Schnaps trinken, wenn er ihr angeboten würde. Bald war sie betrunken; da stahlen ihr Darja und Ludmilla sehr geschickt mehr als die Hälfte ihrer Billette und gaben sie Sascha.

Durch seinen stattlichen Wuchs fiel ein alter Germane auf. Vielen gefiel es, daß er so kräftig gebaut war und daß man seine Arme sehen konnte, gewaltige Arme mit einer vorzüglich entwickelten Muskulatur. Ihm folgten hauptsächlich Damen, und rings um ihn tönte lobendes, wohlwollendes Geflüster. Im alten Germanen glaubte man den Schauspieler Bengalskji zu erkennen. Bengalskji war beliebt. Darum gaben ihm viele ihre Zettel. Man folgerte so:

„Wenn ich den Preis nicht erhalte, so mag ihn ein Schauspieler oder eine Schauspielerin haben. Erhält ihn einer aus unserer Gesellschaft, so quält er einen mit seinen Prahlereien zu Tode.“

Auch das Kostüm der Gruschina fand Beifall, — wie eben etwas Skandalöses Beifall findet. In dichten Scharen folgten ihr die Männer; sie lachten und machten unflätige Bemerkungen. Die Damen wandten sich ab und waren empört. Endlich trat der Polizeileutnant zur Gruschina und sagte, süß schmunzelnd:

„Gnädigste, Sie werden sich bedecken müssen.“

„Was gibt’s denn da? Man sieht nichts Unanständiges an mir,“ antwortete die Gruschina frech.

„Gnädigste, die Damen fühlen sich beleidigt,“ sagte Mintschukoff.

Der Teufel soll Ihre Damen holen,“ zeterte die Gruschina.

„Nein, bitte, Gnädigste,“ bat Mintschukoff, „haben Sie die Liebenswürdigkeit, wenigstens Ihre Brüstchen und Ihr Rückchen mit einem Taschentüchlein zu bedecken.“

„Wenn mein Taschentuch aber vollgeschneuzt ist?“ antwortete die Gruschina gemein lachend.

Mintschukoff aber beharrte:

„Wie es Ihnen beliebt, Gnädigste. Nur, — wenn Sie sich nicht bedecken, sehe ich mich gezwungen, Sie zu entfernen.“

Schimpfend und spuckend, ging die Gruschina in die Garderobe und breitete, mit Hilfe eines Dienstmädchens, einige Falten ihres Kleides über Rücken und Brust. Als sie in den Saal zurückkehrte, wenn auch etwas bescheidner in ihrem Ansehen, suchte sie doch wieder eifrig nach Anbetern. In plumper Weise scherzte sie mit allen Männern. Als deren Aufmerksamkeit aber in eine andere Richtung gelenkt wurde, ging sie ins Buffetzimmer, um Süßigkeiten zu stehlen.

Bald kehrte sie wieder in den Saal zurück, zeigte Wolodin zwei Pfirsiche, schmunzelte perfid und sagte:

„Darauf bin ich selber gekommen.“

Und sofort verschwanden die Pfirsiche wieder in den Falten ihres Gewandes. Wolodin bleckte erfreut die Zähne.

„Nun,“ sagte er, „dann gehe auch ich, — wenn es sich so verhält.“

Bald war die Gruschina betrunken und betrug sich außerordentlich laut, — sie schrie, fuchtelte mit den Händen, spuckte.

„Eine muntere Dame — die Diana,“ sagte man von ihr.

Das war das Kostümfest, zu dem die verdrehten jungen Damen den leichtsinnigen Gymnasiasten mitgenommen hatten. In zwei Droschken kamen die drei Schwestern und Sascha schon recht spät angefahren, — seinetwegen hatten sie sich verspätet.

Ihr Kommen wurde im Saal bemerkt. Besonders die Geisha gefiel vielen. Es ging das Gerücht, die Schauspielerin Kaschtanowa, — besonders der männliche Teil der Gesellschaft hatte eine Vorliebe für sie, — wäre als Geisha kostümiert. Daher erhielt Sascha sehr viele Billette.

Die Kaschtanowa war aber gar nicht gekommen, — am Vorabend war ihr kleiner Sohn schwer erkrankt.

Sascha, trunken von dem vielen Neuen was er sah, kokettierte ganz unglaublich. Je mehr sich die Zettel in der kleinen Hand der Geisha häuften, desto fröhlicher und mutwilliger blitzten die Augen der koketten Japanerin durch die schmalen Schlitze in der Maske.

Die Geisha hockte nieder, hob ihre schmalen Fingerchen, kicherte mit verstellter Stimme, spielte mit ihrem Fächer, klopfte damit diesem oder jenem Herren auf die Schulter, und versteckte sich dann hinter dem Fächer, und jeden Augenblick klappte sie ihren rosa Sonnenschirm auf und zu. Nicht sonderlich schlaue Handgriffe, — jedenfalls genügten sie, um alle die zu gewinnen, welche die Schauspielerin Kaschtanowa verehrten.

„Ich gebe mein Papier, — der Allerschönsten — dir!“ sagte Tischkoff und überreichte sein Billett mit einem jugendlichen Kratzfuß der Geisha.

Er hatte schon viel getrunken und war ganz rot; sein in einem ewigen Lächeln erstarrtes Gesicht und seine ungelenke Figur machten ihn einer Puppe ähnlich. Und immer reimte er.

Valerie sah Saschas Erfolge und beneidete ihn; sie hätte es zu gern gesehn, daß man sie erkannt hätte, daß ihr Kostüm und ihre schmale, schlanke Gestalt allen gefiele, und daß sie den Preis erhielte. Gleich fiel es ihr aber zu ihrem Aerger ein, daß das ganz ausgeschlossen war: die drei Schwestern hatten verabredet, Billette nur für die Geisha aufzutreiben, und ihre eigenen Zettelchen, die sie etwa bekommen sollten, ebenfalls der Geisha zu geben.

Im Saale wurde getanzt. Wolodin, stark angeheitert, tanzte den Kasatschek.[12] Der Polizeileutnant verbot ihm das. Er sagte fröhlich-gehorsam:

„Nun, wenn es verboten ist, so tue ich es auch nicht.“

Zwei Bürger aber, die seinem Beispiel gefolgt waren, und den Trepak tanzten, wünschten, nicht nachzugeben:

„Mit welchem Recht? Für meinen Fünfziger!“ riefen sie, wurden aber hinausgeführt.

Wolodin begleitete sie, verrenkte die Glieder, bleckte die Zähne und hopste dazu.

 

Fräulein Rutiloffs beeilten sich, Peredonoff aufzufinden, um sich über ihn lustig zu machen. Er saß allein, an einem Fenster und blickte mit irren Augen in die Menge. Menschen und Gegenstände schienen ihm sinnlos und aufgelöst, doch aber ihm feindlich zu sein.

Ludmilla, die Zigeunerin, trat auf ihn zu und sagte mit verstellter, tiefer Stimme:

„Mein lieber Herr, ich will dir wahrsagen.“

„Geh zum Teufel!“ rief Peredonoff.

Das plötzliche Erscheinen der Zigeunerin hatte ihn erschreckt.

„Guter Herr, mein goldner Herr, gib mir deine Hand. Ich sehe es an deinem Gesicht, — du wirst reich werden, du wirst ein hoher Vorgesetzter werden,“ bettelte Ludmilla und nahm einfach Peredonoffs Hand.

„Sieh zu, daß du mir nur Gutes sagst,“ brummte Peredonoff.

„O, du mein diamantner Herr,“ wahrsagte Ludmilla, „du hast viele Feinde, man wird dich angeben, du wirst weinen; unter einem Zaune wirst du sterben.“

„Ach du Luder!“ schrie Peredonoff und riß seine Hand los.

Ludmilla war mit einem Satz in der Menge verschwunden. Valerie löste sie ab, — sie setzte sich neben Peredonoff und flüsterte zärtlich: