„Ich bin eine span’sche Dirne,
Liebe dich wie nie zuvor, —
Dumm ist deine Frau im Hirne,
Mein geliebtester Signor.“
„Du lügst, dumme Gans,“ knurrte Peredonoff.
Valerie flüsterte:
„Das ist richtig,“ sagte Peredonoff, „wie soll ich ihr aber in die Augen spucken? Sie wird sich bei der Fürstin beklagen, und die wird mir keine Stelle verschaffen.“
„Wozu brauchst du eine Stelle? Du bist auch ohne Stelle lieb und gut,“ sagte Valerie.
„Ach, wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt,“ sagte Peredonoff mutlos.
Darja schob Wolodin ein Briefchen in die Hand, das mit einer rosa Oblate verklebt war. Erfreut meckernd öffnete Wolodin das Kuvert und las den Brief; er wurde nachdenklich, — dann warf er sich in die Brust und es schien, als hätte ihn etwas aus der Fassung gebracht. Kurz und klar stand geschrieben:
„Komm Liebling, morgen um elf Uhr abends zu einem Stelldichein in die Militärbadstube. Deine dir ganz fremde J.“
Wolodin glaubte an die Aufrichtigkeit der Briefschreiberin, aber es fragte sich nur, — lohnte es überhaupt, hinzugehen? Wer ist diese J? Eine Jenny vielleicht? Oder fängt ihr Familienname mit dem Buchstaben J an?
Wolodin zeigte Rutiloff den Brief.
„Geh hin, natürlich geh hin!“ überredete ihn Rutiloff. „Sieh zu, was dabei herauskommt. Vielleicht ist es eine reiche Braut; sie hat sich in dich verliebt; aber ihre Eltern sind dagegen; darum will sie sich eben mit dir aussprechen.“
Aber Wolodin dachte lange, lange nach und beschloß, daß es nicht der Mühe wert wäre hinzugehen. Er sagte stolz:
„Sie wirft sich mir an den Hals! aber solche sittenlose Mädchen liebe ich nicht.“
Er fürchtete sich, dort verprügelt zu werden: die Militärbadstube war in einer ganz verrufenen Gegend, am äußersten Ende der Stadt.
Als die dichtgedrängte Menge sich in allen Räumen der Muße verteilt hatte, schreiend, übertrieben lustig, — hörte man an der Eingangstür des Saales lauten Lärm, Gelächter, ermunternde Zurufe. Alles drängte dahin. Es ging von Mund zu Munde, — eine furchtbar originelle Maske wäre erschienen.
Durch die Menge bahnte sich den Weg ein magerer, langer Mensch. Er trug einen geflickten, schmutzigen Schlafrock, hielt einen Birkenquast unter dem Arm und eine Kippe[13] in der Hand. Seine Maske war aus Karton geschnitten, — eine dumme Fratze mit einem spärlichen Backenbärtchen, auf dem Kopf trug er aber eine Mütze mit der Beamten-Kokarde des Zivildienstes. Ganz erstaunt wiederholte er fortwährend:
„Man sagte mir, hier wäre ein Maskenfest, und kein Mensch wäscht sich.“
Traurig schwenkte er seine Kippe. Die Menge folgte ihm, kam aus dem Staunen nicht heraus und freute sich harmlos über den gelungenen Scherz.
„Der bekommt den Preis,“ sagte Wolodin neidisch.
Er beneidete ihn, wie viele andere, gewissermaßen gedankenlos, unmittelbar, — er selber war gar nicht kostümiert; was also, sollte man meinen, hatte er für einen Grund, ihn zu beneiden? Matschigin dagegen war in einem seligen Entzücken: besonders die Kokarde freute ihn. Er lachte froh, klatschte in die Hände und sagte zu Bekannten und Unbekannten:
„Eine vortreffliche Kritik! Diese Beamten machen so viel Wesens von sich; sie lieben es, die Kokarde zu tragen und Uniformen; da haben sie nun die Kritik; — wirklich sehr geschickt!“
Als es heiß wurde, fächelte sich der Beamte im Schlafrock mit seinem Birkenquast Kühlung zu und rief:
„Die wahre Badstube!“
Alles lachte fröhlich. Die Zettelchen regneten in seine Kippe.
Peredonoff sah auf den hocherhobenen Birkenquast. Er glaubte, es wäre das graue, gespenstische Tierchen.
Es ist grün geworden — das Vieh! dachte er entsetzt.
XXX
Endlich begann man, die für die Kostüme verteilten Zettelchen zu zählen. Die Mußenvorsteher bildeten das Komitee. An der Tür des Schiedsgerichtszimmers versammelte sich eine gespannt wartende Menge. In den Sälen wurde es für kurze Zeit still und langweilig. Die Musik hatte aufgehört zu spielen. Die Gäste waren verstummt. Peredonoff wurde es unheimlich.
Aber bald fing man wieder an zu sprechen, man murrte ungeduldig, man lärmte. Jemand versichert, beide Preise kämen in die Hände von Schauspielern.
„Sie werden es sehen!“ hörte man jemandes entrüstete, zischende Stimme.
Viele glaubten es. Man war erregt. Jene, die nur wenig Zettel erhalten hatten, ärgerten sich schon darüber. Jene, die viele erhalten hatten, erregte die Möglichkeit einer vielleicht zu erwartenden Ungerechtigkeit.
Plötzlich bimmelte gell und durchdringend ein Glöckchen. Die Preisrichter kamen heraus: Weriga, Awinowitzkji, Kiriloff und die übrigen Vorstände. Wellenartig verbreitete sich eine verlegene Stille im ganzen Saal, — plötzlich war alles verstummt.
Awinowitzkji verkündete mit lautschallender Stimme:
„Das Album, als Preis für das beste Herrenkostüm, erhält, der größten Zettelanzahl zufolge, der Herr im Kostüm eines alten Germanen.“
Awinowitzkji hob das Album hoch und blickte böse auf die sich stauende Menge. Der urwüchsige Germane bahnte sich einen Weg. Er begegnete nur feindlichen Blicken. Man wollte ihm den Weg nicht freigeben.
„Stoßen Sie mich nicht, ich muß doch bitten!“ schrie weinerlich die zaghafte Dame in Blau mit dem gläsernen Sternchen und dem Papiermond an der Stirn, — die Nacht.
„Er hat den Preis erhalten und bildet sich ein, daß die Damen vor ihm auseinandertreten müssen,“ hörte man jemand böse zischen.
„Wenn Ihr mich doch selber nicht durchlaßt,“ antwortete der Germane mit verhaltenem Zorn.
Endlich war er irgendwie bis zu den Preisrichtern vorgedrungen und empfing das Album aus Werigas Händen. Die Musik spielte einen Tusch. Aber die Töne gingen unter in einem wüsten Gelärm.
Man hörte Schimpfworte. Man umringte den Germanen, stieß ihn und schrie:
„Die Maske herunter!“
Der Germane schwieg. Es wäre ihm ein kleines gewesen, sich durch die Menge durchzuschlagen, — aber augenscheinlich scheute er sich davor, seine Kräfte handgreiflich anzuwenden. Gudajewskji packte das Album, und im selben Augenblick riß jemand dem Germanen die Maske vom Gesicht. Die Menge brüllte auf:
„Es ist ein Schauspieler!“
Die Vermutung hatte sich bewahrheitet: es war der Schauspieler Bengalskji. Er rief ärgerlich:
„Nun ein Schauspieler! ist denn was dabei? Ihr selber gabt mir doch eure Zettel.“
Als Antwort ertönte wütendes Geschrei:
„Ihr drucktet die Billette!“
„Soviel Leute sind gar nicht da, als Zettel verteilt wurden.“
„Er hat ein halbes Hundert in der Tasche gehabt.“
Bengalskji wurde feuerrot und schrie:
„Es ist gemein, das zu behaupten. Jedermann kann die Zettel nachzählen, — nach der Anzahl der Teilnehmer läßt es sich bestimmen.“
Unterdessen sprach Weriga zu den ihm zunächst Stehenden:
„Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, es ist kein Betrug vorgekommen; ich hafte dafür: die Zahl der Billette wurde beim Eingang kontrolliert.“
Endlich gelang es den Vorständen, zusammen mit einigen vernünftigen Gästen, die Menge zu beruhigen. Alles war gespannt, wer den Fächer erhalten würde. Weriga verkündete:
„Meine Herrschaften, die meisten Zettel für das Damenkostüm hat die Dame im Kostüm einer Geisha erhalten; ihr wurde der Preis zuerkannt, — nämlich ein Fächer. Geisha, ich ersuche Sie, vorzutreten, der Fächer gehört Ihnen. Meine Herrschaften, ich ersuche Sie um die Liebenswürdigkeit, der Geisha den Weg freizugeben.“
Die Musik spielte zum zweiten Mal einen Tusch. Die erschreckte Geisha wäre froh gewesen, wenn sie hätte davonlaufen können. Man stieß sie aber vor, ließ ihr den Weg und führte sie vor die Preisrichter.
Weriga überreichte ihr mit liebenswürdigem Lächeln den Fächer. Vor Saschas von Angst und Verlegenheit verschleierten Augen blinkte etwas Buntes und Reizendes. Man muß sich bedanken, — ging es ihm durch den Kopf. Er murmelte die gewohnten Höflichkeitsformeln eines gesitteten Jungen.
Die Geisha hockte nieder, sagte ein paar unverständliche Worte, kicherte, hob ihre Fingerchen, — und wieder ertönte ein wüstes Gejohl durch den Saal, es wurde gepfiffen, geschimpft. Alles drängte und stürmte zur Geisha.
„Hock nieder, gemeine Dirne!“ schrie die Aehre wütend und sträubte ihre Stacheln, „hock nieder!“
Die Geisha wollte zur Tür hinaus; man vertrat ihr den Weg. In der Menge, die die Geisha umtoste, hörte man böses Geschrei:
„Sie muß ihre Maske abnehmen!“
„Die Maske herunter!“
„Haltet sie! Fangt sie!“
„Nieder — die Maske!“
„Reißt ihr den Fächer fort!“
Die Aehre schrie:
„Wißt ihr auch, wer den Preis erhalten hat? Die Schauspielerin Kaschtanowa. Sie hat einen fremden Mann abspenstig gemacht, und erhält den Preis! Die rechtschaffenen Frauen bekommen nichts; eine feile Dirne erhält ihn!“
Sie warf sich auf die Geisha, quiekte durchdringend und ballte die mageren Fäustchen. Viele andere folgten ihrem Beispiel, — hauptsächlich ihre Begleiter.
Die Geisha schlug verzweifelt um sich. Es war eine wilde Hetze. Der Fächer wurde ihr entrissen, zerbrochen, auf den Boden geworfen, zerstampft. Wie besessen rannte die Menge — die Geisha mitten darin — durch den Saal; Zuschauer wurden über den Haufen gerannt. Weder Rutiloffs noch die Vorstände konnten bis zur Geisha vordringen. Die Geisha, kräftig und gelenkig, kratzte, biß, kreischte durchdringend. Die Maske hielt sie fest vor dem Gesicht, bald mit der rechten, bald mit der linken Hand.
„Man muß sie alle niederschlagen,“ winselte irgend ein besonders wütendes Dämchen.
Die betrunkene Gruschina versteckte sich hinter den andern, hetzte Wolodin und ihre übrigen Bekannten.
Matschigin hielt sich die blutende Nase mit der Hand, sprang vor und jammerte:
„Direkt mit der Faust in die Nase!“
Ein besonders wütender junger Mensch packte einen Aermel der Geisha mit den Zähnen und riß ihn zur Hälfte entzwei. Die Geisha rief:
„Hilfe! Hilfe!“
Auch die andern zerfetzten ihr Kleid. Hier und da sah man ihren bloßen Körper. Darja und Ludmilla machten verzweifelte Versuche, sich bis zur Geisha durchzudrängen, aber vergeblich. Wolodin hielt mit solchem Feuereifer die Geisha umklammert, — dabei kreischte er und verrenkte die Gliedmaßen, — daß er den andern, die weniger betrunken und weniger erbittert waren, hinderlich wurde: eigentlich strengte er sich gar nicht aus Bosheit an, nur aus Uebermut; er dachte nämlich, das ganze wäre ein gelungener Scherz. Den Aermel vom Kostüm der Geisha hatte er glücklich ganz abgerissen; er wand ihn sich um den Kopf.
„Das kann man brauchen,“ rief er kreischend, schnitt Fratzen und krümmte sich vor Lachen.
Mitten unter den vielen Leuten wurde ihm zu heiß; er sprang zur Seite, gebärdete sich wie ein Toller und mit wildem Geschrei tanzte er, von niemand behindert, auf den Ueberresten des Fächers.
Niemand war da, der ihn zur Vernunft hätte rufen können.
Peredonoff blickte voller Entsetzen auf ihn und dachte:
Er tanzt. Er freut sich über irgend etwas. So wird er auch auf meinem Grabe tanzen.
Endlich gelang es der Geisha, sich loszureißen, — die Männer, die sie umringten, konnten ihren geschickten Fäusten und scharfen Zähnen nicht standhalten. Wie ein Wind fegte sie aus dem Saal.
Im Gang stürzte sich die Aehre wieder auf die Japanerin und zerrte sie am Kleid. Die Geisha riß sich los, aber schon war sie wieder umringt. Die Hetze wurde fortgesetzt.
„Man zaust sie an den Ohren! An den Ohren!“ schrie jemand.
Irgend ein Dämchen hatte die Geisha am Ohr gepackt, zauste sie und ließ ein lautes, triumphierendes Geschrei ertönen. Die Geisha kreischte auf, hieb mit der Faust auf die Arme des bösen Dämchens und riß sich mit Mühe los. Endlich gelang es Bengalskji, der sich unterdessen in seine gewöhnlichen Kleider geworfen hatte, mit Gewalt bis zur Geisha vorzudringen. Er nahm die zitternde Japanerin auf den Arm, schützte sie mit seinem riesigen Körper und mit seinen Fäusten, so gut es gehen wollte, und — die Menge gewandt mit Ellenbogen und Beinen auseinanderschiebend — trug er sie hinaus. Man brüllte:
„Schurke, gemeiner Kerl!“
Man zupfte und schlug auf seinen Rücken ein. Er schrie:
„Ich erlaube es nicht, einer Frau die Maske abzureißen. Tut, was ihr wollt — ich erlaube es nicht.“
So trug er die Geisha durch den ganzen Gang. Der Gang mündete durch eine schmale Tür ins Eßzimmer. Hier gelang es Weriga, für einige Zeit die Nachstürmenden aufzuhalten. Mit der Entschlossenheit eines alten Militärs faßte er vor der Tür Posten, sie mit seinem Rücken deckend und sagte:
„Keinen Schritt weiter, meine Herrschaften.“
Die Gudajewskaja, raschelnd von den Ueberresten ihrer zerzausten Aehren, hüpfte gegen Weriga an, drohte ihm mit ihren Fäustchen und keifte:
„Fort von da! Durchlassen!“
Aber das bitterkalte Gesicht des Generals und seine entschlossenen grauen Augen hielten sie von Tätlichkeiten ab. In blinder Wut schrie sie ihren Mann an:
„Hättest du ihr wenigstens eine Ohrfeige heruntergehauen, — du hast geschlafen, Idiot.“
„Es war unbequem anzukommen,“ verteidigte sich der Indianer und fuchtelte sinnlos mit den Händen, „Pawluschka drehte sich mir immer unter die Arme.“
„In die Zähne hättest du ihr hauen sollen, aufs Ohr; geniertest dich wohl!“ schrie die Gudajewskaja.
Man drängte gegen Weriga. Gemeine Schimpfworte wurden laut. Weriga stand mutig vor der Tür und überredete die Zunächststehenden, ihr unwürdiges Betragen zu lassen.
Der Küchenjunge öffnete hinter Werigas Rücken die Tür und flüsterte:
„Sie sind fortgefahren, Ew. Exzellenz.“
Weriga trat zur Seite. Alles stürmte in das Eßzimmer, von dort in die Küche, — man suchte die Geisha, konnte sie aber nicht finden.
Bengalskji war, die Geisha auf den Armen, durch das Eßzimmer und durch die Küche gelaufen. Sie lag ganz ruhig an seiner Brust und sagte kein Wort. Bengalskji schien es, als hörte er ihr Herz stark schlagen. Ihre nackten Arme waren fest verschlungen; an ihnen bemerkte er einige Kratzwunden und in der Nähe des Ellbogens einen blau-gelben Fleck, der von einem Schlage herrührte.
Mit erregter Stimme rief Bengalskji der sich drängenden Dienerschaft zu:
„Rascher, einen Mantel, einen Schlafrock, ein Laken, irgend etwas — man muß die gnädige Frau retten.“
Irgend jemandes Mantel wurde Sascha über die Schultern geworfen, Bengalskji hüllte ihn notdürftig ein, und fort ging es über die enge Stiege, die spärlich von schwelenden Petroleumlampen erleuchtet war, hinaus auf den Hof, durch ein Pförtchen in eine Nebengasse.
„Demaskieren Sie sich; in der Maske wird man Sie eher erkennen; hier in der Dunkelheit ist es doch einerlei,“ sagte er recht unzusammenhängend, „ich werde es keinem Menschen sagen.“
Er war neugierig. Er wußte genau, daß es nicht die Kaschtanowa war, — aber wer war es denn?
Die Japanerin gehorchte. Bengalskji sah ein unbekanntes, brünettes Gesicht, in dem die Angst einem Ausdruck der Freude, der Gefahr entronnen zu sein, gewichen war. Mutwillige, schon vergnügte Augen blickten ihm entgegen.
„Wie soll ich Ihnen danken!“ sagte die Geisha mit klangvoller Stimme. „Was wäre mit mir geschehen, wenn Sie mich nicht herausgehauen hätten!“
Ein keckes Frauenzimmer, ein interessantes Weibsbild! dachte der Schauspieler, — aber wer ist sie? Offenbar eine Zugereiste, — denn Bengalskji kannte alle Damen der Stadt. Er sagte leise:
„Ich muß Sie so schnell als möglich nach Hause bringen. Nennen Sie mir Ihre Adresse, ich werde eine Droschke rufen.“
Das Gesicht der Japanerin wurde ängstlich.
„Es ist unmöglich! Es ist ganz unmöglich!“ flüsterte sie, „lassen Sie mich, ich finde den Weg allein.“
„Wie wollen Sie denn auf Ihren Bretterchen allein heimfinden, bei diesem schlüpfrigen Wetter; — man muß eine Droschke nehmen,“ entgegnete der Schauspieler fest.
„Nein, ich lauf schon allein; um Gotteswillen, lassen Sie mich,“ flehte die Geisha.
„Ich schwöre bei meiner Ehre, kein Mensch soll es erfahren,“ beteuerte Bengalskji. „Ich kann Sie nicht allein lassen; Sie werden sich erkälten. Ich habe die Verantwortung für Sie übernommen und kann einfach nicht. Sagen Sie schnell! — man könnte auch hier über Sie herfallen. Sie haben doch gesehen, — es sind ganz wilde Leute. Sie sind zu allem fähig.“
Die Geisha zitterte. Plötzlich stürzten ihr die Tränen aus den Augen.
„Furchtbar, furchtbar böse Menschen!“ sagte sie schluchzend. „Bringen Sie mich einstweilen zu Rutiloffs; ich werde bei ihnen übernachten.“
Bengalskji rief eine Droschke. Man setzte sich ein und fuhr davon. Der Schauspieler betrachtete genauer das bräunliche Gesicht der Geisha. Ein flüchtiger Gedanke blitzte in ihm auf.
Er erinnerte sich an den Stadtklatsch über die Rutiloffschen Damen, über Ludmilla und ihren Gymnasiasten.
„Oho, du bist ja ein Bengel!“ sagte er flüsternd, damit der Kutscher es nicht hören sollte.
„Um Gotteswillen,“ flehte Sascha kreidebleich.
Und seine bräunlichen Arme streckten sich unter dem nachlässig umgeworfenen Mantel mit flehentlicher Gebärde Bengalskji entgegen.
Dieser lachte leise und sagte immer noch flüsternd:
„Hab’ keine Angst, ich sag’s keinem. Meine Sache ist nur — dich in Sicherheit zu bringen, und weiter weiß ich von nichts. Allein, du bist ein ganz verzweifelter Bengel. Wird man zu Hause nichts erfahren?“
„Wenn Sie es nicht verraten, wird es niemand erfahren,“ sagte Sascha versöhnlich-zärtlich.
„Auf mich kannst du dich verlassen. Ich bin stumm, wie ein Grab,“ antwortete der Schauspieler. „War selber ein Junge; habe auch dumme Streiche gemacht.“
In der Muße beruhigte man sich allmählich — aber ein neues Unglück setzte allem die Krone auf.
Während im Gang die Hetzjagd auf die Geisha stattfand, sprang das flammende, gespenstische Tierchen über die Kronleuchter, lachte und flüsterte Peredonoff eindringlich zu, er müsse ein Streichholz entzünden, müsse es — das flammende aber unfreie Tierchen — über die düstren, schmutzigen Wände laufen lassen, und dann, wenn es sich an der Zerstörung gesättigt, das Haus, in dem so fürchterliche und unverständliche Dinge vorgingen, aufgefressen hätte, — dann würde es ihn — Peredonoff — ganz in Ruhe lassen. Und Peredonoff konnte seiner zudringlichen Versuchung nicht widerstehen.
Er ging in den kleinen Salon, der neben dem Tanzsaal war. Kein Mensch war zu sehen. Peredonoff blickte sich um, zündete ein Streichholz an, hielt es tief an den untersten Rand eines Fenstervorhanges und wartete, bis der Vorhang in Flammen stand. Das flammende Tierchen kroch geschmeidig, wie eine Schlange, an dem Vorhang empor; es piepte leise und fröhlich. Peredonoff ging aus dem Salon und schloß die Tür hinter sich. Keiner hatte die Brandstiftung gesehen.
Erst von der Straße aus sah man das Feuer, als das ganze Zimmer schon in Flammen stand. Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen konnten sich retten, — aber das Haus brannte nieder.
Am nächsten Tage sprach man in der ganzen Stadt von nichts anderm als vom Skandal mit der Geisha und vom Feuerschaden. Bengalskji hielt Wort und verriet nicht, daß die Geisha ein Knabe gewesen war.
Sascha lief noch in derselben Nacht, nachdem er sich bei Rutiloffs umgekleidet und sich wieder in einen einfachen, barfüßigen Jungen verwandelt hatte, nach Hause, kletterte durchs Fenster und schlief ruhig ein. In der Stadt, die nur vom Klatsch lebte, in der Stadt, in der man über jedermann alles in Erfahrung brachte, blieb Saschas nächtliches Abenteuer ein Geheimnis. Für lange Zeit; natürlich nicht für immer.
XXXI
Katharina Iwanowna Pjilnikowa, Saschas Tante und Erzieherin, erhielt gleichzeitig zwei Briefe über ihn, — vom Direktor den einen, von der Kokowkina den andern. Diese Briefe regten sie fürchterlich auf. Sie ließ alles liegen und fuhr sofort, trotz der im Herbst grundlosen Wege, von ihrem Gute in die Stadt.
Sascha war sehr froh, als sie kam, — er liebte sie. Die Tante hegte aber einen tiefen Groll gegen ihn. Er umarmte sie jedoch so selig, küßte ihr so froh die Hände, daß sie im ersten Augenblick nicht den nötigen strengen Ton finden konnte.
„Liebes Tantchen, wie ist es doch so gut, daß du gekommen bist!“ sagte Sascha und blickte ihr vergnügt in das volle, frische Gesicht, mit den so gutmütigen Grübchen in den Wangen, mit den geschäftig-strengen, braunen Augen.
„Warte nur mit deiner Freude; ich muß die Saiten straffer ziehen,“ sagte die Tante mit unbestimmbarer Stimme.
„Das macht nichts,“ sagte Sascha sorglos, „zieh sie straffer; wenn ich nur wüßte wofür; aber ich freue mich doch fürchterlich.“
„Fürchterlich?“ wiederholte die Tante unzufrieden, „über dich habe ich fürchterliche Dinge hören müssen.“
Sascha hob die Augen und blickte die Tante aus unschuldigen, erstaunten Augen an. Er klagte:
„Hier hat sich ein Lehrer Peredonoff ausgedacht, ich wäre ein Mädchen; er verfolgt mich damit; — außerdem hat mir der Direktor den Kopf gewaschen, weil ich mit Fräulein Rutiloffs verkehre. Als ginge ich hin, um zu stehlen. Was geht ihn das an?“
Genau so ein Kind wie früher, dachte die Tante zweifelnd. Oder ist er schon so verdorben, daß er seinen Gesichtsausdruck verstellen kann?
Sie schloß sich mit der Kokowkina in ein Zimmer und redete lange mit ihr. Traurig trennte sie sich von ihr und fuhr später zum Direktor. Ganz verstimmt und traurig kehrte sie heim.
Sascha mußte die härtesten Vorwürfe über sich ergehen lassen. Er weinte, beteuerte aber mit Feuereifer, alles wären nur Klatschereien und er habe sich nie irgendwelche Freiheiten in seinem Verkehr mit Fräulein Rutiloffs zuschulden kommen lassen. Die Tante glaubte ihm nicht. Sie schalt und schalt, weinte, drohte, sie würde ihn prügeln, gründlich prügeln, heute noch, — nur müsse sie zuvor diese jungen Damen gesprochen haben. Sascha schluchzte und beteuerte fortgesetzt, es wäre wirklich nichts Schlimmes vorgefallen, alles hätte man unglaublich übertrieben und erfunden.
Zornig und verweint machte sich die Tante auf den Weg zu Rutiloffs.
Katharina Iwanowna wartete im Salon bei Rutiloffs und regte sich auf. Sie wollte den Schwestern gleich von Hause aus die heftigsten Vorwürfe machen; böse, gehässige Worte brannten ihr auf der Zunge, — allein der gemütliche, hübsche Salon brachte sie ganz gegen ihren Willen auf friedlichere Gedanken und beruhigte sie.
Eine angefangene Handarbeit, Nippesfigürchen, gute Gravüren an den Wänden, sorgfältig gepflegte Blumen auf den Fensterbänken, nirgends ein Stäubchen, und dann etwas wie eine besondere Stimmung von friedlichem Zusammenleben, etwas, was in ungeordneten Hausständen niemals vorkommt, und von Hausfrauen außerordentlich geschätzt wird, — war es denn wirklich möglich, daß in dieser traulichen Umgebung ihr bescheidener Junge von den jungen Mädchen verführt worden war? Alle die Verdächtigungen, die sie über Sascha hatte lesen und hören müssen, schienen Katharina Iwanowna plötzlich so unglaublich töricht zu sein, — und, umgekehrt, wie wahrscheinlich klangen ihr nun Saschas Erklärungen darüber, was er bei Rutiloffs getrieben hatte: man hatte gelesen, geplaudert, gespielt, gelacht, gescherzt, — man wollte im Familienkreise eine kleine Maskerade veranstalten, aber Olga Wassiljewna hatte es nicht erlaubt.
Die drei Schwestern hatten aber doch einen gehörigen Schrecken gekriegt. Sie wußten noch nicht, ob Saschas Teilnahme am Kostümfest bekannt geworden war oder nicht. Aber sie waren zu dritt, und eine stand für die andre ein. Das ließ sie wieder Mut fassen. Sie hatten sich alle in Ludmillas Zimmer versammelt und berieten flüsternd. Valerie sagte:
„Man muß doch hingehen, — sie wartet. Wie unhöflich.“
„Das tut nichts. Mag sie sich abkühlen,“ antwortete Darja sorglos, „sonst fährt sie gleich wütend auf uns los.“
Alle drei hatten sich mit feucht-süßem Klematis parfumiert; — hübsch angezogen, ruhig, fröhlich, reizend wie immer, kamen sie in das Gastzimmer und erfüllten es mit ihrem liebenswürdigen Geplauder, mit ihrer Anmut und Fröhlichkeit.
Katharina Iwanowna war gleich bezaubert von ihrem netten, anständigen Aussehen.
Die haben wieder was entdeckt! dachte sie ärgerlich von den Pädagogen am Gymnasium. Dann überlegte sie, daß die Dämchen sich vielleicht verstellten und nahm sich vor, ihren Reizen nicht zu erliegen.
„Entschuldigen Sie, meine Damen, ich muß mich ernstlich mit Ihnen auseinandersetzen,“ sagte sie, bemüht, ihrer Stimme einen sachlich-trocknen Klang zu geben.
Die Schwestern baten sie Platz zu nehmen und schwatzten fröhlich durcheinander.
„Welche von Ihnen ist es denn? ...“ begann Katharina Iwanowna unsicher.
Ludmilla sagte fröhlich, mit der Miene einer liebenswürdigen Hausfrau, die sich bemüht, einem Gaste über eine Verlegenheit hinwegzuhelfen:
„Ich habe mich hauptsächlich mit Ihrem Neffen abgegeben. Wir haben in vielen Dingen dieselben Ansichten und denselben Geschmack.“
„Ihr Neffe ist ein sehr lieber Junge,“ sagte Darja, wie überzeugt, daß ihr Lob der Tante gefallen mußte.
„Wirklich, er ist sehr lieb, und so amüsant,“ sagte Ludmilla.
Katharina Iwanowna fühlte sich mit jedem Augenblicke unsicherer. Sie begriff mit einem Mal, daß sie eigentlich nur die geringsten Handhaben hatte, um Vorwürfe zu machen. Darüber ärgerte sie sich, — und Ludmillas letzte Worte gaben ihr Anlaß, ihrem Aerger Luft zu machen. Gereizt sagte sie:
„Sie amüsieren sich ... und er ...“
Aber Darja unterbrach sie:
„O, wir merken schon, — Peredonoffs alberne Erfindungen sind Ihnen zu Ohren gekommen,“ sagte sie mitleidig. „Aber wissen Sie denn nicht, daß er ganz verrückt ist. Der Direktor läßt ihn nicht ins Gymnasium. Man wartet auf einen Psychiater zur Untersuchung, dann wird er sofort vom Gymnasium entfernt.“
„Aber erlauben Sie,“ unterbrach sie ihrerseits Katharina Iwanowna, immer gereizter werdend, „mich interessiert nicht dieser Lehrer, sondern mein Neffe. Ich hörte, — bitte um Verzeihung, — daß sie ihn sittlich verderben.“
Und im selben Augenblick, nachdem sie den Schwestern im Jähzorn diesen entschiedenen Satz zugeschleudert hatte, dachte sie schon, — sie wäre zu weit gegangen. Die Schwestern blickten einander an mit der Miene so gut gespielter Empörung, so vollständigen Nichtverstehenkönnens, daß nicht Katharina Iwanowna allein sich hätte täuschen lassen, — sie wurden rot, und riefen alle gleichzeitig:
„Das ist nett!“
„Wie scheußlich!“
„Was für Neuigkeiten!“
„Gnädige Frau,“ sagte Darja kalt, „Sie wählen Ihre Worte nicht. Bevor Sie sich grober Redewendungen bedienen, wäre es angezeigt, in Erfahrung zu bringen, wie weit diese Wendungen angebracht sind.“
„Oh, das ist so verständlich!“ sagte Ludmilla lebhaft, mit der Miene eines gesitteten Mädchens, das gekränkt wurde und die Kränkung verziehen hat, „er ist Ihnen doch kein Fremder. Wie sollten diese dummen Gerüchte Sie nicht aufregen. Uns, — den Fernstehenden, — tat er leid, darum luden wir ihn ein. Hier in unserer Stadt macht man aus allem gleich ein Verbrechen. Die Leute hier, wenn Sie es nur wüßten, sind schrecklich, ganz schrecklich!“
„Schreckliche Leute!“ wiederholte Valerie leise mit ihrer klangvollen, zerbrechlichen Stimme und schüttelte sich, als hätte sie etwas Unsauberes berührt.
„Fragen Sie ihn doch selber,“ sagte Darja, „sehen Sie ihn sich an: ist er nicht ein ganzes Kind! Vielleicht sind Sie an seine Einfalt zu sehr gewöhnt, aber wir — die ihm Fernstehenden sehen es, — er ist noch ein vollständig, vollständig unverdorbener Knabe.“
Die Schwestern logen so sicher und ruhig, daß es nicht möglich war, ihnen nicht zu glauben. Und wie hätte es anders sein können, — ist doch die Lüge sehr oft der Wahrheit ähnlicher als die Wahrheit. Fast immer. Die Wahrheit kann doch unmöglich der Wahrheit ähnlich sehen.
„Natürlich, es ist wahr, er ist zu häufig bei uns gewesen,“ sagte Darja. „Aber wenn Sie es wünschen, lassen wir ihn nicht mehr über die Schwelle.“
„Heute noch gehe ich zu Chripatsch,“ sagte Ludmilla. „Was fällt ihm ein! Unmöglich glaubt er selber an diesen Blödsinn.“
„Nein, er scheint nicht daran zu glauben,“ gestand Katharina Iwanowna, „er sagt nur, es wären verschiedene böse Gerüchte im Umlauf.“
„Sehen Sie! Sehen Sie!“ rief Ludmilla erfreut, „natürlich kann er nicht daran glauben. Wozu denn die ganze Aufregung?“
Ludmillas fröhliche Stimme umstrickte Katharina Iwanowna. Sie dachte:
Es ist doch wirklich nichts passiert. Sogar der Direktor sagt, er glaube das alles nicht.
Lange noch zwitscherten die Schwestern um die Wette, um Katharina Iwanowna zu überzeugen, daß ihr Verkehr mit Sascha ganz harmlos wäre. Zur größeren Bekräftigung begannen sie ganz ausführlich zu erzählen, was sie zusammen mit Sascha getrieben hatten, — bei dieser Aufzählung kamen sie bald in die Brüche, — es handelte sich doch um so harmlose, einfache Dinge, daß es unmöglich war, sich an alles und jedes zu erinnern. Schließlich war Katharina Iwanowna ganz fest davon überzeugt, daß ihr Sascha und die liebenswürdigen jungen Mädchen unverschuldet einem dummen Klatsch zum Opfer gefallen waren.
Als Katharina Iwanowna sich verabschiedete, küßte sie alle drei Schwestern und sagte:
„Sie sind liebe, schlichte Mädchen. Anfangs dachte ich, — verzeihen Sie das grobe Wort, — Sie wären freche, zänkische Personen.“
Die Schwestern lachten fröhlich:
„Nein,“ sagte Ludmilla, „wir sind nur lustig und haben spitze Zungen; darum lieben uns hier manche Gänse nicht.“
Die Tante sagte zu Sascha kein Wort, als sie von Rutiloffs zurückkehrte. Er kam ihr ängstlich und verstört entgegen und blickte sie vorsichtig und aufmerksam an. Die Tante ging zur Kokowkina. Lange redeten sie, endlich beschloß die Tante:
„Ich gehe noch einmal zum Direktor.“
Noch am selben Tage ging Ludmilla zu Chripatsch. Erst plauderte sie im Salon ein wenig mit Warwara Nikolajewna, dann erklärte, sie, sie hätte ein Anliegen an Nikolaij Wassiljewitsch.
In Chripatschs Schreibzimmer wurde ein lebhaftes Gespräch geführt, — nicht darum eigentlich, weil die beiden einander viel zu sagen hatten, sondern weil beide zu sprechen liebten. Sie überschütteten einander mit schnell hingeworfenen Sätzen: Chripatsch mit seiner trocknen, knarrenden Schnellrednerei, Ludmilla mit ihrem zärtlich klingenden Geflüster. Fließend, mit der unwiderlegbaren Sicherheit einer Lüge, ergoß sich über Chripatsch ihre zur Hälfte erfundene Erzählung über ihr Verhältnis zu Sascha Pjilnikoff. Was sie hauptsächlich dazu getrieben hätte, wäre natürlich ihr Mitleid zu dem Knaben, den man mit so groben Verdächtigungen beleidigte, ihr Wunsch, Sascha die abwesende Familie zu ersetzen, — und, schließlich, er wäre so ein prächtiger, lustiger, einfältiger Junge.
Ludmilla weinte sogar; schnell und wunderbar reizend kullerten die kleinen Tränchen über die frischen Wangen, auf die verlegen lächelnden Lippen.
„Wirklich, ich habe ihn lieb gewonnen wie einen Bruder. Er ist so prächtig und gut; er weiß Güte so sehr zu schätzen; er hat mir die Hände geküßt.“
„Das ist natürlich sehr, sehr lieb von Ihnen,“ sagte Chripatsch einigermaßen verlegen, „und es macht Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber der einfache Umstand, daß ich es für nötig hielt, die Verwandten des Knaben wegen der mir zu Ohren gekommenen Gerüchte zu benachrichtigen, geht Ihnen überflüssigerweise so nahe.“
Ludmilla überhörte, was er sagte und flüsterte weiter, aber schon im Tone eines bescheidenen Vorwurfs:
„Was ist denn dabei Schlimmes, — sagen Sie es mir bitte, — daß wir für einen Knaben Teilnahme empfinden, auf den sich Ihr grober, verrückter Peredonoff gestürzt hat, — wann wird man ihn endlich aus unserer Stadt entfernen! Sehen Sie es denn nicht, daß dieser Ihr Pjilnikoff noch ein ganzes Kind ist, — wirklich, ein ganzes Kind!“
Sie schlug ihre kleinen, hübschen Händchen zusammen, ihr goldnes Armbändchen klirrte, sie lachte zärtlich; — als müßte sie weinen, — nahm sie ihr Taschentuch, um die Tränen zu trocknen, und ein süßer Duft strömte Chripatsch entgegen. Ihm wurde so merkwürdig zumut; er wollte ihr sagen, sie wäre „wie ein Engel vom Himmel, — so schön“, und dieser ganze betrübliche Zwischenfall „ist unwert eines Augenblicks, des über alles teuren Grams“. Aber er hielt an sich.
Und Ludmillas schmeichelndes, rasches Geflüster plätscherte und plätscherte, und zerstäubte das schimärische Lügengebäude Peredonoffs. Man mußte nur vergleichen, — der irrsinnige, grobe, schmutzige Peredonoff, — und die lustige, elegante, freundliche, duftende Ludmilla.
Ob Ludmilla die volle, ungeschminkte Wahrheit sagte oder einiges dazu dichtete, — das war Chripatsch ganz gleichgültig, — er fühlte aber, wenn er ihr nicht glauben oder mit ihr streiten, oder irgendwelche Schritte tun, beispielsweise Sascha bestrafen würde, — daß er dann in die Klemme geraten würde und im ganzen Lehrbezirk blamiert wäre. Um so mehr, als diese Sache mit jener Peredonoffs in Verbindung stand, und als Peredonoff natürlich allgemein für unzurechnungsfähig galt. Und liebenswürdig lächelnd sagte Chripatsch zu Ludmilla:
„Es tut mir aufrichtig leid, daß das alles Sie so erregt hat. Ich habe mir keinen Augenblick erlaubt, gleichviel welche Hintergedanken betreffs Ihres Verkehrs mit Pjilnikoff zu haben. Ich schätze Ihre freundlichen und gütigen Gefühle, die Sie zu Ihren Schritten veranlaßt haben, sehr hoch, — und keinen Augenblick beurteilte ich die in der Stadt verbreiteten und bis zu mir gedrungenen Gerüchte anders als wie eine dumme, sinnlose Verleumdung, die mich aufs tiefste empört hat. Ich hielt mich um so mehr für verpflichtet, Madame Pjilnikoff davon zu benachrichtigen, als es möglich war, daß ihr viel entstelltere Mitteilungen gemacht werden konnten, — niemals beabsichtigte ich aber, — Sie irgendwie zu beunruhigen, und hatte nicht geglaubt, daß Madame Pjilnikoff sich zu Ihnen begeben würde, um Ihnen Vorwürfe zu machen.“
„Mit Madame Pjilnikoff haben wir uns vollständig ausgesprochen,“ sagte Ludmilla fröhlich, „lassen Sie aber Sascha unsretwegen in Ruh! Wenn unser Haus für Gymnasiasten so gefährlich ist, so werden wir ihn, wenn Sie es wünschen, nicht mehr einladen.“
„Sie sind sehr freundlich zu ihm,“ sagte Chripatsch unbestimmt. „Wir können nichts dagegen einwenden, daß er mit Erlaubnis seiner Tante in der freien Zeit seine Bekannten aufsucht. Uns liegt die Absicht fern, die Schülerwohnungen in Zellen zu verwandeln. Bevor übrigens die Angelegenheit mit dem Herrn Peredonoff noch nicht geregelt ist, wird es besser sein, wenn Pjilnikoff überhaupt zu Hause bleibt.“
Bald wurde die sicher vorgebrachte Lüge der Rutiloffs und Saschas durch ein schreckliches Ereignis im Hause Peredonoffs bekräftigt. Es überzeugte die Bürger endgültig davon, daß alle Gerüchte über Sascha und die Rutiloffs nur die Phantasien eines Irrsinnigen gewesen waren.
XXXII
Es war ein trüber, kalter Tag. Peredonoff kehrte von Wolodin heim. Eine niederdrückende Angst quälte ihn.
Die Werschina lockte Peredonoff zu sich in den Garten. Wieder gehorchte er ihren magischen Bewegungen. Sie gingen in die Laube, über die feuchten, mit welken, dunklen Blättern bedeckten Wege. In der Laube roch es dumpf und feucht. Hinter den kahlen Bäumen sah man das Haus mit seinen geschlossenen Fenstern.
„Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen,“ murmelte die Werschina, blickte rasch auf Peredonoff und wandte ihre schwarzen Augen gleich wieder zur Seite.
Sie trug eine schwarze Jacke und war in ein schwarzes Tuch gehüllt; zwischen den von der Kälte blauen Lippen hielt sie ihr schwarzes Mundstück und ließ den dunklen Rauch in dichten Wolken aufsteigen.
„Ich spucke auf Ihre Wahrheit,“ antwortete Peredonoff, „in hohem Maße spucke ich darauf.“
Die Werschina lächelte schief und antwortete:
„Sagen Sie nicht! Sie tun mir furchtbar leid, — man hat Sie betrogen.“
Schadenfreude klang aus ihrer Stimme. Böse Worte sprangen ihr von den Lippen. Sie sprach:
„Sie hatten auf Protektion gehofft, allein Sie waren zu vertrauensselig. Man hat Sie betrogen, und Sie haben ohne weiteres geglaubt. Jedermann kann einen Brief schreiben. Sie mußten wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Ihre Gattin ist eine in den Mitteln nicht wählerische Persönlichkeit.“
Peredonoff konnte die gemurmelte Rede der Werschina nur schwer verstehen; in ihrer Weitschweifigkeit konnte er kaum einen Sinn finden. Die Werschina fürchtete sich, es laut und deutlich zu sagen: sagte sie es laut, so hätte jemand es hören können, Warwara hätte es erfahren, und es hätte Unannehmlichkeiten gegeben, denn Warwara wäre vor einem Skandal nicht zurückgeschreckt; sagte sie es deutlich, — so würde Peredonoff wütend werden, vielleicht würde er sie sogar schlagen. Man müßte ihm einen Wink geben, daß er es selber erriete. Aber Peredonoff erriet es nicht.
Es war ja schon früher vorgekommen, daß man ihm direkt ins Gesicht gesagt hatte, er wäre betrogen worden, er konnte aber auf keine Weise darauf kommen, daß die Briefe gefälscht waren, und dachte immer, die Fürstin selber betröge ihn, — führte ihn an der Nase herum.
Endlich sagte die Werschina gerade heraus:
„Sie glauben wohl, die Fürstin hat die Briefe geschrieben. Jetzt weiß es aber schon die ganze Stadt, daß die Gruschina sie gefälscht hat, im Auftrage Ihrer Gattin; die Fürstin weiß von nichts. Fragen Sie, wen Sie wollen; alle wissen es, — sie selber haben sich verplappert. Und dann hat Warwara Dmitriewna Ihnen die Briefe entwendet und verbrannt, damit es keine Beweisstücke gibt.“
Dunkle, schwere Gedanken wälzten sich durch Peredonoffs Hirn. Er begriff nur eins: man hatte ihn betrogen. Aber daß die Fürstin darum nicht wissen sollte, — nein, sie weiß es. Nicht umsonst war sie lebendig aus dem Feuer hervorgegangen.
„Das von der Fürstin lügen Sie,“ sagte er, „ich wollte die Fürstin verbrennen, konnte es aber nicht: sie hat die Glut totgespuckt.“
Plötzlich schüttelte ihn eine rasende Wut. Man hatte ihn betrogen! Wild hieb er mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und ging eilig, ohne sich zu verabschieden, nach Hause. Erfreut blickte ihm die Werschina nach, und schwarze Rauchwölkchen lösten sich geschwind von ihrem dunklen Munde, fegten dahin und wurden vom Winde zerfetzt.
Peredonoff kochte vor Wut. Als er aber Warwara sah, befiel ihn eine quälende Angst, und er brachte kein Wort über die Lippen.
Ganz früh am Morgen des nächsten Tages legte er sich ein Messer zurecht, — ein kleines Gartenmesser in einer ledernen Scheide; vorsichtig trug er es in seiner Tasche. Den ganzen Vormittag über, — bis zu seinem frühen Mittagessen, — saß er bei Wolodin. Er sah zu, wie jener arbeitete und machte dumme Bemerkungen. Wolodin war wie immer froh, daß Peredonoff sich mit ihm abgab; seine Dummheiten hielt er für witzig.
Das gespenstische Tierchen tummelte sich den ganzen Tag über um Peredonoff. Nach dem Essen ließ es ihn nicht schlafen. Es hatte ihn ganz zerquält. Und dann, als er gegen abend einschlafen wollte, weckte ihn ein komisches Weib; Gott weiß, woher es gekommen war. Es hatte eine Stülpnase und war widerlich. Es trat an sein Bett heran und murmelte:
„Kwas[14] brauen, Pasteten backen, den Braten braten.“
Es hatte dunkle Wangen, aber seine Zähne blitzten.
„Geh zum Teufel!“ rief Peredonoff.
Das Weib mit der Stülpnase verschwand, als wäre es nie dagewesen.
Es wurde abend. Der Wind heulte dumpf im Schornstein. Ein langsamer Regen schlug leise und hartnäckig an die Fensterscheiben. Hinter den Fenstern war alles ganz schwarz.
Wolodin war bei Peredonoffs, — Peredonoff hatte ihn noch am Morgen gebeten, zum Tee zu kommen.
„Niemand hereinlassen. Hörst du, Klawdjuschka?“ schrie Peredonoff.
Warwara schmunzelte. Er brummte:
„Hier treiben sich Weiber herum. Man muß nachsehen. Eine hat sich zu mir ins Schlafzimmer gedrängt, — wollte sich als Köchin verdingen. Aber wozu brauche ich eine Köchin mit einer Stülpnase.“
Wolodin lachte, meckerte und sagte:
„Weiber pflegen auf den Straßen zu sein; zu uns haben sie aber nicht die geringsten Beziehungen, und wir werden sie nicht an unseren Tisch heranlassen.“
Alle drei setzten sich an den Tisch. Man trank Schnaps und aß Piroggen dazu. Es wurde mehr getrunken als gegessen.
Peredonoff war finster. Alles war für ihn sinnlos, unzusammenhängend, plötzlich, — wie ein Alp. Der Kopf schmerzte ihn fürchterlich. Eine Vorstellung kehrte hartnäckig wieder, — Wolodin war sein Feind. Sie wechselte ab mit dem aufdringlichen, schweren Gedanken: man muß Pawluschka totschlagen, ehe es zu spät ist. Dann werden alle feindlichen Listen offenbar werden.
Wolodin wurde schnell betrunken und schwatzte irgend etwas Unzusammenhängendes, um Warwara zu unterhalten.
Peredonoff war erregt.
„Jemand kommt da,“ murmelte er. „Laßt niemand herein. Sagt, ich wäre fortgefahren um zu beten; ins Schabenkloster.“
Er fürchtete, Besuch würde ihn stören. Wolodin und Warwara amüsierten sich; sie dachten, er wäre nur betrunken. Sie zwinkerten einander zu, gingen einzeln an die Tür, klopften, sprachen mit verstellten Stimmen:
„Ist der General Peredonoff zu Hause?“
„Dem General Peredonoff — der Stern mit Brillanten.“
Aber Peredonoff hatte heute kein Verlangen nach dem Stern.
„Nicht hereinlassen!“ schrie er. „Jagt sie zum Teufel. Sie sollen morgen früh kommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu.“
Nein, dachte er, heute muß ich fest sein. Heute wird alles klar werden. Aber noch sind die Feinde zu allem Möglichen fähig, um ihn desto sicherer umzubringen.
„Wir haben sie fortgejagt; sie bringen den Stern morgen früh,“ sagte Wolodin und setzte sich wieder an den Tisch.
Peredonoff fixierte ihn mit seinen trüben Augen und fragte:
„Bist du mein Freund oder mein Feind?“
„Dein Freund, dein Freund, Ardascha!“ antwortete Wolodin.
„Der Busenfreund ist soviel wert, wie die Schabe unterm Herd,“ sagte Warwara.
„Nicht Schabe, sondern Schaf,“ verbesserte Peredonoff. „Wollen wir trinken, Pawluschka, aber nur wir beide. Auch du, Warwara, — trink; wollen wir alle zusammen trinken, wir beide.“
Wolodin kicherte.
„Wenn auch Warwara Dmitriewna mit uns trinkt, so trinken wir nicht zu zweit, sondern zu dritt,“ erklärte er.
„Zu zweit,“ wiederholte Peredonoff mürrisch.
„Mann und Frau: eine Sau,“ sagte Warwara und lachte laut.
Bis zum letzten Augenblick vermutete Wolodin nicht, daß Peredonoff ihn ermorden wolle. Er meckerte, schwatzte Dummheiten, betrug sich läppisch, brachte Warwara zum Lachen.
Aber Peredonoff dachte den ganzen Abend an sein Messer. Wenn Wolodin oder Warwara sich ihm von jener Seite näherten, wo er das Messer verwahrt hatte, so schrie er sie wütend an, — sie sollten fortgehen. Einigemal zeigte er auf die Tasche und sagte:
„Hier, Freundchen, habe ich so ein Ding, daß du, Pawluschka, kreischen wirst.“
Warwara und Wolodin lachten.
„Kreischen kann ich immer, Ardascha,“ sagte Wolodin, „kräh, kräh! Es ist sogar sehr einfach!“
Rot im Gesicht, betäubt vom Schnaps kreischte Wolodin und schob seine Lippen vor. Er wurde immer gemeiner in seiner Art mit Peredonoff umzugehen.
„Man hat dich übers Ohr gehauen, Ardascha,“ sagte er wegwerfend-mitleidig.
„Ich hau dich übers Ohr!“ brüllte Peredonoff auf.
Schrecklich und drohend schien ihm Wolodin. Er mußte sich verteidigen.
Schnell riß er das Messer heraus, stürzte sich auf Wolodin und stach ihn in den Hals. Das Blut spritzte im Bogen.
Peredonoff erschrak. Das Messer entfiel seiner Hand.
Wolodin röchelte und wollte mit den Händen an den Hals greifen. Es war ihm anzusehen, daß er zu Tode erschrocken war, immer schwächer wurde und die Hände nicht mehr bis zum Halse heben konnte. Plötzlich erstarrte er und fiel auf Peredonoff. Ein stoßweises Gewinsel entrang sich seiner Brust, als käme er an Atem zu kurz, — dann wurde er still. Vor Entsetzen winselte auch Peredonoff und dann, — nach ihm, — Warwara.
Peredonoff stieß Wolodin von sich. Schwer fiel er zu Boden. Er röchelte, zuckte mit den Beinen und starb. Seine starr hinaufgerichteten Augen verglasten.
Aus dem Nebenzimmer kam der Kater, roch am Blut und miaute böse. Warwara stand wie erstarrt. Auf den Lärm kam Klawdja gelaufen.
„Herr des Himmels! Mord! Mord!“ kreischte sie.
Warwara kam zur Besinnung und lief schreiend mit Klawdja zum Zimmer hinaus.
Die Kunde vom Geschehenen verbreitete sich schnell. Die Nachbarn versammelten sich auf dem Hof, auf der Straße. Lange wagte es keiner, ins Eßzimmer zu gehen.
Sie blickten hinein, flüsterten. Peredonoff starrte mit irren Augen auf den Leichnam; hinter der Tür hörte er Geflüster ... Eine stumpfe Angst schnürte ihm die Brust. Er hatte keine klaren Gedanken mehr.
Endlich faßte man Mut, man trat ein, — Peredonoff saß mürrisch da und murmelte unzusammenhängende, sinnlose Worte.
Ende.
Fußnoten
[1] Ein nicht wiederzugebendes Wortspiel, denn für „Schwester“ und „Cousine“ gilt im Russischen ein Wort.
[2] Ein Gericht aus Graupen oder Reis mit Honig und Rosinen, welches bei einer Totenfeier zum Einsegnen in die Kirche gebracht und später gegessen wird.
[3] Kosename für „Martha“.
[4] Der Fünfer ist eine große russische Kupfermünze. Der abgeflachte Rüssel des Schweines erinnert daran; daher der Vergleich.
[5] Bedeutet, daß in dem betr. Hause ein Mädchen lebt, das noch zu haben ist. Im Bilde: die Männer sollen am Teer kleben bleiben.
[6] Ein russischer Mädchenname.
[7] Russisches Nationalkostüm.
[8] Russische Nationaltracht.
[9] Null ist die schlechteste Note, fünf die beste.
[10] Es ist in Rußland Sitte, Bekannten, die in eine neue Wohnung gezogen sind, ein Gastgeschenk zu machen.
[11] Entspricht dem deutschen Doktortitel.
[12] Russischer Nationaltanz; wird in sitzender Stellung getanzt, — die Beine werden vorgeworfen.
[13] Ein kleines, hölzernes Schöpfgefäß; wird in russischen Badstuben gebraucht, ebenso der Birkenquast.
[14] Säuerliches Getränk aus Schwarzbrot mit Malz.