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Der kleine Dämon

Chapter 4: III
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About This Book

A petty, embittered provincial man nurses jealousies, ambitions, and paranoid fantasies while entangling himself in local gossip, romantic entanglements, and petty schemes. Through close psychological observation and satirical depiction of town life, the narrative exposes hypocrisy, vanity, and spiritual emptiness; grotesque and symbolic details intensify a mood of decay and malignity. Episodes alternate dark comedy with sinister undertones as the protagonist's resentments produce manipulation, obsessions about status and marriage, and escalating moral deterioration. The work blends realist social portraiture with hallucinatory imagery to trace the corrosive effects of small cruelties on both an individual and communal level.

III

Peredonoff ging zusammen mit der Jerschowa auf den Hof. Er murmelte:

„Ach du Aas!“

Sie schrie aus vollem Halse und war sehr ausgelassen. Dann fingen sie auf dem Hofe zu tanzen an. Die Prepolowenskaja und Warwara gingen durch die Küche in die Wohnstube und setzten sich ans Fenster, um zu sehen, was auf dem Hofe vorging.

Peredonoff und die Jerschowa hatten sich umarmt und tanzten auf dem Rasen um einen Birnbaum herum. Peredonoffs Gesicht war wie sonst — stumpf und ganz ohne Ausdruck. Wie auf etwas Leblosem hüpfte die goldene Brille mechanisch auf seinem Nasenrücken hin und her, ebenso das kurzgeschorene Haar auf seinem Kopf. Die Jerschowa quiekte, juchzte, fuchtelte mit den Händen und schwankte. Durchs Fenster rief sie Warwara zu:

„He da, hochnasige Person, komm doch heraus, — wollen tanzen! Oder ekelt dir vor unserer Gesellschaft?“

Warwara wandte sich ab.

„Hol’ dich die Pest,“ rief die Jerschowa, „ich bin halbtot.“ Sie wälzte sich auf den Rasen und zog Peredonoff nach sich.

So saßen sie und hielten sich umarmt, dann tanzten sie wieder. Das wiederholte sich etlichemal: bald tanzten sie, bald ruhten sie sich auf einer Bank unter dem Birnbaum oder einfach im Grase aus.

Wolodin sah aus dem Fenster auf die Tanzenden und amüsierte sich königlich. Er schüttelte sich vor Lachen, schnitt allerhand Fratzen, krümmte sich, zog die Knie hoch und frohlockte:

„Das ist ein Hauptspaß, — zum Wälzen!“

„Verfluchtes Aas!“ sagte Warwara geärgert.

„Ein Aas ist sie wohl,“ gab Wolodin zu und lachte, „warte nur, vielliebste Wirtin, ich werde dir schon einen Gefallen tun. Wollen wir auch den Saal besauen! Jetzt ist es doch egal, heute wird sie nicht mehr herkommen. Wird sich müdehopsen auf dem Rasen und dann schlafen gehen.“

Und er wälzte sich beinah vor Lachen und sprang wie ein Schaf umher. Die Prepolowenskaja stachelte ihn an:

„Natürlich! Pawel Wassiljewitsch, Sie müssen jenes Zimmer auch beschmieren. Was glotzen Sie nach ihr? Und wenn sie auch kommen sollte, dann kann man ihr einfach sagen, daß sie alles selber in der Betrunkenheit angerichtet hat.“

Wolodin lief, hüpfend und lachend, in den Saal und machte sich daran, die Tapeten mit seinen Stiefelsohlen zu bearbeiten.

„Warwara Dmitriewna,“ schrie er, „geben Sie doch bitte einen Bindfaden.“

Warwara wackelte wie eine Ente durch den Saal ins Schlafzimmer und brachte ein verknotetes und zerfasertes Bindfadenendchen. Wolodin machte eine Schlinge, stellte einen Stuhl mitten in den Saal und befestigte die Schlinge an dem Lampenhaken in der Decke.

„Das ist für die Wirtin!“ schrie er, „sie muß doch was haben, woran sie sich vor Wut aufhängen kann, wenn Sie ausgezogen sind.“

Beide Damen schrieen vor Lachen.

„Geben Sie ein Stückchen Papier!“ rief Wolodin, „und einen Bleistift.“

Warwara stöberte wieder im Schlafzimmer und brachte dann einen Fetzen Papier und einen Bleistift. Wolodin schrieb: „Für die Wirtin“ und befestigte das Papier an der Schlinge. Dabei machte er die albernsten Bewegungen. Dann bearbeitete er wieder wie ein Rasender die Wände mit seinen Sohlen und sein Körper flog von der Erschütterung. Sein Gejohl und sein blökendes Gelächter füllte das ganze Haus. Der weiße Kater hatte ängstlich die Ohren angezogen, blinzelte aus dem Schlafzimmer herüber und wußte augenscheinlich nicht, wohin er flüchten sollte.

Endlich war es Peredonoff gelungen, die Jerschowa abzuschütteln. Er kam allein zurück. — Die Jerschowa war in der Tat ganz ermattet schlafen gegangen und Wolodin empfing Peredonoff mit Schreien und Lachen:

„Jetzt haben wir auch den Saal besaut. Hurra!“

„Hurra!“ brüllte Peredonoff und lachte dröhnend und abgerissen, wie aus der Pistole geschossen.

Auch die Damen schrieen „Hurra“. Die Heiterkeit wurde allgemein. Peredonoff rief:

„Pawluschka, komm tanzen!“

„Los, Ardalljoscha,“ antwortete dummerhaft kichernd Wolodin.

Sie tanzten unter der Schlinge und beide warfen ihre Beine plump in die Luft. Der Fußboden zitterte unter Peredonoffs schweren Tritten.

„Ardalljon Borisowitsch beliebt zu tanzen,“ bemerkte die Prepolowenskaja und lächelte.

„Es lohnt nicht davon zu sprechen; bei ihm ist alles Laune,“ antwortete Warwara mürrisch, aber sie fand Gefallen an Peredonoff.

Es war ihre aufrichtige Ueberzeugung, daß er hübsch und flott wäre. Selbst das Dümmste was er tat, schien ihr nachahmenswert.

Sie fand ihn weder ekelhaft, noch lächerlich.

„Wollen wir der Wirtin die Totenmesse singen!“ schrie Wolodin. „Geben Sie ein Kissen!“

„Was der sich alles ausdenkt!“ sagte Warwara und lachte.

Sie warf aus dem Schlafzimmer ein Kissen mit schmutzigem Leinwandbezug heraus. Das Kissen wurde auf die Erde gelegt, es sollte die Wirtin vorstellen, und sie sangen mit wilder, schreiender Stimme die Totenmesse. Dann wurde Natalie gerufen. Sie mußte die Drehorgel spielen, während alle vier unter albernen Bewegungen, die Beine hochwerfend, eine Quadrille tanzten.

Nach dem Tanze kam Peredonoff in Geberlaune. Eine düstre, trotzige Begeisterung leuchtete matt aus seinen verschwommenen Augen. Er fühlte sich von einer fast mechanischen Sicherheit beherrscht, — vielleicht infolge der anstrengenden Muskelbewegung. Er zog seine Brieftasche hervor, zählte einige Scheine ab und warf sie Warwara zu mit selbstgefälliger, stolzer Miene.

„Da hast du, Warwara,“ rief er, „näh dir das Hochzeitskleid.“

Die Geldscheine flatterten zu Boden. Warwara sammelte sie schnell auf. Diese Art und Weise beschenkt zu werden, kränkte sie nicht. Die Prepolowenskaja dachte wütend bei sich: „Das wollen wir noch abwarten, wer siegen wird“, und lächelte perfid. Wolodin kam natürlich nicht darauf, Warwara beim Geldsammeln behilflich zu sein.

Bald ging die Prepolowenskaja. Im Vorhause traf sie mit einem neuen Besuch zusammen; es war die Gruschina.

Maria Ossipowna Gruschina war eine junge Witwe und hatte ein frühzeitig-welkes Aussehen. Sie war schlank, — und ihre trockene Haut hatte sich ganz in kleine, sozusagen staubbedeckte Fältchen gelegt. Ihr Gesicht war nicht unsympathisch, dafür ihre Zähne schmutzig und schwarz. Sie hatte schmale Hände, lange spinnartige Finger und unsaubre Nägel. Wenn man sie flüchtig anschaute, sah sie nicht grade schmutzig aus, machte aber den Eindruck, als scheute sie das Wasser und würde darum gelegentlich zusammen mit ihren Kleidern ausgeklopft. Man konnte sich leicht vorstellen, daß eine Staubwolke bis an den Himmel aufgewirbelt wäre, wenn man sie mit einem Bambus zwei-, dreimal bearbeitet hätte. Die Kleider schlotterten an ihr in geknüllten Falten, so als wären sie eben erst aus einem sehr fest verschnürten Packen, in dem sie lange zusammengepreßt gelegen hatten, genommen worden. Die Gruschina lebte von einer Rente und erwarb sich den übrigen Unterhalt durch kleinere Kommissionsgeschäfte und durch Geldverleihen gegen Obligationen. Sie redete gewöhnlich recht unbescheiden und suchte Herrenbekanntschaft, um einen Gatten zu finden. Ein Zimmer in ihrem Hause war ständig an irgendeinen unverheirateten Beamten vermietet.

Warwara begrüßte die Gruschina sehr erfreut: sie hatte irgend ein Geschäft mit ihr. Die Gruschina und Warwara fingen auch gleich an, über Dienstboten zu sprechen und kamen so ins Schwatzen herein. Der neugierige Wolodin setzte sich zu ihnen und horchte. Peredonoff saß einsam und verdrossen am Tisch und verknüllte mit den Händen einen Zipfel des Tischtuchs.

Warwara beklagte sich bei der Gruschina über ihre Natalie. Die Gruschina schlug ihr eine andere Magd vor, die sie sehr zu loben wußte, eine gewisse Klawdija. Man beschloß, gleich hinzufahren an den Ssamorodina-Bach. Dort lebte sie nämlich bei einem Akzisebeamten, der in diesen Tagen in eine andere Stadt versetzt worden war. Warwara zögerte nur noch des Namens wegen. Ratlos fragte sie:

„Klawdija? Aber wie soll ich sie denn rufen? Etwa Klaschka?“

Die Gruschina riet:

„Rufen Sie sie doch einfach Klawdjuschka!“

Warwara gefiel das. Sie wiederholte:

„Klawdjuschka, djuschka!“ und lachte heiser. Es muß nämlich bemerkt werden, daß man die Schweine in unserer Stadt „Djuschki“ zu nennen pflegt. Wolodin grunzte und alle lachten.

„Djuschka, Djuschenka,“ flüsterte Wolodin zwischen lauten Lachanfällen. Er machte ein dummes Gesicht und reckte die Lippen vor.

Dann grunzte er und betrug sich so lange läppisch, bis man ihm sagte, daß er langweilig würde. Dann fühlte er sich gekränkt und stand auf, um sich neben Peredonoff zu setzen. Just wie ein Schaf beugte er seine rundgewölbte Stirn vor und stierte andauernd auf das befleckte Tischtuch.

Warwara beschloß gleich auf dem Wege zum Ssamorodina-Bach Stoff für ihr Hochzeitskleid zu kaufen. In die Kaufläden ging sie immer zusammen mit der Gruschina; die half ihr beim Treffen der endgültigen Wahl und bei dem unvermeidlichen Feilschen.

Als Warwara von Peredonoff fortschlich, stopfte sie in die tiefen Taschen der Gruschina für deren Kinder allerlei Leckerbissen, süße Pastetchen und Bonbons. Die Gruschina erriet, daß Warwara ihrer Dienste dringend bedürfe.

Warwara konnte nicht weit gehen wegen ihrer zu engen Schuhe mit den hohen Absätzen. Sie wurde rasch müde. Daher benutzte sie gewöhnlich eine Droschke, obwohl die Entfernungen in unserer Stadt nur geringe waren. In letzter Zeit war sie besonders häufig bei der Gruschina gewesen. Das hatten die Droschkenkutscher schon gemerkt: ihrer gab es nicht viele, vielleicht an die zwanzig. Wenn Warwara einstieg, fragten sie garnicht mehr, wohin sie fahren sollten.

Sie setzten sich in den Wagen und fuhren zu den Herrschaften, bei denen Klawdija diente, um sich nach ihr zu erkundigen. Die Straßen waren fast durchweg mit Schmutz bedeckt, obwohl es schon gestern abend aufgehört hatte zu regnen. Nur selten ratterte die Droschke über kurze, gepflasterte Straßen, dann versanken die Räder wieder im zähen Schmutz grundloser Wege. Umso mehr zitterte ununterbrochen Warwaras Stimme, begleitet vom teilnehmenden Geschwätz der Gruschina.

„Mein Gänserich war schon wieder bei Marfuschka,[3]“ erzählte Warwara.

In teilnehmender Empörung antwortete die Gruschina:

„Sie suchen ihn einzufangen. Will es gerne glauben. Das wäre just ein Ehemann für dieses Mädel, die Marfuschka. So einen kann sie sich im Traume wünschen.“

„Ich weiß wirklich nicht, was ich anfangen soll,“ klagte Warwara, „er ist jetzt so widerhaarig, — gar nicht zu sagen wie. Glauben Sie, es wirbelt mir im Kopf. Fällt es ihm ein, zu heiraten, dann kann ich auf die Straße gehen.“

„Nicht doch, liebste Warwara Dmitriewna,“ beruhigte die Gruschina, „glauben Sie das nicht. Nie wird er eine andere heiraten als Sie. Er hat sich doch an Sie gewöhnt.“

„Manchmal geht er in der Nacht aus, dann kann ich nicht einschlafen,“ erzählte Warwara, „Gott weiß, vielleicht läßt er sich irgendwo trauen. Manchmal sorge ich mich die ganze Nacht. Alle haben es auf ihn abgesehen — die drei Rutiloffschen Stuten, — sie hängen sich ja an jeden, — und Jenkja mit der gedunsenen Fratze.“

Noch lange klagte Warwara, und aus ihrem ganzen Gespräch ersah die Gruschina, daß sie eine besondere Bitte auf dem Herzen hatte, und schon im voraus freute sie sich auf eine neue Einnahme.

Klawdija gefiel. Die Frau des Akzisebeamten hatte sie gelobt. So wurde sie denn engagiert und man sagte ihr, sie hätte noch am selben Abend zu erscheinen, da der Akzisebeamte schon heute abreisen mußte.

Endlich langten sie bei der Gruschina an. Sie lebte in ihrem eigenen Häuschen, ziemlich unordentlich, zusammen mit ihren drei kleinen Göhren. Die waren zerzaust, dreckig, dumm und bösartig wie begossene Welpen. Die eigentliche Aussprache folgte erst jetzt.

Warwara begann zu erzählen: „Mein Ardalljoschka, der Dummkopf, verlangt, ich soll wieder an die Fürstin schreiben. Was soll ich ihr denn so mir nichts dir nichts schreiben; entweder wird sie überhaupt nicht antworten, oder etwas antworten, was nicht in meinen Kram paßt. Die Freundschaft ist nicht von weitem her.“

Die Fürstin Woltschanskaja, — Warwara hatte gelegentlich als Schneiderin für einfachere Arbeit bei ihr gearbeitet, — hätte Peredonoff allerdings nützlich sein können: ihre Tochter war nämlich an den Geheimen Rat Tschtepkin verheiratet, ein Mann, der im Schulressort viel zu bedeuten hatte. Schon im vorigen Jahre hatte sie an Warwara als Antwort auf ihre Bitten geschrieben, daß sie für Warwaras „Bräutigam“ ein gutes Wort einzulegen nicht gewillt wäre; anders verhielte es sich, wenn sie heiraten würde, dann könnte sie vielleicht gelegentlich ein Wörtchen zu seinen Gunsten fallen lassen. Peredonoff hatte jener Brief nicht befriedigt: damit war eigentlich nur eine unbestimmte Hoffnung gegeben, es war aber nicht direkt gesagt, daß die Fürstin ganz unbedingt Warwaras Manne den Posten eines Inspektors verschaffen würde. Um diese Ungewißheit zu klären, waren sie kürzlich nach St. Petersburg gefahren. Warwara hatte die Fürstin aufgesucht und dann führte sie auch Peredonoff hin, hatte aber diesen Besuch mit Absicht so lange hinausgeschoben, bis sie die Fürstin nicht mehr zu Hause trafen: Warwara begriff, daß sich die Fürstin im besten Fall auf den Rat beschränken würde, sie möchten so bald als möglich heiraten, vielleicht noch einige unbestimmte Versprechungen hinzufügen würde, daß sie bei Gelegenheit ein gutes Wort einlegen wolle, kurz — Versprechungen, die Peredonoff keineswegs genügen konnten. So beschloß denn Warwara, Peredonoff die Fürstin nicht zu zeigen.

„Ich verlasse mich felsenfest auf Sie,“ sagte Warwara, „helfen Sie mir, teuerste Marja Ossipowna.“

„Wie soll ich Ihnen denn helfen, liebes Herz?“ fragte die Gruschina, „Sie wissen doch, Warwara Dmitriewna, daß ich für Sie bereit bin, alles zu tun, was in meiner Kraft liegt. Soll ich Ihnen vielleicht wahrsagen?“

„Ich weiß doch, was an Ihrer Wahrsagerei dran ist,“ sagte Warwara lachend, „nein, ganz anders müssen Sie mir helfen.“

„Wie denn?“ fragte in freudig-reger Erwartung die Gruschina.

„Ganz einfach,“ sagte schmunzelnd Warwara, „schreiben Sie einen Brief an mich, als käme er von der Fürstin. Fälschen Sie ihre Handschrift; ich werde ihn dann Ardalljon Borisowitsch zeigen.“

„Aber was denken Sie nur, Teuerste! Das geht doch nicht,“ beteuerte die Gruschina und stellte sich empört, „wenn die Geschichte herauskommt, was soll dann aus mir werden?“

Warwara ließ sich durch diese Antwort keineswegs aus der Fassung bringen, zog einen verknüllten Brief aus der Tasche und sagte:

„Da habe ich Ihnen gleich den Brief der Fürstin als Mustervorlage gebracht.“

Die Gruschina sträubte sich lange. Warwara sah klar, daß die Gruschina ihr Einverständnis geben würde, daß sie nur für diesen Dienst mehr beanspruchen wolle. Warwara ihrerseits wollte gerade weniger zahlen. Und nur ganz allmählich erhöhte sie den Bestechungspreis, versprach verschiedene kleinere Geschenke, ein altes Seidenkleid, und endlich sah die Gruschina ein, daß Warwara in keinem Fall mehr geben würde. Klagende Worte ergossen sich aus Warwaras Munde. Die Gruschina tat, als wäre sie nur aus Mitleid bereit, die Sache zu übernehmen und nahm den Brief.

IV

Das Billardzimmer war dick vollgeraucht. Peredonoff, Rutiloff, Falastoff, Wolodin und Murin — ein Gutsherr von hünenhaftem Wuchse und dummerhaftem Aussehen, Besitzer eines kleinen Gutes, außerdem ein kapitalkräftiger, unternehmungslustiger Mann —, alle diese fünf hatten das Spiel beendet und machten sich auf den Heimweg.

Es dämmerte. Auf einem schmutzigen Brettertisch standen viele geleerte Bierflaschen. Die Spieler, welche während des Spieles viel getrunken hatten, hatten rote Köpfe und lallten berauscht. Rutiloff war der einzige, der wie sonst schwindsüchtig-blaß aussah. Er trank auch weniger als die andern und hätte bei stärkerem Trinken gewiß noch blasser ausgesehen.

Rohe Schimpfworte flogen durch die Luft. Keiner fühlte sich gekränkt: man war eben unter Freunden.

Peredonoff hatte, wie fast immer, verloren. Er spielte schlecht Billard. Trotzdem war sein Gesichtsausdruck unerregt finster, und nur mit Unlust bezahlte er seine Spielschuld.

Murin rief laut:

„Feuer!“

und zielte mit einem Queue nach Peredonoff. Der schrie auf vor Schreck und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihm war der dumme Gedanke gekommen, Murin wolle ihn totschießen. Alle fingen an zu lachen. Peredonoff brummte ärgerlich:

„Ich kann solche Späße nicht leiden.“

Murin tat es schon leid, daß er Peredonoff erschreckt hatte: sein Sohn war nämlich Gymnasiast, und da hielt er es für seine Pflicht, auf alle nur mögliche Art den Gymnasiallehrern zu Gefallen zu sein. Jetzt entschuldigte er sich bei Peredonoff und bewirtete ihn mit Wein und Selters. Peredonoff sagte finster:

„Meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Ich bin mit unserem Direktor nicht zufrieden.“

„Der künftige Inspektor hat Unglück im Spiel,“ schrie mit blökender Stimme Wolodin, „schade um das Geld.“

„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe,“ sagte Rutiloff lächelnd und wies seine angefaulten Zähne.

Wegen seines Verlustes im Spiel, dazu noch der Schreck, war Peredonoff sowieso nicht in rechter Stimmung. Dann fing man an, ihn mit seinem Verhältnis zu Warwara zu necken. Er rief:

„Ich werde heiraten und Warjka muß hinaus.“

Die Freunde lachten und stichelten:

„Du wirst nicht dürfen.“

„So, meint ihr? noch morgen suche ich mir eine Braut.“

„Was gilt die Wette?“ schlug Falastoff vor, „ich setze zehn Rubel.“

Peredonoff tat es aber leid um das Geld; sollte er am Ende verlieren, so hätte er zahlen müssen. Er kehrte sich ab und schwieg finster.

Am Gartentor trennten sie sich nach verschiedenen Richtungen. Peredonoff und Rutiloff gingen zusammen. Rutiloff versuchte ihn zu bereden, sofort eine seiner Schwestern zu heiraten.

„Ich habe alles in Ordnung gebracht,“ wiederholte er, „sei ganz unbesorgt.“

„Das Aufgebot ist noch nicht gewesen,“ schützte Peredonoff vor.

„Ich sage dir doch, alles ist in Ordnung,“ beteuerte Rutiloff. „Ich habe einen Popen ausfindig gemacht; der weiß, daß ihr nicht verwandt seid.“

„Es sind keine Marschälle da,“ sagte Peredonoff.

„Ach was, es sind keine da! Die Marschälle haben wir im Nu zusammen, ich schicke einfach nach ihnen und sie werden direkt in die Kirche kommen. Oder ich werde sie selbst holen gehen. Früher konnte man doch nicht gut, — dein „Schwesterchen“ hätte Wind gekriegt und uns gestört.“

Peredonoff schwieg still und blickte trübselig zur Seite. Hin und her sah man im Schatten schweigsame Häuser in träumenden, kleinen Gärtchen mit morschen Zäunen davor.

„Warte ein wenig an der Pforte,“ sagte Rutiloff überredend, „ich werde dir jede vorführen, welche du nur magst. So hör doch, ich will es dir gleich beweisen. Ist zwei mal zwei vier oder nicht?“

„Jawohl, vier,“ antwortete Peredonoff.

„Also: zwei mal zwei ist vier, darum mußt du eine von meinen Schwestern heiraten.“

Peredonoff war ganz erstaunt. In der Tat, dachte er, es ist so; natürlich ist zwei mal zwei vier. Und mit Ehrfurcht blickte er auf den klugen Rutiloff. Ich werde heiraten müssen! Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen.

Mittlerweile waren sie ans Rutiloffsche Haus gekommen und blieben vor der Pforte stehen.

„Man kann doch nicht so per Gewalt,“ sagte Peredonoff böse.

„Sonderling, sie warten ja nur darauf,“ rief Rutiloff.

„Aber ich selber will vielleicht nicht.“

„Na ja, du willst nicht, Schlaukopf. Willst du denn dein lebelang Junggeselle bleiben?“ antwortete Rutiloff sicher, „oder willst du ins Kloster? Oder ist dir die Warja noch immer nicht widerlich geworden? Bedenke nur — ihre Fratze, wenn du ihr auf einmal eine junge Frau ins Haus führst.“

Peredonoff lachte abgerissen und kurz, aber sofort wurde er wieder finster und sagte:

„Und außerdem, sie wollen vielleicht garnicht!“

„Geh doch, wie sollten sie nicht wollen, Sonderling,“ antwortete Rutiloff. „Ich gebe dir mein Wort darauf.“

„Sie sind stolz,“ sagte Peredonoff.

„Was geht dich das an; noch besser.“

„Sie machen sich über alles lustig.“

„Aber doch nicht über dich,“ beteuerte Rutiloff.

„Woher soll ich das wissen.“

„So glaub mir doch, ich will dich nicht betrügen. Sie verehren dich. Du bist doch nicht irgend ein Narr den man auslacht.“

„Ja, dir soll man glauben,“ sagte Peredonoff mißtrauisch. „Nein, erst will ich mich selbst davon überzeugen, daß sie über mich nicht lachen.“

„Merkwürdiger Mensch,“ sagte Rutiloff verwundert, „wie sollten sie sich überhaupt unterstehen zu lachen? Wie willst du dich davon überzeugen?“

Peredonoff dachte nach und sagte:

„Laß sie gleich auf die Straße herauskommen.“

„Meinetwegen, das geht,“ sagte Rutiloff.

„Alle drei auf einmal,“ fuhr Peredonoff fort.

„Meinetwegen.“

„Und jede soll sagen, wodurch sie glaubt, mein besonderes Gefallen zu erregen.“

„Wozu denn das?“ fragte Rutiloff erstaunt.

„Da werde ich eben sehen, was sie eigentlich wollen, sonst laß ich mich am Ende an der Nase herumführen,“ erklärte Peredonoff.

„Niemand will dich an der Nase herumführen.“

„Vielleicht wollen sie mich zum Beispiel auslachen,“ erklärte Peredonoff, „laß sie nur herauskommen, wenn sie dann Lust bekommen zu lachen, dann werde ich sie auslachen.“

Rutiloff überlegte, schob seinen Hut in den Nacken, zog ihn dann wieder in die Stirn und sagte endlich:

„Also warte jetzt, ich will gehen es auszurichten. Sonderbarer Kauz. Du komm inzwischen in den Hof, sonst — der Teufel mag wissen — kommt noch jemand gegangen und wird alles sehen.“

„Es ist doch einerlei,“ sagte Peredonoff, ging aber doch hinter Rutiloff durch die Pforte.

Rutiloff begab sich ins Haus zu seinen Schwestern; Peredonoff wartete unterdessen auf dem Hof.

Im Salon — einem Eckzimmer — mit den Fenstern zur Pforte, saßen die vier Schwestern. Sie hatten alle dieselben Gesichter, glichen dem Bruder, waren nett anzusehen, rosig und fröhlich. Die verheiratete Larissa, ruhig, sympathisch und stattlich; die flinke und quicke Darja, sie war die größte und schmächtigste von den Schwestern; die immer lachende Ludmilla und die sich zierende Valerie, klein, zart und dem Aussehen nach zerbrechlich. Sie naschten Rosinen und Nüsse und schienen aufgeregt etwas zu erwarten, denn sie lachten mehr als gewöhnlich in Erinnerung an die letzten Klatschgeschichten der Stadt und machten sich außerdem über Bekannte und Unbekannte lustig.

Vom frühen Morgen an hatten sie sich zur Trauung bereit gehalten. Es erübrigte, nur ein passendes Brautkleid anzuziehen und den Schleier und die Blumen anzustecken. Von Warwara wurde überhaupt nicht gesprochen, so als existierte sie nicht. Aber schon der Umstand, daß sie, die sich rücksichtslos über alles und jedes lustig machten, die über alle den Stab brachen, den ganzen Tag lang allein über Warwara kein Sterbenswörtchen zu sagen wußten, — schon allein dieser Umstand bewies zur Genüge, daß ein unangenehmes Erinnern an sie wie ein spitzer Nagel im Kopfe einer jeden von ihnen bohrte.

„Ich hab ihn hergelockt!“ erklärte Rutiloff bei seinem Eintritt in den Salon, „er steht an der Pforte.“

Ganz erregt sprangen die Schwestern auf und fingen alle mit einmal zu schwatzen und zu lachen an.

„Da ist nur ein Haken dabei,“ sagte Rutiloff und lächelte vielsagend.

„Was denn, was denn?“ fragte Darja. Valerie zog ärgerlich ihre schönen, schwarzen Augenbrauen zusammen.

„Jetzt weiß ich nicht, ob ich’s sagen soll?“ fragte Rutiloff.

„Nur schneller, schneller,“ drängte Darja.

Etwas verlegen erzählte Rutiloff von Peredonoffs Wünschen. Die jungen Damen fingen zu zetern an und schimpften um die Wette auf Peredonoff. Aber allgemach wurde aus dem unwilligen Geschrei Lachen und Scherzen.

Darja machte ein finster-erwartungsvolles Gesicht und sagte:

So wartet er an der Pforte.“

Sie hatte ihn gut und drollig nachgeahmt. Die jungen Damen guckten durchs Fenster zur Pforte. Darja öffnete das Fenster und rief:

„Ardalljon Borisowitsch! Darf man es durchs Fenster sagen?“

Als Antwort hörte man ihn brummen:

„Nein.“

Darja schloß das Fenster sofort, denn die Schwestern lachten sehr laut und konnten garnicht mehr aufhören. Dann liefen sie aus dem Salon ins Speisezimmer, um von Peredonoff nicht gehört zu werden.

Man verstand in diesem fröhlichen Kreise, die trübste Stimmung in Lachen und Scherzen ausklingen zu lassen, und so manche Angelegenheit wurde einfach durch einen Scherz gelöst.

Peredonoff stand draußen und wartete. Er war traurig, und ein unbestimmtes Angstgefühl bedrückte ihn. Er dachte daran, fortzugehen, aber auch dazu konnte er sich nicht entschließen. Irgendwo in der Ferne hörte man Musik: das war wohl die Tochter des Adelsmarschalls, die Klavier spielte. Leise und wiegend zitterten die Töne durch die dunkle, stille Abendluft; sie stimmten traurig und ließen die Gedanken traumhaft werden.

Peredonoffs Grübeleien hatten sich zuerst ins Erotische verloren. Er stellte sich die Rutiloffschen Mädchen in den wollüstigsten Lagen vor. Aber je länger er warten mußte, desto mehr fühlte er sich enttäuscht, — warum ließ man ihn überhaupt warten! Und die Musik, die nur ganz wenig an sein grobes, halberstorbenes Gemüt gerührt hatte, verlor für ihn allen Reiz.

Und ringsum war es Nacht geworden, still und doch voll Flüstern und Rauschen. Peredonoff stand innerhalb des Lichtkreises der Lampe, die im Salon brannte, darum erschien ihm alles noch dunkler. In zwei Streifen fiel das Licht auf den Hof und wurde breiter und breiter zum Nachbarzaune hin, dahinter konnte man dunkle Bretterwände sehen. Im Hintergrunde des Hofes warfen die Bäume des Rutiloffschen Gartens unheimliche Schatten und flüsterten. Lange Zeit hindurch hörte man irgendwo in der Nähe auf der Straße langsame, schwere Schritte. Peredonoff fürchtete sich: während er da wartete, hätte ihn jemand überfallen und ausrauben, vielleicht sogar ermorden können. Er drückte sich scheu an die Wand und wartete im Schatten, um nicht gesehen zu werden.

Mit einmal tauchten in den Lichtstreifen im Hofe lange Schatten auf, man hörte Türen gehen, und im Flur wurden Stimmen laut.

Sie kommen, dachte er, und sachte regten sich lüsterne Gedanken über die schönen Schwestern in seinem Hirn, — tierische Ausgeburten einer spärlichen Phantasie.

Die Schwestern warteten auf dem Flur.

Rutiloff ging zur Pforte und hielt Ausschau, ob niemand in der Nähe wäre. Es war nichts zu sehen und nichts zu hören.

„Die Luft ist rein,“ flüsterte er seinen Schwestern zu, die Hände als Sprachrohr benutzend.

Er blieb als Wache auf der Straße stehen. Peredonoff war mit ihm hinausgegangen.

„Sie werden es gleich sagen,“ sagte Rutiloff.

Peredonoff stand gerade an der Pforte und blickte auf die Spalte zwischen Pforte und Torpfosten. Sein Gesicht war düster, fast erschrocken, alles Grübeln und Denken in ihm war erloschen und an Stelle dessen war ein dumpfes, sinnliches Begehren getreten.

Darja kam als Erste an die halbgeöffnete Pforte.

„Womit könnte ich Ihr Wohlgefallen erregen?“ fragte sie.

Peredonoff schwieg finster. Darja sagte:

„Ich werde Ihnen ganz besonders schöne Pfannkuchen backen, heiße Pfannkuchen, nur: ersticken Sie nicht daran.“

Ueber ihre Schultern hinweg beeilte sich Ludmilla zu rufen:

„Ich werde jeden Morgen in die Stadt gehen, werde alle Klatschgeschichten sammeln und sie Ihnen dann vorerzählen. Das ist außerordentlich lustig.“

Zwischen den fröhlichen Gesichtern der beiden Schwestern zeigte sich für einen Augenblick Valeries kapriziöses, schmales Gesichtchen, und ein feines Stimmchen rief:

„Ich werde auf keinen Fall sagen, was ich Ihnen geben will, Sie müssen es erraten.“

Die Schwestern liefen lachend davon. Ihre Stimmen und ihr Lachen verklang hinter der Tür. Peredonoff hatte sich abgewandt. Er war nicht ganz zufrieden. Er dachte: da haben sie irgendwas geschwatzt und sind fortgegangen. Hätten sie doch lieber Zettelchen gebracht. Aber dieses Stehen und Warten dauerte zu lange.

„Hast du sie dir angesehen?“ fragte Rutiloff, „welche willst du haben?“

Peredonoff dachte nach. Natürlich, — entschloß er sich endlich, — nehme ich die Jüngste. Warum hätte er auch eine Alte heiraten sollen.

„Führ Valerie her,“ sagte er bestimmt. Rutiloff ging ins Haus und Peredonoff begab sich wieder auf den Hof.

Ludmilla spähte verstohlen durchs Fenster, um zu horchen, was sie sprachen, aber sie konnte nichts hören. Jetzt tönten Schritte auf dem Hof. Die Schwestern wurden ganz still und saßen aufgeregt und verlegen da. Rutiloff trat ein und verkündete:

„Er wünscht Valerie. Er wartet an der Pforte.“

Die Schwestern jubelten und lachten. Valerie wurde ein wenig blaß.

„Das ist gut, das ist gut,“ wiederholte sie, „ich will ihn schon gerne nehmen, ich brauche so einen Mann.“

Ihre Hände zitterten. Sie wurde angekleidet, — alle drei Schwestern bemühten sich um sie. Wie immer zierte sie sich und trödelte. Die Schwestern drängten zur Eile. Sie wünschten ihr wohl Glück, beneideten sie jedoch im stillen. Rutiloff schwatzte unaufhörlich, fröhlich erregt. Ihm gefiel es, wie schlau er die ganze Sache eingefädelt hatte.

„Hast du schon eine Droschke besorgt?“ fragte Darja.

Rutiloff antwortete aufgebracht:

„Konnte ich denn? Die ganze Stadt wäre zusammengelaufen, und Warwara hätte ihn an den Haaren nach Hause gezerrt.“

„Und wie sollen wir fortkommen?“

„Sehr einfach, bis zum Stadtplatz gehen wir zu Fuß und nehmen dort Droschken. Als erste fährst du mit der Braut, dann Larissa mit dem Bräutigam, — aber bitte nicht alle zusammen, sonst wird es noch in der Stadt bekannt. Unterdessen fahre ich mit Ludmilla zu Falastoff, die fahren dann zusammen ab, und ich hole dann den Wolodin.“

Schon aus den Scherzen der Schwestern war zu ersehen, wie sehr Valerie beneidet wurde; sie wurde gepufft und mit ihrem Trödeln und Sich-Zieren geneckt. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sagte:

„Was wollt ihr eigentlich? sind die Trauben sauer? Wenn ihr das meint, dann will ich überhaupt nicht.“

Und sie brach in Tränen aus. Die Schwestern sahen einander an und versuchten sie durch Küsse und Schmeicheleien zu beruhigen.

„Was weinst du denn, Dummerchen,“ sprach Darja, „wir scherzen doch nur.“

Larissa sagte in beruhigendem, zärtlichen Ton:

„Du wirst ihn schon unter den Pantoffel kriegen. Wenn er nur erst geheiratet hat.“

Allmählich wurde Valerie ruhiger.

Peredonoff stand allein draußen und gab sich lüsternen Gedanken hin. Er träumte von der Brautnacht: Valerie nackt, verschämt und doch fröhlich in seiner Umarmung, so schmächtig wie sie war, so subtil ...

Das alles malte er sich aus, während er ein Bonbon nach dem andern aus seiner Tasche zog und daran lutschte.

Auf einmal fiel es ihm ein, daß Valerie recht kokett wäre. Sie wird ja Toilette machen wollen — überlegte er — und überhaupt Aufwand treiben. Dann wird es gewiß nicht mehr möglich sein allmonatlich Geld auf die Sparbank zu tragen, und alles Ersparte wird draufgehn. Und seine Frau wird Launen zeigen, und — womöglich — nicht einen Fuß in die Küche setzen. In der Küche werden dann die Speisen vergiftet werden, denn Warja wird sich rächen wollen und die Köchin bestechen. Und außerdem ist sie mir viel zu mager, dachte Peredonoff. Man weiß überhaupt nicht, wie man sie anfassen soll. Man kann sie nicht schimpfen, man kann sie nicht stoßen, man kann sie nicht anspucken. Sie fängt zu schluchzen an und wird einen vor aller Welt blamieren. Nein, — es ist unheimlich, sich mit ihr einzulassen.

Ludmilla ist darin ganz anders. Soll ich sie heiraten? Peredonoff trat ans Fenster und klopfte mit seinem Stock an das Fensterkreuz. Nach einer halben Minute steckte Rutiloff seinen Kopf heraus.

„Was willst du?“ fragte er beunruhigt.

„Ich habe mich bedacht,“ brummte Peredonoff.

Rutiloff trat vom Fenster zurück.

„Satan rundgeborner!“ murmelte er und ging zu seinen Schwestern.

Valerie freute sich sehr.

„Es ist dein Glück, Ludmilla,“ sagte sie fröhlich.

Ludmilla lachte, sie ließ sich auf einen Sessel fallen und lachte, lachte, bis ihr der Atem ausging.

„Was soll ich ihm sagen?“ fragte Rutiloff, „willst du ihn überhaupt?“

Ludmilla konnte vor Lachen nichts sagen, sie winkte nur mit den Händen.

„Natürlich will sie,“ sagte Darja für sie, „sag’s ihm nur schnell, sonst sucht er das Weite ohne die Antwort abzuwarten.“

Rutiloff ging in den Salon und flüsterte durchs Fenster:

„Wart einen Augenblick; sie ist gleich fertig.“

„Aber etwas flinker,“ sagte Peredonoff ärgerlich, „was trödeln sie so lange.“

Ludmilla wurde eilig angekleidet. Nach fünf Minuten war sie fertig.

Peredonoff dachte an sie. Sie ist fröhlich und mollig. Nur eins, sie liebt zu lachen. Würde sie ihn auslachen? Gräßlicher Gedanke. Darja ist freilich munter, aber doch solider und ruhiger. Hübsch ist sie auch. Es ist besser sie zu heiraten. Er klopfte wieder ans Fenster.

„Er klopft wieder,“ sagte Larissa, „am Ende gilt es jetzt dir, Darja!“

„So ein Teufel,“ schimpfte Rutiloff und lief ans Fenster.

„Was willst du noch?“ fragte er böse, „hast du dich wieder bedacht, he?“

„Bring Darja her,“ antwortete Peredonoff.

„Das will ich dir eintränken,“ flüsterte Rutiloff wütend.

Peredonoff stand und dachte an Darja — und wieder kam an Stelle des sinnlichen Wohlgefallens ein Gefühl der Furcht. Sie ist zu lebhaft, zu dreist, sie wird mich quälen. — Und was steh’ ich hier, worauf warte ich eigentlich — dachte er. — Ich werde mich erkälten. Dort im Graben am Straßenrand, im Grase beim Zaun hat sich jemand versteckt, der springt plötzlich auf und wird mich ermorden! Peredonoff hatte große Angst. Außerdem, überlegte er, bekommen sie keine Mitgift. Irgendwelche Verbindungen nach oben hin haben sie nicht. Warwara wird bei der Fürstin klagen. Und der Direktor ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.

Peredonoff ärgerte sich über sich selbst. Was hatte er sich überhaupt mit den Rutiloffs einzulassen. Es war geradeso, als hätte ihn Rutiloff behext. Ja wirklich, er muß mich behext haben. Ich muß rasch etwas dagegen tun.

Peredonoff drehte sich wie ein Kreisel herum, spuckte nach allen Seiten und murmelte Beschwörungsformeln. Sein Gesicht war ernst und aufmerksam, als hätte er etwas Wichtiges vor. Dann fühlte er sich leichter und glaubte gesichert zu sein vor Rutiloffs Zauberkünsten. Sehr energisch klopfte er mit seinem Stock ans Fenster und flüsterte dabei:

„Wäre es nicht gut, sie zu denunzieren?“

Rutiloff steckte seinen Kopf aus dem Fenster.

„Ich will heute nicht heiraten,“ erklärte Peredonoff.

„Aber was ist denn, Ardalljon Borisowitsch, alles ist schon fertig“ versuchte ihn Rutiloff zu überreden.

„Ich will nicht,“ sagte Peredonoff energisch, „komm zu mir nach Hause Karten spielen.“

„Verdammter Teufel!“ schimpfte Rutiloff. „Er will nicht heiraten,“ erklärte er den Schwestern, „er hat Angst gekriegt. Aber ich will diesen Esel schon zähmen. Er bittet mich, bei ihm Karten zu spielen.“

Die Schwestern schrieen und schalten auf Peredonoff.

„Willst du wirklich zu diesem Halunken gehen?“ fragte Valerie aufgebracht.

„Freilich, und zur Strafe werde ich ihn bespielen. Und außerdem soll er von uns doch nicht loskommen,“ redete Rutiloff und bemühte sich dabei, sehr sicher zu erscheinen, obgleich er sich recht ungemütlich fühlte.

Die Wut der Schwestern auf Peredonoff verwandelte sich allgemach in große Heiterkeit. Rutiloff war fortgegangen. Die jungen Damen liefen ans Fenster.

„Ardalljon Borisowitsch!“ rief Darja, „warum sind Sie so unentschlossen! Das geht doch nicht!“

„Herr Sauerampfer!“ rief Ludmilla und lachte laut.

Peredonoff war sehr unzufrieden. Seiner Meinung nach hätten die Schwestern vor lauter Kummer weinen müssen, — er hatte sie doch sitzen lassen. „Sie verstellen sich nur,“ dachte er und ging schweigend zum Tore hinaus. Die jungen Damen liefen an die Fenster, welche zur Straße führten und riefen Peredonoff allerlei böse Worte nach, bis er in der Dunkelheit verschwunden war.

V

Peredonoff fühlte sich sehr unbehaglich. Auch hatte er keine Bonbons mehr in der Tasche, und das ärgerte und verstimmte ihn. Rutiloff redete fast die ganze Zeit über allein, — er sprach noch immer in Tönen der Verzückung von seinen Schwestern. Peredonoff unterbrach nur einmal sein Gerede. Er fragte ärgerlich:

„Hat der Stier Hörner?“

„Freilich, und was weiter?“ fragte Rutiloff erstaunt.

„Na, ich will eben nicht Stier sein,“ erklärte Peredonoff.

Rutiloff fühlte sich gekränkt und sagte:

„Gewiß, Ardalljon Borisowitsch, du kannst unmöglich ein Stier werden, weil du ein komplettes Schwein bist!“

„Lüge!“ grunzte Peredonoff.

„Nein, ich lüge nicht und ich kann’s beweisen,“ sagte schadenfroh Rutiloff.

„Beweis’ doch,“ verlangte Peredonoff.

„Wart nur, ich will es schon beweisen,“ höhnte Rutiloff. Beide schwiegen. Peredonoff wartete ängstlich; er hatte einen stillen Haß auf Rutiloff. Plötzlich fragte Rutiloff.

„Hast du einen Fünfer bei dir, Ardalljon Borisowitsch?“

„Ja, aber du kriegst ihn nicht,“ antwortete Peredonoff böse.

Rutiloff lachte aus vollem Halse.

„Wie solltest du kein Schwein sein, wenn du einen Fünfer[4] hast,“ rief er vergnügt.

Peredonoff griff erschreckt nach seiner Nase.

„Du lügst,“ brummte er, „ich habe keinen Fünfer, ich habe eine ganz gewöhnliche Fratze.“

Rutiloff lachte noch immer. Peredonoff schielte ärgerlich nach ihm und sagte:

„Du hast mich heute absichtlich an Bilsenkraut vorbeigeführt und hast mich behexen wollen, damit ich deinen Schwestern in die Schlingen gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug, da soll ich gleich drei auf einmal heiraten.“

„Wie du merkwürdig bist,“ sagte Rutiloff, „wie kommt es denn, daß das Bilsenkraut mir nichts anhaben konnte?“

„Du kennst die Gegenmittel,“ sagte Peredonoff, „vielleicht hast du mit dem Munde geatmet und die Nase zugehalten, oder vielleicht hast du irgendwelche Zaubersprüche dagegen gesagt; ich kenne sowas nicht, wie man sich vor Zauberei zu schützen hat. Ich bin kein Schwarzkünstler. Ich war die ganze Zeit im Banne des Bilsenkrauts, bis ich mich dagegen sicherte.“

Rutiloff lachte.

„Was hast du denn getan“, fragte er.

Aber Peredonoff schwieg bereits.

„Warum hast du dich an die Warwara gekettet?“ sagte Rutiloff. „Glaubst du etwa, es wird dir gut gehen, wenn du durch ihre Vermittlung eine Stellung bekommst? Sie will dich begaunern.“

Peredonoff verstand das nicht.

Sie hat ihren eigenen Vorteil im Auge — dachte er, — sie wird es doch besser haben, wenn sie mit einem höheren Beamten verheiratet ist und mehr Geld bekommt. Mit andren Worten: sie ist ihm zu Dank verpflichtet, nicht er ihr. Und in jedem Fall ist es mit ihr bequemer zu leben, als sonst mit irgend einer Person.

Peredonoff hatte sich an Warwara gewöhnt. Sie erschien ihm begehrenswert, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil es ihm zum Bedürfnis geworden war, sie zu quälen. Eine ähnliche Frau hätte er nicht einmal auf Bestellung bekommen.

Es war spät geworden. In Peredonoffs Wohnung war noch Licht, die hellen Fenster stachen grell von der dunklen Straße ab.

Am Teetisch saßen Gäste: die Gruschina — Warwaras alltäglicher Gast —, Wolodin, die Prepolowenskaja, ihr Mann Konstantin Petrowitsch, ein stattlicher Vierziger; er war sehr schweigsam, bleich und hatte schwarze Haare. Warwara hatte sich schön gemacht — sie trug ein weißes Kleid. Man trank Tee und plauderte. Wie gewöhnlich, wenn Peredonoff lange ausblieb, fühlte sich Warwara beunruhigt. Wolodin hatte fröhlich meckernd berichtet, Peredonoff wäre zusammen mit Rutiloff gegangen. Ein Grund mehr um Warwaras Unruhe zu steigern.

Endlich erschien Peredonoff und Rutiloff. Sie wurden mit Gelächter und dummen, zotigen Scherzen empfangen.

„Wo ist der Schnaps?“ herrschte Peredonoff Warwara an. Sie sprang auf, lächelte schuldbewußt und brachte eilig den Schnaps in einer grobgeschliffenen Karaffe.

„Prost“, brummte Peredonoff.

„Warte doch, die Magd bringt den Imbiß gleich,“ sagte Warwara, „he, Faultier, etwas flinker,“ rief sie in die Küche.

Aber Peredonoff hatte den Schnaps schon eingeschenkt. Er murmelte:

„Man soll noch warten! Die Zeit wartet nicht.“

Man trank und aß dazu kleine Saftpasteten.

Zur Unterhaltung der Gäste hatte Peredonoff nur Schnaps und Karten bereit. Zum Kartenspiel war es noch zu früh, — man hatte den Tee noch nicht getrunken, — also blieb der Schnaps.

Unterdessen war der Imbiß gebracht worden, so konnte man weiter trinken. Die Magd hatte beim Hinausgehen die Tür nicht geschlossen. Peredonoff wurde unruhig.

„Ewig ist die Tür sperrangelweit auf“, schimpfte er.

Er fürchtete den Zugwind, — man hätte sich erkälten können. Daher war es in der Wohnung stets dumpf.

Die Prepolowenskaja nahm ein Ei.

„Prachtvolle Eier,“ sagte sie, „wo kaufen Sie ein?“

Peredonoff antwortete:

„Das sollen Eier sein! Auf unsrem Gut gab es eine Henne, die legte tagaus tagein zwei große Eier.“

„Große Herrlichkeit,“ antwortete die Prepolowenskaja, „als wäre das was Besonderes, auch ein Grund zum Protzen! Wir hatten im Dorf eine Henne, die legte täglich zwei Eier und ein Achtel Butter dazu.“

„Akkurat wie bei uns,“ sagte Peredonoff, ohne den Witz zu begreifen. „Was andere Hühner konnten, konnte unsre Henne erst recht. Unsere Henne war sehr ergiebig.“

Warwara lachte.

„Dumme Witze“, sagte sie.

„Die Ohren faulen ab von solchem Unsinn,“ sagte die Gruschina.

Peredonoff sah sie wütend an und gab erbittert zur Antwort:

„Wenn sie faulen, täte man gut, sie abzureißen.“

Die Gruschina wurde verlegen.

„Sie werden gleich ungemütlich, Ardalljon Borisowitsch; immer sagen Sie sowas!“ meinte sie schüchtern.

Die andern lachten mitleidig. Wolodin zwinkerte mit den Augen, runzelte die Stirn und erklärte:

„Wenn Ihre Ohren faulen, so muß man sie abreißen, sonst wäre es ja komisch, wenn sie verfaulen und hin und her schlenkern.“

Wolodin zeigte mit den Händen, wie die verfaulten Ohren hin und her schlenkern würden. Die Gruschina schrie ihn an:

„Sie schwatzen alles nach! Was eigenes wissen Sie nicht zu sagen.“

Wolodin fühlte sich gekränkt und entgegnete mit Würde:

„Ich kann wohl, wenn ich nur will, Marja Ossipowna, da wir aber dabei sind, uns in größerer Gesellschaft angenehm zu unterhalten, so sehe ich keinen Grund, warum ich nicht dem Scherze eines anderen beipflichten sollte. Sollte Ihnen das nicht passen, so tun Sie, was Sie wollen. Wie Sie uns begegnen, so begegnen wir Ihnen.“

„So ist es recht, Pawel Wassiljewitsch,“ ermunterte ihn lachend Rutiloff.

„Pawel Wassiljewitsch steht immer seinen Mann,“ sagte die Prepolowenskaja und lächelte spöttisch.

Warwara hatte ein Stück Brot geschnitten und behielt das Messer in der Hand, während sie auf Wolodins scherzhafte Bemerkungen horchte. Die Messerklinge funkelte. Peredonoff lief es kalt über den Rücken, — wie, wenn sie ihn plötzlich niederstoßen würde. Er rief:

„Warwara, leg das Messer fort!“

Warwara zuckte zusammen.

„Was schreist du so,“ sagte sie und legte das Messer beiseite. „Wissen Sie, er sieht immer Gespenster,“ erklärte sie dem schweigsamen Prepolowenskji. Der strich sich den Bart und machte Miene, etwas zu sagen.

„Das kommt vor“, begann er mit traurig-weicher Stimme, „ich hatte einen Bekannten, der fürchtete sich vor Nadeln. Ihn plagte die Angst, jemand würde ihn stechen und die Nadel würde in seine Eingeweide dringen. Und stellen Sie sich vor, jedesmal wenn er eine Nadel sah, zitterte er ...“

Hatte er einmal angefangen zu reden, so hörte er nicht auf und erzählte immer wieder dasselbe mit kleinen Aenderungen, bis ihn jemand unterbrach, um auf ein anderes Thema zu kommen. Alsdann hüllte er sich wieder in tiefes Schweigen.

Die Gruschina gab dem Gespräch eine Wendung ins Zotige. Sie erzählte von der Eifersucht ihres verstorbenen Mannes, und wie sie ihn hintergangen hätte. Dann berichtete sie von einem Klatsch über irgendeine hochstehende Persönlichkeit und seine Maitresse. Diese hätte einmal auf der Straße ihren Liebhaber getroffen. Ganz laut ruft sie ihm zu: Guten Tag, Jeannot! — Das auf offener Straße! — erzählte sie.

„Ich werde gegen Sie Anzeige erstatten“, sagte Peredonoff ärgerlich, „wie darf man sich unterstehen, über Leute von Rang solche Geschichten zu verbreiten!“

Die Gruschina murmelte erschreckt:

„Ich kann nichts dafür, man hat es mir so erzählt. Ich erzähle es nur weiter.“

Peredonoff schwieg erbost, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und trank seinen Tee aus der Untertasse. Er dachte bei sich, daß es im Hause eines künftigen Inspektors nicht statthaft wäre, unehrerbietig über hohe Beamte zu reden. Er ärgerte sich über die Gruschina. Auch Wolodin kam ihm verdächtig vor: merkwürdig oft nannte er ihn Herr Inspektor in spe. Einmal hatte ihm Peredonoff schon gesagt:

„Du beneidest mich wohl, mein Bester! Du wirst es nicht zum Inspektor bringen, ich wohl.“

Hierauf hatte Wolodin entgegnet, — und er gab seinem Gesicht ein überzeugendes Aussehen:

„Jedem das Seine, Ardalljon Borisowitsch — Sie sind Spezialist auf diesem Gebiet, ich auf meinem.“

„Denken Sie nur, Nataschka ist von uns direkt zum Gendarmerieoberst in Dienst gegangen,“ berichtete Warwara.

Peredonoff fuhr auf; verstört blickte er um sich.

„Du lügst wieder!“ sagte er halb fragend.

„Nanu, warum soll ich lügen,“ antwortete Warwara, „geh zu ihm hin und frag ihn doch.“

Diese unangenehme Neuigkeit wußte auch die Gruschina zu bestätigen. Peredonoff geriet ganz aus der Fassung. Sie würde ihn denunzieren, der Gendarmerieoberst würde sich das merken und gelegentlich dem Ministerium Bericht erstatten. Wie fatal!

Peredonoffs Auge blieb an einem Bücherregal haften, welches über der Kommode hing. Da standen einige gebundene Bücher: dünne Bändchen von Pissareff und etwas dickere — „Vaterländische Memoiren“. Peredonoff erbleichte und sagte:

„Diese Bücher müssen fort, sonst werde ich denunziert.“

Früher hatte Peredonoff diese Bücher zur Schau gestellt, um damit seine liberale Gesinnung zu zeigen, — in der Tat war er vollständig gesinnungslos und hatte nicht die geringste Lust, irgend einem Problem nachzugehen. Außerdem standen diese Bücher nur bei ihm, er las sie garnicht. Es war schon lange her, daß er ein Buch zur Hand genommen hatte — zum Lesen hatte er keine Zeit, — aber auch Zeitungen ließ er nicht kommen, die Tagesneuigkeiten erfuhr er aus Gesprächen. Im übrigen gab es für ihn eigentlich nichts Wissenswertes, denn nichts in der Welt interessierte ihn. Ueber Zeitungsabonnenten machte er sich lustig, es wären Geldverschwender und Tagediebe. Man hätte glauben können, daß ihm jede Minute kostbar war.

Er ging zum Bücherbrett und flüsterte:

„Das ist bezeichnend für unsere Stadt, alles wird hinterbracht. Hilf doch, Pawel Wassiljewitsch,“ sagte er zu Wolodin.

Wolodin erhob sich. Er machte ein ernstes, verständnisvolles Gesicht und nahm behutsam die Bücher, welche Peredonoff ihm reichte. Sich selbst behielt Peredonoff einen kleinen Bücherpacken, Wolodin gab er den größeren und ging in den Saal. Wolodin hinter ihm her.

„Wohin wollen Sie den Plunder verstecken, Ardalljon Borisowitsch?“ fragte er.

„Das wirst du sehen,“ antwortete Peredonoff verdrießlich.

Die Prepolowenskaja fragte:

„Was schleppen Sie da eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?“

Im Fortgehen antwortete Peredonoff:

„Streng verbotene Bücher. Wenn man die sieht, werde ich denunziert.“

Im Saal kniete Peredonoff vor dem Ofen nieder, legte die Bücher auf den Boden — Wolodin tat dasselbe — und schob ein Buch nach dem andern durch die schmale Ofentür. Wolodin kniete hinter ihm und reichte die Bücher. Dabei suchte er den sinnenden, verständigen Ausdruck in seinem Schafsgesicht zu wahren, indem er seine Lippen vorstreckte und seine rundgewölbte Stirn in Falten legte.

Warwara stand an der Tür und sah zu. Sie lachte und sagte:

„Du bist ein ganzer Narr!“

Aber die Gruschina verwies ihr das:

„Nein, Warwara Dmitriewna. Sagen Sie nicht, die größten Unannehmlichkeiten können entstehen, wenn da was herauskommt. Vergessen Sie nicht, er ist Lehrer am Gymnasium. Die Vorgesetzten fürchten sehr, die Lehrer könnten den Schülern revolutionäre Ideen beibringen.“

Man hatte den Tee getrunken und machte sich ans Pochspiel; alle sieben setzten sich an den Kartentisch im Saal. Peredonoff spielte sehr eifrig, aber ohne Erfolg. Bei jedem zwanzigsten Stich verlor er und mußte zahlen; Prepolowenskji hatte das größte Glück. Er spielte mit seiner Frau zusammen. Sie hatten bestimmte Zeichen verabredet, Hüsteln, Klopfen und verständigten sich so über die Karten, welche sie in der Hand hielten.

Peredonoff hatte heute gar kein Glück. Er beeilte sich, seine Einsätze zurückzugewinnen, allein Wolodin zögerte im Gegenspiel und bemühte sich, seine Karten zu halten.

„Pawluschka, sag an,“ rief Peredonoff ungeduldig.

Wolodin fühlte sich im Spiel als gleichberechtigte Persönlichkeit, er machte ein bedeutendes Gesicht und sagte:

„Wie meinst du das eigentlich, freundschaftlich oder wie?“

„Freundschaftlich, freundschaftlich,“ entgegnete Peredonoff gedankenlos, „sag nur schneller an!“

„Es sei denn, ich bin wirklich erfreut, von Herzen erfreut,“ redete Wolodin und lachte froh und dumm, während er sein Spiel ansagte, „du bist ein Prachtmensch, Ardascha, und ich habe dich sogar aufrichtig lieb. Freilich hättest du es nicht freundschaftlich gemeint, so wäre es ein ander Ding. Weil du es aber freundschaftlich meinst, so bin ich hocherfreut. Zur Belohnung gebe ich dir ein Aß,“ sagte Wolodin und spielte Trumpf.

Peredonoff hatte in der Tat ein Aß, aber nicht Trumpf, daher verlor er wieder. Geärgert sagte er:

„Du gabst mir ein Aß, aber ich kann’s nicht brauchen, du betrügst,“ brummte er, „ich brauchte Trumpf und was hast du mir gegeben? Was fang ich mit Pik-Aß an?“

Rutiloff wurde witzig:

„Freilich, wozu brauchst du ein Aß, du bist ja selber ein Aas.“

Wolodin meckerte und kicherte:

„Der Inspektor in spe macht eine Wandlung durch: Aß, Aß, Aas.“

Rutiloff schwatzte in einem fort, er erzählte Klatschgeschichten und Anekdoten recht zweifelhaften Inhalts. Um Peredonoff zu ärgern, versicherte er, daß die Gymnasiasten sich schlecht betrügen, besonders jene, welche nicht im Internat lebten: sie rauchen, trinken Schnaps und stellen jungen Mädchen nach. Peredonoff glaubte das. Und die Gruschina bestärkte ihn in diesem Glauben. Solche Geschichten bereiteten ihr ein besonderes Vergnügen: sie hatte nämlich nach dem Tode ihres Mannes die Absicht gehabt, eine Pension für 3-4 Gymnasiasten einzurichten. Der Direktor hatte ihr hierzu die Konzession nicht erteilt, trotz Peredonoffs Fürsprache, — denn die Gruschina stand in schlechtem Ruf. Nun begann sie eifrig jene Frauen zu schmähen, welche Gymnasiasten in Pension hatten.

„Sie bestechen den Direktor,“ erklärte sie. „Solche Frauen gehören zum Gesindel,“ sagte Wolodin mit Nachdruck, „beispielsweise meine Wirtin. Als ich das Zimmer mietete, wurde vereinbart, sie hätte mir jeden Abend drei Glas Milch zu liefern. Schön, einen Monat, den zweiten, war alles in Ordnung.“

„Hast du dich nicht besoffen?“ fragte Rutiloff lachend.

„Warum sollte ich mich besaufen?“ entgegnete Wolodin gekränkt. „Milch ist ein vorzügliches Nahrungsmittel. Außerdem hatte ich mich daran gewöhnt, jeden Abend drei Glas zu trinken. Plötzlich werden mir nur zwei Glas gebracht. Warum denn so? frage ich. Die Magd antwortet: Anna Michailowna — sagte sie — läßt vielmals um Entschuldigung bitten, aber ihre Kuh — sagt sie — gäbe jetzt weniger Milch. Was geht mich das an! Ich halte mich an meinen Kontrakt. Gesetzt den Fall, ihre Kuh gibt überhaupt keine Milch mehr, soll ich dann ohne bleiben? Nun, sage ich, wenn keine Milch da ist, so sagen Sie Anna Michailowna, daß ich um ein Glas Wasser bitte. Ich habe mich gewöhnt, drei Glas zu trinken, zwei Glas sind mir zu wenig.“

„Pawluschka ist ein Held,“ sagte Peredonoff, „erzähl’ doch deine Geschichte mit dem General.“

Wolodin kam dieser Aufforderung bereitwillig nach. Allein diesmal wurde er ausgelacht. Gekränkt streckte er seine Unterlippe vor.

Während des Abendessens betranken sich alle vollständig, sogar die Frauen.

Wolodin machte den Vorschlag, die Tapeten noch ein wenig zu bearbeiten. Alle freuten sich: unverzüglich ließen sie das Essen stehen, machten sich an die Arbeit und amüsierten sich wie die Tollen. Die Tapeten wurden bespuckt, mit Bierresten begossen, man warf Papierpfeile, deren Spitzen mit Butter beschmiert waren, an die Wände, man schleuderte kleine Teufelchen, die aus gekautem Brot geknetet wurden, an die Lage. Dann beschloß man, auf gut Glück Fetzen aus der Tapete zu reißen — wer die längsten Streifen zog, gewann. Bei diesem Spiel gewannen die Prepolowenskjis anderthalb Rubel.

Wolodin verlor. Infolgedessen und auch wohl infolge seiner Betrunkenheit wurde er plötzlich wehmütig und klagte seine Mutter an. Er machte ein vorwurfsvolles Gesicht und sprach, aus irgend einem Grunde mit der Faust zur Erde weisend:

„Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht? Was hab ich doch für ein elendes Leben! Sie ist nicht meine Mutter, sie hat mich nur in die Welt gesetzt. Denn eine echte Mutter sorgt für ihr Kind, meine Mutter hat mich zur Welt gebracht und noch im zartesten Alter in Kronsinstitute gesteckt.“

„Dafür haben Sie etwas gelernt und Sie können sich unter Menschen sehen lassen,“ sagte die Prepolowenskaja.

Wolodin senkte seine Stirn, wackelte mit dem Kopfe und sagte:

„Nein, nein, was ist an meinem Leben dran, — es ist ein Hundeleben. Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht?“

Plötzlich mußte Peredonoff an die Jerli von gestern denken.

„Aha,“ dachte er bei sich, „er klagt seine Mutter an, warum sie ihn geboren hätte, er will eben nicht mehr der Pawluschka von früher sein. So ist es, so ist es: er beneidet mich. Vielleicht geht er schon jetzt mit dem Gedanken um, Warwara zu heiraten und in meine Haut zu kriechen,“ so dachte Peredonoff und blickte wehmütig auf Wolodin.

Könnte man ihm doch eine Frau verschaffen?

 

Im Schlafzimmer, als es schon spät in der Nacht war, sagte Warwara zu Peredonoff:

„Du denkst wohl, all die jungen Weiber, welche dir nachstellen, sind schön, weil sie jung sind? Sie sind alle Plunder, ich bin schöner als sie alle.“

Eilig entkleidete sie sich und entblößte mit einem niederträchtigen Lächeln auf den Lippen ihren leicht geröteten, schlanken, schönen, elastischen Körper.

Obwohl sie vor Trunkenheit taumelte und obwohl ihr tierisch-wollüstiger Gesichtsausdruck jeden lebensfrohen Menschen abgestoßen hätte, so muß doch zugestanden werden, daß sie einen wunderschönen Körper hatte, einen Körper so zart, wie man ihn bei Nymphen zu denken liebt und an diesen Körper schien eine böse Fee den Kopf einer gemeinen Dirne gezaubert zu haben. Und dieser prachtvolle Leib war für die zwei betrunkenen, schmutzigen Leute nur ein Mittel, um ihre viehische Lust daran zu stillen.

So pflegt es oft zu sein und wahrhaftig in unsrem Zeitalter scheint die Schönheit dazu bestimmt, niedergetreten und mißachtet zu werden.

Peredonoff lachte tierisch, wie er seine Freundin nackt vor sich stehen sah.

Die ganze Nacht über träumte er von nackten Frauenleibern.

 

Warwara glaubte, daß die Einreibungen mit Nesseln, welche sie auf den Rat der Prepolowenskaja anwandte, erfolgreich gewesen wären. Es schien ihr, als sei sie plötzlich voller geworden.

Alle ihre Bekannten fragte sie:

„Nicht wahr, ich nehme doch zu?“

Und sie dachte im stillen, daß Peredonoff sie nunmehr unbedingt heiraten würde; er mußte doch sehen, wie sie dicker wurde, und dann würde er außerdem den gefälschten Brief erhalten.

Peredonoff war lange nicht so hoffnungsfreudig. Er war überzeugt, daß der Direktor ihm feindlich gesinnt wäre — und in der Tat der Direktor des Gymnasiums hielt Peredonoff für einen trägen und unfähigen Lehrer. Peredonoff seinerseits dachte, der Direktor gäbe den Schülern Instruktionen, ihn zu mißachten, — das war natürlich Peredonoffs eigene grundlose Erfindung. Immerhin festigte das in Peredonoff die Ueberzeugung, er habe sich vor dem Direktor in acht zu nehmen. Aus Bosheit machte er sich des öfteren in den höheren Klassen über seinen Vorgesetzten lustig, und einer ganzen Reihe von Schülern gefiel das.

Jetzt, wo Peredonoff den Plan hatte, Inspektor zu werden, wurde ihm dieses unfreundliche Verhalten des Direktors doppelt unangenehm.

Gesetzt den Fall, die Fürstin legte sich ins Mittel, so schlägt ihre Protektion die Ränke des Direktors nieder. Immerhin schien das Spiel nicht ungefährlich.

Außerdem glaubte Peredonoff in den letzten Tagen noch anderen Leuten begegnet zu sein, welche ihm nicht wohlwollten und nur zu gerne seine Hoffnungen auf den Inspektorposten zerstört hätten.

Zum Beispiel Wolodin: nicht umsonst redet er immer wieder vom Inspektor in spe. Auch hat es Fälle gegeben, daß Menschen sich einfach fremde Namen beilegten und ganz lustig in den Tag hineinlebten.

Freilich, so direkt sich in Peredonoffs Rolle hereinzufinden, dürfte dem Wolodin schwer fallen, doch war Wolodin trotz seiner Dummheit in seinen Einfällen unberechenbar. Und es ist ratsam, sich vor einem bösen Menschen in acht zu nehmen.

Ferner die Rutiloffs, die Werschina mit ihrer Martha, schon aus Neid Parteigenossen, alle sind sie froh ihm zu schaden. Wie ließ sich das anstellen? Sehr einfach, man schwärzt ihn bei den Vorgesetzten an und erklärt, er sei ein unzuverlässiger Mensch.

So kam es, daß Peredonoff sich um zweierlei sorgte; erstens mußte seine Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben sein, und zweitens mußte er sich vor Wolodin schützen, indem er ihm eine reiche Heirat vermittelte.

Eines schönen Tages fragte er Wolodin:

„Willst du — ich werde für dich bei Fräulein Adamenko anhalten? Oder trauerst du noch um Martha? Ein Monat dürfte doch genügt haben, deinen Gram zu stillen.“

„Warum soll ich um Martha trauern,“ antwortete Wolodin, „ich habe ihr einen ehrenvollen Antrag gemacht, wenn sie aber nicht will, so ist das nicht meine Schuld. Ich werde auch eine andere kriegen, oder sollte sich tatsächlich keine einzige Braut für mich finden? Gott, so was kriegt man doch an jeder Straßenecke.“

„Ja, aber die Martha hat dich doch abgekorbt,“ neckte Peredonoff.

„Ich weiß nicht, was für einen Bräutigam sie erwartet,“ sagte Wolodin beleidigt. „Hätte sie wenigstens eine große Mitgift, aber so —! .. Sie hat sich in dich vernarrt, Ardalljon Borisowitsch.“

Peredonoff gab ihm einen Rat:

„An deiner Stelle würde ich ihre Pforte mit Teer beschmieren.“[5]

Wolodin kicherte, beruhigte sich aber gleich und sagte:

„Wenn man mich klappt, so wird es Unannehmlichkeiten geben.“

„Du brauchst es ja nicht selber zu tun; miete dir doch irgend jemand,“ sagte Peredonoff.

„Bei Gott, es wäre eine gerechte Strafe,“ sagte Wolodin begeistert, „denn wenn sie nicht eine richtige Heirat eingehen will, indessen aber bei Nacht junge Leute durchs Fenster in ihr Zimmer läßt, — so hört doch alles auf. Solche Menschen haben weder Schamgefühl noch Gewissen.“