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Der König der dunklen Kammer

Chapter 12: X.
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About This Book

The play stages a royal court where the sovereign withdraws from public view, prompting citizens to speculate while palace life continues. Public scenes show gossip, ritual and comic exchanges; interior moments focus on a queen's private yearning and an intimate, almost mystical bond with the unseen ruler. Through lyrical speeches, choral passages and episodic scenes, the drama contrasts outward authority and inner devotion, probing secrecy, faith and the burdens of power on personal feeling. Its structure alternates street-level bustle and enclosed chamber sequences, blending political allegory with spiritual meditation rather than conventional spectacle.

IX.

Der König von Kanya Kubja, Vater von Sudarschana, und sein Minister.

König von Kanya Kubja

Ich hörte alles vor ihrer Ankunft.

Minister

Die Prinzessin wartet allein außerhalb der Stadttore am Ufer des Flusses. Soll ich Leute senden, um sie zu Hause willkommen zu heißen?

König von Kanya Kubja

Wie! Für sie, die treulos ihren Gatten verlassen hat — da willst du ihre Schmach und Schande in aller Welt ausposaunen und ein Schaustück für sie in Szene setzen?

Minister

Soll ich dann Anordnungen treffen, um ihr eine Wohnung im Palaste herzurichten?

König von Kanya Kubja

Du wirst nichts der Art tun. Sie hat ihren Platz als Königin aus eigenem Entschluß verlassen — hier wird sie als Magd arbeiten müssen, wenn sie in meinem Hause zu bleiben wünscht.

Minister

Es wird schwer und bitter für sie sein, Euer Hoheit.

König von Kanya Kubja

Wenn ich versuche, sie vor Leiden zu bewahren, dann bin ich nicht wert, ihr Vater zu sein.

Minister

Ich werde alles ordnen, wie Ihr wünscht, Euer Hoheit.

König von Kanya Kubja

Es soll verborgen bleiben, daß sie meine Tochter ist, sonst geraten wir alle in ein entsetzliches Unheil.

Minister

Warum fürchtet Ihr Unheil davon, Euer Hoheit?

König von Kanya Kubja

Wenn das Weib vom rechten Weg abweicht, dann erscheint sie mit dem furchtbaren Unheil beladen. Du weißt nicht, welche tödliche Furcht diese meine Tochter mir eingeflößt hat — sie ist heimgekommen, beladen mit Schrecknis und Gefahr.


X.

Innere Gemächer des Palastes.

Sudarschana und Surangama.

Sudarschana

Geh fort von mir, Surangama! Ein tödlicher Zorn rast in mir — ich kann niemanden ertragen — es macht mich wild, dich so geduldig und unterwürfig zu sehn.

Surangama

Auf wen bist du zornig?

Sudarschana

Ich weiß nicht; aber ich möchte alles vernichtet und unter Trümmern und Elend begraben sehn! In einem Augenblick verließ ich meinen Platz als Königin auf dem Thron. Gab ich alles hin, um mich in dieser düsteren Höhle als Sklavin abzuplagen? Warum flammen für mich nicht die Fackeln der Trauer über die ganze Welt? Warum zittert und bebt nicht die Erde? Ist mein Sturz nicht mehr als das unbemerkte Fallen der armseligen Bohnenblüte? Ist er nicht eher wie der Fall eines glühenden Sternes, dessen flammende Lohe den Himmel in Stücke reißt?

Surangama

Ein mächtiger Wald raucht und glimmt innen, ehe er in Flammen ausbricht: die Zeit ist noch nicht gekommen.

Sudarschana

Ich habe Ehre und Ruhm einer Königin in Staub und Winde gestreut — aber gibt es keinen Menschen, der kommen will, um meine trostlose Seele hier zu besuchen? Allein — oh, ich bin furchtbar, grauenvoll allein!

Surangama

Du bist nicht allein.

Sudarschana

Surangama, ich will nichts vor dir verbergen. Als er den Palast in Flammen setzte, konnte ich nicht auf ihn böse sein. Eine große innere Freude machte mein Herz erzittern. Was für ein staunenswürdiges Verbrechen! Was für eine glorreiche Kühnheit! Dieser Mut machte mich stark und befeuerte meine Lebensgeister. Diese furchtbare Freude gab mir die Kraft, in einem Nu alles hinter mir zu lassen. Aber ist das alles nur meine Einbildung? Warum ist nirgends ein Zeichen zu sehen, daß er kommt?

Surangama

Der, an den du denkst, hat den Palast nicht in Brand gesteckt — der König von Kantschi tat es.

Sudarschana

Der Feigling! Aber ist es möglich? So schön, so bezaubernd, und doch keine Mannheit in ihm! Hab ich mich selbst betrogen um so eines wertlosen Geschöpfes willen? O Schmach! Pfui über mich!... Aber Surangama, meinst du nicht, dein König hätte doch kommen müssen, um mich zurückzuholen!

(Surangama verharrt in Schweigen.)

Du meinst, ich brenne darauf, zurückzukehren? Niemals. Selbst wenn der König in Wirklichkeit käme, ginge ich nicht zurück. Nicht ein einziges Mal verbot er mir fortzugehn, und ich fand alle Tore weit geöffnet, um mich hinauszulassen! Und die steinige, staubige Straße, auf der ich wanderte — es war ihr nichts, daß eine Königin auf ihr schritt. Sie ist hart und gefühllos, wie dein König; der niedrigste Bettler gilt ihr ebensoviel wie die höchste Königin. Du schweigst! Nun, ich sage dir, deines Königs Benehmen ist — niedrig, roh, schmählich!

Surangama

Jeder weiß, daß mein König hart und unbarmherzig ist — niemand ist je imstande gewesen, ihn zu rühren.

Sudarschana

Warum rufst du dann zu ihm bei Tag und bei Nacht?

Surangama

Möge er immer hart und unnachgiebig bleiben wie Stein — mögen meine Tränen und Bitten ihn nie bewegen! Mögen die Leiden nur immer mein Teil sein und möge Ruhm und Sieg ihm immerdar bleiben!

Sudarschana

Surangama, sieh! Eine Staubwolke scheint dort drüben über den Feldern am östlichen Horizont aufzusteigen.

Surangama

Ja, ich sehe es.

Sudarschana

Ist das nicht wie das Banner eines Streitwagens?

Surangama

In der Tat, es ist ein Banner.

Sudarschana

Dann kommt er. Er ist endlich gekommen.

Surangama

Wer kommt?

Sudarschana

Unser König — wer sonst! Wie könnte er ohne mich leben! Es ist ein Wunder, wie er nur diese Tage her aushalten konnte.

Surangama

Nein, nein, das kann nicht der König sein.

Sudarschana

„Nein”, in der Tat! Als ob du alles wüßtest! Dein König ist hart, kalt, unbarmherzig, nicht wahr? Wir wollen sehen, wie hart er sein kann. Ich wußte von Anfang an, daß er kommen würde — daß er hinter mir herlaufen müßte. Aber erinnere dich, Surangama, ich habe ihn nicht ein einziges Mal gebeten, daß er käme. Du wirst sehen, wie ich deinen König dazu bringe, mir seine Niederlage zu bekennen! Geh nur hinaus, Surangama, und laß mich alles wissen.

Surangama geht hinaus.

Aber werde ich gehen, wenn er kommt und mich bittet, mit ihm zurückzukehren? Gewiß nicht! Ich will nicht gehen! Niemals!

Surangama kommt zurück.

Surangama

Es ist nicht der König, meine Königin.

Sudarschana

Nicht der König? Bist du ganz sicher? Wie! er ist noch nicht gekommen?

Surangama

Nein, mein König wirbelt nie soviel Staub auf, wenn er kommt. Niemand kann wissen, wann er überhaupt kommt.

Sudarschana

Dann ist es —

Surangama

Eben der: er kommt mit dem König von Kantschi.

Sudarschana

Weißt du, wie er heißt?

Surangama

Er heißt Suvarna.

Sudarschana

Er ist es also. Ich dachte: „Ich liege hier gleich weggeworfenen Schlacken und Kehricht, die keiner auch nur anrühren mag.” Aber mein Held kommt nun, mich zu befreien. Hast du Suvarna früher gekannt?

Surangama

Als ich bei meinem Vater zu Hause war, in der Spielhölle —

Sudarschana

Nein, nein, du sollst mir nichts von ihm sagen, ich will nichts hören. Er ist mein Held, meine einzige Rettung. Ich werde ihn kennenlernen, ohne daß du mir Geschichten von ihm erzählst. Aber sieh nur, ein netter Mann ist dein König! Er ließ sich nicht einfallen, zu kommen, um mich selbst aus dieser Entwürdigung zu retten. Danach kannst du mich nicht tadeln. Sollte ich mein Leben lang hier auf ihn warten und mich schimpflich wie eine Leibeigene abplagen? Nie werde ich Demut und Unterwürfigkeit üben wie du.


XI.

Lager.

Kantschi

Zu Kanya Kubja's Boten.

Sage deinem König, daß er uns nicht gerade als seine Gäste zu empfangen braucht. Wir sind auf dem Weg zurück zu unsern Königreichen, aber wir verweilen, um die Königin Sudarschana aus der Knechtschaft und Entwürdigung zu befreien, zu der sie hier verdammt ist.

Bote

Euer Hoheit, Ihr werdet Euch erinnern, daß die Prinzessin in ihres Vaters Hause ist.

Kantschi

Eine Tochter kann nur solange im Heim ihres Vaters bleiben, als sie unvermählt ist.

Bote

Aber ihre Beziehungen zur Familie ihres Vaters bleiben unverändert bestehen.

Kantschi

Sie hat jetzt all solchen Verwandtschaftsbanden entsagt.

Bote

Solcher Verwandtschaft, Euer Hoheit, kann diesseits des Grabes niemals entsagt werden: sie mag zu Zeiten außer Kraft treten, kann jedoch nie ganz abgebrochen werden.

Kantschi

Entschließt sich der König nicht, mir seine Tochter auf friedlichem Wege herauszugeben, so wird mich das Gebot der Ritterpflicht nötigen, Gewalt anzuwenden. Du kannst das für mein letztes Wort nehmen.

Bote

Euer Hoheit wollen nicht vergessen, daß auch unser König an die Ritterpflicht gebunden ist. Ihr erwartet umsonst, daß er seine Tochter nur auf eure Drohungen hin ausliefern wird.

Kantschi

Sag deinem König, daß ich auf solch eine Antwort gefaßt war, als ich herkam.

Der Bote geht ab.

Suvarna

König von Kantschi, es scheint mir, daß wir zu viel wagen.

Kantschi

Was für ein Vergnügen böte dieses Abenteuer, wenn es anders wäre?

Suvarna

Es braucht nicht viel Mut, Kanya Kubja zum Kampf herauszufordern — aber...

Kantschi

Wenn du erst anfängst, dich vor „Aber” zu fürchten, wirst du in dieser Welt kaum einen Platz finden, der sicher genug für dich ist.

Ein Soldat tritt auf.

Soldat

Euer Hoheit! ich habe soeben die Kunde erhalten, daß die Könige von Koschala, Avanti und Kalinga mit ihren Heerscharen des Wegs kommen. (Ab.)

Kantschi

Gerade, was ich fürchtete! Die Nachricht von Sudarschanas Flucht hat sich überall verbreitet; jetzt wird man sich von allen Seiten um sie reißen und schließlich wird alles in Rauch aufgehn.

Suvarna

Es führt nun zu nichts, Euer Hoheit. Das sind keine guten Nachrichten. Ich bin völlig gewiß, daß unser König selbst insgeheim die Kunde allenthalben verbreitet hat.

Kantschi

Nun, was soll ihm das nützen?

Suvarna

Die Gierigen werden einander in der allgemeinen Eifersucht in Stücke reißen — und er wird sich die Lage zunutze machen, die Beute heimzuführen.

Kantschi

Nun wird es klar, warum euer König sich nie sehen läßt. Sein Kniff ist, sich auf allen Seiten zu vervielfachen — die Furcht sieht ihn allenthalben. Aber ich will dabei bleiben, daß euer König von Kopf zu Fuß nichts als eitel Schwindel ist.

Suvarna

Aber bitte, Euer Hoheit, wollt Ihr die Güte haben, mich zu entlassen?

Kantschi

Ich kann dich nicht gehen lassen — ich habe noch eine Verwendung für dich in dieser Sache.

Ein Soldat tritt auf.

Soldat

Euer Hoheit, Virat, Pantschal und Vidarbha sind auch gekommen. Sie haben auf der andern Seite des Flusses ihr Lager aufgeschlagen. (Ab.)

Kantschi

Im Anfang müssen wir alle vereinigt kämpfen. Ist erst die Schlacht mit Kanya Kubja vorbei, so werden wir schon einen Weg aus der Schwierigkeit finden.

Suvarna

Bitte, zieht mich nicht mit Gewalt in Eure Pläne — ich werde glücklich sein, wenn Ihr mich mir selbst überlaßt — ich bin ein armes, niedriges Geschöpf — nichts kann —

Kantschi

Sieh einmal an, König der Heuchler, Mittel und Wege sind nie von so hohem Range — Straßen und Stufen und so weiter sind stets dazu da, mit den Füßen getreten zu werden. Der Vorteil, wenn wir Männer deiner Art in unsern Plänen verwenden, ist, daß wir keine Maske oder Täuschung nötig haben. Wenn ich mich aber mit meinem Minister zu beraten hätte, wäre es unsinnig, wollte ich dem Diebstahl einen weniger würdigen Namen geben als Gemeinwohl. Ich will jetzt gehn und die Fürsten in Bewegung setzen wie Bauern auf dem Schachbrett; das Spiel ist nicht möglich, wenn all die Schachfiguren sich wie Könige bewegen wollen!


XII.

Inneres des Palastes.

Sudarschana

Geht die Schlacht noch fort?

Surangama

So heftig wie je.

Sudarschana

Ehe er zur Schlacht aufbrach, kam mein Vater zu mir und sagte: „Du bist von einem König fortgelaufen, aber du hast sieben Könige dir nachgezogen; ich habe Lust, dich in sieben Stücke zu schneiden und sie unter die Fürsten zu verteilen.” Es wäre gut gewesen, wenn er es getan hätte. — Surangama!

Surangama

Ja?

Sudarschana

Wenn dein König die Macht hätte, mich zu retten, könnte mein jetziger Zustand ihn ungerührt gelassen haben?

Surangama

Meine Königin, warum fragst du mich? Habe ich die Macht, für meinen König zu antworten? Ich weiß, mein Verstand ist nicht hell; darum wage ich nie über ihn zu urteilen.

Sudarschana

Wer ist alles an diesem Kampf beteiligt?

Surangama

Alle sieben Fürsten.

Sudarschana

Sonst keiner?

Surangama

Suvarna machte den Versuch zu entfliehen — insgeheim, ehe der Kampf anfing —, aber Kantschi hat ihn als Gefangenen in seinem Lager verwahrt.

Sudarschana

Oh, ich hätte vor langer Zeit sterben sollen! Aber, o König, mein König, wenn du gekommen wärest und hättest meinem Vater geholfen, dein Ruhm wäre darum nicht geringer! Er wäre strahlender und höher geworden. Bist du ganz gewiß, Surangama, daß er nicht gekommen ist?

Surangama

Ich weiß nichts sicher.

Sudarschana

Aber seit ich hier bin, hatte ich plötzlich manchmal die Empfindung, als ob jemand unter meinem Fenster auf einer Laute spielte.

Surangama

Es wäre nicht undenkbar, daß jemand dort seiner Liebe zur Musik frönt.

Sudarschana

Es ist dort ein dichtes Gebüsch unter meinem Fenster — ich versuche jedesmal, wenn ich die Musik höre, herauszubekommen, wer es ist, aber ich kann nichts deutlich unterscheiden.

Surangama

Vielleicht ruht ein Wanderer im Schatten und spielt auf dem Instrument.

Sudarschana

Es mag sein, aber mein altes Fenster im Palast kommt mir ins Gedächtnis zurück. Ich kam gewöhnlich hin, nachdem ich mich abends umgekleidet hatte, und stand an meinem Fenster, und aus dem blinden Dunkel des lichtlosen Ortes unsrer Begegnungen strömten dann Akkorde und Gesänge und Melodien heraus und tanzten und zitterten in endloser Folge und überfließender Verschwendung, wie die leidenschaftliche Überschwänglichkeit eines unversieglichen Springquells.

Surangama

O tiefes, holdes Dunkel! Geheimnisvolles Dunkel, dessen Dienerin ich war!

Sudarschana

Warum gingst du mit mir fort aus jenem Gemach?

Surangama

Weil ich wußte, er würde uns folgen und uns zurückholen.

Sudarschana

Aber nein, er wird nicht kommen — er hat uns für immer verlassen. Warum sollte er nicht?

Surangama

Wenn er uns dergestalt verlassen kann, dann bedürfen wir seiner nicht. Dann ist er für uns nicht da: dann ist jene dunkle Kammer völlig leer und öde — keine Laute hauchte dort je ihre Musik — niemand rief dich oder mich in jenem Gemach; dann ist alles ein Trug gewesen und ein eitler Traum.

Der Türhüter tritt auf.

Sudarschana

Wer bist du?

Türhüter

Ich bin der Pförtner dieses Palastes.

Sudarschana

Sag mir rasch, was du zu sagen hast.

Türhüter

Unser König ist gefangen genommen worden.

Sudarschana

Gefangen? O Mutter Erde!

Sie wird ohnmächtig.


XIII.

König von Kantschi und Suvarna.

Suvarna

Ihr sagt also, daß keine Notwendigkeit irgendeines Kampfes unter euch selbst mehr besteht?

Kantschi

Nein, du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe alle Fürsten dazu gebracht, sich einverstanden zu erklären, daß der, den die Königin als Gemahl erwählt, sie bekommen soll, und die andern werden auf jeden weiteren Kampf verzichten.

Suvarna

Doch dann braucht Ihr mich nicht mehr, Euer Hoheit — so flehe ich Euch an: entlaßt mich jetzt. Untauglich wie ich zu allem bin, hat die Furcht vor drohender Gefahr mich entnervt und meinen Verstand betäubt. Es wird Euch daher schwer fallen, mich irgendwie zu verwenden.

Kantschi

Du wirst dasitzen und mir als Schirmträger dienen.

Suvarna

Euer Diener ist zu allem bereit; aber was für einen Nutzen wird Euch das bringen?

Kantschi

Mann, ich sehe, daß dein Verstand zu schwach ist, um mit einem hohen Ehrgeiz zusammenzugehen. Du hast noch nicht bemerkt, mit welcher Gunst die Königin auf dich gesehen hat. Schließlich kann sie in einer Gesellschaft von Fürsten einem Schirmträger nicht gut den Brautkranz um den Nacken legen, und doch, ich weiß, sie wird nicht imstande sein, ihren Sinn von dir abzuwenden. So wird auf jeden Fall dieser Kranz unter den Schatten meines königlichen Schirmes fallen.

Suvarna

Euer Hoheit, Ihr hegt, was mich angeht, gefährliche Phantasien. Ich bitte Euch inständig, verwickelt mich nicht in die Netze so grundloser Vorstellungen. Ich bitte Euer Hoheit ganz demütig, setzt mich in Freiheit.

Kantschi

Sowie mein Ziel erreicht ist, werde ich dir nicht einen Augenblick mehr deine Freiheit vorenthalten. Ist erst der Zweck erreicht, so ist es unnütz, sich mit den Mitteln zu beschweren.


XIV.

Sudarschana und Surangama am Fenster.

Sudarschana

Muß ich also in die Versammlung der Fürsten gehn? Gibt es kein anderes Mittel, meines Vaters Leben zu retten?

Surangama

Der König von Kantschi hat es gesagt.

Sudarschana

Sind das Worte, die eines Königs würdig sind? Sagte er das mit seinem eigenen Munde?

Surangama

Nein, sein Bote, Suvarna, brachte die Nachricht.

Sudarschana

Weh, weh über mich!

Surangama

Und er zog ein paar verwelkte Blumen hervor und sagte: „Sag deiner Königin, daß diese Andenken an das Frühlingsfest, je trockener und verwelkter sie werden, um so frischer und blühender in meinem Herzen wachsen.”

Sudarschana

Halt ein! Sag mir nichts mehr. Foltre mich nicht länger.

Surangama

Sieh! Da sitzen die Fürsten alle in der großen Versammlung. Der keinen Schmuck an sich hat, außer dem einzigen Blumenkranz um seine Krone — das ist der König von Kantschi. Und der den Schirm über sein Haupt hält und hinter ihm steht — das ist Suvarna.

Sudarschana

Ist das Suvarna? Bist du ganz sicher?

Surangama

Ja, ich kenne ihn gut.

Sudarschana

Ist es möglich, daß das der Mann ist, den ich damals sah? Nein, nein — ich sah etwas, das war gemischt aus Licht und Dunkel, aus Windhauch und Duft — nein, nein, er kann es nicht sein; das ist er nicht.

Surangama

Aber alle geben zu, daß er ausnehmend schön ist.

Sudarschana

Wie konnte diese Schönheit mich bezaubern? Oh, was soll ich tun, um meine Augen von der Befleckung zu reinigen?

Surangama

Du wirst sie in jenem unergründlichen Dunkel baden müssen.

Sudarschana

Aber sage mir, Surangama, warum begeht man solche Fehler?

Surangama

Fehler sind nur die Vorspiele zu ihrer eigenen Vernichtung.

Bote (eintretend)

Prinzessin, die Könige warten in der Halle auf Euch.

Ab.

Sudarschana

Surangama, bring mir den Schleier. (Surangama geht hinaus.) O König, mein einziger König! Du hast mich allein gelassen, und du hast ganz recht daran getan. Aber willst du nicht die innerste Wahrheit meiner Seele erfahren?

Sie holt einen Dolch aus ihrem Busen hervor.

Dieser mein Leib hat einen Flecken bekommen — ich werde ihn heute im Staub der Halle, vor all diesen Fürsten, zum Opfer bringen! Aber werde ich dir nie sagen können, daß die geheime Kammer meines Herzens durch keine Treulosigkeit befleckt ist? Die dunkle Kammer, wo du mich zu besuchen pflegtest, liegt heute kalt und leer in meinem Busen — doch, o mein Herr! keiner hat ihre Tore geöffnet, keiner ist in sie eingegangen als du, o König! Wirst du nie mehr kommen, um diese Tore zu öffnen? Dann laß den Tod kommen, denn er ist dunkel wie du, und seine Züge sind schön wie deine. Er ist du — du bist es selbst, o König!


XV.

Die Versammlung der Fürsten.

Vidarbha

König von Kantschi, wie kommt es, daß du nicht ein einziges Schmuckstück an dir hast?

Kantschi

Weil ich gar keine Hoffnungen hege, mein Freund. Schmuckstücke würden die Schmach meiner Niederlage nur verdoppeln.

Kalinga

Aber dein Schirmträger scheint sich dafür ausstaffiert zu haben — er ist über und über mit Gold und Edelsteinen beladen.

Virat

Der König von Kantschi will die Nutzlosigkeit und Minderwertigkeit äußerer Schönheit und Pracht dartun. Die Eitelkeit auf seine Mannestugenden hat ihn vermocht, alle äußeren Verschönerungen von seinen Gliedern zu entfernen.

Koschala

Ich verstehe seine List schon; er sucht seine eigene Würde zu zeigen, indem er unter den mit Edelsteinen übersäten Fürsten eine strenge Einfachheit betont.

Pantschala

Ich kann seine Klugheit in dieser Sache nicht rühmen. Alle Welt weiß, daß die Augen eines Weibes wie eine Motte sind, sie stürzen Hals über Kopf auf das Gefunkel und Geglitzer von Gold und Steinen.

Kalinga

Aber wie lange sollen wir noch warten?

Kantschi

Werde nicht ungeduldig, König von Kalinga — je später die Ernte, desto süßer die Frucht.

Kalinga

Wäre ich der Frucht sicher, so könnte ich es aushalten. Weil jedoch meine Hoffnung, die Frucht zu schmecken, äußerst zweifelhaft ist, will sich meine Begier, ihren Anblick zu genießen, nicht zügeln lassen.

Kantschi

Aber du bist noch jung — aufgegebene Hoffnung kommt in deinen Jahren wieder und wieder zu dir zurück wie ein schamloses Weib: wir indessen haben diese Stufe lange hinter uns.

Koschala

Kantschi, spürtest du nicht jetzt eben etwas, als ob jemand an deinem Sessel rüttelte? Ist es ein Erdbeben?

Kantschi

Erdbeben? Ich weiß nichts davon.

Vidarbha

Oder vielleicht zieht noch ein Fürst mit seinen Bewaffneten daher.

Kalinga

Es spricht nichts gegen deine Vermutung, nur hätten wir dann vorher die Nachricht erst von einem Herold oder Boten vernehmen müssen.

Vidarbha

Ich kann dies nicht für ein Zeichen guter Vorbedeutung nehmen.

Kantschi

Dem Auge der Furcht sieht alles wie schlechte Vorbedeutung aus.

Vidarbha

Ich fürchte keinen außer dem Schicksal, vor dem Tapferkeit oder Heldenmut so unnütz wie sinnlos ist.

Pantschala

Vidarbha, wirf mit deinen unangenehmen Voraussagungen nicht einen Schatten auf die glücklichen Geschehnisse dieses Tages!

Kantschi

Ich ziehe nie das Unsichtbare in Rechnung, bis es sichtbar geworden ist.

Vidarbha

Aber dann könnte es zu spät sein, etwas zu tun.

Pantschala

Sind wir nicht alle in einem besonders verheißungsvollen Augenblick ans Werk gegangen!?

Vidarbha

Glaubst du dadurch, daß du in verheißungsvollen Augenblicken ans Werk gehst, gegen jede mögliche Gefahr versichert zu sein? Es sieht aus, als ob —

Kantschi

Du würdest besser das „Als ob” zu Hause lassen: es ist zwar unsre eigene Schöpfung, erweist sich aber oft als unser Verderben und Untergang.

Kalinga

Ist da nicht Musik irgendwo draußen?

Pantschala

Ja, es klingt wirklich wie Musik.

Kantschi

Dann muß es endlich die Königin Sudarschana sein, die naht. (Beiseite zu Suvarna.) Suvarna, du mußt dich nicht so hinter mir ducken und dich verstecken. Gib acht, der Schirm in deiner Hand zittert ja!

Großvater tritt ein, in kriegerischer Rüstung.

Kalinga

Wer ist das? — Wer bist du?

Pantschala

Wer ist es, der wagt, uneingeladen in diese Halle zu treten?

Virat

Unerhörte Frechheit! Kalinga, hindre doch den Kerl, näher heranzukommen.

Kalinga

Ihr seid alle älter als ich — ihr seid berufener das zu tun, als ich.

Vidarbha

Wir wollen hören, was er zu sagen hat.

Großvater

Der König ist gekommen.

Vidarbha (aufspringend)

Der König?

Pantschala

Welcher König?

Kalinga

Woher kommt er?

Großvater

Mein König!

Virat

Dein König?

Kalinga

Wer ist das?

Koschala

Was meinst du?

Großvater

Ihr wißt alle, wen ich meine. Er ist gekommen.

Vidarbha

Er ist gekommen?

Koschala

In welcher Absicht?

Großvater

Er ladet euch alle vor sich.

Kantschi

Ladet uns vor, wahrhaftig? Und in welcher Form hat es ihm beliebt, uns vorzuladen?

Großvater

Ihr könnt seinen Ruf auf jede Art nehmen, ganz nach Belieben — niemand wird euch hindern — er ist auf jede Art der Begrüßung gerüstet, um jedem Geschmack zu genügen.

Virat

Aber wer bist du?

Großvater

Ich bin einer seiner Generale.

Kantschi

General! Eine Lüge ist es! Denkst du, uns zu schrecken? Bildest du dir ein, ich könnte nicht durch deine Verkleidung hindurchsehen? Wir kennen dich alle gut — und du spielst dich vor uns als „General” auf!

Großvater

Du hast mich ganz richtig erkannt. Wer ist so unwürdig wie ich, Träger der Befehle meines Königs zu sein? Und doch ist er es, der mich mit dieser Generalsrüstung bekleidet und hierher gesandt hat; er hat mich vor größeren Generalen und mächtigeren Kriegern erwählt.

Kantschi

Schon gut, wir werden bei geeigneter Gelegenheit kommen und bezeigen, was Schicklichkeit und Freundwilligkeit erfordern — aber gegenwärtig sind wir mitten in einem dringenden Geschäft. Er wird warten müssen, bis diese kleine Angelegenheit erledigt ist.

Großvater

Wenn er seinen Ruf ergehen läßt, wartet er nicht.

Koschala

Ich gehorche seinem Ruf; ich gehe sofort.

Vidarbha

Kantschi, ich kann deinem Vorschlag, zu warten, bis diese Angelegenheit erledigt ist, nicht zustimmen. Ich gehe.

Kalinga

Ihr seid älter als ich — ich folge euch.

Pantschala

Sieh hinter dich, Fürst von Kantschi, dein königlicher Schirm liegt im Staub: du hast nicht beachtet, wie dein Schirmträger sich fortgestohlen hat.

Kantschi

Wohlan, General. Auch ich gehe — aber nicht, um ihm Huldigung zu leisten. Ich gehe, auf dem Schlachtfeld mit ihm zu kämpfen.

Großvater

Du wirst meinen König auf dem Schlachtfeld treffen: das ist kein unwürdiger Platz für deinen Empfang.

Virat

Gebt acht, Freunde, vielleicht fliehen wir alle vor einem Schreckgespenst — es sieht so aus, als ob der König von Kantschi den Vorteil davon haben sollte.

Pantschala

Kann sein, wenn die Frucht so nahe winkt, ist es feige und töricht, fortzugehen, ohne sie zu pflücken.

Kalinga

Es ist besser, sich dem König von Kantschi anzuschließen. Er muß einen bestimmten Plan und Zweck haben, wenn er soviel wagt.


XVI.

Sudarschana und Surangama.

Sudarschana

Der Kampf ist nun aus. Wann wird der König kommen?

Surangama

Ich weiß es selbst nicht: ich sehe auch seinem Kommen entgegen.

Sudarschana

Mein Herz pocht so wild vor Freude, Surangama, daß mir die Brust tatsächlich weh tut. Aber ich sterbe auch fast vor Scham; wie soll ich ihm mein Gesicht zeigen?

Surangama

Geh zu ihm in äußerster Demut und Entsagung, und alle Scham wird im Nu verschwinden.

Sudarschana

Ich muß nun schon bekennen, daß ich die äußerste Demütigung für mein ganzes übriges Leben gefunden habe. Aber der Stolz war schuld, daß ich so lange den größten Anteil an seiner Liebe begehrte. Alle Welt sagte immer, ich besäße eine so wunderbare Schönheit, solche Reize und Tugenden; alle Welt sagte immer, der König zeigte unbegrenzte Güte gegen mich — das macht es für mich so schwer, mein Herz in Demut vor ihm zu beugen.

Surangama

Diese Schwierigkeit, meine Königin, wird vergehen.

Sudarschana

O ja, sie wird vergehen — der Tag ist für mich gekommen, mich vor der ganzen Welt zu demütigen. Aber warum kommt der König nicht, mich zurückzuholen? Worauf wartet er noch?

Surangama

Habe ich dir nicht gesagt, daß mein König grausam und hart ist — sehr hart fürwahr?

Sudarschana

Geh, Surangama, und bring' mir Nachricht von ihm.

Surangama

Ich weiß nicht, wohin ich gehen sollte, um etwas von ihm zu erfahren. Ich habe Großvater gebeten, zu kommen; vielleicht hören wir, wenn er kommt, etwas von ihm.

Sudarschana

Ach, mein böses Geschick! Es ist so weit mit mir gekommen, daß ich andre fragen muß, um etwas von meinem eignen König zu hören!

Großvater tritt ein.

Sudarschana

Ich habe gehört, daß du der Freund meines Königs bist, so laß mich dir Ehrfurcht bezeugen und gib mir deinen Segen.

Großvater

Was tust du, Königin? Ich nehme nie Ehrfurchtsbezeugungen an. Ich will nichts weiter als jedermanns Kamerad sein.

Sudarschana

So schenk mir denn ein freundlich Lächeln — gib mir gute Kunde. Sag mir, wann der König kommt, mich zurückzuholen.

Großvater

Du fragst mich eine schwere Frage, fürwahr! Ich verstehe noch kaum die Wege meines Freundes. Die Schlacht ist geschlagen, aber niemand kann sagen, wohin er gegangen ist.

Sudarschana

Ist er denn fortgegangen?

Großvater

Ich kann hier keine Spur von ihm finden.

Sudarschana

Ist er gegangen? Und nennst du solch einen deinen Freund?

Großvater

Deshalb schmähen und verdächtigen ihn die Leute. Aber mein König kümmert sich einfach nicht im geringsten darum.

Sudarschana

Ist er fortgegangen? Oh, oh, wie hart, wie grausam, wie grausam! Er ist aus Stein, er ist hart wie Diamant! Ich versuchte, ihn mit meinem Herzen zu bewegen — es ist zerrissen und blutet — aber ihn konnte ich nicht einen Zoll bewegen! Großvater, sag mir, wie kannst du mit solch einem Freund auskommen?

Großvater

Ich kenne ihn nun — ich habe ihn in meinen Leiden und Freuden kennengelernt — er kann mich nicht mehr zum Weinen bringen.

Sudarschana

Wird er sich mir nicht auch zu erkennen geben?

Großvater

Gewiß wird er das, natürlich. Er wird nicht eher ruhen.

Sudarschana

Wohlan denn, ich werde sehen, wie hart er sein kann! Ich werde hier am Fenster stehen, ohne ein Wort zu sagen; ich werde mich nicht einen Zoll von der Stelle rühren; ich will sehen, ob er nicht kommt!

Großvater

Du bist noch jung — du kannst es dir leisten, auf ihn zu warten; aber für mich alten Mann ist der Verlust eines Augenblicks eine Woche. Ich muß hinaus, ihn zu suchen, ob ich ihn finde oder nicht.

Ab.

Sudarschana

Ich brauche ihn nicht — ich will ihn nicht suchen! Surangama, ich bedarf deines Königs nicht! Warum kämpfte er mit den Fürsten? Geschah es überhaupt für mich? Wollte er sein Heldentum und seine Stärke zur Schau stellen? Geh fort von hier — ich kann deinen Anblick nicht ertragen. Er hat mich in den Staub erniedrigt und ist noch nicht zufrieden!


XVII.

Eine Schar von Bürgern.

Erster Bürger

Als so viele Könige zusammentrafen, dachten wir, es würde eine rechte Kurzweil für uns geben; aber irgendwie nahm alles eine solche Wendung, daß niemand weiß, was überhaupt geschehen ist!

Zweiter Bürger

Saht ihr nicht, daß sie untereinander zu keiner Verständigung kommen konnten? — jeder mißtraute dem andern.

Dritter Bürger

Keiner hielt sich an ihre ursprünglichen Pläne; einer wollte vorrücken, ein anderer hielt den Rückzug für die bessere Politik; einige wandten sich nach rechts, andere liefen Sturm nach links: wie kann man das eine Schlacht heißen?

Erster Bürger

Sie hatten keinen Sinn für wirklichen Kampf — jeder hatte seine Augen auf den andern.

Zweiter Bürger

Jeder dachte: „Warum sollte ich sterben, um es den andern zu ermöglichen, die Ernte einzuheimsen?”

Dritter Bürger

Aber ihr müßt alle zugeben: Kantschi kämpfte wie ein wirklicher Held.

Erster Bürger

Er schien noch lange, nachdem er geschlagen war, nicht gewillt, seine Niederlage anzuerkennen.

Zweiter Bürger

Zuletzt wurde ihm von einem tödlichen Wurfgeschoß die Brust durchbohrt.

Dritter Bürger

Aber vorher schien er nicht gewahren zu wollen, daß er bei jedem Schritt Boden verloren hatte.

Erster Bürger

Die andern Könige aber — nun, keiner weiß, wohin sie geflohen sind; den armen Kantschi ließen sie allein auf dem Feld.

Zweiter Bürger

Aber ich habe gehört, er sei noch nicht tot.

Dritter Bürger

Nein, die Ärzte haben ihn gerettet — aber er wird den Stempel seiner Niederlage bis zum Tag seines Todes auf der Brust tragen.

Erster Bürger

Keiner von den andern Königen, die flohen, ist entkommen; sie sind alle gefangengenommen worden. Aber was ist das für eine Sorte Justiz, die an ihnen geübt wurde?

Zweiter Bürger

Ich habe gehört, daß jeder bestraft wurde, mit Ausnahme von Kantschi, dem der Richter auf dem Thron der Gerechtigkeit den Platz zu seiner Rechten anwies und ihm eine Krone aufs Haupt setzte.

Dritter Bürger

So etwas Unfaßbares ist noch nicht dagewesen.

Zweiter Bürger

Diese Sorte Justiz, frei herausgesagt, kommt uns launisch und grillenhaft vor.

Erster Bürger

So ist es. Der größte Sünder ist ganz gewiß der König von Kantschi; die andern trieb einmal Gewinngier vorwärts, und das andre Mal zog sie die Furcht zurück.

Dritter Bürger

Was für eine Sorte Justiz ist das, frage ich? Es ist, wie wenn der Tiger ungestraft davonkäme, während sein Schwanz abgeschnitten würde.

Zweiter Bürger

Wenn ich der Richter wäre, glaubt ihr, Kantschi liefe zur Stunde heil und gesund herum? Nicht das geringste wäre mehr von ihm übrig.

Dritter Bürger

Das sind große Oberrichter, Freunde; ihre Gehirne haben ein andres Gepräge wie unsre.

Erster Bürger

Haben sie überhaupt ein Hirn, möcht' ich wissen? Sie frönen einfach ihren Launen, da keiner über ihnen ist, der ihnen etwas sagen dürfte.

Zweiter Bürger

Ihr könnt sagen, was ihr wollt, wenn die Regierungsgewalt in unsern Händen wäre, hätten wir sicher die Regierung besser geführt als so.

Dritter Bürger

Kann darüber überhaupt noch Zweifel bestehen? Das versteht sich natürlich von selbst.


XVIII.

Die Straße. Großvater und Kantschi.

Großvater

Wie, Fürst von Kantschi, du hier?

Kantschi

Dein König hat mich auf die Straße geschickt.

Großvater

Das ist eine stehende Gewohnheit bei ihm.

Kantschi

Und nun kann niemand eine Spur von ihm erblicken.

Großvater

Auch das gehört zu seinen Vergnügungen.

Kantschi

Aber wie lange will er mir noch so ausweichen? Als nichts mich dazu bringen konnte, ihn als meinen König anzuerkennen, kam er plötzlich daher wie ein schrecklich gewaltiger Sturm — Gott weiß, woher — und zersprengte meine Leute und Pferde und Banner in einen einzigen wilden Aufruhr: nun aber, wo ich die Grenzen der Erde absuche, um ihm meine demütige Huldigung zu erweisen, ist er nirgends zu sehen.

Großvater

Aber wie groß er als König auch sein mag, er hat sich dem zu fügen, der sich unterwirft. Aber warum bist du bei Nacht hinausgewandert, Fürst?

Kantschi

Ich kann ein geheimes Gefühl der Angst noch nicht loswerden, die Leute könnten mich auslachen, wenn sie sehen, wie ich euerm König demütig meine Huldigung darbringe und meine Niederlagen anerkenne.

Großvater

So sind die Leute in der Tat. Was andre zu Tränen rühren würde, dient nur dazu, ihr leeres Lachen hervorzurufen.

Kantschi

Aber du bist auch auf der Straße, Großvater.

Großvater

Ich bin auf der fröhlichen Pilgerfahrt zu dem Land, wo man alles verliert.

Gesang des Großvaters