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Der König der dunklen Kammer

Chapter 21: XIX.
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About This Book

The play stages a royal court where the sovereign withdraws from public view, prompting citizens to speculate while palace life continues. Public scenes show gossip, ritual and comic exchanges; interior moments focus on a queen's private yearning and an intimate, almost mystical bond with the unseen ruler. Through lyrical speeches, choral passages and episodic scenes, the drama contrasts outward authority and inner devotion, probing secrecy, faith and the burdens of power on personal feeling. Its structure alternates street-level bustle and enclosed chamber sequences, blending political allegory with spiritual meditation rather than conventional spectacle.

Ich warte mit all meiner Habe in Hoffnung, sie all zu verlieren.
Ich laure am Straßenrand auf den, der einen hinaus auf die Straße schickt,
Der sich verbirgt und sieht, der ohne dein Wissen dich liebt,
Ich hab ihm in heimlicher Liebe mein Herz gegeben,
Ich warte in Hoffnung mit all meiner Habe, sie all zu verlieren.

XIX.

Eine Straße. Sudarschana und Surangama.

Sudarschana

Welche Erlösung, Surangama, welche Freiheit! Meine Niederlage ist es, die mir die Freiheit gebracht hat. Oh, was besaß ich für einen ehernen Stolz! Nichts konnte ihn rühren oder erweichen. Mein verfinsterter Geist konnte auf keine Weise dazu gebracht werden, die schlichte Wahrheit zu sehen, daß nicht der König zu kommen hatte, sondern daß ich zu ihm gehen sollte. Die ganze Nacht hindurch gestern lag ich allein im Staub auf dem Boden am Fenster — lag da trostlose Stunden lang und weinte! Die ganze Nacht bliesen die Südwinde und schrien und stöhnten wie die Qual, die an meinem Herzen nagte; und immer hindurch hörte ich das klagende: „Sprich, Weib!” des Nachtvogels, das in dem Aufruhr draußen als Echo tönte!... Es war das hilflose Wehklagen der dunklen Nacht, Surangama!

Surangama

Die schwere melancholische Weise der letzten Nacht schien eine Ewigkeit forttönen zu wollen — oh, welch trübe düstere Nacht!

Sudarschana

Aber willst du es glauben — mir war, ich hörte die sanften Akkorde der Laute durch all den wilden Lärm und Aufruhr strömen! Konnte er so süße und zarte Weisen spielen, er, der so grausam und schrecklich ist? Die Welt kennt nur meine Entwürdigung und Schmach — aber keiner als mein eigenes Herz konnte diese Akkorde hören, die durch die einsame und klagende Nacht hin nach mir riefen. Hörtest du, Surangama, diese Laute auch? Oder war das nur ein Traum von mir?

Surangama

Aber eben um die Musik dieser Laute zu hören, bin ich ja immer an deiner Seite. Auf diesen Ruf der Musik, von dem ich wußte, er würde eines Tages kommen und all die Schranken der Liebe zunichte machen, habe ich mit gespanntem Ohr all die Zeit her gelauscht.

Sudarschana

Schließlich schickte er mich auf die Landstraße — ich konnte seinem Willen nicht widerstehen. Wenn ich ihn finde, werden die ersten Worte sein, die ich ihm sage: „Ich bin freiwillig gekommen — ich habe nicht abgewartet, bis du kamst.” Ich werde sagen: „Um deinetwillen bin ich die harten beschwerlichen Straßen gewandert, und bitter und unaufhörlich war auf dem ganzen Weg mein Weinen.” Ich werde wenigstens diesen Stolz in mir haben, wenn ich zu ihm komme.

Surangama

Aber selbst dieser Stolz wird nicht dauern. Er kam vor dir — wer sonst hätte dich auf die Straße schicken können?

Sudarschana

Vielleicht ist es so. Solange noch ein Gefühl gekränkten Stolzes in mir war, mußte ich glauben, er hätte mich für immer verlassen; aber als ich meine Würde und meinen Stolz in die Winde schleuderte und auf die gemeinen Straßen hinausging, da schien es mir, als wäre auch er herausgekommen: ich habe angefangen, ihn zu finden, seit ich auf der Straße bin. Ich fürchte nun nichts mehr. All diese Leiden, durch die ich um seinetwillen hindurchgegangen bin, gerade die Bitterkeit all dieser Leiden bringt ihn zu mir. Ach ja, er ist gekommen, er hat mich bei der Hand genommen, gerade wie er es in jener Kammer der Dunkelheit gern tat, wo bei seiner Berührung all mein ganzer Leib in plötzlicher Wonne erbebte: es ist dieselbe, dieselbe Berührung wieder! Wer sagt, er sei nicht hier? — Surangama, kannst du nicht sehen, daß er gekommen ist, schweigend und insgeheim?... Wer ist jener dort? Sieh, Surangama, dort ist ein dritter Wanderer auf dieser dunklen Straße zu dieser nächtlichen Stunde.

Surangama

Ich sehe, es ist der König von Kantschi, meine Königin.

Sudarschana

Der König von Kantschi!

Surangama

Fürchte dich nicht, meine Königin!

Sudarschana

Fürchten! Warum sollte ich mich fürchten? Die Tage der Furcht sind für mich für immer vorbei.

Kantschi (tritt auf)

Mütterchen Königin, ich sehe euch beide auf dieser Straße! Ich bin ein Wanderer auf demselben Weg wie du. Habe keine Furcht vor mir, o Königin!

Sudarschana

Es ist gut, König von Kantschi, daß wir zusammen gehen, Seite an Seite — das ist nur in Ordnung. Ich kam dir in den Weg, als ich zuerst mein Heim verließ, und nun begegne ich dir wieder auf dem Rückweg. Wer hätte sich träumen lassen, daß diese unsre Begegnung voll so guter Verheißung war?

Kantschi

Aber, Mütterchen Königin, es gebührt sich nicht, daß du zu Fuß über diese Straße wanderst. Willst du mir gestatten, einen Wagen für dich zu besorgen?

Sudarschana

Oh, sage das nicht: ich wäre nie wieder glücklich, wenn ich nicht auf meinem Rückweg nach Hause auf den Staub der Straße treten könnte, die mich von meinem König weggeführt hat. Ich würde mich selbst betrügen, wenn ich jetzt in einem Wagen fahren würde.

Surangama

König, auch du wanderst heute im Staub: diese Straße hat niemals einen gekannt, der Pferd oder Wagen über sie gelenkt hätte.

Sudarschana

Als ich die Königin war, schritt ich auf Silber und Gold — ich habe nun für das Unglück meiner königlichen Geburt zu büßen, indem ich auf Staub und nackter Erde wandre. Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß ich heute bei jedem meiner Schritte im gemeinen Staub der Erde meinen König finden würde.

Surangama

Sieh, meine Königin, dort im Osten dämmert der Morgen. Wir haben nicht mehr lange zu wandern: ich sehe die Spitzen der goldenen Türme des Königspalastes.

Der Großvater tritt auf.

Großvater

Mein Kind, es tagt — endlich!

Sudarschana

Du hast mir deinen Segen zum Geleit gegeben, und hier bin ich nun.

Großvater

Aber siehst du, was für schlechte Manieren unser König hat? Er hat keinen Wagen geschickt, keine Musik, nichts von Glanz und Pracht.

Sudarschana

Nichts von Pracht, sagst du? Sieh hin, der Himmel ist rosig und purpurn über und über, und die Luft ist voll von dem Willkommgruß der Blumendüfte.

Großvater

Ja, aber so grausam unser König sein mag, dürfen wir doch nicht suchen, mit ihm zu wetteifern: ich kann mich des Schmerzes nicht erwehren, wenn ich dich in diesem Zustand sehe, mein Kind. Wie können wir ertragen, dich in dieses arme zerlumpte Gewand gekleidet in den Königspalast eingehn zu sehen? Warte etwas — ich laufe und hole dir deine Königsgewänder.

Sudarschana

O nein, nein, nein! Er hat diese Königskleider für immer von mir genommen — er hat mich vor den Augen der ganzen Welt in das Kleid einer Magd gekleidet: welche Erlösung ist das für mich gewesen! Ich bin nun seine Magd, nicht länger seine Königin. Heute stehe ich tiefer als alle die, die irgendeine Verwandtschaft mit ihm beanspruchen können.

Großvater

Aber deine Feinde werden nun über dich lachen: wie kannst du ihren Spott ertragen?

Sudarschana

Laß ihr Gelächter und ihren Spott unauslöschlich sein — laß sie auf den Straßen Staub nach mir werfen: dieser Staub wird heute der Puder sein, mit dem ich mich schmücken will, ehe ich meinem Herrn entgegentrete.

Großvater

Danach habe ich nichts mehr zu sagen. Nun wollen wir das letzte Spiel unsres Frühlingsfestes spielen — anstatt mit Blütenstaub soll der Südwind alles mit dem Staub der Demut überschütten! Wir werden zum Herrn gehen, gekleidet in das gemeine Grau des Staubes. Und wir werden auch ihn über und über mit Staub bedeckt finden. Denn, meint ihr, die Leute schonen ihn? Selbst er kann ihren schmutzigen und staubigen Händen nicht entgehen, und er denkt nicht einmal daran, den Schmutz von seinen Kleidern zu bürsten.

Kantschi

Großvater, vergiß mich nicht in deinem Spiel! Ich will auch dies mein Königsgewand beschmutzen lassen, bis es nicht mehr zu erkennen ist.

Großvater

Das wird nicht viel Zeit brauchen, mein Bruder. Nun du so tief heruntergekommen bist, wirst du deine Farbe in kürzester Frist wechseln. Sieh nur unsre Königin an — sie geriet in Zorn gegen sich selbst und dachte, sie könnte ihre unvergleichliche Schönheit zerstören, indem sie all ihren Schmuck wegwarf: aber diese Beleidigung ihrer Schönheit ließ sie in zehnfachem Glanz erstrahlen, und nun ist sie in dieser Schmucklosigkeit zur Vollendung gelangt. Unser König selbst ist gestaltlos und ohne Schönheit, darum liebt er sie in seinen mannigfachen Erscheinungen als seinen höchsten Schmuck. Und diese Schönheit hat heute den Schleier von Stolz und Eitelkeit abgetan! Was gäbe ich nicht darum, wenn ich die wunderbare Musik und den Gesang hören dürfte, der heute meines Königs Palast erfüllt!

Surangama

Seht, dort geht die Sonne auf!


XX.

Die dunkle Kammer.

Sudarschana

Herr, gib mir die Ehre nicht zurück, die du mir einmal genommen hast! Ich bin die Magd deiner Füße — ich suche kein andres Vorrecht, als dir zu dienen.

König

Wirst du jetzt imstande sein, mich zu ertragen?

Sudarschana

O ja, ja, das werde ich. Dein Anblick stieß mich zurück, weil ich dich im Lustgarten, in meinen fürstlichen Gemächern gesucht hatte: da sieht noch dein geringster Diener gefälliger aus als du. Dieses Fieber des Verlangens hat meine Augen für immer verlassen. Du bist nicht schön, o Herr — du stehst über allem Vergleich!

König

Was mit mir vergleichbar ist, liegt in dir selbst.

Sudarschana

Wenn es so ist, dann ist auch das unvergleichlich. Deine Liebe lebt in mir — du wirst gespiegelt in dieser Liebe, und du siehst dein Antlitz abgebildet in mir: nichts davon mein, es ist alles dein, o Herr!

König

Ich öffne heute die Tür dieser dunklen Kammer — das Spiel hier ist zu Ende! Komm, komm jetzt mit mir, komm hinaus — ins Licht!

Sudarschana

Ehe ich gehe, laß mich dir zu Füßen mich beugen, o Herr des Dunkels, du Grausamer, Furchtbarer, Unvergleichlicher!

ENDE

[A] Während des indischen Frühlingsfestes bewirft man sich gegenseitig mit rotem Puder. In diesem Stück wird der rote Puder als Symbol der Liebesleidenschaft genommen.

Anmerkung zur Transkription:

Auf Seite 19 wurde ein doppeltes 'du' entfernt ('wie erklärst du du das ohne einen König?').