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Der König der dunklen Kammer

Chapter 7: V.
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About This Book

The play stages a royal court where the sovereign withdraws from public view, prompting citizens to speculate while palace life continues. Public scenes show gossip, ritual and comic exchanges; interior moments focus on a queen's private yearning and an intimate, almost mystical bond with the unseen ruler. Through lyrical speeches, choral passages and episodic scenes, the drama contrasts outward authority and inner devotion, probing secrecy, faith and the burdens of power on personal feeling. Its structure alternates street-level bustle and enclosed chamber sequences, blending political allegory with spiritual meditation rather than conventional spectacle.

Öffne die Tür. Ich warte.
Die Fähre des Lichts von Dämmrung zu Dunkel ist ruhen gegangen,
Der Abendstern steht am Himmel.
Hast du Blumen bereit, das Haar dir geflochten,
Umfließt dich weiß dein Kleid zur Nacht?
Das Vieh kam heim in den Pferch und die Vögel in ihre Nester.
Die wirr sich kreuzenden Pfade sind in Dunkel getaucht.
Öffne die Tür. Ich warte.

Surangama

O König, wer kann deine eignen Tore vor dir versperrt halten? Sie sind nicht geschlossen oder verriegelt — sie werden sich weit aufschwingen, wenn du sie nur mit dem Finger berührst. Willst du sie nicht nur ein wenig berühren? Willst du nicht eintreten, bis ich gehe und die Tore öffne?

Gesang

Mit einem Hauch kannst du meine Schleier lüften, Herr!
Wenn ich im Staub entschlafe und deinen Ruf nicht höre, würdest du warten, bis ich erwache?
Würde die Erde nicht beben unter dem donnernden Rad deines Streitwagens?
Würdest du nicht das Tor zertrümmern und ungebeten eingehn in dein eigenes Haus?

Dann geh du, o Königin, und öffne die Tür für ihn: er wird sonst nicht eintreten.

Sudarschana

Ich sehe nichts deutlich im Dunkel — ich weiß nicht, wo die Tür ist. Du kennst hier alles — geh und öffne die Tür für mich.

Surangama öffnet die Tür, verbeugt sich tief vor dem König und geht hinaus. Der König bleibt während dieses ganzen Stückes unsichtbar.

Sudarschana

Warum erlaubst du mir nicht, dich im Licht zu sehen?

König

So willst du mich zwischen tausend Dingen im hellen Tageslicht sehen! Warum sollte ich nicht das einzige sein, was du in dieser Dunkelheit fühlen kannst?

Sudarschana

Aber ich muß dich sehen — mich verlangt es brennend nach deinem Anblick.

König

Du wirst nicht imstande sein, meinen Anblick zu ertragen — er wird dir nur Qual bereiten, brennend heiße Qual.

Sudarschana

Wie kannst du sagen, daß ich deinen Anblick nicht zu ertragen vermöchte! Oh, ich kann schon in diesem Dunkel fühlen, wie lieblich und wunderbar du bist: warum sollte ich im Licht vor dir erschrecken? Aber sage mir, kannst du mich im Dunkel sehen?

König

Ja, ich sehe dich.

Sudarschana

Was siehst du?

König

Ich sehe, daß die Dunkelheit der unendlichen Himmel, ins Dasein geschleudert durch die Gewalt meiner Liebe, das Licht von Sternenmyriaden in sich gesogen und sich verkörpert hat in einer Gestalt von Fleisch und Blut. Und in dieser Form, was für Äonen von Denken und Ringen, was für ungezählte Sehnsüchte grenzenloser himmlischer Räume, welche Fülle der Gaben aus dem Meer der Zeiten!

Sudarschana

Bin ich so wunderbar, bin ich so schön? Höre ich dich so reden, so schwillt mein Herz von Freude und Stolz. Aber wie kann ich die wundervollen Dinge glauben, die du mir sagst? Ich kann sie in mir nicht finden!

König

Dein eigener Spiegel kann sie nicht wiedergeben — er setzt dich herab, beschränkt dich, läßt dich klein und unbedeutend erscheinen. Doch könntest du dich in meinem Geist gespiegelt sehen, wie groß erschienest du! In meinem Herzen bist du nicht mehr das alltägliche Einzelwesen, das du zu sein meinst — du bist in Wahrheit mein andres Ich.

Sudarschana

Oh, zeig' mir für einen Augenblick, wie man mit deinen Augen sieht! Gibt es für dich gar nichts wie Dunkelheit? Ich fürchte mich, wenn ich daran denke. Diese Dunkelheit, die für mich wirklich und stark wie der Tod ist — ist sie für dich einfach nichts? Wie kann dann überhaupt eine Gemeinschaft zwischen uns sein, an einem Ort wie diesem? Nein, nein — es ist unmöglich: es besteht eine Schranke zwischen uns beiden: nicht hier, nein, nicht an diesem Ort. Ich muß dich finden und sehen, wo ich Bäume und Tiere, Vögel und Steine und die Erde sehe —

König

Nun gut, du kannst versuchen, mich zu finden — aber niemand wird mich dir weisen. Du wirst mich erkennen müssen, wenn du kannst, du selbst. Und selbst wenn jemand sich anheischig macht, mich dir zu zeigen, wie kannst du gewiß sein, daß er die Wahrheit sagt?

Sudarschana

Ich werde dich kennen; ich werde dich wiedererkennen. Ich werde dich aus einer Million Menschen herausfinden. Ich kann mich nicht irren.

König

Gut also, heute nacht, während des Frühlingsvollmondfestes, magst du versuchen, mich von dem hohen Turm meines Palastes aus herauszufinden — suche nach mir mit deinen eigenen Augen unter der Volksmenge.

Sudarschana

Wirst du unter ihr sein?

König

Ich werde mich wieder und wieder zeigen, überall unter der Menge. Surangama!

Surangama kommt herein.

Surangama

Was gebietest du, Herr?

König

Heute nacht ist das Frühlingsvollmondfest.

Surangama

Was soll ich heute nacht tun?

König

Heute ist ein Festtag, kein Werktag. Die Lustgärten stehen in voller Blüte — du wirst da an meinem Feste teilnehmen.

Surangama

Ich werde tun, was du wünschest, Herr.

König

Die Königin will mich heute nacht mit ihren eigenen Augen sehen.

Surangama

Wo soll die Königin dich sehen?

König

Wo die Musik am süßesten spielt, wo die Luft von Blütenstaub schwer ist — dort im silbernen Hain voll weichem Dämmerlicht.

Surangama

Was kann dort, wo Dunkel und Licht Versteck spielen, zu sehen sein? Dort ist der Wind wild und ruhlos, alles ist Tanz und rasche Bewegung — wird es die Augen nicht verwirren?

König

Die Königin ist neugierig, mich herauszufinden.

Surangama

Die Neugier wird enttäuscht und in Tränen heimkehren!

Gesang

Ach, sie lüstet's zu fliegen, die ruhlosen schweifenden Augen, die wilden Vögel des Waldes!
Doch die Zeit der Ergebung wird für sie kommen, zu Ende ihr Hin- und Herflug, wenn
Die Zaubermusik sie verfolgt und ihre Herzen durchbohrt.
Ach, die wilden Vögel verlangt's zu entflieh'n in die Wildnis!

III.

Vor den Lustgärten.

Es treten auf Avanti, Koschala, Kantschi und andere Könige.

Avanti

Wird der König dieses Ortes uns nicht empfangen?

Kantschi

Was ist das für eine Art, ein Land zu regieren? Der König hält ein Fest in einem Wald, wo selbst das niedrigste und gemeinste Volk ungehindert Zutritt hat!

Koschala

Wir hätten wohl Anspruch auf einen besonders für uns reservierten und zu unserem Empfang hergerichteten Platz.

Kantschi

Wenn er einen solchen Platz nicht vorbereitet hat, werden wir ihn zwingen, einen für uns errichten zu lassen.

Koschala

All das macht natürlich zweifelhaft, ob dieses Volk überhaupt einen König hat — es sieht aus, als ob ein unbegründetes Gerücht uns irregeführt hätte.

Avanti

Das mag sein, was den König angeht, aber Sudarschana, die Königin dieses Orts, ist durchaus kein unbegründetes Gerücht.

Koschala

Nur um ihretwillen hatte ich überhaupt Lust, hierher zu kommen. Es liegt mir nichts daran, jemanden zu sehen, der sich nie sehen läßt, aber es wäre ein törichter Fehler, wenn wir fortgingen, ohne das Wesen gesehen zu haben, um dessentwillen sich eine Reise im höchsten Grade lohnt.

Kantschi

Laßt uns denn einen bestimmten Plan entwerfen.

Avanti

Ein Plan ist ein treffliches Ding, solange man sich nicht selbst darein verwickelt.

Kantschi

Zum Henker, was ist das für ein Geschmeiß, das dort herumschwärmt? He! wer seid ihr?

Großvater und die Knaben treten auf.

Großvater

Wir sind die lustige Schar der Habenichtse.

Avanti

Die Einführung war überflüssig. Aber ihr werdet euch etwas weiter zurückziehen und uns in Frieden lassen.

Großvater

Wir leiden nie unter Mangel an Raum: wir können es uns leisten, euch einen so weiten Spielraum zu lassen, wie euch beliebt. Das Wenige, das uns genügt, ist nie der Zankapfel zwischen streitenden Parteien. Nicht wahr, meine kleinen Freunde?

Sie singen.

Gesang

Wir sind die Habenichtse, fürwahr, wir haben gar nichts!
Wir singen lustig trallerala! trallerala!
's gibt Leute, die bauen sich hohe Mauern aus Häusern
Auf Sümpfen mit goldenem Sand.
Wir stellen uns vor sie und singen
Trallerala! trallerala!
Taschendiebe kreisen um uns
Und ehren uns mit lüsternen Blicken.
Wir schütteln die leeren Taschen und singen
Trallerala! trallerala!
Schleicht der Tod, der alte Knochenmann, vor unsre Tür,
Wir schlagen ihm lachend ein Schnippchen,
Und singen im Chor mit fröhlichen Trillern
Trallerala! trallerala!

Kantschi

Sieh da drüben hin, Koschala, was sind das für Leute, die da des Weges kommen? Eine Pantomime? Der eine hat sich als König maskiert.

Koschala

Der König dieses Orts mag alle diese Narrenspossen dulden, wir aber werden dagegen einschreiten.

Avanti

Es ist vielleicht ein Häuptling vom Lande.

Wachen zu Fuß treten auf.

Kantschi

Aus welchem Land stammt euer König?

Erster Soldat

Er ist der König dieses Landes. Er rüstet sich, das Fest zu leiten.

Sie gehen weiter.

Koschala

Wie, der König dieses Landes kommt zum Fest!

Avanti

Wahrhaftig! Dann werden wir uns mit seinem Anblick begnügen und umkehren müssen — ohne die reizvolle Königin gesehen zu haben.

Kantschi

Glaubst du wirklich, daß der Bursche die Wahrheit sagte? Jeder kann sich als König dieses königlosen Landes aufspielen. Kannst du nicht sehen, daß der Mensch wie ein aufgeputzter Maskenkönig aussieht — viel zu sehr herausgeputzt?

Avanti

Aber er sieht hübsch aus — seine Erscheinung ist nicht ohne einen gewissen gefälligen Reiz.

Kantschi

Er mag deinem Auge gefällig sein, aber wenn du ihn genau genug betrachtest, kannst du ihn nicht verkennen. Du wirst sehen, wie ich ihn vor euch allen entlarve.

Der falsche „König” tritt auf.

„König”

Willkommen, Fürsten, in unserm Reich! Ich hoffe, meine Würdenträger haben geziemend für euren Empfang gesorgt?

Könige (mit verstellter Höflichkeit)

O ja — es fehlte nichts am Empfang.

Kantschi

Wenn irgend etwas fehlte, so ist es reichlich aufgewogen durch die Ehre, den Anblick Eurer Majestät genießen zu dürfen.

„König”

Wir zeigen uns nicht vor der großen Öffentlichkeit, aber eure große Ergebenheit und Treue macht es uns zum Vergnügen, uns euch nicht zu entziehen.

Kantschi

Die Gnade Euer Majestät ist wahrhaft überwältigend für uns.

„König”

Wir fürchten, wir werden hier nicht lange verweilen können.

Kantschi

Ich dachte mir es schon: Ihr seht nicht aus, als ob ihr es lange aushieltet.

„König”

Wenn ihr indessen uns um irgendwelche Gunst bitten möchtet —

Kantschi

Das möchten wir: aber wir möchten Euch gern vor etwas weniger Zeugen sprechen.

„König” (zu seinem Gefolge)

Zieht euch etwas von unsrer Gegenwart zurück. (Sie ziehen sich zurück.) Nun könnt ihr euer Begehren ohne Rückhalt vorbringen.

Kantschi

Wir werden uns schon keine Zurückhaltung auferlegen; wir fürchten nur, daß ihr es für euch selbst werdet nötig finden.

„König”

O nein, in der Hinsicht könnt ihr unbesorgt sein.

Kantschi

Komm also, huldige uns, indem du uns deinen Kopf zu Füßen legst.

„König”

Es scheint, meine Diener haben den Varunibranntwein in den Empfangslagern zu freigiebig verteilt.

Kantschi

Falscher Betrüger, du bist es, der sich in einem Rausch der Überhebung befindet. Dein Kopf wird bald den Staub küssen.

„König”

Ihr Fürsten, solche derben Späße sind eines Königs nicht würdig.

Kantschi

Männer, die gebührend mit dir scherzen werden, sind zur Stelle. General!

„König”

Nicht weiter, ich fleh' euch an. Ich sehe wohl, ich schulde euch allen Huldigung. Der Kopf beugt sich von selbst hernieder — es bedarf nicht der Anwendung irgendwelcher scharfer Maßnahmen, um ihn zu Boden zu legen. So, hier beuge ich mich tief vor euch allen. Wenn ihr mir freundlich erlaubt, mich davonzumachen, werde ich euch mit meiner Gegenwart nicht länger lästig fallen.

Kantschi

Warum solltest du dich davonmachen? Wir werden dich zum König dieses Ortes machen — führen wir unsern Scherz zu seinem regelrechten Ende. Hast du irgendwelchen Anhang?

„König”

O ja! Alle, die mich auf den Straßen sehen, laufen hinter mir her. Als ich ein mageres Gefolge hatte, betrachtete mich erst jeder argwöhnisch, aber nun mit dem wachsenden Haufen zerstreuen sich die Zweifel immer mehr. Die Menge wird von ihrer eigenen Größe hypnotisiert. Ich brauche nun gar nichts weiter zu tun.

Kantschi

Ausgezeichnet! Von diesem Augenblick geloben wir alle, dir zu helfen und zu dir zu stehen. Doch wirst du uns einen Gegendienst leisten müssen.

„König”

Eure Befehle werden mir so heilig sein wie die Krone, die ihr mir aufs Haupt setzt.

Kantschi

Gegenwärtig wünschen wir weiter nichts, als die Königin Sudarschana zu sehen. Du wirst dafür sorgen.

„König”

Ich werde mir alle Mühe darum geben.

Kantschi

Zu deinen Bemühungen haben wir nicht viel Vertrauen — du wirst einfach dich nach unsern Anweisungen richten. Nun aber kannst du gehen und dich mit allem möglichen Glanz und Prunk an dem Fest im königlichen Garten beteiligen.

Sie gehen fort.

Großvater und eine Schar von Bürgern treten auf.

Erster Bürger

Großvater, ich kann mir nicht helfen — ja, und fünfhundertmal will ich es wiederholen — unser König ist ein vollkommener Schwindel.

Großvater

Warum nur fünfhundertmal? Kein Grund zu so heldenmütiger Selbstbeherrschung — du kannst es fünftausendmal sagen, wenn das dein Vergnügen erhöht.

Zweiter Bürger

Aber du kannst eine tote Lüge nicht für immer aufrechterhalten.

Großvater

Sie hat mich lebendig gemacht, mein Freund.

Dritter Bürger

Wir werden der ganzen Welt verkünden, daß unser König eine Lüge ist, der reinste und leerste Schatten!

Erster Bürger

Wir werden es alle von unsern Dächern schreien, daß wir keinen König haben — mag er tun, was er will, wenn er existiert.

Großvater

Er wird gar nichts tun.

Zweiter Bürger

Mein Sohn wurde mit fünfundzwanzig Jahren innerhalb einer Woche von einem hitzigen Fieber vorzeitig dahingerafft. Hätte mich solch ein Unglück unter der Herrschaft eines tugendhaften Königs betreffen können?

Großvater

Aber dir sind immer noch zwei Söhne geblieben: während ich all meine fünf Kinder hintereinander verloren habe.

Dritter Bürger

Und was sagst du dazu?

Großvater

Was denn? Soll ich meinen König dazu verlieren, weil ich meine Kinder verloren habe? Für so einen ungeheuren Narren müßt ihr mich nicht halten.

Erster Bürger

Eine schöne Sache, zu streiten, ob ein König da ist oder nicht, wenn man aus Mangel an Nahrung einfach Hungers stirbt! Wird der König uns retten?

Großvater

Bruder, du hast Recht. Aber warum nicht den König suchen, dem all die Nahrung gehört. Mit deinem Jammern zu Hause wirst du ihn sicher nicht finden.

Zweiter Bürger

Sieh nur die Gerechtigkeit unsres Königs! Dieser Bhadrasen — ihr wißt was es für ein rührender Anblick ist, wenn er von seinem König spricht — der rührselige Dummkopf! Er ist auf einen solchen Grad von Armut herabgesunken, daß selbst die Fledermäuse, die bei ihm hausen, den Ort zu ungemütlich finden.

Großvater

Nun, seht nur mich an! Ich schufte und rackre Tag und Nacht für meinen König, aber ich habe für meine Mühen noch nicht einen roten Heller bekommen.

Dritter Bürger

Nun, und was hältst du davon?

Großvater

Was soll ich davon halten? Bezahlt denn jemand seine Freunde? Geht, Freunde, und sagt, wenn ihr wollt, unsern König gebe es nirgends. Auch das gehört mit zur Feier dieses Festes.


IV.

Turm des Königspalastes.

Sudarschana und ihre Freundin Rohini.

Sudarschana

Du magst dich irren, Rohini, aber ich kann mich nicht irren: bin ich nicht die Königin? Der dort, sicher der dort muß mein König sein.

Rohini

Er, der dir so hohe Ehre verliehen hat, kann nicht lange zögern, sich dir zu zeigen.

Sudarschana

Seine Gestalt macht mich ruhlos wie einen Vogel im Käfig. Suchtest du, dich zu vergewissern, wer er ist?

Rohini

Ja. Jeder, den ich fragte, sagte, es sei der König.

Sudarschana

Von welchem Land ist er der König?

Rohini

Von unserm, König dieses Landes.

Sudarschana

Du meinst doch den dort, dem ein Sonnenschirm aus Blumen über das Haupt gehalten wird?

Rohini

Eben den: der, auf dessen Banner die Kimschuk-Blüte gemalt ist.

Sudarschana

Ich erkannte ihn natürlich sofort, aber du hattest deine Zweifel.

Rohini

Wir können uns leicht irren, meine Königin, und wir fürchten dich zu erzürnen, falls wir unrecht haben.

Sudarschana

Ich wollte, Surangama wäre da! Dann wäre kein Zweifel mehr möglich.

Rohini

Hältst du sie für klüger als uns alle?

Sudarschana

O nein, aber sie würde ihn sofort erkennen.

Rohini

Das kann ich nicht glauben. Sie tut nur so, als ob sie ihn kennte. Niemand kann dafür bürgen, daß sie den König kennt. Wären wir so schamlos wie sie, es wäre nicht schwer für uns gewesen, mit unserer Bekanntschaft mit dem König zu prahlen.

Sudarschana

Aber nein, sie prahlt niemals.

Rohini

Bloße Ziererei, weiter nichts; damit kommt man oft weiter als mit offenem Prahlen. Sie ist zu allen Streichen fähig: drum mochten wir sie nie leiden.

Sudarschana

Aber sag, was du willst, ich hätte sie gern gefragt, wenn sie hier wäre.

Rohini

Sehr wohl, Königin. Ich werde sie holen. Sie muß glücklich sein, wenn sie der Königin unentbehrlich ist, um den König zu erkennen.

Sudarschana

O nein — es ist nicht darum — aber ich hörte es gern von aller Welt bestätigt.

Rohini

Sagt es nicht alle Welt? Da, höre nur hin, die Jubelrufe des Volks dringen sogar bis zu dieser Höhe empor.

Sudarschana

Dann tu mir den einen Dienst: lege diese Blumen auf ein Lotusblatt und bringe sie ihm.

Rohini

Und was soll ich sagen, wenn er fragt, wer sie sendet?

Sudarschana

Du wirst nichts zu sagen brauchen — er wird es wissen. Er meinte, ich würde nicht imstande sein, ihn zu erkennen: ich kann ihn nicht fortlassen, ohne ihm zu zeigen, daß ich ihn herausgefunden habe.

Rohini geht mit den Blumen.

Sudarschana

Mein Herz ist voll Unruhe heute abend: so war mir nie zuvor zumute. Das weiße, silberne Licht des Vollmonds überflutet den Himmel und perlt nach allen Seiten wie der sprudelnde Schaum des Weins ... Es faßt mich wie ein Taumel von Sehnsucht. Halt, wer ist da?

Eine Dienerin tritt auf.

Dienerin

Was befehlen Majestät?

Sudarschana

Siehst du dort die fröhlichen Knaben, wie sie singend durch die Laubgänge und Alleen der Mangobäume ziehen? Rufe sie her, bring sie zu mir: ich möchte sie singen hören.

Die Dienerin geht und kehrt mit den Knaben wieder.

Kommt, lebendige Sinnbilder des jugendfrischen Frühlings, hebt euren Festgesang an! Meine ganze Seele und mein Leib ist heute abend Gesang und Musik — doch die unaussprechliche Melodie will mir nicht von der Zunge: singt ihr denn an meiner Statt!

Gesang

Mein Leid ist mir süß, heut in dieser Frühlingsnacht.
Mein Schmerz greift in die Saiten der Liebe und läßt sie leise erklingen.
Lockende Bilder, aus meiner Sehnsucht geboren, gleiten im Mondschein dahin.
Der Duft aus der Tiefe der Wälder verirrt sich in meine Träume.
Worte kommen flüsternd an mein Ohr, ich weiß nicht, woher,
Und die Glöckchen an meinen Fußspangen zittern und klingen im Takt zum Tanz meines Herzens.

Sudarschana

Genug, genug — ich ertrag' es nicht länger! Euer Gesang hat meine Augen mit Tränen gefüllt ... Mich wandelt es an — Sehnsucht kann nie ihren Gegenstand finden — sie braucht ihn nicht zu finden. Welch lieblicher Sänger der Wildnis hat euch dies Lied gelehrt? O, daß meine Augen den sehen könnten, dessen Gesang meine Ohren gehört haben! Ach, wie ich mich sehne — mich sehne, in Liebesverzückung im Waldesdickicht des Herzens mich zu verlieren! Liebe Knaben der Waldwildnis! wie soll ich euch lohnen? Dieses Halsband ist nur aus Juwelen, aus harten Steinen gemacht — ihre Härte wird euch weh tun — ich besitze nichts dergleichen wie die Blumenkränze, die euch zieren.

Die Knaben verbeugen sich und gehen ab.

Rohini tritt auf.

Sudarschana

Ich habe nicht recht getan — ich habe nicht recht getan, Rohini. Ich schäme mich, dich zu fragen, was geschah. Ich habe jetzt eben erkannt, daß keine Hand in Wahrheit die größte der Gaben geben kann. Doch laß mich alles hören.

Rohini

Als ich dem König die Blumen gab, sah er nicht so aus, als verstünde er etwas davon.

Sudarschana

Das kann nicht sein! Er verstand nicht —?

Rohini

Nein; er saß da wie eine Puppe, ohne ein einziges Wort zu äußern. Ich glaube, er wollte nicht zeigen, daß er nichts verstand, daher tat er den Mund nicht auf.

Sudarschana

Pfui über mich! Meine Schamlosigkeit ist gerecht bestraft worden. Warum hast du meine Blumen nicht zurückgebracht?

Rohini

Wie konnte ich? Der König von Kantschi, ein sehr gewitzigter Mann, der neben ihm saß, begriff alles mit einem Blick, und er lächelte nur eben ein bißchen und sagte: „Majestät, die Königin Sudarschana sendet Euch ihre Grüße mit diesen Blumen — mit Blumen, die dem Gott der Liebe gehören, dem Freund des Frühlings!” Der König schien mit einem Male aufzuwachen und sagte: „Das ist die Krone all meiner Königsherrlichkeit heute Nacht.” Ich wandte mich, ganz außer Fassung, zum Gehen, als der König von Kantschi dem König dieses Juwelenhalsband abnahm und zu mir sagte: „Freundin, dies Königsgeschmeide will zu dir, zum Dank für das frohe Glück, das du gebracht hast.”

Sudarschana

Wie, Kantschi mußte dem König all das begreiflich machen! Weh mir, dies nächtliche Fest hat die Tore der Schmach und Schande weit vor mir geöffnet. Was andres konnte ich erwarten? Verlaß mich, Rohini; ich muß eine Weile allein sein. (Rohini geht ab.) Ein furchtbarer Schlag hat all meinen Stolz zu Staub zerschlagen, und doch ... ich kann diese schöne, bezaubernde Gestalt nicht aus dem Gedächtnis löschen! Kein Stolz ist mir geblieben ... ich bin geschlagen, vernichtet, gänzlich hilflos ... ich kann nicht einmal die Augen von ihm abwenden. Oh, wie mir wieder und wieder der Wunsch kommt, Rohini um diese Kette zu bitten! Aber was würde sie denken! Rohini!

Rohini kommt.

Rohini

Was ist dein Wunsch?

Sudarschana

Welchen Lohn verdienst du für deine heutigen Dienste?

Rohini

Nichts von dir — aber ich bekam meinen Lohn von dem König, wie sich's gebührt.

Sudarschana

Das ist keine freie Gabe, sondern eine erzwungene Belohnung. Ich möchte nicht etwas an dir sehen, was auf so gleichgültige Art gegeben wurde. Leg es ab, ich gebe dir meine Armspangen, wenn du es hier läßt. Nimm diese Armspangen und geh nun. (Rohini geht ab.) Welch neue Schmach! Ich hätte dieses Halsband wegwerfen sollen — aber ich kann nicht! Es sticht mich, als ob es ein Dornenkranz wäre — aber ich kann es nicht wegwerfen. Das also hat mir der Festgott heute zur Nacht beschert — dieses Halsband der Schmach und Schande!


V.

Großvater nahe am Tor des Lusthauses.

Eine Gesellschaft von Männern.

Großvater

Habt ihr genug davon bekommen, Freunde?

Erster Mann

Oh, mehr als genug, Großvater. Sieh nur, sie haben mich über und über rot gemacht. Keiner ist davongekommen[A].

Großvater

Wirklich? Haben sie die Könige auch mit rotem Puder beworfen?

Zweiter Mann

Wer konnte ihnen denn nahe kommen? Sie waren alle sicher auf ihrem eingehegten Platz.

Großvater

So sind sie euch entkommen! Konntet ihr nicht die geringste Spur Farbe auf sie werfen? Ihr hättet euch den Weg dahin erzwingen sollen.

Dritter Mann

Mein lieber Alter, sie haben eine andere Sorte Rot, die ihnen vorbehalten ist. Ihre Augen sind rot; die Turbane ihrer Wachen und ihres Gefolges sind auch rot. Und die letztern schwangen ihre Schwerter so in der Luft herum, daß eine weitere Annäherung von unserer Seite ein reichliches Zutagetreten der grundlegenden roten Farbe bedeutet hätte.

Großvater

Wohlgetan, Freunde — haltet sie immer in einiger Entfernung. Sie sind die Verbannten der Erde, und wir haben das Amt, dafür zu sorgen, daß es so bleibt.

Dritter Mann

Ich gehe heim, Großpapa; Mitternacht ist vorüber.

Geht ab.

Eine Schar Sänger kommt singend herbei.

Schwarz und Weiß ist nicht mehr geschieden,
Ist rot geworden — rot wie eure Füße gefärbt sind.
Rot ist mein Wams und rot meine Träume,
Mein Herz schwankt und schwingt wie ein roter Lotus.

Großvater

Vortrefflich, meine Freunde, glänzend! So hattet ihr wirklich genußreiche Stunden!

Die Sänger

Oh, und wie sehr! Alles war rot, rot! Nur der Mond am Himmel ließ uns im Stich: er blieb weiß.

Großvater

Er sieht nur von außen so unschuldig drein. Hättet ihr nur seine weiße Maske weggenommen, ihr hättet seine Schelmerei schon gesehen. Ich habe beobachtet, was für rote Farben er heute nacht auf die Erde wirft. Und doch, sollte man es für möglich halten, daß er dabei die ganze Zeit weiß und farblos bleibt!

Gesang.

Auf dich seh ich's ab, Liebe, mein Lieb!
Mein Herz ist toll, gibt sich nimmer besiegt,
Meinst du, ungefärbt zu entkommen,
Wenn du mich mit rotem Puder rötest?
Könnt ich nicht dein Kleid färben mit dem roten Blütenstaub meines Herzens?

Sie gehen ab.

Der „König” und Kantschi treten auf.

Kantschi

Du mußt genau tun, was ich dir gesagt habe. Daß du mir nichts übersiehst!

„König”

Ich werde nichts übersehen.

Kantschi

Die Gemächer der Königin Sudarschana liegen in den...

„König”

Ja, Herr, ich habe den Ort gemerkt.

Kantschi

Was du zu tun hast, ist, im Garten Feuer anzulegen, und dann wirst du aus dem Durcheinander und der Verwirrung Vorteil ziehen, um deine Aufgabe zielbewußt zu vollbringen.

„König”

Ich werde daran denken.

Kantschi

Sieh einmal, Herr Prätendent, ich glaube doch, daß unsere Furcht ganz unbegründet ist — es gibt in Wahrheit keinen König in diesem Lande.

„König”

Mein einziges Ziel ist, dieses Land aus der Anarchie zu retten. Der gemeine Mann kann ohne König nicht leben, ob dieser nun echt ist oder falsch! Anarchie ist immer eine Quelle der Gefahr.

Kantschi

Frommer Wohltäter des Volkes, deine wundervolle Aufopferung sollte wirklich uns allen ein Beispiel sein. Ich gedenke dem Volke diesen außerordentlichen Dienst in eigener Person zu erweisen.

Sie gehen ab.


VI.

Im Garten.

Rohini

Was gibt es denn? Ich kann nicht herausbekommen, was all das ist! (Zu den Gärtnern) Wohin geht ihr alle in solcher Eile?

Erster Gärtner

Wir gehen aus dem Garten.

Rohini

Wohin?

Zweiter Gärtner

Wir wissen nicht, wohin — der König hat uns gerufen.

Rohini

Aber der König ist doch hier in diesem Garten. Welcher König hat euch gerufen?

Erster Gärtner

Das wissen wir nicht.

Zweiter Gärtner

Der König, dem wir unser Lebtag gedient haben, natürlich.

Rohini

Wollt ihr alle gehen?

Erster Gärtner

Ja, alle — wir müssen sofort gehen. Sonst könnten wir zu Schaden kommen.

Sie gehen ab.

Rohini

Ich kann ihre Worte nicht verstehen... Ich fürchte mich. Sie rennen davon wie wilde Tiere, die in dem Augenblick entfliehen, ehe die Flut den Damm durchbricht.

Der König von Koschala tritt auf.

Rohini, weißt du, wo dein König und Kantschi hingegangen sind?

Rohini

Sie sind irgendwo im Garten, aber ich kann nicht sagen, wo.

Koschala

Ich verstehe wirklich nicht, was sie vorhaben. Ich habe nicht wohl daran getan, mein Vertrauen auf Kantschi zu setzen. Ab.

Rohini

Was ist das für eine dunkle Sache, mit der sich diese Könige abgeben? Etwas Schreckliches bereitet sich vor. Werde ich in diese Sache hineingezogen werden?

Avanti tritt auf.

Avanti

Rohini, weißt du, wo die andern Fürsten sind?

Rohini

Es ist schwer zu sagen, wo sie alle hingekommen sind. Der König von Koschala ging jetzt eben in dieser Richtung hier vorbei.

Avanti

Ich denke nicht an Koschala. Wo sind euer König und Kantschi?

Rohini

Ich habe sie seit langer Zeit nicht gesehen.

Avanti

Kantschi weicht mir immer aus. Er plant gewiß, uns alle zu betrügen. Ich habe nicht wohl daran getan, meine Hand in diese Wirrnis zu stecken. Freundin, könntest du mir freundlich einen Weg aus diesem Garten weisen?

Rohini

Ich weiß keinen.

Avanti

Ist niemand hier, der mir den Weg hinaus zeigen kann?

Rohini

Die Diener haben alle den Garten verlassen.

Avanti

Warum taten sie das?

Rohini

Ich konnte nicht genau verstehen, was sie meinten. Sie sagten, der König hätte ihnen befohlen, den Garten sofort zu verlassen.

Avanti

Der König? Welcher König?

Rohini

Sie konnten es nicht genau sagen.

Avanti

Das klingt nicht gut. Ich muß um jeden Preis einen Weg hinausfinden. Ich kann hier keinen Augenblick länger bleiben.

Geht eilig ab.

Rohini

Wo kann ich den König finden? Als ich ihm die Blumen gab, die die Königin gesandt hatte, da schien er sich nicht viel um mich zu kümmern; aber seit der Stunde hat er Gaben und Geschenke auf mich gehäuft. Diese grundlose Freigebigkeit macht mich noch ängstlicher... Wohin fliegen die Vögel zu dieser Stunde der Nacht? Was hat sie plötzlich aufgeschreckt? Das ist nicht die gewohnte Zeit ihres Fluges, gewiß nicht... Warum rennt der Königin zahmes Reh dieses Wegs? Tschapata! Tschapata! Es hört nicht einmal meinen Ruf. Ich habe nie eine Nacht wie diese gesehen. Der Horizont wird auf allen Seiten plötzlich rot, wie das Auge eines Wahnsinnigen! Die Sonne scheint zu so ungewohnter Stunde auf allen Seiten zugleich unterzugehen. Welcher Wahnsinn des Allmächtigen ist dies! ... Oh, ich fürchte mich! ... Wo kann ich den König finden?


VII.

Am Tor zum Palast der Königin.

„König”

Was hast du getan, Kantschi?

Kantschi

Ich wollte nur diesen Teil des Gartens beim Palast in Brand stecken. Ich hatte keine Ahnung, daß das Feuer sich so schnell nach allen Seiten verbreiten würde. Sag mir schnell den Weg aus diesem Garten.

„König”

Ich kann ihn dir nicht sagen. Die uns hierher geführt haben, sind alle entflohen.

Kantschi

Du bist ein Eingeborner dieses Landes — du mußt den Weg wissen.

„König”

Ich habe diese inneren Königsgärten nie zuvor betreten.

Kantschi

Ich will davon nichts hören — du mußt mir den Weg zeigen, oder ich spalte dich in zwei Teile.

„König”

Du kannst mir auf diese Weise das Leben nehmen, aber es würde dir wenig helfen, den Weg aus diesem Garten zu finden.

Kantschi

Warum liefst du dann herum und sagtest, du wärest der König dieses Landes?

„König”

Ich bin nicht der König — ich bin nicht der König.

Wirft sich mit gefalteten Händen zu Boden.

Wo bist du, mein König? Rette mich, oh, rette mich! Ich bin ein Empörer — strafe mich, aber töte mich nicht!

Kantschi

Was nützt es, sich zu krümmen und in die leere Luft zu schreien? Nutze die Zeit lieber und such nach dem Wege!

„König”

Ich will mich hierher legen — ich rühre mich nicht von der Stelle. Komme was will, ich werde nicht klagen.

Kantschi

Ich will all diesen Unsinn nicht dulden. Wenn ich verbrennen muß, sollst du mir zum letzten Ende Gesellschaft leisten.

Stimme von außen

Oh, rette uns, rette uns, König! Das Feuer kommt von allen Seiten über uns!

Kantschi

Narr, steh auf, verliere keine Zeit mehr.

Sudarschana (tritt auf)

König, o mein König! rette mich, rette mich vor dem Tode! Ich bin vom Feuer umzingelt.

„König”

Wer ist der König? Ich bin kein König.

Sudarschana

Du bist nicht der König?

„König”

Nein, ich bin ein Heuchler, ich bin ein Schuft.

Seine Krone zu Boden werfend.

Mag mein Trug und Heuchelei zu Staub zerstieben!

Ab mit Kantschi.

Sudarschana

Kein König? Er ist nicht der König? Dann, o du Feuergott, verbrenne mich, vernichte mich zu Asche! Ich will mich dir selbst in die Arme werfen, o du großer Reiniger; verbrenne meine Schmach, mein Verlangen, meine Begierde zu Asche.

Rohini (tritt auf)

Königin, wohin gehst du? All deine innern Gemächer sind in rasendes Feuer gehüllt — geh nicht hinein.

Sudarschana

Ja, ich will in diese brennenden Räume hineingehn! Es ist mein Totenfeuer!

Sie geht in den Palast.


VIII.

Die dunkle Kammer. Der König und Sudarschana.

König

Fürchte dich nicht — du hast keinen Grund zur Angst. Das Feuer wird nicht in dies Gemach dringen.

Sudarschana

Ich habe keine Angst — aber oh, die Scham verfolgt mich wie ein rasendes Feuer. Mein Gesicht, meine Augen, mein Herz, jeder Teil meines Körpers wird von ihren Flammen versengt und verbrannt.

König

Es wird eine Zeit vergehen, ehe du über diesen Brand hinwegkommst.

Sudarschana

Dieses Feuer wird nie aufhören — wird nie aufhören!

König

Verzage nicht, Königin!

Sudarschana

O König, ich will dir nichts verbergen... Ich trage eines anderen Kette um meinen Hals.

König

Auch diese Kette ist mein — wie sonst hätte er zu ihr kommen sollen? Er stahl sie aus meiner Kammer.

Sudarschana

Aber sie ist sein Geschenk an mich: und doch konnte ich diese Kette nicht fortschleudern! Als das Feuer brüllend von allen Seiten kam, dachte ich daran, diese Kette ins Feuer zu werfen. Aber nein, ich konnte nicht. Mein Geist flüsterte: „Behalte diese Kette im Tode an”... Was für ein Feuer ist das, o König, in das ich, die hinausgegangen war, dich zu sehen, sprang, wie eine Motte, die der Flamme nicht widerstehen kann! Welch eine Qual ist das, oh, welch ein Todeskampf! Das Feuer brennt so wild weiter wie je, und doch lebe ich weiter in seinen Flammen!

König

Aber du hast mich schließlich gesehen — deine Sehnsucht ist gestillt worden.

Sudarschana

Aber suchte ich dich denn mitten in diesem grauenhaften Verderben? Ich weiß nicht, was ich sah, doch mein Herz pocht noch wild vor Angst.

König

Was sahest du?

Sudarschana

Grauenhaft — oh, es war grauenhaft! Ich fürchte mich, auch nur noch daran zu denken. Schwarz, schwarz — o du bist schwarz wie die ewige Nacht! Ich habe dich nur einen einzigen entsetzlichen Augenblick gesehen. Der Feuerschein fiel auf deine Züge — du sahst wie die schaudervolle Nacht aus, wenn ein Komet unheilverkündend über uns schwebt — oh, da schloß ich die Augen — ich konnte deinen Anblick nicht mehr ertragen. Schwarz wie die drohende Wetterwolke, schwarz wie das uferlose Meer mit dem gespenstischen Rot des Zwielichts auf seinen tosenden Wogen!

König

Habe ich dir nicht vorausgesagt, daß man meinen Anblick nicht ertragen kann, wenn man nicht schon darauf vorbereitet ist? Man möchte vor mir zum Ende der Welt fliehen. Habe ich das nicht zahllose Male gesehen? Darum wollte ich mich dir langsam und allmählich enthüllen, nicht gar zu plötzlich.

Sudarschana

Aber es kam die Sünde und vernichtete alle deine Hoffnungen — die bloße Möglichkeit einer Gemeinschaft mit dir ist für mich nun undenkbar geworden.

König

Sie wird mit der Zeit möglich werden, meine Königin. Die gräßliche düstere Schwärze, die dich heute bis in die Seele mit Furcht geschlagen hat, wird eines Tages dein Trost und dein Heil sein. Wofür sonst kann meine Liebe da sein?

Sudarschana

Es kann nicht sein, es ist nicht möglich. Was will deine Liebe allein noch tun? Meine Liebe hat sich nun von dir abgewandt. Die Schönheit hat ihren Zauber auf mich geworfen, diese Raserei, dieser Rausch wird mich nie mehr verlassen — sie hat meine Augen mit ihrem Glanz geblendet und entflammt, sie hat ihren goldenen Schimmer bis in meine Träume geworfen! Ich habe dir nun alles gesagt — strafe mich, wie dir beliebt.

König

Die Strafe hat schon begonnen.

Sudarschana

Doch willst du mich nicht strafen so stoße mich von dir. Ich will dich verlassen —

König

Du hast vollkommene Freiheit, zu tun, was dir beliebt.

Sudarschana

Ich kann deine Gegenwart nicht ertragen! Mein Herz ist böse auf dich. Warum warst du — aber was hast du mir getan?... Warum bist du so? Warum haben sie mir gesagt, du wärest stattlich und schön? Du bist schwarz, schwarz wie die Nacht — ich werde dich nie, ich kann dich nie liebhaben. Ich habe gesehen, was ich liebe — es ist sanft und weich wie Samt, zart wie die Schirischa-Blume, strahlend wie ein Schmetterling.

König

Es ist falsch wie eine Fata Morgana, leer wie eine Seifenblase.

Sudarschana

Mag sein — aber ich kann deine Nähe nicht ertragen — ich kann einfach nicht! Ich muß von hier fliehen. Eine Gemeinschaft mit dir, das kann nicht möglich sein! Sie kann nichts anderes sein als ein falscher Bund — mein Geist muß sich unweigerlich von dir abkehren.

König

Willst du es nicht einmal ein wenig versuchen?

Sudarschana

Ich habe es seit gestern versucht — aber je mehr ich versuche, um so mehr empört sich mein Herz. Wenn ich bei dir bleibe, werde ich beständig von dem Gedanken verfolgt und gehetzt, daß ich unrein bin, daß ich falsch und treulos bin.

König

Nun wohl, du kannst so weit von mir gehen, als dir beliebt.

Sudarschana

Ich kann von dir nicht fliehen — gerade weil du mein Gehen nicht hinderst. Warum hältst du mich nicht mit Gewalt an den Haaren zurück und sagst: „Du sollst nicht gehen?” Warum schlägst du mich nicht? O strafe mich, triff mich, schlag mich mit gewaltiger Hand! Aber dein widerstandsloses Schweigen macht mich wild — oh, ich kann's nicht ertragen!

König

Warum glaubst du, daß ich in Wirklichkeit still bin? Woher weißt du, daß ich nicht versuche, dich zurückzuhalten?

Sudarschana

Oh, nein, nein! — Ich kann das nicht ertragen — sag mir laut, befiehl mir mit der Stimme des Donners, zwinge mich mit Worten, die alles andere übertönen — laß mich nicht so leicht, so mild von dir!

König

Ich werde dich frei lassen, aber warum sollte ich zulassen, daß du dich von mir losreißest?

Sudarschana

Das willst du nicht zulassen? Wohlan denn, ich muß gehen!

König

Geh denn!

Sudarschana

So bin ich gar nicht zu tadeln. Du hättest mich mit Gewalt zurückhalten können, aber du tatest es nicht! Du hast mich nicht gehindert — und nun werde ich fortgehen. Befiehl deinen Wachen, mich nicht gehen zu lassen!

König

Niemand wird dir in den Weg treten. Du kannst so frei gehen wie die zerrissene Wetterwolke, die vom Sturm gepeitscht wird.

Sudarschana

Ich kann nicht mehr widerstehen — etwas in mir jagt mich vorwärts — es treibt mich von meinem Anker! Vielleicht werde ich versinken, aber ich werde nie mehr zurückkehren.

Sie stürzt hinaus.

Surangama tritt auf.

Surangama (singt)

Was hat dein Wille mit mir vor, daß er mich in die Weite sendet? Zu deinen Füßen werde ich wieder von meiner Wanderschaft zurückkehren.

Deine Liebe ist es, die sich hinter dem Schein der Nachlässigkeit verbirgt, deine zärtlichen Hände stoßen mich fort, um mich wieder in deine Arme zu ziehn! O mein König, was ist's für ein Spiel, das du überall in deinem Reiche treibst?

Sudarschana (kehrt zurück)

König, o König!

Surangama

Er ist fortgegangen.

Sudarschana

Fortgegangen? Wohlan denn ... dann hat er mich endgültig verstoßen! Ich bin zurückgekehrt, aber er hat nicht einen einzigen kleinen Augenblick auf mich warten können! Sehr gut denn, ich bin nun vollkommen frei. Surangama, hat er dich geheißen, mich zurückzuhalten?

Surangama

Nein, er hat nichts gesagt.

Sudarschana

Warum sollte er etwas sagen? Warum sollte er sich um mich kümmern? ... Ich bin also frei, vollkommen frei. Aber, Surangama, ich wollte den König etwas fragen, konnte es aber in seiner Gegenwart nicht herausbringen. Sag mir, ob er die Gefangenen mit dem Tode bestraft hat.

Surangama

Mit dem Tode? Mein König straft nie mit dem Tode.

Sudarschana

Was hat er ihnen denn getan?

Surangama

Er hat sie in Freiheit gesetzt. Kantschi hat seine Niederlage anerkannt und ist in sein Königreich heimgekehrt.

Sudarschana

Ach, was für eine Erlösung!

Surangama

Meine Königin, ich habe eine einzige Bitte an dich.

Sudarschana

Du brauchst deine Bitte nicht auszusprechen, Surangama. Alle Geschmeide und Schmucksachen, die der König mir gab, lasse ich dir — ich bin nicht würdig, sie von nun an zu tragen.

Surangama

Nein, ich brauche sie nicht, meine Königin. Mein Herr hat mir nie irgendwelchen Schmuck zu tragen gegeben — mein schmuckloses Aussehen ist für mich gut genug. Er hat mir nichts gegeben, womit ich vor den Leuten prahlen könnte.

Sudarschana

Was willst du sonst von mir?

Surangama

Ich will mit dir gehn, meine Königin.

Sudarschana

Bedenke, was du da sagst; du verlangst, deinen Herrn zu verlassen. Was für eine Bitte ist das für dich!

Surangama

Ich werde nicht weit von ihm fortgehen — wenn du unbehütet fortgehst, wird er bei dir sein, dicht dir zur Seite.

Sudarschana

Du redest Unsinn, mein Kind. Ich wollte Rohini mit mir nehmen, aber sie wollte nicht. Was gibt dir den Mut zu dem Wunsche, mit mir zu kommen?

Surangama

Ich besitze weder Mut noch Kraft. Aber ich werde gehen — der Mut wird von selbst kommen, und auch die Kraft wird kommen.

Sudarschana

Nein, ich kann dich nicht mitnehmen; deine Gegenwart wird mich beständig an meine Schmach erinnern; ich werde das nicht ertragen können.

Surangama

O meine Königin, ich habe wie all dein Gutes so auch all dein Böses mir zu eigen gemacht; willst du mich noch als Fremde behandeln? Ich muß mit dir gehn.