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Der Krieg im Westen cover

Der Krieg im Westen

Chapter 26: La Bassée
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About This Book

The author offers a sequence of vivid frontline reports from the Western Front that combine battlefield description, tactical sketches, and human observation. Scenes range from artillery duels, trench and underground fighting, and aerial operations to close portrayals of wounded, prisoners, and soldiers' daily routines. Recurrent contrasts between springtime countryside and scarred battlefields emphasize nature's indifference and recovery amid destruction. Short dispatches examine specific engagements, regiment actions, and the atmosphere around hospitals, rail stations, and villages, balancing military detail with reflections on endurance, civilian life under occupation, and the physical and moral toll of industrialized warfare.

La Bassée

Im August

Um sechs Uhr nachmittags verschwinden die Leute von Lille von der Straße. Um neun Uhr wird es Nacht und Lille ist tot. Nur vereinzelt ein erleuchtetes Fenster und Stimmen dahinter. Die Schritte hallen. Ein Polizeisoldat, ein Feldgrauer mit der schwarzweißroten Binde am Arm, schlürft an den verschlossenen, finsteren Häusern entlang. Eine Radfahrerpatrouille gleitet schweigend durch die nächtige Straße. Ein paar verspätete Offiziere. Man kann stundenlang durch Straßen und Boulevards wandern, keine Katze regt sich. Lille schläft.

Von draußen, aus der Nacht, dringt der Lärm des Gewehrfeuers. Man hört es ganz deutlich, jeden einzelnen Schuß. So nahe sind die Gräben! Es pocht, dumpf und hart, wie eine Negertrommel. Eine Reihe von Schlägen, dazwischen ein rollender Wirbel. Dann beginnt es zu prasseln und zu knattern, metallen. Die Maschinengewehre hämmern. Ein Nachtgefecht, ein paar Gräben sind lebendig geworden. Das Feuer wird lebhafter, es prasselt minutenlang ohne jede Pause. Aber Lille schläft. Es öffnet sich kein Fenster, kein Kopf lauscht hinaus in die Nacht. Kein Herz schlägt rascher, erregt von einer leisen Hoffnung. Nein! Sie wissen es jetzt. Seit Monaten, seit dem Herbst hören sie das Rollen des Gewehrfeuers in der Nacht, sie wissen, es bedeutet – nichts. Sie schlafen, sie halten sich die Ohren zu, um es nicht zu hören, lange genug haben sie sich betrogen mit Hoffnungen, Ahnungen, Gerüchten, sie glauben es nicht mehr. Morgen um fünf Uhr wird der Flieger, klein wie ein Punkt, über der Stadt erscheinen, und die Abwehrgeschütze werden krachen, aber sie wissen, auch das bedeutet – nichts. Das Quälendste für den Menschen ist das Warten, es tötet alle Kraft zu hoffen.

Nein, Lille schläft, es will nicht aufwachen!

Niemals war eine Stadt so still und so dunkel. Punkt drei Uhr kommt das Auto, das mich hinausbringen soll zu den Gräben, und wir machen uns auf die Reise.

Das Feuer hat aufgehört, die Stadt ist noch stiller geworden. Sie schläft nicht, sie liegt in einer Art von Totenstarre. Das Auto gleitet zwischen schwarzen Häusern dahin. Kein Schnarchen hinter den dunkeln Fenstern, kein Kinderweinen, stumm, alles stumm. Die große Stadt ist tot. Wir rollen durch finstere Straßen, über öde Plätze und leere Boulevards. Eine rote Lampe schwingt am Ende der Straße hin und her. Aus der Finsternis taucht ein massiges schwarzes Festungstor. Die Wache tritt vor und blendet mit der Lampe über Wagen und Insassen. Weiter!

Nun ist es plötzlich noch finsterer geworden. Die Lampe des Autos leuchtet wie ein Scheinwerfer in die Nacht hinein. Wir jagen an fahlen Baumstämmen vorüber, durch Grotten von bleichgrünem Laub. Alleen, Straßen. Der Wagen nimmt Erhöhungen der Straße wie ein Segelboot die Woge, er tanzt, in den Kurven fegt er haarscharf an den Bäumen entlang und die Zweige peitschen unsere Gesichter. Es ist kalt und die satte Luft der Nacht stürzt uns entgegen. Die Bäume rauschen und brausen im Wind. Aufgescheuchte Tiere, kalkbleich, huschen über den Weg und Funken stieben blitzschnell vorüber. Das sind Motten, vom Lichtkegel getroffen und vom Luftdruck zur Seite geschleudert. Tote, schlafende Dörfer. Kein Laut, kein Mensch. Der Motor donnert. Rote Backsteinhäuser flammen im Lichtschein auf und sinken augenblicklich wieder in die Finsternis zurück. Die erschrockenen Augen einer schneeweißen Katze. Ein Posten. Ein paar laute Rufe wehen vorbei. Weiter! Der Wagen fliegt. Herrlich ist die Fahrt. Über uns stehen glitzernd und klar die Sterne des Sommerhimmels. Wir schweigen. Jeder ist in seine Gedanken versunken.

Hier auf dieser Straße marschierten sie, die Kolonnen, Kompanien, Regimenter, im Herbst. In die Schlacht von La Bassée. Freiwillige, Studenten. Sie stürmten dahin, sie sangen, ihre Augen sprühten. Vorwärts! Viele kehrten diese Straße nicht zurück! An der Straße stehen seltsam geformte Büsche; wie Frauengestalten, die die Hände vor das Gesicht breiten, erscheinen sie in der Nacht. Hier, dort, überall. An der Straße stehen Steine, die aufleuchten, sich gespensterhaft neben der Straße emporrichten, wie Geister, die uns betrachten wollen, die alles sehen wollen, was diese Straße kommt. Kleine weiße Kreuze stehen an der Straße, man sieht sie weithin leuchten, wenn der Lichtkegel sie trifft. Und fliegen wir vorüber, so drehen sie sich mit einem Ruck uns zu. Der Herbst ist nahe und immer noch marschieren hier die Kolonnen, die Kompanien und Regimenter. In der Nacht wandern sie dahin. Sie singen nicht mehr. Wenn sie sängen, so kämen die Granaten. Dies ist der Grund, weshalb sie nicht mehr singen.

Von den Gräben her hallen Schüsse. Sie klingen näher und näher, denn wir sind rasch. Dann und wann schlägt dumpf ein Geschütz, irgendwo. Auch nachts kann es hier außen keine Ruhe geben. Seit Monaten lärmt hier der Mensch. Ein paar Furagewagen knarren die Straße entlang. Die Pferde schlafen im Gehen und fahren unruhig auf, sobald der Lichtkegel sie faßt. Die Kutscher reißen sich zusammen. Neben der Straße werden die Granattrichter häufiger. Viele sind ganz frisch. Der Wagen humpelt über Erde und Steine. Die Granate schlug mitten in den Weg. Vor ein paar Stunden war es hier keineswegs gemütlich. Zweige und Äste, das Laub noch grün und saftig, liegen auf der Chaussee. Baumkronen sind zerfetzt, Splitter hängen von den Stämmen. Plötzlich zieht der Fahrer mit einem Ruck die Handbremse an und hält. Ein Baum ist quer über die Straße gestürzt. Er ist gefallen wie ein Soldat und hingeschlagen. Die Granate schnitt ihn über der Wurzel glatt durch und warf ihn aufs Gesicht. Seine Zweige sind noch grün und rauschen im Wind, wälzen sich hin und her und wissen noch nichts. Der Motor brummt, die Räder springen in die Höhe, hinüber.

Ein Dorf. Der Posten winkt. Wir müssen die Lampe löschen. Durch die Dunkelheit tasten wir uns weiter. Die Gewehre knallen. Ein schweres Geschütz in der Nähe reißt laut krachend ab und die Granate rauscht in das Dunkel hinein. Kein Zweifel, die Nacht geht zu Ende. Draußen bei den Gräben steigt zuweilen eine Leuchtkugel empor. Bleich und sprühend, wie ein gleißender Mond steht sie über der nächtigen Erde. Die Gewehre lärmen aufgescheucht, dann wird es wieder still. Die Leuchtkugel sinkt erblassend, ganz langsam, zur dunklen Erde herab. Nun aber steht rechts, zwischen den Pappeln, ein funkelndes Leuchtfeuer, grellweiß und drohend. Wiederum kracht das schwere Geschütz, und die Granate nimmt fauchend und gurgelnd ihre Bahn über unsere Köpfe hinweg.

Die Sterne erblassen, die Landschaft wird fahl. Nebel steigt aus den Feldern. Das Auto fliegt. Wir haben Eile, denn die Straße liegt in Sicht des Feindes. Bevor es tagt, müssen wir an Ort und Stelle sein.

Aus dem grauenden Morgen heben sich die fahlen, verschwimmenden Umrisse einer Stadt: La Bassée. Ein paar Soldaten in Hemdsärmeln, fröstelnd in der Morgenkühle, stehen an der Straße. Leichenhaft erscheint La Bassée im frühen Licht. Kein Mensch, kein Tier ist hier zurückgeblieben. Von ein paar Wachen abgesehen, haust hier kein Soldat. Die letzten Einwohner mußten schon vor Wochen den Ort verlassen, denn La Bassée liegt ständig unter schwerem Feuer. Die Kirche ist ein Trümmerhaufen, ganze Häuser sind in die Luft geflogen. Granateinschläge überall. Die Stadt sieht aus wie von einem Erdbeben zerrissen. Erst schossen wir hinein, dann übernahm es der Engländer. Hunderte, Tausende von Granaten fielen auf La Bassée. Es gibt nur wenig Häuser, die unversehrt sind.

Der Musikpavillon aber steht noch auf dem Marktplatz wie im Frieden.

Das Auto biegt in eine schmale Gasse ein. Sie ist düster und voller Qualm. Ein Haus brennt, von einer Granate in der Nacht in Brand gesetzt. Niemand löscht, niemand kümmert sich darum. Laß es brennen! Die Flammen lecken aus den Fenstern, sie sind ganz allein, niemand stört sie, und sie arbeiten ruhig und langsam weiter. Qualm wirbelt durch das verkohlte Gebälk. Im Hause drinnen klettert das Feuer über eine purpurrote Tapete mit zarten Empiregirlanden. Die Scherben des geplatzten Spiegels funkeln. Hier lebten einst Menschen.

Wir tasten uns durch den ätzenden Rauch, der Chauffeur flucht. Wir fahren weiter, hinaus zu den Gräben.